10. Kapitel
Der nächste Morgen brachte eine dunkle Vorahnung des kommenden Winters, es war schneidend kalt und auf den Rasenflächen des ehemaligen Palais Royals lag Reif, der sich aber unter den bleichen Strahlen der Sonne bald wieder verflüchtigte. Kardinal Mazarin stand am Fenster seines Kabinetts und war tief in Gedanken versunken, als sein Sekretär Bernouin nach leisem Anklopfen gemessen in das Zimmer trat:
„Verzeiht, Eminenz, doch Monsieur d'Artagnan verlangt dringend danach, Euch zu sprechen." Ohne sich umzuwenden, sprach Mazarin:
„Lasst ihn eintreten" und während der Sekretär dem wartenden Leutnant Bescheid gab, setzte sich der Minister mit müden schweren Bewegungen hinter seinen Schreibtisch. Als aber Leutnant d'Artagnan eintrat, war nichts mehr von der vorhergehenden Schlaffheit in dem glatten verbindlichen Lächeln des Kardinals zu erkennen, leutselig begrüßte er den Eintretenden und fragte ihn sogleich nach seinem Begehr.
„Monseigneur, es handelt sich um den jungen Engländer, Mordaunt, auf den ich nach Eurem Wunsch etwas Acht geben sollte", begann d'Artagnan etwas zögerlich, woraufhin der Kardinal sogleich lebhaft den Kopf hob und ihm ein Zeichen machte, dass er rasch fortfahren möge.
„Es ist mir gelungen, mit ihm ein wenig bekannt zu werden und ich muss gestehen, dass ich den Verdacht hege, der junge Mann möchte sich an den hiesigen Umtrieben, die sich gegen den jungen König richten, beteiligen." Das glatte Lächeln verschwand für einen Moment von den Zügen des Kardinals und er erbleichte sichtlich, als aber d'Artagnan angesichts dieser Regung stockte, zwang er das Lächeln wieder hervor und bedeutete d'Artagnan, in seinem Bericht fort zu fahren.
„Es ist nicht ausgeschlossen, dass dieser Mordaunt die sogenannte Fronde durch militärische Hilfe stärken möchte, da er, wie er angab, über gewisse Erfahrungen in diesem Bereich verfügt. Wie weit diese indes gehen, vermag ich Euch nicht zu sagen, doch wünschte er einigermaßen nachdrücklich mit der Garde, das heißt, mit der Kompanie der Musketiere etwas vertrauter zu werden, da er sich nicht zu erklären vermag, wieso diese einen so guten Ruf weit über die Landesgrenzen hinaus hat. So sagte er es mir."
„Was habt Ihr ihm darauf erwidert?", fragte Mazarin und wischte sich mit einem Tüchlein verstohlen über das heiße Gesicht.
„Ich gab ihm die Erlaubnis dazu, selbstverständlich werde ich darauf achten, dass er die Dinge, die geheim bleiben sollen, wie die Wachaufstellung oder Patrouillen, nicht erfährt. So kann ich herausfinden, was er wissen möchte und daraus Schlüsse über sein Vorhaben hier in Paris ziehen."
„Das ist gut, das ist sehr gut", murmelt der Kardinal etwas gedankenverloren und ihm schauderte bei dem Gedanken, möglicherweise bald das mächtige England auch noch gegen sich zu wissen, mit seinen revolutionären Ereignissen, die selbstverständlich auf alle europäischen Königshäuser düstere Schatten warfen. Schon bereute er es, diesem Boten Cromwell überhaupt erlaubt zu haben, hier einzudringen und ihm den Brief zu übergeben, er wünschte sich, er hätte ihn nie gesehen und nie diesen Brief gelesen, der ihn verpflichtete, nichts zu Gunsten des englischen Königs zu unternehmen. Nach einem Moment des Schweigens sah er wieder auf und fragte:
„Wie steht es in der Stadt, Monsieur? Das Volk ist immer noch unruhig?"
„So ist es, Monseigneur, doch seid unbesorgt: Das Volk wird es nicht wagen, das Palais anzuzünden und selbst wenn es einige Dummköpfe geben sollte … Ein wenig Blei in ihren Bäuchen wird sie wieder zur Vernunft bringen."
