Deep Space Nine, 2373

Elim erstarrte, als er die beiden Frauen auf der Promenade erblickte. Raghman, diesmal in ihrer bajoranischen Gestalt, hatte sich bei Ziyal eingehakt, und die beiden waren ins Gespräch vertieft. Das Gefühl der Panik, das ihn erfüllte, war überraschend. Er hatte sich nicht eingestehen wollen, wie viel Ziyal ihm bedeutete. Er war nicht nur mit ihr zusammen, um ihren Vater zu provozieren. Er empfand wirklich etwas für sie. Und nun hatte Raghman das herausgefunden.

Sie betraten sein Geschäft zusammen. Ziyal wirkte entspannt, offensichtlich verstand sie sich gut mit Raghman. Nicht überraschend, Raghman konnte sehr charmant sein, wenn sie wollte.

„Hallo Elim." Raghmans Lächeln schien ehrlich, aber er wusste, dass es nur Fassade war. „Du hast mir nicht gesagt, dass du so eine entzückende Partnerin gefunden hast. Herzlichen Glückwunsch."

„Wir sind noch nicht lange zusammen."

„Ich habe Corian in Sorans Galerie getroffen. Sie interessiert sich für die neueren bajoranischen Maler, ebenso wie ich. Ich war so überrascht, zu hören, dass ihr euch kennt."

Ziyals unschuldige Begeisterung war fast schmerzhaft. Raghman interessierte sich keinen Deut für bajoranische Malerei, auch wenn sie sicher genug darüber wusste, um es vorzutäuschen. „Ja, wir kennen uns seit einigen Jahren."

Elim schaffte es nicht, gleichgültig zu erscheinen, und Ziyal war nicht dumm. Ihre Augen verengten sich, und sie sah von Raghman zu ihm. „Ich hatte den Eindruck gewonnen, ihr wärt befreundet."

„Freunde, Geschäftspartner, und mehr. Ist das nicht so, Elim?"

Elim unterdrückte das Verlangen, die Fäuste zu ballen. „Ja, sehr gute Geschäftspartner."

Raghman lehnte sich gegen die Wand und grinste. „Um ehrlich zu sein, ich bin hier um etwas Geschäftliches mit dir zu besprechen, Elim. Hast du Zeit für eine… private… Unterhaltung?"

Ziyal musterte sie beide, und es war schwer zu sagen, was sie dachte. „Ich gehe besser", sagte sie schließlich. „Ich bin ohnehin mit Nerys zum Abendessen verabredet. Bis morgen, Elim." Sie presste in einer seltenen besitzergreifenden Geste ihre Handfläche gegen seine Wange, und ging.

Raghman lächelte. „Eine kluge junge Frau."

„Lass sie in Ruhe", zischte Elim, die Beherrschung verlierend.

Raghman lachte. „Oder was, Elim? Was könntest du tun, wenn ich ihr Schaden zufügen wollte?"

Er warf einen kurzen Blick auf die Promenade, um sicher zu gehen, dass ihnen keiner zusah, dann packte er ihre Arme und presste sie gegen die Wand. „Ich weiß es nicht, aber du wirst es bereuen."

Raghman musterte ihn und grinste. „Meine Güte, du hast wirklich Gefühle für sie. Vorsicht, Elim, diese Anwandlungen haben dich schon einmal in Schwierigkeiten gebracht." Sie befreite sich ohne große Anstrengung aus seinem Griff. „Keine Sorge, ich habe nicht die Absicht, Dukats Tochter zu verletzen. Skrain ist ein Idiot, der Cardassia ruinieren wird, aber im Moment ist er noch nützlich für mich."

Elim trat einen Schritt zurück. „Ist das alles, was dich interessiert? Dukat hat Cardassia an das Dominion verschachert, sie werden unser Volk nicht so einfach wieder gehen lassen."

Raghman verzog das Gesicht. „Unglücklicherweise hast du Recht. Was er getan hat ist unverzeihlich, und der Preis den wir dafür bezahlen werden wird hoch sein. Aber Cardassia wird sich aus dieser Situation befreien. Noch brauche ich Dukat, um zu tun, was notwendig ist. Lass uns zu deinem Quartier gehen, Elim. Dies ist nicht der Ort für diese Unterhaltung."

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Elim trat widerwillig zur Seite und ließ sie eintreten. Er wusste, wie sich dieser Besuch entwickeln würde, sie verliefen immer gleich.

„Du hast Pläne, Cardassia von dem Dominion zu befreien? Ich befürchte, du wirst im Moment nicht viel Unterstützung dafür finden, und wenn doch, das Dominion ist sehr effizient. Alle meine früheren Kontakte sind nun tot."

