Schattennacht

oooOOOooo

Fanfiction von Lady of the Dungeon featuring Slytherene

Hallihallo! Nachdem es im letzten Kapitel turbulent herging, wird es jetzt dramatisch und mysteriös.
Soviel sei vorab verraten: Lucius benutzt zum ersten Mal sein „Grünes Mal", das er Remus eingebrannt hat, und Severus kann zunächst nicht verhindern, dass Remus disapparieren muss. Dann aber verlaufen die Dinge gänzlich anders, als von Severus erwartet, und Dumbledore beweist einmal mehr ein besonderes Gespür für seine ehemaligen Schüler.

Doch werden der Direktor und die dramatischen Umstände tatsächlich einen Lucius Malfoy bewegen, mit dem Phönixorden zu kooperieren?


10. Das verfluchte Pergament

Grimmauldplatz ist noch unfreundlicher als sonst. Da Remus die Adresse preisgeben musste, bleibt ein Gefühl der Unsicherheit. Dennoch haben sich alle eingefunden, und das große Esszimmer der Familie Black surrt vom Stimmengewirr wie ein Bienenstock.

Dumbledore eröffnet mit sorgenvoller Miene die außerplanmäßige Sitzung.

Severus hört nur mit halbem Ohr zu. Etliche Mitglieder müssen erst auf den neuesten Stand der Ereignisse gebracht werden, einige wissen nicht einmal von Remus' Gefangennahme und Auror Blanches Tod. Severus' Gedanken rasen: Draco will und soll nach dem Willen seiner Eltern das Dunkle Mal nehmen. Hat er Potter aus dem Schloss gelockt? Draco ist ehrgeizig, er huldigt dem Dunklen Lord, und darin ist er so maßlos wie seine Mutter. Zuzutrauen wäre es ihm zweifellos. Doch ist Potter auch dumm genug, sich darauf einzulassen? Vermutlich.

Gerade als Dumbledore über das Verschwinden von Potter und Draco berichtet, schreit Remus auf und greift sich an den Unterarm. Die weiße Schlange in Malfoys Wappen zischt so laut, dass Severus sie selbst im hintersten Teil des Raumes hören kann. Lucius ruft ihn, zwingt ihn zu disapparieren.

„Remus, nein!", hört Severus jemanden voller Angst rufen, und die Stimme klingt verdächtig nach seiner eigenen.

Dumbledore beginnt eine neue, noch stärkere Apparitionssperre zu beschwören, die von innen nach außen wirkt. Severus kennt die typische Stabbewegung.

Gleichzeitig flackert Remus' Gestalt jedoch auf, und im nächsten Augenblick ist er verschwunden.
Nackte Angst und Sorge spiegeln sich in den Gesichtern der erschrockenen und betroffenen Ordensmitglieder.

Nur Sekunden später dringen laute Rufe und das Geräusch querschlagender Flüche von draußen herein.

„Merlin, sie sind direkt vor dem Haus!", ruft Arthur Weasley aus.

Alle stürzen zum Fenster. ‚Sie' sind nicht etwa die Todesser in Kampftruppstärke, sondern lediglich Lucius Malfoy und Remus, die sich duellieren, als gelte es ihr Leben. Und beide scheinen es ernst zu meinen.

Severus zieht eine Augenbraue hoch. Trotz des beeindruckenden Funkenflugs: Lucius greift nicht an, er verteidigt sich nur. Das sieht dem blonden Zauberer gar nicht ähnlich.

Geistesgegenwärtig läuft Severus zur Tür und springt auf die Straße. Noch könnten draußen versteckt postierte Todesser glauben, er eile Lucius zur Hilfe.

Zu seiner Verblüffung hat der Kampf ein jähes Ende gefunden. Lucius steht direkt vor Remus und hat den Werwolf an den Schultern gepackt. Er schüttelt ihn und schreit ihn an, sein Gesicht ist weiß vor Zorn. Severus hat Lucius noch nie in einer derartigen Verfassung gesehen!

Remus hingegen versucht Lucius' Hände anzuschütteln und brüllt laut zurück. Er packt seinerseits Lucius am Arm und zerrt ihn grob vom Haus weg.

Severus kann nur Wortfetzen verstehen. „Wie die Tiere", „unmenschlich" und „ein Kind" kommt es von Lucius, während Remus vehement den Kopf schüttelt und „das ist eine Lüge", „niemals" und „kranke Fantasie" schreit.

Silencio!", sagt Severus mit erhobenem Stab in normaler Lautstärke, und im selben Augenblick verstummen die Kontrahenten.

„Was wird das, ein Wettkampf im Synchronbrüllen?", fragt der Tränkemeister kalt.

