Da bin ich wieder! Japan war suuuuper! (*O*) Das war ganz sicher nicht das letzte Mal, dass ich dort war! :3

Und da ich das letzte Kapitel bereits vor dem Urlaub fast fertig hatte, hab ich mich gleich nach der Landung (und ein paar wenigen Stunden Schlaf, blöder Jetlag xD) hingesetzt und es zu Ende gebracht. Viel Spaß!

Ich besitze keinerlei Rechte an den Charakteren (zumindest Haruka und Michiru ^^) - diese sind Naoko Takeuchi vorbehalten.


Der Tag des Sommerfests rückte unaufhaltsam näher und bereits morgen war es soweit. Haruka saß verkehrt herum auf einem der Stühle im Kunstraum und beobachtete Michiru dabei, wie sie das letzte ihrer Bilder fertigstellte. Ein sanftes Lächeln lag auf ihren Lippen und hin und wieder hielt sie inne und betrachtete das Bild eingehend. Haruka unterdrückte ein Kichern, als wie so oft in den letzten Tagen Michiru's Perfektionismus zum Vorschein kam. Was ihre Bilder anging, würde sie sich niemals auch nur den kleinsten Fehler erlauben. Am liebsten wäre Haruka zu ihr gegangen, hätte ihre Arme um sie gelegt und ihr ins Ohr geflüstert, wie wunderschön sie war. Doch obwohl sie allein waren, wollte Michiru zumindest innerhalb des Schulgeländes eine gewisse Distanz aufrecht erhalten. Sie vertraute Haruka, doch trotzdem würde sie den selben Fehler kein zweites Mal machen und es nicht herausfordern, dass ein weiteres Foto auftauchte. Haruka hatte Verständnis gezeigt, als sie darüber gesprochen hatten und so schwer es ihr auch fiel, respektierte Sie Michiru's Bitte, ihre Beziehung – oder wie auch immer man es im Moment nennen wollte – auf die wenigen Momente zu beschränken, in denen sie tatsächlich allein waren und sich dessen auch sicher sein konnten.
„Das war's.", Michiru seufzte erleichtert und legte ihren Pinsel beiseite. „Für die nächsten Monate möchte ich nichts mehr davon hören, wenn das Fest morgen vorbei ist."
Haruka lachte leise und stand auf. „Gib doch wenigstens zu, dass es dir Spaß macht, für einen guten Zweck zu malen."
Michiru bedachte sie mit einem vielsagenden Blick und Haruka hob abwehrend die Hände. „Schon gut. Du wirst für das nächste halbe Jahr keinen Pinsel mehr in die Hand nehmen. Besser?", sie grinste frech und wich einem feuchten, mit Farbe bekleckerten Tuch aus, das Michiru als Antwort nach ihr geworfen hatte. Dann räumte die Kleinere kichernd ihre Pinsel und Farben sorgfältig in ihre Behälter zurück und als sie fertig war, nahm Haruka ihr die Tüte mit ihren Utensilien ab und sie machten sich auf den Weg nach draußen. Überall im Gebäude herrschte geschäftiges Treiben und die letzten Vorbereitungen für das Fest am kommenden Tag wurden getroffen. Hier und da wurden jemandem Anweisungen zugerufen. Einige Schüler liefen voll bepackt den Gang entlang und andere eilten aufgeregt hin und her und brachten Dekorationen an den dafür vorgesehenen Stellen an.
„Michiru!", Elza kam ihnen vom Ende des gegenüberliegenden Gangs entgegen gelaufen und wich in letzter Sekunde einem Jungen aus, der mit einem viel zu hohen Stapel Bücher im Arm ihren Weg kreuzte. „Ich hab tolle Neuigkeiten!"
„Grey-san!", rief einer der Lehrer ihr hinterher. „Sie wissen doch, dass Sie in den Gängen nicht rennen sollen!"
„Tut mir Leid!", rief Elza über die Schulter zurück, verlangsamte ihre Schritte jedoch erst wenige Sekunden später, als sie bereits beinahe bei ihren Freundinnen angelangt war.
„Was ist los, Elza? Warum so aufgeregt?", Haruka sah sie neugierig an und Michiru tat es ihr gleich.
„Du musst sofort zu Hirai-sensei.", sagte Elza aufgeregt an Michiru gewandt. Diese blinzelte verwundert, als ihre Freundin auch schon hinter sie trat und sie ein Stück den Gang entlang schob.
„Würdest du mir bitte zuerst erklären, worum es geht?", fragte sie eindringlich und befreite sich aus Elza's Griff. „Hirai-sensei ist doch der Leiter des Schul-Orchesters, wenn ich mich nicht irre?"
„Genau der!", Elza nickte begeistert. „Einer seiner Streicher für das Live-Orchester morgen ist kurzfristig ausgefallen und nun sucht er dringend jemanden, der auf die Schnelle für ihn einspringen kann."
„Was?", Michiru sah sie ungläubig an und Elza schob sie erneut ein Stück vor sich her. „Elza! Warte! Ich kann doch nicht einfach ohne vorher zu proben im Orchester mitspielen."
Die rothaarige grinste zuversichtlich. „Doch das kannst du. Wenn nicht du, wer sonst? Du hast es im Blut!"
Michiru seufzte resigniert und schob Elza's Hände von ihren Schultern. Dann wandte sie sich ihrer Freundin erneut zu. „Du hast gewonnen, ich gehe. Aber ich kann alleine laufen."
Sie wechselte einen kurzen Blick mit Haruka, die nun einige Meter entfernt stand und die beiden amüsiert beobachtete. Die Blondine nickte ihr ermutigend zu. Elza bemerkte ihren Blick und wandte sich nun ebenfalls zu Haruka um. „Du bist doch auch meiner Meinung, nicht wahr?"
Haruka lachte auf und nickte zustimmend. „Absolut. Ich kenne niemanden, dem ich sowas besser zutrauen würde."
Michiru's Augenbraue zuckte verräterisch. Offenbar hatte sie erwartet, dass Haruka widersprechen und ihr aus dieser Situation heraus helfen würde. Doch Haruka wollte ihr die Gelegenheit nicht nehmen, auch mal ein wenig mehr Aufmerksamkeit für ihre musikalischen Leistungen zu bekommen, anstatt immer nur für ihre Bilder.
