A/N: Hallo! Ich hoffe, ihr habt die Ostertage gut und stressfrei überstanden! Viel Spaß mit dem neuen Kapitel!

Scar Tissue

9

verbrennen sich die Tatzen

Eh du dich versiehst

Wird Jäger zum Gejagten

und die Welt steht Kopf.

Die Oberfläche des Gotham Rivers glitzerte silbern im schwächelnden Licht eines sichelförmigen Mondes. Vereinzelt hatten die Minusgrade der letzten Tage dem Wasser jede Bewegung genommen, hatten ihm eine vorübergehend feste Gestalt verliehen, die die Wassermassen in vielen kleinen Schollen wie Floße aus Glas auf den robusteren Wogen dahin gleiten ließ. Für schöngeistige Beobachtungen dieser Art hatte der Joker keinen sonderlich ausgeprägten Sinn. Schönheit lag wie so vieles im Auge des Betrachters, und ihm wollte die kraftvolle Dynamik lodernden Feuers einfach besser gefallen als das Phänomen farblosen Wassers, das sich des Öfteren in fremde Gewänder zu kleiden pflegte, die ihm seine verschiedenen Aggregatszustände darreichten. Von der persönlichen Wahrnehmung von Äußerlichkeiten abgesehen, versuchte er stets, einen praktischen Nutzen aus dem Wüten der Elemente zu ziehen, und dieser bot sich ihm nun mit der Inbrunst einer lüsternen Hure dar. Hungrig leckten unruhige Wellen an der Kaimauer, klatschten im Rhythmus, den ein eisiger Nachtwind vorgab, gegen wehrloses Gestein und sprühten winzige Partikel kalter Nässe in sein Gesicht. Der Fluss und sein offener Schlund, der den Weg zum Meer ebnete, waren nicht nur schweigender, sondern vor allen Dingen dunkler Natur. Was auch immer er in seine gierigen Fänge bekam, wurde zwischen seinen wogenden, beständig arbeitenden Kiefern zermalmt. Die Zähne der Zeit taten ihr Übriges dazu, um das Verdauungssystem der See anzuregen.

Der Joker war im Begriff, der brodelnden Gischt eine Mahlzeit aufzutischen, die ihren Hunger vorläufig stillen mochte. Sein Blick hing noch für einige Sekunden am makellosen Nachthimmel, der von keiner einzigen Wolke, die die frierende Stadt vor weiterer Auskühlung hätte bewahren können, verunreinigt wurde. Sterne glitzerten in hoffnungsloser Einsamkeit wie Nadelköpfe, die auf ein Samtkissen von in Schwarz übergehendem Indigo gesteckt worden waren. Die Smogglocke, die wie ein Atompilz über den Wipfeln der Stadt wucherte und einen durchsichtig anmutenden Schleier wie ein Moskitonetz über ein Himmelbett warf, trübte den Anblick des Firmaments kaum merklich, ließ ihn nur ein bisschen unscharf wirken, so als blickte man plötzlich durch kurzsichtige Augen.

Ein ungesundes mechanisches Knirschen brachte ihn dazu, sich von der farblosen Szenerie abzuwenden und schwungvoll zu dem roten Pontiac umzudrehen, der hinter ihm stand. Der rothaarige Trampel, der ein äußerst hilfreiches Mittel zum Zweck gewesen war, lehnte sich über den Fahrersitz und versuchte angestrengt, die Handbremse des klassischen Wagens zu lösen. „Aber, aber, aber...ein bisschen mehr Feingefühl, wenn ich bitten darf", schnarrte der Joker tadelnd und stolzierte mit schwingenden Schritten entlang der Kaimauer, während er eine Hand zur Balance ausgestreckt und die andere in seiner Tasche verborgen hielt. „Er wird sowieso versenkt. Was tut es zur Sache?", schnaufte der kräftige Kollege seiner süßen kleinen Erin verächtlich, woraufhin der Joker, um seinem Missfallen Ausdruck zu verleihen, die Mundwinkel sinken ließ. „Es geht ums Prinzip und um Respekt...dieser Wagen hat mehr Jahre auf dem Buckel als du", fast hätte er ‚als du jemals erreichen wirst' hinzugefügt, aber das hätte ja die schöne Überraschung verdorben, die der Joker für den grobschlächtigen Verräter aus Le Gardiens Reihen im Sinn hatte. Für die Dauer weniger Sekunden huschte ein morbides Lächeln über seine entstellten Lippen, das man als solches aufgrund seiner zerklüfteten, geschwungenen Narben auf beiden Wangen nicht erkennen konnte. Sein lilafarbener Mantel, der, obgleich er schon sehr viel mitgemacht hatte, noch jeder Belastungsprobe standgehalten hatte, schwang liebkosend um seine schlanken Waden, umspielte sie mit jedem seiner leicht hinkenden Schritte. Das Geräusch, das seine Schuhsohlen auf dem nackten Gestein unter seinen Füßen erzeugten, erinnerte an das Reißen feiner Glasfasern.

„Glaubst du wirklich, dass der Wagen unentdeckt bleiben wird?", fragte der Mann, dem Erin fatalerweise vertraut hatte, und dessen rotes Haar verschwitzt in die breite Stirn fiel, während er versuchte, den Pontiac, der sich besonders störrisch gegen seine Exekution wehrte, in Bewegung zu versetzen. Mit einer spöttisch hochgezogenen Braue beobachtete der Joker das Tun seines...nun...eher temporären Komplizen, rieb gedankenlos Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, die in kühles, dunkelviolettes Leder gehüllt waren, knirschend aneinander, ehe er reptiliengleich die Zunge vorschnellen und fahrig über die üppig rot geschminkten Lippen gleiten ließ.

„Lass...das mal meine Sorge sein", entgegnete er mit leiser, dennoch bedrohlich tiefer Stimme. Dieser Matthew redete ihm einfach zu viel. Umso dringlicher wurde es Zeit, dass er ihn zum Schweigen brachte. Der Pontiac setzte sich langsam in Bewegung. Mit der Gemächlichkeit von Mühlenrädern drehten sich die Räder des Wagens durch Matthews Schubkraft vorwärts, trugen das Auto seinem nasskalten Schicksal entgegen. Der Hafen war des Nachts nur spärlich beleuchtet und aufgrund der Witterung lagen nicht viele Schiffe vor Anker. Der blanke Sternenhimmel war der einzige Zeuge, der dem Versenken des Wagens beiwohnte, doch selbst wenn ein anderes zu neugieriges Augenpaar sein Tun verfolgte, kümmerte es den Joker herzlich wenig. Zeugen waren nicht viel gefährlicher als Stubenfliegen. Sie waren lästig, ja, ja, aber ein gezielter Schlag mit der Handfläche genügte für gewöhnlich, um sie auszuschalten. Der Joker hatte jetzt einen besonders dicken Brummer vor sich, aber das erhöhte nur die Trefferquote.

Mittlerweile hatte der Pontiac an Geschwindigkeit zugenommen und rollte fast ohne Matthews weiteres Zutun. Das Gummi der Reifen quietschte leise auf dem rutschigen Untergrund, machte letzten armseligen Protest laut, der jedoch geflissentlich überhört wurde. Der Boden war fast eben, senkte sich nicht genug ab, um den Wagen nun ganz allein in das Hafenbecken rollen zu lassen. Während der Joker gelassen auf und ab trippelte, dabei die junge besinnungslose Frau umkreiste, die mit dem Kopf auf die Brust gesenkt an der Kaimauer lehnte, schob der trotz der Kälte stark schwitzende Matthew den Wagen weiter auf das Hafenbecken zu. Der rote Pontiac, der im unparteiischen Licht der Nacht matt und unscheinbar wirkte, gewann ein letztes Mal an Schwung, ehe er unaufhaltsam der dunklen See entgegenstürzte, die wie Tinte im fahlen Licht eines abnehmenden Mondes schimmerte. Das fast schwarz anmutende Wasser empfing das in den Ruhestand gezwungene Auto mit schäumender Gischt und recht unspektakulärem Platschen, das bereits nach wenigen Sekunden verstummte. Einzig die aufgebracht züngelnden Wellen, die wie Menschen in einer Massenpanik orientierungslos die Richtung wechselten, sich überschlugen und aneinander prallten, begruben blubbernd und rauschend den Pontiac unter sich. Einige Sekunden lang schwappten vereinzelte Wellen mit einer weißen Schaumkrone gegen die Kaimauer, ein tiefes, metallenes Grollen ertönte unter der Wasseroberfläche, dann glättete sich das Wasser wie ein frisch gebügeltes Hemd und ließ das soeben Geschehene in Vergessenheit geraten. Der Joker betrachtete unbeeindruckt das Hafenbecken, dessen Inhalt so verdreckt war, dass es selbst bei intensiver Sonneneinstrahlung nicht den markanten Schatten des Pontiacs preisgegeben hätte, und summte vor sich hin, rümpfte die Nase, als er den schnaufenden Matthew bemerkte, der sich an seine Seite gesellt hatte. Er mochte es nicht sonderlich, wenn ihm jemand zunahe kam, wenn er es nicht selbst erwünschte; noch weniger gefiel es ihm allerdings, dass er den Mann riechen konnte, bevor er seine Anwesenheit anderweitig hätte wahrnehmen können. Dieser Typ schwitzte wie ein Schwein, genaugenommen wie ein Schwein, das Todesängste auszustehen hatte. Sauer und beißend schlich sich der Gestank mit einer Penetranz in seine Nase, dass er angewidert den Mund verzog. Wie man bei dieser Kälte so schwitzen konnte, war ihm ein Rätsel.

„Was...was hast du jetzt mit ihr vor?", keuchte der Mann an seiner Seite, der sich als besonders manipulierbar herausgestellt hatte. Dass er der lieblichen Erin vorgelogen hatte, er hätte sich zwischen seinem Leben oder ihrem entscheiden müssen, sprach Bände. Wer gestand schon ein, dass er korrupt war und seinen eigenen Profit über das Wohl anderer Menschen stellte? Niemals hätte dieses Ekel neben ihm den Schneid besessen, ehrlich zu sein. Weder hätte er freiwillig eingestanden, Le Gardiens Pforte für den Joker offen gehalten zu haben, noch dass es in seinem Interesse gewesen war, dass er den jungen Mister Randall in seine Fänge bekam. Er versprach sich tatsächlich einen Anteil am Erbe des Randalls, wollte sich damit in einen sonnigeren Staat absetzen und nie wieder für ein läppisches Trinkgeld arbeiten müssen.

Derartig simpel gestrickte Gemüter waren nur allzu leicht auf die Seite des Jokers zu ziehen gewesen, nur ahnte Matthew noch nicht, was der teuflische Clown eigentlich mit ihm im Sinn hatte.

