Kapitel 10 – Gift und Flüche

Nachdem sie unzählige Male im Garten auf und ab gelaufen war, um ihre Ungeduld zu bezähmen, ging Hermione ins Haus. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie immer noch zehn Minuten Zeit hatte. Durch den Türspalt zur Bibliothek drang Stimmengemurmel. Sie setzte sich auf den untersten Treppenabsatz und wartete. In Gedanken legte sie sich einen ganzen Fragenkatalog zurecht, bis plötzlich die Stimme von Professor Snape laut und deutlich vernehmbar war:

„… früher gewusst!"

Die Antwort darauf konnte sie nicht verstehen, aber er wurde noch lauter: „Genauso Potter!"

Kurz darauf kam er mit finsterer Miene heraus. Als er sie sah, überlagerte wie auf Knopfdruck Beherrschung seinen verärgerten Gesichtsausdruck. Er deutete auf die offene Tür, lief aber selbst in die entgegengesetzte Richtung.

Beklommen betrat sie den Raum. Nur Minerva McGonagall saß am Tisch.

„Ist Remus nicht da?", fragte Hermione. Seine ausgleichende Präsenz wäre ihr in diesem Moment sehr willkommen gewesen.

„Er kommt erst heute Abend zurück." Minerva McGonagall nickte ihr zu und deutete auf den freien Stuhl. „Professor Snape hat in Ihren Erinnerungen etwas gesehen, das ihn ein wenig … nun ja, aus dem Gleichgewicht brachte."

„Können Sie mir nicht sagen, worum es geht?", bat Hermione.

„Das würde ich gern, allerdings wären Sie dann noch mehr verwirrt, da Ihnen der komplette Zusammenhang fehlt." Die alte Lehrerin schaute sie freundlich an. „Sie sind hier, weil Severus keinen Grund mehr sieht, länger zu warten. Er möchte Ihnen Ihre Erinnerungen zurückgeben. Dann sind Sie endlich von der Ungewissheit erlöst und wir haben einen neuen Ausgangspunkt, um die noch offenen Fragen zu klären."

Hermione spürte zu gleichen Teilen Erleichterung und Furcht. „Muss ich vorher nicht noch mehr über die Zaubererwelt wissen?"

Professor McGonagall schüttelte den Kopf. „Wir konnten Ihnen zwar mit der Lektüre von Geschichte Hogwarts und einer Einführung durch Remus Lupin einen theoretischen Überblick geben, aber unsere Welt lässt sich in vielerlei Hinsicht nicht rational erklären, sondern nur erfahren. Ihre Vergangenheit ist ein ganz natürlicher Teil von Ihnen. Es erklärt sich alles von selbst, sobald Ihre Erinnerungen komplett sind."

Hermione betrachtete grübelnd die unzähligen Buchrücken an der Wand gegenüber. „Sie sagten ja, dass es eine Schlacht gab, in der Menschen gestorben sind. Der Schutzzauber wurde nur wenige Wochen später über uns gesprochen. Wie ist es möglich, solche Erfahrungen so viele Jahre später zu verarbeiten und in ein ganz anderes Leben zu integrieren?"

Die alte Dame sah sie nachdenklich an. „Das ist ein Grund, warum wir es für so wichtig erachten, dass jeder nach der Rückerlangung der Erinnerungen von Menschen umgeben ist, die diese Erlebnisse teilen."

Hermione schüttelte skeptisch den Kopf. „Am Tag des Schutzzaubers begann ein völlig anderes Leben. Wird dieser Übergang von der Zaubererwelt in die nichtmagische Welt für uns denn überhaupt nachvollziehbar sein?"

„Selbstverständlich. Wir haben Ihnen allen damals erklärt, was wir vorhaben und Sie gaben ausnahmslos Ihr Einverständnis. Der Moment, in dem wir Ihr Gedächtnis veränderten, wird die einzige Lücke sein, die bleibt. Der Rest fügt sich nahtlos an Ihr bisheriges Leben an."

„Ich kann mir das nicht richtig vorstellen."

„Das ist verständlich. Aber ich versichere Ihnen, dass es bisher langfristig allen mit ihren Erinnerungen besser ging. Letztendlich ist das, was wir erlebt haben, ein Teil von uns."

