Obgleich Lucien einige interessante Dinge von ihrem Ausflug nach Riften hatte mitnehmen können, nicht zuletzt tiefe Einblicke in die Unterwelt des Landes, so fragte er sich dennoch auf ihrem Rückweg, ob es wirklich so nötig gewesen wäre, dass er mitgekommen war. Im Prinzip hatte er kaum etwas anderes getan, als stillschweigend zuzuhören und kaum drei Worte am Stück zu sprechen, weil es nichts gegeben hatte, bei dem er mitreden konnte. Dennoch war Hilda der Ansicht, dass er sehr wohl einen großen Gewinn daraus hatte ziehen können, vor allem, da er dem jungen Dieb die Augen ausgestochen hatte. Er glaubte ihr, aber so wirklich sah er seinen Nutzen noch nicht. Vielleicht musste er einfach die Zeit abwarten und sehen, was passierte, sollte er einmal mehr mit der Diebesgilde zu tun bekommen.

Als sie wieder die Zuflucht erreichten, waren sie sofort von neugierigen Familienmitgliedern umringt. Jeder wollte wissen, wie es nun mit ihnen weitergehen würde. Hilda kam kaum dazu, zwei zusammenhängende Sätze zu sprechen.

»Jetzt ist aber gut!«, donnerte sie irgendwann. »Ihr seid wie eine Horde Kleinkinder!«

Erst da konnte sie in Ruhe aussprechen. Was sie berichtete, schienen für die ganze Familie gute Neuigkeiten zu sein, sie waren alle in Hochstimmung.

»Und für uns gibt es ebenfalls etwas zu tun!«, freute sich Hjortkar.

»Ihr werdet wahrscheinlich sogar eine recht wichtige Rolle bekommen«, sagte Hilda zu ihm. »Ihr seid ein ehemaliger Offizier der Legion und könntet daher durchaus von Bedeutung für die Mission sein. Doch die Einzelheiten diesbezüglich können erst festgelegt werden, wenn wir die nötigen Informationen besitzen. Und darum können sich nur Roches Diebe kümmern. Ich werde derweil den Zuhörer über unser Unternehmen informieren.«

Es kehrte wieder halbwegs Normalität in der Zuflucht ein. Die Spannungen legten sich etwas, nun, da Schritte in die Wege geleitet waren, um die Gefahr zu bannen, die von General Consantius Tituleius ausging. Für Lucien hieß das, dass er nun endlich wieder zu einem geregelten Übungsablauf kam. Hilda hatte bereits einige Pläne für ihn angefertigt und war momentan noch dabei, für ihn und auch M'raaj-Dar einen Arkanen Verzauberer zu organisieren. Keiner in der Zuflucht war sonderlich magiebegabt oder besaß mehr als grundlegendes Wissen, sodass sie insbesondere dem Khajiit damit keine große Hilfe waren. Dennoch wollte sie ihm wenigstens die Hilfe anbieten, zu der sie in der Lage war, ohne ihn zur Magiergilde zu schicken. Und das hatte M'raaj-Dar immerhin selbst abgelehnt. Zu sicher, zu viele Regeln, zu wenig Zerstörung, sagte er.

Hilda überlegte deswegen seit einiger Zeit, ihn nach Cheydinhal zu schicken. Jetzt, da Lucien von dort für eine ganze Weile weg war, war dort Platz für den Khajiit, und Caelwen war ihm sicher eine größere Hilfe, als versuchte Selbststudien hier in Falkenring, wo er keinen fähigen Lehrer hatte.

Lucien zumindest wäre froh, wenn M'raaj-Dar ginge. Er behandelte ihn noch immer genauso herablassend wie am ersten Tag, vielleicht sogar mehr, weil er anscheinend der Liebling aller war. Es herrschte keine Liebe zwischen ihnen, und das würde es auch nie tun. Von daher war es wohl besser, wenn einer von ihnen ging, denn es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis die beiden ernsthaft aneinander gerieten.

Sooft es ihnen möglich war, erteilten Babette und Malik Lucien Unterricht, der Rothwardone in den Kampfkünsten mit Klingenwaffen und dem Bogen, und das Vampirmädchen in der Alchemie. Lucien tat es gut, endlich wieder einen geregelten Alltag zu haben. Er hatte sich in seinem ersten Jahr bei der Bruderschaft daran gewöhnt und es sehr zu schätzen gelernt. Eine Unterbrechung davon gab es nun nur noch, wenn entweder Malik oder Babette wieder einmal einen Auftrag bekamen und auszogen, um ihn zu vollstrecken. Dies kam seltener vor als bei den anderen, doch dafür waren ihre Aufträge umso größer und umfangreicher und nahmen daher auch mehr Zeit in Anspruch.

Gelegentlich durfte auch Lucien eines der anderen Familienmitglieder auf seinem Auftrag begleiten und strich dabei jedes Mal einen kleinen Teil des Lohns ein. Allmählich wurde auch das zu seinem Alltag, obgleich es jedes Mal wieder aufs Neue ein Abenteuer und eine große Aufregung für ihn war. Ihm wurde immer mehr bewusst, wie sehr er hierher, in den Schoß der Bruderschaft, und an keinen anderen Ort gehörte.

