Finding the Key
Kapitel 8
Intermezzo - Edward
Es würde mich immer erstaunen, wenn ich später an diesen Morgen dachte, dass mich niemand gesehen hatte, wie ich mit Bella in meinen Armen fluchtartig aus Charlies Haus lief. Alle Gedanken daran, nicht verdächtig auszusehen, verschwanden in dem Moment, in dem Bella das Bewusstsein verlor.
Als sie im Krankenhaus ohnmächtig geworden war, an ihrem ersten Tag zurück in Forks, war es nicht angenehm gewesen, aber es war auchnicht unerwartet. Ich konnte das Blut von Carlisles neuem Patient gut genug riechen, um zu wissen, dass sie umkippen würde. Ich stand außerhalb ihrer Sichtweite, aber immer noch nah genug, um sie aufzufangen, bevor sie am Boden aufprallte.
Heute Morgen war es aber ganz anders gewesen. Ich tappte so sehr im Dunkeln, wie es mit Bella je möglich war. Im Dunkeln und ich spürte plötzlich, was man nur als blinde Panik beschreiben konnte. Nicht zum ersten Mal verfluchte ich mich für meine Unfähigkeit, den Schleier zu durchbrechen, der ihre Gedanken umhüllte. Alles, womit ich klarkommen musste, war der Schmerz, den ich in ihren Augen gesehen hatte, und die letzten Worte, die sie zu mir gesprochen hatte.
Ich dachte an nichts anderes als an sie, nahm sie hoch in meine Arme und sprang direkt aus dem Fenster ihres Zimmers. Dann lief ich auf direktem Weg zu Carlisle.
Sie warteten natürlich auf uns. Meine Familie hatte sich vor der Eingangstür versammelt. Nun, Rosalie war nicht da, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Alice war die Erste, die ich erreichte.
"Du musst ans Telefon gehen, Edward. Warum trägst du sie, wenn ..."
Mein wütendes Knurren ließ ihre Tirade mitten im Satz verstummen. Ich schob mich an ihr vorbei, ohne sie anzusehen, und lief direkt dorthin, wo Carlisle auf mich wartete. Alice, Emmett, Esme und Jasper folgten.
"Was ist passiert?", fragte er und streckte seine Arme nach Bella aus. Ich knurrte wieder und er senkte seine Arme wieder, und stattdessen deutete er auf das Sofa. Ich legte sie hin, schob ein Kissen unter ihren Kopf und setzte mich neben ihr auf den Fußboden. Ihre Hand ließ ich dabei nicht los.
Ich hörte die panischen und besorgten Gedanken meiner Familie und versuchte, an der Sorge und Panik in meinem eigenen Gehirn vorbei eine Antwort zustande zu bringen.
"Alles war gut. Ganz normal. Bella war aufgebracht, weil sie sich nur an kleine Fragmente ihrer Vergangenheit erinnerte, und wir hatten vor, den Tag zusammen zu verbringen, um zu sehen, welche Erinnerungen wir wieder zum Vorschein bringen konnten. Sie war bei ihrem Schrank und sammelte Kleidungsstücke ein, um sich umzuziehen. Und das nächste, das ich wusste, war, dass sie nach Luft schnappte und vor Schmerz aufstöhnte. Ich gelangt zu ihr, als sie gerade ..." Ich brach ab und starrte Carlisle böse an, um seinen Gedanken zu beantworten. "Nein, sie ist nicht gefallen oder hat sich ihren Kopf angeschlagen. Man hörte nichts weiter als das Geräusch von Kleidungsstücken, die zu Boden fielen. Als ich zu ihr gelangte, hatte sie den Kopf umgriffen. Sie schaffte noch, mir zu sagen, dass sie Schmerzen hatte, und dann ..."
Ich brach ab, konnte nicht mehr weitermachen. Außerdem war es ziemlich klar, was als nächstes mit Bella passiert war, die bewusstlos vor uns lag. Ich drehte mich um und sah Alice böse an. "Du hast mich angerufen. Was hast du gesehen? Und warum hast du es nicht gesehen, bevor das passiert war?" Ich spuckte die letzten Worte giftig aus.
