Mira: Ich vergöttere Faramir auch, aber mir gefällt es, ihm manchmal ein paar tollpatschige Züge zu verpassen, weil ihn das sympathisch und menschlich macht. Und ich kann mir gut vorstellen, dass Aragorn als Stammesführer der Dunedain sicher manches Mal schroff sein musste. Vielen Dank fürs Reviewen!

Leonel : Gollum wird im folgenden Kapitel noch nicht auftauchen, aber totsicher im übernächsten. Ja, dieses Mädchen Manyavel hat sich ziemlich in Faramir verguckt. Die Frage ist, ob der junge Mann für eine neue Liebe bereit ist, denn er trauert ja immer noch sehr um Alatariel. Danke, dass du trotz deines derzeitigen Zeitproblems, weiterliest und reviewst.

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Kapitel 10: Bruchtal

Am nächsten Morgen ging es weiter und schon bald erkannte Faramir ein kleines Gebirge, das sich im Osten vor ihnen erhob.

„Das ist die Wetterspitze," erklärte Aragorn stolz. „Auf ihren Gipfel befindet sich die Ruine von Amon Sûl. In alten Zeiten diente dieser Wachposten dazu, die Bewegungen des Feindes aus dem nördlichen Angmar zu beobachten. Elendil selbst hat diesen Turm erbauen lassen und einstmals wurde sogar einer der nördlichen Palantíri dort aufbewahrt. Doch schon bald wurde der Turm durch einen Krieg zerstört und der Palantír verschwand."

Faramir lauschte dieser Geschichte interessiert und er empfand eine gewisse Traurigkeit, dass dieses wohl einstmals prächtige Gebäude, das lange Zeit den dunklen Mächten getrotzt hatte, zerstört war.

Sie ließen die Pferde unten im Tal zurück und bestiegen zu Fuß die größte Erhebung des sogenannten Wettergebirges. Gebirge war eigentlich nicht der richtige Ausdruck für die Hügellandschaft, die sich im Osten um die Wetterspitze schmiegte. Als sie das flache Felsplateau auf dem Berg erreicht hatten, wo sich die Ruine von Amon Sûl befand, genoß Faramir erst einmal die weite Aussicht. Von hier aus konnte man tatsächlich weit in den Norden sehen. Dieser Wachturm hatte Eriador bestimmt oft in den finsteren Zeiten vor Unheil bewahrt.

„Der schlimmste Feind von allen war der Hexenkönig von Angmar," berichtete Aragorn, der sich jetzt in seine Schlafdecke gehüllt niederließ. „Er hat dafür gesorgt, dass das nördliche Königreich Arnor vernichtet wurde. Der letzte König wurde nach dem Untergang Arnors

der erste Stammesführer der Dunedain. Gondor war damals zu stark für den Hexenkönig. Aber ich fürchte, dass das letzte freie Königreich der Menschen sein nächstes Ziel sein wird."

Faramir rupfte nachdenklich Grashalme aus. Er wusste, dass Aragorn der letzte Erbe aus Isildurs Linie war.

„Wenn Gondor wieder einen König hätte, dann wäre es wieder ein starkes Reich," murmelte er vor sich hin.

Aragorn zündete sich eine Pfeife an und blickte Faramir erstaunt an.

„Dein Vater ist doch der Truchseß. Er würde bestimmt nicht dulden, wenn Isildurs Erbe daherkäme und den Thron einforderte."

„Mein Vater ist ein schwacher Herrscher," fuhr der junge Mann bedrückt fort. „Der Palantír hat ihn seiner geistigen und körperlichen Kräfte beraubt. Seine ganzen Hoffnungen liegen auf Boromir, meinem stolzen Bruder. "

„Boromir wird ‚Held von Gondor' genannt," sagte der Waldläufer schief lächelnd. „Er ist ein großer und berühmter Krieger. Er könnte einen besseren Truchseß als dein Vater abgeben."

„Du weißt, was Boromir mir angetan hat," erwiderte Faramir traurig. „Er lässt sich auch zu leicht durch den Palantír in Versuchung führen und wird wohl ebenso wie mein Vater werden. Der Hexenkönig wird ein leichtes Spiel mit Gondor haben."

