„Wehe dem, dessen Verräter an seinem eigenen Tische sitzt."
Aus Irland
Im schwarzen GrundIn den Hügeln des Dunlands, 2791 D.Z.
Die Nacht kam rascher, als sie geglaubt hatten und mit ihr die Kälte, Schnee und eisiger Wind aus Nordwest. Die Sonne hatte längst ihren Zenit überschritten, als sie am Fuße des Esgal anlangten, der sich im Osten der Stadt erhob und dessen Ausläufer Dol Lorn im Norden begrenzten. Dahinter lagen die flachen Hügel und sanften Täler des Dunlands in ihrem winterlichen Schlaf. Bis hierher war Manwe mit ihnen gewesen und bewahrte sie vor Schnee und Wind.
Sie hatten sich Richtung Westen gewandt, bis sie schließlich auf die Südstraße trafen. Frerin erinnerte sich, dass die Zwerge Erebors Jahre zuvor auf diesem Wege von Norden nach Dol Lorn gekommen waren. Doch damals war es Frühling gewesen und ihr schlimmster Feind auf der halb verfallenen Straße, war der Schlamm, den das Tauwetter mit sich brachte. Seit dem Fall des nördlichen Königreichs Arnor hatte die Straße an Bedeutung verloren und verkam zusehends. Noch immer verband sie den am Zusammenfluss von Glanduin und Mitheithel gelegenen Binnenhafen Tharbad und die Pforte Rohans, doch seit die Pest Tharbad fast vollkommen entvölkert hatte, zerfiel die Stadt ebenso wie die Südstraße mit jedem Jahr mehr. Auf ihrem Weg durch das Enedwaith traf die Straße auf keine größere Stadt mehr und auch Dol Lorn, welches nicht sonderlich groß zu nennen war, lag mehr als eine Reitstunde östlich der Straße und ihren Überresten.
Frerin hätte die Straße inmitten der schneebedeckten Hügel und eisverhangenen Baumwipfel wohl übersehen, wäre nicht Dwalin bei ihnen gewesen, der diese Pfade besser zu kennen schien, als das Wild, dass in den dünnen, lichten Wäldern westlich des Nebelgebirges lebte. Ihm waren die leichte Unebenheit und das kaum merkliche Muster im Schnee nicht aufgefallen, welches das zerschlagene, verwitterte Pflaster aus grob behauenem Stein hinterließ, mit dem noch ein Teil der Südstraße gedeckt war.
Die Straße sollte sie nach Norden bringen, bis nach Tharbad. Dort würden sie den Fluss Gwathló überkehren und über die Nordstraße weiter in Richtung Norden ziehen, bis sie das Auernland erreichten. Doch je weiter sie vorankamen, umso mehr zweifelte Frerin an ihrem Vorhaben. Es hatte in den vorangegangenen Wochen viel geschneit und die Südstraße lag verborgen unter gut einer Elle Schnee. Mehr als einmal hatten sie absteigen und die Ponys führen müssen. Immer wieder glaubte Frerin, sie hätten den Verlauf der Straße verlassen, doch Dwalin führte sie festen Schrittes an. Der junge Zwergenprinz war überrascht von dem Vertrauen, dass Thorin in den jungen Zwergenkrieger setzte, der keinen Tag älter als achtzehn Sommer sein konnte. Damit war er auch als Zwerg kein Kind mehr, doch hätte Frerin nicht erwartet, dass Thorin ihr Leben in die Hände eines solchen Grünhorns legen würde. Aber welche Wahl hatte sein Bruder schon gehabt? Hätten sie ohne Balins und Dwalins Hilfe den Weg nach Norden wagen wollen, wäre ihnen nichts anderes übriggeblieben, als den Frühling und das Ende der Schneeschmelze abzuwarten. Fundins Söhne aber hatten die Wegstrecke bereits im Winter zurückgelegt und kannten die Landmarken, an denen sie sich zu orientieren hatten.
Kaum vier Reitstunden, nachdem sie auf die Südstraße getroffen waren, war die Sonne bereits so tief gesunken, dass sie die Schneefläche vor ihnen in ein wabernd brennendes Rot tauchte. Ihnen würde kaum noch eine Stunde bleiben, um den Buzundush zu erreichen, bevor das letzte Licht des Tages verschwunden war.
