Sie hatten sich den Tag in der Siedlung vertrieben, bis es dunkel geworden war und die meisten Kupsalforatianer in ihren Häusern verschwunden waren. Zwischenzeitlich waren sie noch einmal kurz in der TARDIS gewesen, da es Mira langsam kalt geworden war. Sie trug jetzt wieder die mittelblaue Jacke, die sie sauber in ihrem Quartier vorgefunden hatte, und dabei hatte sie gleich ihre Haare wieder zusammengesteckt.
Es hatte noch eine kurze Diskussion gegeben, ob sie Waffen mitnehmen sollten – wobei, eigentlich war es keine Diskussion gewesen. Mira hatte es angesprochen, und er hatte nur gemeint, entweder sie ging ohne Waffe mit oder sie würde in der TARDIS bleiben. Sein Ton hatte keinen Widerspruch zugelassen, und so hatte sie ihn nur einen Moment nachdenklich aus ihren stahlgrauen Augen angesehen und dann zugestimmt.
Darüber hinaus hatte er ihr noch die Mentalität der Kupsalforatianer erklärt, nachdem sie ihm von ihren Beobachtungen in Kenntnis gesetzt hatte. Vor allem von dem eigenartigen Gefühl das von dem Kupsalforatianer ausgegangen war, als er das Mädchen auf ihrem Arm gesehen hatte. Es war fast, als verschwieg er ihnen bewusst etwas. Das Erstaunen und fast schon Erschrecken dass er gefühlt hatte, war viel zu stark, falls es sich tatsächlich nur um ein Kind handelte, dass im Trubel seine Eltern verloren hatte. Er hatte nicht weiter nachgefragt, wie sie das alles fühlen konnte, nahm aber an, dass es mit ihren parapsychischen Fähigkeiten zusammenhing. Sie selbst hatte relativ bald das Thema gewechselt und überhaupt so getan, als wäre das alles nichts besonderes.
Die Kupsalforatianer waren nicht nur friedfertig, weil sie sich bewusst dazu entschlossen hatten, sie konnten nicht anders. Es war der Weg, wie die Natur sie geschaffen hatte, das Konzept von Unehrlichkeit, Verrat und Boshaftigkeit war ihnen gänzlich fremd und unbegreiflich für sie. Wenn sie jemanden baten etwas zu unterlassen, konnten sie sich schlicht nicht vorstellen, dass er dieser Bitte nicht entsprach. Auch Gewalt lag ihnen völlig fern. Ihr großes Glück war, dass sich ihr Planet am Rande ihrer Galaxis befand, weit ab sämtlicher Routen auf denen sich Handels und Kriegsschiffe bewegten. Und dass sie selbst trotz ihrer großen Intelligenz keinerlei Bedürfnis verspürten, das Universum zu erkunden.
...
Nun standen sie wieder vor der Ruine. Er hatte recht behalten, von den Einheimischen war niemand mehr zu sehen, und nur das rote Absperrband flatterte einsam im Wind. Sie hatten sich von der Rückseite des Gebäudes genähert, um nicht über den jetzt verlassen daliegenden Marktplatz laufen zu müssen.
„Am besten du wartest hier, es sieht tatsächlich einsturzgefährdet aus. ", sagte er zu Mira nachdem er das Gebäude noch einmal gescannt hatte. „Pass einfach auf ob jemand kommt."
„Eine Taschenlampe wäre praktisch gewesen...", hörte er da schon gedämpft aus dem Inneren des Hauses. Sie hatte sich tatsächlich unbemerkt an ihm vorbei gedrückt.
„Komm sofort wieder raus!"
„Wieso? Wir wollten uns das doch anschauen."
„Es ist nicht sicher!"
„Ach ne. Dann hilf mir oder hör auf mich abzulenken, dann bin ich schneller wieder draußen."
„Mira...", setzte er an, den Ärger in seiner Stimme kaum verbergend, bevor er sah dass sie dabei war gegen ein kniehohes Trümmerstück zu laufen, bei dem ihr auch die tastend nach vorn gestreckten Arme nicht helfen würden. „Vorsicht!"
„Ahhhh... Scheiße."
Zu spät.
„Taschenlampe, ich sags doch.", brachte sie zwischen zusammengekniffenen Zähnen hervor, während sie sich das Knie rieb.
