10.
„Und? Startklar?", fragte Lisa gut gelaunt in das Büro ihres Kollegen hinein. „Aber immer doch." Gestiefelt und gespornt saß Rokko an seinem Schreibtisch. Ein paar Mal schon hatte er in Lisas Büro gehen wollen, um zu erfahren, wann es denn endlich losging, aber er hatte sich jedes Mal im letzten Moment bremsen können. „Dann lassen Sie uns gehen", forderte Lisa ihn lächelnd auf. Sie staunte nicht schlecht, wie schnell Rokko aufsprang und zu ihr herübereilte. „Die nächste S-Bahn fährt in zehn Minuten", verkündete er. „Wenn wir uns beeilen…" – „Die schaffen wir problemlos", beruhigte Lisa ihn amüsiert.
„Wir müssten aber einen kleinen Umweg zu mir nach Hause machen… wegen der Schlafsäcke und so", brachte Lisa während der Bahnfahrt nach Göberitz entschuldigend hervor. „Kein Problem. Daran hätte ich auch selbst denken können – einen Schlafsack, meine ich. So was gibt's bei mir Zuhause ja auch. Ist schon ewig her, dass ich mal in einem übernachtet habe", überspielte Rokko seine Aufregung. In den vergangenen Tagen hatte er viel recherchiert und wusste nun genau, welche Zimmer im Gutshaus er genau unter die Lupe nehmen wollte. Lisa setzte zu einer Antwort an, als ihr Handy klingelte. „Oh, Entschuldigung. Diesen einen Anruf nehme ich noch an, danach gehört das Wochenende ganz Ihnen, versprochen", errötete Lisa, bevor sie sich meldete.
„Professor Wolf!", freute Lisa sich sichtlich über den Anruf. „Ja, Herr Kowalski und ich sind gerade auf dem Weg ins Gutshaus." Rokko versucht in ihrem Gesicht zu lesen, ob der Professor gute oder schlechte Nachrichten hatte, doch er schaffte es nicht, etwas in Lisas Grinsen hineinzuinterpretieren. „Das ist ja ulkig – und ich hätte dieses Gekritzel fast als belanglos in den Papierkorb befördert", staunte sie. „Naja, wie gesagt, Herr Kowalski und ich sind auf dem Weg nach Göberitz, heute wird das also nichts mehr. Ich könnte aber gleich Montagmorgen vorbeikommen. Wo sagten Sie, soll das sein? … In der Pathologie der Uniklinik. Verstanden… Ja, so könnten wir das natürlich auch machen. … Gut, dann komme ich erst in Ihr Büro und Sie bringen mich dann dorthin. … Ja, Ihnen auch ein schönes Wochenende. … Ja, Sie erfahren es zuerst, wenn Herr Kowalski oder ich etwas Interessantes entdecken sollten. … Ja, bis Montag. Vielen Dank für den Anruf."
„Und? Was wollte er?", versuchte Rokko möglichst beiläufig zu fragen. „Das glauben Sie mir sowieso nicht", kicherte Lisa. „Kommt auf einen Versuch an", provozierte Rokko sie. „Es ist so: In dem Nachlass meiner Uroma war ein Heft, das von vorne geblättert das Haushaltsbuch von 1968 ist. Ich wollte es schon in den Müll befördern, konnte mich aber vor lauter Sentimentalität nicht davon trennen. Naja, und während ich nach einem Platz gesucht habe, wo es denn am besten hinpasst, ist es mir runtergefallen und dabei aufgeklappt, verstehen Sie?" – „Ja, gerade so", grinste Rokko. „Jedenfalls, von hinten aufgeschlagen hatte meine Uroma da auch was notiert – eine Art Familienstammbaum, der zurück in die Jungsteinzeit reicht. Okay, das ist jetzt übertrieben, aber er geht schon ziemlich weit zurück in die Vergangenheit – quasi bis zur Entstehungszeit des Gutshauses." – „Und?", fragte Rokko hellhörig. „Ich habe dem Professor von diesem Buch erzählt, als wir neulich telefoniert haben. Er wollte es auf Authentizität prüfen." – „Und? Lassen Sie sich doch nicht alles einzeln aus der Nase ziehen", flehte Rokko seine Chefin an. „Vor Ihnen sitzt möglicherweise eine Prinzessin", lachte Lisa. „Ähm, ja…", kommentierte Rokko. „Ui, Sie sind echt nicht leicht zu beeindrucken", scherzte Lisa ausgelassen. „Ja… nee… eigentlich nicht… oder doch… kommt darauf an… Aber irgendwie überrascht mich das nicht – Sie sehen ja immerhin aus wie…" – „Wie?", hakte Lisa nach. „Naja, Sie haben so etwas Majestätisches, wenn Sie durch die Firma schreiten", grinste Rokko mit einem Mal. „Aber wieso müssen Sie deswegen in die Pathologie?" – „Soweit ich den Professor verstanden habe, geht der Stammbaum, den meine Uroma gezeichnet hat, auf die Tiefenthal-Grafenwalds zurück und bei denen gibt es zwei Linien: Eine, die mit dem mysteriösen Verschwinden einer Elisabeth Margareta endet und eine, die mit deren Halbbruder beziehungsweise seinen Töchtern und Enkelinnen weitergeht. Von diesem Halbbruder, Brunhold, hat der Professor DNA-Material. Und um das mit meinem vergleichen zu können, soll ich Montag in die Pathologie kommen, die rauben mir ein paar Zellen und gucken, ob ich irgendwie mit diesem Brunhold verwandt sein könnte." – „Finden Sie es nicht reichlich… merkwürdig, dass Sie Elisabeth heißen und Ihr Halbbruder Bruno – genau wie dieses Halbgeschwisterpaar damals?", wollte Rokko wissen. „Ehrlich gesagt, habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Ist bestimmt nur ein Zufall. Ich meine…" – „Nächster Halt: Göberitz", wurde Lisa unterbrochen.
