Hallo ihr Lieben!
Ich hoffe ihr seid mir immer noch treu? ;)
Natürlich hab ich ein neues Kapitel für euch und diesmal hoffentlich mit weniger Tippfehlern! Ist ja schon peinlich...
Was sagt ihr zu Lias Ausbildung? Wart ihr überrascht Jason wiederzusehen? Ich hoffe ihr gewinnt ihn noch genauso lieb wie ich :)
Aber jetzt erstmal: Viel Spaß beim Lesen!
Die wahre Arbeit geht los
Still saßen sie alle um den großen Tisch.
Allen lagen die Geschehnisse des vergangenen Tages schwer im Herzen. Sie hatten fünf Leute verloren. Bei einer einfachen Zwischenprüfung. Eine Mission, die sie einfach hätten schaffen müssen, die für Anfänger wie sie ausgelegt gewesen war.
Ein ersticktes Schluchzen ließ Lia zur Seite blicken. Dort saß Nessi, das Gesicht in einem Taschentuch verborgen. Lia hatte sie immer für etwas schwach gehalten. Sie hielt nicht viel aus und weinte schnell.
Doch diesmal konnte sie es ihr nachfühlen.
Auch, wenn sie Liam nicht sonderlich gut hatte leiden können und die anderen kaum kannte...
Ihre Hände verkrampften sich und sie spürte wie ihre Fingernägel sich in die Handflächen bohrten.
Die Tür flog auf und Proudfoot trat ein. Der Auror trat nach vorne und sah sie alle der Reihe nach an.
„Möchte einer von Ihnen etwas sagen?"
Sie schwiegen und sahen sich betreten an.
„Das dachte ich mir schon. Aber es geht hier weder darum sich selber zu outen, noch andere schlecht zu machen. Ja, sie sind tot und ich weiß, über Tote redet man nicht schlecht. Aber wissen Sie was man noch weniger tun sollte? Weitere Tode verursachen!"
Das saß.
„Also", fuhr Proudfoot freundlicher fort, „Was ist schief gelaufen?"
Es war Jason, der ihm schließlich antwortete.
„Li- jemand hat sich selbst überschätzt. Oder, den Gegner unterschätzt. Er sah eine Gelegenheit zum Angriff und ergriff sie, statt sich an die Befehle zu halten."
„Die Anderen des Teams tragen ebenfalls Schuld. Sie hätten Möglichkeiten gehabt ihn aufzuhalten", fügte Sally leise hinzu.
Der Auror nickte.
„Hätte irgendjemand von Ihnen etwas tun können um etwas daran zu ändern?"
Betretendes Schweigen war die Antwort auf seine Frage.
„Nein", beantwortete er sie schließlich selbst, mit sanfter Stimme. „Mit ihren momentanen Fähigkeiten und Kenntnisstand war ihnen das nicht möglich. Sie haben hervorragend reagiert und alles in ihrer Macht stehende getan um die Situation zu retten und mit erstaunlichem Erfolg. Sie alle haben sehr gute Arbeit geleistet. Sie haben die Prüfung bestanden."
Sicher waren alle erleichtert. Dennoch äußerte niemand sich dazu.
Nach kurzem Schweigen fuhr Proudfoot fort. „Sie alle haben jetzt gesehen, was die Arbeit als Auror bedeuten kann. Die Zentrale hat Ihnen den heutigen Tag frei gegeben um über Ihre Entscheidung nach zu denken, ob sie weiter machen wollen. Das war alles."
Noch bevor der Auror den Raum verlassen konnte, war Nessi bereits raus gestürmt. Nach kurzem Zögern folgte Sally ihr.
Proudfoot nickte den anderen noch einmal zu und ging.
Sie saßen eine ganze Weile schweigend da, ohne, dass jemand Anstalten machte zu gehen.
Sally kam zurück und setzte sich auf ihren Platz. Ihr Kopfschütteln machte allen klar, dass Nessi nicht zurück kommen würde. Ihr Team hatte ein weiteres Mitglied verloren.
Schließlich meinte Jason: „Es hat keiner Lust alleine nach Hause zu gehen, oder? Wollen wir nicht im Tropfenden Kessel zu Mittag essen?"
Alle waren dafür. Hunger hatte zwar keiner, aber eine andere Umgebung würde ihnen gut tun. Und tatsächlich wollte jetzt niemand unbedingt alleine sein.
Also machten sie sich auf den Weg zum Tropfenden Kessel. Sie kannten ihn ja alle zur Genüge und hatten keine Schwierigkeiten dorthin zu apparieren.
Nachdem sie mit ein paar Schwüngen ihrer Zauberstäbe Tische und Stühle zusammen gerückt und sich gesetzt hatten dauerte es, bis sich ein Gespräch entwickelte.
Doch kaum waren die Speisen und Getränke da hatte sich das Leben wieder eingeschlichen. Lia lächelte, als sie die lachenden Gesichter um sich herum betrachtete. Man konnte ihnen noch immer allen ansehen, was auf ihnen lastete. Aber sie wollten sich davon nicht kaputt machen lassen, sondern würden weiter kämpfen.
Als Sally schließlich ihr Glas hob und sagte: „Auf unsere Kameraden", taten es ihr alle gleich.
Unterricht
Schon bald begann das Leben ganz normal weiter zu gehen.
Oder eben so normal, wie es das für Auroren in der Ausbildung sein konnte.
Ihr Unterricht wurde immer geregelter, sie hatten einen klaren Stundenplan mit Fächern wie Verheimlichen und Aufspüren, ebenso wie Zaubertranktheorie und körperliches Training.
Lia und Jason gehörten zu den Wenigen, denen das Training nicht allzu viel ausmachte, sie waren sogar recht froh darüber, mal wieder Bewegung zu bekommen.
Manchmal forderte das Training sie aber doch mehr, als ihnen lieb war.
An einem solchen Tag, an dem sie bisher nichts anderes getan hatten als zu rennen, zu rollen, hin zu fallen und gefühlten hunderten von Lichtblitzen auszuweichen fühlte sich Lias Körper an wie ein einziger, riesiger blauer Fleck.
Mit einem lauten Stöhnen ließ sich Lia auf einen Stuhl in der Mensa fallen und streckte Arme und Beine von sich.
