Disclaimer: Siehe Kapitel 1


Kapitel 9: Celeritas

Kirika hatte sich gerade auf den Beifahrersitz geworfen, als ihre Partnerin auch schon vom Parkplatz auf die Straße gefahren war. Nun trat die Korsin das Gaspedal bis zum Anschlag durch und der Civic beschleunigte rasant. Verdutzte Dorfbewohner sprangen zur Seite, als das Auto in selbstmörderischer Weise über die alten, engen Straßen donnerte und das Dorf schnell hinter sich ließ. Doch sowohl Mireille als auch die schwarzhaarige Killerin waren sich darüber im Klaren, dass der unbekannte Scharfschütze die Verfolgung nicht so leicht aufgeben würde. Er hatte sie schnell gefunden, beinahe zu schnell, um ehrlich zu sein! Und er war ein Profi. Zwar hatte er Julia, die sich nun – am ganzen Körper zitternd – auf der Rückbank an ihren Vater drückte, verfehlt, doch das war nur das Verdienst von Kirikas schneller Reaktion gewesen.

Rhodes hielt Julia fest, die sich ängstlich an ihn presste. Sie zitterte am ganzen Körper und Rhodes wurde bewusst, dass das Mädchen erst jetzt, wo sie dem Tod mit knapper Müh und Not von der Schippe gesprungen war, wirklich begriffen hatte, wie ernst ihre Lage wirklich war. Selbst der Tod der Mutter war Julia anscheinend unwirklich und weit weg vorgekommen. Leben und Tod lagen so dicht beieinander und Rhodes bekam es mit der Angst zu tun – nicht um sich, sondern vielmehr um seine Tochter. Immer wieder sah er mit gejagtem Gesichtsausdruck zur Heckscheibe hinaus und erwartete in jedem Augenblick, einen Verfolger zu erblicken. Doch nachdem sie das Dorf hinter sich gelassen hatten, wurde er ruhiger. Der Killer würde sie nicht so schnell erreichen können, immerhin war ihr Weg zum Wagen deutlich kürzer gewesen. Rhodes blickte nach vorne und betrachtete die beiden Retterinnen, denen seine Tochter und er ihr Leben verdankten: Ihre Gesichter waren hart und emotionslos und Rhodes wurde bei dem Anblick seltsam kalt zumute, beinahe ängstlich. Ihm wurde klar, dass hinter der zarten Fassade zwei abgehärtete Seelen ruhten und er konnte sich nicht entscheiden, ob er dankbar für die angebotene Hilfe war oder nicht. Plötzlich sah er, wie sich die Augen der Japanerin zusammenzogen und etwas beobachteten – etwas, das hinter ihnen war. Rhodes sah sich um und bemerkte das silberne Auto, dass die Spanne zwischen sich und ihnen schnell verringerte. „Mireille, ich glaube, wir haben Gesellschaft!", stieß er hervor. Die Antwort war kalt und professionell: „Ich weiß, Raphael."

Der Peilsender piepte mit nun immer geringerem Intervall. Raikov lächelte. Es war klug gewesen, ihn installiert zu haben. Sein GPS-Gerät am Armaturenbrett signalisierte ihm, dass ihn keine 300 Meter mehr von seinem Ziel trennten. Und der Abstand wurde schnell geringer. Bei dem außerordentlich hohen Tempo war es dem blonden Killer unmöglich, auf die malerische Landschaft mit ihren Weinbergen und kleinen Kastellen und Burgen zu achten, den Dörfern mit ihren weißen Häusern und den roten Dächern. Sein Auge war nur auf sein Ziel fixiert, einen kleinen Wagen vor ihm, der langsam aber sicher immer größer wurde. Die Straße donnerte unter ihm hinweg, doch die Fahrgeräusche nahm er nicht mehr auf. Nur das Rauschen in seinem Ohr, als das Adrenalin seinen Puls beschleunigte...