„Momentan ist nichts vom Hexenkönig zu befürchten," meinte Aragorn hoffnungsvoll. „Er hat sich seit Jahrhunderten in seiner Festung Minas Morgul verborgen."

„Das einstmals wunderschöne Minas Ithil, der Turm des Mondes," seufzte Faramir und legte sich zum Schlafen hin.

Aragorn, der noch nicht müde war, stopfte sich noch eine weitere Pfeife und blickte auf die weite Ebene hinunter, die vom Mondlicht schwach beleuchtet wurde.

Plötzlich gewahrte er einen einzelnen Reiter, der aus nördlicher Richtung herangeprescht kam. Der erfahrene Waldläufer nahm seine Pfeife aus dem Mund und kletterte vorsichtig an den Rand des Felsplateaus. Der Reiter hatte sein Pferd jetzt zum Stehen gebracht und sah sich prüfend in der Gegend um. Aragorn sah, dass der Unbekannte in ein dunkles, wallendes Gewand gekleidet war und eine Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte. Ein kalter Schauder lief ihm über den Rücken, als sein Verdacht sich nun bestätigte.

‚Ein Nazgûl!' schoß ihm entsetzt durch den Kopf.

An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Zum Glück waren sie so umsichtig gewesen, kein Lagerfeuer anzuzünden. Denn ein Feuer auf dem Amon Sûl war weithin sichtbar. Jedoch wenn der Nazgûl ihre Pferde in der kleinen Talsenke entdeckte, dann würde es Probleme geben. Aragorn warf einen Blick zu seinem schlafenden Gefährten. Faramir schlief so tief und fest, dass er es nicht übers Herz brachte, ihn aufzuwecken. Vielleicht hatten sie auch Glück, und der Nazgûl entfernte sich wieder.

Aragorn setzte sich wieder an den Rand des Plateaus und beobachtete den unheimlichen Reiter weiter. Wie eine steinerne Statue war dieser stehengeblieben. Hatte er etwas Verdächtiges bemerkt? Doch dann setzte sich der Nazgûl plötzlich in Bewegung und begann sein Pferd zu wenden. Aragorn starrte ihm ein ganzes Stück hinterher. Noch einige Stunden blieb er wach, dann legte er sich auch ein wenig nieder und döste schließlich ein.

Faramir weckte ihn am nächsten Morgen.

„Los, wir wollen weiter!" kommandierte der junge Mann grinsend.

Aragorn lächelte schwach. Er beschloß, Faramir vorerst von dem Nazgûl nichts zu erzählen.

§

Der weitere Ritt nach Bruchtal verlief ohne Probleme. Aragorn hatte noch ein paar Mal in den Nächten gewacht. Erst als er sich richtig sicher war, dass sie nicht verfolgt wurden, ließ er das Wachen wieder.

Als die beiden Reiter in das wunderschöne Tal hineinritten, in welchem sich Elronds Haus befand, kam Faramir aus dem Staunen nicht heraus: Aragorn hatte ihm zwar schon von Bruchtal erzählt, aber dass dieser Ort so schön war, hätte er sich niemals gedacht. Bisher war für ihn immer Laurélindorenan, der Goldene Wald, das Maß aller Dinge gewesen.

Ein wunderschöner Elb mit langen, goldenen Haaren kam ihnen entgegengeritten. Es war Glorfindel, der über dieses Tal wachte. Als er Aragorn erkannte, lächelte er und hob die rechte Hand zur Begrüßung:

„Mae govannen, Estel!"

„Estel?" Faramir blickte seinen älteren Gefährten fragend an.

„Du weißt doch, dass ich viele Namen habe," raunte dieser ihm grinsend zu.

Glorfindel führte die beiden Besucher durch das große Tor. Im Hof stiegen die zwei Waldläufer von ihren Pferden. Ein junger Elb nahm ihnen die Pferde ab und Glorfindel führte die Beiden in das Haus hinein.

„Mithrandir erwartet dich schon, Estel," erklärte Glorfindel mit würdevoller Miene.