„Hirai-sensei wartet im Musikraum.", erklärte Elza aufgeregt und Michiru antwortete mit einem knappen Nicken und machte sich auf den Weg.
Haruka sah ihr nach, bis sie in besagtem Raum verschwunden war und bemerkte erst dann Elza's eindringlichen Blick. „Was ist?", fragte sie und versuchte, ihre Verlegenheit zu verbergen.
Elza zog eine Augenbraue hoch und stemmte leicht grinsend die Hände in die Hüften. „Das sollte ich eigentlich dich fragen. Hab ich was verpasst?"
„Nein!", Haruka's Antwort kam viel zu schnell. Sie räusperte sich leise, als ihr klar wurde, wie offensichtlich ihr Verhalten sein musste. Sie und Michiru hatten beschlossen, Elza vorerst nichts über ihre Beziehung zu erzählen, solange sie sich nicht selbst darüber im Klaren waren, wo das alles hinführen würde.
Ein wenig ungeschickt wechselte sie das Thema und verwickelte Elza in ein Gespräch über die laufenden Vorbereitungen für morgen.

Als Michiru etwa eine halbe Stunde später zurück kam, sah Elza sie mit vor Erwartung funkelnden Augen an.
Michiru nickte lächelnd und trat zu ihren Freundinnen. „Ich habe zugesagt. Die Lieder sind nicht allzu schwierig."
„Für dich.", warf Elza grinsend ein. „Ich sagte doch, du bist dafür die am besten geeignetste Person an der ganzen Schule."
Michiru lächelte verlegen. Elza knuffte ihr verspielt in die Seite und sah sie aufmunternd an. „Nun sei nicht immer so Bescheiden."
Haruka legte ihr freundschaftlich eine Hand auf die Schulter – viel mehr, weil sie es nicht länger aushielt, sie nicht berühren zu können, als Elza's Aussage zuzustimmen. „Du machst das schon. Alle werden begeistert sein, du wirst sehen."
Michiru sah sie an und nickte dankbar, froh über das bisschen körperliche Nähe der Größeren.
„Und was habt ihr zwei hübschen jetzt noch vor?", fragte Elza und veranlasste Haruka so dazu, ihre Hand wieder zurück zu ziehen.
Sie zuckte die Achseln und grinste schief. „Ich wollte mir noch einen ruhigen Abend machen. Ich bin ziemlich müde vom vielen Tische schleppen."
„Ich hätte heute auch gern noch etwas Ruhe.", erwiderte Michiru sofort und lächelte Elza entschuldigend an, die offensichtlich voller Tatendrang war. „Und ich sollte noch ein wenig üben, auch wenn ich alle von Hirai-sensei's Liedern kenne."
Elza nickte verständnisvoll und sah die beiden eine Weile schweigend an. „Also dann sehen wir uns morgen.", verabschiedete sie sich und als sie sich abwandte, glaubte Haruka, einen Anflug von Enttäuschung in ihren Augen aufflackern zu sehen. Sie runzelte dir Stirn und wartete, bis Elza außer Hörweite war. „Ist alles in Ordnung mit ihr?"
„Ich weiß es nicht.", gab Michiru zu und sah ihrer Freundin hinterher.
„Und mit dir?", sie sah auf die Kleinere hinab.
„Ich weiß, ich sollte sie nicht belügen.", antwortete Michiru leise. Dann sah sie Haruka ebenfalls an. „Aber ich kann ihr nichts über uns erzählen. Noch nicht."
Haruka nickte verständnisvoll und kämpfte dagegen an, ihr einen Arm um die Schulter zu legen.
„Wollen wir?", sie lächelte liebevoll, als Michiru nickte und sie machten sich auf den Weg zu Haruka's Auto. Sie hatten beschlossen, diesen Abend gemeinsam zu verbringen und so machten sie sich auf den Weg zu Haruka's Haus. Sie hatte Michiru versichert, dass ihre Eltern kein Problem damit hatten, wenn sie unangekündigt Freunde mit nach Hause brachte.
„Freunde...", hatte Michiru leise wiederholt und Haruka mit einem vielsagenden Blick bedacht. Ihre einzige Antwort darauf war ein breites Grinsen.
Ein wenig unwohl fühlte sie sich trotzdem. Immerhin waren sie inzwischen mehr, als nur gute Freunde und sie hatte keine Ahnung, wie die Eltern der Blondine reagieren würden, falls sie ihr kleines Geheimnis erfahren würden.
Haruka bemerkte Michiru's zweifelnden Blick, als sie den Schlüssel umdrehte und die Haustür öffnete. Sie zwinkerte ihr aufmunternd zu, ergriff ihre Hand und führte sie ins Haus. „Bin wieder da!", rief sie gut gelaunt und sofort steckte ihre Mutter den Kopf in den Flur. Augenblicklich befreite Michiru sich aus Haruka's Griff und verbeugte sich höflich, als Haruka's Mutter sie überrascht ansah. Haruka stellte sie einander vor und als auch ihr Vater hinzukam und alle miteinander bekannt gemacht waren, führte ihre Mutter sie in die Küche, wo es bereits fantastisch duftete.
Während es Abendessens erwähnte Haruka's Mutter mehrmals, wie stolz sie wäre, wäre ihre Tochter doch auch nur annähernd so weiblich und elegant wie Michiru. Haruka verdrehte nur entnervt die Augen und Michiru lächelte verlegen. Haruka's Vater warf seiner Frau und seiner Tochter abwechselnd belustigte Blicke zu. Nach dem Essen, als ihre Mutter sich weiter in der Küche beschäftigte, deutete ihr Vater den Mädchen mit einem Kopfnicken an, ihm nach draußen zu folgen. Dann schloss er leise die Tür hinter sich und zwinkerte Michiru zu. „Du darfst meine Frau nicht allzu ernst nehmen. Sie weiß, dass Haruka so ist, wie sie ist und auch so bleiben wird." Michiru lächelte höflich und nickte knapp. Aus einem ihr unerklärlichem Grund fühlte sie sich absurd wohl in Gegenwart dieser Familie.
