Disclaimer: Bibel also Engel: Not mine
Isrial
Irgendetwas stimmt nicht. Alarmiert, aber mit unsicheren, fahrigen Bewegungen setzt Isrial sich auf. Das Gebäude um ihn dreht sich unangenehm, aber das ist im Moment nebensächlich. Ein schwaches Gefühl von Präsenz war gerade noch da, das ihn verwirrt und alermiert. Entfernt erinnerte es ihn an Azrael, weshalb er jetzt auch erschrocken um sich blickt und hektisch versucht zu ergründen ob seine Angst gerechtfertigt ist.
Niemand ist zu sehen. Natürlich heißt das nicht das keiner da ist. Dieser Gedanke ist es, der ihn aus der angespannten, wackligen Hocke in den leicht schwankenden Stand übergehen lässt. Er flucht als er über die leere Whiskeyflasche stolpert und beinahe wieder der Länge nach hinfällt. Er hätte wissen sollen, dass es keine gute Idee war sich so zu betrinken! Er weiß es ja auch, doch vor ein paar Stunden ist ihm das Vergessen noch wichtiger gewesen. Jetzt allerdings wächst mit jeder Sekunde der Wunsch auf der Stelle von hier zu verschwinden, denn auch wenn er die unbekannte Präsenz nicht mehr spüren kann, hat sich nun das Gefühl des beobachtet werdens in seinem Geist festgesetzt und lässt sich nicht mehr abschütteln.
Das er kaum geradeaus gehen kann ist ihm im Moment egal, genau wie die Tatsache, dass er draußen im Wald angreifbarer sein wird, da ihm dort die freie Sicht durch Bäume und Gestrüpp versperrt ist. Er muss auf der Stelle von hier fort! Lästerliche Flüche unterdrückend sucht er sich so schnell es geht seinen Weg durch den Unrat. Kaum ist er allerdings aus dem verfallenen Gebäude gestolpert da spürt er die Anwesenheit weiterer Wesen, sehr schwach, aber unleugbar vorhanden.
Durch den Alkohol ist zwar seine Wahrnehmung getrübt, aber er ist sich sicher, dass es mehr als zwei sein müssen. Ein ängstliches Wimmern unterdrückend duckt er sich auf halber Strecke hinter eine rostige Tonne um einen Augenblick tief durchzuatmen, in der Hoffnung seinen Kopf wenigstens teilweise wieder klar zu bekommen. Er erstarrt jedoch mitten in der Bewegung, als er sieht wie vier Personen aus dem Wald treten und sich zielstrebig auf die Ruine zu bewegen.
Keine Menschen! Das ist ihm sofort klar. Um welche Wesen es sich wirklich handelt wird ihm jedoch erst bewusst, nachdem er sieht wie die Gruppe innehält und ihren Bewegungen nach zu urteilen, Witterung aufnimmt. Werwölfe! Augenblicklich schlägt sein Herz noch schneller. Gegen einen oder zwei dieser Halbmenschen könnte er sich wahrscheinlich durchsetzen, wäre er nüchtern, aber mit vieren wird er wohl kaum fertig werden. Flieh! Du musst fliehen! Schreit sein Gehirn ihm zu und nur mit äußerster Selbstbeherrschung gelingt es ihm zu verharren wo er ist. Wenn er jetzt kopflos auf den Waldrand zurennt wird er nur ihren Jagdinstinkt wecken. Besser er wartet ab und hofft dass der Wind ihnen nicht seine Anwesenheit verrät. Kalter Schweiß bricht ihm aus und die plötzliche Welle von Adrenalin lässt ihn in schwaches Zittern ausbrechen, aber noch verharrt er angespannt hinter der Tonne.
Vielleicht wollen die vier ebenfalls einen Platz zum übernachten und werden sich nicht weiter um ihn scheren, überlegt er unruhig. Zunächst scheint sich diese Hoffnung sogar zu erfüllen, denn die Gruppe setzt ihren Weg nach kurzer, gedämpfter Diskussion fort und verschwindet schließlich im Inneren der bröckelnden Gebäudereste. Hastig erhebt sich Isrial und muss sich aber gleich darauf am scharfkantigen Rand der Tonne festklammern, als ihm plötzlich schwarz vor Augen wird. Zu schnell aufgestanden! Und das ausgerechnet jetzt!
So schnell es irgend geht strebt er weiter gen Waldrand. Nur weg von hier! Den leicht blutenden Schnitt auf seiner Handfläche, den er sich an der Kante der Tonne zugezogen hat, bemerkt er in seiner Panik kaum. Wenigstens scheint sich die Wirkung des Alkohols langsam zu verflüchtigen. Kein Wunder nach so einem Schock.
Auch nachdem er die freie Fläche verlassen hat und sich zwischen Bäumen weiter bewegt lässt seine Angst nicht nach. Die vielen Zweige und das Unterholz erlauben es ihm bei weitem nicht die Geschwindigkeit anzuschlagen die er gerne aufnehmen würde. Er zischt leise, als ein schlanker, dorniger Zweig ihm die Wange zerkratzt, fällt sogar ein oder zweimal über tückische Baumwurzeln und heruntergefallene Äste, hastet aber ungeachtet aller Schmerzen weiter.
