10. Kapitel – Sergej Preobrazhensky

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Wenn es heute 0 Grad hat und morgen doppelt so kalt werden soll, wie kalt wird es morgen?

Unbekannt
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Karkaroff klopfte am nächsten Morgen rücksichtsvoll gegen die Holztür. „Miss Rosier, Zeit zum Aufstehen", brummte er und Helen registrierte im Halbschlaf, dass sich seine Schritte von der Tür wegbewegten. Sie streckte sich und gähnte herzhaft. Die Nacht in dem weichen Bett zu verbringen, hatte ihr gut getan. Ihr Körper schien ausgeruht zu sein und sie fühlte sich befremdlich ausgeschlafen.

Eine Viertelstunde später öffnete sie die Tür und trat in den Wohnraum. Als erstes fiel ihr Blick auf einen reichhaltig gedeckten Frühstückstisch. Sie entdeckte Milch, Kaffee, Tee, Marmelade, Käse, Wurst und sogar Rührei. Als nächstes registrierte sie Karkaroff, der mit übereinandergeschlagenen Beinen auf dem Platz saß, auf den er sich schon am vorherigen Abend niedergelassen hatte, und in einer russischen Zeitung las. Sie musste lächeln. Wäre die Situation nicht zum verzweifeln, sie würde sich fühlen, als besuchte sie einen Verwandten.

„Guten Morgen." Über den Rand des Blattes sah er sie aus ernsten Augen an. „Setzen Sie sich. Ich hoffe, Sie finden etwas zu ihrer Zufriedenheit." Dann vergrub er wieder den Kopf und schien sie vergessen zu haben.

Helen rutschte auf den ihr zugedachten Platz und schüttete sich eine Tasse Tee ein. Aus der Zuckerdose nahm sie zwei Häufchen Zucker und bemühte sich, nicht zu geräuschvoll in dem heißen Gebräu zu rühren. Aus Erfahrung mit ihrem Vater wusste sie, dass Männer beim Zeitunglesen nicht gestört werden wollten.

Sie frühstückte für gewöhnlich nicht, sondern trank lediglich zwei Tassen Tee. Aus diesem Grund begann sie mit ihrem Blick umherzuschweifen, was Karkaroff allerdings nicht verborgen blieb. „Sie sollten etwas essen", sagte er freundlich. Helen lächelte verschämt. „Tut mir leid, aber morgens habe ich praktisch kaum Appetit." Er nickte. „Es wird ein harter Tag für Sie. Sie sollten sich wirklich stärkern." Helen sah ihn irritiert an. „Harter Tag?"

Seufzend faltete der Todesser die Zeitung zusammen und warf sie achtlos zur Seite. „Ich habe vorhin eine Eule erhalten. Ich soll Sie schon heute nach Leningrad bringen. Es tut mir leid." Dann sah er sie aufmerksam an. Irritiert runzelte Helen die Stirn. Irgendetwas stimmte nicht. Karkaroff schien mehr zu wissen, als er zugab. „Was passiert mit mir?", fragte sie daher ängstlich. Er zuckte mit den Schultern. „Ich darf Ihnen keine näheren Auskünfte geben, Miss Rosier. Ich werde Sie nach Leningrad bringen und dort an Sergej übergeben. Alles andere wird er Ihnen mitteilen. Aber wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf: Verhalten Sie sich unauffällig und machen Sie keinen Ärger." In seinem Blick spiegelte sich deutliches Mitleid wieder. Er mochte die junge Frau und sie tat ihm leid.

Helen kaute zu Ende und nickte dann. Auch wenn Karkaroff ein Todesser war, so war er zumindest ein Ehrbarer. Sie wollte etwas sagen, doch da hatte er schon wieder das Wort ergriffen. „Ich weiß, dass Sie über Flucht nachdenken, aber glauben Sie mir, Sie haben keine Chance. Wenn Sie geschnappt werden, und das wird passieren, dann werden die Todesser kein Erbarmen mit Ihnen haben. Der Mann in Leningrad kennt kein Pardon und schätzt kein Ungehorsam." Helen stutzte. Meinte er jetzt diesen Sergej?