„Also, es funktioniert soweit alles einigermaßen. Heizen müsster mit'm Kamin. Klo müsster mit'nem Eimer nachspülen. Duschen jeht jar nich. Strom nur mit'm Notstromaggregat. Schnattchen, ick hab dir jezeicht, wie dis jeht. Damit könnter so'n bisschen Licht machen, aber immer nur een Zimmer, ja? Is anjeklemmt in dem jroßen, dis mit'm Kamin. Ansonsten hab ick euch hier zwee Taschenlampen injepackt und noch mal Decken, falls es kalt wird. Heizen kannste?", wandte Bernd sich plötzlich an Rokko. „Ob ich ein Feuer im Kamin ankriege? Sicher. Ich war mal bei den Pfadfindern." – „Pfadfinder", wiederholte Bernd kritisch. „Is wohl besser, wenn ick dir dis noch mal erkläre." – „Papa, bitte, wir schaffen das schon", drängte Lisa zum Aufbruch. „Wat hasten da, Schnatti?", wollte Bernd auf Lisas Umhängetasche deutend wissen. „Dissen Trage-Computer, ick fass es nich! Willste etwa arbeiten? Musste aber mit'm Akku machen. Ob dis Notstromaggregat dis mitmacht…" – „Aber Herr Plenske, so viel Strom nimmt ein Laptop doch gar nicht." – „Und arbeiten will ich damit auch nicht", ergriff Lisa wieder das Wort. „Ich dachte nur, wenn ich die Kamera mitnehme, können wir uns gleich mal die Bilder ansehen." – „Ich würde dann vorschlagen, wir nehmen meinen Laptop mit", bot Rokko auf seine eigene Tasche deutend an. „Da sind auch ein paar Filme drauf, falls uns langweilig wird." – „Filme?", wurde Lisa hellhörig. „Was denn für Filme?" – „Ach, ‚Die Brücken am Fluss', ‚Magnolien aus Stahl'… Irgendeine Dracula-Verfilmung. Ich weiß es gar nicht so genau. Ach ja, und ‚Brokeback Mountain' – den habe ich ganz neu, hab ihn aber noch nicht angesehen." – „Is dis nich der mit disse schwulen Cowboys?" – „Papa, bitte." – „Ja, das ist er. Haben Sie ein Problem mit Schwulen?", wandte Rokko sich an Lisa. „Nein, nein, ganz im Gegenteil. Darüber können wir ja auch gleich mal reden, wenn wir dann endlich im Gutshaus sind." – „Ick könnte euch fahren", bot Bernd an. „Ach was", lachte Lisa. „Die paar Schritte werden uns gut tun, nicht wahr, Herr Kowalski?" – „Kommter morgen zum Frühstück vorbei?" – „Papa, bitte. Du machst einen Aufstand wie damals, als ich bei Yvonne übernachten wollte – mit 17 wohlgemerkt." – „Ja, aber…", wollte Bernd etwas einwerfen. „Kommen Sie", hakte Lisa sich bei Rokko unter. „Wir gehen schon mal, während er noch nach einem guten Argument sucht."
