Kapitel 10

Die Sirenen heulten durch die Nacht. Das Motorgeräusch war trotzdem laut. Die Reifen quietschten auf dem Asphalt.

Sharon sah zum wiederholten Mal zu Andy hinüber. Sein Blick war fest an die Straße geheftet, seine Miene verkrampft. Die Knöchel seiner Hände färbten sich weiß, so fest umklammerte er das Lenkrad. Sein rechtes Bein presste unaufhörlich auf das Gas, als sie den anderen Wagen hinterher jagten.

Die Geschwindigkeit hätte einem den Atem rauben können. Doch das tat schon die Angst. Sharon seufzte und schloss die Augen für einen Moment. Ihnen war überhaupt keine Ruhe gegönnt. Heute Morgen noch hatten sie um Nicoles Leben fürchten müssen, jetzt galt die Sorge ihrem Bruder.

Aus Reflex fasste Sharon nach dem Türgriff, als Andy einen Wagen besonders eng schnitt. Normalerweise hätte sie ihn wahrscheinlich zurechtgewiesen, niemand hatte etwas davon, wenn sie einen Unfall bauten. Aber sie konnte nicht. Nicht jetzt.

Sie schaute auf ihr Handy. Es war halb vier Uhr morgens. Zwanzig Minuten waren seit dem Anruf vergangen.

Ganz ruhig."

Sharon atmete wieder gleichmäßig und langsam löste sie sich von Andys Umarmung.

Sie holte ein paar Mal tief Luft und wischte sich dann die Tränen aus dem Gesicht. Langsam hob sie ihren Blick, bis er Andys traf. Es lag so viel Liebe in seinem Ausdruck, sie hätte gleich wieder zu heulen anfangen können.

Stattdessen senkte sie ihren Blick wieder und begann, die Bettdecke zwischen ihren Fingerspitzen hindurchzuziehen.

Hey."

Ein Finger an ihrem Kinn hob es solange an, bis sie ihn wieder ansehen musste.

Möchtest du mir erzählen, was das für ein Traum war? Was macht dir solche Angst?"

Oh ja, sie wollte ihm alles erzählen und ihn dann immer noch sagen hören, dass es nur ein Traum war. Dass er bei ihr war. Dass alles gut werden würde.

Aber sie sagte nichts. Er hatte genug Sorgen.

Sie schüttelte leicht den Kopf und räusperte sich. Als sie sprach, war ihre Stimme leise und dünn, so ganz und gar nicht Sharon.

Es… Es war nichts. Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe."

Einen Moment lang sah er sie ungläubig an. Dann packte er sie an den Schultern.

Sharon. Das war nicht nichts. Bitte rede mit mir."

Sie sah in seine ehrlichen, entschlossenen Augen und war hin und hergerissen. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Aber es kam kein Ton heraus, also schloss sie ihn wieder.

Sharon, bitte."

Es formten sich neue Tränen in ihren Augen, weil sie wusste, sie würde nachgeben. Sie würde nachgeben und ihm noch mehr Sorgen bereiten, ihm noch mehr Angst machen. Aber was sollte sie tun?

Sie sah ihn an und setzte zur Erklärung an.

Ich-"

Sein Handy klingelte und unterbrach sie. Einen Moment lang schien er es nicht zu hören. Er sah sie weiterhin an, als erwarte er, dass sie fortfahre. Doch als Sharons Blick auf seinem Handy landete, reagierte er blitzschnell.

Flynn?"

Dad?"

Es war so leise im Raum, Sharon verstand jedes Wort. Ihre Muskeln spannten sich bei dem Klang von Nicks ängstlicher Stimme.

Nick! Wo bist du?"

Andys Haltung spiegelte Sharons wieder. Ganz fest umklammerte er sein Telefon, die einzige Verbindung zu seinem Sohn.

Dad, es… es tut mir leid. Ich hätte auf dich hören sollen. Es tut mir so leid. Ich wollte nicht-"

Ein lauter Knall im Hintergrund brachte alle dazu innezuhalten. Andys Herz schlug so laut, Sharon konnte es beinahe hören.

Nick! Was ist los bei dir? Wo bist du? Nick!"

Dad? Ich bin zuhause. Hier, hier ist jemand im Haus. Ich glaube, er hat eine Waffe. Dad, was-"

Wieder wurde er unterbrochen, aber diesmal war die Leitung tot.

Es war nur eine Sekunde still im Raum. Die Sekunde zog sich ewig und beiden gingen die schlimmsten Szenarien durch den Kopf. Dann reagierte Sharon.

Als Andy sein Handy aus der Hand fiel, griff Sharon danach und wählte Provenzas Nummer.

Dabei lag ihre andere Hand auf Andys Rücken in einer beruhigenden Geste.

Sharon legte eine Hand auf Andys Bein. Es war nur eine leichte Berührung, aber es beruhigte ihn ungemein.

Zum ersten Mal, seitdem er losgefahren war, löste er den Blick von der Straße und sah zu Sharon.

Ihre Blicke trafen sich und alles, was ihrer sagte war: Du bist nicht allein. Ich liebe dich.

Er wandte sich wieder zur Straße, löste einmal kurze seine Hände vom Lenkrad, legte sie dann lockerer wieder darum und atmete einmal tief durch.

Die nächste Ausfahrt und dann war es nicht mehr weit. Gleich war er bei Nick.

Die letzten Meter waren die schlimmsten. Er war noch nie hier gewesen, Nick hatte ihn ja nicht sehen wollen.

Das Haus war klein, aber schön, hätte man es im Tageslicht gesehen. Doch jetzt lag es in bedrohlicher Finsternis und Stille und Andy hatte Angst vor dem, was sie darin erwartete.

Sharon und Andy stiegen aus, sobald das Auto stand. Sie zogen ihre Waffen, genau wie der Rest des Teams, und liefen auf das Haus zu.

Es passierte alles ganz schnell.

Jemand brach die Haustür auf, jemand stieg durch die zerbrochene Terrassentür, andere liefen in den Garten.

Andy und Sharon standen plötzlich im Wohnzimmer. Von überall her drangen Rufe. „Sauber!"

Aber das Wohnzimmer war nicht sauber.

Sie ließen die Waffen sinken und starrten auf den leblosen Körper auf dem Boden. Andy hätte wahrscheinlich sofort zu ihm rennen sollen, schließlich lag da sein Sohn.

Doch er konnte sich nicht rühren. Sharon genau so wenig.

Beide konnten den Blick nicht von Nicks Rücken wenden. Die rote Farbe des frischen Blutes stach ihnen sofort ins Auge.

Vor ihnen bot sich ein Bild, das sich in ihren Verstand brannte.

Auf dem Boden lag Nick, reglos, blutüberströmt. In seinen Rücken war ein Name geritzt.

Andy sah zu Sharon und ihre Blicke trafen sich kurz. Keine tausend Worte hätten ausdrücken können, was ihre Augen ihnen in dem Moment sagten.

Beide wandten ihren Blick wieder zu dem grausamen Schriftzug und schluckten.

Sharon.


Ich möchte mich an der Stelle noch einmal bei allen bedanken, die die Story immer noch verfolgen und hin und wieder einen Kommentar hinterlassen. Das ist das beste an all dem hier. Ich würde mich sehr freuen! ;-)

Ach ja, entschuldigung übrigens, dass es so lang gedauert hat. Ich werde mich bemühen, das nächste Kapitel schneller fertigzustellen.