9.
„Das ist noch eine Woche haltbar, das hier sogar noch einen Monat." Helga stand am Catering und durchforstete den Kühlschrank. „Sie sind doch am Abend der Präsentation auch gleich nach Hause gegangen", wandte sie sich an mich, „Ist Ihnen von meinem Essen vielleicht auch schlecht geworden?" – „Nein, mir ging es danach gut. Gab's denn Beschwerden?" – „Die Lisa, die ist nach der Präsentation neulich gleich nach Hause gekommen und seitdem geht's ihr schlecht. Sieht nach einer leichten Lebensmittelvergiftung aus." Die Präsentation war jetzt zwei Tage her und bei mir stand das Telefon kaum still. Lisas Ohnmacht hatte zu allerlei Spekulation geführt und lenkte hervorragend von Hugo und seinem Zustand ab. Seither war Lisa nicht zur Arbeit erschienen. „Andererseits, neulich stand in der Zeitung, dass Topmanager dreimal anfälliger für Magengeschwüre sind, vielleicht ist es das. Stress genug hat sie ja, die Lisa." Helga spekulierte immer noch, welch ominöse Krankheit Lisa ergriffen haben könnte. Nun, ihr werdet jetzt wohl sagen: Ohnmacht? Übelkeit? Erst erzählt dieser Typ von seinem ungeborenen Kind und von der Nacht mit der Mutter und jetzt ignoriert er die ersten, mehr als eindeutigen Anzeichen? Tja, ich kannte die Anzeichen bisher auch nur aus der Theorie und machte mir dementsprechend keine Gedanken…
Tag 4 nach der Präsentation: Lisa war wieder da! Irgendetwas war seltsam, sie zog sich von allen zurück – mir ging sie sowieso aus dem Weg, aber nun mied sie auch David. Ihre ganze Körperhaltung ihm gegenüber sagte: Lass mich zufrieden. Zumindest sah es für mich so aus, wenn sie sich aus Davids Umarmung löste oder bei Besprechungen seine Hand von ihrem Knie schob. Ich bildete mir ja nicht ein, dass ich etwas damit zu tun haben könnte, aber tief in meinem Herzen hoffte ich natürlich ein bisschen, dass David bei Lisa abgemeldet war. Was ich brauchte, war Gewissheit und die einmalige Chance dafür spielte mir ausgerechnet David zu. Er hatte eine Presserklärung über Lisa und sich vorbereitet und brachte sie mir: „Überarbeiten Sie das und geben Sie es dann raus." Er wollte mich quälen, denn die Erklärung war einwandfrei und er wusste das. Aber ich kann mich auch dumm stellen, wenn ich will. Ich veränderte dies und jenes an dem Text und ging dann zu Lisa ins Büro: „Frau Plenske? Herr Seidel wollte, dass ich das hier überarbeite und dann rausgebe. Da die Angelegenheit etwas…ähm… delikat ist, möchte ich, dass er seine Zustimmung gibt und da ich ihn gerade nicht finden kann, dachte ich mir, ich wende mich an Sie." Du wolltest doch aufhören, dich anzupassen und zu verbiegen! Wieso fragst du sie nicht direkt? Vielleicht wollte sie dir das sagen, als sie das Gespräch mit dir gesucht hat, vielleicht hatte sie dich schonend darauf vorbereiten wollen. Schonend vorbereiten? Nachdem sie dein Herz zu Hackfleisch verarbeitet hat? Wohl kaum. Ich war keinen Deut besser als alle anderen in der Branche – ich war genauso verlogen, aber es sollte ja einer guten Sache dienen. Ich wollte mit dem Kapitel Lisa abschließen. Ich lief Gefahr, dass sie komplett dicht machte, wenn ich sie direkt fragen würde, darum habe ich diesen eher unaufrichtigen Weg gewählt. Und wieso sollte ich nicht auch mal so sein? Wieso sollte ich immer der liebenswerte, verständnisvolle Trottel sein? Offensichtlich machte es Lisa an, belogen, betrogen und ausgenutzt zu werden – sonst würde sie ja nicht so auf David stehen. Aber wenn es wirklich das war, was sie wollte, dann würde ich ihr wohl nicht dienen können, denn eigentlich war das nicht ich. Ich bin gerne aufmerksam und verständnisvoll, das macht es für mich auch leichter. Ich beobachtete Lisa ganz genau, als sie den Artikel las, in dem David sich offiziell zu ihr bekannte und die Medien an seinem vermeintlichen Glück teilhaben ließ. Sie zog erst die Augenbrauen hoch, dann legte sich ihre Stirn in Falten und dann zog sie ihre Augenbrauen wieder hoch, bevor sie das Papier in einer schnellen Bewegung zerriss – einmal, zweimal, dreimal, viermal und sie kämpfte heftig, bevor sie es auch ein fünftes Mal zerriss und die Schnipsel in ihren Papierkorb beförderte. „Tut mir leid, dass Sie Ihre Zeit damit verschwendet haben." Ich war verwirrt, höchst verwirrt. War dieser Artikel nicht das, was Lisa sich, seit ich sie kannte, wünschte? Und jetzt zerriss sie ihn einfach. „Was stimmt denn damit nicht?" – „Nichts, daran und vor allem darin stimmt nichts." – „Das heißt, Sie beide sind nicht zusammen?" Ich bekam ein kurzes Kopfschütteln als Antwort. Ich verließ Lisas Büro. Was hatte das wohl zu bedeuten? War David vielleicht doch nur eine Fassade, so wie meine Mutter es gesagt hatte und hatte Lisa die schmerzliche Erfahrung gemacht, von der Mama gesprochen hat? Und wenn ja, was hatte das für mich zu bedeuten?
