Tanja: Danke für das tolle Kompliment, das macht mich stolz.
Lady-of-Gondor: Ohjeh. Fühl Dich mal in den Arm genommen! Sagen wir es so: ich mag meine Protagonisten viel zu sehr, als dass ich sie dauerhaft trennen könnte!
Manu: Vielen Dank für die Review, ich freue mich über jeden (auch stillen) Leser! Und bitte nicht so leiden!
Brennil/Sarah: Hoffnung wird meistens belohnt!
Isidra: Nur mal ruhige, das wird schon wieder alles, irgendwann!
Anmerkung: Ich habe den Zeitindex für die Geschichte im Nachhinein geändert, also bitte später nicht wundern!
Und: das ist das letzte Kapitel für diese Woche, da ich am WE weg bin. Nächsten Dienstagmorgen geht es weiter!
Kapitel 9
Rumils Geschichte
„Junge Dame, Du weißt anscheinend nicht, was ein Nein bedeutet." Eine strenge Stimme riss Glîwen aus dem Schlaf und in jenem wunderbaren Moment zwischen Traum und Wirklichkeit meinte sie, in ihrem eigenen Bett zu liegen. Doch als sie die Augen aufschlug, sah sie in das Gesicht des Heilers, der im Licht des Morgens dastand und die Hände in die Hüften gestützt hatte. Sie wollte gerade zur ihrer Verteidigung ansetzen, als Rumils schwache Stimme erklang.
„Lasst sie bitte bei mir – ihr Vater ist gestern in Mandos Hallen gezogen."
Für einen Moment verdunkelte sich das Gesicht des Heilers noch, doch dann wurden seine Züge weicher und er nickte.
„Aber strengt Euch nicht zu sehr an, Rumil. Die Wunde ist und bleibt bedrohlich."
Mit wehender Robe entfernte er sich und Glîwen kuschelte sich vorsichtig an Rumils Schulter. Er legte einen Arm um sie und sie schwiegen gemeinsam.
„Du hast sicherlich einige Fragen an mich", meinte er schließlich ruhig. „Aber sag mir erst, wie Du Dich fühlst."
„Das ist schwer." Glîwen versuchte, in sich hineinzuhorchen, doch da war zu viel, um es in Worte fassen zu können. „Es ist, als würde eine Schwere auf mir liegen und auch in mir drin. Ich kann gar nicht richtig fühlen und wenn ich versuche, an etwas anderes zu denken als an Ada, dann geht das nicht und alles wird noch schlimmer." Sie spürte sein Nicken mehr, als dass sie es sah und sprach weiter, weil sie merkte, wie gut es ihr tat. „Es ist einfach, als könnte ich mich nie wieder über etwas freuen." Sie schniefte und die Trostlosigkeit in ihr wurde noch tiefer, noch dunkler. Aber sie wollte nicht weinen, denn noch immer spürte sie die Hoffnung, dass Rumil ihr etwas erzählen konnte, das ihr half. Dass die Gewissheit, dass ihr Vater tot war, vielleicht linderte.
„Nur weil wir eine unsterbliche Rasse sind, heißt das nicht, dass wir Verlust und Trauer nicht kennen", sagte Rumil und holte scharf Luft, als er versuchte, sich etwas zu bewegen. Mit gepresster Stimme brachte er hervor: „Ich weiß dennoch nicht, ob ich Dir mit irgendeinem Rat helfen kann."
„Orophin hat es versucht, Onkel, aber es sind eben nur Worte und ich – ich kann nicht sehen, dass er Recht hat. Jetzt nicht. Vielleicht niemals." Sie presste die Lippen zusammen, um ein Schluchzen zurückzuhalten. Rumil streichelte ihre Schulter und wieder legte sich Schweigen über sie, nur hin und wieder unterbrochen von den leisen Gesprächen der Heiler mit ihren Patienten jenseits der Vorhänge. Als sich Glîwen ihrer Stimme wieder sicher war, bat sie: „Erzähl mir bitte, was geschehen ist – alles. Ich muss einfach-."
