9.

Ich weiß gar nicht mehr, wann ich genau angefangen hatte, das zu akzeptieren, was mir passiert war. Wann ich angefangen hatte, wirklich daran zu glauben in Mittelerde, in Bruchtal zu sein, wie in einer schlechten Mary-Sue-Fanfiction. Es musste ganz allmählich passiert sein. Genauso wie sich in meine Unterhaltungen mit Nim immer mehr Euchs anstatt Sies gemischt hatten. So, wie ich festgestellt hatte, dass ich die Elbensprache zwar beherrschte und verstand, aber kein Wort davon lesen konnte. Eine Tatsache, die ich diesen Valar-Gottheiten im Übrigen wirklich übelnahm. Mir als fanatische Leserin konnte eigentlich nichts Schlimmeres passieren, als in einem Haus mit einer riesigen Bibliothek zu sein und dann kein einziges Buch davon lesen zu können. Selbst Sauron persönlich hätte sich für mich keine größeren Höllenqualen ausdenken können.

Auch wenn ich inzwischen wieder regelmäßig Körperhygiene betrieb und so etwas wie ein freundschaftliches Verhältnis zu Nimriel aufbaute, weigerte ich mich doch immer noch, mein Zimmer zu verlassen. Den größten Teil des Tages verbrachte ich weiterhin damit, in selbstzerstörerischer Manier auf dem Bett zu liegen, mein altes Leben zu vermissen und mir auszumalen, wie sehr meine Familie unter meinem ungeklärten Verschwinden litt. Lediglich die Heulkrämpfe legte ich ad acta.

Ich hatte versucht von Nimriel herauszubekommen, wo dieser verrückte alte Zauberer abgeblieben war, doch keine zufriedenstellende Antwort bekommen. Anscheinend waren zwar Erestor und ich planmäßig am Ort seines Verschwindens wieder aufgetaucht, aber der Zauberer mit dem Hang zu melodramatischen Formulierungen blieb verschwunden. Elrond machte sich wohl Sorgen, wenn Nim das richtig deutete, konnte einstweilen jedoch auch nichts tun.

Wenn ich besonders guter Laune war, stand ich manchmal sogar auf, frühstückte mit Nim und ließ mir alle möglichen Geschichten und Anekdoten über die verschiedenen Bewohner Bruchtals erzählen. Bei einer dieser Gelegenheiten nahm sie mir auch das Versprechen ab, niemandem von ihrer Vorliebe für Glorfindel den Rauschgoldengel zu erzählen. Natürlich mit hochrotem Kopf und unter viel Stottern. Ich gab das Versprechen bereitwillig, aber ich war mir ziemlich sicher, dass dies völlig überflüssig war. Wenn sie sich jedes Mal so benahm, wenn die Rede auf die blonde Frohnatur kam, musste inzwischen ganz Bruchtal von ihrer unglücklichen Verliebtheit wissen. Und unglücklich war sie. Seit sie Glorfindel zum ersten Mal gesehen hatte, hatte jeder andere Elb seinen Reiz für sie verloren. Er jedoch schien in ihr bestenfalls so etwas wie eine kleine Schwester zu sehen. Ihren eigenen Aussagen nach zumindest.

Nimriels Bemühungen mir eines von ihren Kleidern anzuziehen, widerstand ich beharrlich. Anscheinend beflügelt von meinem Badewannen-Experiment schleppte sie anfangs jeden Morgen ein Kleid in einer anderen Farbe an, in der Hoffnung dass mir dieses gefallen würde. Und obwohl jedes einzelne ein Traum der Schneiderkunst war, stieg ich doch in keines. Offiziell mit der Begründung, dass sie mir eh zu lang und zu eng sein würden, aber insgeheim hatte ich das Gefühl, je mehr ich mich anpasste, umso weiter würde ich mich von der Möglichkeit entfernen wieder nach Hause zu kommen. Diese Hoffnung hatte ich noch nicht ganz aufgegeben. Elronds sadistischer Laufbursche hatte mich hierher gebracht und vielleicht könnte man mich irgendwie zurück befördern, sobald der Hausherr und seine partner in crime merkten, dass ich mich weigerte den Appetithappen für Sauron zu spielen.