„Ich bin froh, dass Haruka normale Freundinnen gefunden hat.", fuhr ihr Vater fort. „Das gefällt mir viel besser, als die ständigen Prügeleien.", er grinste seiner Tochter vielsagend zu, die sich sofort verlegen am Hals kratzte und ihm einen gespielt beleidigten Blick zuwarf. Er lachte laut auf und klopfte seiner Tochter freundschaftlich auf die Schulter. „Ihr habt sicher noch was anderes geplant, als mit deinem alten Vater zu plaudern.", er griff nach einer Zeitung, die auf einem kleinen Schränkchen im Flur lag und nickte den beiden zu. „Ihr wisst ja, wo ihr uns findet, falls ihr irgendwas braucht."
„Vielen Dank.", antwortete Michiru lächelnd und folgte Haruka nach oben in ihr Zimmer. Unterwegs stieß sie ein leises Seufzen aus und errötete, als sie einen Blick zurück warf. Der Gedanke, dass Haruka's Vater sich in diesem Moment auf dem Sofa niederließ, auf dem Haruka und sie sich vor kurzem näher gekommen waren, brachte sie unwillkürlich in Verlegenheit.
Kaum hatte Haruka ihre Zimmertür hinter ihnen geschlossen, schlang sie ihre Arme um Michiru und küsste sie stürmisch. „Ich dachte schon, wir sind heute überhaupt nicht mehr allein.", murmelte sie in den Kuss und entlockte Michiru ein Grinsen. Die Kleinere legte die Arme um Haruka's Nacken und biss ihr sanft in die Unterlippe. "So ungeduldig kenne ich dich gar nicht.", hauchte Michiru, als sie den Kuss unterbrachen. Sie quietschte amüsiert, als Haruka plötzlich einen Arm um ihre Schultern und den anderen in ihre Kniekehlen legte und sie mit einer schwungvollen Bewegung hoch hob. „Du kennst viele Seiten an mir noch nicht.", raunte Haruka ihr zärtlich ins Ohr und ihr warmer Atem jagte eine Gänsehaut über Michiru's ganzen Körper. „Du hast keine Ahnung, wie verrückt es mich macht, dich tagtäglich zu sehen und dich nicht berühren zu können." Die Kleinere kicherte leise, als Haruka ihr sanft ins Ohr biss, während sie sie zum Bett trug, um sie schließlich auf der weichen Matratze abzusetzen und sie sofort mit weiteren Küssen zu überhäufen. Michiru lehnte sich zurück, als Haruka zu ihr aufs Bett kroch, fuhr mit der Hand durch das kurze Haar und erwiderte die Zärtlichkeiten ihrer Freundin.
Dann hielt sie kurz inne und sah Haruka an. „Was ist mit deinen Eltern?"
Haruka grinste frech und küsste sie ein weiteres Mal, bevor sie antwortete. „Die bekommen nichts mit, wenn du leise bist.", sie ignorierte den Protestlaut ihrer Freundin und schon kurz darauf war alles um sie herum in Vergessenheit geraten.

Am nächsten Morgen trafen die meisten der Schüler schon sehr früh ein, um die letzten Feinheiten zu erledigen.
So auch Hirai-sensei und der Rest des Schul-Orchesters. Der Lehrer hatte Michiru gebeten, rechtzeitig für eine kurze Probe zu erscheinen und selbstverständlich hatte sie zugestimmt, dass dies unbedingt nötig war. Es war nicht das erste Mal, dass sie mit so vielen Leuten gemeinsam auf einer Bühne stand, doch das letzte Mal war bereits eine ganze Weile her.
Michiru atmete tief durch, bevor sie den Musikraum betrat und warf einen letzten kurzen Blick zu Haruka und Elza, die ihr aus einigen Metern Entfernung ermutigend zuwinkten. Dann trat sie ein und wurde sogleich von aufgeregtem Geplapper und einem noch aufgeregteren Lehrer begrüßt, der sofort auf sie zukam, als er sie erblickte. „Kaioh-san, vielen Dank, dass Sie es so zeitig geschafft haben!"
Michiru verbeugte sich höflich und warf einen Blick in die Runde.
Hirai-sensei hatte einige Mühe, seine Schüler zu beruhigen, bis sie endlich mit ihrer Probe beginnen konnten. Er zeigte große Begeisterung darüber, wie schnell Michiru sich in sein kleines Orchester einfand und seine Nervosität ließ sichtlich nach.
Etwa eine Stunde später, als er vollkommen zufrieden war, entließ er seine Schüler, sodass sie sich in Ruhe vorbereiten konnten und Michiru machte sich auf die Suche nach Haruka und Elza, die sie in ihrem Klassenzimmer vermutete. Doch ihre Hoffnungen wurden zerschlagen, als sie die beiden nicht dort vorfand. Stattdessen kam Yuriko mit einem so freundlichen Lächeln auf sie zu, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Sie wusste, dass dieses Lächeln alles andere als echt war und sie erwartete nichts gutes von der schwarzhaarigen. Michiru straffte ihre Schultern und sah ihr fest in die Augen. Es war das erste Mal seit Wochen, dass sie ihr allein gegenüber stand – ohne Haruka oder Elza an ihrer Seite. Doch sie würde keine Schwäche zeigen.
„Ich hoffe, du genießt den Tag bis jetzt.", sagte Yuriko leise, als sie vor Michiru stehen blieb. „Besser du tust es, solange du noch kannst. Wer weiß, wann das Leben dir wieder üble Streiche spielt."
Michiru's Finger krallten sich um den Griff ihres Geigenkoffers, während sie dagegen ankämpfte, dem Blick des Mädchens auszuweichen. „Haltet euch einfach fern von mir.", entgegnete Michiru ebenso leise. „Ich bin nicht mehr eines deiner Spielzeuge, die du nach deiner Pfeife tanzen lassen kannst."
