Tut mir wirklich leid, dass ich so lange nichts gepostet habe - ich war durch meinen Ferialjob konstant totmüde und hab dabei zusätzlich noch meine lieben Handgelenke so sehr beleidigt, dass ich kaum am Laptop tippen konnte. Aber genug herumgejammert, hier ist meine Entschuldigung - ein mehr als doppelt so langes Kapitel als sonst. Viel Spaß beim Lesen!
Und ein ganz großes Dankeschön an Binchenchen, ohne dich wäre dieses Kapitel wahrscheinlich erst in einigen Tagen fertig geworden.
Kapitel 10 – Memories
Die nächste Woche wurde besser – und schlimmer.
Besser, weil Draco feststellte, dass die Gerüchteküche sich tatsächlich beruhigt hatte. Er wäre zu gerne bei Hermines Ausraster dabei gewesen; er konnte sich nicht vorstellen, was sie gesagt haben musste, um rückwirkend die ganze Schule zusammenzustauchen.
Und viel schlimmer, weil Dracos Kopf offensichtlich gegen ihn arbeitete. Es war erst Mittwoch, und er ertrug die Schulstunden kaum noch. Nicht, weil ihn der Stoff so gelangweilt hätte – Draco war eines der seltenen Exemplare von Schüler, den der Unterricht tatsächlich interessierte.
Das Problem war, dass er anfing, sich zu erinnern. An die Ravenclaw-Party. Als ihn am Montagmorgen der erste Flashback heimgesucht hatte, hatte Draco vor Schreck fast seinen Kessel umgeworfen.
Meistens erinnerte er sich nur an harmlose Gesprächsfetzen – so wusste er jetzt zum Beispiel, dass sie ziemlich lange über einen komplizierteren Zaubertrank diskutiert hatten. Das war nicht schlimm. Die Erinnerungen, in denen er seinen angetrunkenen Mut dazu nutzte, näher an Hermine heranzurücken und ab und zu ihren Rücken oder ihren Arm zu berühren, waren eine ganz andere Kategorie. Draco fragte sich langsam, ob er verrückt geworden war, oder ob ihn die temperamentvolle Hexe vielleicht verhext hatte.
Gerade hatte sich ein weiteres Puzzleteil zu seinen Gedanken hinzugefügt. Draco stöhnte selbstmitleidig und ignorierte Flitwicks irritierten Blick, während er dem Drang widerstand, seinen Kopf gegen die Tischplatte zu hämmern.
„Was hast du gegen Quidditch?", fragte Draco, und kippte den nächsten Shot.
Hermine tat es ihm automatisch gleich und antwortete dann, wieder gemütlich zurückgelehnt: „Naja, erstens einmal ist es gefährlich."
„Aber gerade das macht es doch so interessant.", erwiderte der Slytherin augenzwinkernd. „Außerdem: Wozu haben wir denn eine Heilerin an der Schule. Die meisten Quidditch-Verletzungen sind schnell wieder geheilt."
Hermine konnte sich ein betrunkenes Kichern nicht verkneifen, wurde dann aber wieder ernst. „Der zweite Grund ist wohl der entscheidende."
„Und der wäre?"
„Ich hab Flugangst."
Draco sah sie an, als würde das Wort für ihn überhaupt keinen Sinn machen. „Wie soll ich das verstehen? Höhenangst?"
„Nein, keine richtige Höhenangst… Aber ich hab's schon in der ersten Flugstunde nicht wirklich hinbekommen, den Besen zum Abheben zu bringen. Und nachdem ich selbst offensichtlich absolut ungeeignet für alles, was einen Besen beinhaltet, bin, hab ich auch kein besonders großes Interesse für den Sport entwickelt. Ich sehe da irgendwie immer nur diese widerspenstigen, borstigen Dinger und rechne jeden Augenblick damit, dass sie die Spieler abwerfen."
Jetzt war es an Draco, lauthals loszulachen. Hermine musterte ihn erstaunt – es war ganz klar das erste Mal, dass sie den blonden Slytherin aufrichtig und vor allem fröhlich lachen hörte.
„Hör auf zu lachen und trink lieber.", forderte Hermine nach ein paar Minuten auf – irgendwann war ihr dann doch aufgefallen, dass er über sie lachte. Nachdem sie ihn noch gespielt beleidigt in die Rippen geboxt hatte, kam sie ihrer eigenen Aufforderung nach und hielt ihm den nächsten Shot unter die Nase.
Draco leerte ihn in einem Zug und antwortete dann endlich. „Das war jetzt wirklich nicht gemein gemeint. Hm… Gemein gemeint…" Wieder lachte er in sich hinein. „Also, was ich sagen wollte, war: Ich hab nur gelacht, weil das für mich so wahnsinnig unrealistisch klingt… Ich konnte fliegen, bevor ich richtig laufen gelernt habe. Dass jemand nicht fliegen kann klingt einfach so… unrealistisch."
„Du klingst, als würdest du dich über mich lustig machen.", jammerte Hermine.
Im nächsten Moment spürte sie, wie sein Arm ihren Rücken wieder einmal umschloss und Draco sie sanft an sich zog. Eigentlich wäre das angenehme Gefühl, das sich sofort in ihr breit machte, während sie ihren Kopf an seinen Oberkörper legte, für Hermine im Moment genug der Entschuldigung gewesen, aber Draco fügte noch hinzu: „Ich mach mich sicher nicht über dich lustig… Vielleicht komme ich ja einmal dazu, dir die Angst vor dem Fliegen zu nehmen."
Draco schauderte bei der Erinnerung. Er konnte sich viel zu detailliert an den warmen, an ihn gepressten Körper erinnern, und an ihre Locken, die ihn am Hals gekitzelt hatten – und vor allem daran, dass ihn alles, was normalerweise so unerträglich an Granger war, so überhaupt nicht gestört hatte. Er musste wirklich verdammt betrunken gewesen sein.
Draco warf einen feindseligen Blick nach vorne, doch wie so oft war Granger zu gefesselt vom Unterricht, um es zu bemerken.
Die restliche Stunde verbrachte er damit, darüber nachzudenken, wie er sich an ihr rächen konnte. Dass sie gar nicht wusste, was sie ihm mit diesen Erinnerungen antat, war dabei zweitrangig.