Doch das Schicksal, oder die Valar, wer oder was auch immer hier für meinen persönlichen Schlamassel zuständig war, hatten kein Einsehen mit mir. Nicht lange nachdem ich in mein neues Gemach umgezogen war, bekam ich Besuch.

Ich hatte mich in Nachthemd und Morgenmantel auf meinen Balkon gesetzt, um die helle Morgensonne zu genießen. Zwar war die Terrasse durch eine Treppenflucht mit anderen weiter unter mir verbunden, doch schien sich nie jemand hierher zu verirren. Was mir natürlich nur Recht war.

Ich hatte mich an diesem schicksalhaften Morgen gerade erst auf eine der Gartenliegen, Ausführung Bruchtal-Luxus-Edition, niedergelassen, als ich hinter den diversen Topfpflanzen, die meinen Balkon in eine grüne Wildnis verwandelten, ein Geräusch hörte. Zuerst gab ich nicht viel darauf, da ich es für unwahrscheinlich hielt, dass einer der hiesigen Elben mich in meinem halbdurchsichtigen Nachthemd bespannen könnte. Nicht, wenn es hier dafür hunderte von Elbenfrauen gab, bei denen das viel mehr lohnte. Doch das Rascheln setzte sich geraume Zeit fort und irgendwann ging mir das, was da durch die Zwergpalmen geisterte so auf die Nerven, dass ich aufstand und einen Blick hinter das Dickicht warf. Erst glaubte ich, dass Nim mir irgendeinen Streich spielen wollte, um mich aus der Reserve zu locken, doch als ich zupackte und den Spion beim Kleid erwischte, musste ich feststellen, dass der blonde Lockenschopf nicht zu meinem Kindermädchen/Zofe/Gesellschafterin gehörte.

Ein paar riesige smaragdgrüne Augen starrten mich erschreckt an und ich starrte wohl nicht minder erschreckt zurück. Was ich da aus dem Grünzeug gezogen hatte, war sozusagen eine Bonsai-Elbenfrau. Ein Elbenmädchen besser gesagt.

Elben an sich, wenn man sich erst einmal von dem Gedanken frei gemacht hat, sich auf einem Drogentrip zu befinden, sind schon ein Anblick für sich. Ziemlich bald nach meinem letzten Streitgespräch mit dem heiligen Dreiergestirn von Bruchtal hatte ich zugeben müssen, dass weder sie noch Nimriel Schauspieler sein konnten. Aussehenstechnisch konnten die menschlichen Supermodels unserer Tage durchaus mit den Elben mithalten, doch fehlte einem Mensch diese gewisse Ausstrahlung. Dieses besondere Etwas, das einem das Gefühl gab, grad in das Antlitz der Ewigkeit zu schauen. Als ich mich selbst bei diesem Gedanken ertappte, hätte ich mich am liebsten für diese radagastige Formulierung geohrfeigt. Aber mir sollte nichts Besseres einfallen, um die Besonderheit der Elben zu beschreiben.

Nun, wenn schon erwachsene Elben so einen Eindruck auf mich machten, dann könnt ihr Euch sicher vorstellen, wie sehr mich dieses Elbenkind bewegte. Sie war wunderschön, nach menschlichen Standards vielleicht acht Jahre alt und doch strahlte aus diesen grünen Augen jetzt schon eine Weisheit und ein Willen, der mich unwillkürlich einen Schritt zurückweichen ließ. Und das vor einer Person, die mir grad mal bis zur Taille reichte.

„Ich bin Alvariel. Entschuldigt, ich wollte Euch nicht stören, aber..." Meine kleine Besucherin stockte jetzt etwas in ihrer artigen Vorstellung und ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.

„Aber?" ermunterte ich sie. Ich konnte sehen, wie Alvariel ihren ganzen Mut zusammen nahm und schließlich herausrückte, was sie in meinen Privatdschungel getrieben hatte. „Aber ich habe noch nie eine Menschenfrau gesehen und war neugierig!"