Und dann, einige Monate waren bereits vergangen, war es schließlich so weit. Hilda ließ ihn irgendwann zu sich rufen und eröffnete ihm die Nachricht, auf die er so lange gewartet hatte.

»Du schlägst dich hervorragend, weitaus besser, als jeder von uns erwartet hätte«, begann sie. »Aber das bekommst du eigentlich schon oft genug zu hören. Um es kurz und schmerzfrei zu machen: Ich habe einen Auftrag für dich.«

Lucien riss die Augen weit auf und wagte kaum zu hoffen. »Für … mich?«, fragte er. »Ganz für mich allein?«

»Du hast noch sehr viel zu lernen, bilde dir also ja nichts auf all das Lob ein«, dämpfte sie seinen Enthusiasmus. »Aber ja, ganz für dich allein. Du wirst nie all das lernen, was du brauchst, um ein erfolgreicher Assassine zu sein, wenn du nicht endlich selbst etwas Erfahrung sammelst. Du warst jetzt bei genug Aufträgen dabei, um zu wissen, wie so etwas im Grunde abläuft, und, dass es aus mehr als nur hingehen, abstechen und wieder verschwinden besteht. Zeit, dass du dich selbst daran versucht.«

»Das ist … das ist wirklich großartig!« Lucien stammelte vor lauter Begeisterung. »Wer soll sterben? Was muss ich tun?«

»Aber stürm nicht gleich davon, sobald ich fertig bin!«, erinnerte sie ihn. »Du sollst einen Barden in Weißlauf ermorden. Nichts Besonderes, ihn einfach irgendwie zu töten, wie es dir beliebt, reicht vollkommen. Gunnar Seiden-Zunge lebt in einer kleinen Hütte im Wolkenbezirk, verbringt aber viel Zeit in der Drachenfeste. Wenn ich dir einen Rat geben darf, dann such ihn des Nachts in seiner Hütte auf und ermorde ihn dort. Sauber und ohne Zeugen, die Wahrscheinlichkeit von Zwischenfällen ist gering.«

»Und ich muss sonst nichts weiter beachten?«, hakte er nach.

»Nein. Wie gesagt, es ist ein einfacher, schlichter Auftrag«, widerholte sie. »Du bekommst den Bonus, wenn du es schaffst, keine Komplikationen hervorzurufen. Niemand bemerkt dich, niemand verfolgt dich, du tötest völlig unbemerkt dein Ziel. Allerdings rate ich dir, dass du vorher mit den anderen Familienmitgliedern über deinen Auftrag redest. Sie können dir oft hilfreiche Hinweise geben.«

Er nickte und beherzigte diesen Rat. Die Aufregung war groß bei ihm. Sein erster eigener Auftrag! Er durfte auf eigene Faust morden und einen Kontrakt der Dunklen Bruderschaft erfüllen! Endlich, endlich war es so weit und seine Karriere konnte nun erst richtig beginnen. Lucien war hoch ambitioniert und machte sich sogleich daran, mit den anderen Familienmitgliedern zu reden.

»Dein erster Auftrag, eh?«, sagte Valdimar und klopfte ihm auf die Schulter. Der Junge wurde fast von den Füßen gerissen. »Dann mal viel Erfolg, das wird schon.«

»Habt Ihr vielleicht einen hilfreichen Hinweis für mich?«", hakte Lucien nach.

»Das ist die Sorte Auftrag, die ich liebe«, sagte der Nord. »Hin gehen, kalt machen, weggehen. So einfach ist das.«

Der Junge seufzte innerlich. Aus Valdimar schien nichts weiter herauszubekommen zu sein.

Hjortkar, der das Gespräch mit angehört hatte, mischte sich nun ein. »Das Schöne an solchen Aufträgen ist, dass du nah an dein Opfer kommst und ihm etwas wirklich Gruseliges ins Ohr flüstern kannst, bevor zu es abstichst«, sagte er. »Sei kreativ! Es ist wunderbar, wenn du zusiehst, wie bei ihnen die Erkenntnis angelangt, dass sie soeben einen Besuch der Dunklen Bruderschaft erhalten haben!« Er lachte herzhaft, doch dann kam er wieder zum Boden der Tatsachen. »Als ein alter Soldat kann ich dir sagen, dass die Mauern Weißlaufs alt und bröckelig sind. Sie bieten sicher genug Möglichkeiten, um über sie hinweg zu klettern.«

Dies war definitiv ein Hinweis, der nützlich war. Auch Babette und Malik konnten ihm weiter helfen.

»Das Wichtigste ist, dass du dich nicht aus der Ruhe bringen lässt«, sagte der Rothwardone. »Egal, was passiert, sei immer Herr der Sache. Ich weiß, das ist dein erster eigener Auftrag, da ist man immer aufgeregt; ich erinnere mich noch an meinen ersten, das war eine Nummer, kann ich dir sagen! Aber ein Assassine der Dunklen Bruderschaft stellt sich grundsätzlich immer mit kalter Logik und noch kälterem Stahl vor.«

»Du bist ein Junge«, fügte Babette an. »Auch das kannst du dir zu Nutze machen. Du weißt, dass wir verschiedene Verkleidungen vorrätig haben, etwas Passendes ist für dich da sicher auch dabei. So kommst du vielleicht einfacher in die Stadt.«

»Hjortkar riet mir, einfach über die Stadtmauern zu klettern«, gab Lucien zu bedenken.