„Und, schon etwas Spannendes entdeckt?", zog Lisa Rokko auf, als dieser einige Stunden später aus dem oberen Stockwerk in das Zimmer kam, in dem die Beiden gemeinsam übernachten sollten. „Leider nicht", seufzte er. „Und Sie? Was machen Sie da Schönes?" – „Oh, ich kann zaubern: Ich kann komplett verbrannte Wurst machen, die innen noch eisekalt ist. Wollen Sie eine?", lachte Lisa und hielt ihrem Kollegen eine auf einen Stock aufgespießte Wurst hin. „Außen verbrannt und innen noch kalt? So habe ich sie am liebsten", amüsierte Rokko sich, bevor er sein Abendessen entgegennahm. „Ein Problem gibt es da aber", druckste Lisa herum. „Was denn?" – „Die eine von den Luftmatratzen hält die Luft nicht." – „Die große oder die kleine?" – „Die kleine." – „Hm", täuschte Rokko vor, angestrengt nachzudenken. „Also, so wie ich das sehe, passen wir gemeinsam auf diese eine Matratze. Wenn es Prinzessin Lisa also nichts ausmacht…" Rokko wollte noch etwas hinzufügen, als Lisa ihm auch schon ein kleines Kissen an den Kopf schlug. „War ja klar, dass von Ihnen nur so ein Kommentar kommen kann. Die Frage ist ja auch eher, ob Ihnen das etwas ausmacht, sich mit mir ein Bett zu teilen – nicht, dass Sie deswegen Schwierigkeiten Zuhause kriegen…" – „Mit wem denn? Mit dem dort residierenden Poltergeist? Wohl kaum."
„Rokko! Rokko!", flüsterte eine aufgeregte Frauenstimme. „Was ist?", grummelte dieser verschlafen. „Das Feuer geht aus", informierte Alma ihn. „Und?" – „Es wird schrecklich kalt, wenn er nicht sofort Holz nachlegt." – „Schon gut, schon gut", wälzte Rokko sich ächzend von der Luftmatratze. „War er schon im Keller?" – „Bitte?", bat Rokko Alma um eine Wiederholung. „War er schon im Keller des Gutshauses?" – „Nee, was soll ich denn da?" – „Nach mir suchen, vielleicht?", echauffierte sich die Frau im Spiegel. „Nach dir suchen. Na sicher, was auch sonst?", murmelte Rokko, während er Holz in das fast schon erloschene Feuer steckte. „Jetzt gleich?", fragte er entsetzt, als er Almas auffordernden Gesichtsausdruck sah. „Ja, wann, wenn nicht jetzt? Er wird nicht ewig in diesem Haus sein." – „Das ist natürlich ein Argument. Ich wüsste auch nicht, was ich lieber täte, als mitten in der Nacht durch einen dunklen Keller zu laufen." – „Na dann, auf auf." Rokkos Gesicht verzog sich, als er merkte, wie laut das Geräusch war, das der Reißverschluss seines Schlafsackes machte. „Pst, er wird die Kaiserin wecken", meckerte Alma auch sogleich. „Vielleicht liegst du mit deiner Sicht gar nicht so falsch. Hast du gehört, was sie in der S-Bahn erzählt hat?" – „Ja, sie könnte ein Nachfahre von mir und meinem Konrad sein oder von Bruno", lächelte Alma plötzlich. „Kannst du sie mir einmal zeigen? Sie schläft doch jetzt und…" Rokko lächelte kurz, bevor er den Spiegel auf Lisa richtete. „Sie sieht aus wie ich", staunte Alma. „Das stimmt. Sie sieht dir ähnlich. Sie ist wirklich süß", gestand Rokko mit verträumten Blick auf Lisa. „Und sie schläft wie ich – auf dem Bauch", fügte Alma hinzu.
„Wo will er denn jetzt hin?" – „Zurück in meinen Schlafsack. Alma, hier im Keller ist nichts ungewöhnlich. Die Wände sind ein bisschen schief. Das liegt wohl daran, dass ihr Leutchen im Mittelalter noch keine Wasserwaagen hattet", erklärte Rokko, wobei er versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass es ihn ärgerte, dass auch seine Suche im Keller erfolglos geblieben war. „Aber wenn es später hell ist, dann sieht er sich doch die schiefen Wände noch einmal an, oder?", fragte Alma hoffnungsvoll. „Auch wenn das vermutlich nicht viel bringen wird", entgegnete Rokko die Treppen hinaufsteigend. „Wenn es dir so viel bedeutet, sehe ich mir die Wände später noch einmal an, okay?" Der Schein der Taschenlampe ließ das große Zimmer unheimlich wirken – zumindest fand Rokko das plötzlich. „Oh nein", murmelte er, als er sah, dass Lisa seine Abwesenheit genutzt hatte, um sich auf der Luftmatratze auszubreiten. „Jetzt muss er auf dem Fußboden schlafen", stellte Alma fest. „Soweit kommt es noch", lachte Rokko, während er in seinen Schlafsack stieg. Umständlich legte er erst seine Beine auf die Luftmatratze, bevor er seinen Körper unter Lisas schob. „Und nachher lasse ich sie glauben, sie sei mir auf die Pelle gerückt", grinste er in die Dunkelheit des Zimmers hinein.