„Hört, hört.", Yuriko stieß einen leisen Pfiff aus und musterte Michiru abwertend. „Werd lieber nicht allzu selbstsicher, Prinzessin. Sonst könnte der Fall vom Ross deines Prinzen umso tiefer sein."
Michiru schluckte schwer. Wusste Yuriko von Haruka und ihr? Ausgeschlossen. Sicher hatten sie und ihre Freunde sich nur etwas zusammen gereimt, um sie aus der Reserve zu locken.
„Ich weiß nicht, wovon zu redest.", antwortete sie kalt und hoffte, Yuriko würde das leichte Zittern in ihrer Stimme nicht bemerken.
Yuriko's helle Augen blitzten gefährlich auf und sie trat einen Schritt näher auf Michiru zu, sodass sie ihr ins Ohr flüstern konnte. „Denkst du wirklich, dass es auch nur einen einzigen Menschen auf dieser Welt gibt, der eine ernsthafte Beziehung mit einer wie dir führen würde? Sieh dich lieber vor, bevor man dich erneut fallen lässt. Obwohl es dir wirklich sehr gut steht, am Boden zu liegen."
Michiru wich zurück und funkelte Yuriko hasserfüllt an. „Selbst wenn es so wäre. Es geht dich nichts an.", flüsterte sie warnend.
„Wir werden sehen.", antwortete die schwarzhaarige und schob sich langsam an ihr vorbei.
Michiru wagte es nicht, ihr hinterher zu sehen, als sie aus dem Zimmer verschwand. Ihr Herz raste und sie brauchte einige Sekunden, um sich zu beruhigen. Zumindest schien keiner der Anwesenden ihre Unterhaltung mitbekommen zu haben. Das Klassenzimmer war wie geplant zu einem kleinen Café umgestaltet worden und gefüllt mit Gästen. Überall standen gedeckte Tisch mit Stühlen und an den Wänden entlang wurden bereits den ersten Besuchern eifrig verschiedene Kuchensorten, Kaffee und Tee angeboten. Michiru drängte die Gedanken an die Unterhaltung mit Yuriko beiseite und fragte einige ihrer Mitschüler, ob sie wussten, wo Elza oder Haruka steckten.
Einer ihrer Klassenkameraden deutete an, dass sie in der Haupthalle sein mussten und dabei halfen, die restlichen Stühle aufzustellen. Michiru bedankte sich und machte sich auf den Weg. Diesmal war ihre Suche erfolgreich. Ihre beiden Freundinnen waren so damit beschäftigt, Stühle von einer Seite der Halle zur anderen zu schleppen, dass sie sie erst bemerkten, als sie ihre Namen rief.
Sie wartete, bis die beiden fertig waren und dann schlenderten sie gemeinsam eine Weile durch die Gänge und sahen sich an, was die restlichen Klassen boten. Unter anderem gab es einen Ikebana- und einen Origami-Kurs, ein paar Kendo- und Kyudo-Vorführungen, einige kleinere Gewinnspiele und in den Chemie- und Phsyik-Säälen wurden die Besucher mit ein paar Experimenten unterhalten.
Als es Zeit für sie war, ihre Klassenkameraden abzulösen, machten sie sich auf den Weg zurück zum Klassenzimmer und verbrachten dort einige Stunden hinter der provisorischen Theke.

Der Auftritt des Orchesters in der Haupthalle an diesem Nachmittag war ein voller Erfolg und die Besucher des Festes waren begeistert. Letztendlich hatte Michiru es genossen, nach so langer Zeit wieder einmal an etwas Größerem mitzuwirken. Sie blickte ins Publikum und erhaschte einen Blick auf Haruka und Elza, die in einer der mittleren Reihen einen Platz ergattern konnten. Wie viele andere applaudierten sie, bis die Musikanten schließlich die Bühne verlassen hatten.
„Großartig!", jubelte Hirai-sensei hinter der Bühne. „Sie alle haben hervorragende Arbeit geleistet!"
Ein erleichtertes und fröhliches Gemurmel ging durch die Menge und nachdem alle Instrumente ordnungsgemäß aufgeräumt waren, konnten sie ihre Aufmerksamkeit endlich wieder dem Rest des Festes widmen. Michiru's Freundinnen warteten wie vereinbart auf ihren Plätzen und hatten ihr für die nachfolgende Rede des Direktors einen Stuhl frei gehalten. Sie winkten ihr freudig entgegen, als sie sie erblickten und Michiru bahnte sich ihren Weg zu ihnen und ließ sich erschöpft auf den leeren Stuhl zwischen ihnen fallen.
„Ich wusste, dass du das ohne Probleme hinbekommst!", grinste Elza stolz, während Haruka zustimmend nickte.
„Vielen Dank.", Michiru lächelte und warf einen Blick auf die Uhr an der hinteren Wand der Halle. „Der Vortrag des Direktors sollte jeden Augenblick beginnen."
„Ja.", Haruka nickte und sah nach vorn auf die Bühne, wo gerade die letzten Notenständer aufgeräumt wurden. „Und dann ist das Fest schon wieder gelaufen."
Elza grinste freudig und wippte leicht mit ihrem Stuhl vor und zurück. „Hat ja echt Spaß gemacht, aber ich bin auch froh, wenn ich später wieder meine Ruhe habe."
Die große Haupthalle, die zuvor schon recht voll gewesen war, füllte sich nun mit noch mehr Menschen. Trotz der vielen Stühle mussten einige sich an den Wänden entlang aufstellen und ein paar der Lehrer drängten sich hektisch durch die Massen, um manche Schüler daran zu erinnern, wie sie sich zu benehmen hatten.