Frerin klopfte seinem Pony auf den Hals und sah zum Himmel hinauf. War der Tag kalt, doch klar gewesen, so zogen sich nun die Wolken zu und ein starker Wind kam auf, der nach Neuschnee und Frost roch. Schneeböen trieben über die Ebene, erschwerten die Sicht und machten es ihnen fast unmöglich, sich zu orientieren.
„Wie weit noch?" Thorin hatte sich in seinem Sattel umgewandt und versuchte gegen den tosenden Wind anzuschreien. Hinter ihm ritt Balin, der die Kapuze seines Mantels hochgeschlagen und sich einen dicken Schal um Hals und Kopf geschlungen hatte. Er hörte nichts, doch er sah Thorin, schob eine Hand zwischen Kapuze und Gesicht und versuchte über das Lärmen hinweg zu verstehen, was der Prinz wollte.
„Eine halbe Reitstunde vielleicht", schrie er in Thorins Richtung und deutete nach Norden, den Weg voraus. „Seht er die Baumwipfel dort vorn? Sie bedecken einen Hügel, kaum vierzig Fuß hoch. Dort werden wir Unterschlupf finden."
Frerin hatte Balins Worten angestrengt gelauscht. Er ritt neben Thorin und führte eines der Packtiere, das immer wieder scheute. Sie kamen nur noch schleppend voran. Mit der Sonne war auch der letzte Rest Wärme des Tages gegangen und das Zwielicht der Dämmerung brachte eine spröde Kälte mit sich, die ihm in aller Glieder kroch. Er strich Eiskristalle aus seinem kurzen Bart und zog den Schal höher. Seine Handschuh waren feucht von den Schneeböen und fast steif gefroren. Frerin bewegte die Finger und spürte, wie der dicke, wollene Stoff knirschte.
Er sah auf seine Hände hinab und erinnerte sich an einen Winter, verschneit und frostig wie dieser und doch nicht so kalt, den er vor sehr vielen Jahren an einem ganz anderen Ort erlebt hatte. Er war noch keine neun Sommer alt gewesen und noch ein Kind, während sein Bruder, auf der Schwelle zum Mannesalter, von ihrem Vater das erste Mal auf Wanderschaft geschickt worden war. Es hatte in seinem Leben nicht viele Gelegenheiten gegeben, zu denen er Thorin vermisst hätte, doch in diesem Winter tat er es.
Es war ein harter Winter gewesen im Norden, der das Volk der Zwerge im Erebor ebenso gebeutelt hatte, wie die Menschen der umliegenden Städte. Frerin war krank gewesen. Ein Fieber hatte ihn viele Wochen ans Bett gefesselt, neben dem seine Mutter Tag und Nacht gewacht hatte. Der Heiler seines Vaters hatte ihn bereits totgesagt, als das Fieber endlich sank und das Leben in das halbtote Kind allmählich zurückkehrte. Dennoch war er noch immer schwach und kränklich gewesen, als man ihm endlich gestattete aus dem Bett aufzustehen.
Man hielt ihn fern von anderen Kindern und wollte ihm nicht erlauben die Stadt unter dem Berg zu verlassen. Bis seine Mutter dem Blick ihres traurigem Kindes nicht länger stand hielt und sich gemeinsam mit ihm und seiner Kinderfrau aus dem Berg hinaus stahl, um in den umliegenden Wäldern zu spielen. Frerin kam schnell außer Atem, als er vor seiner Mutter floh, die Schneebälle nach ihm warf und versuchte ihn zu fangen. Er erinnerte sich, dass sie lange draußen blieben und spielten, bis die Sonne die Wipfel des Düsterwaldes berührte und es begann zu schneien.
Seine Mutter hatte ihn hinter einem Baumstamm kauernd entdeckt, fasste nach ihm und schloss ihn fest in ihre Arme. „Mir ist kalt!", hatte Frerin gewimmert und sich eng an die kleine, zierliche Frau gedrängt. „So so", hatte sie erwidert, „wisst ihr denn nicht, was die Menschen sagen, mein kleiner Prinz? Wenn es dich friert, dann lege des Bettlers Mantel an – geh schneller oder laufe!" Die Königin hatte ihn in die Wange gekniffen und aus ihrer Umarmung freigegeben, um das lachende Kind den ganzen Weg zurück bis zum Tor des Erebors zu jagen.
