10 Das dunkle Mal

Nachts träumte Leana von Lucius Malfoy. Sie sah ihn an der Schule herumschleichen und mit seinem versilberten Schlangen-Stock an die Klassenzimmertüren klopfen, wobei er ein wildes Gelächter ausstieß. Wieder einmal fuhr sie schweißgebadet aus dem Schlaf hoch.

Sie ging ins Badezimmer und spritzte sich mit den Händen Wasser ins Gesicht. Langsam schien der Traum von ihr abzufallen, während sie sich mit einem Handtuch abtrocknete. Nachdenklich musterte sie ihr eigenes Spiegelbild.

Was würde hier noch alles auf sie zukommen?

Was sie diesen Dingen wirklich gewachsen?

In der dunklen Nacht erschien ihr diese ganze Situation hier an der Schule mit einem Mal sehr bedrohlich.

Sie legte sich seufzend wieder ins Bett, wo sie sich lange hin und her wälzte und erst gegen Morgen erneut in den Schlaf fand.

Den neuen Tag verbrachte sie neben der Literatur einiger Zauberbücher damit, in jeder freien Minute Okklumentik zu üben. Schließlich wollte sie sich im Unterricht keine Blöße geben.

Leana hatte Herzklopfen, als sie am nächsten Abend Snapes Zimmer betrat, denn sie wusste nicht, ob das Thema Malfoy für ihn schon erledigt war.

Von der musikalischen Darbietung ganz zu schweigen!

Sie konnte sich durchaus vorstellen, dass er ihre `Vorstellung` mit einer seiner üblichen zynischen Bemerkungen kommentieren würde:

„Mir scheint, sie haben am Musikunterricht mit genau so wenig Erfolg teilgenommen wie an meinen Lektionen!" oder „Hat Ihr Klavierlehrer seine Beruf inzwischen an den Nagel gehängt oder leidet er Ihretwegen nur unter Depressionen?"

Doch nichts davon trat ein.

Snape begrüßte sie mit unverbindlicher Miene und fuhr mit dem Okklumentik-Unterricht fort, als wäre nichts geschehen. Leana war das nur recht. Sie bemühte sich heute besonders, seine Aufgaben richtig zu lösen. Höchst konzentriert übte sie sich im Verschließen ihres Kopfes und genauso aufmerksam erledigte sie seine Legilimentik-Vorgaben.

Er schien zufrieden mit den Ergebnissen zu sein, obwohl natürlich kein Lob über seine Lippen gekommen war.

Das wäre wohl auch zuviel des Guten!

Immerhin beendete er nach einiger Zeit die Übungen und begann, ihr noch einige wichtige Dinge über Zaubersprüche, unverzeihliche Flüche, Dementoren und das Ministerium zu erklären. Leana lauschte seinem sachlichen Vortrag mit großem Interesse.

Die Stimmung war zum ersten Mal weniger feindlich, selbst Snapes Augen wirkten auf sie nicht mehr so kalt. Sie bemerkte, dass seine tiefe Stimme einen samtigen Unterton haben konnte, der ihr vorher noch nie aufgefallen war. Und die Art, wie er die Silben teilweise leicht in die Länge zog und einzelne Buchstaben betonte, klang gar nicht mehr bedrohlich, sondern eher – nun ja – reizvoll !

Ganz nebensächlich griff er während seiner Erläuterungen zur Teekanne. Erst jetzt bemerkte Leana, dass heute tatsächlich zwei Tassen auf dem Schreibtisch bereit standen. Sie konnte ihre Überraschung nur mühsam verbergen, als er das dampfende Gebräu einschenkte und ihr wortlos die Tasse zuschob.

Sie verzichtete vorsichtshalber auf ein übertriebenes Dankeschön, sondern nickte nur kurz. Dann legte sie die Finger um das heiße Keramikgefäß.

Der Tee roch nach würzigen Kräutern. Er schmeckte kräftig, ein wenig bitter und sehr intensiv. Irgendwie schien das Getränk zu Snape zu passen…

Noch mehr überrascht als über die unerwartete Bewirtung war sie allerdings von dem Satz, der wenig später folgte: „Erzählen Sie von Ihrem Beruf!"

Er hatte sie noch nie vorher nach persönlichen Dingen gefragt. Sie wusste erst gar nicht, wo sie anfangen sollte, aber dann berichtete sie ihm von Studium und Ausbildung, von ihren Patienten und deren Problemen.

Interessiert hört er ihr zu und stellte hin und wieder eine wohlüberlegte Frage.

Schließlich wollte er wissen: „Wieso haben Sie sich ausgerechnet für den Beruf als Therapeutin entschieden? Sie haben doch ständig mit Problemen und Krisen zu tun."

Leana nahm noch einen Schluck Tee. „Das stimmt, aber ich kann den Leuten in den meisten Fällen doch helfen. Und ich fand es schon mein Leben lang interessant, hinter die Fassade anderer Menschen zu blicken. Zu sehen, warum sie so und nicht anders reagieren oder was sie bewegt."