„Wie wär's mit was zu Essen?", fragte Jason sie grinsend. Sie ließ den Kopf auf die Lehne fallen und sah ihn von unten wenig freundlich an. „Wenn meine Verdauung noch funktionieren sollte ist sie damit vermutlich so ziemlich der einzige Teil meines Körpers."
Doch Jason schien wenig beeindruckt. „Dein Kopf scheint noch prima zu funktionieren. Und dein Mundwerk auch." Er grinste und Lia verwünschte ihn heute nicht zum ersten Mal dafür, dass er noch so fit war. Als er ihr allerdings anbot ihr Essen mitzubringen lächelte sie dankbar
Als Jason mit dem Essen zurück war setzten sich auch Sally und Mel zu ihnen und starrten den munteren Jason ebenso entnervt an, wie Lia. Der jedoch schien seinen Spaß an dieser Sache zu haben.
„Gott, Jason, wo nimmst du nur die ganze Energie her?!", stöhnte Sally irgendwann.
Lia indes ließ den Blick durch den Raum streifen.
Nachdem sie ihre erste Prüfung bestanden hatten, waren sie in diese Esshalle umgezogen. Sie war sehr viel kleiner und sehr viel gemütlicher, wie Lia fand. Die Tische waren oval und aus hellem Holz und hatten Platz für sechs Leute. Die Stühle waren gepolstert, mit Armlehnen, so dass man sich fragen musste, ob sie extra für erschöpfte Auszubildende gebaut worden waren. Offensichtlich war der Raum ausschließlich für Auroren gedacht, was bedeutete, dass außer Lia und ihren Freunden nur die Auszubildenden ein Jahr über ihnen, ihre Lehrer und die Auroren im Bürodienst anwesend waren. Der Großteil der Auroren, so wie die älteren Auszubildenden verbrachten die meiste Zeit im Außendienst, also auf Patrouille, oder mit speziellen Aufträgen.
Heute jedoch sah Lia eine Gruppe am anderen Ende des Raumes, die sie nicht kannte und die recht jung wirkten. Sie mussten wohl aus dem dritten Jahr sein. Vermutlich hatten sie diese Woche theoretischen Unterricht und waren darum hier. Dummerweise verließen sie den Raum gerade. Einen kurzen Augenblick jedoch konnte Lia einen Blick auf das Gesicht eines der Jungen erhaschen.
Mit einem Klirren fiel Lias Gabel auf ihren Teller und bespritzte Jason mit Erbsensuppe.
„Uääh, Lia…", beschwerte dieser sich und betrachtete die Flecken auf seinem Hemd.
Doch Lia beachtete ihn gar nicht.
Es konnte nicht sein. Es konnte ganz sicher nicht sein.
„Das ist nicht ihr Ernst, oder?"
Podmore bedachte Jason mit einem herablassenden Lächeln. „Das ist mein voller Ernst, Mr. Green. Und wenn sie zumindest ein bisschen an ihrem Leben hängen, schlage ich Ihnen vor, dass sie diese Farbe nehmen und anfangen sie sich ins Gesicht zu schmieren."
Jason grummelte, doch sie hatten schnell gelernt, dass Podmore zwar freundlich und lebhaft war, aber extrem unangenehm werden konnte, wenn man nicht tat was er sagte. Besonders, wenn man es aus albernen Gründen tat.
Außerdem hatte Lia das Gefühl, dass Podmore diese Unterrichtsstunde unheimlich viel Vergnügen bereitete.
Und der Grund dafür lag auf der Hand.
Es handelte sich um eine Unterrichtstunde in „Tarnung und Maskierung". Und diese Besondere Stunde behandelte Tarnung ohne Magie. Niemand war so dumm in Frage zu stellen, dass man diese Techniken brauchen würde. Die Antwort war ihnen allen klar: es konnte jederzeit passieren, dass sie ihren Zauberstab verloren. Und dann wären sie froh sich tarnen zu können.
Es dauerte trotz dieses Wissens eine Weile bis sie sich mit dem Gedanken angefreundet hatten die Paste, die sie selber tags zuvor hergestellt hatten, in ihr Gesicht zu schmieren. Immerhin hatte ihnen gestern niemand gesagt, dass sie sie würden verwenden müssen. Und zu den Dingen, die den meisten Auszubildenden einfielen, wenn man sie fragte, was man zur Tarnung zur Hand haben könnte, gehörten dummerweise auch die Hinterlassenschaften von Menschen und Tieren.
Gestern klang das noch nach einer guten Idee.
„Oh, iih, Lia, du Ekel!"
„Stell dich nicht so an, Sally, du hast es doch gestern selber hergestellt!"
Lia konnte nicht anders als laut loszuprusten, als sie das andere Mädchen betrachtete, das völlig verkrampft da stand und versuchte so flach wie möglich zu atmen, nachdem Lia ihr ihre eigene Tarnfarbe um die Nase geschmiert hatte.
„Komm schon, so schlimm ist es gar nicht. Und irgendwann hättest du es doch machen müssen."
Glücklicherweise war Lia selbst gestern schon von der Idee angeekelt gewesen Pferdedung oder schlimmeres in ihr Gesicht schmieren zu müssen und ihre Masse bestand zum Großteil aus Pflanzen und Matsch.
Das gab ihr die Möglichkeit sich wunderbar über die anderen lustig zu machen.
Tatsächlich hatte es Jason besonders schwer erwischt. Er war gestern so begeistert von der Idee gewesen die verschiedensten ekelhaften Dinge zusammen zu matschen, dass seine Mixtur nun aus Exkrementen der unterschiedlichsten Art, einer besonders stinkenden Torfart und Insektenstückchen bestand.
Lia fragte sich ob er wohl in Ohnmacht fallen würde. Er wurde jedenfalls immer blasser, je mehr von der Paste seinen Körper bedeckte.
Eine Weile beschäftigten sie sich ruhig mit ihrer Aufgabe sich selbst „unsichtbar" zu machen, dann ging Podmore herum und besah sich ihre Arbeit. Er hatte an allen etwas zu bemängeln.
Als er Mel darauf hinwies, dass auch das Innere seiner Nase Farbe bräuchte konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen, als dieser ihn mit großen Augen anstarrte.
In gewisser Weise hatte diese Stunde schon Spaß gemacht.
Podmore hatte sie in den Übungsraum geschickt, der sich in genau das verwandeln konnte, was man gerade brauchte und sie hatten auf verschiedenem Gelände ihre Tarnung getestet.