»Ein Versuch wert, aber hoch ist immer leichter als runter«, hielt Babette dagegen. »Andererseits bist du sehr wendig und gelenkig, also wäre das durchaus eine Möglichkeit, wenn auch die gefährlichere. Du musst es selbst wissen: Bist du der bessere Schauspieler oder der bessere Kletterer?«

Lucien war sich recht bald mit sich selbst im Klaren, dass er der bessere Kletterer war. Er hatte sich zwar in Markarth recht gut geschlagen als Servierjunge, doch wohl hatte er sich dabei nicht gefühlt. Er hatte stets befürchtet, dass seine Maskerade aufflog. Also wählte er lieber den direkten Weg über die Mauern und packte entsprechendes Werkzeug ein. Ebenso verzichtete er auf Verkleidungen für die Reise und wählte schlicht und ergreifend seine Eingehüllte Rüstung. Zudem lieh er sich keine Waffen der Bruderschaft aus, sondern wählte seinen eigenen Dolch. Die Wahl schien ihm angemessen in Anbetracht der Geschichte, die ihm mit dem Dolch verband. Er packte jedoch zusätzlich einen Heil- und einen Manatrank ein, für den Notfall, dass er in eine Situation geriet, die seinen Bonus verwirkte, auch wenn er freilich nicht darauf hoffte. In seinem Gepäck landeten jedoch auch einige Gifte sowie einfaches Alchemistenzubehör für die Reise und einige Zutaten, aus denen er weitere hilfreiche Tränke mischen konnte. Das war als Ausrüstung definitiv genug, sagte er sich.

Da Hilda jedoch keine genaue Zeit genannt hatte, bis wann der Auftrag erledigt werden musste, schlief Lucien lieber noch eine Nacht darüber, ruhte sich aus und sammelte seine Kräfte. Erst dann machte er sich auf den Weg, allein, sein Gepäck in verschiedenen handlichen Taschen an seiner Kleidung verstaut, sodass es nicht im Weg war und ihn nicht in seiner Beweglichkeit hinderte.

Es war ein großartiges Gefühl, endlich einen ersten Schritt in die Selbstständigkeit als Mitglied der Dunklen Bruderschaft tun zu können. Bis jetzt war er stets angeleitet worden, hatte seine Lehrer und Vorgesetzten, die ihm stets gesagt hatten, was er wann zu tun hatte. Es war, so einfach es auch gewesen war, manchmal doch ein wenig einengend gewesen, nachdem er zuvor sein ganzes bisheriges Leben selbstbestimmend auf der Straße zugebracht hatte. Doch nun wurden seine Ketten allmählich gelockert und seine Leine länger gelassen.

Während er also so mit sich allein die Straßen Skyrims entlang wanderte, ließ er seine Gedanken schweifen. In letzter Zeit waren seine Gedanken nur selten nach Cheydinhal gegangen, da er, wie schon dort, so sehr mit seiner Ausbildung beschäftigt gewesen war. Ihm war kaum Raum für etwas anderes gelassen worden.

Doch nun fragte er sich, wie es um seine Familie dort stand. Um Caius, der mittlerweile wohl in Morrowind sein musste, war es ihm nicht sonderlich schade, doch die anderen bevölkerten seine Gedanken sehr wohl, vor allem Vicente. Ihn vermisste er am meisten von allen, sein Mentor und, ja, auch sein Vater. Vicente schien ihm ebenfalls sehr zu mögen, doch so sehr wie der Junge ihn? Diese Frage beschäftigte ihn ein ganzes Stück seines Weges, doch ohne, dass er zu einem Ergebnis kam, das nicht mit zu vielen Eventualitäten gespickt war.

Er hatte zu seiner eigenen Schande auch kaum nach Nachrichten aus Cheydinhal gefragt, doch anscheinend gab es auch kaum welche. Er nahm sich dennoch vor, genau das nachzuholen, sobald er seinen Auftrag ausgeführt hatte.

Sein Auftrag. Vicente wäre bestimmt stolz, wenn er ihn jetzt sehen könnte! Lucien jedenfalls war es auf sich selbst. Das Leben in der Bruderschaft war nicht ungefährlich, das wusste er. Nicht selten waren die anderen mit Verletzungen Heim gekommen, doch er war bisher weitestgehend ungeschoren davon gekommen. Zugegebenermaßen war er auch nie in eine Situation geraten, in der er in ernsthafte Gefahr hätte kommen können, doch man wusste nie, was hinter der nächsten Ecke lauern mochte. Von daher war das nur eine Frage der Zeit. Lucien war gespannt, wie er sich dann schlagen würde. Malik meinte zwar, dass er ein durchaus guter Kämpfer war, aber die Theorie war das eine, Praxis hingegen das andere.

Es dämmerte bereits, als Lucien Weißlauf erreichte. Er hatte ein wenig getrödelt, merkte er nun, und war zudem am Morgen später als gewollt losgekommen, da er seine Sachen noch dutzende Male durchgesehen hatte, um sicher zu gehen, dass er auf jeden Fall alles Notwendige eingepackt hatte. Vorsicht war die Mutter der Porzellankiste, hatte Malik ihm einmal gesagt.

