Wie immer, das übliche Vorneweg:

Mir nix (oder fast nix), sondern alles JKR. Ich verdiene auch nichts an der Story - leider! *seufz*

Beta: Rose of England vom Helen-Mirren-Forum und meine unvergleichliche Lapislazuli!


Kapitel 10

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

„Kommst du etwa jetzt erst von draußen?", fragte Minerva missbilligend, als Septima hereinkam. „Du solltest nicht mehr so spät alleine draußen herumlaufen."

„Ich war ja nicht alleine", erklärte Septima und streckte ihre klammen Hände dem Kamin entgegen. „Ich hatte sozusagen einen riesigen Begleitschutz."

Minerva sah von ihrem Buch auf und runzelte die Stirn. „Bitte?"

„Ich habe unterwegs Hagrid getroffen und bin eine ganze Weile mit ihm zusammen herumgelaufen. Er hat mich dann auch bis zum Portal zurückeskortiert, mit der Begründung, dass du ihn umbringen würdest, wenn mir etwas passierte", erklärte Septima, wandte sich vom Kaminfeuer ab und ihrer Freundin zu.

„Damit hat er vollkommen recht", konstatierte Minerva trocken und legte ein Lesezeichen in ihr Buch, bevor sie es zuklappte und beiseite legte.

„Was hat Hagrid dir denn so erzählt?", fragte sie dann.

„Aaach, so dies und das", wich Septima aus, immerhin hatte sie Hagrid versprochen, seine Bekenntnisse für sich zu behalten.

„Zum Beispiel?"

Septima überlegte kurz. „Zum Beispiel wie man Acromantula ausbrütet", sagte sie dann.

Minerva sah sie ungläubig an. „Du hast dich die ganze Zeit mit ihm darüber unterhalten, wie man Acromantula ausbrütet?", vergewisserte sie sich.

„Nun, nicht die ganze Zeit, aber doch eine Weile lang. Einmal in Fahrt gekommen, war er kaum noch zu stoppen", seufzte Septima und ließ sich neben Minerva auf das Sofa plumpsen. „Ich habe es nicht übers Herz gebracht, ihn zu unterbrechen, anscheinend findet er sogar sprechende Riesenspinnen äußerst sympathisch."

Septima schnitt eine Grimasse und griff nach Minervas Hand.

„Meine Güte, du hast furchtbar kalte Finger!", rief sie und rieb Septimas Hände zwischen ihren.

Septima lächelte sie an, neigte ihren Kopf und rieb zärtlich ihre Wange gegen Minervas.

„Schon allein dafür lohnen sich kalte Hände", meinte sie mit spitzbübischem Grinsen und sah auf ihre miteinander verschlungenen Hände hinab.

Minerva lachte. „Lass dir das trotzdem nicht zur Gewohnheit werden, meine Liebe. Sonst schenke ich dir zu Weihnachten etwas so vollkommen Unromantisches wie eine Heizdecke."

Septima zog einen Flunsch.

„Pragmatisch wie du bist, würdest du das vermutlich auch wirklich tun", seufzte sie und zog Minervas Hand an ihre Lippen.

###

Die ersten Schulwochen waren wie im Flug vergangen und Minerva und Septima hatten eine gewisse tägliche Routine entwickelt.

Da Minerva darauf bestand, zumindest weitgehendst Dumbledores Bitte um Diskretion zu entsprechen, hielten sie sich ihren Kollegen und ihren Schülern gegenüber sehr bedeckt, was ihre Beziehung anbelangte. Für gewöhnlich erschienen sie zum Frühstück in der Großen Halle etwas zeitversetzt, zum Teil auch deswegen, weil Minerva eine ausgesprochene Frühaufsteherin war, während die Langschläferin Septima das Aufstehen gerne bis zur letzten Sekunde herauszögerte und erst recht spät zum Frühstück erschien.

