Chapter 10 - Konfrontation mit der Vergangenheit
Wenn man jemandem alles verziehen hat, ist man mit ihm fertig.
Sigmund Freud
Ich nahm vorsichtig mein Handy in die Hand und fing mit zitternden Fingern an zu wählen. Fest presste ich das Handy gegen mein Ohr und lauschte aufmerksam dem Tuten in der Leitung. Ich hielt den Atem an und wartete. Als ich schon fast aufgegeben hatte, dass jemand abnehmen würde, hörte ich eine Stimme, die mir durch Mark und Bein fuhr. Es war schon eine Ewigkeit her, seit ich diese Stimme, die mich sonst mein ganzes Leben lang begleitete, gehört hatte.
„Hallo?" Fragte die fremde und doch so bekannte Stimme.
„Renée?" Flüsterte ich während ich versuchte ruhig zu bleiben.
„Bella? Bist du das?" Meine Mutter schien verblüfft zu sein, meine Stimme zu hören.
„Ja, ich bin es!" Ich stand auf uns Schritt nervös durch das kleine Wohnzimmer.
„Ist etwas passiert?" Ich hielt inne und starrte aus dem Fenster. Dachte sie wirklich ich würde nur anrufen, falls mir etwas passiert war?
„Nein, mir geht es gut." Stellte ich sofort klar und überlegte, was ich nun als nächstes hätte sagen können.
„Ich dachte nur…Also ich meine ich wollte einfach anrufen…"
„Brauchst du Geld?" Die Stimme meiner Mutter wurde monotoner. Wie es schien dachte sie wirklich ich hätte einen Grund anzurufen. Obwohl…ich hatte ja einen Grund…der hatte aber nichts mit Geld oder anderen Dingen zu tun. Ich wollte mit der Vergangenheit abschließen. Betty hatte mir gerade endlich etwas zu unternehmen. Diesen Anruf hatte ich schon eine Ewigkeit vor mir her geschoben. Jedes Weihnachten, jeden Geburtstag und wenn es mir mal wieder schlecht ging und ich meine Eltern vermisste, dachte ich darüber nach, sie anzurufen. Ich vermisste sie schrecklich, trotz allem was vorgefallen war. Sie waren nun mal meine Eltern und ich hatte insgeheim immer noch die Hoffnung, dass wir uns wieder gegenseitig annähern konnten. Vielleicht wäre es möglich gewesen, dass wir uns wieder versöhnten.
Nachdem ich nicht auf ihre Frage geantwortet hatte hörte ich, dass sie hart die Luft ausstieß.
„Wenn du nur anrufst, weil du Geld brauchst, dann…".
„Nein, ich brauche kein Geld!" Unterbrach ich sie und hörte Phils Stimme im Hintergrund, der wissen wollte, wer am Telefon war.
„Bella…" Flüsterte meine Mum und ich lauschte, ob er etwas erwiderte.
„Braucht sie Geld?" Hörte ich Phil sagen, der anscheinend neben meine Mutter getreten war. Mein Körper bebte…Dachten beide wirklich so schlecht von mir?
„Renée, ich brauche wirklich kein Geld." Entgegnete ich ihr schroff und ermahnte mich, meine Emotionen in Zaum zu halten.
„Was willst du dann?" Fragte sie gerade heraus und ich schluckte schwer.
„Ich wollte nur wissen, ob es dir gut geht…" Gab ich kleinlaut zu.
„Ja, uns geht es gut…" Sagte meine Mutter schlicht und ich bemerkte die Distanz, die sich im laufe der Zeit zwischen uns aufgebaut hatte. Es war eine Hürde, die ich nur zu gerne hätte überwinden wollen. Doch wie würde sie reagieren, wenn sie erfuhr, dass ich einen Jungen zur Welt gebracht hatte? Dass sie einen Enkelsohn hatte? Sollte ich Ethan seine Großeltern vorenthalten? Würden sie genauso reagieren, wie damals?
„…geht es dir auch gut?" Fragte sie nun mit einem etwas mütterlichen Ton, den ich so sehr vermisst hatte.
„Ja, mir…ich meine uns…geht es auch gut!"