„Wenn das so ist, Monsieur d'Artagnan, dann brauche ich Euch vorläufig nicht mehr. Ihr könnt gehen." Mit einer kurzen Verneigung verabschiedete sich der Leutnant der Musketiere und verließ, mit einem kleinen spöttischen Lächeln auf den Lippen, das Zimmer. Mazarin zitterte vor Angst vor des Pöbels Wut und er, d'Artagnan, war dadurch unentbehrlich für den Kardinal. Mit der denkbar besten Laune begab er sich wieder in das Arbeitszimmer zu seinem Hauptmann und empfand im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen in diesem Gebäude eher Freude, als draußen vor den Toren des Palais' wieder die Rufe erklangen:
„Nieder mit Mazarin! Fort mit dem räuberischen Italiener!"
Höchst zufrieden mit sich und der Welt wollte er sich in sein Arbeitszimmer begeben, nachdem er die Wachen an den Toren kontrolliert hatte, doch zu seinem Erstaunen sah er Bernouin im Vorzimmer des Hauptmannes stehen.
„Wollt Ihr zu mir?" Bernouin nickte und reichte dem Leutnant ein zusammengerolltes Dokument, welches mit dem Zeichen des Kardinals versiegelt war. Rasch schlitzte d'Artagnan das Wachs auf, entfaltete die Rolle und überflog die wenigen Zeilen. Sein Gesicht verfinsterte sich und er stand einen Moment tief in Gedanken versunken. Dann raffte er sich auf.
„Es ist gut, ich werde alles so erledigen, wie es Seine Eminent wünscht." Er machte nach diesen Worten auf den Absatz kehrt und bat seinen Hauptmann unter Vorweisen der Schriftrolle um einen kurzen Urlaub, der ihm auch sofort gewährt wurde.
Eine sanfte kühle Hand legte sich auf Mordaunts Stirn, er lächelte dankbar im Halbschlaf und fuhr plötzlich zusammen, als unten im Haus eine Tür zugeschlagen wurde. Blinzelnd schlug er die Augen auf, geblendet von der Helligkeit im Zimmer und erkannte Anne, die an seinem Bett saß und die Hand wegzog, als er sich unwirsch knurrend auf den Bauch drehte und sein Gesicht im Kissen verbarg.
„Es ist schon sehr spät", sagte sie vorsichtig und fuhr fort, als er lediglich mit einem Grunzen antwortete, „Wollt Ihr nicht langsam aufstehen? Wir müssen uns auch für die Abreise vorbereiten. Wann seid Ihr gestern überhaupt nach Hause gekommen und wo wart Ihr? Ich habe mich sehr gesorgt, als ich bemerkte, dass Ihr nicht mehr da seid."
Ein tiefes undeutliches Brummen war die Antwort und er vergrub sich noch tiefer in sein Kissen.
„Leider habe ich Euch gerade nicht verstehen können", bemerkte die junge Dame leicht verärgert und zog Mordaunt das Kopfkissen weg. Ächzend richtete er seinen Oberkörper auf und antwortete sehr heiser:
„Ich war mit dem Grafen de Wardes noch einmal weg."
„Seid Ihr krank?", fragte sie erschrocken, „Ihr hört Euch ganz schrecklich an. Habt Ihr Euch erkältet?" Nach einem längeren Blick in sein verquollenes Gesicht ging ihr auf, was mit ihm los war, was auch den schalen Alkoholdunst endlich erklärte, den sie mit Erstaunen im Zimmer wahrgenommen hatte.
„Ihr habt getrunken?" Gleichermaßen überrascht und angeekelt erhob sie sich, um mit einem schwungvollen Öffnen der Fenster Mordaunts ermüdete Lebensgeister wieder zu wecken. Zu seiner eigenen Verwunderung tat ihm die kalte Morgenluft wohl, obgleich er das niemals zugegeben hätte und sobald sie mit dem Hinweis auf das seiner harrende Frühstück das Zimmer verlassen hatte, verließ er nicht ganz so rasch wie sonst das Bett, um eine flüchtige Wäsche vorzunehmen und sich zu rasieren.
