Der grosse Mann in seinem blauen Umhang stand auf der mittelalterlichen Zugbrücke, strich seine elegante Wildlederweste glatt und blickte von den dicken Kettensträngen zu dem schweren Eichentor, welches von dem flackernden Fackellicht beleuchtet wurde.

„Seid ihr beim ersten Mal auch hier gelandet?", fragte die Aurorin an seiner Seite.

Scrimgeour schüttelte den Kopf. „Ich bin ins Dorf appariert und er flog mit mir dann bis in den Innenhof." Da er sich nicht weiter über dieses Thema äussern wollte, hob er den Arm und schwang seinen Zauberstab um seinen Patronus über die Mauer, hoch zu den mittleren Schlosstürmen zu schicken.

Auf den fragenden Blick seiner Kollegin meinte er kurz. „Ich habe angeklopft."

Tonks musterte ihn skeptisch, wartete jedoch ab was geschehen würde. Keine fünf Minuten später öffnete sich knarrend die grossen Torflügel und die beiden Auroren betraten den Innenhof.

„Da rüber müssen wir", erklärte Scrimgeour seiner Begleiterin und zeigte auf das Portal welches vom Hof in die Eingangshalle führte. Noch während sie darauf zuschritten, bemerkten sie hinter schwach beleuchteten Fenstern Schatten welche die Ankommenden durch die Scheiben beobachteten. Tonks rückte automatisch näher zu dem gelassen wirkenden Scrimgeour, welcher ihr in dem Moment viel mutiger vorkam.

In der Schlosshalle wurden sie schon von dem Pagen des Fürsten erwartet. Scrimgeour übergab ihm wie selbstverständlich seinen Umhang, während Tonks den edel gekleideten Gentleman anstarrte, welcher aus den Schatten der Säulen trat und auf sie zukam.

„Guten Abend die Herrschaften. Wie ich sehe, haben Sie heute ihre Gattin mitgebracht. Sehr erfreut Sie kennen zu lernen, Misses Scrimgeour", begrüsste sie Valerius mit leichter Verbeugung vor Nymphadora. Die junge Frau reichte dem Fürsten die Hand schüttelte aber gleichzeitig den Kopf. Neben sich hörte sie ein leises Prusten von Scrimgeour, der sich offensichtlich das Lachen verbiss.

Der Page nahm nun auch den Umhang der Lady entgegen. „Nun, junger Herr", wandte Valerius sich an Rufus, der noch immer schmunzelnd in der Halle stand. „Möchten Sie mir mitteilen, was Sie so erheitert?"

Dieser begrüsste nun ebenfalls den Fürsten und klärte dann auf. „Diese junge Dame ist nicht meine Gattin. Darf ich Ihnen vorstellen, Miss Tonks, eine Mitarbeiterin aus meinem Team. Sie wird mich heute etwas unterstützen, wenn es Ihnen recht ist."

Der Hausherr lächelte nun auch über das Missverständnis. „Natürlich, sie dürfen mich beide in meine Privaträume begleiten. Ich denke wir werden im Lauf der Nacht die Recherchen weiterführen und bei mir sind wir ungestört."

Nach einem vielsagenden Blick zu dem dunklen Wandelgang und den Vorhängen zu einem der Nebenzimmer, hinter denen einige Schatten auszumachen waren, geleitete er sie aus der Halle. Die junge Hexe hielt sich meist dicht bei Rufus, ihr ging es genau so wie ihm, als er zum ersten Mal durch die unheimlichen Korridore wanderte. Einmal vermeinte sie eine strahlend weisse Gestalt in einem der Zimmer zu sehen, an dem sie vorbei kam. Tonks liess sich von ihrer Neugierde verleiten, durch die offene Türe zu treten und sich umzusehen. Doch die helle Erscheinung war verschwunden und der Raum wirkte mit seiner kargen Einrichtung nur noch bedrückend traurig. Als sie verunsichert auf den Korridor zurückkehrte, waren die Männer einige Schritte weiter stehen geblieben und sahen zu ihr zurück.
"Tut mir leid ich, dachte ich hätte eine weiss gewandete Person gesehen, muss aber ein Irrtum gewesen sein", entschuldigte sie ihr Zurückbleiben. Ihr Kollege sagte nichts, sondern folgte nur weiter dem Hausherrn, der sie nun zu einer Wendeltreppe und hinauf in einen Turm führte.