„Uns?" Warf Renée sofort ein und ich atmete tief durch. Doch bevor ich etwas erwidern konnte, holte mich meine Mutter zurück in die alte Realität, von der ich schon vor Jahren geflüchtet war.
„Du hast das Kind also behalten." Das war mehr eine Feststellung als eine Frage.
„Und ich dachte wirklich, du würdest dich noch anders entscheiden und dir ein richtiges Leben aufbauen." Renée schien gekränkt und zornig zu sein.
Ich war geschockt. Wie konnte sie nach einer so langen Zeit immer noch so denken? Hatte sie nie darüber nachgedacht, was geschehen war? Vermisste sie mich nicht? War ihr guter Ruf wichtiger, als ihre Tochter? Hatte ich eine solche Schande über meine Familie gebracht, dass sie mich nicht einmal jetzt bei sich haben wollten?
„Ich habe ein richtiges Leben!" Verteidigte ich mich aufgebracht und ballte meine Hand zu einer Faust. Meine Nervosität war verflogen und wurde nun durch eine ununterdrückbare Wut abgelöst.
„Du hattest dein Leben noch vor dir. Du hättest so viel erreichen können…und nun schau dich an…du läufst von zuhause weg, lässt uns alle im Stich, nur um dieses Ding behalten zu können. Ich dachte immer, du wärst schlauer. Ich dachte du würdest nicht die gleichen Fehler machen, wie ich!" Nun schrie sie mich schon fast an. Meine geballte Faust zitterte.
„Dieses Ding ist dein Enkel! Und den Fehler, den du begangen hast, das bin dann wohl ich!!!" Schrie ich nun zurück und Tränen schossen mir in die Augen.
„Ich habe keinen Enkel und so wie es aussieht, habe ich auch keine Tochter mehr. Du hast uns alle so enttäuscht."
„Enttäuscht?" Schrie ich.
„IHR seit enttäuscht von MIR?" Stumme Tränen traten mir aus den Augen und bahnten sich ihren Weg über meine Wangen.
„Sei vernünftig Bella. Das Kind ist noch jung, gib es zur Adoption frei und mach etwas aus deinem Leben. Wir würden dich unterstützen, aber nur, wenn wir wissen, dass du dein Leben nicht wegwirfst!"
Bei diesen Worten ließ ich das Handy aus meiner Hand gleiten und es landete mit einem dumpfen Aufprall auf dem Teppich.
„Bella? Bist du noch dran?" Hörte ich meine Mutter am anderen Ende der Leitung rufen, doch ich beachtete sie nicht und ging in das Zimmer meines Sohnes. Ja, es war die richtige Entscheidung gewesen Forks zu verlassen. Ja, ich hatte ein besseres Leben hier. Und ja, Ethan war das Beste, das mir je in meinem Leben widerfahren war.
Nichts würde mich je wieder dazu bringen meine Eltern anzurufen, oder ihnen zu begegnen. Renée hatte es geschafft mir mein letztes bisschen Hoffnung auf eine Versöhnung zu nehmen. Doch so hatte ich endlich die absolute Sicherheit, dass die Vergangenheit vergangen war und meine Eltern nie wieder ein Teil meines Lebens werden würden.
Meine Laune war am Boden. Selbst Freitagabend, als ich vor dem Haus in dem ich wohnte auf Edward wartete, kam immer wieder das schreckliche Gespräch mit Renée in mein Gedächtnis. Ich fing an, an mir selbst zu zweifeln. Hätte ich es auch auf einem anderen Weg geschafft sie zu überzeugen, dass ich mein Kind damals hätte behalten können? Hätte es eine andere Lösung gegeben? Ich schüttelte den Kopf und fasste mir an die Schläfe. Mein Kopf tat schon seit dem Gespräch mit Renée weh und ich spürte ein monotones Hämmern in meiner rechten Schläfe.
„Bella?" Ich war mal wieder so in Gedanken gewesen, dass ich Edwards Auto nicht habe kommen sehen. Nun stand er zwei Meter entfernt vor mir und hielt mir die Beifahrertüre auf.
„Danke!" Sagte ich knapp, während ich ins Auto kletterte und mich anschnallte.