„Wenn Sie dann fertig sind, würde ich gerne losgehen", meinte Karkaroff freundlich. „Ich bitte Sie, seien Sie folgsam. Ich müsste Ihnen wehtun, wenn Sie zu fliehen versuchen. Kann ich mich auf Ihr Wort verlassen?" Er sah Helen fragend an. Sie erwiderte seinen Blick und schließlich, scheinbar nach Stunden, nickte sie.

Karkaroff nickte ebenfalls und wandte sich ab. „In Zehn Minuten wieder hier." Dann ging er durch eine weitere Tür, die scheinbar zu seinem Schlafraum führte und Helen fand sich allein wieder. Dies war der perfekte Moment zu fliehen, doch sie zögerte. Wahrscheinlich erwartete Karkaroff nicht wirklich, dass sie ihr Versprechen wirklich halten würde. Aber ihr analytischer Verstand sagte ihr, dass sie besser auf ihn hören sollte. Sie besaß keinen Zauberstab. Die Einwohner waren Todesser, sie würde nicht weit kommen. Sollte sie jetzt fliehen, hätte sie sich alle weiteren Versuche verspielt. Die Gelegenheit war noch nicht günstig.

Schließlich kehrte der Mann zurück und ging zum Frühstückstisch. Er nahm ein frisches Obst und steckte es in eine russische Umhängetasche. Ebenfalls nahm er eine Flasche Wasser und tat sie zu dem Obst. Dann reichte er ihr die Tasche. „Passen Sie gut darauf auf." Gemeinsam gingen sie auf den Vorplatz des Hauses. Karkaroff reichte ihr den Arm und Sekunden später verspürte Helen die typischen Anzeichen des Apparierens.

Sie manifestierten sich in einem halbdunklen Raum. Aufmerksam versuchte sich Helen so viele Details wie möglich zu merken, doch Karkaroff wies sie darauf hin, dass sie hier nie wieder hinfinden werde. Sie ließ es.

Ernst sah er sie an. „Habe ich noch immer Ihr Wort, dass Sie nicht zu fliehen versuchen?" Helen nickte und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Sie sind eine sehr kluge Frau. Wenn Sie weiterhin strategisch vorgehen werden, können Sie es hier in Leningrad weit bringen. Folgen Sie mir."

Helen folgte ihm tatsächlich und trat aus einem Hauseingang auf eine belebte Straße. Sie wunderte sich über Karkaroffs Vertrauen. Er ging vorneweg und schien sich nicht mal die Mühe zu machen nachzusehen, ob sie ihm tatsächlich folgte. Die Straße war belebt. Es hätte keinerlei Anstrengung bedeutet, nun einfach inmitten der Leute unterzutauchen und nach einem Russen zu suchen, der sie zurück nach London bringen würde. Sirius machte sich bestimmt Sorgen um sie. Wahrscheinlich hatte er schon längst herausgefunden, dass Peter sie verraten hatte. Wer sonst sollte es gewesen sein? Außer ihnen dreien wusste ja niemand etwas von ihrem Unterschlupf.

Der Gedanke an Sirius half Helen. Sie hoffte, dass er sie suchen und vielleicht irgendwann finden würde. Etwas anderes konnte nicht geschehen. Auch wenn sie beide keinerlei enge Verbindungen hatten, so war Sirius doch ein Mann, der zu seinem Wort stand. Und er hatte versprochen zu helfen. Wahrscheinlich würde er sogar Dumbledore einschalten. Wäre der alte Mann vor ihr aufgetaucht, sie hätte all ihre Verletztheit überwunden und hätte sich ihm anvertraut. Vielleicht hätte sie besser über ihren Schatten springen und gleich mit dem mächtigen Mann reden sollen?

Karkaroff bog um eine Ecke und Helen beeilte sich, ihm zu folgen. Ein Teil in ihr schimpfte sie eine Närrin, weil sie die Gunst der Flucht nicht genutzt hatte. Doch ein anderer Teil in ihr, wahrscheinlich das, was man im Allgemeinen als Intuition bezeichnete, sagte ihr, dass es besser wäre, ihm zu folgen. Also tat sie es. Sie beeilte sich aufzuholen und ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Es war einfach. Er gab sich keinerlei Mühe, versteckt zu agieren. Den Weg schien er scheinbar blind zu kennen, wohingegen Helen wirklich bald die Orientierung verlor. Muggel schienen umherzuhasten und ab und an meinte sie einen Zauberer oder eine Hexe zu entdecken.