Alice, die an mein Temperament gewöhnt war, blieb unbeeindruckt und meinte: "Es kam aus dem Nirgendwo, Edward. Ich sah sie fallen, sonst nichts. Ich bin nicht mehr so auf sie eingestimmt wie früher. Es wird klarer, aber es fällt mir immer noch schwer, sie zu sehen. Ich rief in der Sekunde an, in der ich es gesehen hatte, aber ..." Sie wich ab und sah Bella besorgt an. Es fiel mir schwer, mir in Erinnerung zu rufen, dass auch Alice sie geliebt hatte.
"Hier ist deine Tasche, Carlisle." Das war Emmett und ich sah zu ihm hoch. Es überraschte mich, dass Alices Besorgnis sich auch in seinem Gesicht wiederspiegelte, aber vielleicht hätte mich das nicht überraschen sollen. Emmett hatte Bella immer gemocht und war fast genauso froh gewesen wie Alice, Carlisle und Esme, dass sie wieder zurück in unserem Leben war. Rosalie, so wusste ich, war es relativ egal. Jasper war ... naja, er war einfach Jasper. Einen Menschen um sich zu haben, war schwierig für ihn, aber es machte Alice glücklich und das war alles, das er brauchte, um einen Weg zu finden, sie willkommen zu heißen.
"Edward, du musst zur Seite gehen, wenn ich sie untersuchen soll." Er hielt in einer raschen Bewegung seine Hand hoch, die das menschliche Auge nie hätte erfassen können. "Und ich wüsste es sehr zu schätzen, wenn du mich nicht wieder anknurrst."
Es war schwierig, aber ich tat, was er gesagt hatte. Ich strich mit meinen Fingern ihren Arm hoch, strich ihr das Haar aus der Stirn und fuhr dann ihren anderen Arm entlang hinab, während ich mich an den hinteren Teil der Couch bewegte. Ich konnte den Kontakt zu ihr nicht lösen. Ich brauchte die Wärme ihrer Haut unter meinen Fingern. Das war das Einzige, weshalb ich noch klar bei Verstand war.
Ich hörte Carlisles Auswertung zu, während er arbeitete, und er blieb genauso verwirrt zurück, als wir zu dem selben Entschluss kamen. Körperlich war mit Bella alles in Ordnung.
"Außer, dass sie bewusstlos ist", sagte ich laut.
"Ja, außer das. Alles, das wir tun können, Edward, ist zu warten."
"Alice?", sagte ich und blickte über meine Schulter zu meiner Schwester.
Ich sah, wie ihre Augen den Fokus verloren, und lauschte ihren Gedanken, als sie die unmittelbare Zukunft absuchte, und wir beide seufzten zur gleichen Zeit auf. Nichts. Da gab es nichts zu sehen, nur Bella, die auf der Couch lag. Der einzige Unterschied zu dem, das sie gesehen hatte, und zu dem, das wir jetzt sahen, war ein Monitor und eine Infusion, an die sie angeschlossen war.
"Was hat das zu bedeuten?", fragte ich durch zusammengebissene Zähne.
"Ihre Entscheidung ist noch nicht gefallen, Edward. Was auch immer passiert ist, es war nichts physisches, wie Carlisle sagte. Ihre Gedanken haben sich abgeschottet, und bis sie beschließt, wieder zu uns zurückzukehren, gibt es nichts, das wir tun können."
Sie musste den Monitor und die Infusion nicht erklären, ich wusste gut genug, was das zu bedeuten hatte.
"Bella", sagte ich leise. Mein Körper war beschützend über sie gebeugt, meine Wange lehnte an ihrer Brust. Und ich versuchte, das beruhigende Klopfen ihres Herzens als Wundermittel gegen meine Panik einzusetzen.
Bella.
Das Erste, das zu mir zurückkam, war das Gefühl. Einige Gefühle. Weich. Hart. Warm. Kalt. Angenehm. Sicher. Ich blickte mich nach der Ursache um, aber es war niemand bei mir. Niemand hielt mich, keine berührenden Hände trösteten mich. Ich war allein.
Aber ich war doch immer allein gewesen. Oder?
Ich blickte meinen Körper hinab und war erstaunt, zu sehen, dass ich keine Shorts oder knielangen Hosen trug, und auch nicht die alten Sachen, die ich gern anzog, wenn ich im Haus herumhing. Ich trug ein weißes, fließendes Kleid. Das war seltsam. Ich besaß so etwas gar nicht. Hatte Renée mich wieder in Mädchensachen gezwungen?
