Kapitel
9 – Catch 22
Falls die
Zurückgebliebenen dachten, Notwen würde selbstverständlich
nicht nach Konlir gehen, so irrten sie sich. Er stand in Konlir in
einem Büro und wartete darauf, dass der Richter die Formulare,
die er mühsam ausgefüllt hatte, absegnete. Das Büro
sah eigentlich recht hübsch aus, allerdings sah es, sobald man
es betrat, so aus, als ob man eine Zeitmaschine betreten hätte.
Die Möbel wirkten bescheiden archaisch – es gab einen
Schreibtisch, der aussah, als ob er dem örtlichen Museum
entwendet worden wäre, was Notwen selbstverständlich nicht
zum Richter sagte, sonst eigentlich nichts – und der Blick aus dem
einzigen, recht kleinen Fenster, war in etwa so aufregend wie eine
Butterfahrt nach Anatubien. Der Richter litt ganz offensichtlich an
Sehschwäche, aber er unterzeichnete letzten Endes doch.
Zufrieden zog Notwen von dannen und erreichte, eine halbe Stunde
nachdem er Plefir verlassen hatte, das Haus in Narubia. Wie erwartet
traf er dort auf einen Magier, der ihn kaum überrascht begrüßte.
„Wie
bist du eigentlich den Pilzwachteln entkommen?", fragte ihn dieser,
nach einer kurzen Partie Vier-Gewinnt.
„Die
Juristen-Masche", meinte Notwen nur.
„Oh",
sagte sein Gegenüber. „Und jetzt willst du wohl, dass ich die
Party der Pilzwachteln stören soll?"
„Exakt."
„Warum
sollte ich so etwas tun? Die haben nur alle fünfundsiebzig Jahre
ihr Festival da unten, da wäre es doch ziemlich gemein sie kurz
vor dem Finale zu belästigen, meinst du nicht?"
„Ja,
stimmt schon, aber sonst hättest du einen Taruner weniger in
deiner Spaß- und Auftragskillergesellschaft…"
„Hä?
Wen meinst du?"
„Pasiphae
Lysithea, der Freiberufler und Pilzwachtelsympathisant", antwortete
Notwen.
„Tja…wenn
das so ist…"
Grummelnd erreichte Notwen die Grenze zu Plefir. Als er die Lichtung betrat, sah er seine Weggefährten allesamt stockbesoffen und fröhlich singend beim Pokerspiel mit den Wachteln sitzen.
Blanche,
der zusammen mit Chontamenti und Abanderada als einziger noch
nüchtern wirkte, winkte ihn her:
„Hey,
die Weltvernichtungsaktion ist verschoben!"
„Warum
das?", fragte Notwen genervt.
Lysithea
brüllte Notwen an, obwohl dieser nur einen Meter entfernt saß:
„Die machen jetzt so ne Art Olimpi…Olümpja…Wettbewerb
draus, der alle vier Jahre stattfindet. Sie ham versprochen, die
restlichen Kumpanen auch einzuladen…die untoten Bürger, die
untoten Cheeseburger, die untoten Konlirbürger, die Fis…die
Fis…die Fisse aus Teraaasii…die Sandgeister und den
Leuchtturmwärter und den ollen Zauberer aus Konlir,
Schäub…Schub…Schrumpl oder wie der heißt, dieser
fanatische Paranoyka…äh…Paranoika und die
Schonnerdandslangen…äh…die Sonna…die Donnersandschlangen
und die…"
„Ja, ja,
ich hab's verstanden!", brüllte Notwen zurück.
„Was ich
sagen will, is, dass wir jetzt die nächschten drei Jahre unsre
Ruhe ham!", schloss Lysithea zufrieden.
„Die
nächsten vier Jahre", verbesserte ihn Notwen.
Lysithea
schien einen Moment zu überlegen, dann erschien ein
anerkennender Ausdruck auf seinem Gesicht: „Stimmt, die nächsten
vier Jahre. Meine Güte, kannst du gut rechnen. Du könntest
Lehrer werden…"
Notwen
wandte sich zu den vier Menschen, la Vaca, Gaga, Vinyó und
Ignotexx, die gerade damit beschäftigt waren, sich kräftig
einen hinter die Binde zu kippen.