„Mit ihr?", wiederholte der Joker mit seiner krähenden Stimme und warf einen gleichgültigen Blick über die Schulter, „Nun...ich würde vorschlagen, dass...dich das nicht zu interessieren hat." Er sah seinen geldgierigen Gehilfen durchdringend an, merkte ihm an, dass ihn langsam aber sicher ein schlechtes Gewissen plagte, wie es bei so vielen der Fall war, die sich Rebellen schimpften und doch nicht über den Tellerrand dieser von Zwängen und Regeln unterworfenen Welt zu blicken vermochten. Wenn es hart auf hart kam, wurden sie alle früher oder später weich, ließen sich von dem Gewissen leiten, das ihnen von Kindesbeinen an eingetrichtert wurde, nur um sie im Zaum zu halten. Selbst der Verruchteste unter den Kleinkriminellen, selbst Mitglieder der Mafia hatten irgendjemandem oder irgendetwas gegenüber Skrupel, die ihr Handeln in die Schranken wiesen. Der Joker hingegen hatte diesen Punkt längst überwunden, kannte keine Skrupel, ließ sich von nichts und niemandem erweichen, nicht beeinflussen oder lenken. Und das machte ihn zu einem freien Menschen, wahrscheinlich zu dem einzigen freien Menschen in einem vermeintlich freien Land.

„Was willst du eigentlich von ihr? Sie kann dir doch nichts tun...selbst wenn sie ein bisschen neugierig ist und herumschnüffelt, macht sie das noch lange nicht zu..." Der bloße Blick des Jokers genügte, um Matthew verstummen zu lassen. „Welchen Teil von ‚Das geht dich nichts an' kapierst du nicht, hm?" Er drehte sich gänzlich zu Matthew um, der daraufhin leicht zurückwich. Der bloße Anblick des Jokers schien zu genügen, um ihn einzuschüchtern. „Ich dachte ja nur..." Wieder verstummte er, als der Joker den rechten Zeigefinger belehrend hochhielt: „Siehst du, darin besteht dein Problem. Du sollst nicht denken, du solltest nur das Blondchen hierher bringen und den Wagen beseitigen...lass...den Rest meine...Sorge sein." Er zog die zerklüftete Unterlippe zwischen die gelblichen Zähne und taxierte Matthew mit seinen dunklen Augen. Der junge Mann wähnte sich nicht in der Lage, diesem furchteinflößenden, durchdringenden Blick standzuhalten, und schlug die Augen nieder. Ein weiterer unsicherer Seitenblick galt Erin, die noch immer friedlichen Träumen frönte und noch nichts davon ahnte, was ihr blühte, wenn sie erst einmal wieder zu sich kam.

„Wann...wann kann ich denn mit meinem Anteil rechnen? Wenn das rauskommt, dass ich...dass ich dir geholfen hab, dann...dann werde ich aus Gotham City verschwinden müssen." Ohne ihm wirkliche Anteilnahme zu zollen, lenkte der Joker seinen Blick zum Himmel und verzog die rot geschminkten Lefzen zu einem Schmollmund. „Darum musst du dir keine Sorgen mehr machen", säuselte der Joker in dunklem Singsang. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich Matthew fragend zu ihm drehte, doch er verschwendete nicht seine Kraft, um sich ihm ganz zuzuwenden. „Wie meinst...", waren die letzten Worte, die ihm über die Lippen kamen, ehe ein kurzer, aber dennoch kraftvoller Knall das fragile Gebilde neuerlich eingekehrter Stille durchschlug. Langsam ließ der Joker wieder die Hand sinken, die mit der Schusswaffe verschmolzen zu sein schien, und legte den Kopf zur Seite, als wollte er Matthew eine Frage stellen, der noch immer auf beiden Füßen stand und den Joker mit weit aufgerissenen Augen betrachtete, während er die Hand auf das kreisrunde Loch presste, das das Projektil mit tödlicher Präzision in sein Herz geschlagen hatte. Sein Blick aus dunklen Augen verlor schnell seinen Fokus, das natürliche Leuchten verblasste, ehe es zur Gänze erlosch. Er hielt sich noch wacker für wenige Sekunden auf den Beinen, rang ein letztes Mal röchelnd nach Luft, ehe ihn der Joker keck mit seinem Zeigefinger anstupste und Matthew daraufhin in sich zusammenfiel, als hätte man ihn seiner Wirbelsäule beraubt. Mit einem ungesunden Knacken, der dumpf an das Platzen der Schale eines rohen Eis erinnerte, schlug Matthew mit dem Kopf voran auf den bloßen Untergrund auf. Seine Hände zuckten einige Male auf die letzten hektischen Befehle seines versagenden Nervensystems hin, dann sank sein Kopf zur Seite und sein Körper lag still.

„Hm", kommentierte der Joker den Anblick der Leiche, stieß den Oberkörper mit der Spitze seines Stiefels an und schritt dann gemächlich zu Erin hinüber, die den ganzen Spaß verschlafen hatte. Nun ja, als Spaß konnte man das eben vielleicht nicht bezeichnen. Schusswaffen waren dem Joker eigentlich zu primitiv, zu plump. Sie setzten die Kunst des Tötens auf ein sehr niedriges Niveau hinab, verkürzten den so intensiven Moment des Ablebens zu immens, sodass die emotionale Essenz des Sterbens verloren ging, der einzige Augenblick, in dem menschliche Augen die Wahrheit offenbarten. Der Joker konnte sich jedoch denken, dass ihm in Matthews Falle nicht viel entgangen sein konnte, nein, wahrlich nicht. Er verfügte über eine ausgezeichnete Menschenkenntnis und er wusste, wann er einem Verräter gegenüber stand, der sich nur an weltlichen, abstrakten Gütern wie Geld orientierte und schnell an seiner Gier erblindete. Nein, diese Art Menschen, die zu berechenbar waren und zu simpel gestrickt waren, langweilten den Joker, er suchte Herausforderungen, suchte jene Menschen, die der festen Überzeugung waren, ihre Moralvorstellungen nie zu brechen, komme was wolle. Ja, ja, und für gewöhnlich brachte er sie dazu, genau das zu tun, was sie sich nie hätten vorstellen können, führte ihnen vor, dass sie immer noch Geißeln ihrer animalischen Instinkte waren und nicht etwa Herr über ihre Ängste und Triebe. Der gemeine Mensch war nicht höher entwickelt als die Tiere, die er sich in Käfigen und Zwingern hielt. Den Zustand des gewöhnlichen Menschseins zu überwinden, bedeutete einzusehen, dass sich die Menschheit etwas vormachte, wenn sie glaubte, stark genug zu sein, etwas zu kontrollieren. Kontrolle war nicht mehr als nur eine Illusion, ein Gebilde menschlicher Fantasie. Im Grunde tat der Joker nicht wirklich etwas Böses oder Grausames, indem er jede Form der Ordnung aufzuheben suchte; er löste lediglich die Augenbinde und brachte die Leute dazu, zu sehen und zu erkennen. Natürlich war die Wahrheit nicht immer schön, aber sie war fair, weil sie eine absolute Tatsache darstellte.

Wenige Zentimeter vor Erin machte er Halt und ging vor ihr in die Hocke. Ihr Kopf war noch immer auf ihre Brust geneigt, sodass ihr die langen Strähnen ihres blonden Haares ins Gesicht fielen. Obgleich es den Anschein erweckte, sie würde selig schlummern, wusste der Joker, dass ihm nicht viel Zeit blieb. Bald würde sie aufwachen, womöglich noch bevor er seine kleine Überraschung für sie fertig hatte, und das wollte er nicht riskieren, nein, nein, das wollte er wirklich nicht. Er warf die Waffe in die Luft, woraufhin sich diese um die eigene Achse drehte, und bekam sie am Lauf wieder zu fassen. Er ergriff Erins zierliche rechte Hand, die so kalt war, dass er es selbst durch den dichten Stoff des Handschuhs hindurch spürte, und legte die Waffe hinein, gesellte sich an ihre Seite, schob ihren Zeigefinger auf den Abzug und gab noch einen Schuss auf Matthews leblosen Körper ab, der nur kurz erzitterte, ehe er seinen ewigen Schlummer fortsetzte.

„Dumdidumdadada, laladumdidum", sang er halb geflüstert, halb gesprochen vor sich hin, während er Erins Finger auf die Waffe presste, diese dann geschickt aus ihrer Hand zog und in ihrem Rucksack verstaute, in dem er bereits zuvor ein kleines Souvenir untergebracht hatte, über das sich das hübsche Täubchen bestimmt freuen würde. Der Joker strich mit den Fingern der linken Hand über Erins Wange. Ihre Haut sah so makellos zart aus, so blass, weich und seidig. Wie eine weiße Leinwand. Doch wozu nützte eine weiße Leinwand? Sie war dazu da, beschrieben zu werden, in Farbe getaucht und in ein Kunstwerk verwandelt zu werden. Und er würde der Künstler sein, der Erin ihre wahren Möglichkeiten eröffnete; das hieß, solange sie es zulassen würde.

Das Lächeln, das seine vollen, blutrot bemalten Lippen gebaren, war kalt, berechnend und gefährlich. Vielleicht war es besser für Erin, dass sie dieses teuflische Grinsen nicht sehen musste. Vielleicht wäre es auch besser gewesen, sie wäre nicht wieder aus ihrem Betäubungsschlaf erwacht. Summend legte er der jungen Frau den Rucksack um, bevor er ihren Nacken umfasste, sie anhob und sich ächzend über die Schulter legte. Sie war nicht besonders schwer, aber wenn der Joker an den Weg dachte, den er noch zurückzulegen hatte, würde selbst die leichteste Fracht irgendwann erdrückend sein. Er legte einige Meter zurück, ging dann vor Matthews Leichnam in die Knie, zog Erins Arm an sich und ließ ihre Finger sowie den Ärmel ihrer Jacke über die Einschusslöcher des Toten streifen. Dann erhob er sich wieder und setzte sich in Bewegung. Ja, vor ihm lag noch ein anstrengender Weg. Zwar kein weiter, aber...ein steiler. Ja, durchaus steil. Und der klapprige Aufzug führte nicht bis ganz nach oben.

Das Kichern, das über seine Lippen kam, schwoll zu beachtlicher Lautstärke an. Sein schallendes, beinahe hysterisch anmutendes Gelächter hallte an der leicht gewellten, metallenen Fassade der Container wider, die so lange im Hafen Gothams überwintern würden, bis sich jemand erbarmte, sie zu verladen und von diesem unsäglichen Ort verschwinden zu lassen. Auch wenn sie bis dahin noch in der Stadt verharren mussten, waren sie allemal besser dran als Erin, deren Arme ausgestreckt rhythmisch gegen den Rücken des Jokers schlugen, während er sie in die immer kälter werdende Nacht hineintrug. Ein heulender Wind brachte klirrende Kälte nach Gotham City, und mir ihr den säuerlichen Geruch von Veränderung.