Es wurde still im Saal, als endlich der Schuldirektor auf die Bühne trat, in die Menge blickte und sich tief verbeugte. Dann trat er an das kleine Pult, das auf der Bühne aufgestellt war und griff nach dem Mikrofon. „Meine sehr verehrten Damen und Herren. Eltern, Angehörige, an unserer Schule interessierte Gäste und nicht zuletzt, liebe Schülerinnen und Schüler.", begann er seine Rede und ließ seinen Blick stolz über die vielen Besucher schweifen. „Ich hoffe, Sie konnten den Tag zu ihrer vollsten Zufriedenheit auskosten und einen guten Eindruck unserer Schule bekommen. Nachdem Sie nun bereits so vieles aus unseren Clubs sehen konnten, haben einige unserer Schüler eine Präsentation zusammen gestellt, die Ihnen weitere Eindrücke zu unserem friedlichen und gesitteten Schulalltag und bereits vergangenen Veranstaltungen vermitteln wird. Außerdem werden sie einen kleinen Einblick in die Geschichte der Schule bekommen. Bitte, treten Sie vor.", er trat ein paar Schritte zurück und machte eine einladende Geste in Richtung einiger Schüler, die in der ersten Reihe saßen. Eine Gruppe von 7 Personen stand auf und trat unter großem Applaus auf die Bühne.
Einer nach dem anderen begann, kurze Geschichten zu Bildern zu erzählen, die eines nach dem anderen hinter ihnen auf eine große Leinwand projiziert wurden.
So begannen sie zunächst mit den Anfängen der Schule, mit Fotos, die sie offenbar aus den ältesten auffindbaren Jahrbüchern gesammelt hatten. Es folgte die Gründung der ersten Clubs, die Nachmittags angeboten wurden und schließlich der Ausbau des Sportplatzes und der Bau der Schwimmhalle.
Der nächste Schüler berichtete über die Schulfeste der vergangenen Jahre und zeigte Fotos von Klassenzimmern, die, ähnlich wie ihr eigenes heute, zu einem Café umgebaut worden waren. Auch Bilder von Schulausflügen wurden gezeigt.
Alle Farbe wich aus Michiru's Gesicht, als erneut das Bild gewechselt wurde und sie plötzlich sich selbst auf der großen Leinwand ins Gesicht blickte. In Yuriko's Armen.
Einige lange Sekunden herrschte ein drückendes Schweigen, bevor die ersten ihre Worte wieder fanden und ein ungläubiges Raunen durch die Menge ging.
Auch der Schüler, der eben noch seinen Vortrag gehalten hatte, starrte ungläubig auf das Bild, das nun hinter ihm aufgetaucht war.
Ein lautes, langsames Klatschen hallte durch den Saal und mit großen, andächtigen Schritten trat ein junger Mann auf die Bühne und hinter das Pult. Ryu.
Ohne sich dessen Bewusst zu sein, griff Michiru nach Haruka's Hand, während ihre geweiteten Augen fest auf der Bühne hafteten. Haruka drückte sie sanft und sah ihre Freundin besorgt an. Auch Elza warf ihr einen alarmierten Blick zu, doch Michiru reagierte nicht darauf. Auch, dass die ersten Leute sich bereits nach ihr umdrehten, nahm Michiru nur am Rande wahr. Ihr Blick haftete auf Ryu, der ruhig und mit einem unschuldigen Ausdruck auf dem Gesicht auf der Bühne stand und seinen Blick triumphierend über die Menge schweifen ließ.
Yuriko hatte sie gewarnt. Doch Michiru hatte nicht erwartet, dass sie ausgerechnet heute eine Gelegenheit finden würden, zuzuschlagen und bisher hatte sie außer Yuriko keinen der Gruppe auf dem Fest gesehen. Ihre Gedanken rasten, doch es war zu spät. Sie konnte ihn nicht mehr aufhalten und das Foto war ohnehin schon Beweis genug. Michiru fühlte, wie ihr Körper zu zittern begann und klammerte sich haltsuchend an Haruka's Hand, die sie nun ebenfalls fest umschloss.
Ryu griff nach dem Mikrophon und als sein Blick schließlich auf Michiru fiel, huschte ein siegessicheres Lächeln über sein Gesicht.
„Es tut mir Leid, Kaioh Michiru-san!", rief er mit gefährlich funkelnden Augen ins Mikrofon und sah weiterhin auf Michiru herab, woraufhin noch mehr Leute leise murmelnd ihre Blicke zu ihr umwandten. „Ich kann gar nicht sagen, wie leid es mir tut, dass ausgerechnet dieses Bild in unsere Präsentation geraten ist. Aber seien wir doch froh, dass es nur dieses war und nicht eines der anderen!", seine Stimme wurde von Wort zu Wort triumphierender. Michiru wusste, dass es keine anderen Bilder gab und er mit dieser Aussage lediglich die Aufmerksamkeit der Leute weiter auf sie lenken und den Skandal um sie vergrößern wollte.
Die Erkenntnis über die zahlreichen ungläubigen und schockierten Blicke, die nun auf ihr ruhten, traf sie wie ein Schlag in die Magengrube. Ihr wurde übel und schwindelig, während sie in Ryu's Gesicht starrte, das langsam vor ihren Augen zu verschwimmen drohte.
„Dein abartiges Geheimnis sollte doch niemals ans Licht kommen! Verzeih mir meine Unachtsamkeit.", ertönte Ryu's Stimme weiterhin unschuldig und hinterließ eine drückende Stille.
Michiru bemerkte nur am Rande, wie Haruka's Hand sich von ihrer befreite. Dann stand die Blondine auf und viele der Augen richteten sich nun auf sie. „Was ist das für ein feiges, abgekartetes Spiel, das ihr da spielt?", ihre Stimme hallte kräftig durch den Raum und noch mehr Blicke wandten sich ihr zu. Einige sahen nun verwirrt zu Ryu, der Haruka herablassen und verachtend ansah. „Da haben wir eine weitere Kandidatin. Wie viele von euch hat sie getäuscht? Mit wie vielen von euch Mädchen hat sie geflirtet und ihnen schamlos weisgemacht, sie wäre ein Kerl?"
Ein weiteres Raunen ging durch die Menge.
„Ich habe niemals behauptet, einer zu sein. Ich stehe zu dem, was ich bin. Bei mir zieht deine armselige Nummer nicht, Ryu.", sie ignorierte die Tatsache, dass viele sie nun von oben bis unten skeptisch musterten.
Ein Hauch von Panik huschte über Ryu's Gesicht, als einige Leute sich nun zweifelnd zu ihm umsahen.