„Alles
dreeeht sich um misch!", meinte la Vaca.
„Wie rum
dreht sich's bei dir?", wollte Gaga wissen.
„Bei mir
im Uhrzeigersinn!", antwortete la Vaca.
„Bei mir
gegen den Uhrzeigersinn!", meinte Vinyó.
„Prima,
zusammen seid ihr nüchtern", murmelte Ignotexx.
Die Gruppe
entging einer mächtigen Tirade von Notwen nur durch die
Ablenkung, die die Feuerwachtel am anderen Ende der Lichtung bot. Der
konsumierte Alkohol war wohl mit Feuer in Kontakt gekommen und so
implodierte sie und verwandelte das Nordende der Lichtung in einen
einzigen Krater.
Am nächsten Tag zogen – in alphabetischer Reihenfolge – Abanderada, Blanche, Chontamenti, Gaga, Geratheon, Ignotexx, la Vaca, Notwen, Regley, Sedna, Vinyó und Yax in Richtung Ruward weiter. Lysithea hatte sich entschlossen, den Hersteller des Taunektarbiers aufzusuchen und Notwen fragte lieber nicht weiter nach. Bis auf Gaga waren sie alle wieder nüchtern und eigentlich konnte man sagen, dass der Alkohol den ohnehin praktischen Hirntod nicht hatte verschlimmern können.
„Kann
ich mit dir reden?", wollte Regley von Notwen wissen.
„Nein",
meinte dieser nur.
„Dann
halte ich mich kurz", ignorierte Regley diesen Einwand.
„Wen
hast du eigentlich getroffen, als du weg warst?", fragte er Notwen.
„Äh…Tuttle
hieß er, Captain Sidney Tuttle von der Stadtwache Konlir. Ganz
netter Kerl. Arbeitet jetzt für uns.", antwortete Notwen etwas
zu hastig.
Regley zog
eine Augenbraue hoch.
„Captain
Tuttle? Dann sind wir seinetwegen den Pilzwachteln entkommen?",
hakte er nach.
„Äh…ganz
genau!", haspelte Notwen. Blanche verdrehte die Augen.
„Dann
wird ich ihm eben einen Dankesbrief schreiben!", nuschelte Gaga und
begann einen krakeligen Brief.
„Nein!",
warf Blanche ein, dem langsam dämmerte, was Notwen geplant hatte
und was jetzt ziemlich aus dem Ruder lief.
„Er ist die
Bescheidenheit in Person", fügte er an.
„Captain
Bescheidenheit", verbesserte Notwen.
Regley
beließ es zum Glück bei einem Stirnrunzeln.
„Na
super, jetzt verschwendet Regley seine Zeit mit jemandem der gar
nicht existiert!", flüsterte Blanche zu Notwen.
„Wer hat
gesagt, dass er nicht existiert?", fragte Notwen zurück.
„Ach
komm schon, er ist Teil deiner Imagination!", meinte Blanche.
„Wer hat
gesagt, dass du das nicht auch bist?", wollte Notwen wissen.
Weiter
hinten diskutierten Sedna und Ignotexx über ihre Kontoauszüge.
„Ich sag
dir, ich habe mehr Geld als du!", fing Ignotexx gerade wieder an.
„Ach
was, ich habe doppelt soviel Geld auf meinem Konto, hier ist der
Beweis!", wedelte Sedna mit einem Stück Pergament.
„Ja,
aber du vergisst den Wert der Sachen in meinen Schließfächern!
Ich habe die verschiedensten Edelsteine drin, das solltest du
eigentlich wissen!"
„Also
bitte, ich habe den Leuten, die ich gekillt habe Dinge abgenommen,
von denen träumen deine Schließfächer nur! Und was
ist mit dir, wie viel Geld hast du?", wandte sich Sedna an
Geratheon.
„Ach",
fing dieser an, „Geld interessiert mich nicht. Steht ganz unten auf
meiner Liste, auf Platz zwei oder sogar erst drei!"
„Auf
Platz zwei", fügte er nach kurzem Nachdenken, mehr zu sich
selbst, an.
Ablenkung
kam in Form von Yax´ Stimme von vorne: „Achtung, Krato
voraus! Alle bitte noch mal tief einatmen!"