***

Es war weniger der schneidend kalte Wind, der frontal in ihr Gesicht blies und ihre Züge erstarren ließ, sondern vielmehr der hämmernde Kopfschmerz, der Erin zwar langsam, doch unerbittlich in die Realität zurückgeleitete. Sie wollte erst die Augen öffnen, gestand sich aber aufgrund ihrer pochenden Schläfen und ihrer Orientierungslosigkeit eine kleine Schonfrist ein. Das letzte Mal, dass sie unter so heftigen Kopfschmerzen gelitten hatte, war während ihres Studiums gewesen, als sie sich mit einigen Kommilitonen die Nacht um die Ohren geschlagen hatte und ein wenig zu tief ins Glas geschaut hatte. Erin bewegte den Kopf einige Zentimeter, was schon genügte, um ein übelkeiterregendes Schwindelgefühl irgendwo hinter ihren Augen freizusetzen. Ein schweres Seufzen kam über ihre Lippen, ihre Lider waren noch immer zu schwer, um auch nur einen Millimeter bewegt zu werden.

Warum hatte sie nur so einen Brummschädel? Sie hatte doch gar nichts getrunken, oder etwa doch? War das Wiedersehen in Le Gardien so feuchtfröhlich ausgefallen? Erin stellte mit wachsender Unruhe fest, dass sie sich nicht einmal daran erinnern konnte, nach Le Gardien zurückgekehrt zu sein. Einen derartigen Filmriss hatte sie noch nie gehabt. Wo auch immer sie gerade war, es war viel zu kalt, um wirklich ein Gebäude zu sein. War sie irgendwo in der Gosse gelandet? Aber wie? Sie konnte sich daran erinnern, wie sie von der Bibliothek in Richtung Bus gelaufen war. Ab dann...nichts mehr. Nur ein schwarzes Loch, das breit und bodenlos in ihrem Gedächtnis klaffte und sich auszubreiten schien. Die junge Frau versuchte den Kopf zu bewegen, ohne dass das Gefühl, sie würde in einem zu schnell fahrenden Karussell sitzen, überhand nahm. In ihrem Mund breitete sich ein schaler Geschmack aus, begleitet von fast schmerzhafter Trockenheit. Was hätte sie für einen kleinen Schluck Wasser nicht alles gegeben? Leise seufzend atmete sie aus, hustete rau, als ihr eine entgegen kommende Windböe das Atmen erschwerte. Benommen registrierte sie, dass sich der unbequeme Untergrund, auf dem sie saß, leicht bewegte. Wahrscheinlich fiel dieses Trugbild ihrem Schwindelgefühl anheim, und doch fühlte es sich real an, wie der Boden unter ihren Füßen leicht bebte und tanzte wie ein Trapez hoch oben in der Luft. Hätte Erin gewusst, dass sie mit diesem Vergleich nur allzu knapp an der Wahrheit vorbeischrammte, wäre sie unmöglich so ruhig geblieben. Langsam, wenn auch widerwillig, öffneten sich ihre hellblauen Augen einen Spalt breit und blinzelten energisch, als sie eine Bewegung aus nächster Nähe wahrnahmen.

Ihr Blick war verschleiert, so als hätte sich ein dünner Film über ihren Sehnerv gelegt. Mit jedem Blinzeln verbesserte sich ihre Sehschärfe, bis sie wieder zu alter Form aufgelaufen war. Doch was Erin erblicken musste, brachte sie dazu, sich zu wünschen, die Welt wieder durch ein milchig-trübes Glas wahrzunehmen. Keinen ganzen Meter von ihr entfernt hockte der Joker auf etwas, das wie ein breiter Stahlträger aussah, der zwar mit großen Nieten an seine Artgenossen befestigt worden war, aber dennoch keinen sehr vertrauenerweckenden Eindruck hinterließ, weil er zwar langsam, aber dennoch mit dem menschlichen Auge erfassbar im kalten Wind hin und her wiegte.

„Ah, die junge Miss Porter weilt wieder unter den Wachenden...", stellte er breit grinsend fest, während ein eisiger Hauch sein ungekämmtes, wirr von seinem Kopf abstehendes dunkelblondes Haar noch mehr durcheinander brachte, indem er es leicht auffliegen ließ. Erin wich instinktiv zurück, prallte mit dem Rücken gegen etwas, das beunruhigend schmal, aber auch scharfkantig genug zu sein schien, dass es durch den Stoff von Erins hellbrauner Cordjacke gedrungen wäre, hätte der Rucksack nicht als Puffer zwischen ihr und dem festen Gegenstand fungiert. Als sie sich mit ihren Füßen von dem ungewöhnlichen Untergrund abdrücken wollte, wurde ihr gewahr, wie wackelig der Boden wirklich war. Sie rutschte ab und hielt sich rechtzeitig an dem schmaleren Stahlträger fest, gegen den ihr Rücken zuvor gestoßen war. Die scharfen, rauen Kanten gruben sich tief und schmerzhaft in die Innenseiten ihrer Hände bei ihrem Versuch, sich festzuhalten.

Fatalerweise richtete sich Erins Blick zwangsläufig nach unten und eröffnete ihr, dass sie in wirklichen Schwierigkeiten steckte. Wie viele Meter es waren, die sie vom grobkörnigen Asphalt Gothams Straßen trennten, konnte sie nur schätzen, mit Gewissheit konnte sie nur sagen, dass sie einen Sturz aus dieser Höhe nicht überleben würde, mochten noch so viele Schutzengel für sie Patrouille laufen. Erins Schwindelgefühl verstärkte sich, ihre Hände begannen heftig zu zittern und das Herz schlug ihr bis zum Hals, schickte das Blut in heftigen Stößen durch ihren Körper. Schweiß brach trotz der enormen Kälte auf ihrer Braue aus als Antwort auf die Signale, die das Adrenalin durch ihre Venen schickte. Obwohl sie sich verzweifelt um Ruhe bemühte, entwich ihr Atem nur gepresst keuchend und viel zu flach. Der Joker, der seelenruhig auf dem stählernen Balken vor ihr hockte und sie amüsiert musterte, war für die Zeit der ersten Wogen aufwallender Panik für Erin in Vergessenheit geraten. Sie konzentrierte sich einzig und allein darauf, vor Angst keine unbedachten Bewegungen zu machen, die einen tödlichen Sturz provozieren konnten, klammerte sich an den eisigkalten Stahl, presste ihre Wange dagegen und schloss angestrengt die Augen. „Hast immer noch Höhenangst, hm?", hörte sie die Stimme des Jokers, die einen merkwürdig verzerrten Klang hatte, der durch Mark und Bein drang. „Nach...all den...Jahren", säuselte er und brachte Erin dazu, heftig zusammenzucken, indem er seine Hand um ihre Wange legte. Das Leder war glatt und makellos, kühl, aber bezwingend bedeckte es ihre Haut und drängte sie dazu, ihn anzusehen.

„Manche Dinge ändern sich nie, hm?" Sie atmete schnaufend, bekam dadurch kaum Luft. Sie wollte die Augen schließen, doch er hinderte sie daran, strich mit seinem Daumen über ihre Schläfe. „Der...äh...Äther...hat dir bestimmt einen fiesen Brummschädel verpasst, nicht wahr, Spätzchen?" Grob packte er ihr Kinn und zerrte es nach rechts, damit sie ihn ansah. Um ein Haar hätte sie den Halt verloren und japste nach Luft, als sie ihn wiedererlangte. Aus zusammengekniffenen Augen starrte sie ihn an, rang nach Fassung, die sich nicht erbarmen wollte, sich Erins anzunehmen. Selbst wenn sie hätte sprechen können, hätte sie keine Worte finden können, es grenzte schließlich schon an eine Höchstleistung, dass sie bei ihren Panikattacken atmen konnte. „Keine Angst, der...äh...geht schon wieder weg", er nickte bestätigend. Erin kämpfte um Ruhe, versuchte mit aller Macht zu verhindern, dass die Panik Überhand gewann. Ihre Kopfschmerzen waren mittlerweile wirklich eine zweitrangige Sorge; der Abgrund, von dem sie nur ein zwanzig Zentimeter dicker Stahlbalken trennte, hatte die überzeugenderen Argumente anzubieten. Erin versuchte zurückzuweichen, als sich der Joker weiter zu ihr vorbeugte, doch viel mehr Platz blieb ihr nicht. Sie war wie ein Vogel auf dem Drahtseil, nur dass ihr die Fähigkeit zu fliegen abhanden gekommen war. Wie er die Balance auf diesem schmalen Balken halten konnte und offensichtlich frei von jeder Furcht der Höhe trotzte, war Erin ein Rätsel. Ebenso sein Beweggrund, warum er sie hierher gebracht und nicht einfach beseitigt hatte. Wieso hatte er sich diese Mühe gemacht, sie hier hoch zu schleppen? Was führte er im Schilde? Dass es nichts Gutes sein konnte, las sie von seinem verzerrten Lächeln ab, das sein boshafter Blick zu reflektieren schien.

Erin wagte es nicht einmal, ihm eine Frage zu stellen oder auf sonstige Weise mit ihm zu kommunizieren, weil das bedeutet hätte, ihre Hände frei bewegen zu müssen. Sie zog es vor, ihre Finger in den stellenweise überfrorenen Stahl zu klammern wie eine Katze es mit Polstern und unglücklichen Möbelstücken zu tun pflegte, um ihre Krallen abzuwetzen. Erin hätte alles für die Fähigkeit gegeben, ebenfalls sicher auf ihren vier Pfoten landen zu können, auch wenn ihr diese Gabe bei dieser abnormen Höhe wahrscheinlich nicht besonders geholfen hätte.

„Weißt du...äh...", er zögerte, so als sei ihm ihr Name entfallen, „Erin...du...äh...solltest es ernst nehmen, wenn ich dir sage, dass du dich nirgendwo einmischen sollst. Es könnte nämlich durchaus sein, dass das unschöne Konsequenzen für dich haben könnte, wenn du dein hübsches Näschen zu tief in meine Angelegenheiten steckst. Generell, weißt du, hab ich nichts gegen Neugierde", er zurrte am Kragen seines Hemdes herum und schien gar nicht zu bemerken, wie der Stahlträger unter ihm erzitterte. Erin fürchtete sich für ihn mit, wenn er allein dazu nicht fähig war. „Es ist eine sehr löbliche Eigenschaft, wenn man den Dingen auf den Grund gehen will. Nur sollte man dabei darauf achten, nicht selbst zugrunde zu gehen", er erlaubte sich ein kurzes humorloses Grinsen auf seinen Wortwitz hin, ehe er die üppig geschminkten Lippen schürzte und Erins Kinn mit der rechten Hand zu sich dirigierte. Sie zitterte heftig, und das bestimmt nicht nur vor Kälte. Er spürte es deutlich an der Art, wie sie ihn ansah, an dem unruhigen Beben ihres in der Winternacht allmählich auskühlenden Körpers. Und er konnte nicht leugnen, dass es ihm über alle Maßen gefiel. Sollte sie nur Angst vor ihm haben, Angst würde sie daran hindern, Dummheiten zu tun oder ihn zu unterschätzen. Diesen Fehler hatten schon sehr viele vor ihr gemacht und hatten ihre Konsequenzen daraus ziehen müssen.