Nachdem er sich äußerlich einigermaßen wieder hergestellt und etwas zu sich genommen hatte, besuchte er Anne in ihrem Zimmer, wo sie einen Brief schrieb, welchen sie jedoch bei seinem Eintritt rasch unter einem Stapel Blätter verbarg.
„Wie geht es Euch?", fragte sie leicht spöttisch, ohne sich umzudrehen.
„Danke, gut, und Euch?", fragte er gleichgültig zurück und vermied es, ihr ins Gesicht zu sehen.
„Ihr wart also mit Monsieur de Wardes fort? Und er hat Euch zum Trinken gebracht?", erkundigte sie sich nun gleich mit scharfer Stimme. Wie ein trotziges Kind schwieg er und schaute auf den Boden, während eine leichte Röte in seine blassen Wangen stieg.
„Wisst Ihr, John-Francis, es könnte mir eigentlich herzlich gleichgültig sein, wo Ihr Euch herumtreibt und mit wem, doch ich möchte Euch noch einmal daran erinnern, dass unser Auftrag hier in Paris zu Ende ist und wir folglich nach England zurück kehren müssen, zumal", sie streifte seine schlaffe und gebeugte Erscheinung mit einem kritischen Blick, „Euch die hiesigen Weine nicht allzu gut zu bekommen scheinen." Als er auch hierzu nichts zu antworten wusste, fuhr sie bissig fort:
„Es scheint Euch wenig zu berühren, dass wir schon seit gestern wieder in England hätten sein können, Ihr somit Euren Auftrag nicht besonders gut erfüllt habt. Es wird Zeit, dass wir zurückkehren. Dieser Tag wird der letzte hier in Paris gewesen sein."
„Ihr irrt Euch, wenn Ihr glaubt, mir befehlen zu können", antwortete Mordaunt schließlich rau, nachdem er mehrere Male zu sprechen angesetzt hatte. „Wir bleiben so lange, wie ich es bestimme und wenn Euch das so sehr missfällt – bitte, es steht Euch frei, allein nach England zu reisen. Schließlich habe ich noch Einiges zu erledigen und Ihr werdet mich bestimmt nicht daran hindern."
„Wenn Eure Vorhaben sich darauf beschränken, mit de Wardes alle Spelunken Paris' aufzusuchen, möchte ich Euch natürlich nicht im Wege stehen", gab sie spitz zurück, woraufhin er ihr einen sehr bösen Blick zuwarf, den sie ebenso erwiderte, wenn ihr auch das Herz heftig klopfte und sie nicht wusste, wohin diese Auseinandersetzung führen würde. Vorerst aber schwieg er wieder nur und starrte vor sich hin. Als sie, etwas ruhiger und leiser, wieder anheben wollte zu sprechen, verließ er kurzerhand ihr Zimmer.
„Was ist?" Sie eilte ihm hinterher und folgte ihm in sein Zimmer, wo er Mantel und Stiefel anzog.
„Wo wollt Ihr hin?", fragte sie mit Angst in der Stimme, was ihm aber entging.
„Ich möchte Euch lediglich von meiner Gegenwart befreien, meine Teuerste." Etwas ungeschickt, da ihm die Hände vor Wut zitterten, schnallte er seinen Degen um und stapfte die Treppe hinunter, um auf der Straße, wie sie mit einem Blick durch das Fenster feststellte, den Weg zum Marktplatz hinunter zu gehen. Unentschlossen und verwirrt blieb Anne im Zimmer zurück. Sollte sie ihm folgen oder ihn gewähren lassen? Es war unwahrscheinlich, dass sie ihn jetzt noch einholte, so schnell, wie er gegangen war, außerdem würde sie ihn in dem Gewühl auf der Straße sofort aus den Augen verlieren. Sie würde auf ihn warten, einmal musste er ja zurückkommen, schließlich waren all seine Sachen hier. Mit diesem Gedanken beruhigte sie sich einigermaßen und setzte sich wieder an ihren Schreibtisch, um den Bericht an General Cromwell fertig zu stellen, wenngleich sie hin und wieder besorgte Blicke auf die Uhr warf oder aufstand, um auf die Straße zu blicken.