Wie sie
letztendlich durch das tiefe Moor gelangten, wusste Notwen später
nicht mehr. Trotz Allem standen sie nun vor den Toren Dranars. Oder
was von ihnen übrig war.
„Diametral
zur Logik werden wir wohl da durch müssen, nicht wahr?",
fragte Vinyó.
„Diametral
zur Logik muss ich wohl ja antworten, nicht wahr?", fragte Notwen.
„Dann
spar ich mir die Frage", meinte Vinyó.
„Zu
spät…"
Sie
übersahen dem vielen Nebel wegen das Achtung, Nebel!-Schild und
schritten gedämpften Mutes durch den Stadteingang. Einzig Notwen
schienen die wogenden Wolken zu gefallen, aber Natla gaben sich ja
bekanntlich sehr leicht zufrieden.
„Hey, da
vorne ist Kurnotan", informierte sie Geratheon. „Wir könnten
doch mal Hallo sagen, oder?"
„Genau.
Und dabei könnten wir doch auch gleich testen, wie robust
Taruner sind…", beantwortete Yax die Frage.
„Ich
glaube, eine Begegnung lässt sich kaum vermeiden", unterbrach
sie Blanche und deutete auf Kurnotan, der den einzigen schmalen Weg
ins Stadtinnere versperrte.
„Dieser
Kretin!", rief Notwen aus.
„Hier
wird ja auf einem Niveau gejammert…", grummelte Chontamenti.
„Niveau
ist keine Handcreme", sagte Vinyó im Vorbeigehen.
„Gut
erkannt, Dr. Watson", meinte Yax und verdrehte die Augen.
„Danke,
Shelling Ford", bedankte sich Vinyó seinerseits.
Kurnotan entpuppte sich als freundlicher Katzenmotivsonnenblendschutzverkäufer und sie alle kauften aus Höflichkeit bei ihm ein. Nach Austausch einiger Geschäftsideen verabschiedeten sie sich und betraten kurz danach Delos. Geratheon und Abanderada grinsten, Ignotexx lächelte mild und ansonsten schien der Gemütszustand der Gruppe an den Gemütszustand Chontamentis gekoppelt zu sein.
Die Zeit
verging wie im Flug. Schon waren sie in Sutranien und überquerten
die urdanische Grenze. Bevor sie es gemerkt hatten, standen sie in
Kolun, der letzten Etappe dieser Reise. Sie blickten zur fernen
Hulnodarfestung hin. Sie erreichten die Brücke über den
Fluss Solarda, wo sie auf einen Arbeiter trafen, welcher sie
ansprach: „Ihr kommt hier nicht rein"
„Ich
fürchte doch", sagte Blanche.
„Ich
fürchte nein", sprach der Arbeiter.
„Ich
fürchte auch nein", sagte Chontamenti.
„Pessimist!",
schimpfte Yax.
„Pessimist?
Dann guck mal hinter dich", entgegnete Chontamenti. Nicht nur Yax
folgte seinem Rat. Als sie hinter sich sahen, erblickten sie den
Killertrupp Taruner von Videm Corume angeführt.
„Mensch,
Notwen, lange nicht gesehen!", meinte Videm freudestrahlend.
„Ich bin
kein Mensch", verbesserte ihn Notwen.
„Trotzdem
hast du unsere Abmachung eingehalten", staunte Videm.
„Gerade
deswegen"
„Ich
hatte das allerdings nie vor…"
„Damit
hatte ich gerechnet…"
„Wirklich?"
„Wirklich."
„Hm…und,
was hast du…", wollte Videm wissen.
„Achtung,
hinter dir", unterbrach ihn Blanche.
„Du
glaubst doch nicht ernsthaft, dass dieser Trick bei mir ziehen würde,
oder?", fragte der Magier verächtlich.
Blanche
zuckte mit den Schultern.
„Äh…",
brachte einer der Taruner hervor.
Videm
drehte sich schlussendlich doch um.
„Was?",
fragte er unnötigerweise.
Pasiphae
Lysithea stand hinter ihm, fröhlich mit einer Sandaxt winkend.