Lucius' erblickt ihn und sein wortloser Fluch verfehlt Severus um Haaresbreite. Den kurzen Moment nutzt Remus, um Lucius den Stab aus der Hand zu schlagen, der klackernd auf dem Asphalt liegen bleibt. Remus stellt seinen schweren Stiefel darauf.

„Du!", liest Severus von Lucius' Lippen, und seine grauen Augen schießen Blitze vor Wut.

Remus hebt den ‚Silencio' selbst auf, der ihn bindet und packt Lucius wieder am Arm.

„Weder Severus noch ich noch sonst wer vom Orden hat etwas damit zu tun, begreif doch endlich, Malfoy! Sie ist nicht bei uns, das ist eine infame Lüge!"

Lucius entgegnet etwas, das leider nicht verständlich ist, da er immer noch unter dem Stillezauber steht, und er knallt Remus ein Pergament vor die Füße. Severus lässt es mit einem Schlenker seines Stabes in seine Hand schweben, wobei er Lucius wachsam im Auge behält. Doch sein ehemaliger Freund macht keine Anstalten mehr, sie anzugreifen, zumal der Werwolf an seinem Stabarm hängt, und Remus kann physische Kräfte entwickeln, denen Lucius nicht gewachsen sein dürfte. Remus ruft Lucius' Stab auf und steckt ihn ein.

Als Severus das blutbefleckte Pergament aufrollt, kullert ihm etwas entgegen. Lucius fängt es, bevor es auf den regennassen Boden fallen kann, und wie paralysiert starrt Remus auf das kleine blutige Ohr, das einen gruseligen Kontrast zu Lucius' schwarzem Lederhandschuh bildet.

„Ich schwöre, ich habe das nicht geschrieben", sagt Severus tonlos.

Remus hebt den ‚Silencio' auf, der Lucius bindet.

„Es ist deine Schrift, Severus Snape", zischt Malfoy. „Und ich habe einen „Veritas" drüber laufen lassen, das Pergament ist echt und der Inhalt zutreffend. Wo ist sie? Was habt ihr mit meiner Tochter gemacht?"

Severus holt tief Luft. Dass Lucius ihm zutraut, das Kind entführt und verstümmelt zu haben, zeigt, wie erfolgreich er in den letzten Jahren den Todesser gespielt hat. Sein Blick huscht noch einmal über die Sätze, die Lucius so außer Fassung gebracht haben, dass er allein zum Hauptquartier des Phönixordens appariert ist, nur um ihn zur Rede zu stellen. Eine Himmelfahrtsmission für einen Todesser! Allerdings auch pure Not, wenn man die Drohungen in dem Brief ernst nimmt und die Ziele der Entführer als wahr ansieht.

Das Schlimme ist – wenn Lucius keinen Fehler gemacht hat bei seinem „Veritas", und das ist selbst bei seiner Aufgebrachtheit unwahrscheinlich – stimmt jedes Wort.

Irgendjemand hat Lucius' kleine Tochter, und er wird sie töten, wenn Lucius nicht einen erheblichen Teil seines Vermögens zu opfern bereit ist.

„Ich kann nicht glauben, dass du das machst – für etwas wie Gold, Severus, verflucht!", zischt Lucius.

„Dann glaube es nicht!", schnarrt Severus. „Verdammt, hattest du je den Eindruck, Reichtum bedeute mir etwas?"

„Hört auf", unterbricht Remus. „So kommen wir nicht weiter. Wenn der ‚Veritas' wirksam war, wovon ich mal ausgehe bei Ihren Fähigkeiten, Malfoy, ist der Inhalt des Briefes wahr. Wenn Severus sagt, dass er ihn nicht geschrieben hat, dann ist auch dies die Wahrheit. Stellt sich die Frage, wer ihn geschrieben hat – und mit welchem Ziel."

Er hebt seinen Stab und tippt auf das Pergament. „Revelatio autoris." Nichts geschieht.

„Die Herkunftsarkanik ist versiegelt", faucht Malfoy. „So weit war ich auch schon."

„Warum hätte ich das tun sollen, wenn ich den Erpresserbrief mit der Hand verfasst hätte?", fragt Severus. „Ich weiß doch, dass du meine Schrift kennst, Lucius. Warum sollte ich jetzt abstreiten, wenn ich dein Gold wollte? Du bist hier, du bist unbewaffnet, und wenn ich deine Tochter hätte, wärest du völlig machtlos. Dies ist der Moment, an dem ich dich auffordern würde, mich zu Gringotts zu begleiten. Aber ich habe Selène nicht gekidnappt, und auch sonst niemand vom Orden. Das sind – wie du sehr richtig angemerkt hast – Todessermethoden…"

„Ich sagte ‚unmenschlich', Severus", korrigiert Malfoy bitter.

