Kapitel 10
Es kam ihm vor, als sähe er diese Welt zum ersten Mal. Zugegeben, von hier oben traf das auch zu.
Severus drehte einige Kreise über dem Bereich in unmittelbarer Nähe der Höhle und beobachtete den schwarzen Hund, der unter ihm her lief und ihn argwöhnisch beobachtete. Insgeheim wünschte der Tränkemeister sich ja, dass Black in seinem absolut dämlichen Gebahren einen Baum übersah. Doch dafür bewegte er sich wohl schon zu lange hier.
Severus seinerseits hatte immer noch Probleme, sich an das Fliegen zu gewöhnen. Nicht, dass er Höhenangst hatte, doch die Bewegungen, die er mit seinen Flügeln vollführen musste, um nicht plötzlich zehn Meter abzusacken, hatte er noch nicht ganz verinnerlicht. Aber er wurde besser. Und als er es endlich schaffte, sich mehr auf Black unter ihm anstatt auf die Bewegungen neben ihm zu konzentrieren, gewann er auch rasch seinen alten Missmut zurück.
Schließlich ging er in den Sturzflug über und schwebte so dicht über den Kopf des schwarzen Hundes hinweg, dass der die Ohren einzog und leise jaulte. Wobei dieses Jaulen auch vom Gegenwind gekommen sein könnte, aber Severus mochte die andere Variante lieber.
Danach steuerte er auf einen kahlen, tief hängenden Ast zu und ließ sich darauf nieder. Als Black um die Ecke trottete, spie Severus ihm einen scharfen Laut entgegen.
Knurrend ließ der Hund sich auf seine Hinterläufe nieder und traktierte Severus mit wütenden Blicken. Einmal bellte er sogar gedämpft.
Daraufhin breitete Severus seine Flügel aus, so wie er es am Vorabend auch in der Höhle getan hatte. Und obwohl er einem Hund bisher keine ausgereifte Mimik zugetraut hatte, meinte er zu sehen, wie die Promenadenmischung ihn jetzt spöttisch ansah.
Der Vogel kreischte laut auf und flatterte wieder in die Luft. Zu Severus' großer Zufriedenheit blieb Black jedoch zurück und folgte ihm nicht weiter. Er hatte die Höhle ohnehin schon viel zu lange alleine gelassen. Zumindest lange genug, um Weasley ausreichend Gelegenheiten zu geben, sich endgültig um die Ecke zu bringen.
Nach ein paar Sekunden wandte Severus seine Aufmerksamkeit gänzlich auf die Landschaft unter sich und suchte diese andere Höhle, in der sich ihre Eintrittskarte aus dieser Welt befinden sollte. Black hatte ihm gesagt, sie liege in nördlicher Richtung. Also schlug Severus diese ein, bis er auf der anderen Seite des riesigen Kraters, in dem die Paralleldimension existierte, angelangt war.
Die Höhlen reihten sich hier aneinander wie eine groteske Perlenkette. Größere und kleinere Eingänge lagen dicht beieinander und nicht wenige verliefen nach ein paar Metern in kompletter Dunkelheit. Einige waren so sehr von Bäumen und Gestrüpp umwachsen, dass sie kaum zu erkennen waren. Andere hingegen zogen Severus' Aufmerksamkeit mühelos auf sich.
Stolpernd landete er vor einer der Höhlen und konnte sich nur knapp davon abhalten, wieder seine menschliche Gestalt anzunehmen. Das Biest reagierte erfahrungsgemäß schnell und Severus brauchte noch zu lange für die Verwandlung, um dabei ohne größere Schäden davon zu kommen. Die Flügel eng an seinen Körper geschmiegt, hüpfte er vor der Höhle auf und ab, konnte aber keinerlei magische Energie wahrnehmen, die darauf hindeuten würde, dass er hier an der richtigen Adresse war.