„Dann
bis später…", meinte Notwen nur und bedeutete den Anderen zu
gehen.
Eine halbe
Stunde später erreichten sie die Hulnodarfestung. Sie war in den
letzten Wochen stark umdekoriert worden und sah beinahe wieder wie
eine Festung aus. Zwei Kämpfer standen Wache und sahen sie
stirnrunzelnd an.
„Äh,
hallo, wir sind hier der Gerichtsverhandlung wegen, die gegen die
Geldfälscherbande", begann Notwen, wurde aber von einem der
Kämpfer unterbrochen:
„Der
Fall ist abgeschlossen, die Angeklagten wurden mangels an Beweisen
freigesprochen."
Danach
blieb er still und sah sie erwartungsvoll an, als erwarte er, dass
sie umdrehen und verschwinden würden.
„Abgesagt?",
vergewisserte sich Regley schließlich.
„Abgesagt",
bestätigte der Kämpfer nickend.
„Einen
Moment eben", meinte la Vaca, ging um die nächste Ecke und
Sekunden später hörte man ein Geräusch, als ob ein
Schwert an massivem Stein zersplitterte.
„Mir geht's prima",
beteuerte la Vaca als er um die Ecke bog. „Ich möchte ja nicht
unhöflich sein…", begann er.
„Was du
sicherlich sein wirst", warf Regley ein.
„…aber
kann es sein, dass wir den ganzen Weg umsonst gelaufen sind?",
fragte la Vaca und schrie die letzten drei Worte beinahe.
„Sei
doch froh, für Ignotexx bedeutet das sogar das Todesurteil",
erklärte Chontamenti.
„Du hast
eine wunderbare Art, jemanden aufzuheitern", stimmte Sedna zu.
„Dann
schätze ich mal, es ist Zeit sich zu verabschieden",
unterbrach Geratheon fröhlich.
Ihn
schienen die Rückschläge nicht im Geringsten gestört
zu haben.
„Ich verkauf euch Zauberkugeln und wir verschwinden,
bevor diese übel gelaunten Kunden hier auftauchen", meinte er
strahlend und deutete auf die herannahende Meute Taruner.
Anscheinend
hatte Lysithea sie nicht allzu lange aufhalten können und war
auf die Art verschwunden, die sie hoffentlich auch gleich benutzen
würden.
„Also, eine Zauberkugel für zehn Goldmünzen
oder als Sonderangebot drei Zauberkugeln für vierzig
Goldmünzen!"
„Dann
elf mal eine…", meinte Regley.
„Das
macht dann einhundertzehn Goldmünzen", erklärte
Geratheon.
„In
Ordnung", stimmte Regley zu.
„Nicht
so, ihr müsst handeln!", grinste Geratheon, während die
Taruner immer näher kamen.
„Dann
einhundert Goldmünzen!", sprang Yax ein.
„Einhundertfünfzig!"
„Gekauft!",
rief Regley und im sprichwörtlich allerletzten Moment verschwanden sie.
Vielleicht ist es angebracht, zu erzählen, dass Ignotexx die nächsten zwei Wochen überlebte. Notwen, der schon das nächste unheilvolle ´Abenteuer´, wie Abanderada es nannte, hervorbeschwor, hatte erneut einen abstrusen Plan zurechtgelegt. Nun, mangels Alternative, sollte sich diesem Plan nun zugewandt werden. Daher wird es wohl Zeit, die geheime Schlüsselfigur vorzustellen…
Cygnus Veracruz war ein Arbeiter. Zumindest stand das in seiner Personalakte. Eigentlich war er ein Zauberer, aber da er seine Arbeit so sorgfältig erledigte, wurde er oft als Arbeiter bezeichnet. Cygnus stand früh am Morgen auf, aß stets dasselbe Frühstück und verließ pünktlich um halb acht das Haus, um sich drei Blocks weiter in der Markthalle einzufinden. Er achtete darauf, nicht zu kleine Schritte zu machen, wechselte stets im selben Augenblick wie immer die Straßenseite, erschien Punkt Acht in seinem Büro um mit der Arbeit, größtenteils Verwaltungsaufgaben wie die Bewältigung von Großaufträgen, also meist Zauberkugeln, zu beginnen. Er machte pünktlich Pause, erledigte alle Aufgaben in der vorgeschriebenen Zeit. Nicht zu schnell, aber eben pünktlich. An sich war Pünktlichkeit die oberste Devise zu sein. Pünktlich trank Cygnus seinen Koloakaffee aus und pünktlich machte er sich wieder an die Arbeit. Pünktlich verließ er das Büro und pünktlich aß er zu Hause sein Essen. Pünktlich spielte er seine Partie Schach, pünktlich las er sein sorgfältig ausgewähltes Buch fertig und pünktlich legte er sich schlafen. Cygnus Veracruz´ Leben verlief genauso, wie dessen Eltern es geplant hatten und in schnurgerader Linie auf die Endstation, eine Holzkiste in Ruward zu. Da half kein Bahnstreik oder Sonstiges. Wahrscheinlich durfte man Cygnus auch zu den wenigen Menschen auf der Welt zählen, die den alten Mann in Konlir in Frieden ließen und auch den Geist der Welt nur zu einem Teekränzchen und vielleicht einer Partie Halma oder Backgammon getroffen hatten.