„…es sind jedenfalls nicht die Mittel, die wir verwenden", beendet Remus die Diskussion. „Im Gegensatz zu euch. Wo ist Harry Potter?"

„Potter?", fragt Lucius erstaunt zurück. „Ich vermute doch, in Hogwarts. Es ist Unterricht."

Severus fängt Remus' Blick auf. Es scheint offensichtlich, dass Lucius keine Ahnung hat, dass Harry verschwunden ist – zusammen mit Draco. Doch er will sicher gehen. Ohne ein weiteres Wort setzt er Lucius seinen Stab an den Kopf.

Legilimens!"

Bilder stürmen auf ihn ein. Lucius, der mit einer Heilerin in St. Mungos spricht und ihr Jamie übergibt, dann das Aufleuchten blauer Schlangen auf Lucius' Stab, die ihn warnen – das muss der Moment sein, in dem Bill den Alarm ausgelöst hat, als er die äußere Schranke gebrochen hat - , als nächstes das Gesicht von Emmeline Vance, die an Lucius vorbeigeht und ihn grüßt, um im nächsten Augenblick ihren Stab zu ziehen. Lucius ist schneller. Schmerz, als Kingsleys Fluch trifft, den Lucius nur zum Teil mit seinem ‚Protego' blocken kann, eine überstürzte Fluch die Hintertreppen den Krankenhauses hinunter. Das Brennen des Dunklen Mals, als Lucius' Meister ruft, und schließlich die gnadenlosen roten Augen des Dunklen Lords, als er Lucius für seinen Fehler bestraft. Grausame Schmerzen und eine Demütigung, die Lucius wohl niemals vergessen wird.

„Merlin", flüstert Severus. „Dass du noch gerade stehen kannst."

Er blickt auf und sieht etwas in Lucius' Augen, von dem er niemals gedacht hätte, dass der Slytherin dieser Regung fähig ist: Scham.

Severus' erster Eindruck vor dem ‚Legilimens' hat ihn nicht getrogen. Der andere Slytherin weiß nichts über Potters Verschwinden – geschweige denn, dass auch Draco wie vom Erdboden verschluckt ist.

„Lucius", sagt Severus, und einem Impuls folgend legt er seinem alten Freund eine Hand auf die Schulter. „Nicht nur deine Tochter ist entführt – auch Draco ist verschwunden. Zusammen mit Potter."

Lucius steht da, still, die grauen Augen blickleer, wie vom Donner gerührt. Severus empfindet kein Mitleid, nicht mit Lucius, aber er wünscht, diese Situation wäre ihnen allen erspart geblieben.

„Ich frage mich, ob Selenes Entführung und das Verschwinden von Harry und Ihrem Sohn zusammenhängen", sagt Remus nachdenklich.

„Das ist allerdings eine interessante Frage, die wir jedoch besser nicht hier auf der Straße diskutieren sollten", dringt eine sonore Stimme an Severus' Ohr.
„Guten Abend, Lucius", sagt Albus Dumbledore und tritt in den Lichtkegel der Laterne.

„Dumbledore", sagt Lucius steif und deutet eine Verbeugung an. Sein Gesichtsausdruck ist jetzt angespannt, aber undurchdringlich. Er gibt nichts preis von seinen Gefühlen.

„Ich schlage vor, wir gehen ins Haus", sagt der Direktor. „Es regnet, und Sie drei müssen mittlerweile bis auf die Haut durchnässt sein."

Dumbledore hat Recht. Sie stehen im strömenden Regen, der nur um den Direktor von Hogwarts merkwürdigerweise einen Bogen macht.

„Sie glauben nicht ernsthaft, dass ich diese Löwengrube betrete?", schnarrt Lucius.

„Sie werden kaum die Wahl haben", sagt Remus und lässt Lucius' Zauberstab zwischen den Fingern kreisen.

„Oh, aber sicher hat Mr. Malfoy eine Wahl", widerspricht Albus. „Er kann jetzt seinen Zauberstab zurück erhalten und gehen. Er weiß nun, dass Severus die junge Miss Blanche nicht in seiner Obhut hat. Aber ich biete Ihnen eine Alternative, Lucius", wendet der alte Zauberer sich an den Slytherin. „Sie begleiten uns, wir versuchen gemeinsam herauszufinden, wer hinter den Entführungen steckt und bemühen uns um eine Lösung. Ich stelle es Ihnen frei, jederzeit zu gehen, wenn Sie unserer Gastfreundschaft überdrüssig sind."

