10.
„Bist du dir sicher, dass ich dir nicht irgendwie helfen kann, Papa? Kann ich vielleicht etwas halten?" – „Ja, die Klappe, Schnattchen, die Klappe." Unter dem kritischen Blick seiner Tochter beförderte Bernd Plenske ächzend einen offenbar sehr schweren Tisch in das Zimmer seines Sohnes. „Von wem stammte noch mal die dusselige Idee, dem Jungen dieses Teil zu schenken?", fragte er seine Tochter gereizt. „Von dir. Schon vergessen? Du hast das Teil bei dieser Zwangsversteigerung entdeckt." – „Richtig, vom Ottohof. Ich wusste gar nicht, dass die da auch Schuhe genäht haben. Guck mal, steht se so gut?" – „Hervorragend. Ich bin mir sicher, dass Bruno sich riesig freuen wird." – „Wo bleibt der Junge eigentlich? Mama müsste ja auch gleich kommen." – „Ich habe Hugo gebeten, Bruno ein bisschen zu beschäftigen, damit wir Zeit haben, die Überraschung vorzubereiten. Ich bin mir ganz sicher, dass Bruno aus allen Wolken fällt. Es ist mir so schwer gefallen, ihm nicht gleich heute früh zu gratulieren, aber es war ja so abgesprochen, dass die ganze Familie ihn überrascht." – „Hat seine Mutter ihm schon gratuliert?", fragte Bernd. „Sie hat schon vor ein paar Tagen eine Karte geschickt. Wahrscheinlich ruft sie später noch an." – „Aha. Ich gehe dann mal die Torte aus dem Auto holen. Mama hat sich wirklich selbst übertroffen. Es ist mir ziemlich schwer gefallen, auf der Fahrt hierher nicht drüber zu lecken", grinste Bernd. „Hey, Churchill, hör auf an der Nähmaschine zu schnuppern und begleite mich zum Auto", forderte er den Hund auf.
„Boah, was war denn heute mit Hugo los?", motzte Bruno, als er nach Hause kam. „Der hat sich mal so richtig bei mir ausgekotzt – morgen ist die Show und heute überfallen ihn unhaltbare Selbstzweifel. Ich konnte sagen und machen, was ich wollte, er hat gejammert. Uff, als gäbe es sonst nichts zu tun. Lisa? Lisa, bist du überhaupt da?" Suchend sah Bruno sich um. Churchill war auch noch nicht den Flur entlang gerannt gekommen, um ihn zu begrüßen. Vermutlich war Lisa mit ihm im Park – das musste die Erklärung sein. Bruno war ein bisschen traurig, dass Lisa nicht auf ihn gewartet hatte. „Überraschung!", schall es ihm entgegen, als er die Tür zu seinem Zimmer öffnete. „Häpi Börsdei tu ju, häpi Börsdei tu ju", krähte Bernd. „Du glaubst doch nicht, dass wir deinen Ehrentag vergessen haben?", lächelte Lisa Bruno an und umarmte ihn. „Alles, alles Gute zum Geburtstag." Auch Churchill drängelte sich in die Szenerie, um sein Herrchen überschwänglich anzuspringen. „Komm, wir zeigen dir dein Geschenk", forderte Helga ihren Stiefsohn auf. „Okay, Bernd, Lisa – wie wir es geübt haben." Die Drei standen so vor der Nähmaschine, dass Bruno sich nicht erkennen konnte. „Ta-daaaa", rief seine Familie, machte seinen Schritt zur Seite und deutete auf das Gerät. „Oh mein… das ist… wo habt ihr… das… wow, ich… ich", stotterte Bruno. „Ick globe, er freut sich", grinste Bernd. „Freuen? Ich bin total begeistert. Das ist ein großartiges Geschenk." Ehrfürchtig umrundete Bruno die Nähmaschine, strich immer wieder mit den Fingern darüber. „So eine gab es in meinem Lehrbetrieb auch. Das ist ein echtes Prachtstück. Darauf werde ich die schönsten Schuhe aller Zeiten nähen. Gleich morgen Abend nach der Show", verkündete Bruno gerührt.