„Guten Morgen, Herr Kowalski", weckte Lisa Rokko einige Stunden später. „Was haben Sie denn da?", wollte dieser auf eine Papiertüte in den Händen seiner Chefin deutend wissen. „Schokocroissants. Ich hoffe, Sie mögen die." – „Dafür würde ich glatt Sitz, Platz, Aus und Männchen machen." – „Dann will ich gar nicht wissen, was Sie für einen Becher Kaffee tun würden", lachte Lisa. „Sagen Sie, haben Sie da etwa Schnee im Haar?" – „Ja, ich war nur die paar Meter zum Bäcker, aber es schneit draußen wie irre. Hoffentlich wird es nicht schlimmer, sonst müssen wir morgen Abend aus einem der oberen Fenster rausklettern." – „Der Schnee bleibt liegen?", fragte Rokko genüsslich auf seinem Frühstück herum kauend. „Ja, tut er. Schon seltsam… um diese Jahreszeit", schüttelte Lisa den Kopf. „Übrigens… als ich wach wurde… ich hatte die Matratze und Sie regelrecht okkupiert. Ich hoffe, das war nicht so schlimm für Sie." – „Pah", motzte Alma aus Rokkos Tasche. „Das darf sie nicht glauben", machte sie ihrer Empörung Luft. „Nein, das war nicht schlimm – ganz im Gegenteil", grinste Rokko, was Lisa erröten ließ. „Ich hätte ja auch einfach wegrutschen können, aber es war so schön warm mit Ihnen. Also, was machen wir mit dem angebrochenen Tag?", wollte er dann wissen. „Ich weiß nicht. Kommt drauf an, wie Sie zu Schnee stehen. Wir könnten spazieren gehen oder so. Außerdem waren wir noch nicht auf dem Dachboden des Hauses. Wer weiß, vielleicht steht da noch die eine oder andere Kiste mit interessantem Inhalt." – „Das klingt doch mal nett. Ich wollte mir auch den Keller noch einmal genauer ansehen", gab Rokko zu. „Gut, dann arbeiten wir uns von oben nach unten durch oder lieber umgekehrt?" – „Ja, von oben nach unten klingt gut", lächelte Rokko Lisa an.
„Da sind ein paar echte Schätze bei", bestaunte Rokko das Mobiliar, das sich noch auf dem Dachboden befand. „Wie alt schätzen Sie den?", wollte Lisa von ihrem Kollegen wissen. Dabei deutete sich auf einen Sekretär. „Naja, so Jahrhundertwende, schwer zu sagen." – „Ich finde ihn wirklich schön. Hoffentlich kriegt man den wieder hin." – „Sicher", ermutigte Rokko sie. „Naja, man musste die Scharniere ölen, ihn abschleifen und neu lackieren, aber das kostet nicht viel Zeit." – „Das wäre fabelhaft. Er gefällt mir wirklich sehr. Er ist zwar viel kleiner als mein Schreibtisch, aber vielleicht kann ich ihn ja in mein Zimmer stellen." – „Oder in die erste eigene Wohnung nehmen", hörte Rokko sich plötzlich sagen. Innerlich schallt er sich dafür, denn er wusste ja gar nicht, warum Lisa noch Zuhause wohnte und ob er sie jetzt gekränkt hatte. „Oder das", lächelte sie ihn scheu an. „Wissen Sie, ich hatte immer gehofft, dass der perfekte Zeitpunkt auszuziehen sich mir irgendwann offenbaren würde, aber bisher… tarnt er sich ganz gut", gestand Lisa ihrem Gegenüber. „Sie müssen sich ganz sicher nicht rechtfertigen. Wenn Sie gerne Zuhause wohnen, dann ist das ja okay." Rokko hatte gerade ausgesprochen, als Lisa sich am Deckel des Sekretärs zu schaffen machte. „Es wäre doch schön, wenn noch irgendwelche alten Liebesbriefe darin wären, oder?" – „Oh ja, nur leider aus der falschen Epoche", seufzte Rokko. „Hä?" – „Ach, nichts…"
„Der Dachboden war eine echte Fundgrube – wenn auch nur für Möbel", fasste Lisa das Ergebnis des Vormittags auf der Treppe nach unten zusammen. „Boah, sehen Sie mal", deutete sie aus einem der Fenster. „Es wird immer mehr Schnee." – „Ja. Wenn das so weitergeht, sind wir bald eingeschneit", entgegnete Rokko ernst. Eingeschneit… dieses Haus war schon einmal eingeschneit gewesen. Ach was, es war sicher öfter eingeschneit gewesen, aber… aber als Alma ermordet wurde, da war das Haus doch auch in heftigem Schneetreiben gefangen gewesen, oder? Durch Rokkos Kopf ratterten die Fakten, die er sich angelesen hatte. Ja, genau so hatte er es in einem der vielen Artikel gelesen und so hatte Alma es ihm doch auch