Remus will heftig widersprechen, aber Dumbledore gebietet ihm mit einer Handbewegung, zu schweigen.

Lucius kämpft sichtlich mit sich, doch er entscheidet sich schnell.

„Ich habe Ihr Wort?", fragt er und blickt Dumbledore in die blauen Augen.

„Selbstverständlich", erwidert der Direktor.

Lucius nickt schließlich. „Also schön."

„Remus, würdest du bitte alle Ordensmitglieder ins Esszimmer bitten, von denen Mr. Malfoy besser nicht wissen sollte, wer sie sind? Die anderen treffen wir in der Küche."

Remus nickt und verschwindet, während Severus eine schwarze Augenbinde beschwört.

„Nur bis wir drin sind", sagt er und Lucius widerspricht nicht, als Snape ihm die Sicht nimmt.

Er führt Lucius die wenigen Schritte bis zur ersten Treppenstufe, Albus öffnet die Tür und schon stehen sie im finsteren Korridor. Severus nimmt Lucius die Augenbinde ab.

Malfoy blickt sich interessiert um.

„Merlin, ihr habt ja gar nichts verändert", staunt Lucius.

„Was hast du erwartet? Rote Teppiche und goldene Gardinen?", stichelt Severus.

„Mindestens", sagt Lucius. Er verzieht das Gesicht, als sie an den Hauselfenköpfen vorbei gehen. Mrs. Blacks Portrait beginnt zu kreischen, als Remus, der ihnen bereits wieder entgegen kommt, vorbei geht. Irgendjemand hat vergessen, die Vorhänge zuzuziehen. Als ihr Blick auf Lucius fällt, verstummt sie. Dann lächelt sie, und zum ersten Mal, seit der Orden das Haus bezogen hat, lässt sich erahnen, welch eine schöne, gewinnende Frau Sirius' Mutter sein konnte.

„Meine Verehrung, Walpurga", sagt Lucius und hebt grüßend die Hand.

„Lucius. Lucius Malfoy. Endlich wieder ein aufrechter Slytherin in diesem Haus. Ach, welche Freude." Dann fällt ihr Blick auf Dumbledore. „Gryffindor-Brut!, kreischt sie los. „Elende Verräter des Dunklen Lords, Abschaum, degenerierte Plage der Zaubererschaft!"

„Macht es Freude, sich das jedes Mal wieder anzuhören?", fragt Lucius.

„Der Fluch, mit dem das Bild an die Wand gehext wurde, lässt sich nicht brechen", erklärt Remus, nur um sofort wieder mit Schmähungen und Beleidigungen bedacht zu werden.

„Vermutlich ein ‚Adhaesivus sinister' mit personell markiertem Arkanum. Ihr braucht einen Black, um ihn zu entfernen", sagt Lucius beiläufig.

„Euch Todessern sei Dank steht uns Sirius nicht mehr zur Verfügung", knurrt Remus.

„Andromeda oder Miss Tonks sollten dazu in der Lage sein", erwiderte Lucius, ohne auf Remus' Vorwurf einzugehen.

Malfoy folgt Remus und Dumbledore in Richtung Küche. Die Tür geht auf, und Severus registriert die zum Teil neugierigen, zum Teil feindseligen Blicke der Ordensmitglieder, die Lucius jetzt empfangen.

„Merlin, Albus, war das klug, ihn mit hier herein zu bringen?", brummt Mad-Eye.

Lucius, das muss Snape zugeben, beweist Stil.

„Professor MacGonagall", begrüßt er die einzige Hexe in der Runde mit einer angedeuteten Verbeugung, „Guten Abend, die Herren." Er nickt Bill und Arthur Weasley, aber auch Moody zu. Seine Haltung ist kerzengerade, als wäre er nicht der einzige Todesser in einem Raum voller Ordensmitglieder. Doch die Anspannung steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Remus hat bereits die Lage erläutert, Dumbledore setzt Lucius jetzt über die wenigen bekannten Details hinsichtlich Dracos und Harrys Verschwindens in Kenntnis.

„Ich weiß nichts über derartige Pläne", sagt Lucius schließlich kopfschüttelnd.

„Das ist die Wahrheit", bestätigt Severus den anderen Ordensmitgliedern. „Ich war so frei, mir die entsprechenden Areale in Mr. Malfoys Hirn anzusehen." Er wendet sich an seinen alten Todesser-Freund „Vielleicht ist dein Standing beim Dunklen Lord mittlerweile ähnlich schlecht wie das meine?"