Dennoch kam ihm die Tageszeit gelegen. Vielleicht würde sein Auftrag ja wirklich darauf hinaus laufen, dass er bei Gunnar Seiden-Zunge einbrach, ihn ermordete und wieder verschwand. Ganz einfach. Das würde ein Kinderspiel werden. Er malte sich bereits seinen Bonus aus, während er sich der Stadt näherte und dabei den Lichtpunkten in der Dunkelheit auswich, die die Wachen kennzeichneten, die auf den Straßen zwischen den Bauernhöfen vor der Stadt patrouillierten.

Als er nun jedoch bereits im Schatten der Mauern stand, fiel ihm ein essenzieller Fehler in seiner Planung ein. Er kannte den Stadtplan nicht und ebenso wusste er nicht, wo sein Auftragsziel wohnte! Er wusste nur, dass es irgendwo im Windbezirk war, dem mittleren der drei Bezirke der Stadt, und dass es eine kleine Hütte war, die er sein Eigen nannte. Lucien fluchte stumm, aber leidenschaftlich. Und natürlich hatte ihn auch niemand auf seinen Fehler hingewiesen.

Kurz ärgerte er sich über seine unkooperativen Familienmitglieder, doch dann besann er sich der Worte Maliks. Ruhig und besonnen sollte er vorgehen, egal, was passierte. Also tat er genau das. Ihn hatte wahrscheinlich deswegen niemand auf seinen Fehler hingewiesen, damit er selbst daraus lernte. Immerhin wusste er jetzt auf jeden Fall, dass er sich im Vorfeld möglichst gut über unbekannte Orte erkundigen sollte.

Doch was war zu tun? Es war noch nicht so spät, dass die gesamte Stadt bereits schlief. Vielleicht hatte er Glück und irgendjemand ließ eine nützliche Information fallen. Leute zu belauschen, war eine seiner herausragendsten Fähigkeiten. Gunnar war ein Barde, der am Hof des Jarls ein und ausging. Das hieß, dass er kein Niemand war. Barden waren ebenso oft in Tavernen anzutreffen. Weißlauf war eine große Stadt und als solche würde sie mit Sicherheit eine Taverne besitzen. Er sollte dort sein Glück versuchen.

Luciens spontan gefasster Plan sah also vor, wie ursprünglich gedacht an einer geeigneten Stelle über die Mauer zu klettern, sich dann jedoch im Schatten der Häuser zu halten. Von Dort würde er mit Sicherheit an einen Ort gelangen, von dem aus er die nötigen Informationen aufschnappen konnte. Er machte sich an die Arbeit, seine Zeit war gezählt.

Es dauerte eine Weile, bis er im schwachen Licht der Gestirne einen Ort ausmachte, an dem er die Mauern erklettern konnte. Sie waren durchweg brüchig, doch oftmals bröckelte der Stein zu leicht, wenn er belastet wurde. Lucien fragte sich, warum eine Stadt eine so schlampig unterhaltene Stadtmauer besaß, doch für ihn war es insofern ein Vorteil, dass das ihm den Zugang zur Stadt erleichterte.

Er ließ sich Zeit für den Aufstieg, denn er wollte vor allem in der Dunkelheit keinen Fehltritt und damit womöglich noch einen Absturz riskieren. Die Mauern waren hoch … Dank seiner Vorsicht kam er unbeschadet oben an und stellte fest, dass die Mauerkrone angenehm breit war. Er konnte gut auf ihr balancieren und gelangte so zu einem Aussichtspunkt. Er hatte diese bereits vom Boden aus ausgespäht und gesehen, dass keiner von ihnen besetzt war. Anscheinend fürchtete der Jarl momentan keinen bewaffneten Konflikt mit anderen Fürstentümern, dass er die Sicherheit seiner Stadt so vernachlässigte. Jedenfalls führte von diesem Turm aus ein bequemer Weg hinab auf den Boden der Stadt und direkt hinein in die Schatten zwischen den Häusern. Ideal!

Lucien hatte es geschafft, er war in Weißlauf und niemand hatte ihn bemerkt. Nun galt es herauszufinden, wo er zuschlagen musste. Nach einem kurzen Umschauen erkannte er, dass er sich wahrscheinlich im Tiefenlandbezirk befand, dem untersten der drei. Nachdem er zwischen den Häusern hervorlugte, sah er die Hauptstraße, die sich vom Haupttor aus zu einem Markplatz und weiter hinauf in den Windbezirk und den Palastbezirk schlängelte. Und wo ein Markt war, da war eine Taverne sicher nicht weit. Er schlich los.

Der Tiefenlandbezirk war voller kleiner Hütten, die keinen sonderlich wohlhabenden Eindruck machten. Doch keine davon war sein Ziel, dieses stand einen Bezirk weiter oben. Daher machte er sich gar nicht erst die Mühe, diese Hütten zu untersuchen und damit eine Entdeckung zu riskieren. Stattdessen schlich er gleich entlang der Mauer in Richtung Norden und damit in Richtung des Marktes, den er bereits erspäht hatte.

Wie er vermutet hatte, wurde er hier fündig. Um den Markt herum standen mehrere Verkaufsstände, aber auch zwei Läden, anscheinend ein Gemischtwarenhändler und ein Alchemist, wie der Junge an den Schildern erkannte. Eine einzelne Wache wanderte über den Platz und umrundete soeben den Brunnen, doch sie schien ihn nicht bemerkt zu haben. Überhaupt trugen die Wachen in Skyrim sonderbare Helme, die fast ihr gesamtes Gesicht bedeckten, sodass sie mit Garantie kaum etwas darunter sehen konnten. Lucien war dies schon sehr zeitig aufgefallen und hatte sich darüber gewundert, aber es war zu seinem Vorteil.

