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„Peter Arndt ist tot!" Zufrieden schloss Carter die Akte. Bis jetzt galt dieser offiziell als vermisst. In ihrem Bericht schrieb sie ein anonymer Hinweis brachte sie auf Arndts Spur. Als sie am Haus ankam, hat er sofort seine Waffe gezückt und wollte auf sie schießen. Deshalb war sie gezwungen gewesen ihn zu töten. Arndt konnte nur aufgrund seine DNA identifiziert werden. Sein Gesicht war vollkommen verändert.

„Woher wusstest du eigentlich wo er ist?", fragte Fusco sie.

„Ich bekam einen Hinweis.", antwortete sie schlicht.

„Und du verrätst auch mir nicht von wem?"

„Nein!" Carter legte die Akte zu den abgeschlossenen Fällen und verließ das Revier.

~ ° ~

Sanft strich sie ihm über die Hand. Er schlief. Harold hatte ihn in seine Wohnung bringen lassen und einen Arzt herbeigeschafft. Ohne Fragen zu stellen hatte dieser John behandelt, einige Medikamente für ihn aufgeschrieben und war dann wieder gegangen. John war bis jetzt noch nicht erwacht, was vermutlich an der Spritzte gegen die Schmerzen lag, die der Arzt ihm verabreicht hatte. Zoe wachte über ihn. Nichts und niemand konnte sie davon abhalten. Sie wäre auch dann nicht gegangen, wenn um sie die Welt einstürzen würde.

Langsam begann er sich zu regen. Scheinbar erwachte er. Aufmerksam beobachtete Zoe ihn, zog aber zugleich ihre Hand zurück. Nur weil sie … hieß das nicht das er … vermutlich hatte er noch nie so an sie gedacht, wie sie an ihn. Fest presste sie ihre Lippen aufeinander. Besser er erfuhr nie was sie, in den Stunden der Ungewissheit über sein Schicksal, gefühlt hatte. Unbewusst nahm sie eine aufrechte Haltung ein.

Aus ihrer Mimik, in der zuvor so viel Gefühl gelegen war, wich jede Emotion. Automatisch legte sie ein unverbindliches Lächeln auf ihre Lippen. Gerade rechtzeitig, denn in diesem Moment schlug John die Augen auf. Orientierungslos sah er um sich. An ihr blieb sein Blick schließlich hängen.

„Er ist tot. Alles ist gut. Du bist in Sicherheit.", sprudelte es ungefragt aus ihr heraus.

Zugleich fühlte sie Wärme in ihre Wangen aufsteigen. Sie benahm sich wie ein unreifer Backfisch. Nicht einmal als Teenager hatte sie sich so verhalten. John nahm den Blick von ihr und sah zur Decke hoch. Er sagte kein Wort. Unwillkürlich fragte sie sich woran er nur dachte.

~ ° ~

Er hatte, wider erwartend, überlebt. Und nun erwachte er hier an der Seite des Menschen an den er in den Stunden, in denen er seinen Tod erwartet hatte, immer zu gedacht hatte. Seit dem Tag an dem Jessica gestorben war, war er, an sie gebunden, gefangen gewesen. Doch nun war er frei. Ein Teil von ihm würde Jessica für immer lieben und auch die Schuld, die er durch ihren Tod auf sich geladen hatte, mit dieser würde er den Rest seines Lebens leben müssen.

Doch nun war er entschlossen nach vorne zu sehen. Diese für ihn plötzlich wieder möglichen Zukunft hoffte er mit Zoe Morgan zu verbringen. Er war kein großer Redner und auch jetzt fehlten ihm die richtigen Worte. Zoe Morgan war anders als jene Frauen mit denen er bisher Kontakt hatte. Entweder diese waren vom Gemüt mehr wie seine Jessica, reine Geschöpfe, ohne jeglichen arg, oder so wie er. Soldatinnen bereit jeden möglichen Feind auf der Stelle zu töten.

Zoe passte weder zu einen, noch zur anderen Sorte Frau. Sie war in ihrem Wesen und in ihrer Art einzigartig und deshalb fiel es ihm schwer sich ihr zu öffnen. Gerade als er etwas sagen wollte, kam sie ihm zuvor.

„Ich sollte gehen und damit du dich ausruhen kannst.", kam es leise von ihr.

„Bleib!", bat er schroff, umso es sogleich zu bereuen. Wenn er vorhatte sie zu vertreiben, so war er mit diesem Tonfall betimmt auf dem besten Weg damit.

„Warum?" Ihre Frage traf ihn unvorbereitet und sicher wäre es ihm leichter gefallen darauf zu antworten, wenn sie nicht so weit entfernt von ihm Posten bezogen hätte. Tief holte er Luft. Vielleicht war jetzt der einzige Zeitpunkt gekommen um seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Entschlossen wagte er einen Versuch.