Ich blickte mich um, aber nichts war da – nur ich und ein seltsamer, weiß herumwirbelnder Nebel. Nichts und niemand. Ich war allein, aber ich hatte keine Angst. Das sichere Gefühl war immer noch da. Ich fühlte mich beschützt. Also ein Traum? Musste wohl so sein.
Ich erinnerte mich dann an den Schmerz. Einen blendenden, krampfhaften Schmerz, der mich auf die Knie gebracht und mich geschwächt hatte, während mein Körper darum kämpfte, mit ihm fertig zu werden. Ich suchte danach, ging aber leer aus. Die Schmerzen waren verschwunden und es ging mir eigentlich gut.
Ein Lichtschimmer war vor mir. Ich war mir sicher, dass er vor einem Moment noch nicht da gewesen war, also ging ich neugierig darauf zu. Ich stolperte kein einziges Mal, nicht einmal wegen dem fließenden Stoff, der sich beim Laufen um meine Beine schlang. Genau, ich musste definitiv träumen.
Schon zwei Tage lang.
Ich runzelte die Stirn bei den Worten, die in dem dichten Nebel wiederhallten, der mich umgab. Zwei Tage seit was? Ich wusste es nicht. Die Worte machten keinen Sinn, die Stimme war mir nicht vertraut. Ich lauschte nach mehr, aber da war nichts. Nur die friedvolle Stille meines Traums. Ich ging weiter.
Das Licht wurde heller, als ich näher kam. Es war eine Lampe, die auf einem Tisch in einem kleinen Zimmer stand. Mein Zimmer. Nicht das einfache, kindliche Zimmer in Forks, sondern mein Zimmer in Renées Haus in Jacksonville. Ich runzelte die Stirn und sah mich um. Und dann schnappte ich nach Luft.
"Was ...?"
Ich hielt inne, weil ich nicht wusste, wie ich nach dem fragen sollte, das ich wissen wollte. Wie konnte man sich selbst befragen? Weil das war ich, wie ich an dem kleinen Schreibtisch in Renées Haus saß. Ich trug die Shorts, die ich an meinem Körper erwartet hatte, als ich aufgewacht war. Das andere Ich lächelte, aber es war kein glückliches Lächeln. Dieser Gesichtsausdruck sah eher wie Mitleid aus.
"Hallo Bella", sagte sie.
"Wer ... wer bist du?" Es kam mir dumm vor, das zu fragen, aber ich fragte trotzdem.
"Ich bin natürlich du. Auf gewisse Weise", antwortete sie.
"Was hat das zu bedeuten?"
"Ich bin ein Teil von dir, ein Teil deiner Gedanken. Ich bin diejenige, die dich vor ... gewissen äußeren Einflüssen schützt." Dann griff sie in die Tasche ihrer Shorts und zog etwas heraus. Einen Schlüsselring.
Einen Schlüsselring? Warum würde sie ... ich? ... einen Schlüsselring halten? Was würde sie womöglich entsperren wollen?
Die Türen! Die Erkenntnis brachte nicht nur jede Menge Bilder mit sich, die ich nicht ganz begreifen konnte, sondern auch ein Bedürfnis, das in jedem Teil von mir schmerzte. Meine Vergangenheit, meine Erinnerungen.
Ich schnappte nach Luft und schoss vorwärts, um sie ihr aus der Hand zu reißen.
"Das glaube ich nicht, Bella. Du bist noch nicht bereit."
"Scheiß aufs bereit sein", rief ich zurück. "Das sind meine Erinnerungen, die du mir verwehrst. Ich will sie zurück."
"Wirklich?", fragte sie und wirbelte den Metallring um ihren Finger. "Warum sind sie dann nicht alle von selbst zu dir zurückgekehrt? Sie waren die ganze Zeit lang heir, weißt du."
Was geht hier vor?
Ich bin mir nicht sicher, sie murmelt etwas, aber es ergibt keinen Sinn für mich.
Du sagtest, sie spricht im Schlaf?
Ja.
Edward. Ich kannte die Stimme jetzt. Ich kannte sie, hieß sie willkommen und sehnte mich danach. Meine Gedanken erzeugten eine Myriade von Bildern von seinem schönen Gesicht und mir war nach weinen zumute. Ich hatte ihn gerade erst wieder gefunden. Wo war er? Warum war er nicht bei mir?