Sie hatten noch immer getrennte Wohnräume und sie hatten es sich angewöhnt, ihre Nächte abwechselnd mal bei der einen und mal bei der anderen zu verbringen, was dazu führte, dass sie häufig nachts leise durch die Gänge des Schlosses huschten, eine Tatsache, die gerade der geradlinigen Septima schwer aufstieß. Ihr fiel es ohnehin schwer, ihre Gefühle für Minerva nicht allzu offensichtlich werden zu lassen und mitunter beklagte sie sich bitterlich bei Minerva darüber.

„Ich sehe einfach nicht ein, warum ich mich nachts wie eine Diebin zu dir herüber schleichen muss", beschwerte sie sich. „Es ist ja nicht so, als ob wir ein Verbrechen planen würden oder etwas Schlimmes täten!"

Doch in diesem Punkt blieb Minerva unerbittlich: „Du weißt, dass Albus mich in dieser Sache um Diskretion gebeten hat und ich möchte dieser Bitte gerne entsprechen."

„Aber du weißt immer noch nicht, warum, ja? Er macht kryptische Andeutungen, verlangt unsinnige Sachen von dir und hüllt sich ansonsten in mysteriöses Schweigen. Ich wette, er hat dir noch immer nicht mit einer Silbe verraten, wohin er immer verschwindet", hielt Septima ihr vor.

„Nein, das hat er nicht. Das muss er auch gar nicht. Albus wird seine Gründe haben, warum er mir nichts davon erzählt und zu gegebener Zeit werde ich alles erfahren, was ich wissen muss", entgegnete Minerva bestimmt. „Er ist mein ältester und bester Freund und ich vertraue ihm absolut."

„Das ist schön für dich", versetzte Septima heftig, „aber ich komme mir immer furchtbar albern vor, wenn ich aufgrund dieser merkwürdigen Bitte nachts heimlich durch das Schloss schleichen muss, um dich zu sehen. Es fällt mir schwer, dass ich in der Öffentlichkeit nicht deine Hand halten darf und immer aufpassen muss, dass ich mich nicht verplappere. Und er hat dir wirklich nicht gesagt, was er fürchtet? Ich meine, ihr trefft euch jeden Sonntag zum Frühstück, habt ihr das Thema denn nie wieder angesprochen?"

„Nein", erwiderte Minerva schlicht und sah ihre Freundin fest an. „Wenn wir uns sonntags treffen, dann besprechen wir meistens Dinge, die die Schule betreffen, Dinge, die in der kommenden Woche anliegen oder in der vergangenen Woche vorgefallen sind."

„Ihr sprecht den ganzen Morgen nur über Schulsachen?", fragte Septima ungläubig.

„Nun, nicht nur. Mitunter spielen wir auch Schach. Abgesehen von Severus ist Albus der Einzige, der mir darin ebenbürtig ist." Sie lächelte schief. „Und mit Severus komme ich leider nur sehr selten in den Genuss. Eigentlich wird es so langsam mal wieder Zeit, dass ich ihn dazu bringe, eine Partie mit mir zu spielen", fand Minerva.

Immerhin argwöhnte sie, dass Severus Snape einen gewissen Verdacht hegte, was Septima und sie anging, allerdings zog Minerva es vor, ihrer Freundin nichts von ihrem Verdacht zu erzählen.

„Du spielst mit Snape Schach? Das ist ja mal ganz etwas Neues", bemerkte Septima überrascht.

„Leider nicht besonders oft, was ich im Grunde sehr schade finde. Er ist ein ernstzunehmender Gegner und ich finde unsere kleinen Schachduelle immer sehr inspirierend", erklärte Minerva, wobei sie verschwieg, dass es ihr nicht nur um das Schachspiel, sondern auch um das damit verbundene Gespräch ging, das ihr immer einen – zwar nur flüchtigen, aber nichtsdestotrotz informativen - Einblick in Severus Gedankenwelt erlaubt hatte. Zwar zeigte sich Severus auch hier immer recht wortkarg und ausgesprochen bissig, aber Minerva hatte in den vergangenen Jahren durchaus gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen und die unausgesprochenen Worte zu erahnen.