Leutnant d'Artagnan unterdessen begab sich nach dem Gespräch mit Bernouin umgehend zum Grafen de La Fère. Dieser kam seinem Freund nach Grimauds Anmeldung erstaunt entgegen
„Monsieur, ich freue mich, Euch so schnell wieder zu sehen, wenn ich auch zugeben muss, dass ich nicht so bald mit Euch gerechnet habe." Herzlich ergriff er d'Artagnans Hände und stutzte, als er in dessen angespanntes Gesicht blickte.
„Setzt Euch doch", forderte der Graf ihn auf und d'Artagnan kam diesen Worten augenblicklich nach.
„Es ist etwas Ungewöhnliches, weswegen ich zu Euch komme, Monsieur le comte, und ich weiß auch nicht, ob es rechtens ist, was ich tue. Oh, vielen Dank, Grimaud", wandte sich d'Artagnan an den Diener, der auf ein unmerkliches Handzeichen seines Herrn hin dem Gast heißen Wein gebracht hatte, denn d'Artagnans Gesicht war von der scharfen Luft draußen gerötet und er rieb beständig seine kalten Hände aneinander, um sie zu erwärmen. Vorsichtig nippte er und legte die eiskalten Finger um das Glas, während er fortfuhr, zu sprechen.
„Vorhin habe ich Monseigneur über unseren undurchsichtigen Freund, den Puritaner, Bericht erstattet, da dieser gestern von mir dringend wünschte, näher mit den Musketieren in Berührung zu kommen." Als de La Fère erstaunt die Augenbrauen hob, beeilte sich d'Artagnan, weiter zu sprechen.
„Natürlich war ich über dieses Anliegen überrascht und Ihr wisst, dass es meine Überzeugung ist, dieser Engländer sei auf Seiten der Fronde, was sich für mich mit der Forderung, mehr über die Musketiere heraus zu bekommen, nur bestätigt hat."
„Aber weitere Beweise habt Ihr nicht?"
„Nein. Nun, der Kardinal schien es zufrieden zu sein, schickte dann aber Bernouin mit einem schriftlichen Befehl zu mir und verlangte die Verhaftung Monsieur Mordaunts." Verblüfft sah der Comte seinen ehemaligen Kameraden an. „Wisst Ihr, woher dieses Verlangen des Kardinals resultiert?"
„Ich kann nur mutmaßen, doch erschien mir der Kardinal bereits während des ersten Gesprächs sehr beunruhigt über die Möglichkeit, dass die Fronde durch diesen Mordaunt, und somit auch durch England, verstärkt wird und vielleicht verspürte er deswegen den Wunsch, dieser Gefahr durch eine Verhaftung zuvorzukommen."
„Das ist höchst unklug von Seiner Eminenz", bemerkte de La Fère mit gerunzelter Stirn, „sagtet Ihr mir nicht, dieser Mordaunt sei englischer Botschafter?"
„So ist es und deswegen wünschte Monseigneur, dass ich die Verhaftung allein vornehme."
„Glaubt Ihr, alleine nicht im Stande zu sein, die Verhaftung ohne Aufsehen zu bewältigen?", fragte der Graf verblüfft, der sich d'Artagnans Aufregung immer noch nicht erklären konnte.
„Natürlich nicht", gab dieser ärgerlich zurück, „aber versteht Ihr nicht, wenn ich ihn verhafte, habe ich nichts gewonnen. Der Kardinal wird „Gut" sagen und mir vielleicht eine Münze in die Hand drücken, die Beförderung bleibt aber aus."
„Ich verstehe", de La Fère konnte ein Lachen kaum unterdrücken, „Ihr habt gehofft, eine Staatsintrige von Seiten Englands aufdecken zu können, wenn Ihr diesen Mordaunt nur lange und aufmerksam genug beobachtet und nun zerschlägt sich dieser Traum an der Anordnung des Kardinals."
Aufgebracht über diese Worte setzte d'Artagnan hart das Glas auf den Tisch, sprang auf und stampfte im Zimmer umher.