„Alles in Ordnung?"
Mit ein paar schnellen Schritten war er neben ihr, den Screwdriver wie eine Taschenlampe haltend. In dessen blauem Schein konnte sie jetzt auch selbst sehen, mit was sie gerade kollidiert war.
„Ja. Es ist wirklich stockfinster hier drinnen.", fügte sie erklärend hinzu, als sie seinem fragendem Blick begegnete.
„Findest du?"
Menschen. Deren Sehfähigkeit im Dunklen war einfach nicht besonders gut ausgeprägt.
„Du solltest wirklich draußen...", begann er noch einmal, doch der Blick dem sie ihm daraufhin zuwarf, ließ ihn verstummen, als er die Autorität darin erkannte. Keine Autorität, die sich nur auf einen Rang oder eine ererbte Position stützte, sondern hinter der Jahrhunderte an Leben und Erfahrung standen. Autorität, derer sie sich vermutlich in dieser Form nicht einmal bewusst war.
Es fand es immer noch irritierend, so etwas bei einem Menschen zu sehen, zuckte dann aber mit den Schultern und ging weiter in das Gebäude, darauf achtend, dass sie wenigstens hinter ihm blieb.
Sie bewegten sich weiter vorsichtig durch das Haus, fanden aber nichts weiter als drei weitere Splitter des fremdartigen Metalls. Er erklärte ihr, dass die Legierung zu gewöhnlich war, um ihre Herkunft genauer einzugrenzen. Mit anderen Worten: Das Zeug gab es zu dieser Zeit überall in der Galaxis, auf Planeten auf denen Raumfahrt existierte und die miteinander Handel trieben.
Als sie schon aufgeben und zurück zur TARDIS gehen wollten, entdeckte er in einer Ecke eine Falltür. Sie war durch kleinere Putz- und Holzteile fast vollständig verdeckt, und wenn Mira nicht mit dem Fuß an einem davon hängen geblieben wäre und sie so verschoben hatte, dann hätten sie die Tür niemals gesehen.
Er ließ ihr erst gar keine Chance sich wieder an ihm vorbei zu schieben, öffnete die Falltür und leuchtete mit dem Sonic in die Dunkelheit die sich vor ihnen auftat. Dieses Mal war es komplett finster, und somit konnte auch er selbst ohne das bläuliche Leuchten, das von dem Sonic Screwdriver ausging, nichts sehen.
Am Rande der Falltür hing eine Strickleiter, und der Boden befand sich etwas mehr als zwei Meter unter ihnen. Es war der Boden eines Ganges, der sich von der Tür schräg nach Rechts, zur Küste hin bewegte. Er nahm den Screwdriver zwischen die Zähne und kletterte die kurze Strickleiter hinunter und trat dann von der Luke weg, um Mira Platz zu machen. Sie bemühte sich nicht, ebenfalls die Leiter zu benutzen, sondern sprang einfach vom Rand herunter. Als er sah, wie sie dazu ansetzte, winkte er noch schnell ab, den Lärm würde man auf dem glatten Boden weit – vielleicht zu weit – hören, doch sie kam erstaunlich leise auf, federte tief in die Knie und sah ihn ob seiner Herumfuchtelei gespielt unschuldig an, als sie sich wieder aufgerichtet hatte.
Er schüttelte nur den Kopf, murmelte etwas davon, dass die Menschen offenbar in jedem Universum von Affen abstammen würden und ging dann in den Gang hinein. Die Wände waren glatt und mit einem plastikartigem Material ausgekleidet. Man hätte bequem nebeneinander gehen können, doch er schob Mira wieder hinter sich. Immerhin hatte er das Licht.
Sie kamen immer wieder an Türen vorbei, die sich Rechts und Links von ihnen befanden, doch alle waren deadlocked, so dass er sie auch mit dem Sonic nicht öffnen konnte.
Als sie dem Gang für etwa fünfhundertneunzig Meter gefolgt waren – und somit schon unter dem Meer sein mussten – konnten sie vorne hinter einer Biegung endlich ein Licht sehen, und er steckte den Screwdriver wieder weg.
Außerdem waren Stimmen zu hören. Sie schoben sich vorsichtig etwas näher heran, bis sie einzelne Worte ausmachen können. Das hieß, bis Mira auch hörte, was gesagt wurde, er hatte es schon weiter hinten verstehen können.
