9. Kapitel

Hermine umfasste sanft Snapes Gesicht und hielt seinen Kopf fest, während sie vorsichtig zur Seite rutschte. Harry schlüpfte aus seinem Umhang, faltete ihn ganz klein zusammen und schob ihn wie ein Kissen unter Snapes Wange.
Hermine massierte währenddessen unauffällig ihre tauben Schenkel. Dann stand sie auf und sah sich suchend im Zimmer um. Ihr Blick blieb am Geschirrschrank hängen. Sie ging hinüber und kam mit einer Suppenschüssel und einem Satz Besteck zurück. Nachdenklich betrachtete sie die Tasse mit der heißen Schokolade.
"Wieso wird sie nicht kalt?"
"Weiß ich auch nicht, das ist Elfenmagie. Aber jetzt hilf mir doch, wie krieg ich das Gehirn da unverletzt raus? Gibt's da keinen Zauber?"
"Elfenmagie!", murmelte Hermine abwesend, "das mit Nagini, hat dir das auch ein Elf erzählt?"
Harry hätte sie am liebsten geschüttelt. Das war doch jetzt vollkommen unwichtig!
"Nein!", knurrte er unwirsch.
Dann griff er wieder nach dem Schlangenkopf und hielt ihn ihr vor die Nase.
"Also?"
Einen Augenblick schien es, als wolle sie zurückweichen, aber dann beugte sie sich vor und betrachtete den Schädel genauer.
"Sie kommt mir viel kleiner vor."
"Naja, es fehlt ja auch ein bisschen was", Harry entfuhr ein hämisches Lachen. "Und außerdem ist sie ein Er!"
Hermine sah ihn neugierig an, fragte aber nicht weiter. Das würde sie mit Sicherheit später noch zur Genüge tun.
"Hm!", machte sie grübelnd, "aufrufen können wir's nicht. Das geht nur mit Dingen, die man genau kennt, und ich hab keine Ahnung, wie ein Schlangenhirn aussieht. Obwohl ..." Ihr Blick wanderte zu Snape. "Gehirne sehen eigentlich alle gleich aus, oder? Abgesehen von der Größe, mein ich."
Snape blinzelte einmal und Hermine war jetzt ganz aufgeregt.
"Wir brauchen ein Bild", rief sie und wandte sich zu dem riesigen Bücherregal um.
"Hilf mir suchen, Harry. Ein Lexikon oder so was ähnliches."
Aber noch ehe Harry auch nur einen der komplizierten Titel der ledergebundenen Werke entziffert hatte, stieß Hermine schon einen Triumphschrei aus.
"Naturwissenschaftliche Enzyklopädie!"
Schon hockte sie auf dem Boden und fing an, darin zu blättern. Sie kaute angespannt auf ihrer Unterlippe und Harrys Faust ballte sich um seinen Daumen, während er Snape einen fragenden Blick zuwarf. Aber dessen Kopf war starr auf den Kamin gerichtet. Er konnte sie beide nicht mehr sehen.
Plötzlich bekam Harry schreckliche Angst. Was, wenn es nicht half, wenn diese grauenvolle Lähmung nicht verschwand? Wäre er wirklich imstande zu tun, was er versprochen hatte?
Sein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. So viele Jahre hatte er diesen Mann gehasst, doch jetzt war da ein völlig anderes Gefühl. Es war nicht nur Mitleid, nicht nur Sympathie. Er konnte es nicht benennen und doch war es so viel stärker, als alles, was er je für Sirius oder Remus empfunden hatte. Er wollte ihn nicht auch noch verlieren, um keinen Preis!
"Harry, schau!"
Hermine stand vor ihm und hielt ihm das aufgeschlagene Buch hin. Die unterschiedlichsten Gehirne waren da abgebildet, unter anderem das einer Boa.
"Willst du's versuchen?", fragte sie leise.
Er schluckte mühsam. Hermine kannte ihn gut genug, um genau zu erkennen, was in ihm vorging.
"Ich mach's!", sagte sie laut. Dann reckte sie sich ganz nah an sein Ohr und flüsterte: "Gib jetzt nicht auf, Harry. Wir schaffen das und es wird gutgehen!"
Er stand immer noch da wie betäubt, während Hermine schon wieder vor Snape auf dem Boden saß und ihm das Buch vor die Augen hielt.
"Wenn ich mich ganz fest darauf konzentriere, müsste es eigentlich funktionieren oder?"
Snape blinzelte einmal und gleich darauf zweimal schnell hintereinander.
"Sie wissen's auch nicht! Naja, woher auch, so was hat wohl noch nie jemand versucht."
Sie kaute wieder auf ihrer Lippe.
"Aber es kann doch nichts passieren, oder? Ich mein, es kann doch nicht verloren gehen dabei?"