Es war die letzte echte Erinnerung, die Frerin an seine Mutter hatte. Im Herbst des folgenden Jahres starb sie im Kindbett, nachdem sie einer Tochter das Leben geschenkt hatte. Frerin griff fest in seine Zügel, schloss die Augen und versuchte sich an ihr Gesicht zu erinnern, doch beschämt musste er feststellen, dass er nicht einmal mehr wusste, welche Farbe ihre Augen gehabt hatten.
„Dort vorn!", riss ihn eine dunkle Stimme aus seinen Gedanken. „Seht! Zwischen den hohen Kiefern liegt der Eingang." Dwalin, der dem Tross vorausgeritten war, hatte sich in seinem Sattel aufgerichtet und zeigte auf eine Stelle zwischen den Bäumen, die einen flachen Hügel umsäumten. Etwa 30 Fuß vor ihnen hob sich ein Schatten zwischen den Kiefern von den übrigen ab. Thorin und die anderen sprangen von ihren Ponys und nahmen sie kurz an den Zügeln. Frerin tat es ihnen gleich und schon, als sie durch den lichten Baumkranz traten, der den Hügel umgab, spürte er den Schutz der Bäume. Er wischte sich mit den nassen Handschuhen über die Augen. Vor ihnen lief Dwalin, sein Pony dicht neben sich und verschwand plötzlich, als hätte der Hügel ihn verschluckt. Frerin stockte und sah sich um, doch Balin stieß ihn in die Seite.
„Geht weiter Meister Frerin, oder wollt ihr hier draußen übernachten und erfrieren?" Das letzte Licht des Tages war verloschen und überließ sie einer dunklen Nacht, die kaum von einem halben Mond erhellt wurde, der sich hinter dünnen Wolken verbarg. Frerin stolperte weiter, blind und ohne Ziel. Er hörte die schweren Schritte der anderen im Schnee und roch den herben Geruch der Ponys, doch er sah kaum die eigen Hand vor Augen. Da entdeckte er vor sich einen Lichtschein, der aus einer Öffnung im Hügel kam und den Eingang zu einer Höhle beleuchtete. Sie stolperten weiter und erreichten schließlich die sichere Zuflucht, in der Dwalin auf sie wartete.
Frerin taumelte hinter Thorin in den Schutz der Höhle, deren Eingang gerade breit genug war, um einen Zwerg und sein Reittier hindurchzulassen. Dwalin nahm ihm mit der freien Hand das Lasttier ab und ging voran in die Höhle, die sich nach gut zehn Fuß zu einer weiten Halle öffnete. Der Raum, in dem er sich wiederfand war gut dreizehn Fuß hoch. Von seiner Decke hingen dunkle, pechschwarze Wurzeln und bildeten ein wirres, stark verzweigtes Netz. Im hellen Licht der Fackel sah er am Boden Reste vorangegangener Lager. In der Mitte fand sich eine kalte Feuerstelle und daneben aufgeschichtet lagen einige Äste. Es war nicht viel Holz, doch es würde für ein paar Stunden Wärme und etwas Behaglichkeit sorgen.
„In der gemeinsamen Sprache nennt man diesen Ort der schwarze Grund, Buzundush heißt er in unserer Sprache." Balin war neben ihn getreten und hielt eine weitere Fackel in der Hand. „Bindet euer Tier dort drüben an, neben den anderen." Er deutete auf die linke Seite der Halle, die etwas weiter in den Hügel hineingetrieben schien. Hier hing die Decke tiefer herab und am Boden entdeckte Frerin getrockneten Mist und alten Hafer.
„Hernex wird sich um die Ponys kümmern. Kommt und helft mir mit dem Feuer, Herr Frerin. Es wird Zeit, dass uns wieder warm wird." Balin ging voraus zu der Feuerstelle. Frerin sah ihm kurz nach, eher er sein Pony zu den anderen brachte und begann den Gurt seines Sattels zu lösen. Erst jetzt spürte er, wie sehr seine Glieder schmerzten, denen die Kälte und der ungewohnt lange Ritt zugesetzt hatte. Er befreite seine steifgefrorenen Finger von den nassen Handschuhen und rieb sich den steifen Nacken. Seine Muskeln brannten und jede Faser seines Körpers verlangte nach Schlaf, wäre da nicht ein unbändiger Hunger gewesen, der ihn allmählich zu quälen begann. Er wollte sein Bündel lösen, als eine raue, von der Kälte graue Hand sich auf den Sattel seines Ponys legte. Frerin sah auf.