„Eigentlich ist so ein Sofa in der Küche doch praktisch", sinnierte Bernd bei einem Stück Kuchen. „Ich meine, man sitzt hier, kiekt n bisschen Fernsehen und wenn Werbung kommt, muss man nicht so weit zum Kühlschrank laufen." – „Das war auch unser Gedanke", nuschelte Bruno mit vollem Mund. „Helga, dieser Kuchen ist genial." – „Danke, du musst übrigens nicht so schlingen, dein Vater und ich hatten nicht vor, die Reste wieder mitzunehmen", zog Helga ihn auf. „Nicht?", fragte Bernd gespielt enttäuscht. „Nein, mein Bärchen, dir backe ich in den nächsten Tagen einen neuen Kuchen." – „In 24 Stunden liegt die Show schon hinter uns", meinte Bruno unvermittelt. „Mach dir nicht so viele Gedanken, es wird schon alles gut gehen", beruhigt Lisa ihn. „Noch 24 Stunden?", fragte Bernd entsetzt. „Dann müsst ihr ins Bett, Kinder, damit ihr ausgeschlafen seit. Komm, Helgamäuschen, wir gehen." Verdattert sah Helga ihren Mann an. „Die ‚Kinder'…", meinte sie spitz. „… können sicher selbst entscheiden, wann sie schlafen gehen und wann nicht." Dann warf sie einen Blick in die Runde. „Na gut, lass uns gehen. Aber ihr zwei feiert nicht mehr so lange, ja?"
„Sieht gut aus, Frau Plenske", lobte Friedrich keine 20 Stunden später den fertig dekorierten Vorführraum. „Ich bin mir nur nicht so sicher, ob es nicht doch besser wäre, die Schuhe zeitgleich mit den Modellen von Kerima bzw. B-Style zu präsentieren." – „Naja, es sind drei verschiedene Kollektionen und die Schuhe sollen ja sowohl zu den Kerima-Sachen als auch den B-Style-Sachen passen, aber trotzdem nicht untergehen. Wenn die Kleidung zeitgleich mit den Schuhen präsentiert wird, wirft doch keiner einen Blick auf sie." Friedrich nickte verständnisvoll. „Damit haben Sie vermutlich Recht. Hauptsache die Gäste langweilen sich nicht irgendwann. Die Show ist ja schon ziemlich lang." – „Lisa! Lisa!", drang Brunos aufgeregte Stimme zu den beiden Geschäftsleuten. „Was ist denn? Du bist ja ganz aus der Puste." – „Kann ich dich mal alleine sprechen? Es ist wirklich dringend", drängte Bruno seine Schwester. Hektisch packte er Lisa am Oberarm und zog sie ein Stück beiseite. „Das war ja nicht sehr nett, Bruno", kritisierte sie ihn. „Ist doch jetzt völlig schnuppe. Es gibt ein Problem – backstage." – „Was für ein Problem?", hakte Lisa alarmiert nach. „Die Catsuits für die Schuhpräsentation", stieß Bruno Silbenweise hervor. „Was ist damit?", drängte Lisa. „Zerstört. Zerschnitten." Lisas Gedanken überschlugen sich, sie malte sich schon die unterschiedlichsten Szenarien aus, wie man diese Krise abwenden konnte. „Und die Schuhe. Es gibt auch ein Problem mit den Schuhen. Jemand hat alle rechten Schuhe gestohlen." Lisa riss ihre blauen Augen weit auf. „Ach du… Scheiße." – „Es steht dir nicht zu fluchen", stellte Bruno fest. „Los, komm, wir gehen nach hinten. Irgendetwas müssen wir uns einfallen lassen", entschied Lisa und zog ihren Bruder mit sich.