Auch Blaises Stimmung war nicht unbedingt besser, ganz im Gegenteil. Er starrte schon die ganze Zeit mit finsterem Gesichtsausdruck durch Professor Flitwick hindurch, ohne zu bemerken, dass er den armen Verwandlungslehrer schon ganz nervös machte.
Die letzte Nacht hatte für Blaise nicht nur mies begonnen, sondern auch mindestens ebenso mies geendet.
Ginny hatte sich, nachdem sie sich an seiner Schulter ausgeheult hatte, endlich beruhigt. Doch mit der ruhigeren Art war auch immer mehr durchgekommen, wie betrunken die junge Hexe tatsächlich war – während sie vorher noch auf Harry zu stolzieren können hatte, war sie nun kaum noch fähig, einen Fuß vor den anderen zu setzen, selbst, nachdem sie sich ihrer High Heels entledigt hatte.
Im Endeffekt nahm Blaise sie Huckepack und trug sie in den Kerker. Diesmal hatte er Draco nicht ausquartiert – Blaise wollte ihm keine ähnliche Szene wie in der Woche davor antun. Er mochte sich gar nicht ausmalen, wie Draco auf erneute ‚Rufschädigung' reagieren würde.
Also legte er Ginny in sein eigenes Bett – er konnte ja einfach auf einer der Couchen im Gemeinschaftsraum schlafen, er war es sowieso gewohnt.
Während Blaise sie sanft auf den Kopfpolster bettete und noch zudeckte, lächelte Ginny ihn dankbar und schon mehr schlafend als wach an.
Als er dann einen Schritt zurück trat und den Raum verlassen wollte, streckte sie ihm auf einmal auffordernd ihre Arme entgegen. Blaise musterte sie verblüfft, hielt aber inne.
„Gute-Nacht-Umarmung!", erklärte Ginny, als wäre es das Logischste auf der Welt.
Blaise seufzte theatralisch, trat aber dann doch wieder ans Bett heran und ließ sich von Ginny an sich drücken.
Sie ließ erst nach einer halben Ewigkeit wieder los, und Blaise dachte schon, sie wäre in der Umarmung eingeschlafen. Ihre geschlossenen Augen schienen diesen Verdacht zu bestätigen, doch dann murmelte Ginny, erneut lächelnd: „Weißt du was, Blaise? Ich hab dich echt lieb… Wie einen siebten großen Bruder."
Er erstarrte förmlich. Hatte sie das gerade wirklich gesagt?
Blaise war froh, dass sie ihre Augen während dieser Worte geschlossen gehabt hatte – sein fassungsloser Gesichtsausdruck war mit Sicherheit unübertreffbar gewesen.
Er hatte Ginny bis jetzt gemieden – ironischerweise schien ihr das noch nicht einmal aufgefallen zu sein, sie war viel zu sehr damit beschäftigt, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie sich mit Harry aussöhnen konnte.
Blaises Blick verdüsterte sich beim Gedanken an Harry noch mehr, und Flitwick verlor langsam den Faden.
Der Junge, der trotz Hermines Zorn immer noch lebte, war viel zu sehr mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt, um auf den dunkelhaarigen Slytherin oder den langsam gequält wirkenden Professor zu achten.
Auch die Gedanken an Ginnys Ausraster vom Wochenende hatte er erst einmal beiseite geschoben – er akzeptierte Ginnys Zorn, und er wusste auch, dass er ihn mehr als verdient hatte. Aber ihm war auch klar, dass er sowieso nichts dagegen tun konnte, solange die stolze Gryffindor nicht selbst beschloss, mit ihm darüber zu reden.
Seine Aufmerksamkeit galt im Moment Hermine, die die ganze Woche noch kein Wort mit ihm oder Ron gewechselt hatte und sich auch im Unterricht nicht mehr zu ihnen setzte.
„Hey, Ron.", sagte er leise und stupste seinen Banknachbarn an, um ihn aus seinem üblichen Vormittagsschlaf aufzuwecken.
„Hm?"
„Ich hab gerade über Hermine nachgedacht."
Ron nickte und machte eine betroffene Miene. Ihm lag der Streit mit ihrer besten Freundin besonders schwer im Magen. Es hatte zwar bei Rons Sturheit einige Zeit gedauert, doch auch er hatte inzwischen eingesehen, dass er gewaltig Mist gebaut hatte und dass eine normale Entschuldigung wohl nicht ausreichen würde, um Hermine zu besänftigen.
„Bist du auf irgendetwas Gutes gekommen?", fragte er Harry hoffnungsvoll.
Dieser schüttelte den Kopf und erwiderte: „Keine Ahnung, was wir tun sollen… Mir ist nur klar, dass wir bald was machen müssen." Ron nickte nur.
Hermine fühlte sich fast wie in ihrer ersten Woche in Hogwarts. Zwar war die Schule wunderbar und der Unterricht spannend, aber von den Schülern wurde sie weitgehend gemieden.
Umso weniger war sie über die Nachricht, dass am Nachmittag der Tanzkurs beginnen würde, begeistert. Im Gryffindor-Turm hatte sie wenigstens Ginnys Gesellschaft, aber der Tanzkurs war zu allem Überfluss nach Jahrgängen geteilt.
Eigentlich hatte Hermine sich darauf gefreut. Sie glaubte zwar nicht, dass sie in einem Grundlagenkurs noch etwas lernen konnte, hatte sich den Kurs aber ganz witzig ausgemalt: Harry und Ron das Tanzen beizubringen hätte ihr gefallen. Die beiden hatten sogar zugestimmt, ihre Lektionen über sich ergehen zu lassen, aber das fiel jetzt offensichtlich flach.
Als Hermine den Klassenraum, der zum Tanzsaal umfunktioniert worden war, betrat, verabschiedete sich ihre restliche positive Einstellung augenblicklich. Ein paar Meter von ihr entfernt stand Professor Trelawney – das war nie ein gutes Zeichen.
Nachdem wenig später alle Sechstklässler im Saal eingetroffen waren, begann die verhasste Wahrsageprofessorin zu sprechen.
