Diese Fanfiction gehört DQRC, ich bin nur die Übersetzerin.

Und das Einzige, was mir von Twilight gehört, sind die vier zerfledderten Taschenbücher in meinem Bücherregal, alles andere gehört Stephenie Meyer.


Well in case you failed to notice,
In case you failed to see,
This is my heart bleeding before you,
This is me down on my knees, and...
These foolish games are tearing me apart,
And your thoughtless words are breaking my heart.

(Foolish Games von Jewel)


WERWÖLFE

Die Zeit verging. Sie veränderte sich und drehte sich zurück, verzerrte sich zu immer verwirrenderen Formen und Wendungen, die Sekunden schienen sich zu Stunden auszudehnen und die Minuten zu Jahren. Ich verharrte im Schnee, meiner Umgebung vollkommen unbewusst, und ein Name flammte wie ein vergiftetes Mantra durch meine Gedanken. Brady

Es mussten nur ein paar Minuten vergangen sein, aber es hätte genauso gut ein Jahrhundert sein können, als ich fühlte, wie sich jemand neben mich kniete. Starke Arme rissen meine Hände aus dem roten Schnee und brachten mich sanft in eine Sitzposition. Ich ließ es wie unter Drogen gesetzt mit mir geschehen, versuchte aber nicht, mich selbst zu bewegen. Durch das Kreischen in meinem Hirn konnte ich Stimmen hören, aber die Worte ergaben keinen Sinn; es war als hätte man die Sätze zerstückelt und dann neu angeordnet, sodass sie ihre Bedeutung verloren. Ich fühlte, wie sich Personen um mich herum bewegten, dachte, jemanden streiten zu hören, das Knallen einer Tür …

" Es ist alles gut, Bella, das wird schon wieder", sagte eine ruhige, besänftigende Stimme neben mir, und das waren die ersten Worte, die wirklich zu mir durchdrangen. Ich fühlte, wie mein Begleiter vorsichtig meine Hände in seine nahm und sie herumdrehte, um den Schaden zu begutachten.

„Ich habe dir deine Tasche gebracht, Carlisle", rief eine weichere, weiblichere Stimme hinter mir und ich nahm an, dass eine weitere Person zu uns gekommen war. Ich hielt die Augen fest geschlossen. Wenn ich so tat, als würde ich verschwinden, würde es mir die Welt vielleicht gleichtun.

"Danke. Es ist nur ein oberflächlicher Schnitt", hörte ich die erste Stimme sagen. „Ich werde es aber trotzdem verbinden, nur um sicherzugehen."

„Willst du es hier draußen tun?"

„Ja, es macht keinen Sinn, drinnen unnötig Blut zu vergießen. Wo wir gerade dabei sind, ist Jasper gegangen?"

„Ja, er und Alice sind fast sofort verschwunden. Ich glaube nicht … ich glaube nicht, dass er wirklich etwas getan hätte, um Bella zu verletzen. Er fühlt sich immer noch schrecklich wegen der Sache an ihrem achtzehnten…"

"Ich weiß, Esme, ich weiß. Ich bin sehr stolz auf ihn; seine Selbstkontrolle hat sich in den letzten sechs Jahren immens verbessert, aber du weißt, dass wir, wenn es um Bellas Sicherheit geht, keine Risiken eingehen dürfen. Ich werde Jasper selbstverständlich wissen lassen, dass meine Bitte an ihn, zu gehen, eine reine Vorsichtsmaßnahme war." Der Besitzer der männlichen Stimme – Carlisle, wie ich durch den Nebel in meinem Kopf entschied – nahm mich dann in die Arme, hob mich in einer fließenden Bewegung hoch und trug mich mühelos weg von wo ich gekauert hatte. Benommen sah ich zu, wie der schneebedeckte hölzerne Boden unter mir verschwand und von einem trockenerem im überdachten Bereich der Veranda ersetzt wurde. Ich fühlte, wie Carlisle mich losließ und sanft auf einer Bank absetzte, bevor er mir wieder den Rücken zudrehte. Obwohl ich immer noch blind vor mich hinstarrte, konnte ich eine Gestalt bei der Tür ausmachen, die uns beide beobachtete. Esme. „Wo wir gerade von Vorsichtsmaßnahmen sprechen", sagte Carlisle zu ihr, „erinnere Edward bitte daran, dass er unter keinen Umständen hier raus kommen darf. Er soll mit den anderen im Haus bleiben, außer ich rufe nach ihm." Bei diesen Worten dachte ich, ein lautes, frustriertes Knurren aus dem Inneren des Hauses zu hören, aber bevor ich sicher sein konnte, hatte das Geräusch eine weitere Runde lebhafter Erinnerungen in meinem Kopf entfacht.

