Kapitel 10: Ein widerspenstiges Fräulein

Anne beugte sich vor und streckte die Beine aus. In fünf Minuten würde sie beim Frühjahrs-5000-Meter-Lauf starten, der zugunsten der Lebensmittelhilfe für sozial Schwache aus dieser Gegend veranstaltet wurde. Sie hatte versucht, Lisa oder Ben zu überzeugen, mit ihr zu laufen, aber sie hatten sich geweigert.

„Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal eine Meile am Stück gelaufen bin", sagte Lisa kopfschüttelnd.

Sie hatte sogar Charlie gefragt, dem sie am Anfang der Woche in die Arme gelaufen war, aber er hatte an diesem Wochenende außerhalb der Stadt etwas vor.

Ben hatte nur gesagt: „Laufen? Willst du mich auf den Arm nehmen, Anne?"

Also war sie allein da. Trotzdem war sie aufgeregt. Früher, in der Mittelschule und in der High School, pflegte sie Feldhockey zu spielen und jetzt war sie auf der Suche nach einem Vorwand, um wieder in Form zu kommen. Sie fühlte sich immer besser, wenn sie lief.

Sie stellte sich kurz vor Beginn in die Mitte der Menge.

„Anne?"

Sie drehte sich nach links, um zu sehen, woher die Stimme kam. Es war Rick.

Sie hatte völlig vergessen, dass die ROTC Studenten in der Regel bei diesen Rennen mitliefen. Sie hatte nicht mit Rick gesprochen, seit sie vor knapp einem Monat zusammen getrunken hatten.

„Oh. Hallo."

„Schöner Tag für einen Lauf", sagte er höflich.

„Yup", antwortete Anne. Seine Nettigkeit fühlte sich seltsam an. Sie suchte immer noch nach einem Vorwand, um ihn nicht zu mögen. „Es ist für einen guten Zweck."

„Ja, und es ist eine gute Möglichkeit für mich, in Form zu bleiben."

Der Pfiff ertönte und Rick war schon weg, bevor Anne überhaupt bemerkt hatte, dass es begonnen hatte. Sie nahm sich zusammen und begann zu laufen. Sie hatte nie gute Reflexe gehabt. Etwa nach einer Meile bemerkte sie, dass Rick knapp 50 Meter vor ihr war. Sie zog das Tempo ein wenig an und holte ihn kurz darauf ein. Rick schaute zur Seite und sah sie neben sich laufen. Er beschleunigte ein wenig.

Anne genauso.

Rick war unwillkürlich beeindruckt.

Anne würde es niemals zugeben, aber sie fühlte sich sterbenselend. Mit einem Kerl wie Rick Schritt zu halten, war nicht gerade die einfachste Sache der Welt. Es war, als ob in ihrem Körper eine Kraft zum zwanghaften Konkurrenzkampf wohnen würde und ihn Grenzen überschreiten ließ, wie sie es nie für möglich gehalten hätte. Sie zog das Tempo ein wenig mehr an und nach ein oder zwei Minuten zog sie wieder an Rick vorbei.

Rick sah sie laufen, ihre kürzeren Beine machten lange Schritte und ihr langer Pferdeschwanz schwang hinter ihr. Was machte sie da?

Anne konnte nicht wirklich erklären, woher dieses intensive Verlangen, Rick zu schlagen, herkam; alles, was sie wusste, war, dass sie nicht langsamer werden konnte. Sie war jetzt auf der letzten Viertelmeile und konnte das Ziel sehen. Plötzlich erschien an ihrer rechten Seite eine hochgewachsene Gestalt. Rick lief schnell bei seinem Endspurt. Anne musste ihren Schritt beschleunigen und sie waren Kopf an Kopf und begannen beide zu sprinten, bis –

Anne, die so auf die Ziellinie konzentriert war, sah das Schlagloch auf ihrem Weg nicht. Sie schlug hart auf den Straßenbelag, knickte aber vorher noch mit dem Fuß um. „Igitt!" schrie sie. Sie wusste nicht, was mehr weh tat – ihr Fuß oder ihr Stolz. Sie saß eine Zeitlang jämmerlich da und sah die Beine der Leute an ihr vorbei laufen. Jemand streckte die Hand aus, um ihr zu helfen. Es war Rick.

„Danke", sagte sie. „Ich glaube, ich bin ok." Sie versuchte ein paar Schritte zu hinken, aber Rick sah den gequälten Ausdruck auf ihrem Gesicht.

„Anne, ich glaube, du brauchst Hilfe."

„Nein!" beharrte sie und setzt ein Lächeln auf. „Es geht mir gut, wirklich." Danach stolperte sie und Rick fing sie auf. Mit einer schnellen Bewegung hob er sie auf und begann sie zur Ziellinie zu tragen.

„Rick! Lass mich runter, ist schon gut!" sagte sie.

„Nein, ist es nicht. Hör auf zu lügen."

Sie merkte, dass sie ihre Arme um seinen Hals gelegt hatte und fühlte sich für eine Sekunde versucht, ihr Gesicht an seiner Brust zu vergraben. Glücklicherweise widerstand sie dem Impuls. „Danke", sagte sie leise, als er einen Stuhl in der Nähe der Ziellinie erreicht hatte.

„Ich gehe und rufe Ben", sagte er. „Er hat ein Auto und kann dich zurück fahren."

Sie nickte.

Ein paar Minuten später hob Rick sie wieder auf und setzte sie in den Wagen.

„Kommst du mit?" fragte Ben vom Fahrersitz aus.

Rick schüttelte den Kopf. „Ich bin mit jemandem verabredet." Anne hatte das flaue Gefühl, dass der „Jemand" weiblich war.

„Bis später dann, im Wohnheim", sagte Ben und fuhr los. „Also ...", sagte er zu Anne. „Ich nehme an, du bist zumindest graziös hingefallen?"

„Halt die Klappe", sagte Anne und lehnte sich zurück.

„Das wird dich eines Besseren belehren", sagte Ben. „Du hättest ausschlafen sollen wie ich."