Als sie das Haus betraten, kam ihnen jedoch ein anderer Elb entgegen. Er hatte ein strenges Gesicht und wirkte sehr weise.

„Wir haben dich schon erwartet, Aragorn," sagte der Elb besorgt. „Wer ist der junge Mann hier, der dich begleitet?"

„Das ist Faramir von Gondor," erklärte der Waldläufer. „Er gehört jetzt zu den Dunedain des Nordens."

Der Elb musterte den jungen Mann streng. Doch dann reichte er ihm die Hand:

„Ich bin Elrond, der Fürst von Bruchtal. Auch du sollst willkommen hier sein als Gefährte von Aragorn, Arathorns Sohn."

„Es ist mir eine Ehre," erwiderte Faramir demütig.

Sie folgten Elrond in einen großen Saal hinein. Dort saß jemand am Kaminfeuer, den die zwei Gefährten sehr gut kannten.

„Mithrandir!" rief Faramir erfreut aus.

Gandalf stand auf und drehte sich um. Der junge Mann lief auf ihn zu und umarmte ihn.

„Faramir, was für eine Überraschung!" meinte der Zauberer erstaunt. „Aragorn hat dich also mitgenommen."

„Es blieb mir fast nichts anderes übrig," bemerkte dieser trocken.

Jetzt begrüßte Gandalf auch seinen alten Weggefährten Aragorn.

„Ich habe dich schon erwartet," sagte der Zauberer leise. „Es geht um Gollum. Er ist wieder aufgetaucht."

„Ich habe schon gehört," murmelte der Waldläufer leise. „So viele Jahre war er einfach verschwunden. Ich frage mich, wo er gewesen sein mag."

„Das erzähle ich dir alles später," meinte Gandalf sorgenvoll. „Erst einmal müsst ihr euch ausruhen und etwas essen."

Eine junge Elbin betrat den Saal. Faramir betrachtete sie staunend: so eine wunderschöne Frau hatte er noch nie gesehen. Sie hatte hüftlanges schwarzes Haar, große, blaue Augen und einen sinnlichen Mund. Traurig erinnerte er sich an seine verstorbene Geliebte Alatariel, die auch so anmutig gewesen war.

Als die Elbenfrau Aragorn erblickte, fiel sie ihm lachend um den Hals.

„Estel, mein Geliebter, endlich sehe ich dich wieder!"

Aragorn küsste die Elbin zu Faramirs Verwunderung auf den Mund.

„Mein geliebter Abendstern, ich habe dich so vermisst," sagte er leise.

Faramir wusste jetzt, dass die beiden ein Paar waren.

„Estel und Arwen Undómiel," murmelte er kaum hörbar.

Jetzt ahnte er, von wem Alatariel damals gesprochen hatte, als sie zusammen auf dem Hügel Cerin Amroth gestanden hatten.

Gandalf legte Faramir die Hand auf die Schulter.

„Komm, mein Freund, ich zeige dir dein Schlafgemach."

Die Beiden gingen eine Treppe hinauf, bis sie ein freundliches, helles Zimmer erreichten mit einem großen, weichen Bett. Auf dem Kissen lag auch eine Tunika aus edlem Stoff. Nachdem Faramir gebadet und sich ausgeruht hatte, zog er das Gewand an.

Ein Gong ertönte. Es war wohl Zeit für das Nachtmahl. Der junge Mann verließ sein Gemach und ging wieder die große, geschwungene Treppe hinab, die in den großen Saal führte. Dort war eine große Tafel mit erlesenen Speisen gedeckt worden. Faramir merkte, dass er einen Hunger wie ein Wolf hatte. Beim Mahl sah er dann auch Aragorn wieder, der sich ebenfalls gewaschen und umgezogen hatte. An seiner Seite saß die schöne Arwen. Elrond, Gandalf, Glorfindel und einige andere Elben fanden sich ebenfalls zum Mahl ein. Faramir lernte jetzt Elronds Söhne Elladan und Elrohir kennen. Nachdem sich alle sattgegessen hatten, begann nun Elrond, über Gollum zu sprechen.