„Ich weiß, ihr habt hier eigentlich Professor McGonagall erwartet. Ein Teil von euch wird auch von ihr unterrichtet werden, und ein Teil von mir. Wir haben nämlich, um den Kurs effektiver zu gestalten, beschlossen, euch in eine Anfänger- und eine Fortgeschrittenengruppe aufzuteilen. Außerdem werde ich meine Erfahrung mit Auren dazu nutzen, passende Tanzpaare zu finden."
Ersteres klang ja schon mal gut für Hermine – ohne Zweifel würde Professor McGonagall die Fortgeschrittenen unterrichten, also machte sie sich keine Sorgen, während sie sich zu ihrer Gruppe stellte. Als Trelawney von der Paareinteilung sprach, wurde Hermine misstrauischer.
„So… Lasst uns mit der Partnerwahl der Fortgeschrittenen beginnen, damit ich euch gleich zu Professor McGonagall hinüberschicken kann."
Hermine jubelte innerlich – sie hatte also Recht gehabt und würde die Verrückte nicht mehr allzu lange ertragen müssen.
Nachdem Trelawney die ersten Paare zusammengestellt hatte und ihr prüfender Blick erst auf Hermine und dann auf die übrigen Männer fiel, war Hermine nicht mehr zum Jubeln zumute.
„Was haben wir denn hier… Miss Granger, richtig?"
Hermine nickte knapp.
„Mhm, mhm… Ich sehe in deiner Aura die klassischen Eigenschaften der Gryffindors, was dich sehr kompatibel mit Tänzern deines Hauses machen würde…"
Hermine konnte das große ‚aber' schon fast hören.
„Allerdings besitzt du, liebe Hermine, auch ein ungesund stark ausgeprägtes Temperament. Was ich natürlich nicht nur durch den Zwischenfall im großen Saal vor einigen Tagen weiß. Wir brauchen also nicht nur jemanden, der selbst mutig und stolz ist, sondern einen Tanzpartner, der eine kleine Löwin zähmen kann."
Hermine hatte Mühe, nicht die Augen zu verdrehen. Trelawney war eine genauso unglaubwürdige Lügnerin wie immer, und trotzdem konnte sie hören, wie Lavender und Parvati ehrfürchtig und aufgeregt über die Professorin tuschelten.
Sie konnte sich schon ausdenken, auf wen ihre Wahl fallen würde. Eigentlich hätte Hermine gleich darauf kommen müssen – bei Trelawneys lächerlicher Sucht nach dramatischen Auftritten war völlig klar, dass sie die schlimmsten Gegensätze zusammenstecken und darauf hoffen würde, dass sie sich vielleicht im Kurs umbringen würden.
„Ja, ganz klar, für Miss Granger kommt nur ein einziger Tanzpartner in Frage. Mr. Malfoy."
Dracos Gesichtsausdruck spiegelte Hermines Verachtung für die überzogene Vorstellung der Professorin perfekt wider. Die anderen Schüler waren mucksmäuschenstill – jeder von ihnen konnte sich ausmalen, was ihnen bei einem unüberlegten Lachen von den beiden klügsten Schülern Hogwarts drohte.
„Was?", durchbrach schließlich Dracos herablassende Stimme die Stille.
Doch Trelawney war schon zur nächsten Schülerin weitergegangen und musterte nun Lavender von Kopf bis Fuß.
„Ich tanze sicher nicht mit einem Schlammblut!"
Trelawney zuckte nur gleichgültig mit den Schultern. „Solche Ausdrücke sind nicht besonders angemessen, Mr. Malfoy. Außerdem ist Miss Granger nun mal ganz offensichtlich die einzige, die zu Ihnen passt."
„Aber…"
„Wenden Sie sich bei Beschwerden bitte an Professor McGonagall. Und jetzt zu dir, liebe Lavender… Ich erkenne in dir sofort eine leidenschaftliche, talentierte Tänzerin, die…"
Wie zu erwarten gewesen war, hatte sich Professor McGonagall nicht annähernd einsichtig gezeigt. Sie hatte den beiden erklärt, dass sie zwar Trelawneys Auswahlmethode für etwas dubios hielt, dabei aber konsequent gute Kombinationen herauskamen.
Dann hatte sie sich den anderen Schülern zugewendet, um sich anzuhören, worin genau deren Tanzerfahrungen bestanden. Einige Paare schickte sie gleich wieder zu den Anfängern zurück.
„Lasst uns nun mit etwas einfachem anfangen. Geht bitte in die Ausgangsposition für den Slowfox."
Die Schüler traten zum Großteil zaghaft aufeinander zu; nur wenige hatten einen Tanzpartner erwischt, den sie zu ihren Freunden zählten, und alles in allem war die Situation ziemlich unangenehm.
Draco blieb zwei Meter von Hermine entfernt stehen; statt McGonagalls Aufforderung zu folgen verschränkte er die Arme und musterte seine ‚Partnerin' möglichst abschätzig.
„Und du glaubst, du kannst tanzen?", fragte er schließlich arrogant.
„Mit Sicherheit besser als du."
„Das bezweifle ich. Euer Muggel-Tanzunterricht kann niemals mit dem Standard der Zaubererwelt mithalten. Willst du dir die Peinlichkeit nicht lieber gleich ersparen und zu deinen Freunden in die Krabbelgruppe rüber gehen?"
„Das einzig peinliche hier bist du, Malfoy. Und ja, das würde ich mir gerne ersparen."
„Dann verschwinde doch endlich."
Ohne dass es einer der beiden bemerkt hatte, war Professor McGonagall neben sie getreten und unterbrach das Wortgefecht nun mit eisiger Stimme: „Für jede unkooperative Handlung werden dem jeweiligen Haus fünf Punkte abgezogen."
„Aber…", setzte Draco sofort wieder an.
„Fünf Punkte Abzug für Slytherin. Dürfte ich Sie jetzt bitten, näher an ihre Partnerin heranzutreten?"
Widerwillig machte Draco ein paar Schritte auf Hermine zu und fasste ihre Hand. Dann zögerte er kurz; alleine die Vorstellung, seine andere Hand auf ihren Rücken zu legen, ließ eine erneute Welle an Erinnerungen auf Draco einstürmen.