„Ich verstehe schon. Ich kann auch über nichts anderes nachdenken als an den Kampf, wie er ablief und wie Dein Vater -. Vielleicht, weil ich für mich herauszufinden versuche, was ich hätte anders machen müssen."
„Dich trifft keine Schuld!", entfuhr es Glîwen, denn als sie den Kopf drehte, sah sie, wie tief sich Gram und Schuldgefühl in das Gesicht ihres doch sonst so fröhlichen Onkels eingegraben hatten.
„Vielleicht, Kleines. Vielleicht auch nicht."
xxx
Rumil räusperte seine Stimme frei, bevor er fortfuhr:
„Vor drei Tagen wurde einer unserer Reitertrupps überfallen und es war nur einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass alle lebend davonkamen. Die Übermacht, die gegen sie stand, nun, es müssen an die zweihundert Orks gewesen sein, die ein Lager kurz außerhalb der Grenzen des Waldes aufgeschlagen und damit begonnen hatten, weiter in unsere Grenzen einzudringen. Sie holzen Bäume ab und es schien, als hätten sie vor, eine Befestigung zu errichten.
Nachdem Galadriel die Kunde erhalten hatte, versetzte sie uns, die noch an der Grenze waren und das Geschehen im Auge behielten, in Kampfbereitschaft und sandte uns Deinen Vater mit weiteren Truppen. Schon oft hat er uns in Kämpfe geführt und immer war er erfolgreich. Warum also auch jetzt nicht.
Wir griffen sie zu Beginn der Dämmerung an, mit der Sonne im Rücken, denn wir wussten, dass sie die Sonne nicht mögen, manche sie gar nicht vertragen. Doch sie waren zu viele – oder wir zu wenige, ich weiß es einfach nicht. Zuerst töteten sie unsere Pferde, damit wir ihnen im Kampf Auge in Auge gegenüberstehen mussten und um uns zu demoralisieren. Ich wurde abgeworfen, als eine Lanze meinem Rappen ins Bein traf und Dein Vater sprang ab, um mich in der Mitte der Orks nicht alleine stehen zu lassen.
Wir fochten Seite an Seite und fast sah es so aus, als hätten wir eine Chance gegen sie, doch dann schien sich der Bode zu öffnen und noch mehr Orks krochen aus Höhlen. Sie müssen sie vor unseren Augen angelegt haben – ich kann nicht glauben, dass wir es nicht bemerkt haben. Vielleicht waren wir uns zu sicher, Glîwen, doch das ist wieder eine Frage, die zu weit führen würde. In den Verstecken verbargen sich noch einmal mehrere Dutzend von ihnen, die, durch das Versinken der Sonne hervorgelockt, ausgeruht und wütend in den Kampf gingen.
Ein Pfeil traf mich. Haldir war bis zum letzen Augenblick bei mir, so lange ich noch auf den Beinen stehen konnte. Doch irgendwann hatte ich zuviel Blut verloren und sank zu Boden, doch auch dann stand er noch über mir, um mich zu schützen. Da traf es auch ihn. Einige Orks hatten sich angeschlichen und nutzten es aus, dass er, weil er über mir stand, sich nicht drehen und wenden konnte wie er wollte. Ich sah, wie er neben mich fiel, den Kopf voller Blut, von einer Keule getroffen, die Rüstung zerfetzt von ihren Schlägen. Seine Augen sahen mich noch an und dann war er fort – die Orks schleiften ihn fort. Möglicherweise lebte er zu dem Zeitpunkt noch, aber wen die Orks einmal in den Fingern haben -. Wir - wir haben ihn nicht einmal finden können, hinterher-."