„Wir haben noch 30 Minuten", klagte Bruno. Auf der anderen Seite des Vorhanges lief abwechselnd ein Model mit B-Style-Klamotten und eines mit Kerima-Klamotten den Catwalk hinunter. Verzweifelt hielt Lisa einen der weißen Anzüge, die für die Schuhpräsentation vorgesehen waren, hoch. „Bodypainting", murmelte sie. „Was?", fragte Bruno nach. „Bodypainting. Die Models ziehen diese Anzüge an und das, was unabgedeckt ist…" – „Man nennt diese Dinger Brüste und Po", echauffierte Bruno sich. „Dann eben die Brüste und den Po – das Unabgedeckte eben. Das malen wir einfach mit Körperfarbe an." – „Trotzdem haben wir nur jeweils einen Schuh." Bruno war mittlerweile der Verzweiflung nahe. „Nehmen die Models in die Hand. Sie werden die Schuhe tragen wie auf einem Tablett. Ungefähr so." Lisa streckte ihre Hände aus, stellte eine Schuh darauf und ging ein paar Schritte. „Am Ende des Laufstegs bleiben sie kurz stehen, ziehen den Schuh an. Ey, du", fauchte Lisa eines der Models an. „Kannst du dein rechtes Bein in die Hand nehmen und neben deinem Oberkörper hochstellen." Das Model runzelte die Stirn, versuchte es dann aber. „Etwa so?", fragte sie verwirrt nach. „Genau so. Kannst du dich jetzt auch noch drehen?" – „Das habe ich das letzte Mal im Ballettunterricht gemacht", meinte sie, probierte es aber. „Prima. Können die anderen das auch?" Das Model zuckte mit den Schultern. „Vermutlich." – „Okay, dann machen wir das so. Ihr lauft mit den Schuhen in der Hand bis zum Ende des Laufstegs, zieht den Schuh an, hebt das rechte Bein, dreht euch, lasst es wieder runter, zieht den Schuh wieder aus und geht zurück." – „Aber das mit dem Bodypainting. Das dauert viel zu lange", gab Bruno zu bedenken. „Dann sollen Hugo und Hannah sich eben länger für ihre Kollektionen feiern lassen, dann schaffen wir das schon. Wo ist das Visagisten-Team? Wenn die das Zeug nicht dabei haben, dann können wir das eh vergessen."
„Was hältst du davon, wenn wir die letzte Station laufen? Dann kann Churchill sich noch einen Baum suchen und wir zwei kriegen noch etwas frische Luft", schlug Lisa nach der Show vor. „Frische Luft – die könnte ich jetzt wirklich gebrauchen", seufzte Bruno. „Hey, nun zieh doch nicht so ein Gesicht. Es ist doch alles gut gelaufen." – „Aber nicht wie geplant", brummte Bruno. „Das hat aber keiner gemerkt. Um die ganze Arbeit für den zweiten Schuh zu jedem Paar ist es natürlich schade, aber niemand hat etwas gemerkt. Klar, wir müssen erstmal abwarten, was die Presse morgen und die nächsten Tage sagt, aber ich glaube, es ist so gut gelaufen wie es laufen konnte." Lisa hakte sich bei Bruno ein und schob ihn vorwärts. „Ich frage mich natürlich, wer die Catsuits zerschnitten und die Schuhe geklaut hat." Lisa seufzte. „Das lässt dir echt keine Ruhe, oder? Ich habe keine Ahnung, wer das war. Ist doch auch egal, wir haben das Kind ja trotzdem geschaukelt. Bei der ersten B-Style-Präsenation – der mit den Taschen, da ist etwas Ähnliches passiert." – „Und wer war es?" – „Sabrina oder Richard, schwer zu sagen, aber ich vermute es mal." – „Dann war dieser gegelte Kotzbrocken es heute auch." – „Aber David und Richard sind immer noch suspendiert." – „Aber zur Show waren sie trotzdem da, damit keiner falsche Schlüsse aus ihrer Abwesenheit ziehen kann – deine Worte." – „Ich weiß, aber der Backstage-Bereich war doch nie unbeobachtet und die beiden saßen wirklich ganz friedlich im Publikum. Außerdem glaube ich nicht, dass David so etwas tun würde – mit Richard zusammenzuarbeiten, meine ich. Er weiß doch, was für Kerima auf dem Spiel steht und er weiß genau, wenn er mich vom ‚Kerima-Thron' stürzt, gräbt er sich sein eigenes Grab." – „Ich kann es nicht beweisen, aber ich habe das Gefühl, dass die Zwei dahinter stecken."
„Noch einen", herrschte Richard die Bedienung an. „Das ist ja kolossal nach hinten losgegangen", bemerkte David, der neben ihm saß und ebenfalls etwas Hochprozentiges trank. „Das weiß ich selbst", knurrte Richard. „Glück, die zwei Pappnasen hatten nur Glück. Sonst ist die Zahnspange doch auch nicht so kreativ." – „Lisa trägt schon lange keine Zahnspange mehr", korrigierte David. „Nur noch dieses lockere Ding nachts." – „Ist doch völlig egal", murmelte Richard gereizt. „Fakt ist nur, sie hat es mal wieder geschafft." – „War das jetzt eine Schlacht oder ist der Krieg verloren?", fragte David. „Ein Richard von Brahmberg verliert keine Kriege. Ich werde härtere Saiten aufziehen müssen."
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