Doch trotz dieses sterilen, geplanten, sorgfältigen und nicht zuletzt pünktlichen Lebens, wusste Cygnus, dass er anders war. Er war etwas Besonderes, zu großen Taten vorhergesehen, ein Abenteurer, Weltenbummler, Lebensfroher. Natürlich lag er falsch. Es lagen nicht wirklich große Taten vor ihm, Abenteuer gab es nur im Märchen und in … Abenteuerfilmen, die Welt war schon komplett erkundet worden und das Nomen Lebensfroher steht nicht im Duden. Wie dem auch sei, Cygnus´ Visionen würden sich allesamt als falsch herausstellen. Das heißt aber nicht, dass er für ewig in diesem Büro in Konlir festsitzen würde…
Ja, Cygnus´ Leben war zweifelsohne langweilig und ja, tief in seinem Inneren war er sehr oberflächlich und wusste, dass es so nicht weitergehen konnte. Fatalerweise schien es so weiterzugehen. Daran sollte also schnell etwas geändert werden. Nur wie?
La Vaca wandte sich kopfschüttelnd ab. Er und Gaga beobachteten Cygnus nun schon seit geraumer Zeit. Blanche hatte ihnen aufgetragen, alles, aber auch wirklich alles über den merkwürdigen Zauberer in Erfahrung zu bringen. Sie hatten jetzt ein punktgenaues Abbild seiner täglichen Tätigkeiten, während Yaxva und Chontamenti ein psychologisches Profil erstellt hatten. Regley hatte sämtliche Beziehungen ausgenutzt, um ebenfalls sämtliche offiziellen Daten der Kommunen herbeizusammeln. Abanderada hatte währenddessen DNA-Spuren in Cygnus Veracruz´ Wohnung gesammelt und Notwen und Blanche hatten, wie so oft, einen Plan ausgearbeitet, den sie, wie so oft, niemandem verraten wollten.
Wie nicht
anders geplant, ging Cygnus zwei Wochen später mit seinem neuen
Arbeitskollegen in der Mittagspause in das nahe gelegene Cafe
´Simplicissimus´. Der Arbeitskollege stand nach einem
kurzen Gespräch auf und verließ das Cafe. Er ging in den
nahe gelegenen Park, wo er auf einen Arbeiter traf. Der
Arbeitskollege von Cygnus ergriff das Wort:
„Hätten sie
vielleicht Feuer?"
Der Arbeiter starrte ihn nur verständnislos
an.
„Feuer, für meinen Sargnagel, meine ich", fuhr er fort.
Der Arbeiter schien aus seiner Trance gerissen.
„Was? Oh, ja, ja,
natürlich…"
Der Arbeitskollege, der, um Platz zu sparen, von
nun an mit seinem – einigermaßen – richtigen Namen Sedna
Kalyke genannt werden wird, fuhr fort:
„Wissen sie, da wo ich
herkomme, werden ungewollte Personen in der Umgebung einfach
erstochen", insistierte er.
Und während er das sagte, landete
ein kleines Messer direkt an seinem Bestimmungsort, nämlich im
Herz des Arbeiters.