Schließlich legte er seine Handfläche so vorsichtig an Hermines oberen Rücken, dass er den Stoff ihrer Schuluniform kaum berührte. Davon abgesehen stand er immer noch zu weit von ihr entfernt, was natürlich auch Professor McGonagall nicht verborgen blieb.
Statt sich wieder Dracos Widerworte anzuhören und Slytherins Hauspunkte damit über kurz oder lang in den Minusbereich zu befördern, sagte McGonagall mit einem angedeuteten Lächeln auf den Lippen: „Fünf Punkte Abzug für Gryff…"
Schon fast aus einem Reflex heraus trat Hermine hastig so dicht an Draco heran, dass sie seine Körperwärme deutlich spüren konnte. Gleichzeitig hatte sie ihn am Handgelenk gefasst und seine Handfläche fest an ihren Rücken gedrückt, bevor sie ihren eigenen Arm wieder an seinen Oberarm legte.
McGonagall nickte zufrieden. „Und jetzt so bleiben.", fügte sie noch hinzu, bevor sie weiterging um die Haltung der anderen Paare zu überprüfen.
Draco hatte sich nach Hermines abrupter Aktion völlig verkrampft und starrte stur an die gegenüberliegende Wand, während er sich darauf konzentrierte, am besten einfach gar nicht mehr zu denken.
Hermine brauchte keine von Trelawneys großartigen Begabungen, um zu wissen, dass sie sich so gleich die nächsten Punkteabzüge einhandeln würden.
„Malfoy. Willst du unbedingt riskieren, dass Ravenclaw oder Hufflepuff dieses Jahr den Hauspokal gewinnt? Ich verstehe ja, dass das hier nicht besonders angenehm für dich ist, aber bitte vergiss unsere Differenzen wenigstens für eine Stunde und stell dir vor, du würdest irgendwem gegenüberstehen, der dir nicht so dermaßen zuwider ist."
„Das ist nicht so einfach."
Hermine konnte Dracos Gesichtsausdruck nicht sehen; dafür war sie zu nahe und zu klein. Sie stellte sich vor, wie er seine Mundwinkel wie so oft angewidert verzog und wurde augenblicklich wütend.
„Mir ist klar, dass du mich nicht leiden kannst. Und ich akzeptiere auch deine dämliche Reinblüterideologie, auch wenn ich denke, dass man ein Vollidiot sein muss, um wirklich daran zu glauben. Aber was ist denn bitteschön so verkehrt mit meinem Körper, dass du dich nicht wenigstens für eine lächerliche Stunde wie ein zivilisierter Mensch benehmen kannst?"
„Merlin, Granger! Wenn das hier irgendwie funktionieren soll, dann hör verdammt noch mal auf, über deinen Körper zu reden!"
In diesem Moment setzte die Musik ein, wodurch Hermine nicht mehr dazu kam zu antworten. Was vermutlich ziemliches Glück für ihre Hauspunkte war – Hermine war geladen genug, um den arroganten Slytherin wieder zu schlagen.
Kurz spielte Hermine mit dem Gedanken, nach Draco zu treten, verwarf die Idee dann aber wieder; McGonagall würde es garantiert bemerken.
Stattdessen achtete sie auf eine möglichst präzise Schrittabfolge und versuchte, sich auf ihren neuen Tanzpartner einzustellen. Was ihr erstaunlich leicht fiel. Draco sah zwar überall hin, nur nicht in ihr Gesicht, führte aber mit bestimmter Hand und hatte offensichtlich mehr als nur einen Grundlagenkurs hinter sich.
Nachdem das Lied geendet hatte nickte Professor McGonagall Hermine zufrieden zu. Die restliche Stunde verbrachten sie mit weniger kontaktintensiven Tänzen.
Draco hatte sich offenbar für eiserne Ignoranz entschieden; sie wechselten kein einziges Wort mehr, und als die Professorin das Ende der Stunde verkündete, war er auch schon bei der Tür raus.
Blaise hatte Dracos Verhalten natürlich bemerkt; wie fast alle Reinblüter war er auch im Fortgeschrittenenkurs. Die Kinder früh in einen Tanzkurs zu stecken gehörte in ihren Familien ganz klar zum guten Ton.
Doch im Unterschied zu Hermine hatte er Dracos verbissenen Gesichtsausdruck sehen können, und im Gegensatz zu den anderen Schülern konnte er ihn auch deuten. Er wusste, wo und wann er am besten nach seinem Freund suchen sollte.
Also ging Blaise erst gemütlich zum Abendessen, bei dem Draco natürlich nicht auftauchte. Nachdem er selbst fertiggegessen hatte, packte Blaise ein paar Sandwiches in eine Serviette ein und machte sich ohne Eile auf den Weg zum Quidditch-Spielfeld.
„Hey Mine", begrüßte Ginny ihre Freundin, während sie sich an ihrem neuen Stammplatz – so weit von ihrem bisherigen Platz am Gryffindor-Tisch entfernt, wie möglich – neben sie setzte.
„Hallo Ginny. Wie war dein Tag?"
„Völlig ereignislos. Wie war die erste Tanzstunde?"
Hermine verzog ihr Gesicht zu einem schiefen Grinsen. Dass die rothaarige Gryffindor auch immer gleich auf die unangenehmen Themen kommen musste…
„Es war… anders, als erwartet.", erwiderte sie vage.
Ginny, die gerade dabei war, ihren Teller zu beladen, sah überrascht auf. „So schwierig?"
Hermine schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin sowieso in der Fortgeschrittenengruppe. Wir haben heute nur ein paar Grundlagen aufgefrischt. Ach ja, bevor du morgen sagst, ich hätte dir Bescheid sagen müssen: Du bekommst Trelawney als Tanzlehrerin."
Ginny stöhnte selbstmitleidig. Sie hatte es schon schlimm genug gefunden, dass der Kurs nach Jahrgängen geteilt war; mit Hermine als Unterstützung für ihre zwei linken Füße hatte Ginny das Ganze viel positiver gesehen. Und jetzt auch noch die verrückte Wahrsageprofessorin…
Allerdings kannte Ginny Hermine gut genug, um zu erkennen, dass sie ganz offensichtlich von etwas ablenken wollte.