bestätigt. Ob das etwas zu bedeuten hatte? Ob das reiner Zufall war? „Herr Kowalski, alles in Ordnung?" Lisa trat dichter an ihren Kollegen heran. „Sie haben so abwesend gewirkt." – „Nein, nein. Ich habe nur nachgedacht. Wussten Sie, dass dieses Haus am Valentinstag 1492 eingeschneit war?" – „Nein, wusste ich nicht", schmunzelte Lisa. „Und? Denken Sie, das hat irgendeine Bedeutung für den Schnee heute?", zog sie ihr Gegenüber auf. „Keine Ahnung", gestand Rokko zerknirscht. „Quatsch, Wetter ist etwas ganz Rationales…" – „Sie haben sicher Recht." – „Was halten Sie von einer Tasse Tee und einem gerösteten Marshmallow, bevor wir uns den Keller vornehmen?" – „Was ist ein Marshmallow?", fragte Alma aus Rokkos Jackentasche neugierig. „Das schmeckt dir ganz sicher, das ist süß und klebrig", murmelte der Werbefachmann in sein Kleidungsstück. „Haben Sie gerade in Ihre Jacke hineingesprochen?", wollte Lisa irritiert wissen. „Ähm… nee, natürlich nicht. Aber Tee und Süßkram klingen lecker. Ich gucke gleich mal, wie es um das Feuer steht", räusperte Rokko sich und verschwand in Windeseile in dem großen Zimmer.
„Noch einen, bitte", forderte Alma, nachdem Rokko bereits mehrmals ein Stück Marshmallow in seiner Jackentasche hatte verschwinden lassen. „Wissen Sie, Herr Kowalski", begann Lisa sichtlich angespannt ein Gespräch. „Ich hatte gehofft, wir würden an diesem Wochenende mal richtig reden." – „Ja, aber worüber denn?" – „Naja, über… über Liebe und Beziehungen und so." – „Ach ja?", staunte Rokko. Dann lächelte er und rückte näher an Lisa heran. „Ich habe ja nun… gemerkt,…", schützte Lisa Sophie und die von ihr stammende Information über Rokkos vermeintliche Homosexualität. „… dass Sie…" – „Ja?" Rokko rückte noch ein wenig näher an Lisa heran. „Es ist ziemlich offensichtlich, oder? Ich hoffe, Sie fühlen sich davon nicht bedroht", sprach er mit rauer Stimme weiter. „Nein, nein. Ganz im Gegenteil", winkte Lisa ab, wobei sie sich zwang, nicht von Rokko wegzurücken. „Nicht?", lächelte dieser plötzlich. „Das freut mich, wirklich." Er legte seinen Kopf schief und bewegte ihn auf Lisa zu. „Versuchen Sie gerade, mich zu küssen?", entfuhr es Lisa mit einem Mal erschrocken. Rokko schnellte zurück. „Ähm, ja… Ich meine, davon reden wir doch die ganze Zeit, oder?" – „Ich weiß ja nicht, wovon Sie reden, aber ich rede von Ihrer Homosexualität." – „Ich bin nicht schwul", entgegnete Rokko. „Wie kommen Sie denn da drauf?" – „Sie sind nicht schwul?", sprang Lisa auf. „Ich habe die Nacht mit Ihnen verbracht und Sie sind nicht schwul?" – „Woah, Nacht miteinander verbracht! Sie waren in Ihrem Schlafsack und ich in einem anderen Schlafsack. Das hat den Keuschheitsfaktor eines Klosters. Außerdem… nehmen Sie es als Kompliment, dass ich nach einer Nacht mit Ihnen nicht schwul bin." – „Das ist…", setzte Lisa zu einem Konter an. „Sie sind… Sie sind… unglaublich… unglaublich unverschämt." – „Wieso echauffieren Sie sich denn jetzt so? Ich habe nie behauptet, dass ich schwul sei." Lisa schnaufte verächtlich. „Sie tun ja jetzt gerade so, als hätte ich versucht, Sie zu vergewaltigen. Ich habe doch nur versucht, Sie zu küssen und das auch erst, nachdem Sie mich ermutigt haben", lenkte Rokko ein, stockte dann aber. Vergewaltigt, hallte es in seinem Kopf. Alma war vergewaltigt worden und jetzt… Ob das vielleicht eine mögliche Parallele war? Oder zumindest eine Variante davon? „Ich habe Sie nicht ermutigt", empörte Lisa sich. „Ich sprach von Ihrer Homosexualität. Sie haben Frau von Brahmberg gesagt, dass Sie schwul seien." – „Das war Notwehr", verteidigte Rokko sich. „Notwehr?", hakte Lisa nach. „Ja, ich war bei ihr wegen ein paar Materialien und weil sie sich halbentblättert hat, habe ich ihr erzählt, dass ich einen Lebensgefährten habe – damit sie mir nicht zu sehr auf die Pelle rückt." – „Pf, das können Sie mir doch nicht erzählen!" – „Ob Sie es glauben oder nicht: Ich hatte den einen oder anderen One-night-stand, aber das ist einfach wonach ich suche. Ich will nicht einfach nur drüber rutschen, sondern ich hätte gerne jemanden, mit dem ich auch mal reden oder was unternehmen kann, okay? Das und natürlich der eklatante Altersunterschied haben mich dazu gebracht Frau von Brahmberg diese Lüge aufzutischen. Ich gebe ja zu, ich hätte auch einfach ehrlich sein können, aber ich wollte sie nicht vor den Kopf stoßen." – „Sie haben sie trotzdem belogen." – „Ja, habe ich, aber es hat ihr doch nicht geschadet. Es wäre schlimmer für Frau von Brahmbergs Ego gewesen, wenn ich sie abgewiesen hätte." – „Und wieso haben Sie dann keine Lebensgefährtin erfunden?" – „Weil eine Lebensgefährtin kein Hindernis dargestellt hätte." – „Aber Homosexualität schon?" – „Ja, aber Sie werden schon wieder rot, deshalb erkläre ich Ihnen das jetzt nicht näher." – „Rokko, nun sei aber wieder nett", hörte der Werbefachmann Alma aus seiner Jackentasche sprechen. „Ich will aber nicht nett sein", knurrte er. „Hä?", fragte Lisa verwirrt. „Ich habe überhaupt nichts gesagt. Mich interessiert auch nicht, was Sie nicht sein wollen, sondern viel mehr, warum Sie versucht haben, mich zu küssen. Und jetzt sagen Sie nicht wieder, ich hätte sie ermutigt!" – „Ich habe versucht, Sie zu küssen, weil ich Sie gerne habe. Keine Ahnung, ob ich verliebt bin – das hätte mir dieser Kuss bestimmt verraten, aber…" Rokko zuckte mit den Schultern. „… tja, Sie wollten ja lieber ‚Jugend forscht' mit dem vermeintlichen Schwulen spielen", fügte Rokko traurig hinzu. „Ich glaube, ich gehe mir dann mal den Keller ansehen", entschied er plötzlich und drehte sich weg. „Das wollte ich bestimmt nicht", lenkte nun auch Lisa ein, doch Rokko war schon außer Hörweite.
„Na ganz toll", seufzte Lisa, wobei sie sich auf die Luftmatratze fallen ließ. „Das war wohl der Fettnapf des Jahres. Wieso musst du dich eigentlich im entscheidenden Moment immer aufführen wie eine verklemmte Zicke? Er wollte dich ja nur küssen und das wäre auch sicher nett geworden", schimpfte sie leise mit sich selbst. Ihre Hand strich über Rokkos Schlafsack. „Pah, er erwartet jetzt bestimmt, dass du sofort deine Sachen packst und nach Hause gehst, aber der wird sich wundern." Lisa sah auf. „Mist, das Feuer", entfuhr es ihr, als sie sah, dass eben dieses kurz davor stand, zu erlöschen. „Und kaum noch Holz da!" Die letzten Zweige warf Lisa in den Kamin, bevor sie aufstand. Sie würde jetzt erst einmal Holz holen und dann in den Keller gehen, um Rokko zu beweisen, dass sie keine verklemmte Zicke war, sondern ganz normal mit ihm umgehen konnte – schwul oder nicht schwul.
„Also, dieser Raum hier…", informierte Rokko Alma. „… ist knappe 40 cm kleiner als das Äquivalent im Erdgeschoss." – „Und was bedeutet das?", fragte Alma neugierig. „Ich bin mir nicht sicher. Es könnte nichts bedeuten oder nur, dass der Maurer geschlampt hat." – „Oder?" – „Wie kommst du darauf, dass es noch eine dritte Option gibt?" – „Er klang so, als würde er noch weitersprechen wollen." – „Naja, 40 cm erscheinen mir irgendwie ein seltsamer Wert für Baupfusch, oder? Und wenn ich mir diesen Mauervorsprung ansehe… Es könnte bedeuten, dass dort etwas eingemauert ist." – „Eingemauert? Ja, aber was denn? Er möge mich diesen Mauervorsprung einmal sehen lassen", forderte Alma ihren Freund auf. Rokko hielt den Spiegel so, dass Alma besagten Mauervorsprung sehen konnte. „Hm, den gab es nicht, als ich hier noch gewohnt habe – soweit ich mich erinnern kann. Ich war nicht oft im Keller. Er war nur Speisekammer und nur meine Mutter oder die Magd sind hier heruntergegangen. Manchmal im Winter, wenn es kalt war, dann sind Bruno oder mein Vater oder auch der Knecht oder Jurgus durch den Keller in die anliegenden Stallungen gegangen. Ich kenne den Keller nicht sehr gut, aber… Trotzdem… an diesen Mauervorsprung könnte ich mich erinnern."