Gerade jetzt hätte sie sich brennend dafür interessiert, sich mit Severus unter diesem Vorwand zu treffen, schon allein, um herauszufinden, ob ihr Verdacht begründet war.

Sie schob ihre Gedanken beiseite und sah Septima forschend an.

„Was hast du am Samstagabend geplant? Schon irgendetwas Bestimmtes vor?", fragte sie.

Septima schnitt eine Grimasse und nickte. „Ich habe – wieder einmal – Nachsitzen verhängt."

„Weswegen diesmal?"

„Wegen nicht gemachter Hausaufgaben und einer grottenschlechten Ausrede dazu."

„Wer war es?"

"Das würde ich lieber für mich behalten", entgegnete Septima augenzwinkernd.

Minerva verstand.

„Es war also ein Gryffindor", bemerkte sie trocken, „und du befürchtest, dass ich demjenigen den Kopf abreißen werde."

„Na, so in der Richtung."

„Wie lautete die Ausrede?", erkundigte Minerva sich nun neugierig.

Septima grinste.

„Er konnte seinen Aufsatz nicht schreiben, weil er versucht hatte, die durchschnittliche Landegeschwindigkeit einer unbeladenen Posteule zu ermitteln und deswegen keine Zeit gefunden hatte."

Minerva hob die Brauen und sah Septima an.

„Das ist nicht dein Ernst?"

„Doch, mein vollster Ernst. Der betreffende Schüler wird seinen Aufsatz also am Samstagabend in meiner Gegenwart nacharbeiten müssen und außerdem fünfzig Mal schreiben: ‚Die durchschnittliche Landegeschwindigkeit einer unbeladenen Posteule ist nicht relevant für meine Arithmantikaufgaben.' Das Highlight eines jeden Wochenendes."

„Ich glaube, ich weiß, wer das gewesen sein könnte."

„Vergiss es! ich werde nichts sagen! Aber Miss Granger hat in den letzten Jahren viel von dir gelernt", wich Septima dann aus.

„Inwiefern?"

„Der Blick, der sie dem Übeltäter zuwarf, erinnerte mich fatal an deinen Gesichtsausdruck, wenn du einen Schüler nach allen Regeln der Kunst zusammenstauchst."

„Du machst Witze!"

„Ganz und gar nicht. Umgang färbt eben doch ab."

„Du wirst also den ganzen Abend beschäftigt sein?"

„Ich befürchte es. Hattest du einen besonderen Grund, mich zu fragen?"

„Nein, im Grunde nicht. Aber wenn du ohnehin keine Zeit erübrigen kannst, dann werde ich mal mein Glück bei Severus versuchen. Vielleicht erbarmt er sich meiner und lässt sich zu einer Partie Schach überreden."

„Was ist mit Albus? Wäre es nicht einfacher, wenn du ihn danach fragen würdest?"

„Er ist nicht da."

„Wo will er denn nun schon wieder hin?"'

„Ich habe nicht den leisesten Hauch einer Ahnung", erwiderte Minerva. „Er hat es mir nicht erzählt und ich habe ihn auch nicht danach gefragt."

Septima sah sie ernsthaft an. „Weißt du, einerseits finde ich deine unbedingte Loyalität und dein bedingungsloses Vertrauen zu Albus ja irgendwie niedlich, andererseits hingegen besorgt es mich."

Minervas Augenbrauen wanderten nach oben. „So?", bemerkte sie etwas spitz.

„Ja. Es macht mich mitunter rasend, dass du für nichts, aber auch gar nichts eine Erklärung einforderst! Angenommen, es passiert etwas und du müsstest ihn erreichen können oder mal andersherum, ihm passierte etwas, was würdest du tun? So ganz ohne jeglichen Anhaltspunkt, so ganz ohne den Hauch einer Ahnung, was gerade vor sich geht."