Also nahm er den nächsten schwarzen Schlund in der Perlenkette ins Visier. Während er die etwa fünfzig Meter bis dorthin zurücklegte (was in seiner momentanen Gestalt frustrierend lange dauerte), sah er mehrmals im Augenwinkel den farblosen Schleier, bemerkte einen zarten Windhauch, hörte das Rascheln von Blättern. Das Biest stellte sich nicht eben geschickt an in der unbemerkten Fortbewegung. Musste es auch nicht, denn seine Kräfte waren schlichtweg überwältigend. Es hatte vermutlich Jahrhunderte gehabt, um sich von der Kraft seiner Opfer zu nähren und daran zu wachsen. Ein Entkommen war quasi unmöglich, vor allem angesichts der Tatsache, dass die Animagus-Verwandlung erst seit zwei Jahrhunderten ausreichend erforscht war, um gezielt darauf hinarbeiten zu können.
Früher geschahen solche Verwandlungen spontan und wenn man bedachte, unter welchen Umständen, vermutlich auch nur sehr jähzornigen, wenig kontrollierten Menschen. Und da solche ohnehin meistens die Aufmerksamkeit auf sich zogen, hatten sie sicherlich ihr Bestes getan, um nicht auch noch so aufzufallen. Wobei Severus überzeugt war, dass es auch jene gegeben hatte, die diese Umstände nutzten, um die Angst vor ihrer Person ausreichen zu schüren, um mit allem durchzukommen.
So in seine Gedanken vertieft, klapperte Severus mit dem Schnabel, während er sich weiter als Fußgänger vorwärts bewegte. Selten war es ihm so sinnlos und beschwerlich vorgekommen wie jetzt. Er hatte kaum einen Tag als Animagus hinter sich und verteufelte es bereits.
Doch er konnte nicht sicher sein, dass er die Magie der Schutzbanne auch aus der Luft spüren würde. Allzu stark konnte sie nicht sein, sonst würde das Biest sich nicht von den kleinen Zaubereien beeindrucken lassen, die sie in den letzten Tagen ausgeführt hatten.
Also setzte er krächzend seinen Weg fort und versuchte sich an der Ungestörtheit zu erfreuen, die er schon seit Tagen so schmerzlich vermisst hatte.
Deswegen traf ihn die Wucht der Magie auch so unerwartet, als er in ihren Wirkungskreis kam. Entgegen seiner vorherigen Annahme strahlte die Höhle eine so starke Energie aus, dass er nicht einmal hinsehen musste, um zu wissen, dass er hier richtig war. Er musste nur fühlen und das tat er auch unfreiwillig.
Dennoch blinzelte er, gab ein heiseres Krächzen von sich (was eigentlich ein Schnauben hätte sein sollen) und näherte sich dem gesuchten Objekt langsam. Je dichter er dem schwarzen Eingang kam, desto intensiver wurde das Gefühl, hier nicht willkommen zu sein. Severus vermutete, dass der Dunkle Lord einige Zauber auf die Höhle gelegt hatte, die weniger willensstarke Naturen sofort die Flucht ergreifen lassen würde. Denn wenn Todesser eines waren, dann willensstark. Na ja, vielleicht abgesehen von Wurmschwanz, aber er hatte das Dunkle Mal ohnehin nur bekommen, weil er ein Freund von James Potter gewesen war. Der einzige, der sich dazu bereit erklärt hatte, ihn ans Messer zu liefern.
So kämpfte Severus sich weiter vorwärts und ihm wurde bewusst, weshalb das Biest sich von dieser Magie nicht angezogen fühlte. Sie war anders. So komplett gegenteilig, als hätte man Rot gegen Grün gelegt. Oder positive Ladung in negative umgewandelt. Es war einfach nicht das, was das Biest suchte. Und es stellte Severus die Federn auf.
So gab er ein erleichtertes Krächzen von sich, als er die Banne endlich überwunden hatte und in die Dunkelheit der Höhle hüpfte. Noch während er dies tat, nahm er seine menschliche Gestalt wieder an und rückte seine Kleidung zurecht, als er aufrecht stand.
In der Mitte der Höhle stand ein riesiger Findling. So groß, dass an den Seiten gerade genug Platz für einen Mann von Severus' Statur war, um daran vorbei zu kommen. Vorsichtig, um sich nicht in den letzten Zügen des Aufenthalts hier doch noch den Umhang komplett zu ruinieren, schob Severus sich seitlich an dem Stein vorbei und trat in die komplette Finsternis.
Er zog den Zauberstab aus seiner Umhangtasche und murmelte ein leises „Lumos!". Doch die Spitze blieb dunkel. Die veränderte Magie an diesem Ort setzte auch seinen Zauberstab außer Gefecht. „Großartig", knurrte er daraufhin und setzte seinen Weg tastend fort.