Während Rokko den Keller inspizierte, wollte Lisa das Gutshaus verlassen, um Holz zu holen. Sie drückte die Klinke der großen, schweren Haupttür herunter und ächzte: „Puh, heute morgen warst du doch noch nicht so schwer zu öffnen." Mit ihrem ganzen Körper lehnte Lisa sich gegen die Tür und drückte mit all ihrer Kraft dagegen. „Als würde etwas davorstehen", stellte sie fest. Ihre Hand griff nach dem Briefschlitz. Eigentlich wollte sie nur kurz hindurchsehen, aber statt den Blick auf das potentielle Hindernis freizugeben, bröselte etwas Schnee in das Hausinnere. „Oh nein, wir sind eingeschneit", erkannte Lisa entsetzt.
„Herr Kowalski? Herr Kowalski, ich habe gerade versucht, nach draußen zu gehen, um etwas Holz zu holen. Die Tür geht aber nicht auf…" Lisa machte eine Pause. Irritiert betrachtete sie, wie Rokko mit dem Ohr an der Wand stand und immer wieder klopfte. „… wegen des Schnees. Wir sind eingeschneit", fügte sie dann aber doch als Erklärung hinzu. „Was machen Sie denn da?", ging die Neugier mit Lisa durch. Rokko trat von der Wand zurück und sah sie an. „Dieser Raum ist 40 cm kürzer als der Raum im Stockwerk obendrüber." – „Sicher? Haben Sie sich auch nicht vermessen?" – „Nein, ich habe es schon mehrmals nachgemessen." – „Vielleicht ist das Haus nicht ganz unterkellert." – „Aber 40 cm? Mal ehrlich…" – „Das Haus ist um die 600 Jahre alt. Da kann das schon mal passieren. Die hatten ja damals noch nicht den ganzen modernen Schnickschnack, den wir heute zum Bauen haben." – „Ja, aber sehen Sie mal… dieser Mauervorsprung hier…" – „Ist das der Schornstein?" – „Nein, der ist da drüben. Hinter diesen Mauervorsprung könnte ein Mensch passen." – „Ein Mensch?", fragte Lisa zweifelnd. „Und wieso?" – „Am Valentinstag 1492 ist Elisabeth Margareta von Tiefenthal-Grafenwald spurlos verschwunden. Das hat Ihnen der Professor doch sicher erzählt." – „Ja, mit Betonung auf ‚spurlos'. Herr Kowalski, der Professor und sein Team haben hier schon alles untersucht." – „Ich weiß, aber dieser Mauervorsprung… dahinter ist es hohl." – „Woher wollen Sie das wissen?" – „Ich kann es hören." Rokko winkte Lisa zu sich heran und deutete ihr an, ihr Ohr an die Wand zu legen. Dann klopfte er kurz. „Tatsächlich. Es könnte dahinter hohl sein." – „Es ist ganz sicher hohl dahinter. Gibt es hier einen Vorschlaghammer oder so etwas?" – „Wollen Sie etwa die Wand einreißen?" – „Ja, will ich. Ich muss Alma endlich finden. Ich glaube… Wir sind doch eingeschneit, oder? Wie an dem Tag, als Alma verschwunden ist." – „Wer zum Kuckuck ist Alma?" – „Alma ist… Okay, selbst auf die Gefahr hin, dass Sie mich dafür einliefern lassen: Alma ist Elisabeth Margareta von Tiefenthal-Grafenwald. Sie lebt in meinem Spiegel – den vom Flohmarkt, Sie erinnern sich? Sie ist tot, aber ihre Leiche wurde nie begraben. Es ist meine Aufgabe, sie zu finden und zu beerdigen." Lisa machte einen Schritt zurück. „In der Tat, dafür würde ich Sie am liebsten einliefern lassen, aber es gibt kein Rein- und kein Rauskommen in beziehungsweise aus diesem Haus." Rokko hörte Lisa gar nicht richtig zu, sondern sah sich um. Es musste doch einfach einen Gegenstand geben, mit dem er die Mauer einreißen konnte… „Die Schmiede", unterstützte Lisa plötzlich Rokkos Suche. „Da gibt es bestimmt einen Hammer oder so. Aber wir sind eingeschneit. Da kommen wir jetzt nicht hin." Rokko dachte kurz nach, rannte dann aber die Treppen hinauf.