„Es gibt einiges das ich mit dir bereden möchte. Dinge aus meinem Leben die du wissen solltest und da wäre noch ein Vorschlag den ich dir machen möchte."

~ ° ~

Sie fühlte ihr Herz schneller schlagen und automatisch riet alles in ihr so schnell und so weit wie möglich von hier zu fliehen. Von ihm zu fliehen. Denn wenn sie blieb, und da war sie sich ganz sicher, würde sie es vermutlich nie mehr schaffen von ihm wegzukommen.

„Vor sehr langer Zeit lernte ich eine wunderschöne Frau kennen. Ich verliebte mich in sie und erlebte mit ihr, wie ich glaubte, die beste Zeit meines Lebens. Das eine Frau wie sie einen Mann wie mich lieben könnte, wagte ich nie zu hoffen. Ich war bereit mein Leben für sie aufzugeben um bei ihr sein zu können. Doch schreckliche Ereignisse zwangen mich sie zu verlassen. Ich diente meinem Land als gehorsamer Soldat und verpflichtete mich darüber hinaus. Aus Wochen wurden Monate und aus Monate Jahre und so war es nur natürlich das sie sich in einen anderen verliebte."

Hier machte er eine Pause. Zoe konnte sehen, wie schwer es ihm fiel darüber zu sprechen.

„Sie hat diesen Mann geheiratet und eigentlich sollte hier die Geschichte enden. Sie sollte bis ans Ende ihrer Tage glücklich sein, aber so kam es nicht. Ihr Anruf erreichte mich als ich im Einsatz war und so schaffte ich es nicht sie zu retten.", erzählte er weiter.

„Du musst sie sehr geliebt haben.", kam es tonlos von Zoe.

„Das habe ich und das werde ich auch immer tun."

Seine Worte versetzten ihr einen schweren Schlag. Als hätte sie es geahnt. Sie vergeudete hier ihre Zeit. Er würde nie …

„Aber ich habe sie gehen lassen. Sie bleibt als Erinnerung. Doch nun gibt es anderes auf das ich meinen Blick gerichtet habe." Provozierend ruhten seine Augen auf ihr. Erneut fiel ihr Herz aus seinem ruhigen Takt und beschleunigte sich unerklärlicher Weise.

„Ich habe einer Frau nicht viel zu bieten. Wie du weißt, befinde ich mich immer auf der Flucht. Komme und gehe, dank Harold, zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten. Für eine Frau an meiner Seite kein leichtes Leben. Könntest du dir vorstellen so zu leben?"

Überrascht holte sie Luft.

„Ich ...", erwiderte Zoe stotternd.

„Komm her!", bat er sie sanft und wie von selbst eilte sie auf ihn zu, blieb aber auf halbem Weg stehen.

„Ich will das sich unsere Freundschaft verändert."

~ ° ~

Schweigend wartete er auf ihre Antwort. Wie würde sie sich entscheiden? Fühlte sie das gleiche wie er?

„Ich liebe meine Unabhängigkeit. Ich mag die Dinge so wie sie in meinem Leben laufen. Irgendwelche Komplikationen vermeide ich tunlichst und nun fragst du mich ob ich mit dir eine Beziehung eingehe?"

Unruhig begann sie auf und ab zu laufen. Der Drang zu fliehen wurde einzig von dem unwiderstehlichen Gefühl zu bleiben übertroffen.

„Ja!", hörte sie John sagen. Diese eine Wort stürzte sie in einen tiefen Strudel aus den unterschiedlichsten Empfindungen.

„Das wäre vermutlich das Dümmste, das ich je tun könnte."

„Ist es nicht gut von Zeit zu Zeit dummes zu tun? Musst du immer Vernünftig sein?"

Zoe hatte ihm einmal anvertraut wie wichtig ihr ihre Unabhängigkeit war. Wie sehr sie ihr ärmliches Leben auf dem Lande gehasst hatte. Sie war eine starke Frau, die sich selbst erschaffen hatte. Sie blieb ihm auf seine Frage eine Antwort schuldig. Stattdessen hastete sie durch den Raum auf die Tür zu. Sie würde also gehen und ihn verlassen. An der Tür hielt sie inne.

„Ich könnte so etwas verrücktes tun und dir sagen, dass du mir etwas bedeutest.", begann sie. Ihre Hand lag bereits auf der Türklinke.

„Verrücktes?", hakte er nach. Seine Stimme war eine Spur dunkler, weicher, intensiver geworden und jagte ihr einen angenehmen Schauer über den Rücken.