Da der Findling so im Mittelpunkt stand, wandte Severus vorerst ihm seine Aufmerksamkeit zu. Vorsichtig glitten seine von der ständigen Arbeit mit heißem und scharfem Gerät schwieligen Hände über den kalten Stein. Ein zufriedener Laut entwich seinem Mund, als er tatsächlich ein unregelmäßiges Muster von Linien fand, das in die Oberfläche gehauen war.
Mit den Fingerspitzen, die noch mit Abstand am empfindlichsten waren, fuhr er die Linien entlang und versuchte die Buchstaben zu identifizieren, die er dann zu Worten und so hoffentlich zu einem sinnvollen Zauberspruch zusammenfügen würde. Er begann oben links und fuhr waagerecht zur rechten Seite hinüber. Ein Buchstabe nach dem anderen wurde von ihm erkannt und an die anderen gereiht.
Als er am Ende angekommen war, runzelte Severus die Stirn. Das ergab keinen Sinn. Irgendwo musste er einen Fehler gemacht haben. Also setzte er wieder oben an und arbeitete sich vorwärts – bis er zu demselben Ergebnis kam wie beim ersten Mal.
Danach begann er am anderen Ende und glitt nach oben. Doch auch das machte keinen Sinn. „Ich warne dich, Black…", knurrte er leise. Wenn die Promenadenmischung sich einen Scherz mit ihm erlaubte, konnte Severus für nichts garantieren. Und dass Black ihn an seine Hose ließ, war ihm dabei nur recht.
Doch für den Fall, dass es diese Dimension war, die sich einen Scherz mit ihnen erlaubte, prägte Severus sich die Buchstaben-Reihenfolge ein, bevor er dem Licht, das vom Eingang der Höhle her nach ihm zu tasten schien, folgte.
- - -
„'Sinbar dopi kunrar'", verkündete Severus, als er eine halbe Stunde später die Höhle betreten und sich wieder in einen Menschen verwandelt hatte.
„Uhm... Gesundheit?!", erwiderte Black zögernd, während er die Stirn runzelte.
„Das steht auf dem Stein, Holzkopf!" Der Tränkemeister ging an der Feuerstelle vorbei und setzte sich zu Weasley, dessen Augen nach wie vor geschlossen waren. Entweder er schlief, oder er genoss noch immer das Privileg der Bewusstlosigkeit.
„Welcher Stein?"
„Dein Grabstein!", ätzte Severus. „Welcher Stein wohl?"
„In der Höhle ist ein Stein?"
„Nein, Black. Eine niedliche kleine Bank zum Ausruhen." Severus' Finger zuckten merklich in Richtung Blacks Hals angesichts so viel unnötiger Konversation. Dann holte er tief Luft und erklärte es so, dass selbst der fünfjährige Verstand des Köters ihm folgen konnte: „In der Höhle ist ein Stein. Ein Findling. Und auf diesem Findling steht 'Sinbar dopi kunrar'."
„Das kann nicht richtig sein", murmelte Black nach einigen Sekunden. „Vielleicht muss man es rückwärts lesen."
„'Rarnuk ipod rabnis' macht nicht mehr Sinn, Black."
„Oder man muss die Buchstaben in eine sinnvolle Reihenfolge bringen", spekulierte Black weiter.
„Wenn wir wieder in unserer Welt sind", schnarrte Severus daraufhin, „erinnere mich bitte daran, dass ich Weasley bei der Seuchenkontrolle melden gehe. Seine Art zu denken – sofern man es denn als Denken bezeichnen kann – ist ansteckend!"
„Ist das deine Art, mir zu sagen, dass ich Schwachsinn rede, Schniefelus?"
„Nein", erwiderte Severus gedehnt.
Nachdem sie einige Momente geschwiegen hatten, machte Black eine auffordernde Geste mit den Händen. „Ich warte auf deine Beweisführung!"
„Beweisführung wofür?"
„Dafür, dass man die Buchstaben nicht in die richtige Reihenfolge bringen muss."
Severus seufzte theatralisch, machte sich allerdings nicht die Mühe, den Blick von Weasley zu wenden. „Wie lange hat Avery gebraucht, um diese Welt wieder zu verlassen?", fragte er den anderen.