Der Mercedes war nun dicht hinter dem Civic. Beide Fahrzeuge schlängelten sich zwischen Weinbergen und Feldern hindurch und rasten die enge, gewundene Straße entlang. Hin und wieder kam ihnen ein Wagen entgegen, der unter großem Gehupe auf die seitlichen Grasstreifen auswich, um nicht einen tödlichen Unfall herauf zu beschwören. Mireille konnte manchmal die fluchenden oder ängstlichen Gesichter erhaschen, die ihnen mit geweiteten Augen entgegenstarrten, nahm diese Tatsache jedoch nur in ihrem Unterbewußtsein wahr. All ihre Sinne waren auf die Fahrt konzentriert. Der Korsin war zwar bewusst, dass der deutlich schwächere Motor ihres Autos nicht mit dem PS-starken deutschen Fabrikat konkurrieren konnte, doch sie würde alles daran setzen, den Ort der kommenden Auseinandersetzung selbst bestimmen zu können. Allerdings war der Killer im Mercedes ein guter Fahrer und hatte nun endgültig aufgeschlossen. Immer wieder setzte er zu Angriffen an, versuchte, ihr Auto ins Schleudern zu bringen, indem er ihr seitlich ins Heck fuhr. Bei jedem Zusammenstoß wurde das gesamte Auto durchgeschüttelt und der Ruck stieß Mireille jedes Mal nach vorne. Nur mit äußerster Kraftanstrengung gelang es der Korsin, ihr Auto auf der Straße zu erhalten. Rhodes hatte sich in seinen Sitz gepresst und sich damit abgefunden, dass er in dieser Situation nichts tun konnte. Er war zum Nichtstun regelrecht verdammt. Auch Julia saß nun in ihrem Sitz, vor Schock erstarrt, halb getrocknete Tränen im Gesicht. Der Blick des schwarzhaarigen Mannes war starr auf die Straße gerichtet und wurde nur von den gleichmäßig kommenden Stößen von der Fahrbahn weg gerissen.

Raikov wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die Fahrerin des Zielwagens einen Fehler machen würde. Zwar war sie bis jetzt jedem Angriff glücklich entkommen oder hatte ihn abfangen können, doch es war absehbar, wie diese Geschichte ausgehen würde. Er lächelte leicht und festete seinen Blick auf die Fahrbahn. Als er den weiteren Streckenverlauf sah, wich das Lächeln und machte einem breiten Grinsen Platz: Vor ihnen, am Rand eines verlassenen Fabrikgeländes, dass – abgetrennt durch einen Maschenzaun – bis an die Fahrbahn heranreichte, führte die Straße durch eine kleine Senke und beschrieb dabei eine kleine Linksbiegung. Wenn es ihm gelingen sollte, den Civic im Moment des Lenkmanövers seitlich zu rammen, könnte es ihm gelingen, ihn von der Straße zu schieben. Raikov gab Gas und legte den sechsten Gang ein, den er bis jetzt nicht einmal gebracht hatte; der Wagen schnellte nach vorn. Ohne auch nur einen Gedanken an die Bremse zu verschwenden, hielt Raikov auf die Kurve zu, war nun – seitlich versetzt – auf der anderen Fahrbahnseite, auf der Gegenspur. Und er sah, wie der Civic dazu ansetzte, die Kurve zu schneiden...

Ein Blick in den Seitenspiegel sagte Mireille, dass es vorbei war: Der Mercedes war wie aus dem nichts direkt an ihrer Seite erschienen und hielt ungebremst auf sie zu. Mit aller Kraft klammerte sie sich ans Lenkrad. „Festhalten!", brüllte sie ins Wageninnere. Dann, nach einem schmerzhaften Stechen in der Seite als der andere Wagen die Fahrertür eindellte, drehte sich alles, Straße, Zaun, Mercedes, Straße: alles drehte sich um sie, als der Civic von der Straße gedrängt wurde und den Maschenzaun zu Boden riss und einfach über ihn hinwegfegte, als ob es ihn nie gegeben hätte.

Raikov sah, wie der Wagen der Flüchtigen ins Schleudern kam und trat auf die Bremse. Ihm war zwar bewusst, dass es bereits zu spät war, dass er den Wagen nicht würde auf der Straße halten können, doch in den tödlichen Drehreigen, den das andere Auto beschrieb, wollte er nicht hinein gerissen werden. Der blonde Killer beobachtete, wie der Civic über das offene Fabrikgelände schleuderte, direkt auf eine Betonwand zu, die zum ehemaligen Hauptgebäude der Fabrik gehörte, einem grauen Bau mit zerbrochenen Fenstern, aus denen schon Unkraut wucherte. Dann senkte sich der aufgewirbelte Staub und Schmutz wie ein Schleier über die Szenerie. Doch das Geräusch des Aufpralls war selbst im Inneren von Raikovs Auto zu vernehmen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass diesen Crash irgendein Mensch überlebt haben sollte. Als er durch die aufgewirbelte Wand aus Staub hindurch war, sah auch der Serbe eine Wand auf sich zuschnellen und er konnte nur noch schützend die Arme vors Gesicht halten, als sich die Karosserie des Mercedes verbog und der Airbag ihm die Sicht raubte...


Anmerkung: Hab ich schon Mal erwähnt, wie sehr ich diese bösen Cliffhanger liebe:P