Nun stand auch Elza auf und ergriff das Wort. „Dort vorne steht jemand, der seine Freunde gegen einen Menschen aufgehetzt hat, der nichts getan hat.", sie blickte kurz zu Michiru, die nun mit leerem Blick vor sich auf den Boden starrte.
„Sie haben sie in eine Beziehung mit diesem Mädchen verwickelt.", sie deutete auf das Bild, das immer noch für alle sichtbar hinter Ryu auf die große Leinwand projiziert wurde. „Dann haben sie sich langsam ihr Vertrauen erschlichen, um ihre Familie zu zerstören und anschließend sogar körperliche Gewalt angewendet und dafür gesorgt, dass sie jeglichen Glauben an sich selbst verloren hat! Sie sind verantwortlich dafür, dass ein gefühlvoller und wunderbarer Mensch sich selbst aufgegeben hat! Ist das nicht schlimmer, als aufrichtig zu lieben? Egal wen?"
Ryu starrte mit aufgerissenen Augen Elza an. Offenbar hatte er nicht erwartet, dass jemand es wagen würde, sich ihm öffentlich entgegenzustellen. Er glaubte, Michiru gut genug zu kennen, um zu wissen, dass sie versuchen würde ihre Freundinnen davon abzuhalten. „Sie lügt!", rief er ins Mikrofon und deutete anschuldigend mit dem Zeigefinger auf Elza. „Sie hat keine Beweise im Gegensatz zu dem hier!", sein Finger schwenkte zu dem Bild hinter sich. „Was sagt ihr zu dieser Abartigkeit? Ihre Eltern hat sie enttäuscht und den der sie liebt abgewiesen. Für ein Mädchen! Und bestimmt hat sie auch schon mit der da rumgemacht!", er deutete auf Elza. „Und mit ihr!", sein Finger wanderte zu Haruka. „Wer weiß, was für kranke Dinge da zwischen denen laufen!"
Einige der Leute flüsterten aufgebracht, während andere sich zweifelnde Blicke zuwarfen.
„War es wirklich Liebe?", ergriff Haruka nun erneut das Wort. „War es nicht vielmehr Eifersucht?", sie sprach langsam und deutlich, sodass jeder im Raum ihre Worte verstehen konnte. „Eifersucht auf ihre guten Noten? Auf ihre Talente und ihre reichen Eltern? Ihr konntet es nicht ertragen, dass jemand es so leicht im Leben hat, im Gegensatz zu euch. Doch glaub mir, sie hatte es alles andere als leicht."
Ryu's Lippen kräuselten sich, während Haruka weiter sprach. „Weißt du überhaupt, was es bedeutet, zu lieben? Weißt du, was es bedeutet, sich um jemanden zu sorgen und für ihn da zu sein? Nein. Woher auch?"
Ryu umklammerte mit beiden Händen fest das Mikrofon, während seine Augen hektisch über die Menge huschten.
„Was versuchst du hier schön zu reden? Es ist doch offensichtlich, dass mit ihr einiges falsch läuft! Sie muss dafür zur Rechenschaft gezogen werden!"
„In welchem Jahrhundert bist du denn hängen geblieben?", ertönte plötzlich eine Mädchenstimme von weiter hinten.
Ryu blickte ungläubig in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. „Wer spricht sich hier für eine Sünderin aus?"
Das Mädchen stand auf und mit ihr erhoben sich ein paar andere, die nun ebenfalls begannen, auf Ryu einzureden.
„Sowas sollte in der heutigen Zeit nicht mehr als Sünde bezeichnet werden!"
„Es ist doch völlig normal, sich zu einem anderen Menschen hingezogen zu fühlen!"
Ryu's Augen weiteten sich noch mehr, bis es nicht weiter ging.
Einige Stimmen murmelten zustimmend und viele begannen, untereinander zu tuscheln.
Nun wagte es auch Michiru, endlich wieder aufzusehen. Die ermutigenden Worte ihrer Mitschüler erreichten sie nur schleichend und auch der Sinn dahinter erschloss sich ihr nur langsam. Und plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie nicht allein war. Es waren nicht nur Haruka und Elza, die hinter ihr standen. Als sie sich umsah, hatten sich bereits einige von ihren Plätzen erhoben und warfen Ryu aufgebrachte Blicke zu.
„Komm.", Haruka lächelte Michiru liebevoll an und hielt ihr die Hand vor die Nase.
Michiru griff zögernd danach und ließ sich von Haruka auf die Beine ziehen. Erneut breitete sich Schweigen aus, als Haruka zum wiederholten Mal das Wort ergriff. „Dieses Mädchen hier hat in ihrem Leben viel zu lang alles getan, was in ihrer Macht stand, um den Erwartungen anderer – insbesondere ihrer Eltern – gerecht zu werden. Sie hat ihre eigenen Prioritäten hinten angestellt und sich für die Wünsche anderer aufgeopfert. Und jetzt, da sie ein einziges Mal an sich selbst gedacht hat und das tat, was sie für richtig hielt – was ihr Herz für richtig hielt – soll sie dafür bestraft werden? Soll sie sich vor sich selbst verstecken und sich ihr Leben lang etwas vormachen, nur um anderen zu gefallen?", sie machte eine Pause, in der erneut um sie herum geflüstert wurde. Dann sah sie Michiru tief in die Augen. Zum ersten Mal seit Tagen sah Haruka wieder Tränen in den dunklen Augen empor steigen. Doch dieses Mal waren es keine Tränen des Schmerzes oder der Enttäuschung, die sie in den letzten Wochen so oft überwältigt hatten.