Sein Bruder stand neben ihm und maß ihn mit dunklem Blick. Im Halbschatten der Nische, in der die Ponys untergebracht waren, schienen Thorins blauen Augen beinahe schwarz. Das dunkle Haar klebte nass an seiner Stirn, er hatte noch immer Schnee auf den Schultern, wenngleich er Schal und Kapuze bereits abgenommen hatte. Frerin hielt kurz in seiner Bewegung inne und erwiderte den Blick seines Bruders. Schließlich zog er mit einem kräftigen Ruck an den Bändern, die sein Bündel hielten und fragte mit einem zischenden Laut: „Was willst du?"
Thorin regte sich und strich über das nasse Fell des Ponys. „Warum bist du gekommen?", fragte er und ließ Frerin nicht aus den Augen. Der andere hob kurz den Blick und stockte erneut in seiner Bewegung.
„Überrascht es dich so sehr?", fragte Frerin, ohne Thorin anzusehen.
„Ich würde lügen, sagte ich, es habe mich nicht überrascht!" Thorin verschränkte die Arme vor der Brust. Frerin wusste, sein Bruder würde sich nicht abwiegeln lassen.
„Vielleicht ist es an der Zeit, aufzuhören an mir zu Zweifeln, Bruder!" Frerin zog sein Bündel vom Rücken des Ponys und wandte sich zu Thorin um. Er spürte, wie flammende Wut ihn von innen zu wärmen begann und seine Wangen färbte. Ein ordentliches Feuer wäre ihm lieber gewesen.
Thorin schnaubte lachend. „Ich zweifle an dir?", fragte er spöttisch. „Der Zweifel ist eines Mannes Schatten im Dunkeln und doch ist er der Anfang aller Weisheit. Wäre ich nicht ein Narr, setzte ich bedingungsloses Vertrauen in dich?"
„Ist bedingungsloses Vertrauen nicht eben das, was ein Bruder für den anderen empfinden sollte? Stattdessen machtest du dir den Zweifel zu nutzen. Ein billiges, doch wirksames Gift." Aus Frerin sprach der Zorn, doch er war zu müde und zu erschöpft, um seine Wut in Zaum zu halten. „Ärger und Zorn auf deine eigene Unzulänglichkeit lähmen dich und vergiften dein Herz. Du säst Zweifel an mir in dem Herzen unseres Vaters und machst die unseren glauben, ich sei nicht stark, nicht besonnen genug, um dieser Aufgabe gewachsen zu sein. Und doch willst du, dass ich mich ihr stelle. Warum Thorin? Erfreut es dich so sehr, mich scheitern zu sehen?"
Thorin schwieg. Seine Züge waren hart wie Stein und sein Augen kalt. Er starrte auf seinen jüngeren Bruder herab, wie auf einen Sohn, der seinen Vater auf das bitterlichste enttäuscht hatte. Seine Lider zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen und sein Blick verbrannte Frerin gleich unzähligen Spitzen aus Eis. Schließlich brach er sein Schweigen, die Stumme schwanger von Verachtung und Unmut.
„Drei Tore führen hinab in die Hölle, Frerin. Ihre Namen sind Verlangen, Zorn und Habgier. Du hast nach dieser Aufgabe verlangt und wolltest sie von dir weisen, als ich sie dir gab. Du strafst mich mit Zorn und wunderst dich, dass ich an dir zweifle." Er neigte sich vor, ohne die Arme von seiner Brust zu lösen. „Sei vorsichtig mit den Dingen, die du dir in Zukunft wünschst Frerin – sie könnten in Erfüllung gehen, denn als Held wird man nicht geboren. Man stirbt als Held!" Thorin wollte sich abwenden. Er machte auf dem Absatz kehrt und schickte sich an Hernex zu helfen, doch ehe er aus der Nische trat, blickte er noch einmal zu Frerin zurück.
„Vielleicht hat Vater doch recht gehabt", sagte er. „Du wärst in Dol Lorn besser aufgehoben gewesen." Dann war er verschwunden.