„Arundel Castle ist eine der besterhaltenen mittelalterlichen Burgen und hat wie so manches alte Gemäuer seine Hausgeister. Die Weisse Frau, ein Dienstmädchen aus einem früheren Jahrhundert, ist eine von ihnen."

So nahm der Fürst Stellung zu der Beobachtung von Tonks, während er sie immer weiter in den Turm hinauf lotste.

„Sie wollten doch in Ihre Gemächer?", wagte Scrimgeour zu fragen. „Liegen die nicht eher unten?"

Valerius war auf dem obersten Trappenabsatz angekommen und drehte sich erstaunt um. „Wo unten? Und warum sollten meine Gemächer unten liegen?"

Die beiden Auroren sagen sich verlegen an, da war Rufus wohl wieder in ein Fettnäpfchen getreten. „Verzeihen Sie, das wird wohl wieder so ein Klischee sein, das Vampire in Kerkern oder zumindest in Kellergewölben hausen."

Valerius runzelte leicht die Stirn und nickte. „Richtig, ein Vorurteil, das bei näherer Betrachtung jede Grundlage verliert. Vampire waren früher auch Menschen und gewisse Vorlieben aus dieser Zeit, bleiben auch über die Jahrhunderte erhalten. Im Keller schlafen gehört bei mir nicht dazu." Damit öffnete er die Türe, vor der sie standen, bat sie in den mit Kerzen beleuchteten Wohnraum einzutreten und zu dort warten. Das Turmgemach war in zwei Zimmer unterteilt. Das Erste, in dem sie nun standen, war wie ein persönliches Studierzimmer eingerichtet. Vor dem Schreibtisch standen zwei Plüschsessel, die offensichtlich normalerweise beim Fenster vorne platziert waren, wie die Abdrücke auf dem weichen Teppich verrieten. Der angrenzende Raum, in dem László nun verschwand, war wohl sein Schlafzimmer. Tonks wie auch Rufus konnten es sich nicht verkneifen einen kurzen Blick hineinzuwerfen.

Das Bett sah wohl etwas einem Sarg ähnlich, doch unterschied es sich von einem echtem Sarkophag in einigen Teilen gravierend. Die Sargbettstatt war mit etwa 1 Meter Breite und 2 Meter Länge gar nicht beengend. Auch sonst war das Lager mit der Verschalung aus Rosenholz, ausgekleidet mit einer dicken Matratze, samtweichen Polstermatten an den Seiten und Seidenkissen beim Kopfteil sehr bequem und feudal gehalten. Ein Deckel fehlte ganz, stattdessen war über der Ruhestätte des Vampirs ein Gestänge montierte, an dem dicke schwere Vorhänge befestigt waren. Wenn diese sorgfältig um das Bett herum zugezogen wurden, konnte kein Lichtstrahl mehr zu dem liegenden Nachtschwärmer durchdringen.

Das Schlafzimmer des Fürsten befand sich nicht etwa im Keller wie angenommen, nein es lag im Südturm des Schlosses, von wo man eine tolle Aussicht über die Wälder und das Land ringsherum hatte. Nur bei Nacht natürlich, denn tagsüber waren sämtliche Fensterläden geschlossen und mit Filzmatten gegen Lichteinfall abgedichtet.

Ihr Blick hatte doch länger gedauert als nur eine Sekunde, denn plötzlich stand der Fürst mit einigen Büchern auf dem Arm vor ihnen und schloss die Türe zu seinem Schlafgemach.

„Immer diese Neugierde der Sterblichen", meinte er mit einem Seufzen und wies seine Besucher an, doch an dem Schreibtisch Platz zu nehmen. „Mit den Jahrzehnten vergeht das zum grossen Teil und man wird gegenüber vielem gleichmütiger."

Der adlige Mann blickte kurz in die Runde und liess das Thema dann fallen. Alle drei Anwesenden konzentrierten sich nun vielmehr auf die vier dünnen Bücher und der Mappe, die Valerius auf dem Tisch abgelegt hatte. „Tagebuch von Amarillio dem Ersten", konnte der Auror auf einem der Buchrücken knapp entziffern.