Nachdenklich musterte er sie. „Dann ist das also ihr Traumberuf."

Sie lachte kurz auf. „So würd ich das nicht nennen. Es ist unglaublich anstrengend. Viel schlimmer, als ich mir das vorgestellt hatte. Und manchmal fällt es mir recht schwer, die professionelle Distanz einzuhalten und mich nicht vom Schicksal der Patienten einnehmen zu lassen."

„Was machen Sie dann?"

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich nehm mir vor, beim nächsten Mal besser aufzupassen. Und wenn es mir schlecht geht, spiel ich eben Klavier." Sie lächelte ihn an.

Snape lehnte sich im Stuhl zurück. Er sah halbwegs entspannt aus. Für seine Verhältnisse.

Ob sie auch von ihm was erfahren konnte?

Sie ließ es drauf ankommen:

„Professor, darf ich Sie was fragen zu den Todessern?"

Die steile Falte an seiner Stirn kehrte zurück, er wirkte plötzlich wieder etwas verkrampfter, sagte aber erst einmal nichts.

Leana fuhr fort: „Ich habe ein wenig nachgelesen, aber nicht alles gefunden. Sind sie immer noch aktiv? Weiß man, wer alles dazugehört? Wie nehmen sie Kontakt zueinander auf?"

Langsam führte er seine Tasse zum Mund, nahm einen Schluck Tee und beantwortete dann tatsächlich mit tonloser Stimme ruhig ihre Fragen. „Der dunkle Lord hat seine Anhänger wieder um sich geschart. Einige sind bekannt, andere vertrauen auf ihre Tarnung. Aber es gibt natürlich viele Gerüchte." Sein Blick wurde eisiger. „Ich nehme an, Sie haben einen Grund, warum Sie gerade mir diese Frage stellen?"

Das Gespräch lief nun eindeutig in die falsche Richtung. Sie sah ein Funkeln in seinen Augen, dass ihr gar nicht gefiel. Mit unsicherer Stimme bemühte sie sich um eine Erklärung: „Sie haben mir doch gerade über unverzeihliche Flüche erzählt, da wollt ich eben wissen, wie das mit den Todessern…."

Er fuhr ihr ins Wort: „Hören Sie auf mit albernen Erklärungen. Ich bin mir sicher, Sie haben das Schülergetuschel aufgeschnappt. Snape, der Ex-Todesser!"

„Nein!", rief sie aufgeregt dazwischen, „ich wollte wirklich nur wissen…"

Mit einer schnellen Bewegung beugte er sich nach vorne, legte seinen linken Arm auf den Schreibtisch und riss mit einem Ruck den Ärmel hoch. Das „Dark Mark" leuchtete ihr dunkel und bedrohlich von seinem Unterarm entgegen.

Leana zuckte zusammen.

Er hob beide Augenbrauen „Überrascht?"

Sie sah ihm in die Augen. Er wollte sie provozieren, das war ihm wirklich gelungen! Aber sie glaubte, noch andere Gefühle zu erkennen.

Keinesfalls war er stolz auf dieses Zeichen auf seiner Haut. Sie spürte eher so etwas wie Abscheu gegen diesen Teil seines Körpers. Und den damit verbundene Ereignissen.

Ihre Augen wanderten auf das Schlangenmal und dann fragend zu ihm. Snape erklärte mit tiefer, rauer Stimme: „Der dunkle Lord brennt es seinen Anhängern für alle Zeit ein".

Einem plötzlichen Impuls folgend hob sie die Hand und berührte mit den Fingerspitzen die Tätowierung. Seine Haut fühlte sich kühl an und trotz der Narben erstaunlich weich. An den vernarbten schwarzen Linien spürte sie ein fast schmerzhaftes Kribbeln in ihren Fingern, so, als würde sie kleine Stromschläge erhalten.

Das Ganze dauerte nur einen kurzen Augenblick, dann zog Snape wütend den Arm weg. „Was soll das?"

Die Härte war in sein Gesicht zurückgekehrt.

Er sprang auf, seine Stimme klang heiser „Sie gehen jetzt besser!"

Leana hätte sich ohrfeigen können, als sie draußen auf dem Gang stand. Nun hatte Snape sich zum ersten Mal ein wenig ihr gegenüber geöffnet und sie hatte die Chance durch ihr plumpes Verhalten vertan!

Wirklich gut hingekriegt!

Allzu gerne hätte sie mehr darüber erfahren, wie er zu den Todessern gekommen war und vor allem, wie ihm der Absprung gelungen war. Es stand außer Zweifel für Leana, dass er der guten Seite angehörte. Sie hatte es schon bei der ersten Gedankenübung gespürt und Dumbledore hatte es schließlich auch bestätigt. Er mochte manchmal aggressiv sein, er konnte die Beherrschung verlieren, er konnte ungerecht sein, aber er verfügte keinesfalls über die malfoysche Grausamkeit.