„Du fragst dich sicherlich, warum...äh...ich dich zu so einem Höhenflug eingeladen hab, hm?" Er hob fast schon neckisch die Brauen, doch das Lachen blieb der jungen Frau im Halse stecken. Sie starrte ihn an, um nicht den schwindelerregenden Höhenunterschied bewusster als unbedingt notwendig wahrnehmen zu müssen. Abgesehen davon ließ er ihr keine andere Wahl, indem er ihr Kinn mit seiner Hand wie ein Schraubstock umfasst hielt. „Hör zu, ich hab sogar...ich hab sogar zweeeeeei Gründe dafür. Willst du sie hören?", er nickte und taxierte sie mit dunklen Augen, die von fragend in die Höhe gezogenen Brauen umrahmt wurden, und hielt zwei seiner behandschuhten Finger der linken Hand vor ihr Gesicht, wie um ihre Gebärdensprache zu bespötteln. „Zum einen habe ich den Zeitpunkt für passend empfunden, dich darauf hinzuweisen, dass...du...äh...keinerlei Privilegien genießt, nur weil wir...äh...uns kannten." Dass er in der Vergangenheitsform sprach, schien Erin trotz ihrer Angst und der unmenschlichen Kälte dennoch zu treffen. Mit Wohlwollen sah der Joker mit an, wie sie leicht zusammenzuckte und ihn mit ihren hübschen hellen Augen nach einem Warum zu fragen schien.

„Nur damit du daran erinnert wirst, dass...äh...ein Batman nicht immer zur Stelle ist, wenn er gebraucht wird und ich es auch nicht darauf anlege, dass du gerettet wirst...du musst dich schon allein retten, Erin. Wie damals, weißt du noch, hm?", er drückte den Daumen in ihre Wange und betrachtete sie mit funkelnden Augen. „Überzeug mich...", raunte er, „...dass du immer noch ein starkes Mädchen bist." Sein Daumen glitt über ihre Wange. Selbst durch den recht robusten Stoff seines Handschuhs meinte er ihre weiche, glatte Haut fühlen zu können. „Und zum anderen habe ich dich hierher gebracht, weil ich dachte, dass du vielleicht eine besonderes Aussicht auf...ein kleines...Feuerwerk genießen wollen würdest." Er zwinkerte ihr verwegen zu, als sie verwirrt die Stirn runzelte. „Ja, ja, ein Feuerwerk", versprach er ihr. Erin wusste nicht, was er damit meinte, realisierte aber, dass sie, egal was er im Schilde führte, nichts dagegen auszurichten vermochte. Sie wagte es ja nicht einmal, ihre Finger aus ihrem festen Griff um das Metall zu befreien, obwohl das überfrorene, glatte Material so kalt war, dass es ihren Händen schmerzte und sie das Gefühl hatte, ihre Finger würden in jedem Moment an dem Stahlträger haften bleiben.

„Wir...äh...wollen doch nicht, dass sich Jimmyboy Gordon langweilt, nicht wahr? Er wird in dieser Nacht beide Hände voll zu tun haben, wenn er sich daran macht, einen heiklen Mordfall aufzuklären und dem Bürgermeister nahezubringen, warum seine nicht sehr spezielle Spezialeinheit keinen Wind davon bekommen hat, dass ein ganzer Wohnblock heute Nacht in die Luft gehen wird. Um präzise zu sein...in genau...sechs Minuten und zweiunddreißig Sekunden...einunddreißig...dreißig...ich liebe Countdowns, Häschen. Du auch? Weil immer, wenn der Nullpunkt erreicht ist, eine Überraschung erfolgt. Und wer liebt denn keine Überraschungen?", mit jedem Wort, das er sprach, schien er in eine immer beschwingtere Stimmung zu verfallen. „Schau dir das Spektakel in Ruhe an, mein Mäuschen. Aber warte besser nicht so lange, bis du hier oben festfrierst. Generell wird bestimmt schon bald nach dir...verlangt werden. Es ist also nicht nur in deinem Interesse, deine...äh...Furcht vor großen Höhen zu überwinden, nach all dem, was geschehen ist."

Der Joker sprach für Erin in Rätseln, was aber nicht bedeutete, dass sie seine Worte nicht ernst nehmen sollte. Er ließ von ihr ab, sodass sie fast erleichtert geseufzt hätte, hätte sie ihre Angst nicht zu fest im Griff gehabt. Fast schon elegant trotzte er dem schaukelnden Stahlträger und erhob sich als stünde er auf festem Boden. „So gern ich dir noch Gesellschaft leisten würde und der kleinen Feuerrevue beiwohnen würde...aber es ist mir ein bisschen zu...zugig hier oben und es gibt für mich noch viel Arbeit zu erledigen. Du weißt ja, wie das ist. Die Pflicht ruft. Alex wartet bestimmt nicht ewig auf mich. Der junge Mann ist recht eigenwillig in seinen Launen", plapperte er fröhlich vor sich hin und rückte seinen Mantel zurecht, ehe er sich auf Zehenspitzen umwandte als turnte er eine Schwebebalkenkür. Er balancierte mit verspielt ausgestreckten Armen schwankend über den schmalen Steg und schien doch nie stark genug zu wanken, um wirklich das Gleichgewicht zu verlieren. Erin wagte es noch nicht einmal, in dieser Höhe freihändig an einen Stahlträger gelehnt zu sitzen, vom aufrechten Gehen ganz zu schweigen. Wie sollte sie ganz allein ohne Hilfe aus dieser misslichen Lage herauskommen?

„Lalala, dupdupdupdupdup", sang der Joker in schiefen Misstönen, während der Balken unter seinen kraftvollen Schritten erzitterte und Erin angst und bange wurde in Anbetracht des nicht besonders stabil wirkenden Metalls. „Wir sehen uns...", rief ihr der Joker von der anderen Seite des Gerüsts zu und schlang seinen Arm um eine der Streben, um sich kurz darauf schwungvoll daran hinabzuhangeln, „...vielleicht...", fügte er hinzu und lachte tief, laut und unheilvoll, während er mit unerwarteter Geschicklichkeit in die Dunkelheit hinabkletterte, wobei sich sein lilafarbener Mantel wie ein Fallschirm durch den entgegen kommenden Wind aufblähte und ihn raschelnd umflatterte. Erin wagte es in den nächsten Minuten nicht, sich zu rühren. Zu bedrohlich heulte der schneidende Wind um das bloße Skelett, ließ das Konstrukt aus metallenem Gestänge nervös erzittern. Gepresst stieß sie ihren Atem aus, der sich in einer dichten, undurchsichtigen Nebelschwade im Schwarz der Nacht ausbreitete und nach und nach auflöste. Ihre Lungen brannten aufgrund der Kälte der Luft und ihrer flachen Atmung, die wiederum aus ihrer Panik resultierte und in keiner Weise abzuebben schien. Über ihr schepperte etwas leise in der Dunkelheit, doch Erin wagte nicht einmal, den Kopf anzuheben und nach oben zu schauen. Das verstärkte ihr Schwindelgefühl auf die gleiche Weise wie ein Blick in den Abgrund. Als ein weiterer kräftiger Windstoß das stählerne Gerippe zum Beben brachte, realisierte sie, dass das seltsam dumpfe metallene Ächzen von den Metallbalken selbst stammte, die sich beachtlich dem Wind beugten und knarrend stöhnten, wann immer sie ihre Glieder in einem unästhetischen und verzweifelten Liebesspiel aneinander rieben.

Als sich die schlimmsten Angstzustände zwar langsam, aber doch nachdrücklich verflüchtigten, nahm Erin die intensive, trockene Kälte erst richtig wahr. Die Haut in ihrem Gesicht prickelte in Erwartung beginnender Taubheit. Es fiel ihr allein schon schwer, die Nase zu rümpfen und auch ihre Finger verließ so langsam jegliches Gefühl. Ob sie sich wirklich noch festhielt, konnte sie nicht mehr einschätzen. Ihre Finger waren tiefrot verfärbt und fühlten sich steif und unbeweglich an. Erin begriff, dass sie sich bald überhaupt nicht mehr bewegen und vor Kälte gar nichts mehr fühlen würde. Das hätte ihr Todesurteil bedeutet. Sie fand auch nicht mehr die Kraft, so viel Naivität aufzubringen und zu glauben, dass irgendjemand kommen und sie retten würde. Wer auch? Vielleicht der Joker selbst? Die bloße Vorstellung war lachhaft. Batman? Nun, woher sollte er wissen, dass sie in Schwierigkeiten war? Einerseits konnte sie sich nicht bemerkbar machen, andererseits absorbierte der Wind in dieser Höhe jede Stimme, jedes Geräusch, das sich mit ihm messen wollte. Erin war auf sich allein gestellt wie sooft in ihrem Leben, wenngleich sie sich noch nie in einer so extremen Situation befunden hatte. Zumindest konnte sie dankbar dafür sein, dass es nicht regnete oder schneite, sodass keine gefrierende Nässe zu der ohnehin schon bestehenden Glätte hinzukommen konnte.

Sehr langsam richtete sich Erin in eine aufrecht sitzende Position auf und versuchte, die Beine anzuwinkeln. Ihr linker Oberschenkel pochte nur dumpf. Sie hatte es ihren durch die Kälte betäubten Nervensträngen zu verdanken, dass die Verletzung noch keine schlimmeren Proteste verlauten ließ, doch Erin wusste, dass dies nur eine Frage der Zeit sein würde. Je mehr sie sich bewegte, desto wärmer würde ihr werden und mit einer gesunden Körpertemperatur würde auch der Schmerz zurückkehren, und das gewaltiger als je zuvor. Die größte Belastung, die sie ihrem Bein seit ihrer Einlieferung ins Gotham City General zugemutet hatte, beschränkte sich auf die intensive Bewegungstherapie, die Andrew mit ihr durchgeführt hatte. Zum Gehen hatte sie eine Krücke zur Verfügung gestellt bekommen, doch selbst wenn sie sich noch in deren Besitz hätte wähnen können, hätte sie ihr auf diesem überdimensionalen Klettergerüst auch nicht geholfen. Vorsichtig versuchte sie sich auf die Knie niederzulassen, wobei das größte Hemmnis für sie darin bestand, ihren Halt an dem Strahlträger hinter sich aufzugeben und sich für einen Moment fast freihändig auf dem Balken zu bewegen, ehe ihre Hände das kalte Metall zu fassen bekamen, das sich auf der Höhe ihrer Knie befand. Der eiskalte Wind drang durch ihre Kleidung, ließ den Stoff ihrer Jacke lautstark flattern, sodass Erin das Gefühl beschlich, fortgeweht zu werden, wenn sie ihren Halt aufgab. Sie konnte die Augen kaum offen halten, so stark blies ihr die starke Brise ins Gesicht. Tränen bildeten sich automatisch an den Augenwinkeln, wurden aber von der kalten Böe daran gehindert, über Erins Wangen zu rollen.