Eilig huschte er davon und hinter das Gebäude, das er für die Taverne hielt, denn Gesang, Gelächter und laute Stimmen drangen daraus hervor. Mit ein bisschen Glück fand er einen Ort, an dem er belauschen konnte, was innen vor sich ging.

Das Glück war ihm auch dieses Mal hold. Ein Küchenfenster stand offen. Lucien hockte sich in den Schatten direkt unter dem Fenster und wartete. Es war noch nicht allzu spät und in der Taverne herrschte reger Betrieb. Sicher war auch die Küche da noch genutzt.

Er brauchte in der Tat nicht lange zu warten, bis zwei Mägde schnattern den Raum betraten.

»Dieser Grobian!«, empörte sich soeben die eine. »Fasste mir einfach so an den Hintern!«

»Was hast du erwartet, als du die Stelle angetreten hast? Dass man dich ganz lieb um alles bittet, was die Gäste wollen? Wir sind zwar kleine Huren, aber dass man uns gelegentlich an die Kehrseite fasst oder in den Ausschnitt starrt, gehört zum Geschäft. Lass es dir gefallen, und wenn du sogar mitmachst, bekommst du Trinkgeld – und vielleicht mehr.«

»Ich bin kein lasterhaftes Luder!«

»Dann bist du im Tavernengeschäft an der falschen Adresse, Liebes.«

»Gunnar Seiden-Zunge würde das nie machen. Er wird zu Recht Seiden-Zunge genannt, denn er redet galant und wortgewandt wie kein anderer Mann.«

»Gunnar ist flatterhafter als das leichteste Tavernenmädchen! In einem Moment macht er dir schöne Augen und im anderen liegt er mit der nächsten im Heu. Nein, mach dir bei dem Holzkopf keine Hoffnung. Er musste ja unbedingt allen zeigen, dass er besser ist als das gemeine Fußvolk, aber dennoch konnte er sich nur die erbärmlichste Bruchbude im Windbezirk leisten. Angeberischer Idiot!«

Lucien bemühte sich nicht um den Ausgang des Streits der beiden Waschweiber. Er wusste nun, was er wissen musste, und das genügte ihm. Gunnars Stunden waren ab sofort gezählt. Zwar wusste er nicht, wo diese »erbärmlichste Bruchbude im Windbezirk« stand, aber deren gab es sicherlich nur eine.

Er machte sich erneut daran, die Mauer zu erklimmen und von außen in den Windbezirk zu gelangen; eine Mauer trennte die beiden unteren Bezirke. Einfach durch das Tor in ihr konnte Lucien nicht spazieren und er wollte keine Entdeckung riskieren, während er den inneren Mauerring erklomm. Also musste es eben der Weg außen herum tun.

Lucien war ein geübter Kletterer, jedoch hatte er seine Fähigkeiten noch nie so sehr aufgereizt. Es war eines, in den Bäumen der umliegenden Wälder herumzuklettern und gelegentlich auch das Kind in sich herauszukehren und dort oben Verstecken zu spielen. Doch es war etwas anderes, mitnutenlang an einer bröckeligen Mauer zu hängen und sich Hand über Hand voranzuhangeln. Seine Muskeln brannten alsbald, zumal bereits vorher die komplette Mauer erklommen hatte, um in die Stadt zu gelangen. Ihm graute es mittlerweile vor dem Rückweg, und auch wenn er zwischendurch mehrmals auf die Mauerkrone kletterte, wenn er die Luft rein wähnte, so wollte er doch in dieser Zeit nicht seinen Heiltrank verschwenden, nur um seine müden Muskeln zu entspannen. Also biss er die Zähne zusammen und stand es durch.

Herunterzuklettern war, wie Babette es gesagt hatte und er auch selbst wusste, das schwierigste. Dennoch nahm Lucien all seine Disziplin zusammen und stand auch das ohne große Zwischenfälle durch. Sicher am Boden angekommen, lehnte er sich dennoch für einige Momente an die Mauer und beruhigte seinen Atem und sein rasendes Herz. Erst, als er sich sicher war, wieder zu einem halbwegs normalen Pulst und zu neuen Kräften gekommen zu sein, wagte er es, mit seiner Mission fortzusetzen. Mittlerweile war die Nacht weiter fortgeschritten, womit sich nun auch die Nachtschwärmer allmählich nach Hause begaben. Stille legte sich immer weiter über die Stadt und nur ein paar Katzen und Hunde waren noch zu hören.

Lucien sah sich um und freute sich, als er anscheinend einen Volltreffer gelandet hatte. Direkt vor ihm stand eine Hütte, die durchaus einen spärlichen und recht verfallenen Eindruck machte. Der Windbezirk wurde überwiegend von Kaufleuten und reichen Familien bewohnt, und dementsprechend waren auch die Häuser hier ausgestattet. Also konnte die Hütte vor ihm keine andere als die Gunnar Seiden-Zunges sein. Er lächelte in sich hinein und schlich sich an die Hütte heran.