„Ihr habt gut reden, Athos! Was wisst Ihr denn von meinem Leben als Leutnant? Das war es nicht, was ich mir gewünscht habe, als ich vor zwanzig Jahren Musketier wurde. Leutnant! Ein kleiner Leutnant ohne Aussichten auf eine Beförderung, nicht einmal auf regelmäßigen Sold kann ich rechnen! Und nun hätte sich endlich nach zwanzig Jahren die Möglichkeit geboten, eine Chance, auf die ich jahrelang gewartet habe, wieder von mir reden zu machen und dann kommt mir dieser alberne Italiener dazwischen und verdirbt alles!" Ein Husten, welches das Lachen des Grafen verbergen sollte, ließ den tobenden Leutnant herumfahren und einen misstrauischen Blick auf de La Fère werfen.
„Bitte setzt Euch wieder und führt Euch wie ein erwachsener Mann auf", gebot der Comte mit strenger Stimme, wenn auch das Lächeln nicht ganz aus seinem Gesicht verschwunden war, was dem erregten d'Artagnan aber entging.
„Was Ihr da von Euch gebt, ähnelt eher den Litaneien und Klagen eines Wirtes, der um seine Zeche geprellt wurde, als den Worten eines erfahrenen Soldaten." Mit einer Handbewegung ließ er d'Artagnan verstummen, als dieser wieder auffahren wollte.
„Ich kann verstehen, dass Ihr enttäuscht seid, doch bin ich überzeugt, dass Ihr Seine Eminenz zur Dankbarkeit noch verpflichten werdet, wenn auch nicht durch diesen ominösen Engländer, sondern vielmehr, indem Ihr das tut, was seit Jahren Eure Berufung ist: Ihr seid verantwortlich für den Schutz der zukünftigen Majestät, des Dauphins und der Königinmutter, und ich bin überzeugt, dass Ihr Euch dort künftig noch hervortun werdet. Noch ist es still in Paris, doch bin ich sicher, es handelt sich vielmehr um die Ruhe vor dem Sturm als um eine erfolgreiche Zurückdrängung der Aufständischen durch ein paar Salven."
Während dieser kleinen Rede hatte d'Artagnan den älteren Freund immer wieder unterbrechen wollen, nun, als dafür Gelegenheit war, schwieg er und starrte den Grafen an. Mühsam musste er sich zurückhalten, heftige Worte zu erwidern, schließlich war de La Fère nicht mehr Soldat, lebte ruhig und beschaulich auf seinem Gut mit Raoul und hatte dem ereignisreichen und turbulenten Stadtleben in Paris entsagt. Er kam nur noch durch Hörensagen damit in Berührung und hatte folglich auch kein Wissen über die Pläne und Ziele des ehrgeizigen Leutnants. Dennoch musste der Leutnant einsehen, dass etwas Wahres an den Worten des Grafen war und er war ehrlich genug, sich dies einzugestehen.
„Möglich, dass Ihr recht habt, Monsieur, doch müsst Ihr auch mir zustimmen. Was bleibt mir, wenn Mordaunt verhaftet ist? Warten auf den Aufstand und darauf hoffen, dass sich mir eine Gelegenheit bietet, in der ich mich beweisen kann?"
„Warten wir nicht immer alle auf irgendeine Gelegenheit?", fragte de La Fère weise zurück und erhob sich, um abrupt das Thema zu wechseln. „Mein lieber d'Artagnan, wäre es Euch Recht, wenn ich Euch auf Eurem kleinen Ausflug zu Monsieur Mordaunt begleite? Es wäre mir nicht uninteressant zu sehen, wie er auf seine Verhaftung reagiert, möglicherweise lassen sich dadurch Schlüsse auf sein Vorhaben hier ziehen?"
„Ihr wollt mich tatsächlich begleiten?", fragte d'Artagnan erfreut und schien die harten Worte des Grafen bereits wieder vergessen zu haben. „Natürlich habe ich nichts dagegen, ganz im Gegenteil."
„Vielleicht ergibt sich auch eine Möglichkeit, herauszufinden, welche Rolle die junge Lady in dieser Angelegenheit gespielt hat", warf de La Fère ein.
„Ja, vielleicht. Sie scheint ja doch sehr vertraut mit Monsieur Mordaunt, sie könnte seine Komplizin sein."