Es gelang ihr, trotz des entgegen kommenden Windes halbwegs ruhig zu atmen, indem sie das Kinn an die Brust drückte und somit durch den Kragen ihrer Jacke vor den schlimmsten Böen geschützt war. Ihr kam es so vor, als bedurfte es Stunden, um auf die andere Seite des Balkens zu gelangen, wenngleich es sich nur um Minuten handelte. Die Kälte vermochte ihre Zähne nicht nur in die ihr wehrlos ausgesetzte Umwelt zu schlagen, sondern auch unser reales Zeitempfinden einzufrieren. Sie wusste, dass ihre einzige Chance, dieses Gerüst lebendig zu verlassen, darin bestand, sich auf die andere Seite zur Wirbelsäule dieses stählernen Skeletts durchzukämpfen, weil von dort wesentlich mehr Querstreben in alle Richtungen abzweigten als an den äußeren Stahlträgern. Erin erhoffte sich, dass ihr das Klettern, um das sie nicht herum kommen würde, somit leichter fallen würde.

Nur noch ein halber Meter trennte sie von vorläufiger Sicherheit, als geschätzte fünf Meilen südlich von ihr der orangerote, gelblich flackernde Feuerball einer Mitternachtssonne aufging. Zunächst starrte Erin irritiert in die Richtung, aus der der Lärm ertönte, bis sie realisierte, dass dies das funkensprühende Feuerwerk sein musste, dass er ihr versprochen hatte. Sie kannte sich nicht besonders gut in Gotham City aus, wusste aber mit Sicherheit, dass in der Richtung, aus der die Feuerwalze in den kalten, klaren Nachthimmel emporstieg, ein Wohngebiet lag. Der Joker hatte ohne jede öffentliche Vorwarnung, die den Behörden wenigstens den Hauch einer Chance zur Evakuierung gelassen hätte, die Heimstatt schlafender Zivilisten in die Luft gesprengt. Einfach so. Ohne jeden ersichtlichen Grund. Erin blieb nicht viel Zeit, um in fassungslosem Starren auf ihrem Posten zu verharren, der ihr einen beinahe magisch anmutenden Ausblick auf das Lichtermeer Gotham Citys bot, auf den sie gut und gern hätte verzichten können. Die Explosion, die zwar ein ganzes Stück von ihr entfernt stattgefunden hatte, aber deren Druckwelle dennoch mit einer Gewalt über Gothams Grund und Boden raste, dass die im Gegensatz zu den fertig gestellten Bauten fragil wirkende Gerüstkonstruktion in Mitleidenschaft gezogen wurde, warf ihren langen Schatten über Gothams Skyline. Ehe Erin noch richtig verstand, hatte die enorme Erschütterung, die die Explosion ausgelöst hatte, wellenartig das Gewebe aus Stahlträgern erfasst. Der Balken, an dem sie sich vorsichtig und Stück für Stück vorgearbeitet hatte, vibrierte surrend, bebte in Eintracht mit dem unnachgiebigen Wind, der für wenige Sekunden an Kälte einbüßte, und brachte Erin dazu, die Hände fester um den Stahlträger zu schlingen. Trotzdem erwiesen sich die Kräfte, die auf das Stahlgestell einwirkten als übermächtig. Erin konnte nicht verhindern, durch die heftige Druckwelle, die an Kraft und Intensität etwa zehnmal so stark sein musste wie jene, die der Sprengsatz in Gordons Haus verursacht hatte, herumgerissen zu werden. Mit dem rechten Fuß gelang es ihr noch, sich in den Stahlträger zu verhaken, das linke, schwächere Bein hingegen glitt über den Balken, riss ihren Oberkörper zur Seite, sodass sie sich nur durch Glück mit ihren Armen an dem stählernen Gebein festhalten konnte. Für den Bruchteil einer Sekunde drohte ihr der Gurt des Rucksacks über den Arm zu rutschen, doch sie stellte mit unterschwelligem Erstaunen fest, dass er recht festgezurrt war und wahrscheinlich nur dann fallen würde, wenn auch Erin fiel.

Die starke Vibration ging wie elektrischer Strom in ihre Fingerkuppen über, fraß sich durch ihre Knöchel und hinterließ an ihren Nervensträngen ein unangenehmes Gefühl von Taubheit, das sich mit hunderten feiner Nadelstiche bis in ihren Arm fortpflanzte. Erin hatte die Augen weit aufgerissen, obwohl sie sie lieber geschlossen hätte, spürte das Zittern in ihren Oberarmmuskeln und kämpfte beharrlich gegen das Taubheitsgefühl an, das sich noch weiter in ihren Körper ausbreiten wollte. Als sie fast schon glaubte, in jedem Augenblick den Halt zu verlieren, weil sie ihre Hand auf dem kalten Metall für erschreckend lange Sekunden nicht mehr fühlen konnte, ließ die Vibration, die wie ein tödlich wütendes Virus vom unfertigen Leib des Hochhauses Besitz ergriffen hatte, langsam nach.

Erin schnaufte unter der Anstrengung, der es bedurfte, ihren Körper vor einem Sturz zu bewahren, und stöhnte dankbar, als sie nach und nach wieder Gefühl in ihren Nervenenden hatte. Sie hing seitlich am Stahlbalken, und danach zu urteilen, wie heftig ihre Oberarmmuskeln flatterten und spürbar zuckten, erahnte Erin, dass sie nicht lange in dieser unbequemen Lage verharren konnte. Ein Krampf war das Letzte, das sie jetzt noch gebrauchen konnte. Die Lippen aufeinander gepresst, versuchte sie sich wieder nach oben zu schwingen, aber ihr rechter Fuß, der in einer Seitenstrebe des Stahlbalkens vorübergehend Halt gefunden hatte, glitt auf dem überfrorenen Metall aus, als sich Erin hochziehen wollte, und riss sie um ein Haar in die Tiefe. Erin keuchte angestrengt und versuchte, die zurückkehrende Panik so gut es ihr möglich war im Zaum zu halten. Dass sie unter ihren Füßen nichts anderes spürte als den böigen Wind, der neckisch ihre Hosenbeine umspielte, trug nicht sonderlich dazu bei, dass sie sich besser fühlte. Sie musste sich jetzt einzig und allein auf ihre Arme verlassen, deren Muskulatur weder ausreichend aufgewärmt noch trainiert genug war, um einer solchen Belastung lange standzuhalten. Gepresst atmete sie aus, hätte geflucht, wäre sie dazu in der Lage gewesen, und starrte konzentriert auf den leicht wankenden Balken, an dem sie sich festhielt. Ihr Blick fiel auf den Kern des Gerüsts, der nicht mehr weit von ihr entfernt war, und ihr kam der Gedanke, dass es vielleicht klüger war, wenn sie versuchte, sich auf die Seite hinüberzuhangeln. Dabei bestand allerdings die Gefahr, dass sie blindlings eine glatte Stelle zu fassen bekam und abrutschte. Erin befand, dass sie ohnehin sterben würde, wenn sie noch mehr Zeit und Kraft darin investierte, darüber nachzudenken, welche waghalsige Klettertechnik die riskantere war.

Sie schob die linke Hand wenige Zentimeter weiter in Richtung ihres Ziels und ließ die rechte folgen, hielt angespannt die Luft an, als sie merkte, wie stark allein diese kleine Bewegung ihren Körper ins Schaukeln brachte. Ihr leises, stimmloses Ächzen wurde vom Heulen des Windes erstickt, während sich Erin Stück für Stück weiter der etwas robusteren Plattform näherte.

Irgendwo in den Häuserschluchten unter ihr dröhnte Sirenengeheul in ohrenbetäubender Lautstärke, während rote und blaue Rundumleuchten bunte Lichtfetzen über die metallenen Fassaden jagten. Wahrscheinlich waren diverse Feuerwehreinsatzwagen und Polizeikolonnen ausgerückt. Erin vermutete, dass sehr bald die ersten Krankenwagen dem Ruf folgen würden, hätte aber nichts dagegen einzuwenden gehabt, wenn sich ein Feuerwehrteam dazu erbarmt hätte, bei ihr Halt zu machen und ihr beim Abstieg behilflich zu sein. Erin streckte den linken Arm aus, spürte, wie sich ihre Sehnen spannten und ihre Muskeln vor Anstrengung zitterten und zuckten. Wieder schaffte sie einige Zentimeter, um sich kurz darauf mehrere Sekunden Pause zu gönnen und sich weiter und weiter vorzuarbeiten. Der Vorsprung war nur noch eine Handbreit von ihr entfernt, erforderte nur noch ein einmaliges Strecken ihres Armes, um sie in vorübergehende Sicherheit zu bringen. Erin holte rasselnd Luft, spürte eisige Winterkälte mit der Hitze ihres eigenen Körpers kollidieren, während Schweiß in dünnen Rinnsalen unter ihrer Jacke und dem Pullover über ihre Wirbelsäule lief.

Wieder hielt sie die Luft an, holte mit den lose herabhängenden Beinen so viel Schwung wie sie bekommen konnte, und streckte den linken Arm aus, um die nahe Querstrebe umgreifen und sich damit gänzlich hinaufziehen zu können. Erin bekam sie zu fassen, verlor aber fast gleichzeitig den Halt mit der rechten Hand, woraufhin sie brutal nach unten gedrückt wurde. Einzig ihr linker Arm war es noch, der sie vor einem tödlichen Sturz bewahrte und durch den ruckartigen Haltverlust schmerzhaft verdreht worden war. Kurze Zeit sah Erin nichts anderes als weiße Lichtpunkte vor den Augen, bis der Schmerz ein wenig nachließ. Tief Luft holend fixierte sie den Balken über sich, den ihr bebender Arm umklammert hielt, ehe sie all ihre Kräfte mobilisierte und mit einem schwungvollen Zug den rechten Arm um die Strebe schlang. Sie hustete, bekam nur noch schwer Luft und hatte Mühe, sich mit beiden Armen an dem Stahlträger festzuhalten. Dankbar seufzte sie auf, als ihr baumelnder Fuß gegen eine senkrechte Strebe stieß. Wie um eine Kletterstange schlangen sich ihre Beine um den stählernen Balken. Auf den breiten Nieten, die vereinzelt die Oberfläche des Gerüsts zierten wie Aknepickel das Gesicht eines Teenagers, konnte Erin sogar ihre Füße abstellen und fast sicher stehen. Sie atmete angestrengt, ihr Brustkorb hob und senkte sich hektisch gegen den kalten Stahl, gegen den sie sich in verzweifeltem Überlebenstrieb presste.