Doch sie hatte keine Zeit, weitere Eindrücke zu sammeln. Karkaroff war stehen geblieben und in eine Gasse eingebogen. Er blieb stehen und wartete, dass sie zu ihm aufgeholt hatte. „Ich freue mich, dass Sie sich an Ihr Versprechen gehalten haben." Er streifte sie mit einem Seitenblick. „Sie hätten nicht lange genug überlebt." Dann griff er ihren Arm und trat mit ihr auf eine Mauer zu. Sekunden bevor sie scheinbar gegen die Steine liefen, konnte sich Helen noch einmal umdrehen und erblickte Männer, die sie spöttisch grüssten. Sie erkannte sie wieder und innerlich schlug sie sich vor die Stirn. Sie waren verfolgt worden. Daher war Karkaroff so scheinbar naiv gewesen. Er wusste genau, dass sie, sobald sie unterzutauchen versucht hätte, von den Todessern aufgegriffen worden wäre.

Es war als trat sie durch eine Nebelwand. Diesigkeit umgab nicht nur ihr Sichtfeld, sondern auch ihren Geist. Das Gefühl auf Watte zu schweben, machte sich in ihr breit und Helen hatte das Bedürfnis zu kichern. Erst Karkaroffs Hand, die sie unbarmherzig packte und mitschleifte, riss sie aus ihren Gedanken. Sie konnte dem Drang zu kichern nicht widerstehen. „Mädchen, benehmen Sie sich", fauchte er und rollte genervt mit den Augen. Jeder, der diesen Nebel nicht kannte, reagierte auf diese Art und Weise. So war Leningrad, beziehungsweise der magische Teil, geschützt. Es passierte selten, aber sollte sich wirklich mal ein Muggel verirren, er würde umdrehen, weil er nicht mehr wissen würde, was er überhaupt wollte. Bei Helen löste es etwas Ähnliches aus. Er konnte nicht genau sagen, was es war, aber er wusste, dass sie für die nächsten fünf Minuten keinerlei Erinnerungsvermögen hatte. Solange hatte er Zeit, sie zu Sergej zu bringen.

Helen hatte tatsächlich keinerlei Aufnahmefähigkeiten vorzuweisen. Es war ihr klar, dass sie auf irgendeine Art und Weise manipuliert wurde, doch je mehr sie sich zu wehren schien, desto dichter wurde der Nebel in ihren Gedanken und sie hatte das Gefühl, sich zu verirren. Sie spürte, wie Karkaroff sie durch die Gassen des magischen Leningrads dirigierte. Die Gedanken waren nicht greifbar. Kaum glaubte sie, etwas erkennen zu können, war es wieder weg und das Bedürfnis, sich einem Kicheranfall hinzugeben, wuchs beständig. Schnell gab Helen auf und ließ sich fast schon willenlos führen.

Vor einem unscheinbaren Gebäude blieben sie stehen. Karkaroff klopft und wartete, bis sich schließlich die Tür öffnete. Ein bulliger Mann starrte ihn grimmig an und fragte ihn, was er wünschte. Auf Russisch antwortete Karkaroff und wenig später betraten sie das Haus. Umgehend war das wattige Gefühl in Helen vorbei. Sie war gedanklich wieder hellwach und nur ein bleiernes Gefühl blieb in ihren Gliedern zurück. Neugierig sah sie sich um und versuchte erneut, sich die Details zu merken.

Karkaroff schmunzelte. „Ich bewundere wirklich Ihre Fähigkeit zu hoffen, Miss Rosier", raunte er leise. „Eigentlich dürfte ich es nicht sagen, ja noch nicht einmal denken, aber ich wünsche Ihnen wirklich alles, alles Gute." Noch bevor Helen diese Worte verdauen konnte, hatte er sie schon am Arm gepackt und weiter gezogen. „Verzeihen Sie mir, Miss Rosier." Er packte ihr in den Nacken und schob sie unsanft vor sich her.