Das Blut gefriert ihm in den Adern als er schließlich hinter sich ein langgezogenes Heulen vernimmt. Sie jagen! Isrials frustrierte Verwünschungen verkommen zu herausgekeuchten Wortfetzen als er versucht seine Geschwindigkeit doch noch zu erhöhen und sich dadurch eine Menge zusätzliche Kratzer einhandelt. Die nasse Hose klebt ihm eisig an den Waden und die kalte Nachtluft sticht in seiner Lunge, aber das bemerkt er kaum noch, nur von dem Gedanken beseelt den vier Wölfen zu entkommen die ihn durch den Wald hetzen.
Aber es ist hoffnungslos! Das muss er sich eingestehen, als er zum ersten Mal das Geräusch brechender Äste hinter sich vernimmt. Der Möglichkeit des Entkommens so grausam beraubt, macht er sich nun daran einen möglichst vorteilhaften Platz für die Konfrontation zu erreichen. Doch wahrscheinlich wird ihm nicht einmal mehr das gelingen. Das Keuchen und Hecheln hinter ihm ist schon viel zu deutlich zu vernehmen. So deutlich, dass er es nicht wagt sich umzusehen und dabei Gefahr zu laufen zu stolpern. Sein Fuß rutscht auf feuchten Blättern, aber diesmal fängt er sich noch, rennt weiter. Keuchend und schwitzend.
Jeder Mensch wäre bereits unterlegen, doch auch ihm wird es nicht mehr lange gelingen zu entkommen. Er braucht eine Lichtung oder einen kleinen Hügel, irgendetwas, das verhindert, dass sich einer der vier ungesehen von hinten heranschleichen kann um ihn zu überwältigen. Etwa zwanzig Meter vor ihm ragt der runde, ausgefranste Teller einer entwurzelten Tanne in die Höhe. Dort hätte er wenigstens den Rücken frei. Mit einer letzten Kraftanstrengung spurtet er los und zieht noch während er sich umwendet ein Messer. Es wird zwar nur bedingt helfen gegen die Werwölfe, da es nicht aus Silber ist, aber er ist entschlossen so viel Widerstand zu leisten wie nur irgend möglich. Verdammte flohgeplagte Köter! Die werden noch sehen worauf sie sich da eingelassen haben! Wirkungsvoller als die lächerliche Metallwaffe ist allerdings die schwarzknisternde Energie, die er um seine geballte Faust sammelt und mit einem Schrei dem ersten der vier Wölfe entgegenschleudert, als dieser knurrend und mit bedrohlich gebleckten Zähnen auf ihn zuspringt. Mit einem schmerzerfüllten Jaulen rollt der getroffene zu Seite und zuckt dort einige Zeit unkontrolliert, bis sich die Krämpfe in seinen Muskeln legen.
Danach haben sie etwas mehr Respekt, umkreisen ihn knurrend, aber vorsichtig, versuchen seine Stärke einzuschätzen, die bei weitem nicht so groß ist wie er es sich in diesem Moment wünscht. Mehr als drei dieser Energiestöße wird er nämlich nicht mehr zustande bringen und der Werwolf den er getroffen hat rappelt sich bereits wieder auf. Isrial fährt voller Abscheu zusammen, als die Form des Tieres sich auf einmal verformt und sich unter Winseln und diversen reißenden Geräuschen zurück zu der eines nackten Menschen verwandelt.
„Gib auf Dämon!" Knurrt ihn der kauernde Werwolf an, sobald er sich von der Verwandlung erholt hat. Die anderen drei streichen weiterhin knurrend und geifernd um ihn herum. Immer bereit zum Sprung.
„Lasst mich in ruhe!" Faucht Isrial böse zurück. „Sucht euch wen anderes zum jagen! Sonst zieh ich euch das Fell ab!"
Diese Antwort ruft leider lediglich ein trockenes Lachen hervor.
„Ich kann deine Angst bis hierher riechen kleiner Dämon. Gib auf und wir tun dir nichts."
Das ist ja wohl die dreisteste Lüge die er jemals gehört hat! Wieso sollten sie ihn überhaupt erst jagen wenn sie nicht vorhätten ihre Beute auch zu erlegen?
„Das glaubst du doch wohl selbst nicht!" Spuckt der Dämon giftig, während er versucht alle vier gleichzeitig im Auge zu behalten.
„Ich lüge nicht!" Gibt der Werwolf mit einer Miene verletzten Stolzes zurück. „Raphael will dich lebend, wieso sollten wir dich da beschädigen?"
„Raphael?"