Mein Kopf wirbelte herum, aber sonst war niemand im Zimmer. Aber er musste in der Nähe sein, wenn ich ihn hören konnte. Richtig? Wo war ich? Das Letzte, an das ich mich erinnerte, war ... war mein Schrank. Und Musik. Und ...
Der Schmerz kehrte zurück, drückte gegen meine Schläfen, als würde mein Kopf in einem Schraubstock stecken. Ich stöhnte und griff mir an den Kopf.
"Stopp, bitte", flüsterte ich. "Warum tust du mir das an?"
"Weil du die selben Fehler wieder begehst, Bella. Deine Gedanken wissen das. Deshalb tut es weh, verstehst du nicht? Die meisten Leute laufen vor den Schmerzen weg, finden einen Weg, um sie zu meiden. Deine Gedanken sagen dir, dass das, was du tust, nur weitere Schmerzen mit sich bringen wird. Das", und sie wirbelte wieder mit dem Schlüsselring, "wird nur zu weiteren Schmerzen führen."
"Ich will sie zurück", sagte ich durch den zunehmenden Druck in meinem Kopf.
"Sie sind aus gutem Grund verschwunden."
"Warum? Warum kann ich mich nicht erinnern?" Etwas wühlte wieder den Schmerz in meinem Kopf auf. "Das Gift?" Das war nicht das richtige Wort, aber es war nah dran, also fuhr ich fort. "Hat es ...?"
"Ist es nicht egal? Es ist ja nicht so, als würde er das noch einmal geschehen lassen, als würde er je wieder zulassen, dass du bei ihm bist. Er ist zu gefährlich für dich, er weiß das. Er hat dich verlassen, oder? Hat dich in Phoenix gelassen, ist dir ferngeblieben, als du zurück nach Forks kamst? Das sind kaum die Taten von jemandem, der meint, er könne nicht ohne dich leben."
Ein schreckliches Geräusch erfüllte die Luft zwischen uns, ein lauter Knall, als würde eine Tür in einer Windböe aufgerissen werden, und ich hörte Edwards Stimme. Nicht das leise Echo im Nebel wie zuvor, aber tief und real. Dies konnte bloß eine Erinnerung sein.
Ich glaube nicht, dass das möglich für uns wäre. Ich kann niemals, niemals zulassen, dass ich die Kontrolle verliere, wenn ich bei dir bin.
Ich mag vielleicht kein Mensch sein, aber ich bin ein Mann.
"Verstehst du es nicht, Bella? Glaubst du wirklich, jemand könnte ohne diesem Teil in seinem Leben weitermachen?"
"Aber er sagte ... er sagte, es wäre ..." Ich konnte nicht denken, konnte mich nicht daran erinnern, was er gesagt hatte. Diese Erinnerungen verschwammen nun auch. Ich konnte irgendwo weit hinter mir die Geräusche von sich leise schließenden Türen hören.
Die Erinnerungen verschwammen alle, auch die, die ich noch gar nicht wiedererlangt hatte.
Nein. Nein, nein, nein, nein. Die simple Leugnung war ein Schrei in meinem Kopf. Ich wandte mich von der Frau vor mir ab und stolperte von ihr weg, weg von dem Schmerz. Und versuchte, einen Weg hinaus zu finden.
Die Schwärze schluckte mich wieder.
Intermezzo – Edward
Ich beobachtete, wie das rasende Klopfen des Monitors sich beruhigte, verfolgte jeden Signalton ihrer Herzfrequenz, die mit den Schlägen in ihrer Brust korrespondierten. Ich tröstete mich damit, dass sie meine beruhigenden Worte hören konnte, wo auch immer sie war, aber ich wusste auch, dass ich ein Meister darin war, zu lügen, mich selbst zu belügen. Carlisle hatte mir keine Chancen eingeredet, dass meine Worte in ihr Unterbewusstsein vordringen konnten. Es war mir egal. Ich sprach dennoch zu ihr, versuchte, sie zu beruhigen, wenn ihre Aufregung sich in ihrem Pulsschlag wiederspiegelte.