„Was dein erstes Szenario angeht, bin ich mir sicher, dass ich die Schule auch eine Weile ohne ihn führen könnte, ohne dass es zu einer mittelschweren Katastrophe kommt und was dein zweites Szenario anbelangt, so ist Albus einer der größten Magier der Gegenwart und ich bin mir sicher, dass er sehr gut auf sich selber aufpassen kann", entgegnete Minerva bestimmt, aber mit einem leicht gekränkten Unterton in der Stimme.

Septima ergriff ihre Hand.

„Ich wollte dir damit nicht unterstellen, dass du außerstande seiest, die Schule zu führen und ich wollte auch ganz sicher nicht Albus bei dir in Misskredit bringen. Ich mache mir doch auch einfach nur meine Gedanken. Ich meine, es gibt Dinge, die schief gehen können, besonders jetzt, wo Du-weißt-schon-wer wieder zurück ist. Und irgendetwas ist ganz sicher furchtbar schief gegangen, wenn ich an Albus Hand denke. Das muss ein ziemlich übler Fluch gewesen sein, ansonsten wäre doch alles wieder verheilt." Sie sah ihre Partnerin eindringlich an. „Mir gefallen beide Szenarien nicht, ich möchte nicht, dass du dich alleine mit irgendeiner schwerwiegenden Sache herumschlagen musst und vor allem möchte ich nicht, dass du wegen Albus Kummer hast. Und wenn etwas schief geht, wobei auch immer", sie verdrehte vielsagend die Augen, „dann wirst du sicher Kummer haben. Und davor würde ich dich gerne bewahren, wenn ich könnte."

„Das ist lieb gemeint und lieb gedacht, aber vollkommen unnötig", entgegnete Minerva, nun schon ein wenig milder gestimmt. „Dennoch werde ich ihn nicht mit unnützen Fragen löchern. Wenn ich etwas erfahren muss, dann wird er es mir zu gegebener Zeit mitteilen."

Septima sah sie immer noch zweifelnd an. „Na, wenn du meinst…"

„Ich meine. Und ich wäre dir sehr verbunden, wenn wir nun dieses unerquickliche Thema fallen ließen, wir kommen ja doch auf keinen Nenner damit."

„Na schön", seufzte Septima resigniert.

„Und nun sag schon, welcher meiner Schüler sich eine derart merkwürdige Ausrede hat einfallen lassen! Und mit Miss Granger werde ich bei Gelegenheit mal ein Wörtchen reden müssen. Nachahmen der Hauslehrerin, das verstößt doch ganz sicher gegen irgendeine Schulregel!"

# # #

Im Laufe der Woche schaffte es Minerva dann tatsächlich, Severus auf dem Flur abzupassen und auf eine Schachpartie für den Samstagabend festzunageln.

„Natürlich nur, wenn Sie nicht gerade wieder irgendeinem armen Schüler Nachsitzen aufgebrummt haben", bemerkte sie abschließend scherzhaft.

„Noch nicht", erwiderte er, „aber heute Nachmittag habe ich die zweifelhafte Ehre, Ihre Schüler zu unterrichten. Vielleicht tun Potter und Weasley mir ja diesen kleinen Gefallen."

„Unterstehen Sie sich, Severus!", brauste Minerva auf, bevor sie das kaum wahrnehmbare Lächeln bemerkte, das an seinen Mundwinkeln zupfte und sie es ihrerseits wesentlich deutlicher sichtbar erwiderte.

„Beinahe hätten Sie mich hereingelegt. Aber nur beinahe!"

„Dann begnüge ich mich für diesmal mit einem Beinahe-Triumph", konterte er ölig. „Aber ich warne Sie, am Samstagabend werde ich Ihnen nichts schenken!"