„Wenn ich auch ehrlich gestehen muss, dass mir der Gedanke, dieser Mann könnte ein Geschöpf der Fronde sein, immer noch unpassend erscheint. Immerhin gibt es dafür keinerlei Beweise, außer, dass er den Reden eines Frondeurs gelauscht hat, wie Ihr gesagt habt, was aber sogar mir mit Raoul widerfahren ist, schließlich gibt es diese Redner an jeder Ecke."
„Warum sonst sollte er versuchen, sich der Kompanie der Musketiere zu nähern?", fragte d'Artagnan, nicht sehr erbaut über die Worte, die seine schöne Theorie über Mordaunt ins Wanken brachten.
„Wer weiß. Vielleicht möchte er selber Musketier werden."
„Das wird schwer werden. Ich lasse doch nicht zu, dass Engländer den König von Frankreich beschützen."
De La Fère machte dem in diesem Moment eintretenden Grimaud ein Zeichen, dass er noch einmal fort müsse und ließ sich seinen Mantel bringen, wobei er d'Artagnan entgegnete:
„Engländer ist gut. Wenn Ihr es nicht besser wüsstet, hättet Ihr nie geahnt, dass Monsieur Mordaunt Engländer ist, sein Französisch ist bemerkenswert gut, er spricht so akzentfrei, als wäre es seine Muttersprache, was bei der Lady nicht der Fall ist."
Gemeinsam verließen die Herren nun das Haus, nachdem der Graf eine Nachricht für Raoul hinterlassen hatte, da dieser Madame de Chevreuse, seiner leiblichen Mutter, einen Besuch abstattete und verwundert wäre, wenn er den Grafen bei seiner Rückkehr nicht zu Hause antreffen würde.
„Ihr wisst, wo Monsieur Mordaunt wohnt?", erkundigte sich de La Fère und passte sich d'Artagnan an, der sehr rasch ausschritt und die Hände tief in seine Taschen vergrub.
„Es ist nicht weit von hier, der Kardinal hat es mir geschrieben."
Schweigend liefen sie die Straße hinunter und mussten zuweilen voll beladenen Karren ausweichen oder Händlern mit ihrem umfänglichen Bauchläden. Die Sonne war höher gestiegen, doch sie hatte keine Kraft und wurde immer wieder von blassen Wolkenschleiern verdeckt, die ein leichter Wind über den Himmel trieb.
De La Fère dachte an den Vicomte und wie dieser darauf reagieren würde, wenn er erführe, dass Monsieur Mordaunt verhaftet sei und er somit auch nicht mehr mit der Dame zusammen treffen dürfte. Im tiefsten Innern empfand der Graf bei diesem Gedanken Erleichterung. Es hatte ihm missfallen, wie Raoul seinem Entzücken über die Dame so deutlich Ausdruck gab und wenn er ehrlich war, gefiel ihm die kleine Louise de la Vallière doch noch besser als die Engländerin, wenn er auch sonst Mademoiselle de la Vallière wenig schätzte. Aber diese hatte keinen eifersüchtigen Begleiter, bisher wenigstens noch nicht.
Der Graf schrak aus seinen Gedanken auf, als d'Artagnan plötzlich inne hielt, denn sie waren inzwischen an der Wohnung der beiden Engländer angekommen und schauten an der Fassade hinauf.
„Unauffällig", sprach de La Fère aus, was d'Artagnan dachte, „man rechnet mit harmlosen Menschen, wenn man das sieht."
„Alles nur Tarnung", entgegnete der Leutnant und drehte versuchsweise an dem Türknauf. Dieser gab nach und sie betraten einen schmalen Hausflur, der zur Linken in eine Küche und die Wohnräume des Vermieters führen mochte, an der rechten Seite verschwand eine schmale Holztreppe im oberen Dunkel des nur von einem winzigen Fenster erhellten Korridors. Abschätzend betrachteten die beiden Männer die Treppe und dann wandte sich d'Artagnan an den Freund:
„Wir sollten nicht gleich mit der Verhaftung herauskommen. Vielleicht lässt sich schon vorher im Gespräch etwas erkennen", sagte er leise. Zustimmend nickte der Graf und gemeinsam stiegen sie hintereinander die Treppe hoch. In welchem Stockwerk die Gesuchten wohnten, konnten sie nicht wissen, doch diese Frage beantwortete sich von selbst, da nach zwei Treppen Licht auf den Absatz fiel: Anne hatte die Herren unten auf der Straße gesehen, öffnete die Tür zur Wohnung und begrüßte sie nun einigermaßen erstaunt.