Im Kopf eines echten Todessers, wie Lucius Malfoy es war, sah es vollkommen anders aus. Das wusste sie schließlich genau!

Doch wie passte das alles zusammen? Der dunkle Lord lässt seine Anhänger doch nicht einfach kündigen. Ob sie noch einmal die Möglichkeit bekommen würde, ihn danach zu fragen?

Ihre Fingerspitzen fühlten sich immer noch so an, als hätte sie auf eine warme Herdplatte gefasst. Ein wenig taub und gleichzeitig wund und überempfindlich.

Den bitteren Geschmack des Tees konnte sie auch noch auf der Zunge spüren.

Und sie sah seine unergründlichen Augen vor sich, dunkel und tief.
Was hat dieser Mann nur an sich, dass er mich so beeindruckt?

Sie versuchte sich einzureden, dass das nur professionelle Neugierde war, aber irgendwie glaubte sie sich das selbst nicht. Am allerwenigsten bekam sie den Klang seiner Stimme aus dem Kopf: dunkel, warm, intensiv, magnetisch,……. sinnlich ? auf jeden Fall sehr außergewöhnlich.

*

*

Überrascht hörte sie sich selbst Tasten anschlagen.

Wann war sie denn ins Musikzimmer gegangen, gerade war sie doch noch in ihrem Raum gewesen?

Sie konnte sich an den Weg dorthin gar nicht erinnern.

Ich muss ja wirklich sehr in Gedanken versunken gewesen sein!

Ganz automatisch klimperte sie vor sich hin, sang hin und wieder ein paar Zeilen, während sie weiter über Snape nachdachte.

Sie hatte auf einmal das Gefühl, er wäre im Zimmer, aber die Tür war zu, der Raum leer. Am liebsten hätte sie nachgeschaut, ob er draußen vor der Tür steht, aber das kam ihr dann doch zu lächerlich vor.

Sie zwang sich, an etwas anderes zu denken, aber da sie emotional so aufgewühlt war, fiel ihr das extrem schwer. Das Gesicht von Matt tauchte auf und Traurigkeit überfiel sie.

Es gab da einen Song von Phil Collins, den sie mit ihm in Verbindung brachte. Denn er war einfach fort gegangen, damals. Hatte ihr nur die Erinnerung an ihn da gelassen:

"How could I just let you walk away, let you leave without a trace…..

you`re the only one who really knew me at all ….

We shared the laughter and the pain, we even shared the tears

Your`re the only one who really knew me at all…

Take a look at me now

there`s just an empty space ....

just a memory of your face..."

Leana stöhnte plötzlich auf, als eine Flut von fremden Gefühlen sie überrollte.

Sie sah ein junges, hübsches Mädchen mit langen rötlichen Haaren. Als Kind. Als Teenager. Bei einem Ball lachend im Arm eines Jungen mit Brille. Sie fühlte Liebe, Neid, Hass, Reue, Wut, alles in einem Ausmaß, das sie kaum ertragen konnte. Atemlos presste sie beide Hände gegen ihre Stirn. Der Druck dieser intensiven Erinnerungen in ihrem Kopf war nur mühsam auszuhalten.

Mit einem Mal wurde der Schmerz weniger, schien von ihr wegzugleiten.

Wo kamen diese Gedanken plötzlich her?

Sollte Snape draußen vor dem Musikzimmer gestanden sein? War er auf dem Weg zu ihr gewesen und dann von diesem Lied überrascht worden?

Zitternd stand sie auf und ging langsam zur Türe. Sie öffnete sie, trat einen Schritt nach draußen und blickte in einen leeren Gang.

Das musste nichts heißen, denn er hätte inzwischen leicht in sein Zimmer zurückgehen können.

Waren das Emotionen von ihm gewesen, die durch das Lied geweckt worden waren?

Hatte er auch jemanden verloren und sich in dem Song wiedererkannt?

Und wer war das Mädchen gewesen? Sollte sie der Schlüssel sein zu seinem kühlen abweisendem Verhalten?

Ob er gemerkt hat, dass ich diese Erinnerungen gelesen habe? Dann ist er sicher wütend auf mich. Vielleicht sollte ich künftig lieber doch keinen Tee mehr beim Potions Master trinken ……

.

.

.

.

Naja, die jüngeren unter Euch kennen Phil Collins „against all odds" vielleicht gar nicht……

Keine Angst, jetzt ist erst mal Schluß mit seltsamen songs. Im nächsten Kapitel wird es etwas erotischer, hüstel, aber eher von der unangenehmeren Art. Wer weiß, vielleicht habt Ihr ja was zu lachen……

Ich sag nur : lange blonde Haare!

Legi

*

*

*

*