Nur zwei Sekunden später und er selbst wäre in Schwierigkeiten gewesen. Ein unbekannter, aber wohl wichtiger, Todesser tauchte vor ihnen auf und bedachte Helen mit einem abfälligen Seitenblick. „Das ist also die Kleine", stellte er fest und betrachtete Helen eingehend. Sie fühlte sich wie ein Pferd, das versteigert werden sollte. Sollte der Mann ihr befehlen, den Mund aufzumachen, um ihre Zähne zu betrachten, sie hätte sich nicht gewundert. Doch er schien keinerlei Interesse an ihrem Gebiss zu haben, denn er nickte knapp und wandte sich zu Karkaroff. „Danke Igor. Wir sind dir sehr verbunden. Du kannst jetzt gehen." Karkaroff schlug spöttisch die Haken zusammen. „Ja, Sir", sagte er schnippisch und nickte auch Helen knapp zu. Dann drehte er sich um und ging mit wehendem Umhang davon.

Helen betrachtete den Mann vor sich näher. Er schien schon älter zu sein, aber sie meinte dennoch eine Vitalität in seinen Augen zu sehen, die ihr Angst machte. Er war offensichtlich Russe, obwohl sie bislang immer gedacht hatte, alle Russen hätten dunkle Haare. Er war goldblond. „Mitkommen", hörte sie ihn knurren und setzte sich langsam in Bewegung. Dabei beobachtete sie ihre Umgebung. Sie schienen in einem heruntergekommenen Gebäude zu sein. Überall fiel Putz von den Wänden und nirgends war irgendetwas zu sehen, was im Entferntesten als Dekoration auszulegen war. Der Gang, durch den sie gingen, war erschreckend kahl. Helen bemühte sich, mit seinen großen Schritten mitzuhalten. Ihnen folgten drei weitere Männer und die junge Hexe begann, sich wie eine Schwerverbrecherin zu fühlen.

Der Gang schien nie enden zu wollen. Er ging tiefer und schließlich hörten die Fenster auf, so dass Helen vermutete, dass sie sich mittlerweile unter Tage befanden. Die Temperatur fiel rapide ab, sie begann zu frösteln. Doch es interessierte keinen der Männer. Unbarmherzig trieben sie sie weiter und mit jedem zurückgelegten Schritt, hatte sie das Gefühl, zu ihrer eigenen Hinrichtung zu gehen. Warum war sie nicht tatsächlich geflohen? War es dumm? War es naiv gewesen zu glauben, irgendwann würde ein besserer Zeitpunkt kommen? Sie wusste es nicht und sie weigerte sich, über vertane Chancen nachzudenken. Das deprimierte und hinderte daran, nach vorn zu sehen.

Schließlich stieg der Gang an und irgendwann begannen auch wieder Fenster aufzutauchen. Helen atmete unbewusst auf. Bislang hatte sie die Macht von Tageslicht unterschätzt. Sie hatte das Licht immer als selbstverständlich hingenommen, doch nun, als sie befürchten musste, nie wieder Tageslicht zu sehen, kam es ihr geradezu kostbar vor.

Die kleine Truppe blieb vor einer Holztür stehen. Der Mann, offenbar der Anführer, klopfte und Sekunden später wurde die Tür von einer kleinen Frau geöffnet. Sie trug ein Kleid, das Helen als geradezu schockierend aufreizend bezeichnen würde. Ihre Brüste quollen fast aus dem Stoff und an den Seiten war er so gerafft, dass bei jedem Gang die Schenkel der Frau zu sehen waren. Der Blonde grinste. „Hallo Rossy." Sein Ton hatte etwas an sich, von dem Helen annahm, dass es verrucht klingen sollte. Sie unterdrückte den Drang zu Lachen. Wahrscheinlich hätte das Ärger bedeutet.

„Pjotr", schnurrte die Frau und dabei drohte ihr Busen immer mehr aus dem Stoff zu kippen. „Wie schön, die einmal wieder zu sehen. Du warst schon lange nicht mehr da." Sie leckte sich über die blutrot gemalten Lippen und verschmierte ihren Lippenstift. Doch das schien niemandem etwas auszumachen. Alle starrten der Frau nur auf das entblößte Dekollete.