Rumil brach ab und sein Körper, an den Glîwen geschmiegt lag, zitterte unter den Tränen, die aus ihm herausbrachen. Hilflos, wagte Glîwen kaum sich zu rühren, sie streichelte über die Hand, die auf ihrer Schulter lag und die mit einem Mal jede Kraft und jeden Trost verloren zu haben schien. Jede Hoffnung war aus ihr gewichen, denn sie wusste, wenn Rumil, der bei ihrem Vater gewesen war, als es geschah, ihn aufgegeben hatte, dann musste es unausweichlich sein. Ganz klein geworden unter dem Ausmaß des Kummers, der um sie herum war, rollte sich Glîwen zusammen und weinte mit ihrem Onkel.
xxx
Thindian betrat leise den Talan ihres ältesten Sohnes und der Anblick überraschte sie nicht, denn er glich dem, was sie in den vergangenen Tagen dort vorgefunden hatte. Mit bebender Hand strich sie über die glatte Oberfläche des Arbeitstisches, den Haldir aus einer Laune heraus selbst angefertigt hatte und der nicht ganz perfekt, aber dafür umso persönlicher gewesen war. Nichts an der Einrichtung ließ vermuten, dass ihr Besitzer seit nunmehr drei Wochen nicht mehr auf der Erde wandelte. Alles sah noch so aus, als wäre es just vor einem Moment verlassen worden und wartete darauf, bald wieder benutzt zu werden.
Glîwen lag auf Haldirs Bett, die Beine angezogen, die Arme um das Kissen geschlungen, auf dem er jede Nacht geruht hatte und starrte an die Decke. Als sie Thindians gewahr wurde, drehte sie sich zur Wand und sagte leise:
„Geh bitte weg!"
Thindian seufzte und ließ sich auf die Kante des Lagers herab. Sie strich ihrer Enkeltochter das Haar aus dem Gesicht und erschrak, denn an diesem Tag standen Glîwens Gesichtsknochen noch stärker hervor und ihre Haut war so grau, dass er Thindian ganz eng ums Herz wurde.
„Wir alle machen uns furchtbare Sorgen um Dich, mein Liebling. Du schläfst jede Nacht hier und Du isst nichts mehr. Wie ein wandelnder Geist siehst Du aus."
„Das ist mir egal." Glîwens Stimme war tonlos. „Ich will auch sterben. Dann bin ich wieder bei Ada."
„Sag doch so etwas nicht!", beharrte Thindian, doch sie konnte gut verstehen, was das Mädchen empfand. Den Sohn zu verlieren, das war etwas, was sie sich niemals hatte vorstellen können und nun, da sie es akzeptieren musste, zerriss es sie innerlich. „Du würdest uns noch unglücklicher machen, willst Du das denn?"
Ein kleiner Moment herrschte Schweigen, dann sagte Glîwen leise.
„Es riecht nicht mehr nach ihm, das Kissen. Der Geruch ist weg und ich glaube, ich habe ihn schon vergessen. Bin ich eine schlechte Tochter, Großmutter?"
Thindian hielt es nicht mehr aus und raffte das kleine Bündel Menschen, das so schwach war, dass es sich nicht einmal mehr wehrte, in ihre Arme. Sie streichelte Glîwen, flüsterte ihr zu, dass sie eine gute Tochter sei und sich nichts vorzuwerfen hatte.
„Einige Bilder verblassen, mein Schatz, aber die Erinnerungen werden niemals ganz gehen", flüsterte sie. Glîwen entspannte sich etwas und blickte schließlich auf, die Augen groß und feucht.
„Großmutter, ich möchte hier weg."
„Was sagst Du mein Schatz? Möchtest Du wieder in Deinen Talan? Oder zu Rumil oder Orophin?"
„Nein, Großmutter." Glîwen schluckte mühsam und warf sich an Thindian Schulter. „Ich möchte weg aus Lorien. Ich will nicht, dass die Erinnerung weggeht, aber alles, was ich sehe, wird verschwinden. Adas Kleidung, seine Möbel – sein Haus. Ich will das nicht. Ich will weg und ihn in meinem Kopf und in meinem Herz mitnehmen, damit er nicht daraus weggeht. Bitte, Großmutter, versprich, dass ich weggehen darf."
Und Thindian versprach es, weil sie nicht anders konnte.