Es war interessant und definitiv unterhaltsam gewesen.
Nachdem sie sich alle wieder magisch gesäubert hatten und den Unterrichtsraum verließen, trat Lia nach vorne zum Pult. „Sagen Sie, Mr. Podmore…hat Ihnen das so viel Spaß bereitet, weil sie selber das alles durchmachen mussten?" Ein leises Lächeln lag dabei auf ihren Lippen. Sie mochte Podmore und hatte schon lange bemerkt, dass er es immer mal wieder genoss sie zu triezen. Er war jung und meist recht kameradschaftlich, daher traute sie sich, diese Frage zu stellen.
Ihr Lehrer schenkte ihr als Antwort sein breites Grinsen und lachend ging Lia nach draußen zu ihren Freunden.
„Hey Lia, wir überlegen gerade, was wir heute Abend machen wollen."
„Ja, morgen ist frei und wir haben lange nichts mehr unternommen."
„Wir hatten daran gedacht ins Wizards' Inn zu gehen. Heute Abend gibt's Reduzierungen für Auszubildende." Jason betrachtete skeptisch die Unterseite seines Armes. Ihm ging der Gestank wohl nicht mehr aus der Nase.
Lia überlegte kurz. „Ja, klingt gut, warum nicht?"
Und so trafen sich Lia, Jason, Sally, Mel, Kerry und Silas einige Stunden später vor dem beliebten Zauberer Club in London.
„Puh, ist das voll hier!" Lia wich einem schwankenden Mann aus, der fast gegen sie gerannt wäre.
„Ich glaube heute spielen die Schicksalsschwestern, diese neue Gruppe, die so hochgelobt wird", erklärte Kerry ihr.
Mel winkte sie zu einem Tisch an der hinteren Wand. „Hierüber. Ich hab Kenny Bescheid gesagt, dass wir kommen."
Kenny war einer der Kellner und ihre kleine Gruppe hatte sich während ihrer letzten Besuche mit ihm angefreundet. An Tagen wie diesen baten sie ihn oft, ihnen einen Tisch frei zu halten.
„Hey meine Hübschen! Lasst mich raten, das Übliche?"
Kenny war herüber gekommen und begrüßte die kleine Gruppe mit seinem üblichen Grinsen.
Alle nickten zustimmend, bis auf Sally. „Für mich eine Virgin Witch."
„Hey Sally, was ist los mit dir?"
Sally zog eine Grimasse. „Seid bloß ruhig, ich muss morgen zu meinen Eltern und ich weiß genau, wenn ich in eurer Gegenwart mit Alkohol anfange nimmt das kein gutes Ende."
Die Lacher störten Sally nicht wirklich. Sie fügte nur mit einem Grinsen hinzu: „Ich wette am Ende bin ich diejenige mit dem meisten Spaß."
Es war wie immer ein vergnüglicher Abend. Eine ganze Weile saßen sie nur am Tisch, unterhielten sich, lachten, tranken und hörten der Musik zu.
„Also, ganz schlecht ist diese Gruppe tatsächlich nicht."
Mel stimmte Lia zu. „Muss ja auch einen Grund geben, dass die so schnell so bekannt geworden sind."
„Sie sind noch ziemlich jung, oder? Nicht viel älter als wir…"
„Willst du es mit einer Karriere als Sänger versuchen, Jason?"
„Bloß nicht!" Lia lachte so heftig, dass sie sich an ihrem Cocktail verschluckte. „Glaubt mir, ihr wollt ihn nicht singen hören", fügte sie hustend hinzu.
„Also, ich hab keine Lust weiter über die Musik zu reden, lasst uns lieber tanzen gehen!"
Sallys Vorschlag wurde jedoch mit wenig Begeisterung aufgenommen.
„Mensch, Jungs, ihr seid solche Trantüten.", meinte Lia, die sofort aufgestanden war.
Doch es half nichts. Weder die Jungs, noch Kerry waren zum Tanzen zu bewegen.
Also machten sich Lia und Sally alleine auf den Weg.
Es war noch immer nicht besonders spät und die Tanzfläche war noch nicht allzu voll. Keines der beiden Mädchen legte viel Wert darauf von allen Seiten von verschwitzten Körpern bedrängt zu werden.
So war es für sie genau richtig.
„Sag mal, Lia…"
Lia drehte sich zu ihrer Freundin, als diese nicht weiter sprach. „Hm?"
„Läuft da eigentlich was zwischen dir und Jason?"
„Wie kommst du darauf?"
„Naja, du musst zugeben, dass ich ziemlich viel aneinander hängt und euch ziemlich gut kennt…"
„Ja, aber wir sind nur Freunde. Wir verstehen uns einfach gut und kennen uns ja auch schon lange."
„Hm…sieht Jason das auch so?"
Lia sah eine Weile nachdenklich vor sich hin. Nach dem einen Date in Hogsmeade hatte Jason nie wieder etwas in die Richtung gesagt, doch Lia hatte oft das Gefühl, dass er sie noch nicht ganz aufgegeben hatte. Aber ihm war wohl klar geworden, dass sie ihn einfach nur als Freund sah. Sie seufzte und merkte dann, dass Sally sie angrinste. „Du bist ganz schön neugierig, weißt du das?"
Doch Sally lachte nur.
Als die Beiden zum Tisch zurück kehrten merkten sie, dass sie gerade rechtzeitig kamen, denn die Jungs, die langsam etwas angetrunken waren, schienen gerade alles daran zu setzen Kerry in Verlegenheit zu bringen.
Mit Erfolg, was bei dem schüchternen Mädchen jedoch auch nicht besonders schwer war.
Allerdings hatten es sich Sally und Lia zur Aufgabe gemacht auf Kerry aufzupassen. Sie war noch immer nicht ganz über die Geschehnisse während der Prüfung hinweg.
Es wurde ohnehin bald Zeit zu gehen. Sie blieben nie lange, zum einen, weil sie sich alle bewusst waren, was Alkohol und Übermüdung für Folgen für einen Zauberer haben konnten und zum anderen, weil die Besucher des Clubs immer nervtötender wurden, je weiter die Zeit vorschritt.
Zurück in der Wohnung trank Lia erst einmal eine ordentliche Portion Wasser. Sie trank zwar gerne einmal ein bisschen Alkohol, aber auf die Kopfschmerzen am nächsten Tag verzichtete sie lieber.