Ich konnte auch Alice hören, die mir gegenüber am anderen Ende des Zimmers saß. Ich blickte nicht auf, als ihre Gedanken in meine Nachtwache eindrangen. Es war immer nur dasselbe. Ihr letzter Versuch, in Bellas Zukunft zu blicken, hatte nichts anderes ergeben als das, was wir in der Gegenwart von ihr sahen. Ich sagte mir, dies wäre ein gutes Zeichen, da es bedeutete, dass ihr Zustand sich nicht verschlechterte, aber das war nur ein sehr schwacher Trost.
Weil Bella immer noch in ihren eigenen Gedanken gefangen war.
Ich war hier gewesen, genau hier, zwei Tage lang. Zwei lange, qualvolle Tage lang mit nichts anderem als Alices Vision von dem Tag, als ich mit ihrem bewusstlosen Körper in meinen Armen hierher gekommen war. Bella hing nun an einer Infusion und einem Monitor, damit sie körperlich am Leben blieb und ihr Körper mit Flüssigkeit und Nährstoffen versorgt wurde. Ich hatte den Monitor in Frage gestellt – warum brauchten wir ihn, wenn wir ihren Herzschlag doch wunderbar hören konnten? Aber Carlisle hatte erklärt, als er sie daran anschloss, dass es andere medizinische Gründe für den Monitor gab. Blutdruck, die Überwachung der Steigerung ihres Pulsschlages und so weiter. Ich passte bei den einzelnen Gründen nicht wirklich auf. Ich kannte die Grundlagen.
Er hielt ihren Körper am Leben, während ihre Seele kämpfte.
Ich hatte ihre Seite nur einmal verlassen, so lang, wie ich brauchte, um Charlie anzurufen und zu erklären, dass Bella in meinem Haus zusammengebrochen war und dass sie bei uns bleiben würde, bis sie sich wieder erholt hatte. Carlisle hatte dann übernommen und ein Lügenmärchen aufgetischt, dass es nicht ratsam wäre, sie in solch einem Zustand zu bewegen. Charlie hatte dies akzeptiert, oder zumindest so getan, als würde er dies hinnehmen.
Charlie Swan war kein dummer Mann, bloß praktisch veranlagt. Ich konnte in seinen Gedanken lesen, aber nur vage, wie ein Radio, das nicht korrekt eingestellt war. Ich wusste, er vermutete, dass an uns etwas anders war, aber gleichzeitig tat er nichts, um diesen Verdacht zu äußern. Von dem, was ich erfassen konnte, hatte er schon früh beschlossen, einfach nicht zu viel darüber nachzudenken. Und wie seine Tochter hielt er an seinen Entscheidungen fest.
Dann wunderte ich mich, so wie manchmal in den langen, dunklen Nächten, während Bella neben mir murmelte, über die Komplexität ihrer Gedanken. So etwas wie sie war mir noch nie begegnet. Die Menschen waren zum größten Teil einfach zu lesen. Einfach und direkt. Die Swans ... nicht. Von Bellas verschlossenen Gedanken zu Charlies Fähigkeit, gewisse Dinge zu segmentieren, über die er nicht nachdenken wollte ...
Segmentieren. Was hatte Bella gesagt? Dass sie dachte, ihre Erinnerungen befänden sich hinter verschlossenen Türen in ihren Gedanken? Türen. Einzelne Segmente.
Und nun war auch Bella hinter diesen Türen gefangen, weggesperrt vor mir.
Ich beugte mich hinab und drückte meine Lippen auf ihre Stirn. "Finde deinen Weg zurück zu mir, Love. Finde den Schlüssel."
Finde den Weg zurück zu mir. Finde den Schlüssel.
"Edward?"
Seine Stimme. ich konnte seine Stimme hören, aber sie klang so weit entfernt. Ein Echo. Meine Arme streckten sich instinktiv aus, meine Finger durchsuchten den Nebel. Aber es gab nichts um mich herum außer Rauch und Dunst.
Der Schmerz war wieder weg, genauso wie die Schwärze. Es war wieder hell und ich konnte den hellen Punkt in der Entfernung sehen. Diesmal ging ich nicht darauf zu. Dort gab es nur Schmerzen. Schmerzen und keine Antworten.
Ich brauchte Antworten. Rasch. Je länger ich in diesem ... Traum? ... blieb, oder was auch immer das war, desto mehr verlor ich.