„Was verschafft mir die Ehre dieses unerwarteten Besuches, Messieurs?" Nachdem sie sich die Hand hatte küssen lassen, bat sie etwas unsicher die beiden Männer hinein, ihr war schleierhaft, was die beiden von ihr wünschten.
D'Artagnan antwortete:
„Unser Besuch gilt nicht in erster Linie Euch, Mademoiselle, wenngleich uns dies", er lächelte liebenswürdig, „natürlich auch sehr angenehm wäre, sondern Monsieur Mordaunt. Ist er zu sprechen?"
„Es tut mir sehr leid, die Herren enttäuschen zu müssen, Monsieur Mordaunt hat unlängst das Haus verlassen, ohne zu sagen, wann er wieder zurück sein wird."
Kaum hatte Anne fertig gesprochen, als auch schon Schritte unten an der Treppe zu hören waren.
„Ich muss mich korrigieren, da kommt er bereits, das Glück ist Euch hold, Messieurs", sprach Anne recht laut, als wollte sie Mordaunt auf diese Art eine Warnung zukommen lassen. Sie betete, dass sich seine Laune gebessert hatte und tatsächlich war seine Miene lediglich überrascht, als er die beiden Herren auf der Türschwelle stehen sah.
„Was verschafft mir die Ehre dieses Besuchs?", fragte er und bat die Herren mit einer Handbewegung hinein. D'Artagnan wollte nicht gleich mit dem Abreisewunsch des Kardinals herausplatzen.
„Es geht um die Kompanie. Ihr hattet doch Interesse, Euch näher mit ihr zu befassen."
„Allerdings, vielen Dank, dass Ihr so rasch auf diesen Wunsch einzugehen gedenkt." Es blieb Mordaunt nichts anderes übrig, als die beiden Edelleute mit einigen freundlichen Worten in den Salon zu bitten, der durch Unordnung gekennzeichnet war.
„Ihr packt? So wollt Ihr schon abreisen?" D'Artagnan kam das alles höchst verdächtig vor, das sah ganz eindeutig nach einer Flucht aus. Dies entsprach zwar dem Verlangen des Kardinals, aber nicht dem seinem. Mordaunt sah ungehalten auf die Kleidungsstücke, offenen Kisten und Briefschaften, die verstreut im Zimmer umherlagen und blickte finster zu Anne. Offenbar gedachte sie, so schnell wie möglich abzureisen, ganz gleichgültig, was er davon hielt.
„Wenn Ihr uns einen Moment entschuldigen wollt" bat er die beiden Herren. „Dort steht etwas zu trinken, ich werde mich gleich weiter mit Euch unterhalten, wie Ihr gedenkt, mir die Kompanie zu zeigen. Entschuldigt mich einen Augenblick." Unsanft packte er Anne am Arm, unfähig, länger an sich zu halten und zerrte sie geradezu aus dem Zimmer.
„Dumme Gans!" fauchte er sie auf Englisch an. „Was bildet Ihr Euch eigentlich ein, ich reise doch hier nicht ab, ohne …" Zornbebend und mit Tränen in den Augen unterbrach ihn Anne:
„Der General hat befohlen, dass wir zurückkehren sollen, sobald … -"
„Es ist mir egal, was der General sagt, er hat mir freie Hand gelassen, ich soll zuerst … -"
„ Aber er hat mir einen Brief geschrieben, in dem er mich anweist … -"
„Wir bleiben hier!" blaffte er sie an. Als sie wütend zischte, senkte er immerhin die Stimme, hörte aber nicht auf, mit ihr zu streiten, wenn auch so leise, dass d'Artagnan und de La Fère nicht mehr hörten, was gesagt wurde.
Voller Unbehagen blickte d'Artagnan zum Grafen. „Offenbar sind wir in einen handfesten Streit hinein geraten."