„Leider warst du nicht sehr diskret in deinen Anfragen. Glaube mir, Elim, es gibt viele, die Dukats Enthusiasmus für Cardassias neue Herren nicht teilen."

„Alliierte", entgegnete er zynisch.

„Alliierte, die sich für Götter halten und uns für kaum mehr als Sklaven. Nicht alle sind naiv oder dumm genug, das zu übersehen."

Elim seufzte. Er hatte schon lange seinen Glauben an die Intelligenz der breiten Masse aufgegeben, wenn er ihn je gehabt hatte. „Ich bezweifle dennoch, dass du es schaffen wirst, einen Widerstand innerhalb Cardassias aufzubauen, und selbst wenn, das Dominion wird ihn ausradieren, sobald sie davon erfahren."

Raghman lächelte. „Du unterschätzt mich und meine Leute. Es wird Geduld brauchen, sicher. Die Zeit ist noch nicht reif für offenen Widerstand. Aber ich habe nicht jahrelang den bajoranischen Untergrund bekämpft, ohne etwas dabei zu lernen. Wenn die Zeit gekommen ist, werden wir Cardassia zurückgewinnen."

Vielleicht hatte sie Recht. Er hoffte es, auch wenn er sich nicht sicher war, ob Raghman wirklich besser war, als Dukat. Raghman würde Cardassia wenigstens nicht an den Erstbesten verkaufen, der ihr versprach, sie zum Alleinherrscher zu ernennen. Jedenfalls hoffte er das.

Sie schüttelte den Kopf. „Elim, wir beide wissen, dass Skrain nur eine einzige Loyalität kennt – zu sich selbst. Cardassia ist für ihn nur ein abstraktes Konzept, er fühlt nicht das Geringste für unser Volk. Wir sind da anders. Wir haben beide einmal geschworen, Cardassia zu beschützen, was immer es auch kostet. Es war kein leerer Schwur."

Er sah zu Boden. „Ich weiß das nur über mich selbst."

Sie trat zum Replikator und bestellte sich ein Glas Tee. „Dein Vater hat Shri-tal mit dir geteilt."

Er antwortete ihr nicht und trat an das Fenster. Was konnte er ihr antworten?

„Er hat es dir gesagt."

Sie klang nicht überrascht, nicht einmal besorgt. Es machte Elim wütend. „Es stört dich nicht?"

Sie lächelte. „Sollte es das?"

„Er nannte dich eine Abscheulichkeit!"

„Es freut mich zu hören, dass er im Angesicht seines Todes verzweifelt ist. Ich habe immer gehofft, dass er als gebrochener Mann sterben wird."

Die unbekümmerte Art und Weise mit der sie das sagte überraschte Elim. Er hatte sie verletzen wollen, und er hatte erwartet, dass diese Bemerkung es tun würde. Er wusste, sie hatte Tain gehasst. Tain hatte versucht sie umzubringen, hatte ihren Vater umbringen lassen. Sie hatte Elim oft genug gesagt, dass sie ihn ruinieren wollte. Tains Tod, der Fall des Ordens… hatte Raghman dabei ihre Hand im Spiel gehabt?

„Er hat mir gesagt, ich sollte dich umbringen."

„Wahnvorstellungen eines sterbenden alten Mannes." Sie lächelte Elim an. „Du weißt, dass du mich niemals umbringen wirst, Elim. Du wirst mir nie auch nur den geringsten Schaden zufügen, außer ich will dass du es tust."

Elim ballte die Fäuste. „Du scheinst dir da sehr sicher zu sein."

„Das bin ich." Raghman lehnte sich gegen die Wand und streckte ihre Hände flach neben sich aus. „Komm. Warum tust du es nicht? Enabran hatte Recht, ich bin eine Abscheulichkeit. Eine Perversion der Natur. Ich hätte nie existieren dürfen. Ich werde das Cardassia das du kennst vernichten und ein neues Imperium aus seiner Asche erbauen. Ich werde die Welt in meinem Abbild formen und mich am siebten Tage als ihr neuer Gott feiern lassen. Wie sieht es aus, Elim? Ich fühle mich noch immer sehr lebendig. Gefallen dir meine Pläne?" Sie lachte.

Elim stand ihr hilflos gegenüber. Er wollte sie nicht töten. Allein die Vorstellung war… unvorstellbar. Ein Teil von ihm wusste, dass dies nicht normal war, aber er begann bereits, seine Entscheidung zu rationalisieren. Warum sollte er auf Tain hören? Er schuldete dem Mann nichts. Vielleicht hatte Raghman Recht, und er hatte im Wahn geredet. Raghmans Worte verblassten. Sie meinte sie ohnehin nicht ernst. Sie sagte dergleichen nur, um ihn zu provozieren.