„Du machst dir keine Vorstellung", sagt Lucius bitter, obwohl er weiß, was Severus in seinen Erinnerungen an die letzten Stunden gesehen hat. „Soweit ich es einschätzen kann, hält er allerdings dich noch immer für einen loyalen Anhänger. Von mir zumindest hat er nichts Gegenteiliges erfahren."

„Wenn das stimmt, ist es eine wichtige Information", sagt Dumbledore. „Es bedeutet, dass du in Riddles Hauptquartier kannst, um Harry zu suchen", sagt er zu Snape. „Stellt sich die Frage, wie die beiden Fälle zusammen hängen."

„Ich glaube nicht an einen Zusammenhang", sagt Lucius.

Alle Augen wandern zu ihm.

„Sehen Sie", beginnt Lucius. „Der einzige, der ein Interesse an Potter hat und die Fähigkeit, ihn aus Hogwarts zu entführen, ist der Dunkle Lord. In diesem Zusammenhang ist mein Sohn Draco, wie ich vermute, nicht Opfer, sondern Mittäter. Aber was die Entführung meiner Tochter und diesen Erpressungsversuch angeht, warum sollte der Dunkle Lord das tun? Er verfügt praktisch über das gesamte Malfoy-Vermögen – ich finanziere, das dürfte für Sie weder ein Geheimnis noch eine Überraschung sein – die Aktivitäten seiner Lordschaft. Wer auch immer das Gold abziehen will, tut dies nicht für die Sache der Todesser, sondern einen anderen Zweck."

„Das erklärt, warum Sie den Orden im Verdacht hatten", sagt Dumbledore. „Allerdings, wer von uns glaubten Sie würde einem Kind etwas derartiges antun?"

Lucius schweigt.

„Oh, er hat es mir zugetraut", sagt Severus samtig. „Lucius und ich sind alte Freunde, wir wissen, was wir voneinander zu halten haben."

„Dir ist derartiges aber auch wirklich zuzutrauen", grollt Moody den Tränkemeister an.

„Alastor!", tadelt MacGonagall entrüstet.

„Ich hatte nur deine Handschrift als Hinweis", sagt Lucius schulterzuckend zu Snape. „Und wie du weißt, hatte ich meine Zweifel. Es tut mir leid, Severus."

Die Entschuldigung, hier vor den Ordensmitgliedern, ist eine Geste, deren Größe Severus durchaus einzuschätzen weiß. Als sein Blick dem grauen von Lucius begegnet, erkennt er, wovor er in den letzten Jahren schlicht die Augen verschlossen hat: Lucius ist sein Freund. Er hat seinen Hals riskiert, um Remus für Severus zu retten. Es wäre einfacher für Lucius gewesen, den Werwolf preis zu geben. Natürlich hat der blonde Zauberer versucht, aus der Situation zusätzlich Profit zu schlagen, indem er einen Plan ausgeklügelt hat, der vordergründig die Informationen, die Remus besitzt, dem Dunklen Lord zuspielen sollte. Doch ohne Lucius' Intervention wäre Remus längst tot.

Den Fehltritt mit einer Muggel hätte der Dunkle Lord Lucius vermutlich am Ende vergeben, und selbst das Mädchen wäre wohl verschont worden. Zu wichtig ist Lucius für seinen Herrn. Finanzier, Heiler, Fluchbrecher und Stratege. Fehler, die ihn kontrollierbar machen, sind da beinahe erwünscht. Und was wäre dafür besser geeignet als eine kleine Tochter?

Nein, Lucius hätte Remus nicht schützen müssen, und dass er es getan hat, dafür gibt es nur ein Motiv, und es ist dasselbe, dessentwegen er Severus nicht verraten hat: Eine Loyalität, wie sie nur Slytherins zu eigen ist. Und Lucius war mit Severus befreundet, lange bevor der Dunkle Lord auftauchte.

„Akzeptiert", sagt Severus knapp.

„Dürfte ich mal das Pergament sehen?", fragt Bill Weasley.

Severus reicht es ihm herüber. Bill lässt seinen Stab darüber gleiten, er wirkt den „Veritas" und den erfolglosen „Revelatio autoris." Auch bei ihm verweigert das Artefakt die Kooperation. Doch Bill ist der beste Fluchbrecher, den Severus je getroffen hat, und er gibt nicht auf. Außerdem ist er nicht wie Lucius emotional aufgewühlt. Die Rolle schwebt in der Luft, leuchtet grün, gelb und danach rot, je nachdem, wie der rothaarige Zauberer sich heran tastet.

„Das Arkanum ist personalisiert", murmelt Bill. „Da hat jemand echte Panik und deshalb jede Menge Zeit und Arbeit investiert, um sich unkenntlich zu machen. Hier überlagern sich zwei Muster…das erste ist…human, menschlich, man erkennt es an der dorso-lateralen Rückkopplung des Stabes. Das zweite…ich könnte schwören, es ist von einem Tier. In Ägypten haben sie für Versiegelungszwecke oft magisierte Katzen verwendet. Dies hier ist ähnlich und doch anders."