Merlin war offenbar ausgeflogen und sie nahm sich wieder einmal vor, morgen den Käfig endlich sauber zu machen.
Sie setzte sich mit ihrem Glas auf die Couch und sah nachdenklich aus dem Fenster.
Irgendwie war ihr gar nicht richtig bewusst gewesen, was sich alles verändert hatte, seit sie Hogwarts verlassen hatte.
Vor nicht mal zwei Jahren hätte sie sich wohl kaum vorstellen können abends mit ihren Mit-Auszubildenden in einen Club zu gehen. Sie hatte viel lieber ihre Abende lernend mit Suse verbracht. Andererseits, war es wohl auch nicht viel anders als die Partys nach ihren Quidditchsiegen.
Lächelnd stand Lia auf und ging zum Kamin, betrachtete die Bilder.
Hogwarts war eine wundervolle Zeit gewesen. Sie hätte manches vielleicht mehr genießen sollen, aber letztlich hatte sie aus Allem etwas lernen können.
Noch immer lächelnd wandte sie sich ab und ging zu Bett.
Für diesen Sonntag hatte Lia sich vorgenommen zur Abwechslung auch mal wieder einen Familienbesuch zu machen.
Sie betrat den Laden durch die Hintertür und fand den Verkaufsraum leer vor. Also ging sie direkt auf die Tür zur Werkstatt, die wie immer offen stand. Sie wollte gerade klopfen, als sie die bekannte Stimme hörte.
„Komm rein."
Sie betrat den Raum und ihre Nase füllte sich sofort mit dem geliebten Geruch von Holzspänen und Harz.
„Ich habe etwas, dass dich interessieren könnte."
Ollivander blickte noch immer nicht von seiner Arbeit auf, sondern deutete nur mit einer Handbewegung hinter sich.
Lia ging um den Werktisch herum und entdeckte eine Spankiste. Der Deckel war nur halb gelöst und sie stubste ihn kurz mit dem Zauberstab an um ihn herunter heben zu können. Kaum sah sie den Inhalt sog sie hörbar die Luft ein.
„Validiaholz?!"
Ehrfürchtig nahm die junge Frau einen dicken Ast aus der Kiste. Ihre Finger kribbelten bei der Berührung und ihre Nase nahm diesen schweren, starken Geruch wahr, den Lia nur einmal in ihrem Leben gerochen hatte.
Das Holz in dieser Kiste würde sicher für zehn Zauberstäbe reichen. Für eine Auszubildende wie sie ein kleines Vermögen. Und das Holz hielt ewig. Es wurde niemals morsch, oder schimmelte.
„Es ist deins. Wann immer du Zeit für solch eine nebensächliche Beschäftigung findest."
Lia hatte keine Ahnung, warum Ollivander das tat. Früher mochte er vielleicht die Hoffnung gehabt haben sie würde ihm einmal im laden helfen, ihn vielleicht sogar übernehmen. Aber jetzt? Und dieses Geschenk war größer, als alles, was er ihr bisher hatte zukommen lassen.
Dann grinste sie.
„Und für wen soll ich Zauberstäbe herstellen?"
Die Augen des alten Mannes blitzten in einem versteckten Lächeln auf. „Wenn du diese Aufgabe annimmst, werde ich sicher ein paar Aufträge für dich finden."
Nun musste Lia lachen. Natürlich hatte er bereits Interessenten.
Vielleicht war diese Arbeit genau das richtige um zwischendurch mal wieder zur Ruhe zu bekommen.
Und so begann Lia in ihrer Freizeit hin und wieder an Spezialaufträgen für Ollivander zu arbeiten.
Wiedersehen
„Mein Kopf brummt..."
„Jammer nicht, Jason, sei froh, dass sie uns so gut auf die Prüfungen vorbereiten."
Jason zog eine Grimasse. „Ich fühl mich wieder wie in der Schule..."
„Na komm, es gibt Bratwurst." Lia und Jason machten sich auf den Weg zur Ausgabe und stellten sich zu Sally und Mel. Wie gewohnt wandte sich Lia zu der Ecke, wo die älteren Auszubildenden saßen. Das dritte Lehrjahr war wieder da, offensichtlich hatten sie Theoriewoche, ansonsten waren sie mit ihren Seniorpartnern unterwegs und nicht hier.
Und diesmal sah sie ihn. Sie hatte sich nicht getäuscht. Und er hatte sie gesehen. Sie war sich ganz sicher, dass er sie beim Rausgehen angesehen hatte.
„Hey, Lia -" Jason brach ab, als er Lias Blick sah. Er schluckte hart. „Hast du es also endlich bemerkt?"
Erstaunt starrte Lia ihn an und er lachte leise. „Ich wusste es schon in Hogwarts. Er hat mir auch mit der Bewerbung geholfen."
„Wieso hast du nichts gesagt?!"
Er zuckte nur mit den Schultern und sah weg. „Warum mir unnötig die Chancen zerstören?"
Damit wandte er sich um und nahm ein Tablett.
Am liebsten wäre Lia einfach erstarrt stehen geblieben. Doch so sehr wollte sie sich nicht blamieren. Wie in Trance nahm sie ihr Essen, setzte sich zu den anderen und schaufelte alles in sich hinein. Die Gespräche und das Lachen der anderen war mehr Hintergrundgeräusch für ihre Gedanken. Warum hatte Matt sich nie gemeldet? Warum hatte er sie nicht angesprochen? War er wütend, enttäuscht? Oder wusste er einfach nicht was er sagen sollte? So wie sie?
Die Tatsache, dass Jason sie immer noch zu mögen schien überraschte Lia nicht wirklich. Was sie überraschte, war die Tatsache, dass es sie überhaupt nicht störte. Vielleicht war sie arrogant und fühlte sich durch seine Zuneigung geschmeichelt. Sie hatte Jason gerne um sich. Und bisher hatte er sich mit Freundschaft zufrieden gegeben. Sie wollte ihn nicht irgendwann verletzen müssen. Aber sie wusste, dass er stark war. Und, dass er niemals eine Freundschaft wegen so etwas zerbrechen lassen würde.
Sie betrachtete Jason und zum ersten Mal wurde ihr bewusst, was für einen wertvollen Freund sie da hatte. Und, dass sie sich mehr Mühe geben sollte ihn auch zu behalten. Sie lächelte und Jason sah sie etwas verwirrt an, was sie zum Lachen brachte.