Als ich durch die Schleier ging, die sich vor mir teilten, wenn ich mich bewegte, sprach ich mit mir selbst, um die Stille zu füllen. Ich rief in Richtung der wiederhallenden Stimme von Edward aus, die mich gelegentlich erreichte, und erzählte mir von meinen Erinnerungen, die verschwammen, je länger ich in dieser Wolkenbank blieb.
War das Edward in meinem Krankenzimmer gewesen? Oder nur ein verwirrter Patient?
"Nein", sagte ich laut. "Das war Edward. Er wartete darauf, dass ich aufwachte. Er hatte mein Krankenbett nie verlassen."
Wie nannten sich die Cullens selbst? Pflanzenfresser? Das kam mir nicht richtig vor.
"Vegetarier", sagte ich wieder. Ich brauchte einen Stift und Papier. Oder eben nur einen Stift. Ich konnte diese Wahrheiten auch auf mein Kleid schreiben, wenn es sein musste. Egal was, bloß damit die rasch schwindenden Erinnerungen bei mir blieben.
Da war auch etwas mit meiner Hand. Etwas war falsch daran. Ich hielt beide hoch, konzentrierte mich durch den Nebel hindurch auf sie, aber da war nichts. Nichts Ungewöhnliches jedenfalls. Zehn Finger, zehn kurze, runde Nägel. Eine Sommersprosse auf dem Handrücken meiner rechten Hand.
"Nein. Das ist nicht richtig. Das ist nicht ... da sollte doch ... etwas anderes sein. Wo ist es? Wo ist die ... Wo ist sie?" Ich schrie diese Worte beinahe, die Panik überrollte mich.
Was passiert gerade?
Ich bin mir nicht sicher. Sie hat gerade begonnen, um sich zu schlagen. Hat beinahe die Infusion herausgerissen.
Hör mal, ihr Herzschlag, er ist außer Kontrolle.
Das ist schon einmal passiert. Bella, Love, es ist alles gut, du bist in Sicherheit. Ich bin hier.
Die Erinnerung kam zurück, klar und deutlich. Eine halbmondförmige Narbe auf meiner rechten Hand. Ich blickte hinab, und da war sie. So deutlich wie immer. Meine Finger tasteten sie ab und strichen darüber. Ich atmete aus, mein Körper beruhigte sich.
Meine Narbe. James' Bisswunde. Ich schloss meine Augen und sah das Bild wieder vor mir, Edwards Lippen bedeckten meine Haut, der Schmerz des Giftes schwand, während mein Bewusstsein davondriftete.
Aus dem Nirgendwo spürte ich einen kalten Druck an meiner linken Hand. Nein, das war nicht richtig. Es war kalt, soviel war klar, aber es war auch warm. Eine Wärme, die anhielt und mich durchflutete. Aber das war ein gutes Brennen, wie wenn man in einer kalten Nacht vor einem Feuer stand. Mein Körper summte von der Hitze und mein Blick klärte sich. Ich konnte durch den Nebel sehen, durch die Wolken, die meinen Pfad blockierten und mich ziellos herumirren ließen.
Ich war in einem Gang. Einem Korridor.
Und es gab der Reihe nach Türen.
Intermezzo - Edward
"Türen."
Das einzelne Wort, dass so leise gesprochen wurde, dass nicht einmal Alice und Emmett es hörten, die am anderen Ende des Raumes saßen. Das war das erste verständliche Wort, das Bella gesagt hatte. Ich war so an das undefinierbare Murmeln gewöhnt, dass ich das Wort zuerst nicht als das erkannte, was es war.
Aber als ich es erkannte, holte ich tief durch zusammengebissene Zähne Luft.
"Edward?", fragte Alice. Ich wedelte ihre Frage beiseite.
"Das stimmt, Bella. Türen. Finde die Türen. Öffne sie."
"Kann nicht." Ihre Stimme war immer noch ein leises Murmeln, aber es erfüllte mich mit einer Hoffnung, die ich schon seit Tagen nicht mehr empfunden hatte. Ich wollte wieder sprechen, aber ihre Lippen bewegten sich immer noch. Ich wurde komplett regungslos, mein ganzes Wesen konzentrierte sich auf das Mädchen vor mir.