Wir sprachen auf dem Weg zu Edwards Eltern kein Wort und die Erinnerung an das Gespräch mit Alice kam in mir hoch. Wie musste Edward sich gefühlt haben als er in so jungem Alter seine Eltern verlor? Fühlte es sich genauso an wie das, was ich durchmachte? War es schlimmer zu wissen, dass deine Eltern noch lebten, aber nicht hinter dir standen, oder zu wissen, dass sie tot waren und davor immer für dich da waren?
Edward war der Einzige, der in gewisser Weise verstehen konnte, wie ich mich fühlte. Er wusste wie es war, alleine zu sein. Doch er hatte die Familie seines Onkels, die ihn liebevoll aufnahm und ihn wie ihren eigenen Sohn und Bruder behandelten. Wenigstens war jemand an seiner Seite und unterstütze ihn. Ich hatte niemanden und ohne Betty, würde ich mein eigenes Leben nicht auf die Reihe bekommen. Ich war alleine und keiner konnte mir aus meiner Misere helfen. Klar, ich konnte mit Betty reden und doch war es nicht so, wie wenn man mit jemandem redet, der aus dem eigenen Fleisch und Blut ist.
„Wir sind da!" Sagte Edward und hielt vor einem großen weißen Haus. Es lag ziemlich abseits der Straße auf einer Lichtung, die von vielen Bäumen umsäumt war. Es hatte viele Fenster und sah modern, aber dennoch einladend aus. Innerlich wappnete ich mich auf die Begegnung mit Alices Eltern und auf einen Familienabend wie aus dem Bilderbuch. Es würde schwer werden, das alles zu ertragen, das war mir von Anfang an klar gewesen und dennoch wollte ich Alice nicht enttäuschen. Ich wusste, dass es ihr wichtig war, dass ich ihre Eltern kennenlernte und deshalb saß ich nun hier und fühlte mich völlig fehl am Platz. Edward schein mein Zögern bemerkt zu haben und sah mich fragend an.
„Willst du nicht mit rein?" Seine Stimme war sanft und leise.
„Doch…ich brauch nur noch eine Minute." Sagte ich und lächelte ihn leicht an, ehe ich noch einmal tief durchatmete.
„Du siehst blass aus." Stellte Edward immer noch mit der gleichen schönen Stimme fest und betrachtete mein Gesicht.
„Ich habe nur ein wenig Kopfschmerzen…" Entgegnete ich und er öffnete seine Tür.
Auch ich stieg aus, nachdem ich noch einmal meine Augen geschlossen hatte. Du packst das Bella, es wird ein toller Abend werden.
Ich versuchte mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen und zauberte ein strahlendes Lächeln auf meine Lippen. Es war aufgesetzt, doch es würde keiner merken.
„Da bist du ja endlich!" Schrie Alice aufgebracht und zog mich in eine herzliche Umarmung.
„Ich freu mich so, dass es geklappt hat. Es wird so toll!" Alice hüpfte auf und ab und ich konnte mir ein echtes Kichern nicht verkneifen. Vielleicht hatte ich unrecht und der Abend würde doch ganz amüsant werden.
„Hey Bella." Begrüßte mich Jasper und drückte mir einen leichten Kuss auf die Wange.
„Schön, dass du gekommen bist."
Erschrocken schrie ich auf, als mich plötzlich jemand packte und mich rücklings über seine Schulter warf und weiter ins Haus hinein trug.
„Emmett, lass sie runter!" Rief Alice und rannte hinter uns her.
„Ach, sie wehrt sich doch nicht einmal." Emmett lachte und setzte mich auf die Couch.
„Herzlich willkommen bei der Cullen Familie!" Rief er nun und klopfte sich mit der rechten Hand zwei Mal auf die Brust.
„Du hast sie echt nicht mehr alle…" Kicherte Alice und rollte mit den Augen.
„…Bella, falls er dich noch einmal belästigt, werde ich ihn eigenhändig erwürgen…" Während sie das sagte, legte sie Emmett von hinten ihre Hände um den Hals. Es sah lustig aus, da Emmett sie um einiges überragte und sie sich strecken musste, um überhaupt seinen Hals zu erreichen.