Auch wenn ihr Hermione innerlich zustimmte, überstieg es dennoch ihr Begriffsvermögen, wie das alles in der Praxis gelingen sollte.

"Wir legen jedem nahe, es als Chance zu betrachten. Ihnen wird nichts weggenommen, sondern Sie erhalten etwas zurück, das Ihrem Leben eine andere Wendung geben kann – wenn Sie es wollen. Niemand wird gezwungen, irgendetwas aufzugeben, was er nicht möchte", fuhr Minerva McGonagall fort. "Jeder kann sich die Zeit nehmen, die er braucht, um eine Entscheidung zu treffen. Für manche kann es sogar ein Rettungsanker sein, wenn sie ihrem derzeitigen Leben nicht gewachsen sind. Andere finden - bildlich gesprochen - verlorene Puzzleteile wieder, die ihnen helfen, sich zurechtzufinden."


„Aber was ist mit der Lücke von zwölf Jahren, in der man viele Menschen aus der damaligen Zeit nicht mehr gesehen habe? Jeder hat seither ein eigenes Leben aufgebaut. Die Wahrscheinlichkeit ist doch hoch, dass man sich völlig entfremdet hat!"

„In einigen Fällen ist natürlich diese unvermeidliche Lücke entstanden, die erst wieder überbrückt werden muss", bestätigte Minerva McGonagall. „Aber vergessen Sie eins dabei nicht: Sie sind nicht allein in dieser Situation. Die meisten Ihrer ehemaligen Freunde und Mitschüler befinden sich in der gleichen Lage. Somit haben Sie alle einen ähnlichen Ausgangspunkt."

„Als würde man nach über einem Jahrzehnt in einem fernen Land in eine vertraute Umgebung zurückkommen und alte Bekannte und Freunde wiedertreffen, die man all die Jahre nicht gesehen hat…", murmelte Hermione.

„Eine adäquate Einschätzung."

Hermione schaute in die Richtung, aus der Professor Snapes Stimme gekommen war. Er stand an die Wand gelehnt, ein riesiges altes Buch in den Händen. Seine Augen wanderten interessiert zwischen Professor McGonagall und ihr hin und her. Hermione fragte sich, wie lange er schon zugehört hatte.

Er legte den Wälzer auf dem Tisch ab und zog seinen Zauberstab. Sekunden später öffnete es sich. Wenn Hermione ihren Augen trauen konnte, waren kleine goldene Sternchen aus den Seiten geflogen. Als sie auf den Boden schaute, entdeckte sie jedoch nur Staubflocken.

„Es ist so, wie ich vermutete." Professor Snape deutete auf eine Passage. Die alte Lehrerin überflog den Text und nickte. Hermione versuchte unauffällig, ein paar Sätze zu erhaschen, aber das Wort „Gift" kam überproportional häufig vor und diente nicht dazu, sie zu beruhigen.

Als sie aufschaute, ruhte sein Blick auf ihr. „Ihre Probleme wurden durch ein Schlangengift ausgelöst, nicht durch den Schutzzauber. Anhand Ihrer Erinnerungen konnte ich erkennen, dass Sie etwa zwei Monate vor dem Schutzprogramm damit in Berührung gekommen sind. Das Gleiche gilt für Harry."

„Schlangengift? Und Harry auch?"

Professor Snape sah sie wieder merkwürdig an. Doch in ihrem Kopf und in ihrer Aufregung gab es keinen Platz mehr, um sich darüber auch noch Gedanken zu machen.

„War es ein Arbeitsunfall in der Schule? Ich meine – die Sache mit dem Gift?"

Hermiones Hoffnung, dass sie ihr nun endlich erklären würden, was das alles bedeutete, wurde enttäuscht.

„Nein."

„Wenn Harry auch betroffen ist, wieso haben Sie nicht schon aus seinen Gedanken davon erfahren?"

„Der Zustand von Mr. Potter ließ dies bisher nicht zu", sagte Professor McGonagall. „Aber Ihre Erinnerungen könnten auch der Schlüssel zu ihm sein, der uns noch fehlte."


„Ich erachte es als dringlich, dass wir morgen beginnen, Ihnen Ihre Vergangenheit zurückzugeben", sagte Professor Snape energisch. "Dann erübrigen sich alle weiteren Fragen und Spekulationen."