Ich wartete und beobachtete die Bewegung ihrer Lippen. "Verschlossen."
Ich lehnte mich zu ihr, meine Hand auf ihre Brust, um ihren beschleunigten Herzschlag unter meinen Fingern zu spüren. Ich drückte sanft meine Lippen auf ihre Stirn.
"Kannst du die Schlüssel finden?", fragte ich leise in ihr Ohr.
Nichts. Ihre Lippen blieben still.
"Bella?"
Keine Antwort. Nur das gleichmäßige Schlagen ihres Herzens. Bella war wieder ruhig.
Ich streckte mich und seufzte. So nah dran. Jedes Mal, wenn sie sich bewegte oder um sich schlug, gestattete ich mir die Hoffnung, dass sie wieder erwachen würde. Ich hatte nicht gemerkt, wie sehr ich mich auf diese Hoffnung versteift hatte, bis sie wieder still wurde. Still und starr wie ... nein. Ich weigerte mich, in diese Richtung zu denken. Sie würde wieder erwachen.
Ich wartete auf ein weiteres Wort, ein weiteres Zeichen von ihr, aber da war nichts. Nur ihr langsames, tiefes Atmen und der konstante, gleichmäßige Herzschlag unter meiner Hand.
"Komm zurück zu mir, Bella. Bitte."
Tränen liefen mir ungehindert über die Wangen, als ich in den Korridor starrte. Meine Hände waren rot und wund, meine Schultern schmerzten und ich keuchte, als wäre ich meilenweit gelaufen. Meine Anstrengungen waren aber absolut umsonst gewesen. Jede Tür entlang dieses Korridors blieb fest verschlossen. Keine einzige hatte sich ein Stückchen bewegt, egal wie fest ich drückte, zog, trat oder mich dagegen warf.
Bitte.
"Ich versuche es ja", flüsterte ich zurück.
"Warum lassen sie sich dann nicht öffnen?"
Mein Kopf wirbelte hoch. Sie war wieder da. Die höhnische Version meiner selbst stand am anderen Ende des Korridors. Sie grinste mich an und wirbelte ihren Schlüsselring wieder um ihren Finger.
Eine Welle der Wut erfüllte mich und ich stieß mich vom Boden ab. Ich hatte nichts anderes vor, als zu ihr zu laufen und ihr die Schlüssel mit Gewalt zu entreißen. Aber bevor ich zwei Schritte machen konnte, hörte ich wieder die Stimmen. Alles hielt an. Sogar ich.
Ich gehe nicht.
Edward, du sitzt schon drei Tage lang hier. Ich setze mich für eine Weile zu ihr.
Alice.
Edward.
Die Stimmen hielten inne und es blieb nichts weiter als ein vages Brummen. Die Stille, die blieb, war vertraut für diesen Ort - wo auch immer ich war. Ich hatte schon vor einer Weile aufgegeben, es als Traum zu betrachten. Wenn es wirklich ein Traum gewesen wäre, wäre ich längst aufgewacht.
Ich sah hinüber zu meinem anderen Ich am Ende des langen Korridors, meine Braue zog sich hoch, als ich den Ausdruck auf ihrem Gesicht sah. Es war so aus wie meines, aber irgendwie anders. Ich versuchte herauszufinden, was ihr Gesichtsausdruck zu bedeuten hatte. Es sah beinah wie Angst aus.
Dann begann die Musik. Sanft, süß. Ein Lied, das ich noch nie zuvor gehört hatte ... oder doch? Ich hatte nicht wirklich ein Ohr für klassische Musik, ich kannte nur die Lieder, die Renée sich anhörte, und davon erinnerte ich mich immer nur an meine Lieblingslieder. Dieses Stück kam nichts gleich, das Renée mir je vorgespielt hatte.
Es ertönte im Korridor und wiederhallte in dem Dunst, der uns umgab. Oder eher, der mich umgab. Als ich die andere Frau ansah, war sie fort. Ich war wieder allein. Allein mit dem Korridor und den Türen und ohne Schlüssel - allein mit meiner Frustration. Meine Hände kamen hoch an mein Gesicht, um die Tränen wegzuwischen, die mir wieder über die Wangen liefen.
Ist schon gut, Bella. Wir sind alle hier. Wir vermissen dich.