Raghman lächelte, trat auf ihn zu, und strich mit der Hand seinen Hals entlang. „Ich verstehe, dass du um deinen Vater trauerst, Elim. Er war kein guter Mann, aber er war dein Vater. Du musst jedoch verstehen, dass er es sich selbst zuzuschreiben hatte."

„Ich weiß das", entgegnete Elim ungehalten, ihrer Hand ausweichend.

Ihre Hand folgte seiner Bewegung und griff nach seinem Kinn. „Du denkst nur nicht immer nach, bevor du handelst."

Elim wich ihrem Blick aus. „Ich sollte dich eliminieren", sagte er ohne Überzeugung. „Du wirst dich eines Tages für das rächen, was mein Vater getan hat."

Raghman strich mit den Fingern über seine Knorpellinien. „Ich habe bereits all die Rache, die ich wollte. Es wäre töricht, diese Fehde darüber hinaus weiter fortzuführen. Du hast nichts von mir zu befürchten. Weder du, noch deine Mutter, noch deine Partnerin oder deine Kinder… deine Familie ist sicher vor mir. Sicher in meinem Schatten."

Elim neigte sich unwillkürlich ihrer Hand entgegen. „Was hast du mit mir gemacht?"

Sie lächelte kalt. „Ich nahm den Lehm, und brannte ihn in eine Form die mir genehm war." Ihre Hände glitten unter sein Hemd und über die Knorpel auf seiner Brust. „Ich sah auf mein Werk, und war sehr zufrieden damit." Sie öffnete sein Hemd. „Ich will, dass du weißt, dass ich dich zu dem gemacht habe, was du bist. Du gehörst mir. Ich habe dich als meine Entschädigung genommen für die Sünden deines Vaters. Nun, da du mein bist, sollst du nicht länger unter ihnen leiden." Sie sah in seine Augen. „Verstehst du mich?"

Elim verstand sie, auch wenn er sich gewünscht hätte er täte es nicht. Er nickte.

„Gut. Dann zeig mir, dass du dich an das erinnerst, was ich dir beigebracht habe. Ich habe kein Interesse daran, eine Puppe zu ficken."

Cardassianische Hauptstadt, 2376

Elim atmete den vertrauten süßen Duft der Orchideen ein. Es war kaum vorstellbar, dass sich noch ein Jahr zuvor nur Trümmer an dieser Stelle befunden hatten. Nun war dieser Ort ein Garten, wie ihn Cardassia seit Jahrzehnten nicht gesehen hatte.

Die Frau, die neben ihm auf der Bank Platz nahm, war gealtert, aber mit Würde. Sie war noch immer eine schöne Frau.

„Dieser Ort ist wunderschön", sagte sie. „Wie ein Traum."

„Manchmal denke ich, die vergangenen Jahre waren der Traum", entgegnete er. „Ein Alptraum, aus dem wir nun aufgewacht sind."

Palandine lächelte melancholisch. „Ich bin sicher, das wünschen sich viele."

„Ich habe gehört, deine Tochter Kel hat sich in Tanrith eingeschrieben. Literatur, wenn ich mich nicht täusche?"

Sie musterte ihn. „Wie ich sehe, bist du noch immer gut informiert. Ja, sie hat sich entschieden, Literatur und Geschichte zu studieren."

„Geschichte." Er lächelte trocken. Welche Ironie. „Das ist ein herausforderndes Fach geworden."

Sie sahen sich an. Es war ein seltsames Gefühl, einen Menschen gleichzeitig unheimlich vertraut und fremd zu finden. Vor vielen Jahren hatte Elim Palandine einmal so sehr geliebt, dass er ihren Mann umgebracht hatte. Die Erinnerung an dieses Gefühl war noch immer da, aber das war alles, was es war – eine Erinnerung. Er fragte sich, ob sie genauso fühlte.

„Warum gehen wir nicht ein Stück gemeinsam spazieren?", sagte er, die Hand ausstreckend.

Ihre Finger fühlten sich durch das Leder seiner Handschuhe hindurch warm an, als er ihr aufhalf. Sie gingen schweigend den verschlungenen Weg entlang, durch einen Dschungel von Pflanzen hindurch. Während sie gingen, ertappte sich Elim dabei, dass seine Gedanken nicht bei der Frau neben ihm waren, sondern bei Cardassia. Was würde aus ihrem Volk werden, nun, da so viele der alten Strukturen zerstört waren? War dies das neue Cardassia, wild und chaotisch? Er konnte sich nicht vorstellen, dass sein Volk so leben konnte. Cardassianer brauchten Freiheit, ja. Palandine hatte ihm einst beigebracht, dass Freiheit sich immer ihren Weg bahnen würde, selbst in der rigidesten Gesellschaft. Der oralische Weg hatte das Imperium überlebt, allen Widrigkeiten zum Trotz. Aber Freiheit war nicht alles.