Immer wieder dreht, wendet und prüft Bill das Pergament. „Kein Mensch, kein Tier", murmelt er. „Oder beides."

„Animagus", sagt Minerva.

Bill blickt auf. „Bei Merlin, du hast Recht." Fieberhaft arbeitet er weiter.

Severus und Lucius tauschen einen viel sagenden Blick.

„Es waren zwei Zauberer", sagt Bill schließlich. „Ein Mann und eine Frau. Der Animagus ist männlich, seine arkane Signatur aber sehr undeutlich. Die der Frau ist deutlicher. Ich werde versuchen, sie visuell zu transferieren, sichtbar zu machen. Mir sagen die Symbole nichts."

Er schwingt seinen Stab, murmelt eine aramäische Formel, die Severus nie zuvor gehört hat. Aus dem Pergament schlägt eine Pflanze, neblig zart, farblos. Sie streckt zarte, lange Blätter mit längs laufenden Strukturen von sich.

„Eine Tulpe?", fragt Arthur verwirrt. Keine besonders magische Pflanze.

„Lilie", korrigiert Severus. Dann sieht er Lucius an. Nur wenige Magier führen dieses arkane Siegel, und sie alle sind Hexen. Schwarzmagische Hexen.

„Bellatrix", keucht Lucius. „Ich verstehe nicht…die Lestranges sind reich."

„Narcissa", sagt Severus kühl. „Vom Black'schen Vermögen ist für sie wenig übrig. Sie ist reich, solange sie eine Malfoy ist, aber das macht sie von dir abhängig. Dein Stern beim Dunklen Lord sinkt, das gefährdet ihre Position. Gib noch einen Tropfen mehr in dieses Fass, und es läuft über. Ein Tropfen wie zum Beispiel dieser: Sie findet im Wald bei Silver Falcon Cottage ein Mädchen, dem man nur einmal ins Gesicht sehen muss, um zu wissen, wessen Tochter sie ist. Sie hat Charlene Blanche gesehen, und sie kennt dich."

Lucius, der bis eben gestanden hat, tastet nach einem Stuhl.

„Würde Ihre Frau soweit gehen, ein unschuldiges Kind umzubringen?", fragt Dumbledore.

„Zweifelsohne", zischt Lucius durch zusammengepresste Zähne. Seine Miene ist wie versteinert. Plötzlich sieht er Remus an. „Wo sind Charlene und das Baby?"

„Sie sind im Krankenhaus", sagt Minerva an Remus' Stelle. „Professor Flitwick ist bei ihnen."

Lucius atmet sichtbar durch. „Sie könnten mehr Schutz brauchen als den eines alten Zauberkunstlehrers", sagt er.

„Ich kümmere mich darum", sagt Arthur und verlässt den Raum.

Unterdessen hat sein Sohn Bill nicht aufgehört, das Pergament zu bearbeiten. „Revelatio cluedo", murmelt er. „Constructo personae animagieae."

Es zischt, und der Nebel, der aus dem Pergament emporschießt, ist gelb und stinkt nach Schwefel. Er ist so dicht, dass nichts darin zu erkennen ist. Bill malt mit seinem Zauberstab eine Art Flakon in die Luft, er greift zu und hält plötzlich einen Zerstäuber in der Hand. Der gelbe Nebel wabert jetzt in dessen Inneren. Bill sprüht etwas von dem unwirklichen Stoff auf das Pergament. Die Buchstaben erzittern, verlaufen und treffen sich in der Mitte, vereinigen sich zu einem einzigen dicken Klecks.

Revelatio origin ecritura", sagt Bill, und seine Augen leuchten voller Triumph. Er hat es wieder einmal geschafft.

Die Buchstaben verbinden sich wieder, es sind dieselben Worte wie eben noch, aber die Handschrift ist eine andere.

„Peter!", ruft Remus aus.

„Diese verfluchte Ratte!", faucht Malfoy.

„Sicher, dass es Pettigrews Schrift ist?", fragt Dumbledore und hält Minerva das Pergament hin. Die Verwandlungslehrerin überlegt einen Moment. Doch sie hat ein phänomenales Gedächtnis, und nie würde sie die Handschrift eines Schülers vergessen.

„Ja. Remus hat Recht. Das ist die Handschrift von Peter Pettigrew. Verändert um einen fehlenden Finger", antwortet sie.