„Können Sie nicht gleich anfangen?"

Seine Mundwinkel hoben sich leicht. „Geduld, Ms. Granger. Ein gewisses Maß an Vorbereitungen ist erforderlich."

„Der Prozess kann für Sie sehr verwirrend sein, denn Erinnerungen setzen nie auf einen Schlag chronologisch ein, sondern das, was sich am stärksten eingeprägt hat, kommt zuerst zurück", fügte Professor McGonagall hinzu.

„Wie lange … dauert das?"

„Im Durchschnitt 3 - 4 Tage. Sie werden in dieser Zeit von äußeren Einflüssen abgeschirmt, um Störfaktoren auszuschließen."

„Das heißt, ich darf niemanden sehen?"

„Professor Snape wird in Ihrer Nähe sein. Mit uns anderen treffen Sie erst wieder zusammen, wenn Sie Ihre Erinnerungen zurückhaben."

„Ich werde in mein Zimmer eingesperrt?"

„Nein. Wir quartieren Sie für ein paar Tage in einem Zimmer im Souterrain ein, damit Severus Sie im Blick behalten kann. Ihre Mahlzeiten erhalten Sie dort."

Hermione gefiel der Gedanke ganz und gar nicht, in einer neuen Umgebung abgeschottet zu werden. Ihr grauste auch so schon genug vor dem, was auf sie zukommen mochte. Aber sie ahnte, dass jeglicher Protest nutzlos wäre.

„Ich werde morgen ebenfalls mit Ms. Johnson beginnen", sagte Professor McGonagall, als sie gemeinsam zum Abendessen gingen. „Dann haben Sie die gleiche Basis, wenn Sie sich wiedersehen."

„Und was ist mit Harry?"

„Möglicherweise bringen uns Ihre Erinnerungen auch in seinem Fall weiter. Er wird ab morgen mit Professor Lupin bei dessen Familie wohnen. Er sollte erst wieder mit anderen zusammentreffen, wenn er ebenfalls über seine Vergangenheit verfügt."


Beim Abendessen war Angelina genauso aufgeregt wie Hermione. Harry schien es nicht zu stören, dass er das Haus für eine Weile verlassen musste. Remus kam erst nach dem Essen zurück, gefolgt von einem alten Herrn. Dieser nickte zum Gruß in die Runde. Seine Augen waren außergewöhnlich, stellte Hermione fest. Groß und beinah silberfarben.

„Mr. Ollivander!" Professor Snape, der die ganze Zeit keinen Ton von sich gegeben hatte, erschien mit einem Schlag hellwach.

„Sie erinnern sich vielleicht an unsere Gäste", sagte Minerva McGonagall.

„Oh ja." Der alte Herr lächelte ihnen freundlich zu.

„Mr. Ollivander war einer Ihrer ersten Kontakte in der Zaubererwelt, er verkaufte Ihnen Ihre Zauberstäbe."

„Eine brotlose Kunst in den letzten Jahren", fügte dieser hinzu.

„Nicht mehr lange und Sie werden sich vor Anfragen kaum retten können", bemerkte Remus Lupin. „Eine ganze Nachwuchsgeneration benötigt Ihre Unterstützung! Wie ich hörte, sind Sie schon dabei, sich nach einem Laden umzusehen."

„Wohl wahr. Doch so lange unser Problem in der Galerie nicht geklärt ist, habe ich wenig Zeit dafür."

„Mr. Ollivander ist seit einiger Zeit Direktor des Hauses, in dem Sie neulich die Ausstellung besuchten, Ms. Granger", erklärte Minerva McGonagall. Bei Hermione fielen gleich mehrere Groschen. Auch Harry und Angelina tauschten überraschte Blicke mit ihr.

„Ich denke, Geschichten aus einer Galerie werden unsere jungen Gäste wenig interessieren", sagte Professor Snape nachdrücklich.

Die jungen Gäste werteten dies als Zeichen zum Aufbruch.


Als sie draußen waren, legte Hermione den Zeigefinger auf den Mund und bedeutete den anderen, ihr zu folgen. Sie führte sie zu der Stelle im Garten, wo sie schon neulich das Gespräch der Lehrer belauscht hatte.