Sie wusste nicht, was sie wegen Matt tun wollte. Aber wegen Jason schon. Sie nahm das letzte Stück ihrer Bratwurst und legte es Jason auf den Teller. Der Junge brauchte mehr Fleisch.
Sie sind von Ihrer Gruppe getrennt worden und in einem fremden Wald. Sie wissen, dass sich in der Gegend eine Gruppe Straftäter herumtreibt. Es handelt sich um berüchtigte Mörder und Vergewaltiger, die sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen haben.
Was sind die ersten Schritte, die Sie befolgen müssen?
So, oder so ähnlich lauteten einige Fragen der schriftlichen Prüfungen.
Zusätzlich gab es natürlich auch Fragen wie: Nennen Sie die Rechstbestimmungen, die bei der Verurteilung eines Mörders eine Rolle spielen, oder Fragen zu bestimmten Zaubersprüchen.
Alle bestanden die Prüfung. Durch die praktischen Übungen hatte sich das meiste längst eingeprägt und ihr Lehrer für Rechtsgrundlagen war gnadenlos.
Nach ihrer letzten Prüfung, die niemand von ihnen je vergessen würde, war es schwer die Theorieprüfung überhaupt ernst zu nehmen. Alle bestanden und sie fragten sich hinterher wozu sie überhaupt so viel gelernt hatten.
Nachdem die Prüfungen vorbei waren hieß es natürlich erst einmal feiern. Am liebsten in gewohnter Atmosphäre, also, im Tropfenden Kessel.
Tom gab die erste Runde aus und irgendjemand fand ein Würfelspiel.
Lia betrachtete diese bunte Truppe. Sie waren zusammengewachsen im letzten Jahr, durch all die Erlebnisse, Erfahrungen und das einfache tägliche Beisammensein. Und sie war erstaunt, wie gut sie zusammenpassten. Es war niemand dabei, der wirklich ein Partymensch war, natürlich, die entschieden sich wohl kaum für solch einen Beruf. Auch Karrieremenschen gab es nicht. Es mochte am Beruf liegen, oder am Auswahl- und Aussortierungsverfahren, dass die Aurorenzentrale etabliert hatte.
Was Lia wirklich wunderte war, dass es keine wirklichen Einzelgänger gab, die sich aus allem raushielten, auch niemanden, der besonders aggressiv, oder obsessiv wirkte. Nicht mehr jedenfalls.
Sie beobachtete wie die Würfel aus dem Becher rollten und Jason sich verzweifelt die Haare raufte. Das Bild verschwamm, als sie an die Verluste des letzten Jahres dachte. Es passierte so schnell. Und sie waren so wenige. Wie viele von ihnen würden ihr erstes Jahr als Auror überleben. Auf einmal fragte sich Lia, wie es überhaupt möglich gewesen war, dass die Zaubererwelt sich so lange gegen Voldemort und seine Anhänger gewehrt hatte. Sie musste zugeben, dass sie sowohl bei ihren Eltern, als auch in Hogwarts und bei Ollivander sehr behütet gewesen war, vor all den Geschehnissen in der Welt. Inzwischen wusste sie, wie gering ihre Verluste gegen all den Schmerz der Welt war... Was würde geschehen, wenn Du-weißt-schon-wer zurück kam? Wenn er nicht besiegt war, denn, wie könnte er das, wirklich? Wie konnte das kleine Kind von zwei ganz normalen Menschen einen mächtigen Zauberer besiegen? Lia runzelte die Stirn. Wäre es nicht wichtig das herauszufinden? Eine Waffe zu finden, falls der mächtigste schwarze Magier zurückkehrte? Oder selbst gegen einen anderen Mann, der seinen Platz einnehmen wollte?
„Hey, Lia, spiel mit."
Lia sah auf, als Sally sie anstubste.
„Nein, vielen Dank."
„Mir reicht es auch langsam", verkündete Jason. „Hey Tom, hast du Musik da?"
Und kurze Zeit später zog Jason Lia auf die Tanzfläche. „Na los, das schuldest du mir, bevor du mit unserem Quidditchkapitän durchbrennst."
Sie wurde tatsächlich ein wenig rot, doch sie ließ es geschehen. Jasons Freundschaft bedeutete ihr viel, das war ihr klar geworden. Und sie war gerne bereit ihm mehr entgegen zu kommen.
Außerdem tanzte sie gerne mit ihm. Er war nicht so peinlich, wie sie erwartet hätte, aber locker und unterhaltsam.
Und es tat gut die trüben Gedanken fallen zu lassen und wieder ein bisschen Spaß zu haben. Dafür war Jason einfach grandios.
Sie war richtig aus der Puste, als sie und Jason sich wieder auf Stühle plumpsen ließen. Der Rest der Gruppe hatte sich über den Raum verteilt.
„Was zu trinken?", fragte Jason, ganz der Gentleman.
„Ehrlich gesagt, ich hätte gerne einen Saft. Du hast mich ganz schon ausgepowert."
Jason lachte und ging los um Getränke zu holen. Lia lehnte sich auf der Bank zurück und schloss kurz die Augen. Wie gut es tat sich so zu verausgaben. Völlig ohne Druck, ohne Gedanken an etwas Belastendes.
Etwas kaltes berührte ihre Wange und sie quietschte erschrocken. Jason grinste und hielt ihr den Saft vor die Nase. Eiskalter Traubensaft. Der Versuch ihn böse anzusehen misslang Lia, also entschied sie sich zu lachen und das Glas mit einem Dank entgegen zu nehmen.
Sie schlurfte am Strohhalm, während Jason sich wieder neben sie setzte.
Eine Weile herrschte zufriedenes Schweigen. Lia fiel nicht auf, dass Jason ungewöhnlich still war. Schließlich stellte Jason sein Glas ab. „Du hast ihn immer noch nicht angesprochen, oder?"
Überrascht sah Lia ihn an, dann wandte sie den Blick auf ihr Glas. „Es hat sich bisher keine Gelegenheit ergeben...aber, nein, ich habs auch nicht versucht."
„Wieso nicht? Ich hätte gedacht du freust dich über die Chance... er ist schließlich noch lange nicht aus deinem Kopf, oder?"