Fast eine Woche war seit diesem mehr als merkwürdigen Gespräch vergangen und ich saß wie so oft mit meinen spärlichen Essensresten auf dem Sofa und wollte mir gerade etwas Sinnfreies im Fernsehen ansehen, um mich von dem Endloskreis meiner Gedanken über Lisa abzulenken, als es an meiner Tür raschelte. Durch das in der Tür eingelassene Glas konnte ich sehen, dass dort jemand stand. Vielleicht probieren es die Zeugen Jehovas mal wieder bei mir. Ich liebe nichts mehr, als solange Gespräche mit denen über Gott und den Sinn des Lebens zu führen, bis sie froh sind, dass ich sie wieder gehen lasse. Auf diese Art und Weise habe ich es geschafft, dass sie meine Wohnung immer auslassen, wenn sie ihre Tour machen… Ich wartete also darauf, dass es klingelte. Aber es klingelte nicht – stattdessen wurde das Rascheln vor meiner Tür lauter, aber seltsamerweise war der Schatten der Person, die da eben noch stand, weg. Meine Neugier, aber auch meine Argwohn waren geweckt. Ich stellte also mein erbärmliches Essen auf den Couchtisch und ging zur Tür. Ich öffnete die Tür vorsichtig - man konnte ja nie wissen - und war mehr als erstaunt bei dem, was ich sah.
Auf dem Boden vor meiner Wohnungstür hockte eine junge Frau, die offensichtlich versuchte, ein Stück Papier unter meiner Tür durchzuschieben. „Lisa?!" Das Paar Augen, das ich verschreckt ansah, gehörte in der Tat Lisa. Langsam stand sie auf, blickte aber dennoch zu Boden: „Was machst du denn hier?" Ich wollte nicht unfreundlich klingen, wirklich nicht, aber die Situation war absurd. Immerhin hatte ich einen Briefkasten und was konnte schon so wichtig sein, dass es nicht warten konnte? „Ich… ich wollte zu dir, aber… aber mich hat gerade der Mut verlassen. Es ist aber wichtig, darum wollte ich das hier unter der Tür durchschieben, damit du es heute noch kriegst." Sie deutete auf den Umschlag in ihrer Hand. Ich griff danach: „Komm doch erstmal rein." Ich machte einen Schritt zur Seite, damit sie eintreten konnte. Und nun standen wir da im Eingangsbereich, wie zwei verklemmte Teenager. Im Nachhinein glaube ich, es wäre besser gewesen, wenn ich mich doch gesetzt hätte. Ich öffnete den Briefumschlag und zog ein Papier heraus. „Wir müssen reden", stand dort in Lisas ordentlicher Handschrift. Das Papier war seltsam, war das Fotopapier? Ich drehte es um und für einen Moment dachte ich, es zöge mir die Beine weg – das war ein Ultraschallbild! Ich musste mich setzen. Wie ich es geschafft hatte zum Sofa zu kommen, weiß ich nicht mehr, ich war viel zu sehr in Gedanken. Natürlich träumte ich von Kindern und natürlich vorzugsweise mit Lisa, aber doch nicht so. Ich legte das Bild auf den Couchtisch und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Das durfte doch nicht wahr sein – ich hatte Lisas Glück mit David zerstört bevor es richtig angefangen hatte… Oder vielleicht doch nicht? „Seit wann weißt du es?" – „Seit 4 Stunden." Lisa setzte sich zu mir auf das Sofa und wirkte ein bisschen verloren. „Wie weit bist du?" – „Zehnte Woche, auf den Tag genau." - „Nicht einmal du kannst das auf den Tag genau errechnen." – „Wenn das erste Mal ein Volltreffer war, dann schon." Das erste Mal…Volltreffer…ihre Worte hallten in meinem Kopf. Unsere Nacht war ihr erstes Mal? Und es soll ihr wirklich nichts bedeutet haben? Ausgerechnet Lisa! Das konnte ich nicht glauben, da musste mehr dahinter stecken. „Und was ist mit David?" Lisa wirkte verletzt, als ich sie das fragte, aber ich musste es einfach wissen. „Was soll mit ihm sein?" – „Kommt er als Vater in Betracht?" – „Nein. Da lief nichts…auch wenn er es gerne gewollt hätte." Darüber musste ich erst einmal nachdenken… Rokko an seinen Verstand, Rokko an seinen Verstand: Noch da? Verstand an Rokko, Verstand an Rokko: Bin noch da, aber gerade total geplättet. Rokko an Verstand: Begreifst du, was hier läuft? Verstand an Rokko: Nee, eher nicht. Das gedankliche Zwiegespräch mit mir selbst, musste wohl unerträglich lange gedauert haben in Lisas Augen: „Ich geh dann wohl besser." Lisa hatte sich erhoben und steuerte auf die Tür zu. Ich sprang auf und griff nach ihrem Ellenbogen: „Nein. Du bist hier und du wolltest reden. Dann rede."