Durch die kleinen Fenster drang kein Licht. Entweder hieß das, dass sein Auftragsziel noch nicht da war, oder es schon schlief. Er überlegte. Gunnar war ein Barde, und Barden sorgen normalerweise für die abendliche Unterhaltung. Er arbeitete zudem am Jarlshof in der Drachenfeste, dort konnten die Abende durchaus länger werden. Also kam Lucien zu dem Schluss, dass einfach noch niemand da war.

Dies stellte sich als günstige Wendung heraus, da er so einfach nur in das Haus einsteigen und warten musste, bis sein Opfer ihm ins offene Messer lief. Er hatte einiges an Werkzeug mitgenommen, um in Häuser einsteigen zu können. Sie waren zwar keine Diebe, aber einbrechen konnten die meisten Familienmitglieder dennoch hervorragend. Auch Lucien hatte schon noch aus seiner Zeit als Straßenkind einiges aus dem Handwerk gelernt und seine Fähigkeiten in der vergangenen Zeit stets verfeinert. Er war gut darin, irgendwo einzusteigen, wo er nicht hin gehörte.

Rasch war eines der Fenster mit einem Fensterheber aufgebrochen. Lucien schob es hoch und kletterte flink in das kleine Haus hinein. Vorsichtig und so leise wie möglich schloss er es wieder hinter sich und sah sich dann im kleinen und bescheidenen Heim des bald toten Mannes um.

Die Inneneinrichtung war auf das Nötigste reduziert: ein Bett, eine Kochstelle und ein kleiner Tisch mit wackeligem Stuhl. All das sollte Platz schaffen für Unmengen an Regalen voller Bücher. Lucien trat näher, um sich die Werke anzusehen. Interesse und Neugier huschten über sein Gesicht, doch dann kniff er leicht die Augen zusammen. Er war nicht hier, um zu lesen, zumal die meisten Werke solche waren wie »Die argonische Magd«, anzügliche und schlüpfrige Pamphlets. Er war hier, um die Wände dieser Hütte mit dem Blut ihres Besitzers rot zu streichen.

Hm, dieser Spruch gefiel ihm, überlegte er. Das wäre doch etwas für Gunnar, bestimmt gruselig genug.

Er war drinnen, niemand war da außer ihm. Das hieß also für ihn, zu warten, bis Gunnar wiederkam. Bis dahin konnte er sich etwas überlegen, wie er sein Opfer am besten empfing.

Die Nacht war schon weit fortgeschritten und Lucien begann sich bereits zu langweilen, als er endlich Schritte vor der Tür hörte. Er räkelte sich gerade genüsslich auf dem Bett und spielte mit dem Dolch. Ja, diese Position könnte er beibehalten, beschloss er spontan. Stimmen waren draußen zu hören, jedoch mehr als nur eine. Anscheinend handelte es sich bei jenen, die soeben die Hütte betreten wollten, um einen Mann und eine Frau. Lucien fluchte. Das war nicht in seinem Plan inbegriffen gewesen. Es würde schon irgendwie gut gehen.

Er wartete selenruhig, bis die beiden eingetreten waren. Sie waren offenbar betrunken und sehr intensiv miteinander beschäftigt. Lucien räusperte sich, um auf sich aufmerksam zu machen. Erschrocken fuhren der Barde und seine Liebschaft auseinander und sahen verdutzt zu dem jungen Meuchelmörder, der sich hier unerlaubt häuslich niedergelassen hatte.

»Was machst du hier, du Bengel?!«, fuhr Gunnar ihn an. »Verschwinde hier, bevor ich die Wachen rufe!«

»Aber nicht, bevor ich erledigt habe, wozu ich gekommen bin«, leitete Lucien voller Genuss seinen zurechtgelegten Spruch ein. Welch Spaß das alles machte! »Vorher male ich die Wände deines Hauses mit deinem eigenen Blut rot.«

Die beiden wurden kreidebleich, das sah er selbst im Dunkeln der Hütte.

»Freda, tritt hinter mich, das hier ist ein besonders dreister Einbrecher«, sagte Gunnar und zückte nun seinerseits einen Dolch elfischer Machart.

»Einbrecher? Nein, das ganz bestimmt nicht«, korrigierte Lucien ihn. »Du hast doch sicher schon von der Dunklen Bruderschaft gehört.«

»D-die D-dunkle B-b-bruderschaft?!«, stammelte Gunnar, nun endlich wirklich entsetzt. »Jemand will mich ermorden lassen?«

»Und der Vollstrecker steht direkt vor dir, tadaa!«, sagte Lucien fröhlich und erhob sich nun endlich von dem Bett. »Ist das nicht toll?«

»Mich bekommst du nicht, du lausiger Kehlenschneider!«, drohte Gunnar und fuchtelte mit dem Dolch vor sich.

Er hatte eine Waffe von weitaus besserer Machart als Lucien, doch die Art, wie er sie führte, machte deutlich, dass er sie nicht zu führen wusste. Das würde ein Spaziergang werden! Und wenn Lucien eine Leiche mehr gratis dazu bekam, war es umso besser. Mit einem teuflischen Grinsen sprang er vor.