„Nein, ist er nicht..." Es fühlte sich seltsam an dieses Gespräch mit Jason zu führen. Ausgerechnet mit ihm. Und doch war er im Moment der Mensch, der ihr am nächsten stand.
„Aber?", bohrte Jason nach.
„Aber... ich bin unsicher. Wir haben uns nicht mehr gesehen, seit er die Schule verlassen hat. Das sind drei Jahre. Und der Briefkontakt ist schnell abgebrochen. Ich weiß nicht was ich sagen sollte, ich weiß nicht was er denkt, ich weiß nichtmal wer er jetzt ist. Wir haben uns beide verändert."
„Ihr seid erwachsen geworden. Man sollte meinen, dass Erwachsene zumindest vernünftig miteinander reden können."
Sie warf ihm einen halb bösen Blick zu, doch er lächelte nur und fuhr fort. „Du wirst dich immer fragen, was wäre wenn, wenn du es nicht herausfindest."
„Ja, mag sein..."
„Er ist hier."
Sie starrte ihn an und nun sah er etwas schelmisch drein. „Ob ich wohl wusste, dass das dritte Jahr auch hierher kommen könnte um Abschluss zu feiern? Tja, möglich... sie sind nicht so eine Partytruppe wie wir, also feiern sie wohl selbst ihre bedeutende Aufnahme ins Corp eher klein...die Vermutung lag nahe."
„Warum?"
„Warum? Hab ich doch grade erklärt."
„Jason..."
Er lachte. „Tja, ich bin eben ein unschlagbar toller Kerl, der nur dein Bestes will, selbst wenn es bedeutet, dass er dafür zurückstellen muss. Und du solltest ganz dringend darüber nachdenken ob du nicht lieber mich nehmen willst, wo ich doch so viel für dich tue. So. Und jetzt verschwinde. Matt sitzt an der Theke."
Wie oft würde Jason sie wohl noch überrumpeln? Eins war sicher: er hatte vollkommen recht damit, dass er toll war und in diesem Augenblick wünschte Lia ihm sehnlichst jemanden, der ihn wirklich zu schätzen wusste.
Da saß er.
Er unterhielt sich gerade mit ein paar Freunden. Sie wollten wohl auf die Tanzfläche, aber er lehnte ab mitzukommen. In Hogwarts hatte er immer mit ihr getanzt. Lia schluckte. Ihre Augen brannten und sie zwinkerte rasch. Sie musste sich unter Kontrolle bekommen.
Matt sah seinen Freunden lächelnd hinterher, dann wandte er sich wieder seinem Drink zu. Er trank nie viel, saß immer lange an einem Drink und ging dann lieber zu nichtalkoholischem über. Er behielt gerne einen klaren Kopf.
Plötzlich seufzte er und drehte sich zu ihr.
„Willst du da noch länger stehen?"
Damit hatte er sie überrascht. Sie wusste nicht, dass er sie gesehen hatte. Aber er musste wohl mit ihr gerechnet haben. Sicher hatte er Jason bemerkt und er hatte sie auch in der Esshalle definitiv gesehen.
„Ich weiß es nicht", gab Lia zurück. Sie war unsicher. Was dachte er bloß? Irgendwie hatte sie nie gewusst was er dachte...
„Dann solltest du dich langsam entscheiden."
Was? Lias Hände ballten sich unwillkürlich zu Fäusten. Was sollte das? War er genervt von ihr? Dass sie sich nicht entscheiden konnte? Warum war er eigentlich nicht auf sie zugekommen? Es war jawohl nicht allein ihre Sache ob ihre Freundschaft wieder belebt wurde!
Und warum schaffte er es immer sie so wütend zu machen?! Das schaffte sonst kaum jemand!
Mit schnellen Schritten kam sie zu ihm rüber und setzte sich neben ihn.
„Geht doch." Noch immer sah er sie nicht an.
Und Lia riss der Geduldsfaden.
„Was soll das?!" Sie griff nach seiner Schulter um ihn mit dem Tresenstuhl zu sich umzudrehen. Sie wollte, dass er ihr in die Augen sah. „Warum tust du das?", fragte sie nun ruhiger.
Matt sah sie jetzt an. „Ich weiß nicht. Vielleicht um herauszufinden wer du bist."
Sie musste fast ein bisschen lächeln. „Du hast immer versucht mich aus der Reserve zu locken."
„Weil du dich immer in dich selbst zurückziehst."
„Stimmt."
Sie schwiegen eine Weile. Lia hatte das Gefühl, dass Matt noch etwas sagen wollte, aber sich dann dagegen entschied. Stattdessen sagte er: „In Hogwarts dachte ich, ich wüsste wer du bist, aber dann...dann hast du mich einfach fallen lassen."
„Du hast auch nichts getan."
„Ich war es leid als einziger in diese Freundschaft zu investieren."
Das saß. Es war ein Vorwurf, den sie sich selbst schon gemacht hatte, trotzdem machte es sie wütend. Doch sie schwieg, bis sie das Gefühl unter Kontrolle hatte.
„Warum hast du überhaupt in sie investiert?"
Wieder trat Schweigen ein und es fiel Lia mehr als schwer Matts Blick zu deuten.
„Du bist etwas besonderes, Lia", sagte er schließlich und überraschte sie damit sichtlich. Er lächelte. „Ist dir nie aufgefallen wie viele Leute Zeit mit dir verbringen wollen? Sich bei dir wohlfühlen?"
Lia runzelte die Stirn. So war es ihr nie vorgekommen. Und Matt schien das zu merken.
„Denk mal drüber nach. Die einzigen Male wo du alleine warst musstest du es dir erkämpfen. Du musstest das Team und die Mädchen aus deinem Schlafraum mühsam loswerden um dich einigeln zu können."
„Aber ich musste mir diese Freundschaften erkämpfen."
„Wirklich? Hast du dir Freundschaften erkämpft? Oder nicht eher Aufmerksamkeit? Meinst du nicht die Freundschaften kamen von selbst? Was ist mit deinen Freunden jetzt? Hast du dir die erkämpft?"
Sie antwortete nicht. Zum einen, weil sie nichts zu sagen wusste und zum anderen, weil es sie störte, dass Matt sie schon wieder belehrte. Manchmal kam es ihr so vor, als bestünde ihre Freundschaft nur daraus, dass er sie belehrte und triezte.
„Ich habe mich gefragt, ob du überhaupt bereit bist für jemand anderen als dich selbst zu kämpfen."