„Wir müssen annehmen, dass Gollum jahrelang in Mordor eingekerkert war," erklärte er ernst. „Vermutlich hat er dort einige wichtige Dinge ausgeplaudert. Es ist zu befürchten, dass diese armselige Kreatur die Diener Saurons ins Auenland führen wird. Das müssen wir verhindern. Gollum muß unbedingt abgefangen und eingesperrt werden. Im Düsterwald gibt es einen sehr sicheren Kerker. Dorthin muß er gebracht werden."

„Ich habe unterwegs einen Nazgûl gesehen," bemerkte Aragorn mit düsterer Miene. „Mordor ist bereits aufgewacht."

„Wo hast du diesen Kerl gesehen?" fragte Faramir leise. Der junge Mann war sehr erstaunt darüber, denn Aragorn hatte ihm nichts davon erzählt.

„Es war in der Nacht, als wir auf dem Amon Sûl lagerten," fuhr der Waldläufer an alle gewandt fort. „Er trieb sich in der nördlichen Ebene herum, verschwand aber dann wieder. Ich glaube nicht, dass er uns bemerkt hat, denn wir wurden nicht verfolgt."

„Das sind üble Vorzeichen," sagte Elrond sorgenvoll. „Der dunkle Herrscher hat also seine Vorboten bereits nach Eriador geschickt. Ihr müsst sofort losziehen und Gollum fangen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er den Ringträger im Auenland ausfindig macht."

„Aber Bilbo Beutlin befindet sich doch bereits hier?" wunderte sich Aragorn.

„Er hat den Ring an seinem Neffen Frodo weitergegeben," sagte jetzt Gandalf ernst. „Für Gollum ist es nicht schwer zu erraten, wer den Ring nun besitzt."

Faramir konnte diesem ganzen Gespräch nicht so richtig folgen: redete man am Tisch tatsächlich über den legendären, Einen Ring? War dieser Ring der Macht wieder aufgetaucht, der doch so viele tausend Jahre als verschollen galt?

Aragorn wandte sich an Faramir.

„Wir müssen morgen früh sofort wieder losreiten, um Gollum zu fangen. Vielleicht können wir uns ein anderes Mal hier länger aufhalten."

Die schöne Arwen schlug enttäuscht die Augen nieder. Auch Faramir war ein wenig traurig darüber, das idyllische Bruchtal schon wieder so schnell verlassen zu müssen.

Er beobachtete, wie Aragorn ein Stück später mit Arwen den Saal verließ. Gandalf unterhielt sich nun mit dem jungen Mann ein wenig. Er wollte wissen, wie es ihm bei den Waldläufern ergangen war. Faramir gab ihm ausweichende Antworten: er wollte ihm nicht erzählen, dass Halbarad und Maruvan ihn am Anfang so schlecht behandelt hatten.

„Mir scheint, es hat Ärger gegeben mit Halbarad, stimmt's?" fragte der Zauberer lächelnd.

„Er hat ziemlich schnell herausgefunden, dass meine Haare schwarz gefärbt waren," sagte Faramir errötend.

„Das war eine höchst törichte Idee von mir," murmelte Gandalf schuldbewußt. „Aber deine Locken sind ja nun ein schönes Stück wieder nachgewachsen und einen Bart hast du auch wieder."

Faramir grinste jetzt.

§

Am nächsten Morgen begegneten sich Faramir und Aragorn vor ihren Gemächern. Der ältere Waldläufer machte einen niedergeschlagenen Eindruck.

„Es ist wegen Arwen, oder?" fragte der jüngere Mann mitleidig. „Du wärst gerne noch geblieben."

„Ich habe eine Aufgabe zu erfüllen," erwiderte Aragorn ausweichend.

Nach dem Frühstück brachen die beiden Freunde auf. Arwen hatte Faramir nicht mehr zu sehen bekommen, dafür kamen Elrond und Gandalf noch einmal in den Hof und erteilten gute Ratschläge.

Aragorn hatte es höchst eilig, das schöne Tal zu verlassen. Er lenkte sein Pferd südwärts.

„Wenn wir die Pforte Rohans erreicht haben, dann ist es nicht mehr weit," meinte er kurzangebunden.