„Hast du nachgesehen?" Die Stimme einer Frau, dominant und leicht zickig.
„Nein, wie denn? Überall waren diese Pelzviecher. Ich hatte keine Chance. Außerdem hast du den Knall gehört. Die finden die Tür nie.", antwortete ihr eine männliche, definitiv genervte Stimme.
„Sicher? Ich sags dir. Wenn die uns finden, dann bist du..."
„Die haben ihre Augen überall! Sogar hinten. Wie hätte ich denn.."
„Hättest du dir was überlegt. Oder das dumme Kind nicht erst abhauen lassen. Zu blöde um auf die Plagen aufzupassen."
„Alte, hör auf. War ja wohl genauso deine Schuld. Wer ist denn den ganzen verdammten Tag high?"
„Ich arbeite! Was man von dir ja nicht behaupten kann."
„Klappe. Die sind außerdem viel zu dumm. Selbst wenn sie uns hier finden, die tun ja doch nichts. Wie oft haben sie uns schon gesagt, wir sollen verschwinden. Und was ist passiert? Nichts. Wir sind immer noch hier."
Der Rest des Gesprächs bestand nicht aus viel mehr, als ausgetauschten Beleidigungen, wobei die beiden eine erstaunliche Kreativität an den Tag legten.
Da wurde er plötzlich von Mira leicht in den Rücken gestupst, um ihn zu weitergehen zu motivieren. Während er noch überlegte, was sie als nächstes tun sollten, geschahen mehrere Dinge gleichzeitig, welche ihm vorerst die Entscheidung abnahmen.
Er spürte, wie sich Mira plötzlich versteifte, die so nah hinter ihm stand, dass sie ihre Hand auf seine Schulter gelegt hatte, um besser an ihm vorbei sehen zu können, gleichzeitig hörte er von vorne:
„Da ist jemand. Du Volltrottel. Ich habs dir doch gesagt."
„Woher..."
„Ich spür sie. Ich sag doch, ich arbeite du fauler Sack. Von wegen high."
Er drehte sich kurz zu Mira und hatte den Eindruck dass sie ihm etwas mitteilen wollte, als ein Strahlschuss durch den Gang knallte und an der Wand gegenüber von ihnen einschlug. Da dieser natürlich auf gerader Strecke durch die Biegung gegangen und nicht um die Kurve geflogen war, hatte er sie nicht getroffen.
„Du bist zu allem zu dumm, oder?" hörten sie jetzt wieder die Frau.
Der Doctor und Mira drückten sich inzwischen an die Wand, da sie sich beide einig waren dass eine Flucht in knapp sechshundert Meter ziemlich geraden Gang mit einer Energiewaffe im Rücken definitiv nicht Option Nummer Eins war.
„Warte, nicht nochmal schießen. Ich renne denen bestimmt nicht nach..."
Der letzte Teil hatte abwesend geklungen, und keine fünf Sekunden später kam ein großer Tresor um die Kurve geflogen, der genau auf sie zuhielt und sie unweigerlich an die Wand quetschen würde.
Was bei Rassilon war das? Ein Kraftfeld? Eine Art Traktorstrahl?, überlegte der Doctor blitzschnell, während er Mira bei der Hand nahm und nur rief: „Lauf!"
Diese riss sich aber aus seinem Griff los, und er stoppte hart, nachdem er schon angelaufen war.
„Mira!" Sie schien starr vor Schreck zu sein, denn sie stand nur da, und starrte scheinbar perplex den Metallkasten an, der gerade auf sie zuflog.
Doch nur Zentimeter vor ihr stoppte er abrupt, hing kurz in der Luft um dann in die Gegenrichtung davon zu fliegen. Er nahm die Kurve des Ganges nicht ganz, sondern knallte – gerade dort, wo sie es noch sehen konnten – mit unglaublicher Wucht an die Wand.
Auf den großen Knall mit dem er schließlich auf dem Boden zu liegen kam – völlig verbeult, was bei dem dicken Material einiges an Kraft bedeutete – folgte Stille. Selbst die beiden Streithähne schwiegen.
Nun war es an ihm, Mira perplex anzusehen.
„Telekinese.", sagte sie einen Moment später leise und deutete dabei in die Richtung, aus der der Tresor ursprünglich gekommen war.