Am liebsten wäre Lia in diesem Moment aufgesprungen und gegangen. Sie hatte sich genug Vorwürfe angehört. Doch etwas in ihr schien aufzuhorchen. Als ob er die Antwort auf eine Frage gegeben hätte, von der sie nicht wusste, dass sie sie gestellt hatte.
„Und jetzt? Was möchtest du von mir, Matt?"
Er zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Sag dus mir."
Sie runzelte die Stirn, dann holte sie tief Luft und sagte, „Matt, du verwirrst mich. Ich weiß nicht was du willst. Nach dem was du gesagt hast frage ich mich, warum du überhaupt jemals irgendetwas von mir wolltest. Sei es Freundschaft oder etwas anderes. Ich habe dich vermisst, aber ich bin nicht sicher, ob der Mann, der da vor mir sitzt noch besonders viel mit dem Jungen zu tun hat, den ich in Hogwarts kannte. Ich weiß nicht wer du bist. Vielleicht haben wir genug gemeinsame Grundlagen für eine Freundschaft. Vielleicht auch nicht."
„Und, willst du es herausfinden?"
Und plötzlich war da wieder dieses schelmische Blitzen in seinen Augen. Plötzlich war da wieder der Matt, den sie so vermisste. Doch irgendwie hatte sie das Gefühl als sei es nur ein Funke, der von irgendetwas verdeckt wurde. War das nur eine Spur? Der letzte Rest? Wenn ja, dann war sie sich nicht sicher, ob sie diesen neuen Matt mochte.
Matt stand auf und hielt Lia die Hand hin. „Möchten Sie tanzen, schöne Frau?"
So verwirrt Lia auch war, sie musste lachen. Und als sie ihre Hand in seine legte, hatte sie das Gefühl, dass da doch mehr von ihrem Matt war, als sich zeigte.
Jason saß noch immer in seiner Ecke. Er sah zu wie das Mädchen, das er liebte mit einem anderen tanzte. Und fragte sich ob er vielleicht zu gut für diese Welt war.
Dann stand er auf und ging zum Tresen. „Kerry, ich finde es wird höchste Zeit, dass du mal auf die Tanzfläche kommst."
Nach den Prüfungen hatten die Auszubildenden drei Wochen frei. Es war der längste Urlaub am Stück, den sie seit einem Jahr hatten.
Lia war sich nicht sicher gewesen, was sie mit ihrer Zeit tun sollte, doch schließlich fand sie doch genügend Dinge zu tun.
Und das erste, was sie tat, war sich mit Suse bei Florean Fortescue auf einen Eiskaffee zu treffen.
„Ist es irgendwie oberflächlich, dass mir nur einfällt dich zu fragen wie die Ausbildung läuft?"
Suse musste auf Lias Frage hin lächeln. „Es ist nunmal das, was uns im Moment am meisten einnimmt, oder?"
Auch wenn sie es nicht sagte, musste Lia daran denken, dass sie vermutlich doch ein bisschen mehr außerhalb ihrer Ausbildung beschäftigte als Suse. Doch das war nicht besonders fair.
„Jedenfalls läuft die Ausbildung sehr gut", fuhr Suse fort. „Ich habe gerade die letzte Prüfung des Lehrjahrs und drei Wochen Praxis hinter mir."
„Ihr habt sehr viel Theorie, oder?"
„Ganz ehrlich? Ihr habt mit Sicherheit mehr 'Theorie'", gab Suse mit einem verschmitzten Lächeln zurück.
Lia hob die Hände. „Das sollte kein Angriff sein! Und...wie meinst du das mit der Theorie...?"
„Naja, ich bin bereits bei ein paar Eingriffen dabei gewesen, habe selbstständig kleinere Wunden und Verletzungen versorgt...wie viel echte Praxis bekommt ihr mit?"
An diesem Punkt musste Lia ihr zustimmen. Sie saß vielleicht nicht wie Suse mit Büchern bewaffnet in Vorlesungen, aber theoretisch war ihr Unterricht natürlich auch. Sie waren bisher nur bei einem echten Einsatz gewesen. Und sie war froh darüber, wenn sie sich daran zurückerinnerte. Der nächste Einsatz würde in drei Monaten folgen und dann erst ging es in die echte Praxisarbeit mit den Seniorpartnern.
„Du hast Recht. Ich war mal wieder voreingenommen, auch wenn ich es nicht so bezeichnet habe." Sie lächelte ihre Freundin an und sah wie Suse den Kopf schüttelte. „Du wirst wirklich langsam erwachsen, Lia."
Wieder einmal zeigte Suse das schelmische Blitzen in ihren Augen und Lia lachte. Suse zeigte nur wenigen Menschen ihren Humor, doch Lia liebte sie dafür.
„Erzähl mir was sonst noch so los ist. Wie benimmt sich Jason?"
„Jason? Ehrlich, Jason ist der beste Freund, den ich mir je hätte vorstellen können. Abgesehen von dir natürlich."
„Natürlich. Ich dachte immer das wäre Matt gewesen."
„Matt...Tja. Wie schaffst du es nur immer genau die interessanten Punkte zu treffen, Suse?"
„Chirurgische Begabung."
Die beiden Mädchen lachten und Lia erzählte Suse von ihrer Begegnung mit Matt.
„Hm... und? Hast du das Gefühl du stehst zwischen den Beiden?"
Lia schüttelte den Kopf. „Ich war nie verliebt in Jason und ich könnte es mir nie vorstellen. Auf der anderen Seite weiß ich auch nicht, ob ich es mir bei Matt im Moment vorstellen kann. Wir haben uns beide verändert und... es gibt Dinge an ihm, die mich sehr viel mehr stören als früher..."
Ihre Gedanken schweiften zurück zu dem Abend im Tropfenden Kessel. Früher war Matt für sie wie ein großer Bruder gewesen. Und das war ein Teil seines Charmes. Heute störte es sie. Er schien sie nicht auf Augenhöhe zu sehen. Aber auf der anderen Seite... weckte es auch ihren Ehrgeiz ihm zu beweisen, dass sie nicht mehr die Kleine war.
Plötzlich wurde Lia bewusst, dass sie ins Leere gestarrt hatte und sie blickte auf in Suse' wissendes Lächeln. Sie stöhnte. „Suse..."
„Schon gut, schon gut. Ich überlasse natürlich alles dem Lauf des Schicksals."