Frerin schluckte schwer. Er hatte gewusst, dass sein Übermut und sein Eifer ihm keine guten Ratsherrn gewesen waren und das Tal, in das sie ihn geführt hatten, war tief und finster. Verzagen keimte in ihm, seit Tagen, Wochen und hätte ihn um ein Haar in der Stadt zurückgehalten, die er so sehr hasste, auch wenn sie ihm eine zweite Heimat geworden war. Doch er konnte die Schmach und die Demut nicht vergessen, die über sein Volk gekommen waren und er konnte den Ort nicht vergessen, an dem er geboren wurde und aufwuchs. Der Tadel seines Bruders war eine bittere Arznei, die er zu schlucken versuchte, doch sie bekam ihm nicht. Er wusste, es war nicht Thorin allein, der an ihm zweifelte. Sein Bruder hatte wahre Worte gesprochen, den auch Thráin gab nicht viel auf seinen jüngsten Sohn und die sich ihm verbunden gezeigt hatten, hatten ihn verraten.
Er trat aus dem Schatten der Nische und blickte zu Meister Balin, der inzwischen ein kleines, aber beachtliches Feuer entfacht hatte. Die Erinnerung an jenem Abend in Simugoshs Schenke holte ihn ein, als Balin und Dwalin ihm von der Gemeinschaft der Hoffnung erzählt und dein Keim der Hoffnung in ihm gesät hatten, um schließlich doch all ihr Geschick auf Thorin zu setzen. Schweren Schritts trat er zu Fundins Sohn, mit auf einem kleinen Findling saß und mir einem Ast das Feuer schürte.
„Verzeiht Meister Balin", hob Frerin an, um sich zu entschuldigen.
Balin blickte überrascht auf, als hätte er Frerin nicht bemerkt. Er lächelte das gleichmütige, doch versöhnliche Lächeln, das ihm eigen schien und nickte. „Es ist recht Herr Frerin. Das Feuer brennt, setzt euch und wärmt die geschundenen Glieder. Es war kein langer Ritt heute und doch glaube ich, dass er von besonderer Anstrengung für euch war."
Frerin warf sein Bündel zu Boden, streifte seinen Mantel von den Schultern und breitete den nassen Stoff über sein Reisegepäck. Er setzte sich auf den trockenen Boden und hielt die Handflächen den Flammen entgegen. „Wie meint ihr das?", fragte er unvermittelt, ohne zu Balin aufzusehen. Frerin beobachtete das Flammenspiel des Feuers und Schatten tanzten über seine Züge, als Balin zu ihm hinüber sah. Überlegend, abwägend, welche Antwort die richtige für den jungen Zwergenprinzen war.
„Nun, mein Herr Frerin, ich weiß, die letzten Wochen waren nicht leicht für euch. Ihr seid jung und euer Blut rinnt heiß durch eure Adern. Es ist nicht leicht hinter dem eigenen Bruder zurückzustehen, wenn es hehre Ziele sind, nach denen das Herz strebt." Er griff in den Leinenbeutel, der neben ihm ab Boden lag, zog etwas getrocknetes Hirschfleisch und Cram hervor und begann es zu teilen. Wortlos reichte er Frerin einen Teil, brach ein Stück des Crams ab und schob es sich in den Mund. Angewidert verzog er den Mund und schluckte mühevoll.
„Grauenhaft!", jammerte er. Trockener als der Sand der dürren Heide und so schmackhaft wie gemahlener Vogeldung." Frerin konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als Balin eine Hand auf die Brust presste und hustete, als wolle er den Rest des abscheulichen Gebäcks so rasch wie möglich los werden.
„Aber", sagte Balin und hob einen Zeigefinger, „ich habe da etwas, dass uns diese Freveltat der Menschen etwas schmackhafter machen könnte." Wieder griff er in den Leinenbeutel und holte einen ledernen Trinkbeutel und zwei Becher hervor. Er zog den Korken vom Beutel und goss ihnen ein. Blutrot rann die Flüssigkeit in die Becher und verströmte einen süßlich herben Duft. Dankend nahm Frerin den Becher, den Balin ihm reichte und nippte daran. Es war Wein, der ihm wohlig warm die Kehle hinunter ran.
„Alter Wingert", flüsterte Balin und neigte sich zu Frerin herab. „Ein ganz besonderer Tropfen aus dem Auenland." Noch immer lag ein leises Lächeln auf Frerins Gesicht, als er sah, wie Balin seinen Wein trank und seine Züge sich erhellten.