„Das mag ich gerade so an Ihnen, Severus. Sie sind ein ernstzunehmender Gegner."

„Vielleicht ernstzunehmender, als Sie es sich je vorstellen könnten. Ich sehe Sie dann übermorgen um acht in meine Räumen."

Er schenkte ihr noch einen beunruhigenden Blick aus seinen nachtschwarzen Augen, bevor er sie verdattert auf dem Korridor stehen ließ.

###

Pünktlich um acht Uhr abends erschien Minerva im Kerker, unter ihrer Robe gut verborgen eine Flasche Glenfiddich. Snape hatte sie schon erwartet und öffnete die Tür bereits, als sie noch die Hand zum Anklopfen ausstreckte.

„Meine Güte, Severus, müssen Sie mich denn so erschrecken!", fauchte sie und rauschte an ihm vorbei in sein Wohnzimmer, wo er auf dem Tisch schon das Schachspiel aufgebaut hatte.

Entgegen aller kursierenden Behauptungen hatte Snape sein Wohnzimmer durchaus wohnlich und gemütlich eingerichtet und allen Gerüchten zum trotz herrschten auch nicht die Farben Grün, Silber und Schwarz vor. Im Gegenteil, er bevorzugte warme Brauntöne wie Umbra, Ocker, Terrakotta und Kastanie, die seinem Wohnraum etwas Gemütliches und Anheimelndes gaben.

‚Und wenn es einen Menschen gibt, der einen behaglichen Zufluchtsort braucht, dann ist es Severus', dachte Minerva, so wie jedes Mal, wenn sie sich in seinem Wohnzimmer wieder fand. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, dass seine ohnehin schon nicht kleine Bibliothek seit ihrem letzten Besuch beträchtlich angewachsen war.

„Ich sehe, Sie haben einige interessante neue Exemplare erwerben können", bemerkte Minerva und deutete mit dem Kopf auf die gigantische Bücherwand.

Severus nickte und machte eine eher zögerliche Armbewegung in die entsprechende Richtung. „Wenn Sie sich die Bücher ansehen möchten, dann bitte."

Minerva unterdrückte ein Lächeln, als sie den nur schlecht verhohlenen Stolz in seiner Stimme bemerkte. Achtlos stellte sie die Whiskyflasche auf den Tisch und ging zur Bücherwand herüber und überprüfte eingehend die neuen Bestände. Ein besonders schäbig aussehender Foliant zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Behutsam zog sie ihn aus dem Regal und drehte sich fassungslos zu Severus um.

„Ist es das, für das ich es halte?"

Severus nickte und erwiderte: „Ja, das ist es. Eine detailgenaue Abschrift der Naturlehre des Aristoteles aus dem 12. Jahrhundert."

Diesmal war mehr als nur ein Hauch von Stolz in seiner Stimme zu vernehmen.

Minerva zeigte sich angemessen beeindruckt.

„Meine Güte, wie sind Sie denn nur daran gekommen? Das scheint ja schon beinahe unmöglich!"

„Ich habe auch sehr lange danach gesucht. Aber im letzten Sommer bin ich fündig geworden, ausgerechnet in Ägypten, stellen Sie sich das mal vor!"

Er nahm Minerva das so kostbare Buch aus den Händen und strich schon beinahe liebevoll über den ramponierten Einband.

„Natürlich ist das Buch im Laufe der Jahrhunderte weitergereicht worden und der Einband ist natürlich auch nicht original, aber dennoch. Es ist ein außergewöhnliches Stück."

„Das will ich wohl meinen", erwiderte Minerva und wandte sich wieder Severus beeindruckender Sammlung zu. Ein feines Lächeln schlich sich über ihr Gesicht.