Das war Alices Stimme, ihr hoher Sopran war sogar an diesem düsteren Ort erkennbar. Ich klammerte mich daran, versuchte, dies festzuhalten, aber ich konnte es genauso wenig bei mir behalten, wie ich die Türen öffnen konnte.
Dann eine andere Stimme. Tiefer, vertraut, aber mit dem selben samtigen Unterton, den ich so gut kannte. Emmett.
Warum spielst du Esmes Song? Wenn du schon spielst, dann spiel Bellas Lied.
Irgendwo in meiner Nähe ertönte ein scharfes Zischen. Fast als würde jemand nach Luft schnappen. Das ließ mich an Alice denken. Ich wusste, ich hatte Recht, als sie wieder sprach.
Mach es, Edward! Spiel es!
Dann hörte ich es, die Veränderung in der Musik erfüllte den Korridor, erfüllte den ganzen Dunst um mich herum. Sie erfüllte auch mich. Ich spürte es in den Zehenspitzen, wie es sich in meinem ganzen Körper ausbreitete, bis es ein Teil von mir war.
Und dann begann das Zittern. Ich konnte zuerst nicht sagen, ob ich es war oder der Korridor, in dem ich saß, aber ich konnte mich nicht bewegen. Als nächstes kamen die Schmerzen, dieselben höllischen Schmerzen, die ich in meinem Schrank verspürt hatte und in dem Zimmer mit dem anderen Ich. Ich schrie auf und griff mir an den Kopf, aber es verging nicht. Ich fiel nicht wieder in die Schwärze.
Die Musik ertönte weiter, trotz des Zitterns und der Schmerzen. Die Musik war die Ursache, sonst gab es keine andere Erklärung. Es ging mir gut, bevor die Musik erklang. Gut.
Aber ging es mir wirklich gut? Nein. Ich war weit von "gut" entfernt, gefangen in dieser wabernden Hölle aus Dunst und weg von den Menschen, die ich liebte. Weggesperrt von Edward.
Edward. Ich dachte an ihn, seine brillanten, wunderschönen Augen, seine kalte, beruhigende Berührung, das Gefühl seiner Lippen, glatt wie Glas, wenn er mich küsste, der musikalische Klang seiner Stimme, seine langen Finger, wie sie sich mühelos über die schwarzen und weißen Tasten des Klaviers bewegten, wenn er mein ...
Ein weiteres Beben erschütterte den Korridor und riss mich zurück in die Gegenwart. Ich sah mich wild um. Ich konnte nirgendwohin gehen. Ich versuchte aufzustehen, wieder nach den Türen zu greifen, um einen Weg nach draußen zu suchen, aber ich konnte mich nicht bewegen.
Kleine Nebelfelder kamen langsam auf mich zu. Ich sah, wie sie um meine Knöchel waberten, aber meine Beine bewegten sich nicht. Ich blickte hoch, wollte deren Ursprung finden, und mein Atem gefror in meiner Brust. Ich sah diesmal nicht den weißen Dunst, an den ich mich hier schon gewöhnt hatte. Die Masse, die auf mich zukam, war schwarz. Schwarz wie Gewitterwolken. Wie der Himmel in Forks, bevor ein großer Regen kam, der immer die Stadt bedrohte und beinahe in den Ozean spülte.
"Nein", sagte ich leise, kaum hörbar über dem zunehmenden Schmerz in meinem Kopf, über die Musik in meinen Ohren oder das donnernde Beben des Korridors um mich herum.
Der Nebel kam näher und ich schrie.
"NEIN!"
Der Knall als Antwort war ohrenbetäubend. Er drang durch die Schmerzen und es fühlte sich an, als würde mein Schädel von der puren Kraft entzwei gespalten. Meine Hände legten sich an meinen Kopf, damit sie ihn in einem Stück halten konnten.
Dann, wie ein Donnerschlag vor dem heranziehenden Sturm, schlug jede Tür vor mir weit auf.
Und ich fiel, stolperte durch den Dunst und die Schwärze und das Nichts, in dem ich mich befand. Edwards Name kam mir über die Lippen, direkt aus meiner Seele, er zerrte an mir, riss an mir, zog mich durch die Dunkelheit und die Schmerzen.
Bis ich landete, sanft und still, mit nichts als einem gleichmäßigen Piepton, der mich zu Hause willkommen hieß.