„Wäre es nicht verrückt einem Mann, der ständig irgendwelchen Kugeln hinterherjagt, zu sagen man empfindet etwas für ihn?", fragte sie statt einer Antwort zurück.

„Vielleicht ...", kam es vorsichtig von ihm.

„Vielleicht was?" Sie stand immer noch, den Rücken ihm zugekehrt, an der Tür.

„Vielleicht brauchst du etwas Aufregung in deinem Leben?", schlug er ihr vor.

Er war ohne das sie es merkte an sie herangetreten und stand nun dicht hinter ihr. Unwillkürlich biss sie sich auf die Lippen. Seine Nähe traf sie unvorbereitet und erschütterte sie bis tief in ihr Herz. Sachte berührte er sie an den Schultern.

„Zoe?" Langsam drehte sie sich um. Ihr war klar, sobald sie in seine Augen blickte, würde sie nie wieder von seiner Seite weichen, außer er schickte sie fort.

„Zoe Morgan", flüsterte er, als sich ihre Augen trafen, dann küsste er sie.

„Willst du mich so überzeugen?", fragte sie forsch, sobald sie wieder zu Atem gekommen war.

„Das hatte ich vor.", sagte er augenzwinkernd.

„Es funktioniert.", erwiderte sie leise und küsste ihn erneut.

Sie hatte nie ernsthafte Beziehungen gehabt. Natürlich gab es Männer in ihrem Leben, aber die gingen fast so schnell wie sie kamen. John war wohl die große Ausnahme in ihrem Leben.

„Vermutlich werde ich dich bereits morgen wieder verlassen.", prophezeite sie ihm lächelnd.

„Dann werde ich dir wohl hinterher jagen müssen.", sagte er trocken und versuchte ihr einen weiteren Kuss zu stehlen, doch sie wich ihm aus.

„Wir sollten, denke ich, eine Pause einlegen!", schlug sie heißer vor. Fragend sah er sie an.

„Du bist gerade nicht in Form um an, du weißt schon was, zu denken!", zog sie ihn auf und schob sich etwas von ihm fort.

„Dann müssen wir das zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzten.", sagte er anzüglich. „Ich bin froh, dass du geblieben bist!", fügte er noch hinzu.

„Tja vermutlich werde ich es mit Sicherheit schon bald bereuen, aber ich bin auch froh noch hier zu sein." Zoe ließ ihn nicht aus den Augen. Er stand immer noch etwas wackelig auf den Beinen. Er hätte nicht aufstehen sollen.

„Du solltest dich wieder ins Bett legen!", schlug sie ihm vor. Zustimmend nickte er mit dem Kopf.

„Zoe!", sagte er und streckte die Hand nach ihr aus. Sobald sie ihre Hand in die seinige gelegt hatte, zog er sie mit sich Richtung Bett. Sanft küsste er ihre Finger, bevor er ihre Hand losließ und sich wieder zwischen die Laken schlüpfte. „Du musst mir etwas versprechen!", bat sie leise. „Was?", hakte er plötzlich misstrauisch nach. „Tu das nie wieder! Lass dich nie wieder auf so eine gefährliche Situation ein. Ich hatte … Angst.", gestand sie ihm.

„Die hatte ich auch.", erwiderte er ruhig. „Angst davor dich nicht wieder zu sehen." Sein

Geständnis trieb ihr die Tränen in die Augen.

„Du bist ein gottverdammter Idiot!", fauchte sie grob. Sie war wütend auf ihn, weil er ihr so viel bedeutete und weil er sie fast zum Weinen gebracht hatte.

„Ja, aber von nun an dein Idiot!", sagte er und lächelte zu ihr hoch.

Sie fand dieses Lächeln unverschämt, denn er sah dann immer viel zu gut aus und eigentlich vergaß sie alles was auch immer sie ihm sagen wollte.

„Es wird nicht leicht!", sagte sie ernst.

„Nein, das wird es nicht. Aber wenn wir das gewollt hätten ...", kam es rau von ihm.

„Hätten wir uns schon längst jemand anderen gesucht!", vervollständigte sie seinen Satz.

Sie griff nach seiner Hand und hielt sie fest.

„Zoe?"

„Hm?"

„Ich mag dich. Ich mag dich sogar sehr!"

Still lächelte sie in sich hinein. Vielleicht war jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ihrem Leben eine neue Wendung zu geben.

„Heiraten werde ich dich aber nicht!", kam es streng von ihr.

Sie hörte ihn hinter sich auflachen.

„Darüber können wir uns später einmal streiten!", schlug er vor und zog sie zu sich.

„Okay, später!", wisperte sie und küsste ihn.