Ginny ging kurz ihre eigenen Ängste im Bezug aufs Tanzen durch. Dann fragte sie treffsicher: „Wer ist dein Tanzpartner?"
„Das ist kein besonders appetitanregendes Thema, vielleicht sollten wir später…"
„Wieso nicht? Snape kommt ja nicht in Frage."
Hermine konnte zumindest ein leichtes Kichern nicht unterdrücken, auch wenn sie sofort einen kurzen Blick zum Lehrertisch warf. Man konnte ja nie wissen, ob der gruselige Zaubertränkeprofessor nicht plötzlich hinter einem stand.
„Nein, es ist natürlich nicht Professor Snape."
„Nachdem Crabbe und Goyle sicher zu doof sind für die Fortgeschrittenengruppe und ich weiß, dass mein Bruder nicht tanzen kann, fällt mir keiner mehr ein. Also, wer ist es?"
„Malfoy."
Ginny lachte begeistert auf. Auch wenn ihr die Entwicklung der letzten Tage nicht gefiel – das Thema Hermine und Draco hatte sich ganz klar zu ihrer neuen Lieblingsvorstellung entwickelt, auch wenn sie das Hermine gegenüber lieber nicht laut sagte.
„Also ich finde der sieht ganz appetitlich aus.", erwiderte Ginny mit einem anzüglichen Grinsen. „Oder tanzt er etwa so schlecht? Oder riecht er nicht gut?" Letzteres passte so gar nicht in Ginnys Bild von dem blonden Slytherin, aber sie sprach trotzdem lieber alle Varianten, die ihr einfielen, aus.
Hermine schnaubte genervt und legte ihre Gabel, mit der sie ihr Essen seit Beginn des Gesprächs sowieso mehr gefoltert als in ihren Mund befördert hatte, beiseite.
„Er tanzt ausgezeichnet und er riecht auch nicht unangenehm."
Ginny nickte zufrieden. Gut, Traumvorstellung gewahrt. „Was ist dann das Problem?"
„Er hat mich behandelt, als wäre ich giftig! Jemanden nicht leiden können ist das eine, aber der Typ hat mir das Gefühl gegeben, als würde ich aussehen wie die maulende Myrthe."
Ginny legte irritiert die Stirn in Falten. Hermines Reaktion war nur allzu verständlich; Ginny konnte sich keine Frau vorstellen, deren Stolz dadurch nicht gekränkt wäre. Aber sie konnte sich dieses Verhalten bei Draco einfach nicht vorstellen. Das passte irgendwie nicht.
„Und du bist dir sicher, dass du da nichts fehlinterpretiert hast? Schon gut, sieh mich nicht so an, ich hab nichts gesagt."
Als Blaise am Quidditchfeld ankam, hatte Draco sein Training bereits beendet und saß mit noch vom Duschen nassen Haaren und wieder in der Schuluniform auf einer der Tribünen.
Blaise setzte sich schweigend neben seinen Freund und drückte ihm erst einmal die Sandwiches in die Hand.
Draco sah überrascht auf das Päckchen. Er konnte sich nicht daran gewöhnen, dass sich jemand, der kein Hauself war, um ihn kümmerte.
„Danke.", sagte er schließlich leise und begann, die Serviette aufzufalten.
Blaise wartete eine Weile ab, ob Draco vielleicht von selbst etwas sagen würde – was natürlich nicht passierte. Stattdessen starrte der Blonde stur geradeaus und aß.
Also begann Blaise, sich langsam vorzutasten. „Keinen guten Tag gehabt, hm?"
„Nicht wirklich."
„Ich hatte gedacht, dass dir der Tanzkurs Spaß machen würde. Wegen den leicht zu verdienenden Hauspunkten, während sich Potter und Weasley noch mehr zu Idioten machen als sonst."
Dracos Mundwinkel wanderten ein wenig nach oben. Das klägliche Scheitern der beiden in der Anfängergruppe war eine ziemlich erheiternde Vorstellung. Er beschloss, sie bei der nächsten Gelegenheit ein wenig damit aufzuziehen.
„Trelawneys Paarauswahl finde ich ziemlich gewöhnungsbedürftig.", fügte Blaise hinzu. „Lavender ist mir sicher schon zehnmal auf den Fuß getreten und hat ganz klar null Rhythmusgefühl… Da scheinst du es mit Hermine ja ganz gut erwischt zu haben."
Blaise bemerkte, dass sich Draco verspannte. Doch statt einer schnippischen Antwort erwiderte er nur: „Vermutlich."
„Du scheinst aber nicht besonders zufrieden mit deiner Tanzpartnerin zu sein." Blaise wusste eigentlich, wann es an der Zeit war, den Mund zu halten – er schaffte es allerdings recht selten.
„Ich bin auch nicht ‚zufrieden' damit, mit einem Schlammblut zusammenarbeiten zu müssen."
„Liegt es wirklich daran, dass sie muggelstämmig ist, oder daran, dass es Hermine ist?"
„Warum sollte ich Granger wichtiger nehmen als irgendeine andere von denen?"
„Keine Ahnung, sag du's mir."
Dracos Antwort bestand darin, dass er den anderen Slytherin einfach sitzen ließ und in Richtung Schloss davonging.
Die nächsten Tage verschwammen für Ginny zu einer einzigen Masse aus stressigen Aufgaben. Sie hatte sich freiwillig gemeldet, um bei den Vorbereitungen für die Halloweenparty in einer Woche zu helfen.
Außerdem hatte Professor Lupin die Fünftklässler für die Vorbereitung irgendeines Projekts eingespannt, bei dem keiner wirklich wusste, worum es sich dabei eigentlich handelte. Lupin verweigerte jede Erklärung.
Zu allem Überfluss hatte Hagrid auf einmal auch noch wahnsinnig viele neue Tiere für seinen Unterricht, für die natürlich alle gesorgt werden musste.
Zum Glück fiel die Vorarbeit für die nächste Hausparty weg; nachdem inzwischen sowieso fast jedem beim Gedanken an Alkohol schlecht wurde und am Samstag zusätzlich ein Hogsmeade-Ausflug auf dem Programm stand, hatten sie die Feier nur allzu gerne auf das Wochenende nach Halloween verschoben.