„Sag mal... woher kommt plötzlich dieser ganze Humor?"
Suse zuckte mit den Schultern. „Muss der Ausgleich zu all den Büchern sein."
Doch Lia ließ sich nicht auf den Arm nehmen. Da war ein Hauch von Röte auf Suse Gesicht. Suse. Rot.
„Suse... Gibt es da was, das du mir erzählen möchtest...?"
„Möchte? Naja." Trotzdem lachte Suse. „Also gut, naja, weißt du, es gibt da jemanden... er ist jetzt im Abschlussjahr, er hat ein paar Tutorien gemacht in denen ich war. Und, naja, wir waren ein paar Mal aus..."
„Suse! Davon hast du nie etwas erwähnt!"
Es war seltsam, dass ausgerechnet sie und Suse jetzt solche Gespräche führten, wo sie sich darüber in der Schule so erhaben gefühlt hatten.
Doch natürlich blieb es nicht bei so etwas. Sie sprachen über die Frage wie lange Milicent Bagnold wohl noch Zaubereiministerin blieb und wer ihr nachfolgen würde, über die neuesten Verhaftungen, die Schlagzeilen machten und schlenderten durch die Winkelgasse.
Lia fühlte sich müde, aber sehr zufrieden, als sie abends ins Bett fiel.
„Gut, dass du da bist, Celia. Ich habe zwei neue Aufträge für dich."
„Gleich zwei?"
Lia hatte noch nicht mal ihre Tasche abgestellt, als Ollivander sie bereits mit seinen Neuigkeiten überfiel. Sie hatte bisher einen Zauberstab als Modell hergestellt und einen Auftrag für einen alten Freund von Ollivander hergestellt. Validiastäbe waren so selten und so teuer, dass es kaum Aufträge für dieses Holz gab.
„Deine Arbeit scheint nicht ganz schlecht zu sein."
„Tatsächlich?"
Sie machte sich direkt an die Arbeit ihre Werkbank vorzubereiten. Sie hatte eine Weile gebraucht, bis sie den Tisch in der Ecke entdeckt hatte, denn er war von Ollivander unter Müllbergen begraben worden. Späne, alte Kisten, Papier und Werkzeuge stapelten sich hier wie überall sonst. Das war wohl die Ordnung des Genies. Lia war froh, dass sie kein Genie war. Sie würde nichts auf die Reihe bekommen.
Einige Stunden arbeiteten sie schweigend, dann wurden sie von Gary unterbrochen, der die Treppe von der Wohnung herunter gekommen war.
„Bleibst du zum Essen?"
Lia meinte zu merken, dass Gary sich viel Mühe gab möglichst höflich zu klingen. Wieder einmal bedauerte sie die unterkühlte Beziehung, die sie führten. Und es tat ihr ein wenig leid, dass sie hier stand und die Arbeit machte, die Gary als rechtmäßig seine ansah.
„Nein, vielen Dank. Ich bin zum Mittagessen verabredet."
Gary nickte nur und verschwand wieder.
Um die Mittagszeit saß Lia mit Jason zusammen im Tropfenden Kessel.
Er hatte sie eingeladen, als er hörte, dass sie die nächsten Tage in der Winkelgasse verbrachte.
„Sag mal, ist das überhaupt erlaubt, einen Nebenjob zu haben?", erkundigte sich Jason zwischen zwei Bissen von seinem Steak.
„Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Aber ich bekomme ja nicht wirklich Geld dafür, höchstens mal ein bisschen was und das fällt wahrscheinlich unter Schenkung von Verwandten."
Jason schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass du mit Ollivander verwandt bist."
„Und dabei hast du keine Ahnung, wie berühmt er wirklich ist. Unter Zauberstabmachern ist er eine Koryphäe."
„Und? Fragst du dich schon, ob du den Beruf verfehlt hast?"
Lia lachte. „Mein ganzes Leben mit Sägespänen in der Nase in einer düsteren Werkstatt verbringen? Nein, danke. Ich will lieber etwas bewegen."
„Hm... meinst du nicht, dass Zauberstabherstellung wichtig ist? Ich meine, was würden wir ohne unsere Zauberstäbe machen?"
Lia zuckte mit den Schultern. „Stimmt schon, aber ich will einfach näher am Geschehen sein."
„Mehr Nervenkitzel also?"
„Mhm."
Jason betrachtete Lia eine ganze Weile, dass es ihr fast unangenehm wurde. Er hatte nie wieder etwas zu seinen Gefühlen für sie gesagt und sie war ihm dankbar dafür. Aber manchmal sah er sie so an, dass sie es förmlich spüren könnte.
„Triffst du dich in den freien Wochen mit Matt?"
Sie kam sich reichlich albern vor, als sie bei seiner Frage tatsächlich zusammenzuckte.
„Ähm, ich weiß nicht. Er startet ja jetzt richtig in die Arbeit. Denk ich..."
„Denkst du?" Jason hob erstaunt die Brauen. „Ihr habt nicht darüber geredet?"
Nun schmollte sie fast ein bisschen. Das war nun wirklich kein Thema über das sie mit Jason reden wollte.
„Lia, dieser Kerl hat dich einfach nicht verdient."
„Jason..."
„Isst du deinen Nachtisch noch?"
„Pfoten weg!"
An diesem Abend lag Lia eine Weile wach und dachte über Jasons Worte nach.
Schließlich stand sie auf und nahm das Bild vom Kaminsims.
Matt. Der Matt, der auf sie aufpasste, ihr immer das Gefühl gab beschützt zu werden. War dieser Matt verschwunden?
In Gedanken ging sie noch einmal den Abend im Tropfenden Kessel durch.
Und plötzlich fragte sie sich ob Matt wirklich ehrlich gewesen war. Ob er mit seinen Worten irgendetwas hatte erreichen wollen.
Sie wusste es nicht.
Sie sehnte sich noch immer nach dem Matt von damals.
Andererseits kam sie auch ohne ihn klar...oder? Lernte sie nicht gerade auf eigenen Beinen zu stehen? Selbstreflektiert zu sein, ohne Matt zu brauchen, der sie hinterfragte.
„Ich vermisse dich Matt", flüsterte sie. „Aber ich brauche Zeit zum Erwachsenwerden."
Dann stellte sie das Bild zurück und verkroch sich ins Bett.