„Nicht lange."
Als Black auch da noch nicht zu verstehen schien, sah Severus ihn doch an. Sehr vielsagend, mit einer sehr weit hochgezogenen Augenbraue.
„Ooh… so meinst du das."
„Jaah, so meine ich das. Avery ist nicht unbedingt der schlaueste aus dem Kreis der Todesser. Er bräuchte Stunden, um ein Worträtsel dieser Art zu lösen. Außerdem gibt es keine sinnvolle Lösung für die Buchstaben, egal in welche Reihenfolge man sie bringt."
„Dann müssen die Worte wohl richtig sein", schlussfolgerte Black.
Severus schnaubte. „Das sind nicht mal Worte!"
„Solange sie den Vorhang für den Rückweg öffnen, kann uns das egal sein." Aus dem Augenwinkel sah Severus, wie Black aufstand und zur Feuerstelle ging. „Wie sieht es aus, gehst du jagen?", fragte er, während er versuchte, ohne Magie ein Feuer zu entzünden. Er tat das jeden Tag und stellte genauso häufig fest, dass er es nicht konnte.
Um den Flüchen, die er dabei stets ausstieß, heute zu entgehen, zückte Severus seinen Zauberstab, deutete auf die Feuerstelle und sagte: „Incendio!" Die anfangs kleinen Flammen züngelten rasch höher in die Luft, Black wich erschrocken vor der Hitze zurück und das Biest kehrte zu ihnen zurück.
„Elender Spielverderber!"
„Halt den Mund und geh jagen!", knurrte Severus.
„Und was ist mit dir?"
„Ich werde Weasley wecken und sehen, ob er unseren Aufbruch noch weiter hinauszögern wird, oder mittlerweile gelernt hat, sich zusammen zu reißen", erwiderte der Tränkemeister gleichmütig. „Aber wenn es dir lieber ist, überlasse ich es auch gerne dir, ihm in den Hintern zu treten."
„Danke, das kannst du besser. Aber irgendwann wird der Tag kommen, an dem du keine Ausrede parat hast, Schniefelus, und ich werde da sein, um zu lachen." Mit diesen Worten verwandelte Black sich in seine Animagusgestalt und lief aus der Höhle, direkt an dem kaum sichtbaren Schatten des Biests vorbei, das sich nicht einmal nach dem Hund umdrehte.
„Wir werden sehen…", murrte Severus mit schmalen Augen.
Dann wandte er sich Weasley zu und rüttelte ihn an der Schulter. „Wachen Sie auf, Weasley!"
Der Rotschopf reagierte nicht.
Daraufhin versuchte Severus es etwas nachdrücklicher, übertönte sogar noch das Kreischen des Biests.
Doch auch darauf bekam er keine Reaktion.
Während er den Gedanken an zwei Millionen Galleonen, die aus dem Fenster flatterten, hartnäckig zu verdrängen versuchte, schob Severus den Ärmel seines ehemaligen Schülers nach oben und wickelte den improvisierten Verband ab, mit dem er die Wunde versorgt hatte. Bereits nach den ersten zwei Lagen war der Stoff feucht und glänzte gelblich. Die letzten Bahnen waren miteinander verklebt und kaum zu lösen.
Als die Wunde endlich frei lag, schluckte Severus hart. Er hatte noch niemals zuvor eine derart entzündete Wunde versorgt, wusste aber, dass Poppy vereiterte Wunden niemals magisch heilte. Zu oft hatte er sich selbst mit so etwas herumschlagen müssen. Unglücklicherweise hatte er jedoch nie nach den Gründen gefragt, die hinter ihrem Handeln standen. Es fiel ihm schwer, Weasleys Arm unangetastet zu lassen.
Als würde er etwas gegen besseres Wissen tun, begann Severus erneut, den Eiter zu entfernen und die Wunde mit Alkohol zu reinigen. Dann bemühte er einige weitere Male seinen Zauberstab, um sich sauberes Verbandszeug zu beschaffen, und betupfte das schemenhaft erkennbare Mal mit dem Heiltrank, bevor er es mit einem frischen Verband umwickelte.