Diesmal war Snapes Antwort eindeutig. Nein, Aufrufezauber waren nicht gefährlich, entweder sie gelangen oder eben nicht. Das war das einzige Risiko und das konnten sie getrost eingehen.
Harry setzte sich neben sie, nahm ihr das Buch ab, stellte es auf seine Beine und legte Naginis Kopf davor, so dass Hermine beides gleichzeitig im Blick hatte.
Sie zog ihren Zauberstab.

Was war nur mit ihm geschehen?
Die Aussicht, das teuflische Biest auf diese zugegebenermaßen ziemlich ungewöhnliche Weise für all seine Gräueltaten zu bestrafen, hatte alles andere in den Hintergrund gedrängt.
Zu schade, dass der Dunkle Lord tot war und nicht mehr miterleben konnte, was mit seiner geliebten Schlange geschah. Er wäre außer sich vor Zorn, hätte mit allen Mitteln versucht, diesen Frevel zu verhindern. Snape sah ihn förmlich vor sich, rasend vor Wut und doch nicht im Stande, auch nur den kleinen Finger zu rühren.
Was für ein berauschendes Gefühl das war!
Plötzlich fühlte er sein Herz wieder, es schlug noch, obwohl er doch geglaubt hatte, es sei in tausend Stücke zerbrochen. Anscheinend hatte er sich getäuscht. Es pulsierte so heftig in seiner Brust, dass ihm mit einem Mal ganz warm wurde.
Er würde den Dunklen Lord ein weiteres Mal betrügen. Um seinen eigenen Tod!
Ganz sicher war er, dass der Plan des Jungen Erfolg haben würde.
Sein Herz geriet plötzlich aus dem Takt. Harry! Wie er ihn angesehen hatte! So viel ehrliche Zuneigung war ihm seit seiner Kindheit nicht mehr zuteil geworden. Und auch das Mädchen. Es war mehr als nur Mitleid, das sie veranlasst hatte, bei ihm zu bleiben, ihm beizustehen. Er hatte es ganz deutlich in ihren Augen gesehen.
Sie hatten ihn gern, obwohl er doch kein Mensch zum Gernhaben war. Alles Unrecht, das er den beiden zugefügt hatte, lag ihm tonnenschwer auf der Seele. Wenn er nur seine Stimme zurückgewann. Nichts war wichtiger, als sie wissen zu lassen, wie dankbar er ihnen war, auch und vor allem dem Jungen. Er hatte seinen Traum zerstört und ihn doch dadurch vor einer erschreckenden Zukunft im Jenseits bewahrt.
Das Mädchen war wieder da, hielt eben das Buch in der Hand, von dem er gehofft hatte, sie würde es finden. Sein Mund wollte lächeln, doch seine Lippen verweigerten ihm selbst diese kleine Bewegung. Bücher waren Hermine Grangers Leben, nichts gab es, das sie mehr faszinierte, als all das Wissen, das sie förmlich in sich aufsog. Darin ähnelten sie sich. Doch das war auch die einzige Gemeinsamkeit. Glücklicherweise!
"Wenn ich mich ganz fest darauf konzentriere, müsste es eigentlich funktionieren, oder?"
Wie unsicher ihre Stimme klang. Was sollte er antworten? Er wusste es nicht. Dutzende Male hatte er sich die unterschiedlichsten Organe in der Winkelgasse besorgt, ohne je zu hinterfragen, wie sie dorthin gelangt waren. Es waren Zaubertrankzutaten, das war alles, was ihn interessierte. Für die Beschaffung waren andere zuständig.
Wenn seine Unwissenheit sie enttäuschte, verbarg sie es gut. Ihre nächste Frage jedoch, war leicht zu beantworten und dann war es soweit.
Sie richtete ihren Zauberstab auf den Kopf, der in Harrys Schoß lag, während ihre Augen die Zeichnung des Gehirns fokussierten. Sie ließ sich Zeit, schien jeden anderen Gedanken zu verbannen. Aus den Augenwinkeln erkannte er, wie Harry die rechte Hand um den Daumen ballte. Zu gern hätte er das gleiche getan.
Und dann sagte sie laut und deutlich den Spruch.
Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, weiteten sich ihre Augen, und sie blickte halb entsetzt, halb erleichtert auf das blutige Gebilde, das vor ihr in der Luft schwebte. Harry griff nach dem Teller, hielt ihn darunter und mit einem ekelhaft glitschigen Geräusch landete Naginis Gehirn auf dem weißen Porzellan.
Alle drei starrten sie es an, doch er war wohl der einzige von ihnen, der sich nichts sehnlicher wünschte, als den Mund öffnen zu können und das kaum walnussgroße Stück Fleisch, das Naginis ganzes Wesen ausgemacht hatte, mit der Kraft seiner Zähne in Stücke zu reißen, darauf herumzukauen und das Blut durch seine Kehle rinnen zu lassen.