Nur mit Mühe konnte ich ein breites Grinsen unterdrücken. Eigentlich war es eine ziemliche Frechheit und ich glaube kaum, dass Alvariels Eltern begeistert von der Tatsache waren, dass sie Menschen besichtigen wollte, als wäre mein Balkon ein Zoo. Die Offenheit allerdings, mit der sie ihre Neugier gestand, war herrlich amüsant. Ich mochte die Kleine jetzt schon. „Und? Bist Du denn auf Deine Kosten gekommen?" fragte ich scheinheilig.

„Oh ja, Frau Firiel. Allerdings hatte ich gedacht, Ihr wärt hässlicher. Auch wenn ihr so kurze Haare habt. Und ich wusste nicht, dass Menschenfrauen ihre Nachthemden immer tragen. Auch tagsüber."

Zugegeben, jetzt war ich sprachlos bei soviel Offenheit. Fräulein Avariel nahm kein Blatt vor den Mund. Anscheinend hatte sie bei einem Menschen an eine Art gepflegteren Ork oder etwas in der Art gedacht. Nun ja, man sollte Kinder ja nicht in ihrem Bildungsbemühen behindern.

„Nun, Menschen sind ziemlich verschieden. Es gibt tatsächlich auch Hässlichere als mich. Und natürlich viel Schönere. Manche sind fast so schön wie Elben. Aber Fräulein Avariel, sag mir doch mal, woher weißt Du eigentlich, wer ich bin. Oder dass ich hier bin?" Etwas gebügelt von diesem Auftritt ließ ich mich wieder in meine Luxusliege sinken und musterte Alvariel.

Ihre blonden Engelslocken reichten ihr bis hinunter zu den Kniekehlen und sie trug ein äußerst hübsches, aber praktisches grünes Kleid, das perfekt den Ton ihrer Augen nachahmte. Es hätte verboten werden sollen, dass Kinder schon so gut aussahen.

Oho, das schlechte Gewissen war dem Blondschopf nur zu deutlich anzusehen. „Naja... Also... Versprecht Ihr, mich nicht zu verraten?"

„Nein, natürlich nicht." schwor ich ernsthaft. Wer hätte ihr auch schon etwas abschlagen können? „Keine Sorge, die Einzige, mit der ich hier rede, ist Frau Nimriel. Aber auch ihr werde ich nichts sagen, wenn Du das für wichtig hältst." Erleichtert nickte die ungebetene Besucherin und kam ganz nahe zu mir heran. „Ich hab gelauscht." flüsterte sie vertraulich. „Glorfindel und Erestor haben über Euch gesprochen und ich hatte mich unter dem Tisch versteckt."

Das war ja interessant! Am liebsten hätte ich die kleine Alvariel jetzt ausgefragt, was da über mich gesprochen wurde, aber ich wollte sie nicht noch weiter in Verlegenheit bringen. Allerdings fragte ich mich, was der Lockenkopf für eine Erziehung genoss, wenn sie anscheinend die eine Hälfte des Tages unter Tischen und die andere hinter Grünzeug verbrachte. In beiden Fällen damit beschäftigt andere auszuspionieren. Elben schienen die Erziehung ihres Nachwuchses recht alternativ zu handhaben.

„Keine Angst, an die beiden werde ich Dich ganz sicher nicht verraten. Und, hast Du noch irgendwelche Fragen an mich. Über die Menschen?" Die Kleine machte mir irgendwie Spaß und ich hatte von jeher gut mit Kindern gekonnt.