Schließlich versuchte er erneut, Weasley zu wecken. Normalerweise würde Poppy ihn in einem Fall wie diesem anweisen, ein Konzentrat zu brauen, das für die Verabreichung in die Vene geeignet war. Doch hier hatte er weder die richtigen Geräte, um ein Konzentrat herzustellen, noch die Möglichkeit, Weasley irgendetwas intravenös zu spritzen. Er musste ihn wecken, oder Weasley würde für immer schlafen. Und mit ihm die zwei Millionen Galleonen auf Potters Konto.
Nach mehreren vergeblichen Versuchen musste Severus einsehen, dass er ohne einen erneuten Rennervate nicht weiterkommen würde. Diese Erkenntnis entlockte ihm einen missmutigen Laut, denn der Zauber war eine enorme Belastung für das Herz. Wenn er Pech hatte, brachte er den Jungen damit um.
Selten zuvor war Severus so nervös gewesen. Das Blut rauschte heiß durch sein Gesicht, schien jedoch nicht genug Sauerstoff in sein Gehirn zu transportieren. Es war, als hätte er Knoten im Kopf, die die Weiterleitung von rationalen Gedanken behinderten. Wie in Trance griff er nach Weasleys Handgelenk und tastete nach dem Puls. Kaum spürbar, dafür aber umso schneller flatterte er gegen die dünne Haut.
„Wenn Sie jetzt ins Gras beißen, werden Sie es bereuen, Weasley!", zischte Severus, bevor er seinen Zauberstab auf den Rotschopf richtete und das Wort über seine Zunge rollen ließ.
Zwei quälende Sekunden tat sich gar nichts – auch nicht unter Severus' Fingerspitzen. Dann riss Weasley urplötzlich die Augen auf und schnappte nach Luft, während sein Handgelenk aus Severus' Griff rutschte. Der schlaksige Körper bäumte sich auf, so dass der Tränkemeister rasch zugreifen musste, damit er nicht hart auf den Boden zurückfiel.
Im nächsten Moment begann Weasley zu zittern. So sehr, dass seine Zähne laut aufeinander schlugen und sein Körper geschüttelt wurde, als hätte er eine Art Krampf. Das blasse Gesicht war verzerrt und schweißig, die Blicke rutschten immer wieder an Severus' Gesicht ab und schweiften planlos durch die Höhle.
Es dauerte einige Momente, ehe der Tränkemeister sich von dem Anblick losreißen und etwas tun konnte. Medizinische Dinge waren nie sein Steckenpferd gewesen; man konnte einfach nicht berechnen, was passieren würde. Jeder Menschen reagierte anders. Er hasste das.
Severus stellte die Phiole mit dem Heiltrank zur Seite und griff nach Weasleys Schultern, um ihn leicht aufzurichten. In diesem Zustand würde er ihm den Trank nicht im Liegen verabreichen.
„Weasley, hören Sie mir zu!", sagte er mit scharfer Stimme.
Ein Würgen war die Antwort, was Severus instinktiv zurückweichen ließ, so dass der Rotschopf auf den Boden zurückfiel. Severus hatte seine Erfahrungen mit würgenden Schülern gemacht. Es war immer schlau, sich nicht in unmittelbarer Nähe zu befinden. Doch offensichtlich war Weasleys Magen leer, denn mehr als etwas glasiger Speichel lief ihm nicht aus dem Mund. Nicht, dass es das Ganze angenehmer für Weasley machte. Die Anstrengung blieb und gerade die konnte er in seinem momentanen Zustand kaum ertragen.
Der junge Mann ließ einen kläglichen Laut hören und rollte sich auf die Seite. Seine Hand rutschte über den sandigen Boden und als er eine Erhebung fand, die in seine Handfläche passte, krallte er sich daran fest, dass die Finger weiß wurden.
Severus schnaubte leise. „Sie hatten schon immer einen Hang für das Theatralische, Weasley…" Dann wagte er einen erneuten Versuch, setzte seine ehemaligen Schüler auf und hielt ihm die Phiole vor die Nase. „Trinken Sie das!"
Mit einer Hand entkorkte Severus das Gefäß und presste es gegen Weasleys Lippen. Mehr oder weniger bereitwillig legte dieser den Kopf in den Nacken und öffnete den Mund.