Doch seine Kiefer waren ebenso unbeweglich wie der Rest seines Körpers. Für einen Moment drohte die Verzweiflung ihn zu übermannen, doch dann packte Harry Gabel und Messer und zerfetzte die weiche Masse in winzige Stückchen, sodass das Ganze aussah wie ein blutiger Brei. Wie ein Berserker wütete er. Alles, was sich in den letzten Stunden in ihm aufgestaut hatte, bekam Naginis Gehirn zu spüren.
Erst als das Mädchen ihm sanft ihre Hand auf den Arm legte, hielt er inne. Schweiß stand auf seiner Stirn und der wilde Hass wich nur langsam aus den grünen Augen. Ein zittriger Schnaufer entfuhr ihm, ließ seine Anspannung deutlich erkennen.
"Alles in Ordnung, Harry?", fragte sie mit sanfter Stimme.
Der Junge schluckte noch ein paarmal, bevor er seinen Blick endlich von dem Teller löste und erst sie und dann ihn selbst ansah.
"Das hat unheimlich gut getan", murmelte er und ein böses Grinsen huschte über sein Gesicht.
"Und jetzt du!"
Er blickte ihn an, erkannte wohl überdeutlich das Feuer, das in ihm brannte.
"Du hast sie besiegt, alle beide, und jetzt gibst du ihnen den Rest."
Ja, der Junge wusste genau, was in ihm vorging. Er griff nach dem Löffel, aber da sprang das Mädchen auf.
"Warte, Harry! Professor, wir müssen Sie ein wenig aufrichten, damit es Ihnen leichter fällt zu schlucken, aber ich hab nichts mehr von den Schmerztropfen."
Er blinzelte ungeduldig, was scherte es ihn, ob es weh tat.
Aber als sie ihn mit vereinten Kräften an den Achseln ergriffen und in die Höhe zogen, bis er halbwegs aufrecht in den Kissen lehnte, war ihm speiübel vor Schmerz. Keinen Bissen würde er hinunterbringen, ohne sich zu übergeben.
Harry setzte sich neben ihn, strich ihm das Haar aus der Stirn.
"Tausendfach soll er in der Hölle büßen für jeden einzelnen Schmerz."
Der Hass in Harrys Stimme vertrieb die Übelkeit schneller, als es die beste Medizin vermocht hätte, und die Hand, die ihn ebenso zärtlich streichelte, wie die des Mädchens zuvor.
Womit hatte er nur verdient, was diese beiden jungen Menschen ihm schenkten?
Seine Lider wurden plötzlich so schwer, gehorchten ihm nicht mehr. Er konnte die Augen nicht mehr öffnen und hätte doch so gern noch einmal in Harrys geblickt. Sich vergewissert, dass es kein Irrtum gewesen war, was er in ihnen zu sehen glaubte. Aber er schaffte es nicht.
Alles, jedes Fünkchen Kraft, hatte dieser Teufel ihm geraubt. Völlig unmöglich schien es ihm jetzt, ihn doch noch zu besiegen. Ein Traum war es gewesen. Ein Traum, der sich ebenso in Luft auflösen würde, wie der vom ewigen Glück an Lilys Seite. Was war er doch für ein Narr!
Etwas stieß gegen seine Lippen. Hart, kalt und metallisch. Der Löffel!
Langsam und vorsichtig schob er sich in seinen Mund, verharrte auf seiner Zunge, die dort wie ein bleierner Klumpen bewegungslos lag. Der Löffel hob sich und der blutige Brei ergoss sich in seinen Rachen.
Er würde ersticken!
Doch plötzlich waren die Hände des Mädchens da, massierten seinen Hals und das Unmögliche geschah: Es gelang ihm zu schlucken.
Und mit aller Macht kehrte die Hoffnung zurück. Etwas veränderte sich, unmerklich fast, aber trotzdem war er sich dessen gewiss.
Wieder der Löffel. Diesmal konnte er ihn deutlicher fühlen, trotz des unangenehmen Kribbelns, das seinen Mund ausfüllte, als krabbelten Hunderte Ameisen darin herum.
Ein ums andere Mal wiederholten die beiden die Prozedur, schweigend, hochkonzentriert und mit jedem Mal breitete sich das eigenartige Gefühl weiter aus, kroch durch seinen Schlund hinab in den Magen, gelangte ins Blut und verteilte sich im gesamten Körper. Nicht unangenehm, nicht schmerzhaft, nur wie ein sanftes Kitzeln unter der Haut und doch vertrieb es die Taubheit aus seinen Gliedern, ersetzte sie durch bleierne Müdigkeit.
Rasend schnell ergriff sie von ihm Besitz und zog ihn unaufhaltsam mit sich ins traumlose Dunkel.