„Stolz und Vorurteil? Severus, ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie so etwas lesen? Haben Sie mir nicht noch im letzten Jahr gesagt – ich zitierte ‚Ein solches Zeug ist Weiberkram'? Und was finde ich nun?", zog sie ihn auf.
„Das ist alleine Ihre Schuld, Minerva. Sie haben mir damit so lange in den Ohren gelegen, dass ich mir nun doch das eine oder andere Exemplar angeschafft habe. Wollten Sie nun Schachspielen oder nicht?", grummelte er, um vom Thema abzulenken.

Minerva verbiss sich ein weiteres amüsiertes Lächeln.
„Ja, natürlich." Sie nahm auf dem Sofa vor dem Schachbrett Platz.

„Ich habe uns übrigens etwas mitgebracht, ich dachte, Sie würden einen guten Tropfen ebenfalls zu schätzen wissen."

Severus hob spöttisch die Augenbrauen. „Das wird Ihnen auch nichts nützen, wenn Sie genauso lausig spielen wie das letzte Mal."

„Sie haben wohl nicht mehr alle Kerzen im Leuchter! Lausig gespielt?! Sie haben die Regeln zurechtgebogen und sind zu feige, es zuzugeben."

„Das habe ich nicht nötig, Verehrteste", bemerkte er von oben herab und ließ mit einem Schlenker des Zauberstabes zwei Gläser erscheinen, in die er dann den Whisky einschenkte. Dann drehte er das Schachbrett so, dass die weißen Figuren vor Minerva standen.

„Weiß zieht zuerst. In Anbetracht Ihrer Niederlage vom letzten Mal bin ich gewillt, Sie anfangen zu lassen."

Minerva warf ihm einen schrägen Blick zu, bevor sie die erste Figur zog.
Severus schnalzte missbilligend mit der Zunge.

„Was?!"

„Sie beginnen noch immer mit dem gleichen Zug, der gleichen Taktik. Merlin sei Dank dass Sie keine Truppen in einem Gefecht führen müssen. Sie würden niedergemäht bis auf den letzten Mann. Sie müssen den Gegner überraschen, ihn verwirren."

Severus machte nun seinen Zug und ein paar Minuten verstrichen in tiefem Schweigen, nur hin und wieder unterbrochen vom Geräusch der klingelnden Eiswürfel in einem ihrer Gläser.

„Es wundert mich nur, dass Ihr kleiner Zerberus heute Abend auf Sie verzichten kann", brach Severus dann das Schweigen.

Minerva hob ruckartig den Kopf.

„Was meinen Sie denn damit?", konterte sie schärfer als beabsichtigt.

„Ich meine Ihre Freundin Septima, die Sie neuerdings kaum noch aus den Augen lässt. Wo haben Sie sie denn heute Abend hingeschickt, damit Sie Ausgang bekommen?"

„Severus, ich muss doch sehr bitten! Ich kann gehen, wann, wohin und mit wem ich will und muss niemanden danach fragen. Und was soll das heißen, ich habe meinen Zerberus irgendwohin geschickt? Können Sie sich nicht klarer ausdrücken?"

„Ich könnte, sicherlich. Aber wie kommen Sie darauf, dass ich das auch möchte?", antwortete er gelassen und schlug Minervas Turm.

„Sie scheinheiliger Mistkerl! Darauf hatten Sie es also abgesehen?"

„Natürlich. Und es hat wunderbar funktioniert", erwiderte er ungerührt. „Sie sind am Zug."

Er trank einen Schluck von seinem Whisky, ohne Minerva dabei aus den Augen zu lassen und beobachtete innerlich frohlockend, wie sie ihren nächsten Zug überlegte. Anscheinend hatte er mit seiner Vermutung mehr als nur ins Schwarze getroffen, ihrer Reaktion nach zu urteilen. Minerva konnte zwar den Mund halten, aber sie war eine lausige Lügnerin.

„Was hat Vector denn heute Abend nun wirklich vor, dass Sie Zeit erübrigen konnten", setzte er nach.