„Ich bin mir auch sicher", sagt Remus. Tausendmal und mehr haben sie zusammen Hausaufgaben gemacht, er und Peter.

„Wo würde Narcissa das Mädchen verstecken, Lucius?", fragt Dumbledore.

Lucius schließt die Augen. Es sieht aus, als müsse er nachdenken, aber Severus, der Lucius' gut genug kennt, weiß, dass er versucht, mit den Umständen klar zu kommen. Narcissas und Lucius' Ehe mag gescheitert sein, aber sie standen stets loyal zueinander. Was sie ihm jetzt antut, schockiert offenbar selbst Lucius.

„Wenn wir Malfoy Manor ausschließen, bleibt Black Mansion – ihr Elternhaus", sagt er schließlich. „Oder Rosier House, dort lebt ihre Mutter."

Drusella Black-Rosier, Narcissas Mutter, ist die einzige schwarzmagische Hexe ihrer Generation, die je eine Scheidung durchgesetzt hat. Ihr Mann war ihr schlicht irgendwann zuwider.

„Ich kenne Drusella", sagt Dumbledore. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie eine Kindesentführung gutheißen würde."

„Meine Schwiegermutter", sagt Lucius daraufhin, „würde alles tun, das ihre Lieblingstochter verlangt. Selbst wenn es gegen ihre erklärte Überzeugung wäre. Und Narcissa hasst Kinder. Draco hatte mehr Kindermädchen als Lehrer in Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Ich neige dazu, Selene in Rosier House zu vermuten. Aber falls ich mich irre…"

Die Drohung in dem Brief war unmissverständlich. Wenn Lucius seine Tochter zu befreien versucht, oder auch nur nach ihr sucht, wird sie getötet.

„Deswegen wirst du auch nicht dorthin gehen", sagt Severus trocken. „Eine unauffällige Hausdurchsuchung ist eine Angelegenheit für einen Spezialisten mit Fingerspitzengefühl."

„Du bist nicht eben unauffällig", warnt Lucius.

„Ich bin vor allem unabkömmlich. Da der Dunkle Lord mich weiterhin für einen seiner Getreuen hält, werde ich im Hauptquartier nach Harry suchen. Du wirst deine exzellenten Beziehungen zu deiner Schwägerin spielen lassen, und sie aushorchen. Bellatrix vertraut dir, ebenso wie Rodolphus. Wenn der Dunkle Lord Harry hat, dann weiß sie bescheid."

„Selène…", wendet Lucius ein.

„Ich werde mich um die Ausspähung von Rosier House kümmern", sagt Minerva MacGonagall, und Dumbledore lächelt.

„Nichts ist unauffälliger als eine streunende Katze", setzt der Direktor hinzu. „Und Black Mansion – steht das nicht seit Jahren verlassen?"

„Seit es bis auf die Grundmauern niedergebrannt ist. Man hat nie heraus bekommen, wer es angezündet hat, aber es wurde keine Magie benutzt", erläutert Moody.

„Ich kümmere mich um die Ruine", bietet Remus an. „Lassen Sie mich noch einmal das…Ohr sehen", sagt er zu Malfoy.

„Wieso? Hast du Hunger, Werwolf?", fragt Lucius bissig zurück.

Im nächsten Augenblick geht alles sehr schnell: Remus packt den Slytherin und schleudert ihn mit einer Gewalt gegen die Wand, wie Severus es nie zuvor erlebt hat. Lucius hat Glück, dass sein verfluchter Reinblüterschädel nicht bricht unter der Kraft. Nur einen Wimpernschlag später ist Remus bei ihm und presst ihm seine Hand an die Kehle. Seine Augen flackern in einem gefährlich dunkelgelben Ton. Lucius keucht entsetzt auf, und Remus' Stimme zittert vor Wut, als er knurrt: „Du verdammtes, arrogantes Arschloch. Würde ich nicht bis zum Hals in deiner Schuld stecken, wärest du jetzt tot."

„Remus, bei Merlin!", ruft Minerva und zieht ihren Stab. „Lass Mr. Malfoy los, wir benötigen ihn noch.

Remus hält den potentiell tödlichen und mit Sicherheit sehr schmerzhaften Griff noch für ein paar Sekunden. Sein Blick, wild und mehr der eines Tieres als eines Menschen, gleitet zu Severus, krallt sich fest an den dunklen, beruhigenden Augen. Severus begreift. Remus ist weit über das erträgliche Maß beansprucht, seine Beherrschung ist nur noch äußerlich. Wenn Lucius jetzt ein falsches Wort sagt… Doch der blonde Zauberer macht nicht den Eindruck, Remus weiter provozieren zu wollen. Er ist völlig damit beschäftigt, nach Luft zu schnappen und unter Remus' hartem Griff nicht aufzuschreien.