Dieser löste sich augenblicklich in Luft
auf. Kopfschüttelnd ging Sedna in das Cafe ´Simplicissimus´
zurück.
Er sprach den erwartungsvoll blickenden Cygnus an:
„Sie
hatten Recht, sie wurden verfolgt…"
„Verdammt. Das war's dann
wohl…", meinte Cygnus.
„Ach was, ist alles geregelt",
beruhigte ihn Sedna, während er den ´Konlir-Kurier´,
das Tagesblatt von Konlir aufschlug.
„Geregelt?", wollte Cygnus
wissen. „Wie meinen sie das geregelt?"
Sedna blickte kurz auf.
„Der Arbeiter, der sie verfolgt hatte, ist tot", meinte er nur
und blätterte zu den Börsenkursen um.
„Tot? Das große
tot?", fragte er entsetzt.
„Meine Güte, der Teidam-Kurs ist
wieder um zwölf Prozent gefallen! In was für einer
beschissenen Welt leben wir eigentlich?", rief Sedna aus, während
hinter ihm eine große Sieben aufblinkte.
„Das ist doch jetzt
egal, verdammt, was meinen sie mit tot?", drängte Cygnus, am
Rande eines Nervenzusammenbruchs.
„Nein, hier steht's, mein
Freund. Zwölf Prozent!", meinte Sedna und reichte die Zeitung
an Cygnus weiter. Dieser warf sie auf einen Stuhl neben ihm und sah
Sedna erwartungsvoll an.
„Ich hab ihn in den Park gelockt und
erstochen. Zufrieden?", fragte Sedna schlussendlich. Die
Zufriedenheit von Cygnus hielt sich in Grenzen der Semiklasse.
„Wer
war der Kerl?", wollte er wissen, nachdem er sich etwas beruhigt
hatte und, was wohl ausschlaggebend war, nach einigen Gläsern
Taunektarbier.
„Keine Ahnung, guck nach…", sprach Sedna und
legte die Brieftasche des Arbeiters auf den Tisch. Cygnus schaute sie
sich an. „Meine Güte, den Arbeiter kenne ich!", sagte er
nach einer Weile.
„Kannte", verbesserte Sedna ihn.
„Das ist so
ein Kerl namens Jiko Gaga, ziemlich beschränkt. Hätte ich
nicht gedacht…", murmelte Cygnus.
Weiter
südlich trafen sich Yaxva und Vinyó mit Notwen.
„Ihr
seid spät", meinte Notwen. „Wir wollten uns um 15:00 Uhr
treffen."
„Um
15:00 Uhr?", fragte Vinyó.
„Ich hab
nie was von 15:00 Uhr gesagt", meinte Yax kopfschüttelnd.
„Ich hab
16:00 Uhr gesagt", meinte Vinyó.
„Stimmt,
16:00 Uhr", bestätigte Yax.
„Jetzt
ist es kurz nach 18:00 Uhr", sagte Notwen.
„Wer hat
dann was von 15:00 Uhr gesagt?", wollte Vinyó wissen.
„Ich",
beantwortete Notwen die Frage.
„Schön",
sagte Yax.
„Ihr
werdet nicht glauben, was ich zu sagen habe…", begann Notwen.
„Warum
also sollten wir zuhören? Wo waren wir gerade?", wandte sich
Yax an Vinyó.
„Oh Mann
Yax, manchmal kannst du echt lustig sein…"
„Danke"
„…und
dann gibt es Momente wie diese…"
„'Tschuldigung…"
„Soeben
hat mir la Vaca berichtet, dass unser Hauptinvestor…"
„Unser
einziger Investor…", warf Vinyó ein.
„…entführt
worden ist. Er soll im Tal der Ruinen sein, zusammen mit seinem
Entführer, der, nebenbei bemerkt, von unserem Natla-Freund im
Haus der Aufträge angestiftet wurde."
„Wie
überraschend", bemerkte Vinyó.
Unbeirrt
fuhr Notwen fort: „Wir müssen ihn befreien, und zwar sofort,
denn wir haben, wie ihr wisst, keine Zeit."
„Wir
werden doch nicht für solche unsinnigen Aktionen bezahlt…",
maulte Yax.