„Wir sind heute leider dienstlich hier", meinte der Mann namens Pjotr. „Wir bringen euch eine Neue." Der Blick der Frau wanderte an ihm vorbei und blieb schließlich an Helen hängen. Ihre Lippen verzogen sich zu einem dümmlich wirkenden Lächeln. „Die Kleine ist aber nicht von hier, oder?", fragte sie. „Engländerin", lautete die knappe Antwort, die der Frau zu genügen schien. „Gut kommt mit." Sie drehte sich um und Pjotr riss Helen an ihrem Arm mit sich. „Keine Zicken", zischte er. Wahrscheinlich hoffte er, dass er sie möglichst schnell abliefern konnte, um noch ein wenig Zeit zu haben, die er mit Sicherheit in die Frau investieren würde.

Helen dachte nicht im Entferntesten daran, sich aufzulehnen. Sie hatte doch nicht den Verstand verloren. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie eine Flucht durch den Gang abhaken konnte. Nie und nimmer würde sie das Ende lebend erreichen. Sie musste sich eine andere Möglichkeit suchen.

Erneut hielt die seltsam wirkende Truppe vor einer Tür. Eine junge, unerfahren wirkende Frau war zwischen drei Männern eingekreist, die von einer billig wirkenden Hure angeführt wurden. Die Situation barg eine gewisse Komik, der sich Helen nicht entziehen konnte. Sie biss sich auf die Lippen, um nicht laut loszulachen. War ihr Verstand schon dabei durchzudrehen?

Die Tür wurde schwungvoll aufgerissen und ein großer Mann machte eine einladende Bewegung. „Herein, nur herein ins DinGrinder", rief er. Das DinGrinder, so stellte Helen rasch fest, war eine Mischung aus Variètè, Tanzbar und Bordell. Sie schluckte. Spätestens jetzt wusste sie, wie ihre Zukunft laut Lord Voldemort auszusehen hatte. Er hatte gesagt, sie hätte ein Jahr Zeit, sich in eine ordentliche Todesserhure zu verwandeln, oder sie musste sterben.

Der Mann, der die Truppe begrüßt hatte, schien so eine Art Conférencier zu sein. Helen war sich noch nicht sicher, was sie von ihm halten sollte. Er hatte sie bislang völlig ignoriert, sondern sich umgedreht und die Männer durch einen großen Raum in eine Art Büro geführt. Pjotr schliff Helen mehr oder weniger unsanft mit sich, so dass sie gar keine Wahl hatte. Sie musste folgen.

In dem Büro setzten sich die Männer auf Stühle. Ein jeder schien einen bestimmten Platz zu haben, woraus Helen schloss, dass sie sich nicht zum ersten Mal in diesem Etablissement befanden. Unsicher blieb sie stehen. Für sie war scheinbar keine Sitzgelegenheit vorgesehen. „Setz dich", hörte sie Pjotr sagen. Hilflos blickte sie sich um, aber noch immer war kein Stuhl aufgetaucht. Sekunden später befand sie sich auf dem Boden wieder. Pjotr hatte ihr mit einem gezielten Schlag in die Kniekehlen ihren Platz zugewiesen – auf dem Boden.

„Wir bringen dir die Engländerin", sagte der Russe schließlich zu dem hinter einem Schreibtisch sitzenden Mann. „Du hast den Brief mit den Anweisungen erhalten und weißt was zu tun ist." Pjotr wartete keine Bestätigung ab, sondern leierte weiter seinen Text runter. „Das Übliche. Ferner erwarte ich einen wöchentlichen Bericht. Du hast sämtliche nötigen Verfügungsgewalten, um ihren Willen zu brechen, solange sie keine bleibenden Schäden davon trägt, der Herr braucht sie sowohl lebend als auch unversehrt." Dann wandte er sich an Helen. „Diesem Mann wirst du gehorchen. Sollte ich Klagen hören, werde ich mich persönlich um dich kümmern und du wirst dir wünschen, ein braves Mädchen gewesen zu sein." Er lachte dreckig, fast so, als hoffte er, dass sie sich nicht als ‚braves Mädchen' entpuppen würde. Er deutete auf den Mann hinter dem Schreibtisch, der sehr selbstzufrieden grinste. „Sergej Preobrazhensky."


Begriffe:
- Conférencier: Ansager im Kabarett od. Variètè

Anmerkung:
Lucius wird bald wieder auftauchen…