„Darf ich mich dazu setzen?" War die höfliche Gegenfrage und nachdem ich lachend genickt hatte, kletterte Alvariel auf den zweiten Liegestuhl, um ihre Befragung zu beginnen. Ihr fiel wirklich alles mögliche ein. Angefangen damit, warum meine Haare nur kinnlang waren über meine Essgewohnheiten bis hin zu der Frage, ob Menschen die Augen zum Schlafen wirklich zu machten. Als ich ihr in meinem Liegestuhl demonstrierte, wie ein schlafender Mensch aussah, schien sie sich dann doch ein bisschen zu gruseln. Sie kam zu mir herüber gestürzt und zerrte an meinem Arm, mit der Bitte die Augen wieder zu öffnen. Ich war etwas verblüfft und Alvariel erzählte mir, dass Elben nur einmal in ihrem Leben die Augen schlossen. Und wenn sie das taten, dann war es endgültig.

Es tat mir ehrlich leid, dass ich das Kind so erschreckt hatte, doch als ich versuchte, sie zu beruhigen, purzelte so Einiges aus ihr heraus, was sie mir unter normalen Umständen vielleicht nicht gleich beim ersten Kennenlernen erzählt hätte.

Alvariels Eltern waren Galadrim gewesen und viele hatten sie für leichtsinnig gehalten in diesen Zeiten in Mittelerde ein Kind in die Welt zu setzen. (Anscheinend konnten Elbenfrauen frei über ihre Fortpflanzungsfähigkeit verfügen. Was sicherlich auch ganz nützlich war, da sie ja nicht starben. Nicht auszudenken, zu was für einer Überbevölkerung es geführt hätte, wenn jedes Paar nur alle 50 Jahre ungewollt ein Kind in die Welt gesetzt hätte!) Doch ihre Eltern hatten sich nicht beirren lassen. Nach einigen Jahren jedoch mussten sie einsehen, dass Mittelerde keine besonders gute Gegend war, um Elbenkinder groß zu ziehen. Sie hatten beschlossen mit Alvariel in den Westen zu segeln. Allerdings war ihnen nahe Bruchtal wohl dasselbe widerfahren wie seinerzeit Celebrian. Alvariel hatte mit ansehen müssen, wie ihre kleine Reisegruppe und ihre Eltern von einer Bande Orks teils niedergemacht, teils verschleppt worden waren. Sie selbst wurde von ihrem Vater unter einem Haufen Gestrüpp versteckt, bevor er sich dem Kampf stellte. Alvariel hatte von dort aus alles mit ansehen müssen. Das kleine Mädchen hatte wohl mehrere Tage in ihrem Versteck gelegen und auf den Kampfplatz mit den Leichen ihrer Eltern gestarrt, bevor zwei elbische Reiter, die einer Orkfährte gefolgt waren, sie gefunden hatten. Und so war sie in Bruchtal gelandet.

Ich war ehrlich schockiert von dieser Geschichte, doch wagte vorerst nicht zu fragen, wieso man sie nach diesen Erlebnissen nicht umgehend auf ein Schiff verfrachtet hatte, dass gen Westen fuhr. Ich musste allerdings zugeben, dass Alvariel für so ein traumatisches Erlebnis ein recht normales Kind zu sein schien.

Ich versuchte mein Bestes, um ihre Gedanken wieder in fröhlichere Bahnen zu lenken und bald darauf brachte sie mir lachend einen elbischen Abzählreim bei.

Alvariel war eine dermaßen gute Gesellschafterin, dass ich nicht einmal merkte, wie die Zeit verflog. Erst als die Sonne bereits hoch am Himmel stand und es demnach um die Mittagszeit sein musste, sagte sie, dass sie jetzt gehen müsste, sonst würde Silwen wieder bei ihren Onkeln petzen. Anscheinend meinte sie damit die beiden Elben, die sie damals gefunden und die Mörder ihrer Eltern zur Strecke gebracht hatten. Sie fungierten nun als eine Art Erziehungsberechtigte, wenn ich die richtigen Schlüsse zog. Ich war mir ziemlich sicher, dass es sich dabei nur um Elronds Zwillingssöhne handeln konnte. Niemand anders fiel mir aus dem Buch ein, der seine Rachegelüste an Orks dermaßen ungeniert auslebte. Ich entließ meine kleine Besucherin in der besten Laune und sie versprach bald wieder zu kommen.