„Ihr haltet mich auch für einen ungestümen Heißsporn, der eurer Sache mehr im Wege stehen wird, als ihr zuträglich zu sein", stellte er fest und stellte seinen Becher vor sich ab. „Erklärt mir Meister Balin, welche Rolle hattet ihr mir in diesem Spiel zugedacht, derer ihr mich nun nicht mehr gewachsen glaubt?"
Balin sah den jungen Prinzen irritiert an.
„Als ihr zu mir kamt, um mir von der Gemeinschaft der Hoffnung zu berichten, da nahm ich an, ihr glaubtet an die gleichen Ideale und Ziele wie ich. Und doch habt ihr euch meinem Bruder zugewandt und zugelassen, dass er mich auf offener Straße demütigt und zurechtweist."
Balin beobachtete Frerin mit skeptischen Blick. „Habe ich euch nicht einen Krieg versprochen mein Herr Frerin? Einen Krieg, der nicht nur den Tod eures Großvaters, unseres Königs rächt, sondern ein Krieg, der uns die Heimat zurückerobern wird, die man uns so schändlich genommen hat. Und ist es nicht eben dieser Krieg, zu dem wir nun rüsten?"
Frerin biss in sein Trockenfleisch und schluckte den zähen Brocken mühsam hinunter. „Ich sehe, dass wir in unser Verderben rennen, Meister Balin. Wir werden tot sein, ehe die versprengten Völker der Zwerge auch nur etwas von einem Krieg ahnen können. Was ist, wenn uns die Zwerge der Ered Luin nicht beistehen wollen, was ist, wenn Náin glaubt, die Rache an unserem König sei allein unsere Sache? Wir werden von einem zum anderen ziehen wie Bettler und am Ende mit leeren Händen heimkehren. Doch dann wird es zu spät sein."
Balin lachte. „Bei Durins Barte! Wo habt ihr eure Zuversicht gelassen Herr Frerin?"
„Ich begrub sie mit gemeinsam mit meinen Idealen, Meister Balin, an dem Tag, an dem ihr und euer Bruder mich und die Gemeinschaft der Hoffnung verraten habt." Frerin spuckte einen Rest des Fleisches ins Feuer und stürzte den Wein hinunter.
Abwägend blickte Balin auf ihn herab. Das Feuer prasselte und die Ponys scharrten in freudiger Erwartung ihres Abendessens unruhig mir den Hufen. Dwalin stand plötzlich neben ihnen und warf einige Äste neben die Flammen, jeder von ihnen bedeckt mit einem feinen Film aus glänzendem Eis. „Da habt ihr!", brummte Dwalin und zog die Kapuze vom Kopf. „Draußen tobt ein ungemütlicher Sturm, der nicht ohne Spuren gehen wird. Unser Weg morgen wird noch beschwerlicher sein als heute." Balin sah kurz zu seinem Bruder auf und nickte.
Mit einer fahrigen Geste warf Dwalin Schal, Mütze und Mantel neben das Feuer und ließ sich auf die Erde sinken. „Wir sollten bei früh schlafen und mit dem ersten Licht des Tages aufbrechen. Wir haben heute schon zu viel Zeit verloren und sollten längst auf halben Wege zu Bilians Hütte sein."
Frerin, verärgert von Dwalin in seinem Gespräch mit Balin unterbrochen worden zu sein, verstand die Spitze nur zu gut. „Ich hatte nicht den Eindruck, Herr Dwalin, als führte euch euer-"
Doch weiter kam er nicht. Ein scharfer Laut, wie ein Pfeifen und Heulen zugleich durchschnitt die Ruhe in der Höhle und ließ sie aufhorchen. Sie sahen einander an, mit weit aufgerissenen Augen, fragend. Alle drei wandten sich zum Höhleneingang um, in dessen dunklem Schlund Perrem Ohnehand stand und hinausblickte.
Dwalin sprang auf, als erneut ein Laut zwischen sie fuhr, dieses Mal jedoch klang es wie ein schnatterndes Rufen. „Was ist das?", stammelte er und blickte zu Perrem, der sich umgewandt hatte und mit wenigen Schritten bei ihnen war.
„Orkreiter!", sagte Perrem und trat das Feuer aus.