Haruka nickte ihr lächeln zu und ergriff ihre Hand. Michiru verstand ihre Absicht. Sie warf einen kurzen Blick auf die Leute um sich herum, deren Blicke nach wie vor auf ihr und Haruka ruhten. Dann erwiderte sie Haruka's Lächeln und nickte knapp. Die Blondine atmete einmal tief durch. „Dieses Mädchen hier ist der wundervollste Mensch, den ich in meinem ganzen Leben kennen lernen durfte. Sie hat es nicht verdient, mit Füßen getreten zu werden. Ich habe mir geschworen, all das mit ihr gemeinsam durchzustehen. Und wenn jemand sie für das hassen möchte, wie sie fühlt, dann soll derjenige auch mich hassen. Denn wahre und aufrichtige Gefühle sind selten und niemand hat das Recht dazu, sie in Frage zu stellen und darüber zu urteilen.", sie machte eine kurze Pause, in der ihr Blick fest auf Michiru ruhte. „Ich liebe dich, Michiru.", diesen letzten Satz sagte sie so leise, dass nur Michiru, Elza und die in unmittelbarer Nähe sitzenden Personen es hören konnten. Doch es brauchte keine Worte, um ihre darauf folgende Geste zu verstehen. Sie legte ihre Hände an Michiru's Wangen, beugte sich zu ihr nach unten und küsste sie lange. Eine einzelne Träne bahnte sich ihren Weg über Michiru's Wange und verschwand unter Haruka's Fingern. Elza stand hinter Michiru und blinzelte die beiden verblüfft an. Natürlich hatte sie es bereits geahnt. Doch die beiden so zu sehen, in aller Öffentlichkeit, kam auch für sie unerwartet. Dann lächelte sie sanft und ein schwaches Glänzen trat in ihre Augen.
Ryu, der nun kaum weiter beobachtet wurde, wich einige Schritte zurück, als zuerst nur wenige und dann immer mehr Leute in tosenden Applaus verfielen.
„Was ist los mit euch?", rief er verzweifelt ins Mikrofon und starrte ungläubig in die Menge. „Was läuft schief in dieser Welt?!"
Er taumelte und fasste sich an den Kopf, als die ersten sich erneut nach ihm umdrehten und in laute Buh-Rufe einstimmten. Haruka und Michiru lösten sich erst viele Sekunden später voneinander und sahen sich weitere lange Sekunden tief in die Augen. Ein erleichtertes Lächeln lag auf ihren Lippen.
Plötzlich fuhr ein schriller Aufschrei durch die Menge. Haruka und Michiru wirbelten herum und sahen gerade noch rechtzeitig, wie Ryu eine kleine schwarze Pistole auf sie richtete. Haruka warf sich auf Michiru und riss sie zu Boden, als der laute Knall die Luft zerriss. Die Kugel traf einen leeren Stuhl hinter ihnen, wo die Besucher bereits Sekunden zuvor auseinander gestoben waren.
Schützend drückte Haruka ihre Freundin an sich und auch Elza hatte sich neben sie gekauert und einen Arm um Michiru gelegt.
Eine laute Stimme hallte durch die Lautsprecher an der Decke und wies die Anwesenden an, nicht in Panik zu verfallen und Ruhe zu bewahren.
Auf der Bühne stand Ryu und starrte auf die Stelle, wo die Kugel eingeschlagen war, dann begann er laut zu lachen. „Ich hab es verstanden.", kicherte er wie von Sinnen ins Mikrofon. „Ich hab verstanden, in was für einer Welt ich gelandet bin!", er strich behutsam über den Schaft seiner Pistole. Seine Finger zitterten und das Mikrofon fiel ihm mit einem lauten Schlag, der durch die Lautsprecher hallte, aus der Hand. „Herr. Ich bitte dich, führ mich in eine fehlerlose Welt! Ich habe dir immer gut gedient!", es war so still im Raum, dass man auch ohne das Mikrofon jedes seiner Worte verstehen konnte.
Michiru starrte mit weit aufgerissenen Augen nach vorn und beobachtete, wie Ryu erneut seinen Arm hob und stark zitternd die Pistole nun auf seinen eigenen Kopf richtete.
Unfähig, etwas zu sagen oder wegzusehen, starrten sie alle ihn an.
Ryu's und Michiru's Blicke trafen sich und ein undefinierbares Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus. Dann ertönte ein weiterer Knall und Ryu fiel zu Boden. Wie in Zeitlupe vergingen die folgenden Sekunden. Einige sprangen auf und panische Schreie hallten durch den Saal. Andere blieben reglos sitzen und verfielen in einen apathischen Zustand und zwischen all diesen Leuten stand Michiru, immer noch unfähig, weg zu sehen, während sich auf der Bühne eine rote Pfütze ausbreitete. Haruka schlang schützend beide Arme um sie. Elza setzt sich auf ihren Stuhl und starrte mit leerem Blick vor sich auf den Boden. Viele lange Sekunden später trafen die ersten Sanitäter ein und verbargen den Blick auf Ryu's leblosen Körper. Erst jetzt kehrte die Realität zu Michiru zurück. Sie schlug die Hände vor den Mund und kämpfte dagegen an, laut aufzuschreien. Ihre Beine gaben nach und sie fiel kraftlos auf ihren Stuhl zurück. Kein Laut verließ ihre Lippen und keine Träne war in ihren ausdruckslosen Augen zu sehen. Der Schock kam nur langsam, nachdem Haruka sich neben sie setzte und sie fest an sich drückte.
„Michiru! Sieh mich an!", nur entfernt nahm sie Haruka's Stimme wahr, die eindringlich auf sie einredete. Haruka legte ihre Hand an ihr Kinn und zwang sie, sie anzusehen, doch die grauen Augen drangen nicht zu ihr durch. „Lass uns von hier verschwinden! Wir gehen nach draußen!", Haruka zog sie unsanft auf die Beine und schob sie voran. Auch Elza packte sie am Handgelenk und zerrte sie hinter sich her durch die Menschenmassen, die immer noch panisch umher liefen. Es dauerte eine Weile, bis sie die beiden erfolgreich nach draußen navigiert hatte und sie sich an eine Wand gelehnt auf den Boden gesetzt hatten. Haruka blieb neben den beiden stehen und fuhr sich nervös durchs Haar.
„Verdammt!", sie schlug mit der Faust gegen die Wand und schüttelte den Kopf, um wieder auf klare Gedanken zu kommen. Laute Sirenen ertönten, als schließlich die Polizei eintraf und die Haupthalle evakuierte.