Sie musste ausruhen. Nur kurz. Erin schloss die Augen, fühlte die Kälte, die sich fast angenehm an ihre erhitzte Haut schmiegte. Ihre ausgestreckten Arme pochten dumpf wegen der enormen Belastung, die Finger, die sich an angerauten metallenen Kanten festklammerten, brannten vor Schmerz. Sie spürte, wie die Müdigkeit als Nachwirkung des Betäubungsmittels in ihre Glieder kroch und ihre Sinne trübte. Erin biss sich kraftvoll auf die Unterlippe, um sich selbst wachzurütteln. Es war keine Alternative, hier oben zu erfrieren. Sie musste nach unten, ihrer Höhenangst und den brennenden Schmerzen in Armen, Lungen und Fingern zum Trotz. Sie würde sich nicht aufgeben, würde hier oben nicht jämmerlich krepieren. Nicht nach diesem höllengleichen Drahtseilakt. Diesen Gefallen würde sie dem Joker einfach nicht tun. Dieser Gedanke trieb Erin wieder an, drängte Erschöpfung zwar mühsam, aber dennoch erfolgreich beiseite und weckte ihren eisernen Willen, um ihr Leben zu kämpfen. Sie wagte einen leichten Schulterblick, der ihr ob der großen Höhe ein Schwindelgefühl bescherte, und erkannte, dass die nächste waagerechte Strebe schon fünf Meter unter ihr verlief. Die junge Frau beschloss, das Risiko einzugehen und an den senkrechten Balken hinunterzurutschen. Die Beine um den stählernen Mast geschlungen, drückte sie ihre Knie gegen das harte Metall, löste zuerst ihren linken Arm von der waagerechten Strebe, legte diesen um die Senkrechte und wiederholte diese Prozedur mit dem rechten.

Mithilfe ihrer Knie und ihrer Ellbogen drückte sie sich ab und rutschte somit Meter um Meter langsam nach unten, bis sie auf den nächsten Querbalken traf. Rasselnd atmend setzte sie sich darauf, hielt sich mit beiden Händen an der Senkrechten fest, um sich langsam und vorsichtig daran hinabzuhangeln. Diese Prozedur war zwar kräftezehrend und langwierig, aber nichtsdestotrotz am wenigsten belastend für die verheilende Stichwunde an ihrem Oberschenkel. Auf diese mühsame Weise legte Erin fast dreißig Meter zurück, ehe sie eine längere Pause machen musste. Die züngelnden Flammen der Explosion schwanden immer mehr aus ihrem Sichtfeld, je weiter sie sich dem Erdboden näherte. Einzig die schwelenden Rauchschwaden, die den klaren Nachthimmel trübten, erinnerten sie daran, dass nur wenige Meilen von ihr entfernt wahrscheinlich hunderte Menschen ums Leben gekommen waren. Zwar trennten sie immer noch geschätzte fünfundzwanzig Meter von festem Untergrund, aber Erin schöpfte langsam aber sicher neuen Mut, obwohl ihr Kälte, Schmerzen und die Nachwirkungen des Äthers zu schaffen machten. Zwei Streben über ihrem derzeitigen Haltepunkt hatte sie sich sogar übergeben müssen. Der günstigen Windrichtung war es zu verdanken gewesen, dass sie sich dabei nicht auf sich selbst erbrochen hatte. Der schale, ekelerregend saure Geschmack des Erbrochenen verweilte noch in ihrer Mundhöhle, verstärkte nur noch ihren Drang danach, einen Schluck Wasser zu trinken. Nur darum bemüht, schnellstmöglich das stählerne Gerüst zu verlassen, verschwendete Erin keinen Gedanken an irgendetwas anderes.

Weder fragte sie sich, was der Joker damit gemeint hatte, Gordon würde in einem Mordfall und einem Brandanschlag in nur einer Nacht ermitteln müssen, noch was der Joker mit Alex anstellen würde. Für keine der beiden Fragen war im Moment noch Platz in ihrem Kopf, all ihr Denken beschränkte sich auf ihr Bestreben, wieder sicheren Boden unter den Füßen zu spüren. Nicht zuletzt deswegen realisierte sie auch nicht, dass an ihren Händen und ihrer Kleidung Blut klebte, das nicht zu ihr gehörte. Der Moment sollte früh genug folgen, dass sie darauf aufmerksam gemacht werden sollte. Bis dahin war Erin erpicht darauf, den Höhenunterschied gänzlich zu überwinden.

Der Wind, der hier unten nicht mehr allzu stark blies und die Schweißperlen von ihrer Stirn geleckt hatte, zerzauste ihr blondes Haar, das im Dunkel der Nacht fast silbrig wirkte. Ihre Ohren schmerzten und mit jedem Herzschlag intensivierte sich das unangenehme Ziehen in ihrem Gehörgang, das sie dem Umstand zu verschulden hatte, so lange Zeit den eisigkalten Böen ausgesetzt gewesen zu sein. Einige Meter unter ihr waren große Metallgitter als Verbindungsglieder auf den Querstreben angebracht worden, die dem Hangelakt auf den Stahlträgern ein Ende bereiten würden. Von dort aus war der Abstieg im Vergleich zu der bisherigen Kletterprozedur ein regelrechtes Kinderspiel. Erin überwand zwei weitere waagerechte Balken, unterschätzte aber die Beschaffenheit des Metalls. Was weiter oben überfroren war, war hier unten gefährlich nass und glitschig, was letztlich dazu führte, dass ein unachtsamer Griff vonseiten Erins genügte, um die junge Frau abrutschen zu lassen. Reflexartig und geistesgegenwärtig krallte sie sich mit der rechten Hand noch rechtzeitig an die Oberkante eines Balkens, was ihr wohl das Leben rettete.

Als der erste Schreck verdaut war, traute sich Erin auch weiterzuklettern, obwohl die Haut ihrer Hände spannte und schmerzte. Die Baustelle, die das Gerüst von den öffentlich zugänglichen Teilen der Straße abtrennte, lag verlassen unter ihr. Falls die Arbeiten bei dieser Witterung überhaupt fortgeführt werden würden, würden die Bauarbeiten frühestens bei Morgengrauen hier eintreffen und das lag nach Erins Schätzungen noch mindestens drei Stunden entfernt. Ihre Kleidung war klamm vor Kälte und Schweiß, ließ sie am ganzen Körper erzittern und frieren. Die Lippen spannten und waren an einzelnen Stellen aufgeplatzt, das wunde Fleisch brannte, als sie gedankenverloren ihre Zunge darüberfahren ließ. Den Schmerz, der sich im Vergleich zu den übrigen pochenden Körperteilen nur sehr schwach bemerkbar machte, nahm sie fast schon als Selbstverständlichkeit wahr. Sie hatte gehofft, dass jeder zurückgelegte Meter ihre Kräfte mobilisieren und sie motivieren würde, doch das ganze Gegenteil war der Fall. Je mehr sich die sichere Plattform näherte, desto stärker drohten ihre Muskeln nachzugeben und ihre Sehnen dem Reißen nahe zu sein. Ihre Glieder wurden schwer, als wäre Blei in ihnen eingefasst. Erin drohte so kurz vor dem sicheren Erdboden abzustürzen. Umso erleichterter setzte sie ihre kalten, fast gefühllosen Füße auf das eiserne Gitter, dessen Maschen fein genug waren, um sicheren, lückenlosen Halt zu bieten.

Erschöpft ließ sich Erin einfach fallen, streckte sich der Länge nach aus und blieb schwer atmend einfach liegen, fühlte die Kälte von ihrem vor Ermattung schmerzenden und zitternden Körper Besitz ergreifen. Aus verschleiertem Blick betrachtete sie das Gerüst, das sich über ihr erstreckte wie die gleichmäßigen Streben eines metallenen Spinnennetzes. Sie fühlte sich ein wenig wie die Fliege, die um Haaresbreite den tödlichen, klebrigen Fängen des Netzes entronnen war und nun von ihren letzten Kräften zehrte. Ihr Herz trieb ihren Puls wie durch Peitschenhiebe an, jagte ihn durch ihre Blutbahnen, sodass er in ihren dröhnenden Ohren pochte. Ein Zeichen, dass sie trotz allem noch am Leben war, obgleich sich die Müdigkeit wie ein Parasit in ihrem Organismus ausbreitete und sich wie eine warme Decke über ihren unterkühlten Körper legte. Erin blinzelte energisch, kämpfte angestrengt gegen die lähmende Erschöpfung an, die sie in einen traumlosen Schlaf mit fatalen Folgen wiegen wollte. Es war zu kalt. Viel zu kalt. Wenn sie an Ort und Stelle einschlief, riskierte sie nicht nur eine Unterkühlung oder eine Lungenentzündung. Sie riskierte ihr Leben. Und nach all dem, was sie durchgestanden hatte; die Angst, die enorme Kälte, die Schmerzen, das Gefühl, zu fallen; nach all dem wollte sie nicht leichtfertig vergeben, worum sie gekämpft hatte. Es wäre dem gleichgekommen, sich vor dem Feuertod gerettet zu haben, indem man sich in einen bodenlosen Abgrund stürzte. Es kostete sie viel Mühe, sich aufzurappeln, doch letztlich gelang es ihr, die Schultern so weit anzuheben, dass ihre Ellbogen darunter Platz fanden und sich auf dem Gatter abstützen konnten.

Ihr Kopf war so unglaublich schwer, viel zu schwer, um noch länger hoch gehalten zu werden. Der Erboden war noch etwa fünfzehn Meter von ihr entfernt, aber durch die Verbindungsgitter und die Erholungspausen, die diese mit sich brachten, würde der Abstieg erleichtert werden.