Hektisch hatte er in seiner Tasche gesucht und war abgehetzt mit einem Plan zurückgekommen. „Den habe ich aus der Bibliothek. Das ist ein Lageplan des Gutshauses – mit allen Geheimwegen", erklärte er Lisa. „Hoffentlich gibt es einen von hier zur Schmiede." – „Wir sind hier", deutete Lisa auf einen Punkt in der Karte. „Und die Schmiede ist hier", deutete sie auf einen anderen Punkt. „Und das ist der Verbindungsweg", stellte Rokko fest, wobei er ebenfalls mit dem Finger über die Karte fuhr. Er sah vom Plan auf und drehte sich in dem Kellerraum. Wo war nur… „Da drüben", zeigte Lisa auf eine Tür. „Ja, das muss es sein", freute Rokko sich und stürzte sofort auf die Tür zu. Plötzlich merkte er, wie Lisa ihn am Arm zurückhielt. „Diese Frau ist wirklich in Ihrem Spiegel?" – „Ja, ist sie", entgegnete Rokko mit Nachdruck. „Und ich muss mir keine Sorgen um Ihren Verstand machen?" – „Nein." – „Und wenn Sie die Mauer eingerissen haben und keine Leiche dahinter ist, dann gehen wir nach Hause, ja?" – „Ja."
„Es ist alles weg", seufzte Rokko. Immer wieder lief er durch die Schmiede, konnte aber einfach keinen brauchbaren Gegenstand finden, um seinem Verdacht nachzugehen. „Ein Großteil ist sicher nach der Enteignung weggekommen. Andere Dinge sind vermutlich im Museum." – „Da liegt es gut", kommentierte Rokko. „Es war sicher alles von historischem Wert. Von daher gehört es in ein Museum." – „Frau Plenske", seufzte Rokko. „In diesem Raum wurden die Hufeisen für die gutseigenen Pferde geschmiedet. Was soll es hier denn schon gegeben haben, was man nicht schon irgendwo anders gefunden hat?" – „Vielleicht sollten wir den Professor anrufen und ihn mit Ihrer Theorie konfrontieren. Er könnte herkommen und…" – „Nein." Wieder drehte Rokko sich. Er musterte die Wände. „Schuhhandwerk", murmelte er. „Brunhold war vom Schuhhandwerk begeistert. Irgendwo hat er ganz sicher seine Werkzeuge aufbewahrt. Vielleicht ist da etwas dabei…" Lisa schüttelte kaum merklich den Kopf. Auch ihr Blick wanderte durch den kleinen Raum. „Was ist das da?", fragte sie und deutete auf eine kleine eiserne Tür in der Wand. „Das ist für den Schornstein. Damit man da auch mal reinfassen kann… zum Reinigen oder so", erklärte Rokko ihr. „Reinigen. Mit einem Haken oder wie?" – „Haken", echote Rokko. „Das ist es. Wieso bin ich da nicht gleich drauf gekommen?!"
Japsend war Lisa wieder im Keller des Haupthauses angekommen. „Ehrlich, Herr Kowalski, Sie verbreiten eine Dramatik…", schimpfte sie vor sich hin, obwohl sie genau wusste, dass Rokko nach oben gegangen war und sie vermutlich nicht hörte. „Hier, ich habe den Schürhaken vom Kamin mitgebracht." – „Denken Sie, Sie schaffen es damit, die Wand einzureißen?" – „Es muss ja nicht die ganze Wand sein. Ein Gucklock würde ja schon reichen. Ich will doch nur sehen, was dahinter ist." – „Kann ich irgendwie helfen?", wollte Lisa wissen. „Das Beste ist, Sie gehen ein Stück zurück", wies Rokko seine Chefin an, bevor er mit dem Haken ausholte. „Das sind richtige Steine", erkannte er. „Aber nur husch-husch zusammengemauert." Statt weiter auf die Wand einzuschlagen, hakte er mit seinem Hilfsmittel in eine Fuge und drehte ihn hin und her. Als der Stein sich zu lockern begann, zog er den Haken samt Stein zu sich. „So, der Anfang wäre gemacht", lobte Rokko sich selbst. „Dann müssen wir jetzt nur noch abtragen, oder?", suchte Lisa nach einer Bestätigung. „Ja, müssen wir." – „Dann los", gab Lisa sich euphorisch, bevor sie nach dem ersten Stein griff.
„Oh, mein…", entfuhr es Lisa geschockt, als sie der Blick auf das frei wurde, das sich hinter der Mauer befand. Mit großen Augen musterte Rokko das Skelett, das dort mit ausgebreiteten Armen festgekettet war. „Alma", sprach er seine Freundin an, während er den Handspiegel aus seiner Jackentasche holte. „Ich glaube, ich habe dich gefunden."