In einiger Entfernung erblickte Haruka Yuriko, die einsam unter einem Baum stand und auf ihre Füße starrte. Doch sie beschloss, dem Mädchen keine weitere Beachtung zu schenken. Sie hatte schon genug angerichtet und im Moment galt es, Michiru und Elza zu beruhigen. Elza war die erste, die leise etwas vor sich hin stammelte, was Haruka jedoch nicht verstehen konnte.
Nach einer Weile sah die rothaarige zu Haruka auf und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Wieso hat er das getan?", flüsterte sie mit rauher Stimme. Haruka sah sie lange an und ging vor ihr in die Hocke, um ihr eine Hand auf die Schulter zu legen.
„ich weiß es nicht.", antwortete sie leise. In diesem Moment zog Michiru die Beine an, vergrub ihren Kopf zwischen ihren Knien und ein lautes Schluchzen ließ ihren Körper erzittern. Sofort sprang Haruka zu ihr und legte die Arme um sie.
„Beruhig dich. Es wird alles gut...", versuchte Haruka sie zu beruhigen. Doch Michiru schüttelte heftig den Kopf, ohne aufzusehen. „Es ist meine Schuld!", presste sie zwischen zwei Schluchzern hervor. „Ich hab ihn so weit getrieben! Ich bin Schuld daran, dass er-", sie brach mit einem weiteren Schluchzen ab.
„Hör auf damit.", antwortete Haruka ruhig. „Nichts von alldem ist deine Schuld. Du hast nichts falsch gemacht."
„Michiru...", Elza beugte sich langsam zu ihrer Freundin hinüber und legte den Arm um sie. „Er hat es nicht anders verdient. Es war seine eigene Entscheidung.", ihre Stimme klang unnatürlich kalt und gefühllos. „Es ist nicht deine Schuld, wenn jemand mit seinem Leben nicht zurecht kommt. Und es ist nicht deine Schuld, wenn sich jemand in dich verliebt, dessen Gefühle du nicht erwidern kannst."
Michiru antwortete nicht. Sie hatte keine Kraft, zu sprechen. Lange blieben sie schweigend so sitzen und lauschten den Rufen der Polizei und Sanitäter und dem aufgeregten Fußgetrappel, bis schließlich einer der Sanitäter zu ihnen trat, um sich zu versichern, dass niemand verletzt war. Nur widerwillig stand Michiru auf und folgte ihm gemeinsam mit Elza und Haruka zu einem der Rettungswägen, wo man versuchte, sie zu beruhigen.


Epilog

Das Ende des Schuljahrs war schneller gekommen, als sie erwartet hatten. Michiru, Elza und Haruka verließen zum letzten Mal gemeinsam das Schulgebäude.
„Endlich geschafft.", Elza streckte sich und lächelte ihren Freundinnen fröhlich zu. Michiru hatte sich bei Haruka eingehängt und lächelte zufrieden. „Das war definitiv kein leichtes Jahr. Lasst uns das nächste und damit unser letztes gemeinsames Schuljahr zu einem guten machen.", sagte Haruka leise. „Eines, dessen schöne Erinnerungen den schlechten dieses Jahres überwiegen."
Michiru und Elza nickten zustimmend und alle drei warfen einen letzten, nachdenklichen Blick zurück.
Nach Ryu's missglücktem Selbstmordversuch hatte man ihn sofort in eine Klinik gebracht, wo er viele Monate behandelt werden musste. Anschließend wurde er auf Grund seines labilen psychischen Zustands unter weitere strenge Beobachtung gestellt. Die einzige, die ihn jemals besuchen kam, war Yuriko.
Nach vielen langen Wochen nach dem Sommerfest hatten sie und Akira sich nach einer langen Aussprache bei allen beteiligten entschuldigt.
Freunde waren sie keine geworden, doch zumindest konnten sie sich ohne Hass in die Augen sehen und Michiru musste sich nicht länger mit ihren abfälligen Kommentaren herum schlagen. Toya war nach der ganzen Sache nicht wieder aufgetaucht. Er hatte die Schule geschmissen und niemand wusste, ob er jemals wieder auftauchen würde. Offenbar hatte er Angst vor der Strafe, nachdem er mit Schuld an dem Gewaltakt an Michiru hatte.
Haruka und Michiru hatten ihre Beziehung nicht weiter geheim halten müssen und nach einer Weile fühlte auch Michiru sich nicht mehr unsicher dabei, ihre Gefühle offen zu zeigen.
Haruka verschränkte ihre Finger mit denen von Michiru und lächelte liebevoll. „Lass uns nach Hause gehen."
Michiru nickte fröhlich und schmiegte sich an ihre Freundin.
„Elza, meld dich, wenn du mal Lust hast etwas zu unternehmen! Unsere Nummer hast du ja."
„Darauf könnt ihr wetten! Allzu lange wird es sicher nicht dauern.", antwortete Elza grinsend und sah ihnen hinterher, als sie in Haruka's Auto stiegen und davon fuhren. In ihre eigene gemeinsame Wohnung, weit genug entfernt von ihren Eltern, sodass sich niemand mehr in ihr neues gemeinsames Leben einmischen konnte.
Elza seufzte leise und sah dem Auto hinterher, bis es verschwunden war.
„Ich weiß, du würdest ihr niemals weh tun.", murmelte sie leise. „Aber wenn du sie jemals zum Weinen bringst, werde ich dich eigenhändig zur Rechenschaft ziehen. Denn du bist nicht die einzige, deren Herz nur für sie schlägt, Haruka."
Eine einzige Träne tropfte auf den Asphalt vor ihren Füßen. Dann drehte sie sich um und machte sich lächelnd auf den Weg nach Hause.


Ende?
Ende! ^^

Puh! Das war die erste lange FF, die ich tatsächlich zu Ende geschrieben habe (nicht zuletzt auch dank euren tollen Kommentaren!) und ich hatte viel Spaß daran.
Hab lange hin und her überlegt und hatte unzählige Möglichkeiten für ein Ende im Kopf. :)
Ich hoffe, es hat euch gefallen und das Ende war in eurem Sinne.

Die nächste FF ist in Arbeit. Vielleicht sieht man einige von euch dort ja wieder. :D

Bis dahin! (^-^)/