Der Himmel über Gotham City war nicht mehr so makellos sternenklar wie zu dem Zeitpunkt, an dem sie noch auf der Spitze des stählernen Geflechts gehockt hatte, vielmehr glich er einem gräulich-weißen Baumwolltuch, in das man vereinzelte Fetzen gerissen hatte, die schwarz und unheilvoll leer durch das faserige Gewebe schimmerten, das sich aus langsam anhäufende Wolkenmassen gebildet hatte. Wenigstens vernahm Erin in dieser geringeren Höhe wieder Geräusche, die sie an andere Menschen erinnerte. Vom Sirenengeheul, das Gotham City Nacht für Nacht in Atem hielt, abgesehen drangen die Klänge von Automotoren, entnervtes Hupen und sogar die grölenden Rufe von betrunkenen Passanten, die torkelnd und schlurfend die Straßen unsicher machten und denen höchstwahrscheinlich das mitternächtliche Hupkonzert galt, an ihre Ohren. In Erins linkem Bein wütete ein Feuersturm, dessen züngelnde Flammen über ihren verletzten Muskel leckten und diesen in Brand zu setzen versuchten. Trotzdem biss sie die Zähne zusammen, erschauderte vor Kälte, die sich einem Schauer gleich ihren Weg über ihren Rücken hinabsuchte, und kämpfte sich auf ihre Füße zurück. Ihre Knie zitterten so stark, als hätte jemand ein Stromkabel durch sie hindurchgelegt. Für einige Sekunden glaubte sie, jeden Moment zusammenzubrechen, sich unmöglich auf den Beinen halten zu können, die die Konsistenz von Wackelpudding nicht übersteigen zu schienen. Sie bekam einen Stahlträger zu fassen, lehnte einen Augenblick keuchend dagegen und fuhr mit den Händen die Konturen des riesigen Knochens des Stahlkolosses nach. Der senkrechte Stahlbalken formte, wenn man von oben auf ihn hinabschaute, ein großes, klobiges H, dessen mittlere Strebe stärker ausgeprägt war als die beiden an der Seite.

Fast so als wäre sie blind, betastete Erin das Material und war überrascht darüber, wie glatt es sich anfühlte, obwohl es so einen grobschlächtigen Eindruck machte. Mit der linken Hand wischte sie sich eine lästige Strähne aus der Stirn und tastete sich mit den Händen weiter nach vorn, um den Rest des Abstiegs hinter sich zu bringen. Wenngleich es tiefste Nacht war, spendeten die Straßenbeleuchtung und der Mond, der sporadisch seinen milchigen Schein durch die sich sammelnden Wolken warf, ausreichend Licht, der Einsatz ihrer Hände diente einzig dem Zweck, Erins pochenden Beine zu entlasten.

Der wirre Gedanke überkam sie, dass sie nun noch wesentlich länger an der Krücke würde laufen müssen. Sie beschlich die vage Ahnung, dass es ihr Oberschenkel nicht gerade danken würde, derartig strapaziert worden zu sein. Doch die junge Frau war bereit, das in Kauf zu nehmen, wenn sie dafür am Leben blieb. Bisher hatten all ihre Begegnungen mit dem Joker mit ihrem Beinahetod geendet und Erin wusste, dass diese Glückssträhne früher oder später ein Ende nehmen würde. Gordon hatte Recht gehabt, genauso Matthew und Batman. Sie war noch längst nicht aus dem Schneider, nur weil sie dem Joker entwischt war. Vielleicht gerade deswegen wurde sie nur noch interessanter für ihn. Doch Erin sah nicht ein, warum sie sterben sollte, nur um dem Joker gefällig zu sein. Energisch presste sie die Lippen aufeinander, als sie ihre Beine erneut um den Balken schlang als wäre dieser eine Feuerwehrstange. Langsam ließ sie sich daran hinab, überwand Zentimeter um Zentimeter, während ihre unruhigen Gedanken um den gefährlichsten Clown kreisten, den Erin je zu Gesicht bekommen hatte.

Was, wenn er gerade das Gegenteil erreichen wollte? Wenn er sie nur in diese missliche Lage gebracht hatte, damit sie um ihr Überleben kämpfte, damit sie überlebte? Erin kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Nein, das ergab keinen Sinn. Andererseits erschien das Tun des Jokers selten sinnvoll zu sein, ehe es im Nachhinein ein wirres Muster ergab. Grundlos hatte er nicht unzählige Menschen getötet und ein Krankenhaus in die Luft gejagt. Es war seine anarchistische Ideologie, die ihn dazu antrieb, all diese grässlichen Dinge zu tun und den Menschen vor Augen zu halten, wie armselig und hilflos sie in Wirklichkeit dem Schicksal gegenüber waren. Oder ihm. Er spielte in diesem Falle die Rolle des Schicksals. Ein schrecklicher Gedanke, ihm als richtende Nemesis begegnen zu müssen, weil es aussichtslos erschien, gegen ihn bestehen zu können.

Erin stöhnte, als sie den linken Fuß auf die nächste hauchdünne Plattform stellte und ihre Wunde heftiger denn je pochte. Trotz der Schatten, in denen sie sich bewegte, beobachtete Erin, wie sich ein dunkler Fleck auf dem Stoff ihrer Jeans bildete und kontinuierlich ausbreitete wie die Blütenblätter einer aufblühenden roten Blume, die sich der nährenden Sonne entgegenreckten. Das vernarbende Gewebe ihrer Wunde war aufgrund der starken Belastung aufgerissen und frisches Blut sickerte durch ihre Hose. Die Stelle brannte, wenngleich sie nicht mehr so schlimm schmerzte wie an jenem Tag, an dem ihr die Verletzung zugefügt worden war. Nichtsdestotrotz kämpfte sich Erin weiter voran, strebte dem sicheren Boden entgegen. Eine Dreiviertelstunde später hatte sie ihn erreicht und sank rücklings gegen einen Stahlträger gelehnt auf ihm zusammen.

Ihre Wangen und Stirn glühten wie unter Fieberschüben und auch die gute alte Übelkeit hatte sich wieder zu Wort gemeldet. Erin wusste, dass sie sich, wenn sie sich jetzt wieder erhob, übergeben musste, deshalb verharrte sie einige Minuten sitzend, obwohl sich die Kälte auf dem steinernen Untergrund in sie bohrte wie die Dornen einer gefrorenen Rose. Sie spürte ohnehin schon, wie sich der Flüssigkeitsmangel in ihrem Körper bemerkbar machte, weil ihr zunehmend schwindeliger wurde und ihr Kopf immer noch dröhnte, als ob sie an einem Kater der Extraklasse litt. Erst als sich ihr Kopf nicht mehr anfühlte, als breitete sich ein viel zu großer Schwamm darin aus, der all ihre kohärenten Gedanken in sich aufsaugte, versuchte sie wieder aufzustehen. Jeder Schritt fiel ihr schwer, jede Belastung ihres linken Beines wurde augenblicklich mit feurigen Peitschenhieben brennenden Schmerzes bestraft, die von ihrem Oberschenkel ausgingen. Die rote Blume war indes verblüht, ihre burgunderfarbenen Blütenblätter waren in Regentropfenformen gefallen und auf ihrem Knie gelandet.

Erin ging an der Baustelle entlang, stützte sich mit der linken Hand an der bunt mit Reklameplakaten beklebten Trennwand aus dickem Holz ab, die einige Graffitisprayer mit ihren fragwürdigen Kunstwerken ausgeschmückt hatten. Autos rauschten wenige Meter von ihr entfernt auf einer eher schlecht als recht asphaltierten Straße entlang, ihre roten Rücklichter blitzten wie unheilvolle rote Augen aus dem Dickicht des Großstadtdschungels. Niemand gab auf sie Acht, keiner bremste ab oder hielt gar an. Sosehr sie es sich auch gewünscht hätte, Hilfe zu erhalten, sosehr konnte Erin die Fahrer auch verstehen. Wer des Nachts in Gotham City an einem desertierten Straßenrand Halt machte, lief Gefahr, im glücklichsten Falle nur seines Geldes und seines Autos beraubt zu werden. Wenn er Pech hatte, geriet er an einen böswilligeren Zeitgenossen, dessen Skrupel ihn schon lange verlassen hatte. Wer sich in Sicherheit wiegte, weil Gothams Straßen mit den leuchtenden Schildern unzähliger Spätshops, Nachtclubs, Bars oder Tankstellen ausgestattet waren, war entweder naiv oder kannte Gotham City noch nicht lange genug. Einige der hartgesottenen Exemplare aus Gothams persönlicher Unterwelt scheuten kein Licht, das ihre Taten sichtbar machte, und gerade das machte sie so gefährlich. Erin sah sich um. Sie brauchte Hilfe. Nicht zwingend wegen ihres Beines, dessen Blutung sich immer noch nicht eingestellt hatte, sondern weil sie fror und nicht wusste wo sie war, demnach noch weniger wusste, wo sie hingehen konnte.

Bis nach Le Gardien konnte sie es zu Fuß nicht schaffen, das Geld – sofern sie es noch bei sich hatte – reichte nicht aus, um eine Taxifahrt zu bezahlen und Spät- wie auch Nachtlinien der Stadtbusse führten nicht an den Stadtrand hinaus. Zuerst überlegte sie sich, ob sie das Krankenhaus aufsuchen sollte, fragte sich aber, an wen sie sich wenden sollte, um zu signalisieren, dass sie Hilfe brauchte. Die Bewohner Gothams waren ohnehin recht misstrauisch in ihrer Wesensart; eine stumme junge Frau, die sich kaum auf den Beinen halten konnte, und mitten in der Nacht ein Geschäft oder Ähnliches aufsuchte, bedeutete für die meisten Ladeninhaber nichts als Ärger.

Erin verzog den Mund, als sie die Wundnässe durch ihr Hosenbein weichen spürte. Schlurfend zog sie das linke Bein hinter sich her und versuchte, während sie sich mühsam vorankämpfte, zu rekapitulieren, was geschehen war, bevor sie hoch oben über den Dächern Gothams zu sich gekommen war. In ihrem Gedächtnis klaffte ein Loch, ähnlich der Wunde, die in ihrem Bein brannte, obwohl ihr die lückenhafte Erinnerung keine so heftig pulsierenden Schmerzen bereitete.