Ginny hatte beschlossen, den Tag in Hogsmeade dazu zu nutzen, sich endlich mit Harry auszusprechen. Eine Woche lang kein Wort mit ihm oder Ron wechseln zu können und praktisch immer auf der Flucht vor ihnen sein zu müssen war für Ginny entschieden genug. Außerdem konnte sie das ausstehende Gespräch sowieso nicht ewig vor sich herschieben – es war Zeit, den berüchtigten Gryffindor-Mut unter Beweis zu stellen.
Der Samstagvormittag verlief völlig ereignislos. Hermine hatte Ginny dazu gezwungen, früh aufzustehen, weil sie eine Menge Besorgungen machen musste und danach noch Zeit für ein entspanntes Butterbier freihalten wollte.
Ginny hatte bei der Tagesplanung nicht widersprochen – so musste sie Harry und Ron wenigstens nicht beim Frühstück sehen und konnte sich noch Gedanken über eine vernünftige Strategie machen.
Nachdem sie sich mit Hermine allerdings drei Stunden lang durch Buch- und Schreibwarenläden geschlagen und die beiden Jungs noch nirgends entdecken können hatte war Ginny langsam ein wenig frustriert.
Umso mehr brachte es ihre Pläne durcheinander, als sie am Weg zum Honigtopf – endlich ein Geschäft, in dem Ginny nicht nur danebenstehen und warten würde – auf zwei ganz andere Mitschüler trafen: Draco und Blaise.
Als Ginny den Dunkelhaarigen erblickte, fiel es ihr siedend heiß ein – hatte sie ihren inzwischen wohl besten Freund, der sie am letzten Samstag so aufopfernd gerettet hatte, über ihre ganzen Sorgen und den Stress tatsächlich einfach vergessen?
„Hey…", murmelte Ginny peinlich berührt, während sie ihr eigenes unfassbares Verhalten zu verarbeiten versuchte.
Blaise nickte nur zum Gruß; er sah ihr dabei noch nicht einmal in die Augen. Sein Gesichtsausdruck erinnerte Ginny irgendwie an seine Moralpredigt letzten Samstag, obwohl er diesmal sorgfältig jede Emotion aus seinen Zügen verbannt hatte.
Irgendwie hatte Ginny plötzlich gar keine Lust mehr, zum Honigtopf zu gehen.
Draco beachtete Ginny gleich gar nicht. Stattdessen wandte er sich mit einem spöttischen Grinsen auf den Lippen an Hermine: „Na, Granger, haben dich jetzt sogar schon Narbengesicht und Weaslebee im Stich gelassen? Ein Glück, dass wenigstens die kleine Weaslette noch genug Mitleid mit dir hat, um sich mit dir abzugeben; sonst würdest du ganz alleine dastehen. Wie am Anfang, oder? Ein dreckiges, kleines Schlammblut, das in der Welt der Zauberer nirgends dazugehört."
Draco registrierte überrascht, wie gut sein Angriff offenbar getroffen hatte. Statt wie erwartet wortgewandt zu kontern, ballte Hermine nur ihre Hände zu Fäusten und ignorierte ihn völlig. Irrte er sich, oder traten gerade Tränen in ihre Augen?
Bevor die restlichen Anwesenden sich über Dracos völlige Überforderung mit der Situation klar werden konnten, mischte sich eine weitere, nur allzu bekannte Männerstimme ins Gespräch ein.
„Wie wär's, wenn du endlich mal die Klappe hältst, wenn nichts Vernünftiges raus kommt, Malfoy?", fragte Ron, während er sich vor ihm aufbaute, Harry direkt daneben.
Draco verschränkte die Arme und bedachte die beiden mit einem herablassenden Blick. „Sieh mal an... Potty und Weaslebee kommen zur Rettung. Habt ihr sie jetzt doch wieder in euren wertlosen Reihen aufgenommen oder ist euer Gedächtnis einfach nicht gut genug, um euch zu merken, wer zu euren Freunden gehört?"
„Ich weiß, sowas kennst du nicht, Malfoy.", erwiderte nun Harry, „Aber echte Freundschaften schreibt man nicht gleich ab, nur weil man einmal ordentlich zurechtgewiesen wird. Vor allem nicht, wenn man weiß, dass der andere Recht hatte, und wenn man sich selbst in letzter Zeit nicht gerade einwandfrei verhalten hat." Er warf Hermine einen vorsichtigen Blick zu.
Ron nickte, erleichtert, dass Harry aussprach, was ihm nicht so leicht zu sagen fiel – vor allem nicht vor diesem miesen Frettchen. Dann fügte er an Hermine gewandt hinzu: „Es tut mir wirklich leid, Mine… Ich… Ach, du weißt doch, dass ich manchmal ein ziemlicher Idiot bin."
Hermine, die nun definitiv darum kämpfte, nicht loszuheulen, lächelte die beiden breit an und fiel ihnen dann kurzerhand um den Hals, um erst Ron, dann Harry fest an sich zu drücken. Zu Harry gewandt sagte sie dann noch leise: „Das nächste Mal lasst ihr mich nicht eine Woche lang warten, okay?"
„Okay. Schätze, wir hatten ein wenig zu viel Angst vor deinem Zorn."
Hermine schüttelte lachend den Kopf und drückte Harry dann noch einmal.
Draco verdrehte genervt die Augen. Kam es ihm nur so vor, oder war er gerade schuld an der glücklichen Familienzusammenführung? Die Rolle gefiel ihm ganz und gar nicht.
„Keine Ahnung, ob euch das schon mal aufgefallen ist… Aber einen Malfoy ignoriert man nicht!" Noch während seiner Worte hatte er seinen Zauberstab gezogen, doch Hermine war blitzschnell herumgefahren und hatte es ihm gleich getan.
„Malfoy, du hast heute schon zur Genüge bewiesen, dass du ein Arschloch bist!", fauchte sie. Er war überrascht, wie schnell Hermine von glücklich-weinerlich auf mordlustig wechseln konnte.