Sie hörten klar und deutlich Minerva McGonagalls Stimme.

„… befürchtet."

„Wir sind noch nicht weiter gekommen", erklang die heisere Stimme des Zauberstabherstellers und Galeriedirektors.

„Gibt es inzwischen irgendein Anzeichen, WER den Bann auf die Gemälde gelegt hat?" Professor Snape hörte sich hochgradig genervt an.

„Leider nicht. Wir müssen erst den äußeren Ring brechen, das ist der stärkste."

„Wir werden eine Lösung finden, Severus. Wir dürfen nur kein Risiko eingehen", sagte Remus Lupin.

„Es reicht jetzt. Ich ziehe Lucius hinzu", erklärte Professor Snape.

„Du weißt nicht, ob du ihm trauen kannst. Bitte sei vernünftig, Severus!", bat die alte Lehrerin.

„Ich bin bereit, das Risiko einzugehen. Ich werde nicht so weiterleben wie bisher! Das ist mein letztes Wort!"

„Ich verstehe dich, Severus. Aber warte bitte wenigstens, bis du Ms. Granger ihre Erinnerungen zurückgegeben hast. Nur diese eine Bitte habe ich an dich."

„Selbstverständlich. Doch wenn jemand diese Flüche erkennen kann, dann Lucius. Er befand sich direkt an der Basis."

„Was, wenn er derjenige war…"

„Nein!", schnitt Professor Snape Remus Lupin das Wort ab. „Das haben wir unzählige Male ausdiskutiert. MIR gegenüber war er immer loyal."

„Gut", seufzte Minerva McGonagall. „Tu, was du nicht lassen kannst."

Wenige Minuten später verließen Mr. Ollivander und Professor Snape das Haus.


In Harrys Zimmer tauschten sie sich flüsternd über das eben Gehörte aus.

„Wenn ich das richtig verstanden habe, sind die Gemälde in der Galerie also wirklich verflucht", murmelte Harry. „Und es war keine Neuigkeit für die Lehrer."

Hermione schüttelte den Kopf. „Als Professor McGonagall mir neulich die Galerie hier im Haus zeigte und mir davon erzählte, klang es noch wie eine Befürchtung. Offensichtlich hat sich das inzwischen geändert."

„Und Professor Snape will nun irgendjemanden hinzuziehen, der nach Meinung von Professor McGonagall nicht vertrauenswürdig ist", ergänzte Angelina. „Hoffentlich macht er keinen Fehler."

„Er und die anderen Betroffenen bringen sich in Gefahr, wenn ihre Abbilder nicht einwandfrei in Ordnung sind", sagte Hermione. "Oder sie bleiben für den Rest ihres Lebens für einen großen Teil der Welt unsichtbar."

"Professor Snape klang nicht so, als wäre das eine Option für ihn", sagte Harry überzeugt.

„Hauptsache, er gibt dir deine Erinnerungen zurück, bevor er sich in Gefahr begibt, Hermione", überlegte Angelina.

Angesichts der bevorstehenden Tage und der Nachrichten aus der Galerie war es kein Wunder, dass Hermione in der Nacht von Professor Snape träumte. Am Morgen konnte sie sich nur noch an einzelne Fragmente des wirren Durcheinanders erinnern. Doch eine Szene, in der er in ein Bild hineintrat und sich dieses daraufhin in eine grelle Fratze verwandelte, ließ sie nicht mehr los. Bei dem Gedanken, dass ihm etwas zustoßen könnte, verspürte sie einen Stich. Anscheinend hatte sie sich während ihres Aufenthalts im Haus des Ordens schon mehr an die Bewohner gewöhnt als gedacht.

Beim Frühstück betrachtete sie ihn verstohlen. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Er sah nicht so aus, als ob er viel geschlafen hätte. Sein Haar war ungekämmt und achtlos mit einem Band zusammengehalten, aus dem sich zahlreiche Strähnen lösten. Ob er überhaupt in der richtigen Verfassung für die Tage war, die jetzt vor ihnen lagen? Oder würde er es verschieben?

Doch als er nach dem Essen das Wort an sie richtete, war in seiner Stimme keine Spur von Müdigkeit erkennbar: „Ich schlage vor, Sie ziehen jetzt um, Ms. Granger."