Ungeschickt wehrte Gunnar den Schlag ab und versuchte gleichzeitig Freda zu decken. Diese begann hysterisch zu kreischen. Nicht gut, Lucien musste sich beeilen. Flink duckte er sich unter Gunnar hinweg und gelangte mit einer geschickten Drehung hinter den Mann.

Freda fuchtelte wild mit den Armen, um den Jungen abzuwehren, freilich ohne Erfolg. Sie zog sich nur zahlreiche Schnitte zu und büßte wahrscheinlich sogar den einen oder anderen Finger ein, während Lucien nach ihr schlug und stach. Und dann endlich landete der Dolch mitten in ihrer Kehle.

Für einen Moment herrschte Stille inmitten der Panik, die ausgebrochen war. Freda erstarrte und riss die Augen weit auf. Luciens Grinsen wurde immer breiter und boshafter. Mit einem Ruck drehte er den Dolch um und zerfetzte ihr damit Halsschlagader und Luftröhre. Dann zog er seine Waffe heraus, und das Blut spritzte pulsierend aus der tödlichen Wunde. Die Frau sank an der Wand zu Boden und presste verzweifelt die Hände an ihren Hals. Doch nichts half, um die Blutung zu stoppen.

»NEIN! FREDA!«, brüllte Gunnar auf und stürzte sich wie wild geworden auf den Jungen. »Du Ratte!«

Es wurde brenzlig für ihn. Sicher hatte bereits irgendwer den Tumult bemerkt und war alarmiert worden. Die Wildheit des Nord brachte ihn zusätzlich in Bedrängnis. Doch er hatte hervorragende Lehrer gehabt und wusste daher, wie er auch mit solch einem Gegner umgehen musste.

Eile war geboten und Eile zeigte Lucien. Eile und Genauigkeit. Jeder seiner Schläge fügte Gunnar eine weitere Wunde zu, während er selbst keinen einzigen Kratzer davon trug. Keine der Wunde Gunnars war zunächst tödlich, doch jede schwächte ihn rasch. Das machte die Sache für Lucien wesentlich einfacher.

Und endlich konnte er den tödlichen Hieb ansetzen. Er durchbrach Gunnars ohnehin dürftige Deckung, trat direkt an ihn heran und hieb ihm den Dolch tief in die Brust hinein. Gunnar röchelte und japste nach Luft, denn der Stich hatte seine Lunge durchbohrt. Mit einem Ruck zog Lucien den Dolch wieder heraus und hieb noch einmal zu. Und noch einmal, und noch einmal. Der große Nord fiel zu Boden und riss den Jungen mit sich. Doch dieser hieb immer weiter auf sein Opfer ein, auch dann noch, als dieses schon längst blutüberströmt und regungslos unter ihm lag.

Es war das herrlichste Gefühl von allen! Lucien jubilierte innerlich und genoss in vollen Zügen, was er hier tat.

Erst, als er Stimmen von draußen vernahm, kam er wieder zu Besinnung. Der Lärm, die Wachen. Er musste so schnell wie möglich hier weg! Lucien erhob sich und bückte sich nach dem Dolch des Nord.

»Den nehme ich mit, ich bin ein besserer Besitzer«, sagte er zu der Leiche.

Dann hechtete er durch das Fenster und huschte zur Mauer, um daran empor zu klettern. Gerade rechtzeitig, wie es schien, denn von der Straße vor der Hütte her drangen Stimmen zu ihm, wahrscheinlich die von besorgten Bürgern und Wachen, die von dem Lärm des Kampfes aufgeschreckt worden waren. Gerade, als Lucien mit fliegenden Händen die Hälfte der Mauer erklommen hatte, alle Vorsicht fallen lassend, betraten sie den Schauplatz des Verbrechens.

»Er wurde ermordet, seht!«

»Das Blut ist noch warm, der Mörder kann also nicht weit sein. Schwärmt aus, fangt ihn!«

Lucien streckte sich, so sehr er konnte.

»Dort oben auf der Mauer, ein Schatten! Das muss er sein!«, rief ein Mann weit unter ihm.

Ein Pfeil zischte an Luciens Ohr vorbei. Erschrocken zuckte er zusammen und schwang sich sogleich auf der anderen Seite der Mauer hinab. Mehr fallend als kletternd näherte er sich dem Boden und hoffte inbrünstig, dass er nicht fehlgreifen würde. Doch wenn er fiel oder sich nicht genug beeilte, war es so oder so um ihn geschehen.

Er musste das Fürstentum so schnell wie möglich verlassen. Flusswald! Es war nur wenige Meilen von hier entfernt und gehörte dennoch schon zu Falkenring. Wenn er es erreichte, war er vor den Wachen Weißlaufs sicher. Jetzt kam ihm die recht unabhängige Gesetzgebung der Fürstentümer Skyrims sehr gelegen.

Den letzten Abschnitt ließ er sich fallen, sobald er es wagte. Er kam hart auf und kurz blieb ihm die Luft weg, während er sich abrollte. Doch sogleich rappelte er sich wieder auf und stürmte davon. Tsonashap und Malik hatten ihn gut ausgebildet, denn seine Ausdauer und Kraft war besonders für einen seines Alters groß. Er war sich sicher, dass er den Wachen davon sprinten konnte. Sie hatten die Stadt sicher durch das Haupttor verlassen und würden ihn auf der Straße erwarten. Lucien setzte alle auf die eine Karte seiner Geschwindigkeit und Ausdauer. Die Männer waren groß und schwerfällig und trugen Waffen und Rüstungen. Er hingegen war leichtfüßig und wendig und führte nur leichtes Gepäck bei sich. Er würde es schaffen. Er musste es schaffen.