Ihr Volk brauchte auch eine Regierung, der es vertrauen konnte, eine Regierung, die es beschützte und es versorgte. Ihr Volk brauchte mehr als Anführer wie Dukat und Raghman, die letztendlich nur ihre eigenen Interessen verfolgten. Raghman behauptete zwar, sie würde nur im Sinne Cardassias handeln, aber Elim bezweifelte es. Zugegeben, sie hatte bislang mehr für Cardassia getan, als Dukat. Der Garten, durch den sie gingen, war der beste Beweis. Wann hatte es auf Cardassia das letzte Mal Gärten gegeben? Nun streckten sie sich von Horizont zu Horizont, Felder voller Korn, Gärten voller Früchte, an Orten, die einst Wüste gewesen waren. Unter Raghmans Anleitung erwachte Cardassia zu neuen Leben. Doch würde sie für immer mit dieser Rolle zufrieden sein? Was, wenn die Bewunderung der Cardassianer nachließ, wenn sie nicht länger ohne zu fragen ihrem Rat folgten? Würde der von ihr eingesetzte Rat sich ihr widersetzen? Das Zentralkommando, das zur Hälfte aus ihren Antamon bestand? Die vom Volk gewählte Detapa, ein Parlament dessen Macht nur auf dem Papier bestand?

Der Frieden und der Wohlstand, die ihr Volk im Moment genoss, waren nur eine fragile Illusion. Ein entscheidender Teil ihrer Regierung fehlte, der Teil, der über Jahrhunderte hinweg für Stabilität gesorgt hatte. Wie all die anderen Teile würde sich auch dieser Teil erneuern müssen, damit Cardassia überleben und wachsen konnte.

„Wo sind deine Gedanken, Elim?" Palandine legte ihre Hand auf seinen Arm. „Ich habe das Gefühl, sie sind weit weg."

Er lächelte. „Im Gegenteil, meine Liebe. Ich denke das Gleiche wie du – dieser Garten ist ein Traum."

Palandine senkte den Blick. „Ich hoffe, er wird ein Traum bleiben."

Elim legte seine Hand auf ihre. „Ich verspreche dir, ich werde tun, was in meiner Macht steht, damit dieser Garten seine Schönheit niemals verliert." Er lächelte amüsiert. Hatte er nicht jemandem versprochen, er würde in Erwägung ziehen, wieder als Gärtner zu arbeiten?

Palandine sah zu ihm hoch und er wusste, sie brauchte keine Telepathin zu sein, um zu wissen, was er dachte. Die Liebe mochte erloschen sein, aber es gab kaum jemanden, der ihn besser kannte, nicht einmal Raghman. „Ich weiß, das wirst du", sagte sie.

Orbitale Basis Sandun, 2374

„Diese Kinder sind nicht wirklich nur Telepathen, nicht wahr?" Elim sah auf die Trainingsebene hinab, wo zwei Teenager mit nahezu unnatürlicher Schnelligkeit in einen Zweikampf verwickelt waren.

„Wie scharf geschlossen." Raghman lehnte ihren Kopf zurück. „Was ich dir erzählt habe ist wahr, nur dass das telepathische Talent ohne die genetischen Modifikationen meines Vaters niemals erwacht wäre. Er hat die romulanischen Gene meiner Mutter und seine eigenen benutzt, um mich zu erschaffen… aber er hat sie verändert um mich besser zu machen als die Summe meiner Teile. Ich habe die latenten Talente dieser Kinder zum Leben erweckt. Einige von ihnen sind Telepathen. Andere sind Soldaten. Wieder andere Wissenschaftler. Sie sind klüger, stärker, weiterentwickelt als die durchschnittlichen Cardassianer… alles was nötig war, war ein kleiner Anstoß."

„Es hat auf der Erde nicht funktioniert."

„Nein, aber wir sind keine Menschen. Wir sind Cardassianer. Ich habe diese Kinder nicht aufgezogen, um unsere Welt zu beherrschen. Ich will, dass sie ein Teil unserer Gesellschaft werden, ein nützlicher Teil. Sie wissen das, und sie akzeptieren diese Rolle. Wir sind Cardassianer. Wir wissen, dass die Gesamtheit über dem Individuum steht."

„Selbst über dir?", fragte er zynisch.

Die Frage schien sie zu überraschen. „Ich bin lediglich ein Instrument Elim. Ich habe eine Rolle zu spielen, und ich werde sie spielen. Alles was ich tue, ist für Cardassia. Ich dachte, das wüsstest du inzwischen."