„Was hast du jetzt vor? Willst du dich wieder wie eine Wilde auf mich stürzen, nachdem du mit Magie sowieso nicht weit kommst?"
Statt zu antworten, rief Hermine wütend: „Furunkulus!"
Draco entkam dem Fluch mehr durch Reflex als Verstand; er hatte automatisch mit einem „Protego!" gekontert. Dann starrte er die Hexe aus weit aufgerissenen Augen an.
„Das hast du gerade nicht wirklich versucht, oder?"
„Deine Eitelkeit ist doch ein guter Angriffspunkt, oder? Außerdem ist es ein guter Anfang, wenn man an dein unverschämtes Verhalten im Tanzkurs denkt."
„Ach ja, mein ‚unverschämtes Verhalten'? Lern erst mal tanzen, bevor du dich beschwerst! Tarantallegra!"
Im nächsten Moment steppten Hermines Beine schon unaufhaltsam umher, doch das konnte sie nicht von einem erneuten Angriff abhalten. „Levicorpus!"
Diesmal hatte Draco nicht so viel Glück wie beim ersten Mal – bevor er wirklich wusste, wie ihm geschah, hing er auch schon kopfüber in der Luft.
Während Ron und Harry offensichtlich zu gefesselt von dem Schlagabtausch waren um einzugreifen, zog Ginny nun endlich ihren Zauberstab. Gleichzeitig spürte sie, wie sich die Spitze eines anderen Zauberstabs zwischen ihre Schultern bohrte.
„Sei nicht unfair und lass sie das unter sich austragen.", hörte sie Blaises ziemlich belustigte Stimme dicht an ihrem Ohr.
„Willst du, dass sie sich umbringen?"
„Natürlich nicht. Aber ein wenig Dampf ablassen schadet keinem von ihnen. Und der Bat-Boogey-Fluch, der dir auf den Lippen liegt, würde das ausgeglichene Kräfteverhältnis ruinieren und Draco blamieren. Glaub mir, du willst nicht wissen, wie er dann drauf wäre. Er ist gar nicht gut im Verlieren."
Ginny schnaubte wütend, senkte aber ihren Zauberstab.
Hastig, um nicht währenddessen vom nächsten Fluch getroffen zu werden, sprachen Hermine und Draco die notwendigen Gegenzauber.
„Finite!"
„Liberalevicorpus."
Draco plumpste recht unsanft zu Boden, rappelte sich aber schnell auf. Bei Hermines nächstem Ausruf – „Langlock!" – duckte sich aber sofort wieder, um gerade noch rechtzeitig auszuweichen.
Ohne Hermine eine Chance zu einem weiteren Fluch zu lassen, rief Draco: „Incarcerus!"
Doch noch während er das Wort aussprach, erkannte er an Hermines überlegenem Lächeln, dass er irgendeinen Fehler gemacht haben musste. Sie entgegnete ruhig: „Accio maxima Draco Malfoy."
Draco blieb nicht einmal genug Zeit, um angemessene Schimpfwörter zu verwenden. Bevor sein eigener Fluch Hermine in Seile einwickeln konnte, wurde er nach vorne katapultiert und stolperte gegen sie – wodurch sich sein Fesselungszauber augenblicklich auf beide ausweitete und sie zusammenschnürte.
„Da, siehst du, das meinte ich mit ausgeglichen.", sagte Blaise selbstgefällig und nahm seinen Zauberstab endlich weg, während er zufrieden feststellte, dass die beiden Streithähne ihre eigenen Zauberstäbe durch die engen Seile nicht mehr benutzen konnten. Etwas lauter fügte er hinzu: „Klares Unentschieden, würde ich mal sagen."
Draco warf ihm einen wütenden Blick zu. „Kannst du vielleicht aufhören, so schadenfroh zu sein und mich hier rausholen?"
Blaise ignorierte ihn erst einmal.
Wie konnte es bei seinem Mangel an Glück auch anders sein –Draco war frontal an Hermine gefesselt und war sich ihres eng an ihn gepressten Körpers nur allzu deutlich bewusst. Er begann, sich selbst und vor allem seinen rekordverdächtigen Herzschlag zu hassen.
Hermine hingegen hob ihren Kopf und präsentierte Draco eine unschuldige Miene. „Na, bin ich etwa doch nicht so magieunfähig?"
Draco vermied es, ihr seinen Blick zuzuwenden und starrte stattdessen stur geradeaus – ihre Gesichter waren sich sowieso schon viel zu nahe; er konnte ihren Atem an seinem Hals spüren.
Als nun Ron eilfertig seinen Zauberstab aus der Tasche nahm, schüttelte Hermine schnell den Kopf. „Ähm… lass das lieber Blaise machen, Ron." Sie befürchtete, dass Ron mit seinem Talent, jeden Zauberspruch völlig falsch auszusprechen, ihre Situation noch verschlimmern könnte. Bei der Vorstellung, wie aufgebracht Draco dann erst sein würde, konnte Hermine ein leichtes Kichern nicht unterdrücken.
„Hättest du vielleicht die Güte, irgendwas anderes als meinen Haut anzuatmen?", brachte Draco zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Hermine sah erst verblüfft, dann wieder wütend zu ihm auf. „Hast du Angst, dass du dir von einer so schrecklichen Schlammblüterin wie mir was einfängst?"
Statt seiner Aufforderung nachzukommen, streckte sich Hermine ein wenig und pustete gegen seinen Hals – auch wenn sie sich dabei ziemlich kindisch vorkam, ihre mangelnde Bewegungsfreiheit erlaubte es nicht, Draco effektiver zu ärgern.
Draco widerstand nur mit Mühe dem Drang, sie weiter zu beschimpfen, um sich davon abzulenken dass er gerade dabei war, ganz unmalfoyhaft eine Gänsehaut zu bekommen. Er atmete bemüht ruhig durch den Mund ein und aus, um ihren Geruch nicht auch noch dauernd in der Nase zu haben und sich ein wenig zu beruhigen. Draco erinnerte sich nur allzu gut an ihren Biss – er wusste, dass es die Situation sicher nicht verbessern würde, wenn er sie noch wütender machte.