„Nachsitzen", erwiderte sie knapp und setzte ihren Springer.

„Jemand aus Ihrem Haus?", erkundigte Severus sich angelegentlich. „Dann wundert es mich aber, dass bei Ihnen nicht der Haussegen schief hängt."

Minerva warf ihm einen vernichtenden Blick zu und ignorierte seine Frage ansonsten.

„Sie sind am Zug, die Zeit läuft."

Severus setzte seinen Bischof, ohne näher hinzusehen und fixierte seine Gegnerin.
„Weshalb hat sie denn das Nachsitzen verhängt?"

„Einer der Schüler kam ohne seinen Aufsatz in ihre Stunde und entschuldigte sich mit der Ausrede, er hätte seinen Aufsatz nicht schreiben können, weil er versucht hatte, die durchschnittliche Landegeschwindigkeit einer unbeladenen Posteule zu ermitteln und deswegen keine Zeit gefunden hatte. Der Aufsatz wird dann heute Abend geschrieben und außerdem fünfzig Mal der Satz: ‚Die durchschnittliche Landegeschwindigkeit einer unbeladenen Posteule ist nicht relevant für meine Arithmantikaufgaben'."

Ein schwaches Grinsen flackerte um Severus Mundwinkel.

„Warum lachen Sie jetzt?", wollte Minerva wissen.

„Ich entsinne mich an eine ähnliche Strafarbeit, die ich damals bei Ihnen absitzen musste. Mein Satz lautete allerdings: ‚Es ist eine schlechte Idee, Professor McGonagall zu sagen, dass sie sich selbst zu ernst nimmt' und ich musste es hundert Mal schreiben. Sagen Sie nur nicht, das haben Sie vergessen!"

„Doch, das hatte ich", gab Minerva zu und grinste. „Anscheinend ist dieser ganze Vorfall aus meinem Gedächtnis verschwunden. Was hatten Sie damals angestellt?"

„Ich hatte mich wie üblich mit einem der Rumtreiber in der Wolle und Sie kamen dazu. Sie trennten uns und hielten vor allem mir eine gehörige Standpauke, was ich ausgesprochen unfair fand, da ich diese Auseinandersetzung nicht angezettelt hatte. Im Verlauf dieser Standpauke ist mir irgendwann der Kragen geplatzt und ich habe Ihnen gesagt, Sie sollten sich nicht immer so wichtig nehmen oder so ähnlich. Den nächsten Abend habe ich in Ihrem Büro verbracht, wo ich hundert Mal diesen Mist schreiben musste – unter anderem."

„Und vermutlich hassen Sie mich dafür bis heute", erwiderte Minerva trocken und hob nun auch ihr Glas.

„Auf unbezahlbare Erinnerungen!" toastete sie und warf Snape einen Blick zu, den dieser nicht so ohne weiteres enträtseln konnte, was ihn ein wenig irritierte.

„Wann müssen Sie denn wieder Zuhause sein?", fragte er schließlich, um das Grinsen von McGonagalls Gesicht zu wischen, was ihm auch gründlich gelang, wie er innerlich feixend feststellte.

„Was heißt, wann ich Zuhause sein muss? Würden Sie mir möglicherweise endlich mitteilen, worauf Sie heute Abend mit dieser idiotischen Fragerei hinauswollen", erwiderte Minerva nun etwas gereizt.

Snape zog die Augenbrauen so hoch, dass sie beinahe auf seinen Haaransatz trafen. „Ich dachte lediglich, dass eine Frau in Ihrem Alter Ruhe braucht und Sie beizeiten zu Bett gehen müssten", stichelte er.

Minerva warf ihm einen so frostigen Blick zu, dass er schon halb erwartete, Eiszapfen von der Zimmerdecke hängen zu sehen.

„Das, Severus, war weit unter Ihrer Würde", bemerkte sie dann missbilligend. „Sind Ihnen die Boshaftigkeiten ausgegangen, dass Sie sich auf ein so niveauloses Terrain begeben müssen?"