Das Wort entkommt ihm als ein entsetztes Kreischen. Natürlich kennt Isrial diesen Namen. Jedes von Luzifers Geschöpfen kennt ihn. Die Macht und der gefährliche Hintergrund für die er steht lassen den Dämon augenblicklich jegliche Vorsicht vergessen. Entsetzt schleudert er dass was ihm an Energie verblieben ist nach den Wölfen und macht einen letzten verzweifelten Versuch zu entkommen. Nach drei kümmerlichen Schritten wird er unter einem knurrenden Berg von Fell und Zähnen begraben. Starke Kiefer schließen sich um das Gelenk jener Hand die immer noch das Messer umklammert hält und mit einem Aufschrei muss er es fallen lassen. Trotzdem wehrt er sich verbissen, windet sich wie ein Aal, tritt und kratzt. So lange bis ein gezielter Schlag gegen seine Schläfe die Welt in eine Dunkelheit taucht, die selbst für seine Augen undurchdringlich ist.
Sariel/Azrael
„Herrlich!" Gurrt der Schneider, zu dem Azrael ihn gebracht hat verzückt und stürzt sich mit dem Maßband auf den überraschten Sariel. „Ein zartes Grün würde ich vorschlagen. Das betont die Augen so wunderbar und dazu ein wenig blass gehaltenes Gold. Und vielleicht...," er fährt noch eine Weile damit fort vor sich hin zu murmeln während er um den Engel herumwuselt, verwirft Ideen und begeistert sich gleich darauf für neue. Azrael lässt ihn reden. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass das zu erwartende Resultat so makellos und atemberaubend sein wird wie nur möglich. In Sariels Fall also geradezu betörend. Weniger würde er auch nicht akzeptieren, denn die Personen mit denen er als nächstes zu tun haben wird, haben einen ausgesprochen anspruchsvollen Geschmack. Weniger als Perfektion werden sie nicht einmal zur Kenntnis nehmen.
In Gedanken schon bei dem bevorstehenden Treffen legt er sich Strategien zurecht, die ihm hoffentlich helfen werden, dass zu erreichen was er sich vorgenommen hat. Unabhängigkeit von Luzifers Wohlwollen. Ein derartiges Ziel wird nicht einfach zu verwirklichen sein, denn der Oberste der Gefallenen achtet voll Eifersucht und mit peinlicher Genauigkeit darauf, dass sich keiner der seinen über ihn erheben kann. Nicht dass Azrael so etwas wie einen Angriff oder gar eine Herausforderung überhaupt in Betracht ziehen würde, doch ein wenig Distanz zu seinem Fürsten erscheint ihm mittlerweile verlockend genug um dessen Verstimmung zu riskieren. Zu lange hat er das Gefühl ertragen auf Schritt und Tritt überwacht zu werden, das ihm langsam aber sicher unerträglich wird. Wie sehr, dass ist ihm erst klar geworden, als er nach dem kurzen, ungeplanten Treffen mit Raphael in seiner Wohnung stand und auf Isrial wartete. Allein, wie schon lange nicht mehr.
Eigentlich hätte er zu jenem Zeitpunkt bereits zurückkehren sollen zum Hofe des Lichtbringers, doch die Suche nach Sariel nahm Zeit in Anspruch. Zeit in der ihm klar wurde, das er des hektisch brodelnden, ewig intriganten Lebens als Höfling für den Moment überdrüssig war. Jetzt, da er Sariel hat, gibt es sogar noch einen Grund mehr hier zu bleiben. Den jungen Engel würde er kaum für sich alleine behalten können, sollte er zurückkehren und nach kurzer Zeit in den gierigen Krallen des Hofes wäre bald alle Unschuld aus den offenen, blauen Augen gewichen. Dabei ist es gerade das, was den Jungen so faszinierend und anziehend macht. Ohne diese zerbrechliche Arglosigkeit wäre er nur einer von vielen der weniger Mächtigen, die dort versuchen zu überleben und dabei oft jegliche Würde opfern müssen.
Letztendlich wird Sariel unter seinem Einfluss genau das selbe Schicksal ereilen, doch er kann sich Zeit lassen, den Prozess in allen Einzelheiten genießen, ihn steuern wie es ihm beliebt und sich mit der Frage quälen, ob er Raphael durch dieses Handeln den gleichen Schmerz zufügt, der ihn selbst täglich auffrisst. Azrael ist sich sicher, dass sein ehemaliger Liebhaber weiß, dass er nach Sariel Ausschau gehalten und ihn gefunden hat. Wieso ist er nicht aufgetaucht? Nachdem er keine größeren Anstrengungen unternommen hat um verborgen zu bleiben hätte er erwartet den Engel früher oder später zu sehen. Eine Aussicht, die noch immer sowohl Schmerz als auch Erwartung bei ihm weckt.
Sogar darin enttäuscht er mich, zuckt es durch seinen Kopf und mit unzufrieden zusammengepressten Lippen zwingt er seine Gedanken zurück zum bevorstehenden Treffen mit jenen, bei denen er Unterschlupf zu suchen gedenkt. Sie sind schwierig, die Vampire und unberechenbar, aber auch nicht völlig unempfänglich für Bestechung.