Schließlich fragte er leise, während Ron gerade im Hintergrund mit den anderen darüber diskutierte, warum ihn alle für magieunfähig hielten (Ginny: „Weil du es bist, Ron."): „Warum hast du das gemacht?"
Hermine hielt überrascht in ihrer Nerv-Attacke inne, schaltete vom Verhalten einer Dreijährigen wieder auf das einer 19-Jährigen um und sah wieder zu Draco hinauf, während er unverwandt über ihren Kopf hinweg starrte. „Was meinst du?"
„Den Zauberspruch. Du hättest auch anders kontern können. Warum hast du dich für diese schräge Art, dir selbst die Chance auf den Sieg zu nehmen, entschieden?"
„Na weil du mir selbst gesagt hast, dass das die einzige Lösung ist."
„Wann soll ich das gesagt haben?" In Dracos bemüht ungläubige Stimme mischte sich ein Hauch Unsicherheit – er konnte es sich schon denken. Die Auswahl an Tagen, an denen er ein zivilisiertes Gespräch mit Granger geführt hatte, war klein genug dass sogar Crabbe und Goyle es begriffen hätten.
„Vorletzten Samstag…", gab Hermine kleinlaut zu. Sie fühlte sich unwohl dabei, die verhasste Party zu erwähnen.
Draco wusste nicht, ob Hermine noch weitersprach oder es bei dieser Andeutung beließ, denn in diesem Moment stürmte die nächste Erinnerung auf ihn ein.
Die letzten Partygäste hatten den Gemeinschaftsraum schon vor einer Weile verlassen, und auch der nervige Ravenclaw-Vertrauensschüler, der hartnäckig versucht hatte, Draco und Hermine zum Gehen zu überreden, hatte mittlerweile aufgegeben und war jammernd Richtung Jungenschlafsaal verschwunden.
Dass die beiden gerade aneinander gekuschelt auf der Couch lagen während langsam die Sonne aufging erschien Draco in diesem Augenblick völlig logisch. Blaise hatte ihm verboten, in seinem eigenen Bett zu schlafen, auch wenn Draco entfallen war, warum. Und alleine hier bleiben wäre doch langweilig gewesen, oder? Hermine hatte nicht gewirkt, als würde sie unbedingt in ihren Schlafsaal wollen, und Draco würde sie ganz bestimmt nicht verjagen.
Während er kleine Muster auf ihren nackten Rücken zeichnete, erzählte Hermine gerade von ihrem Leben außerhalb von Hogwarts und vor allem von ihren Eltern. Draco wusste, dass das vermutlich das Verrückteste war, was er je gemacht hatte – er hörte ihr interessiert zu.
„Oh, und sie haben sich endlich mit der Eulenpost angefreundet. Am Anfang war Mom wirklich skeptisch, sie konnte sich nicht vorstellen, dass die Tiere die Briefe tatsächlich zu den richtigen Empfängern bringen würden."
Hermine lachte leise, versunken in eine schöne Erinnerung. Sie lag mit dem Rücken zu Draco, wodurch sie nicht sehen konnte, dass sich ein kleines Lächeln auf sein Gesicht schlich. Er musste sich eingestehen, dass er ihr gerne zuhörte, selbst wenn sie wieder von Muggeldingen sprach, bei denen er kein Wort verstand.
Er hörte auf, kleine Kreise auf ihr Schulterblatt zu malen, und ließ seine flache Hand stattdessen weiter nach unten wandern, bis er sie unter Hermines Shirt auf ihren Bauch legte und sie noch ein wenig näher an sich heranzog. Dann begann er damit, die Linie ihrer Schulter mit seiner Nasenspitze nachzuzeichnen, bis er schließlich bei ihrem Hals angekommen war. Ein paar widerspenstige Locken zur Seite pustend, beugte er sich ein wenig vor, und – „Was ist eigentlich mit deinen Eltern? Schreiben sie dir oft?"
Draco räusperte sich irritiert und ließ seinen Kopf wieder auf die Couch zurückfallen. „Naja… Kommt darauf an wie man das definiert. Mein Vater schreibt fast wöchentlich, aber eher aus weniger persönlichen Gründen…"
„Wie meinst du das?"
„Er hat überall seine Augen und Ohren. Er macht sich immer Sorgen, ob ich die Familie irgendwie blamieren könnte, und schreibt nach verlorenen Quidditchspielen, nach nicht perfekten Tests, quasi um mich zu ermahnen… Merlin, er schreibt mir sogar, wenn ich in einer Auseinandersetzung mit Potter den kürzeren ziehe!"
Hermine konnte den Frust deutlich in seiner Stimme hören und musste sich bemühen, ihn nicht spüren zu lassen, dass sie Mitleid empfand. Es würde ihn mit Sicherheit aufregen. „Bist du deshalb so ehrgeizig und… Naja, nachtragend?"
„Was die Schule betrifft, nein. Der Unterricht interessiert mich wirklich. Aber bei allem anderen muss ich meine schlechten Leistungen irgendwie ausbessern. Und wenn ich das schaffe, darf ich beim nächsten Mal nicht scheitern, das wäre noch schlimmer…"
„Das bringt dich dann im Bezug auf die Auseinandersetzungen mit Harry und Ron in eine aussichtslose Lage."
„Du meinst, im Bezug auf die Auseinandersetzungen mit Harry, Ron und dir." Sie mussten beide lachen. „Seit du mich im dritten Jahr geschlagen hast, bist du sowieso ein rotes Tuch für meinen Vater. Gegen eine Frau zu verlieren, und dann auch noch eine Muggelstämmige…"
„Dann muss ich mich also in Zukunft immer von dir fertig machen lassen?", fragte Hermine mit einem belustigten Unterton in der Stimme. Sie wussten beide, dass das bestimmt nicht passieren würde.
„Nein, dann hätten wir ja wieder das Problem mit dem Erwartungsdruck. Am besten wäre immer ein Patt."
„Damit keiner einen Grund hat, sich in absehbarer Zeit wieder auf den andere zu stürzen."
„Genau…", murmelte Draco und kuschelte sich wieder näher an Hermine heran, während ihm langsam die Augen zufielen. Es musste fünf oder sechs Uhr morgens sein, und die durchgefeierte Nacht forderte langsam ihren Tribut.