„Es sieht ganz so aus."
„Anscheinend sind die beiden jungen Leute doch nicht so einig, wie es die ganze Zeit ausgesehen hat. Da bleibt Hoffnung für Bragelonne", versuchte d'Artagnan die Stimmung etwas aufzulockern. Mit einem Schulterzucken trat Athos ans Fenster und trommelte mit den Fingern auf das Fensterbrett, um sich von dem halblauten Streit aus dem Nebenzimmer abzulenken. D'Artagnan nutzte die Gelegenheit und nahm einen Brief vom Tisch, auf dem die Tinte noch feucht glänzte.
„Hochinteressant", murmelte er, „die junge Lady schreibt an den englischen Rebellenführer. Sehr schön. Das sollte ich unbedingt Mazarin erzählen. Und was haben wir denn da, ein Bildchen? "
Sein Blick war abgelenkt worden durch einen flachen viereckigen Gegenstand, der am anderen Ende des Tisches lag, bereit für eine Kleiderkiste, die unter dem Tisch stand. Neugierig nahm er es auf, doch was er sah, entlockte ihm ein entsetztes Keuchen.
„Was ist passiert?" Sofort trat de La Fère zu d'Artagnan, der ihm mit zitternden Händen das kleine Ölgemälde reichte. Der Graf tat nur einen kurzen Blick darauf und fuhr heftig zusammen. Die beiden Männer sahen sich an und plötzlich stand die Vergangenheit drohend vor ihren Augen. Die blonde Frau, die dem Einen Ehefrau, dem anderen Geliebte, aber beiden Verderben, Angst und Tod gewesen war und ihnen nun aus dem Gemälde sanft zulächelte. Ein Schauer rann über de La Fères Körper, während er mühsam sprach:
„Wie … wie kommt dieses Bild …? Woher hat er das? Wie ist es hierher gelangt?"
„Mein Gott, hat es denn nie ein Ende? Aber", aus d'Artagnans Blick sprach das nackte Entsetzen, aber er atmete tief ein und aus, um wieder Mut zu fassen und die schrecklichen Bilder aus der Vergangenheit zu verdrängen, „ist sie es denn wirklich? Nach all der Zeit? Vielleicht täuschen wir uns?"
„Nichts würde ich mir sehnlicher wünschen" murmelte de La Fère und drehte die Zeichnung um. Doch es gab keinen Hinweis auf den Namen der abgebildeten Person, nur in zierlichen Buchstaben: p. R. d. W. und darunter ein weiteres W.
„Das zweite W, meint Ihr nicht auch, dass es für … für Winter steht?"
„Ich weiß nicht, ich will es auch nicht wissen. Aber es könnte schon sein. Aber wer ist dann R. d. W?"
„René de Wardes", entgegnete de La Fère plötzlich mit einer Bestimmtheit, als hätte er es von vorneherein gewusst. „Für René de Wardes. Winter."
„De Wardes, dieser Idiot!" D'Artagnan fluchte. „Was hat sich dieser Trottel dabei gedacht? Wieso zum Teufel hat er ihm das Bild gegeben?" Er nickte in Richtung Nebenzimmer.
„Wartet! De Wardes hat bei dem Abend etwas in dieser Hinsicht zu uns gesagt. Da ging es doch um Monsieur Mordaunt. Er hat ihn rausgeworfen und dann zu uns gemeint, vor manchen Menschen müsse man sich hüten."
„ Aber warum? Was wollte er denn damit bezwecken, was geht denn diesen Mordaunt diese Dämonin in Menschengestalt an?"
Für eine Weile blickten sie beide auf die schöne blonde Frau, als Athos plötzlich die Lösung einfiel, eine Lösung, die ihm den kalten Schweiß ausbrechen ließ.
„Er ist ihr Sohn! Er ist John-Francis de Winter!"
D'Artagnan war inzwischen alles Blut aus dem Gesicht gewichen.
„Und er ist hier, um den Mord an seiner Mutter zu rächen", vollendete de La Fère seinen Gedankengang. „Aber wenn er weiß …" Ein Geräusch an der Tür ließ beide Männer herumfahren. Auf der Türschwelle stand Mordaunt.