„Deine Eltern haben ein tolles Haus!" Ich schaute mich noch einmal in dem riesigen, hellen und freundlich eingerichteten Wohnzimmer um.
„Sie haben es vor kurzem durch Zufall entdeckt." Sagte Edward, während er sich neben mich setzt und mich von der Seite musterte.
„Immer noch Kopfschmerzen?" Er lehnte sich zu mir herüber und flüsterte mir seine Frage leise ins Ohr.
Sein süßer Duft stieg mir in die Nase und benebelte meine Sinne. Noch nie hatte ein Mann für mich so gut gerochen, wie Edward Cullen.
„Ein wenig, aber es ist nicht so schlimm…" Brachte ich nach einer Weile hervor und er nickte.
„Hey Mum, das ist Bella." Hörte ich Alice rufen und ich hob meinen Blick. In der Tür, die offensichtlich in die Küche führte, stand eine wunderschöne Frau. Sie war ein kleines Stück größer als Alice, hatte langes karamellfarbenes Haar, das ihr in Locken um die Schultern fiel. Ihr herzförmiges Gesicht strahlte eine Wärme aus, die ich noch nie bei einem Menschen gesehen hatte. Mit einem riesigen Lächeln trat sie auf mich zu, während sie die Arme von sich streckte, um mich sofort in eine Umarmung zu ziehen. Ich stand auf und ließ mich von ihr drücken. Es war ein angenehmes Gefühl, von ihr umarmt zu werden. Fast so, als hätte mich meine eigene Mutter im Arm gehabt. Stopp…ermahnte ich mich…ich hatte entschieden nicht mehr an der Vergangenheit festzuhalten und mit ihr abzuschließen.
„Schön dich endlich kennen zu lernen, Bella. Meine Kinder reden die ganze Zeit von dir und vor allem Alice hast du es angetan. Da ist es doch verständlich, dass mein Mann und ich neugierig auf dich sind." Sie löste die Umarmung und zwinkert mir zu.
„Es ist auch schön, Sie endlich kennen zu lernen, Mrs. Cullen." Entgegnete ich ihr höflich und sie lachte auf.
„Nenn mich bitte Esme. Bei Mrs. Cullen fühle ich mich immer so alt." Sie grinste mich an und ich nickte.
„Okay, Esme." Sagte ich und ihr Grinsen wurde noch breiter.
„Und jetzt erzähl mal, wie hältst du es mit meinen drei Musketieren aus?" Ich schluckte. Drei Musketiere? Hatte ich da gerade richtig gehört? Ein Klos bildete sich in meinem Hals und schnürte mir die Luft zum atmen ab. Ich spürte, wie mir meine Gesichtszüge entglitten und ich Esme fassungslos anstarrte.
„Ist dir nicht gut, mein Kind?" Esme schaute mich besorgt an und legte ihre Hand auf meine Wange. Ihre Berührung holte mich zurück in die Realität und ich schüttelte den Kopf.
„Nein, es geht mir gut. Ich habe nur ein wenig Kopfschmerzen." Versuchte ich mein Verhalten zu entschuldigen und setzte mich wieder auf die Couch.
Die drei Musketiere. Das waren meine Mutter, mein Vater und ich, bevor mein Leben den Bach hinunter ging. Mein Leben mit täglichen Umarmungen und einem wohligen Gefühl, wenn ich nach der Schule nach Hause kam.
„Schatz, da bist du ja endlich!" Esme sprang auf und ich folgte ihr mit meinem Blick. Sie ging auf einen blonden, gutaussehenden Mann zu, der seine Frau liebevoll in den Arm nahm und ihr einen Kuss auf die Stirn gab.
„Du musst Bella kennenlernen!" Sagte Esme und ich stand auf. Während ich ein paar Schritte auf Esme und ihren Mann zuging, wurde der Klos in meinem Hals immer größer. Kalter Schweiß brach mir aus und Panik überfiel mich, als ich bemerkte, dass der Mann neben Esme kein Fremder für mich war. Diesen Mann hatte ich schon einmal gesehen und ich kannte ihn…