Wie ein Hase flitzte er über die Ebene. Bei der Honigbräu-Brauerei sah er bereits Wachen, die in Alarmbereitschaft versetzt waren. Das brachte ihn auf eine Idee. Wenn er einfach weiter blind drauf zu stürmte, würde er auf jeden Fall auf sich aufmerksam machen. Doch die Wachen hatten allesamt Fackeln bei sich, was sie blind für die Schatten in der Nacht machte. Außerdem wusste niemand, in welche Richtung er geflohen war, nachdem er die Mauer überwunden hatte. Das hieß für ihn, dass er momentan unsichtbar für seine Verfolger war.

Er hatte sich hinter ein niedriges Gebüsch gehockt, während ihm diese spontanen Gedanken durch den Kopf gegangen waren. Jetzt änderte er seinen Plan. Einfach darauf los zu stürmen, wäre eine Möglichkeit, wenn auch wahrscheinlich nicht die klügste. Es wäre besser, er ging überlegter und vorsichtiger an die Sache heran. Er war ein Mörder, kein Soldat, und das hieß, dass er besser sein Heil in der Flucht suchte und dabei möglichst jeder Konfrontation aus dem Weg ging.

Der Entschluss war gefasst, Lucien verlegte sich voll und ganz auf die Heimlichkeit. Also begann er die Wachen zu beobachten, überlegte, wann er den rechten Moment abpassen konnte, und nutzte den kleinsten Hauch einer Möglichkeit. Es gelang ihm.

Wie ein Schatten, lautlos und rasch, huschte er über die Straße und war sogleich im Schutz der Brauerei verschwunden. Niemand schien etwas bemerkt zu haben. Lucien triumphierte, doch besann sich rasch wieder. Noch war er lange nicht aus der Gefahr, noch hatte er Flusswald nicht erreicht. Er beeilte sich, dass er von hier weg kam.

Die Stimmen der Wachen, die ihn noch immer vergeblich suchten, verblassten allmählich hinter ihm. Lucien lief geduckt den Hang hinauf, der in den Ausläufer des Halses der Welt führte. Immer wieder hielt er inne und sah sich vorsichtig um. Rings um Weißlauf schwärmten nun die Wachen wie ein aufgeschrecktes Ameisenvolk herum, doch niemand fand eine Spur von ihm. Nichtsnutzige Trottel, verspottete Lucien sie in Gedanken und lächelte in sich hinein.

Es wirkte, als könnte er die Sache nun etwas entspannter angehen, womit seine Gedanken nun auch wieder freien Lauf hatten. Den Bonus hatte er damit verwirkt, das wusste er. Er könnte lügen und sagen, dass alles glatt gelaufen war, doch dann überlegte er es sich anders. Die Bruderschaft wusste alles, was sie wissen musste, und damit war Hilda bestimmt noch vor seiner Rückkehr über die Ereignisse informiert. Außerdem würden sich Gerüchte verbreiten, und nach dem, für was für einen Wirbel er gesorgt hatte, würde dies rasch von statten gehen. Spätestens da würde seine Lüge ohnehin aufgedeckt werden. Nein, es war besser, wenn er einfach bei der Wahrheit blieb und auf den Bonus verzichtete. Es würde immer noch eine ganze Menge Geld für ihn dabei heraus springen und außerdem hatte er den Elfendolch mitnehmen können.

Zufrieden betrachtete er die Waffe. Es war gute Handwerksarbeit, leicht und scharf und elegant verziert wie alles von elfischer Machart. Die Klinge war weitaus besser als sein alter Dolch. Dennoch würde er auch diesen behalten, rein aus nostalgischen Gründen.

Nun deutlich entspannter machte sich Lucien auf den Weg zurück zur Zuflucht. Alles in allem war es trotz der Komplikationen ein gelungener Auftrag, fand er. Erschöpfung machte sich jedoch langsam in ihm breit. Noch am Morgen dieses Tages hatte er sich in Falkenring in der Zuflucht befunden. Nun war er nach Weißlauf gereist, hatte Gunnar ermordet und war den Wachen entkommen. Das war ein ordentliches Tagwerk, wie er befand. Er sollte die Grenze zum benachbarten Fürstentum überqueren und sich dann einen Schlafplatz suchen, beschloss er. Erst dann würde er das letzte Stück Weg zurück zur Zuflucht antreten.

Es war ein wunderbares Gefühl, nach erfolgreich verrichteter Arbeit zur Zuflucht zurückkehren zu können. Das erste Mal überhaupt! Lucien nahm sich vor, sich diesen Moment gut zu bewahren, denn mit Sicherheit würde er in späteren Jahren mit Freuden daran zurückdenken. Der erste verrichtete Mord, das erste im Namen von Sithis vergossene Blut. Der Anfang eines langen Weges im Schatten. Lucien, der eine blühende Kariere in den Reihen der Dunklen Bruderschaft bereits vor sich sah, konnte zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht ahnen, was ihm in den kommenden Jahren alles bevorstehen würde.

Nur eines war sicher: Sein Weg war mit Blut übergossen.