Was war geschehen, als sie an der Bushaltestelle gewartet hatte? War sie am helllichten Tag überwältigt und entführt worden? Hatte es niemand gesehen, niemand reagiert? Hatte die Sorge um die eigene Sicherheit, die des Nachts in Gotham City oberste Priorität hatte, auf den Tag übergegriffen? Bestand die einzige Zivilcourage in dieser Stadt nur noch darin, den eigenen Hintern retten zu wollen? Hätte Erin anders gehandelt, wenn sie in der Position des Außenstehenden gewesen wäre? Natürlich war es leicht, zu behaupten, man hätte eingegriffen, man hätte alles in seiner Macht stehende getan, um zu helfen, doch ob man auch so handelte, wenn es wirklich hart auf hart kam? Natürlich war das eine strittige Frage, und trotzdem fiel es Erin einfach schwer zu glauben, dass niemand etwas unternommen hätte, wenn sie mitten auf der Straße entführt worden wäre. Ausgerechnet von einem Mann, der geschminkt war wie ein Zirkusclown und auffallen musste wie ein bunter Hund. Oder hatte er sich etwa seiner Kriegsbemalung entledigt? Hatte ein Handlanger an seiner statt die Drecksarbeit für ihn gemacht? Auf all diese Fragen fand Erin keine Antwort, ihre Erinnerungen waren nichts anderes als eine schwammige, chaotische Masse, eine Konstellation konturenloser Facetten der Dunkelheit. Ganz gleich, wie sehr sie sich auch bemühte, Farbe in die Schwärze zu bringen, die sich von der Lücke in ihrem Gedächtnis aus ausgebreitet hatte wie ein Tintenfleck auf saugfähigem Papier, es wollte ihr nicht gelingen. Es war, als hätte jemand diesen bestimmten Aspekt aus ihrer Erinnerung gelöscht, als hätte jemand diesen kurzen Abschnitt aus den Seiten ihres Lebensbuches radiert. Sie verstand, dass es an den Nachwirkungen des offenbar hoch dosierten Betäubungsmittels liegen musste, schließlich erinnerte sich ein Patient nach der Operation auch nicht mehr an jeden kleinen Handgriff des Chirurgen – eine partielle, künstlich herbeigeführte Demenz, für die man sicher nicht undankbar war. Je mehr sie versuchte, sich zu erinnern, desto stärker schwirrte ihr der Kopf, drehten sich Brummkreisel hinter ihren Augen in schwindelerregender Geschwindigkeit.

Erins Aufmerksamkeit wurde zwangsläufig wieder auf das Hier und Jetzt gelenkt, als sie das leise, kurzzeitige Aufheulen einer Sirene aus nächster Nähe hörte. Als sie den Kopf hob und auf die Straße neben sich schaute, sah sie einen Streifenwagen der Polizei, der zunächst langsamer fuhr, ehe er auf ihrer Höhe zu stehen kam. Seine Rundumleuchten flackerten aufgeregt, rotierten gleichmäßig, aber ohne jede musikalische Begleitung. Der Polizist, der am Steuer saß, hatte die Sirene nur kurzzeitig betätigt, um Erin auf sich aufmerksam zu machen. Es war ihm gelungen. Mit einem leisen Summen öffnete sich das Fenster auf der Beifahrerseite. Der Polizist, dessen Haut rabenschwarz war, sodass ihr seine Augäpfel fast unheimlich weiß entgegen strahlten, streckte sich zur Seite, damit sie ihn besser sehen konnte. In Erin regte sich eine unbestimmte, sehr vage Assoziation, ein Déjà-vu, das sie nicht recht zuordnen konnte. „Ma'am, benötigen Sie Hilfe?", fragte er mit einer tiefen Stimme, die furchteinflößend gewesen wäre, wäre kein freundlicher Unterton in ihr mitgeschwungen. Erin sah ihn unsicher an. Das rote und blaue Licht flackerte abwechselnd über ihr Gesicht, wo es sich kurzzeitig überschnitt, legte sich ein lilafarbener Schimmer auf Erins Wangen, die ein gewisser Clown sicherlich als sehr ästhetisch empfunden hätte. Die junge Frau nickte und sah stumm wie sie war dabei zu, wie der Sergeant die mit dem Stadtwappen Gothams verzierte Fahrertür des Wagens öffnete und aufstand.

Das Auto wuchs sogleich um einige Zentimeter in die Höhe, als seine Federn nicht länger das nicht unbeachtliche Gewicht des Fahrers tragen mussten. Dieser erwies sich als regelrechter Koloss, dem Erin ihrer flüchtigen Schätzung nach nur bis zur Schulter reichte, selbst wenn er die Polizeimütze nicht auf dem breiten, bulligen Kopf getragen hätte, der fast halslos in einen massigen, kräftigen Körper überzugehen schien. Das dunkelblaue Hemd, an dessen linker Brusttasche eine silberne Dienstmarke mit ganzem Stolz prangte, spannte deutlich sichtbar an den Schultern des Mannes. Eine unbedachte Bewegung würde wahrscheinlich genügen, um es zu zerreißen. Das breite, markante Kinn des Polizisten teilte ein Grübchen, das sich jedoch nicht auf dem dicken, walrossartigen Doppelkinn darunter fortsetzte. Seine Nase war so platt und breit, dass es den Anschein erweckte, jemand habe sie mit einem Hammer bearbeitet. Unterhalb dieser wucherte ein dichter, schwarzer Bart, der sich um seine wulstigen Lippen rankte wie ungepflegter Efeu um die Fenster eines Hauses.

„Ma'am, geht es ihnen gut?", seine Stimme, tief und durchdringend wie der Gongschlag gegen eine massive Bronzeplatte, lenkte Erins Blick wieder auf seine Augen zurück, die von unerwartet hellem Braun waren und sie misstrauisch musterten. Er hatte eine Taschenlampe auf sie gerichtet, deren weißes Licht ein wenig blendete. Sie überlegte fieberhaft, wie sie ihm klarmachen konnte, dass sie nicht sprechen konnte, und entschied sich für die handelsübliche Variante, die der Großteil fremder Menschen, denen sie begegnete, verstand. Sie legte die linke Hand auf ihren Mund und schüttelte dreimal deutlich den Kopf. Zuerst blinzelte er sie verwirrt und verständnislos an, während aus seinem offenen Wagen der Polizeifunk dröhnte, von dem Erin aber durch das Verkehrsaufkommen kaum etwas verstand. Als sie die Geste noch einmal langsamer und nachdrücklicher wiederholte, schien er zu begreifen, obwohl sein Tonfall unsicher klang, als er sagte: „Sie sind stumm." Erin nickte kurz, ehe er hinzufügte: „Taubstumm? Lesen Sie von meinen Lippen?" Daraufhin schüttelte sie verneinend den Kopf, hielt die Handfläche ausgestreckt hoch, ehe sie sie abermals auf ihre Lippen ablegte und den Kopf hin und her schob. Er reagierte darauf nicht gleich, sondern betrachtete sie eindringlich von Kopf bis Fuß, ließ den Strahl seiner Taschenlampe von ihrem Gesicht über ihre Jacke und die Hose gleiten, wobei der kleine Lichtkegel auf dem Blutfleck verharrte, der deutlich unter dem hellen Stoff ihrer Jeans hervortrat.

„Sind Sie überfallen worden, Ma'am?" Unentschlossen überlegte Erin, was sie angeben sollte. Sie konnte sich an nichts erinnern, wusste einfach nicht, wie sie auf das Gerüst gekommen war, und sie zweifelte daran, dass er es ihr abkaufen würde, dass der Joker sie in eine missliche Lage gebracht hatte. Sie hob also die Hände und schüttelte den Kopf, deutete dann an ihre Schläfe und streckte beide Handflächen vor sich aus. Mit den Lippen formte sie so deutlich wie möglich „Keine Ahnung" und hoffte, dass der Polizist, dessen schmales silbernes Namensschild auf der anderen Brust verriet, dass er S. Nicholas hieß, sie verstehen würde. Er sagte immer noch nichts und Erin konnte in seinem schwammigen, nahezu konturlosen Gesicht nicht herauslesen, was er dachte.

„Können Sie sich identifizieren, Ma'am?" Die junge Frau nickte und deutete auf den Träger ihres Rucksacks. „Tun Sie es bitte." Der Sergeant hielt einen gewissen Sicherheitsabstand zu ihr ein, doch Erin nahm es nicht persönlich. Als Polizist in Gotham lernte man noch vor seinem ersten Einsatz zwei Dinge: Jeder, der noch so unschuldig aussah, konnte eine Gefahr darstellen und bewaffnet sein; und man sollte seine Waffe nur dann gesichert mit sich herumtragen, wenn man es auch verstand, sie in Sekundenschnelle zu entsichern. Langsam, um diesen Brocken von einem Menschen vor sich durch zu schnelle und hektische Bewegungen nicht nervös werden zu lassen – sofern sein bulliges Gemüt etwas wie Nervosität kannte – schob sie den Gurt ihres Rucksacks von ihrem linken Arm, ließ ihn dann sacht zu Boden gleiten, woraufhin ihr der Schein der Taschenlampe folgte und erst stillstand, als er sich auf die Tasche richtete. Erin öffnete den Reißverschluss, um ihre Brieftasche und den darin enthaltenen Ausweis herauszuholen, klappte die Lasche auf, sodass sich ihr und den wachen Augen des Polizisten der Inhalt der Tasche präsentierte.

Als sie nach ihrer Brieftasche kramte, die es irgendwo auf den Grund des Rucksacks verschlagen hatte, stieß sie gegen etwas merkwürdig Weiches, das unter ihren Fingern leicht nachgab und von lederner Konsistenz war. Erin hatte nicht einmal die Zeit zu realisieren, was sich da in ihrer Tasche befand, als die donnernde Stimme des Sergeants ertönte und sie zusammenzucken und die Hände von dem Rucksack nehmen ließ. „Zurück von der Tasche und die Hände dorthin, wo ich sie sehen kann!" Die junge Frau war zu entsetzt, um anders zu handeln als ihr geheißen wurde. Mit vor Ungläubigkeit geweiteten Augen starrte Erin in den Lauf einer Waffe, die Sergeant Nicholas auf sie gerichtet hatte. Mit der anderen Hand kramte er ein Funkgerät aus der Hemdtasche, das bei seiner fülligen Gestalt zuvor gar nicht aufgefallen war, und klemmte die Taschenlampe in seiner Armbeuge ein, während er den Funkspruch absetzte: „Sergeant Nicholas hier, Dienstwagen 8930, melde Fund von menschlichen Körperteilen sowie vermutlich illegalen Waffenbesitz bei einer Zivilperson, erbitte dringend Verstärkung, ich wiederhole..."

Obwohl die laute Stimme des Polizisten nicht zu überhören war, blendete Erin diese vollkommen aus. Ihre Hände, die sie zitternd in ihrem Nacken verschränkt hatte, waren mit einem Schlag eiskalt geworden, ihre Finger bohrten sich in die empfindliche Haut ihres Halses ohne dass die junge Frau auch nur Notiz von dem Schmerz nahm. Ihr fassungsloser Blick war auf ihren Rucksack gerichtet, der im jetzt beachtlich unruhigeren Lichtkegel der Taschenlampe seinen grässlichen Inhalt mit aller Deutlichkeit aufzeigte. In Erins Rucksack ragten zwei menschliche Finger empor, so als wollten sie sie spottend begrüßen. Sie schienen nicht zu einem Erwachsenen zu gehören.