„Wir
werden überhaupt nicht bezahlt, falls wir unseren Sponsor nicht
befreien", meinte Notwen.
„Na ja,
dieses Argument spricht meine sentimentale Seite an…"
„Und wer
hilft uns dabei?", wollte Vinyó wissen.
„Niemand.
Wir drei sind auf uns gestellt. Die anderen Gruppenmitglieder haben
zu tun."
„Ein
Natla, ein Magier und ein Zauberer sollen jemanden befreien? Und du
meinst ich wäre lustig?", grummelte Yax.
Nicht ganz
zwei Stunden später standen sie im Tal der Ruinen vor einer
lausig getarnten Höhle, in der sich neben Videm Corume
wahrscheinlich auch ein lausiger Geiselnehmer versteckte.
„Äh…auf
Los geht's los!", meinte Notwen nur und gestikulierte zum Eingang
hin, in den Yax unbeirrt schritt.
Vinyó schien ihm nach dem
Motto: ´ Wenn schon Sterben, dann richtig! ´ zu folgen.
Drinnen wurden Yax von einem Brandzauber getroffen. Vehement um sich
blickend sammelten sich Yax, Vinyó und Notwen in dem Raum.
Videm sah sieh leicht erstaunt an, deutete aber nur zum Höhleneingang
und meinte:
„Da ist er lang. Schach Matt, übrigens."
„Schach
Matt?" fragte Notwen.
„Ja,
unsere letzte Partie", erklärte Videm und deutete auf das
Schachbrett vor ihm. „Er hat mich Schach Matt gesetzt."
„Hinterher!",
fügte er nach einer Pause hinzu und die drei verschwanden und
ließen ihn zurück.
Sie
verfolgten den ominösen Entführer bis zum Wasserfall im
Norden, aus welchem er, ohne sich selbst im reißenden Strom
umzubringen, nicht entkommen konnte. Gerade als sie um einen
Felsblock bogen, sahen sie den Verfolgten. Er, ein Serum, starrte sie
entgeistert an. Im selben Moment, in dem Vinyó seinen Zauber
zum Einsatz bringen wollte, wurden er, Yax und Notwen von
Brandzaubern getroffen. Grinsend gesellte sich Videm neben den Serum
und gab demselben einen väterlichen Schubs, der den Entführer
über die Klippe in den Wasserfall beförderte. Fluchend
richteten sich Yax und Vinyó auf, ließen aber von dem
Plan, Videm auf der Stelle zu ermorden ab, da Notwen sie warnend
ansah.
„Kein
Geld, wenn wir ihn töten…", erinnerte er sie. Plötzlich
schien Notwen jedoch etwas erblickt zu haben, denn er warf einen
hastigen Blick hinter Videm.
„Achtung!",
rief er und dieses Mal erhörte Videm seine Warnung und blickte
nach hinten, nur um einen Goldkrebs zu sehen, der sich gerade an
Videm festhakte und ihn in den Wasserfall riss.
Verunsichert blickten
die drei Verbliebenen über die Kante der Klippe, sahen aber
nichts außer Wasser.
„Könnten wir das Geld nicht auch
anders beschaffen?", fragte Yax seine beiden Gefährten.
„Ich
sehe nur eine einzige Möglichkeit…", meinte Notwen nach
kurzem Überlegen.
„Nicht wirklich, oder?", wollte Vinyó
zweifelnd wissen.
„Doch…", antwortete Notwen und schubste die
beiden Streithähne über die Kante, nur um einen Bruchteil
später zu folgen.
Fluchend
stapften Notwen, Vinyó und Yax am Fuße des Wasserfalls
in Konlir aus demselbigen.
„Weißt du", begann Vinyó,
„bei dir kann man prima Toleranz erlernen!"
„Wie war
das jetzt gemeint?", fragte Notwen ruhig.
Yax unterbrach die
anderen. „Wir haben hier wohl ein kleines Problem…"
Als sie
sich umblickten, sahen sie den Serum, der schimpfend am Boden lag,
Wasser in fast allen Richtungen, aber keine Spur von Videm.
„Er ist
doch nicht…", begann Vinyó.
„Doch",
meinte Yax.
„Genau das…"