„Nun gut, ich entschuldige mich für die Anspielung auf Ihr Alter", räumte er zähneknirschend ein und bewegte eine Figur.

Minerva bemerkte es.

„Ha! Sie schummeln!"

„Mitnichten. Ich war am Zug.", erwiderte er seelenruhig führte seine kleine Rochade durch. Dann warf er Minerva einen herausfordernden Blick zu. „Matt in drei Zügen."

Minerva betrachtete aufmerksam das Spielbrett und zuckte die Achseln.

„Ich sehe nicht, wie Sie das bewerkstelligen wollen."

„Dann passen Sie auf!" Behände schob er seine Figuren über das Brett und Minerva sah ihm kopfschüttelnd zu.

„Verdammt, Sie haben schon wieder gewonnen!", murrte sie. „Ich sollte wirklich nicht mehr mit Ihnen spielen, das ist geradezu demoralisierend."

„Ich sagte doch, Sie müssen sich eine neue Eröffnungsstrategie einfallen lassen. Sie sind zu durchschaubar, Minerva. Nicht nur beim Schachspiel."

Er warf ihr einen Blick aus seinen dunklen Augen zu, der sie nachdenklich stimmte. Sie fragte sich, worauf genau er nun anspielte.

„Worauf spielen Sie denn nun wirklich an, Severus? Den ganzen Abend verstecken Sie sich hinter kryptischen Bemerkungen. Dergleichen bin ich von Albus gewöhnt, aber nicht von Ihnen."

„Sie versuchen, sich zu verstecken, Minerva, aber es gelingt Ihnen nicht. Sie können zwar den Mund halten, aber Sie sind eine grottenschlechte Lügnerin."

Immer noch irritiert sah sie ihn an.

„Wenn Sie etwas von mir wissen wollen, warum fragen Sie mich dann nicht einfach?"

„Wo bliebe denn da mein Vergnügen? Nein, Minerva, ich ziehe es vor, Sie weiterhin mit kryptischen Andeutungen in die Enge zu treiben und aus Ihren Reaktionen zu schlussfolgern."

„Und was schlussfolgern Sie?"

„Dass Sie mir keine Antwort geben würden, wenn ich Sie fragen würde", war die mehr als unbefriedigende Antwort, die sie von ihm erhielt.

Mit einem frustriertem Seufzer sah sie auf die Uhr und stellte erstaunt fest, wie spät es schon war.

„Ich sollte wohl besser gehen. Alte Frauen wie ich sollten zeitig zu Bett gehen", bemerkte sie mit mehr als nur einer Andeutung von Ironie in der Stimme.

Severus schaute ebenfalls nach der Uhrzeit.

„Ich hatte gar nicht bemerkt, wie spät es geworden ist", bemerkte er. „Stimmt, Schlafenszeit für alte Damen", frozzelte er und erhob sich, um Minerva bis zu Tür zu begleiten.

„Ich hoffe nur, dass Ihnen schon jemand das Bett vorgewärmt hat. Es ist empfindlich kühl geworden."

„Oh, ich denke schon, dass die Hauselfen mir eine Wärmflasche hineingelegt haben", ließ sie seine zweideutige Bemerkung von sich abprallen und freute sich insgeheim über seinen säuerlichen Gesichtsausdruck.

„Es war ein", sie stockte kurz, „interessanter Abend, Severus. Vielen Dank."

Als Antwort neigte er leicht den Kopf und sah ihr nach, als sie würdevoll den halbdunklen Gang durch die Kerker entlangrauschte, bevor er seine Tür schloss.

Zwar hatte McGonagall es weder bestritten noch zugegeben, aber dennochwar Severus sich nun mehr als nur sicher, dass es zwischen McGonagall und Vector mehr gab als nur eine einfache Freundschaft.

TBC