Severus' Arm – der, mit dem er Weasleys Oberkörper stützte – begann bald zu zittern. Der andere Mann lehnte sich mit seinem vollen Gewicht dagegen und damit er nicht die Hälfte verschüttete, musste Severus das Gefäß langsam kippen. Sein ganzer Körper stand unter Spannung, er hatte sogar die Zähne fest aufeinander gebissen. „Nun mach schon!", presste er zwischenzeitlich hervor und ärgerte sich, dass ihn das nicht weiterbrachte.
Umso erleichterter warf er die Phiole neben sich, als Weasley endlich den letzten Rest getrunken hatte, und versuchte, den schwachen Körper so vorsichtig wie möglich auf dem Boden abzulegen. Dennoch keuchte Weasley und verzog das Gesicht.
Der Tränkemeister hob den Rennervate wieder auf und legte Weasley so, dass er im Zweifelsfall nicht an seinem Erbrochenen ersticken würde. Dann sank er auf seine Füße zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Wenn das so weitergeht, sind die zwei Millionen ein echtes Schnäppchen, Potter."
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Sirius spuckte das seltsame Federvieh auf den Höhlenboden, ignorierte den Gedanken an die Steinzeit und verwandelte sich wieder in einen Mensch. Der Geschmack des Gefieders blieb jedoch und veranlasste ihn dazu, angewidert das Gesicht zu verziehen. „Vögel sind das Letzte", ließ er Snape wissen und erntete dafür einen verschlagenen Blick.
„Ich werde dich daran erinnern, wenn du mir das nächste Mal an die Wäsche willst, Black."
Der Animagus grinste. „So vergesslich bin ich nun auch wieder nicht."
Das Kopfschütteln, das er zur Antwort bekam, war nicht die Reaktion, mit der er gerechnet hatte.
„Was ist mit Ron?", fragte er deswegen und sein Grinsen verschwand.
Snape holte tief Luft und richtete sich etwas auf. „Es geht ihm schlechter."
„Was heißt das?"
„Das, was ich gesagt habe: Es geht ihm schlechter, Black!", schnappte der andere harsch und starrte ihn aus großen schwarzen Augen an.
„Und was willst du jetzt tun?" Sirius ließ sich gegenüber von Snape auf den Boden fallen.
Der Tränkemeister zuckte mit den Schultern. „Abwarten. Ich hab ihm noch eine Phiole des Trankes verabreicht. Mehr kann ich hier nicht tun."
Sirius' Blicke schwankten zwischen dem jungen Mann am Boden und dem so viel älter wirkenden vor dem Feuer hin und her. „Ich kann nicht einfach abwarten", stellte er schließlich fest und schüttelte den Kopf.
„Dann tu, was immer dir in den Sinn kommt!" Snape sprang auf die Füße und schritt mit wehendem Umhang am Feuer vorbei. Ungestüm schnappte er sich den Vogel, der mit verdrehtem Hals auf dem Boden lag, und begann, ihn zu rupfen.
Einige Momente beobachtete Sirius ihn dabei, dann stand er ebenfalls auf, allerdings sehr viel geschmeidiger. Überzeugt von sich und seinem Plan ging er zu Snape, nahm ihm den Vogel aus der Hand und ließ ihn wieder auf den Boden fallen. Dann teilte er den schwarzen Stoff und suchte nach dem Hosenknopf.
„Was genau tust du da, Black?", schnarrte Snape und der warme Atem strich über Sirius' Gesicht.
Ein flüchtiges Grinsen schlich über die Gesichtszüge des Animagus. „Muss ich dir das wirklich erklären?" Behände öffnete er die Knöpfe an Snapes Hose und verschwand mit seiner Hand unter dem harten Jeansstoff. Dabei beobachtete er, wie der Tränkemeister den Kopf in den Nacken legte, widerwillig die Augen schloss und leise stöhnte.
Keine zwei Sekunden später befand sich Sirius' Hand im festen Griff des anderen. Ihre Blicke trafen sich, Snapes Mimik wurde kurz hart und dann herablassend. „Dreh dich um!", wies er Sirius an und ließ ihn los.
Sirius seinerseits überlegte einen Moment. Einen überflüssigen Moment, denn sein Körper hatte längst beschlossen, dass er den Anweisungen der Fledermaus Folge leisten würde. Und so fand er sich schließlich auf den Knien wieder und fragte sich, wann die Hölle so verflixt himmlische Züge angenommen hatte.