„Lass gut sein, Remus", sagt Severus und versucht, etwas Samt in seine Stimme zu legen, weil er weiß, dass Remus darauf anspricht. „Lucius wird seine Zunge zukünftig im Zaum zu halten wissen, n'est-ce pas?"

Der Nachsatz gilt Malfoy. Remus lässt los und Lucius greift sich keuchend an den Hals. Blaue Male zeichnen sich auf der hellen Haut ab. Wortlos greift er in seine Tasche und legt ein seidenes Taschentuch auf den Küchentisch.

Während Remus das Ohr – immer noch zitternd vor Wut – einer genaueren, insbesondere geruchlichen, Untersuchung unterzieht, resümiert Dumbledore das Besprochene.

„Fassen wir also zusammen: Minerva und Remus spähen die beiden Lokalisationen aus, an denen Miss Blanche gefangen gehalten werden könnte. Severus und Mr. Malfoy begeben sich zu den Todessern in Voldemorts Hauptquartier. Wenn wir wissen, dass Harry dort ist, werden wir einen Angriff riskieren müssen. Bill, aktivieren Sie bitte Ihre Freunde aus der Fluchbrecherriege. Wir werden mehrere Leute gleichzeitig brauchen, um die Sperren und Banne aufzuheben, die das Graue Schloss schützen."

„Sie wussten, wo es ist?", fragt Malfoy ungläubig. „Die ganze Zeit?"

Dann wirft er Severus einen vernichtenden Blick zu. „Ich dachte, du wärest nur ein Opportunist, kein Überzeugungstäter. Standest du jemals auf unserer Seite?"

„Welch eine Frage von einem, der stets nur eine Seite kannte: seine eigene", erwidert Severus.

Dann lässt er Malfoy und die anderen stehen und folgt Remus nach draußen.

Er hat sich nicht getäuscht und den unauffälligen Blick des anderen Mannes richtig gedeutet. Dieses weiß er spätestens, als jemand ihn in die Dunkelheit unter dem Treppenabsatz zieht, er starke Hände an seiner Brust spürt und dann warme Lippen auf seinem Mund. Remus presst Severus gegen die Wand, fast so wie er es Minuten zuvor mit Malfoy getan hat, aber die Fingerspitzen, die über die empfindliche Haut an Severus' Hals gleiten, sind zärtlich und sanft. Remus' Küsse sind fordernd und verlangend. Severus schließt die Augen und spürt, wie seine Knie weich werden. Remus drängt sich mit seinem ganzen Körper gegen ihn, Severus kann nicht umhin, die Härte unter der Robe des Werwolfs zu bemerken, und sein eigener Körper reagiert unmittelbar auf den Reiz. Er lehnt sich Remus entgegen und erschrickt fast über das heisere Stöhnen, das seinem Mund entkommt. Seine Vorstellungen von dem, was er mit Remus tun möchte, werden in diesem Augenblick ziemlich konkret. Dennoch ist er wie paralysiert vor Schreck, als Remus vor ihm auf die Knie geht und beginnt, seine Robe zu öffnen.

„Remus, nein", flüstert er und zieht den Gryffindor hoch. „Nicht hier, nicht jetzt."

„Warum nicht hier und jetzt, Severus?", fragt Remus mit vor Verlangen dunkler Stimme. „Morgen könnten wir beide tot sein."

„Oder einen Sieg feiern und …Zeit finden. In einer anderen…Umgebung." Noch nie war es so schwierig, Worte zu finden.

Doch Remus macht es dem Slytherin leicht.

„Scheint, du bist nicht so ganz der Typ für Kellertreppenromantik." Er lächelt, dieses seltsame, halbe Lächeln, das Severus schon lange nicht mehr als Hilflosigkeit oder Höflichkeit deutet.

Remus lässt von Severus ab, ja tritt einen Schritt zurück, nur um sich wieder vorzubeugen und Severus diesmal sanft zu küssen.

„Sei vorsichtig, dort drinnen bei Voldemort", sagt er, dann ist er in der Dunkelheit verschwunden.

Severus lehnte sich an die kühle Wand und versucht, wieder zu Atem zu kommen und dann seine Coolness zurück zu gewinnen. Gebe Merlin, dass er diese Erinnerung vor dem Dunklen Lord verbergen können wird. Sie ist lebhaft und intensiv und drängt geradezu an die Oberfläche. Wenn der Dunkle Lord sieht, dass sein Tränkemeister einen Werwolf küsst…ein entflohenes Ordensmitglied – keine noch so gute Lüge wird Severus dann retten.


TBC