Während ich mein verletztes Bein am Rand der Bäume, wo ich hingefallen war, wiegte, beobachtete ich entsetzt, wie Brady in Wolfsgestalt vor mir zuckte und mir beinahe die Sicht auf meine Angreiferin versperrte … mich aber immer noch einen flüchtigen Blick auf ihre weiße Haut und die blutroten Augen erhaschen ließ; meine erstickten Schreie, als sich die zwei Wesen krümmten und dann aufeinander zustürzten, Vampir und Wolf trafen in der Luft aufeinander, in einer furchteinflößenden Kakophonie aus Zähnefletschen, Knurren und, am Schaurigsten, wahnsinnigem Lachen.

"Bella?" Carlisles Stimme wirkte wie ein Magnet, der mich sofort von meinen Erinnerungen fortzog. Leicht verwirrt schlug ich die Augen auf und nahm zum ersten Mal seit Jacobs Nachricht geendet hatte meine Umgebung auf. Draußen war es nun dunkel und die Sonne war endgültig untergegangen, sodass die einzige Lichtquelle die Beleuchtung in den Ecken war. In diesem künstlichen gelben Licht konnte ich gerade die weißen Schneeflocken ausmachen, die sanft auf die Auffahrt fielen; es hatte wieder zu schneien begonnen. Ich sah vom Schnee weg und konzentrierte mich auf Carlisle. Er hatte sich neben mir auf die Bank gesetzt, sein schwarzer Arztkoffer stand am Boden zu seinen Füßen. Als ich ihn sah, erinnerte ich mich an meine Hand und schaute hinab, um zu bemerken, dass er sie losgelassen hatte. Ich starrte den nun bandagierten Schnitt überrascht an; ich hatte nicht einmal bemerkt, dass er ihn verbunden hatte, meine Erinnerungen hatten mich zu sehr abgelenkt.

"D-danke", sagte ich, immer noch meine Hand betrachtend, als ich sie herumdrehte. „I-ich hab's sch-schon wieder gemacht, was? Tut mir leid, Carlisle, ich schwör dir, dass ich euch auch b-besuchen kann, ohne alles voll zu bluten…", ich verstummte, als mir bewusst wurde, dass Carlisle weder über meine lahme Bemerkung gelacht noch überhaupt etwas gesagt hatte. Als ich aufschaute, sah ich, dass seine ockerfarbenen Augen sich mit schon fast beängstigender Intensität in meine bohrten. Darin lag nicht der Schatten eines Lachens, nur ernste Beunruhigung und Sorge. Das verunsicherte mich und ich versuchte, die Stille zu füllen. „Ähm, also danke, dass du mich verarztet hast, das mit dem, äh, Schnee tut mir leid … jetzt ist er ganz pink und…" Was sagte ich da? Redete ich wirklich mit Carlisle über den Schnee? Er musste sich fragen, ob mein Hirn auch Schaden genommen hatte. Ich hoffte, er würde nicht darauf bestehen, mich ins Krankenhaus zu bringen; ich hatte eine lange Liste mit Dingen, die ich tun musste, und eine Nacht in der Notaufnahme zu verbringen gehörte nicht dazu. Eigentlich war es lächerlich, dass ich überhaupt noch hier rumsaß – mit jeder Sekunde, die ich hier auf der Veranda vergeudete, stahl sich womöglich ein weiterer Moment von Bradys Leben davon … Ich musste nach Forks, schnell. Ich würde beim Flughafen anrufen müssen und versuchen, den nächsten Flug nach Washington zu kriegen, möglichst noch heute Nacht. Zweifellos würde er schrecklich teuer sein und fast alles meiner kärglichen Ersparnisse verschlingen, aber es gab keine andere Möglichkeit. Was soll's, dachte ich trostlos, wer braucht schon Essen? Nachdem ich den Flug gebucht hatte, würde ich die Schule anrufen und über meine Abwesenheit informieren müssen … das war der Anruf, vor dem mir graute. Ich wusste nicht, welche Entschuldigung ich mir einfallen lassen würde, nur, dass ich auf keinen Fall die Wahrheit sagen konnte. Ich hatte auch das Gefühl, dass die Tatsache, dass ich an dem Tag nachdem ich in der Öffentlichkeit mit dem Schüler, den ich am wenigsten leiden konnte, zusammengerückt war, verschwand, nicht kommentarlos hingenommen werden würde … vielleicht würde man mich feuern. Ich hätte es nicht anders verdient. Nach dem, was ich vor sechs Jahren getan hatte, nach den Konsequenzen, die mein Handeln für Brady gehabt hatte, sehnte ich mich fast danach, bestraft zu werden. Wenn man mich fragte, waren mein ständiger Schmerz und der Selbsthass nicht annähernd eine ausreichende Strafe. Ich wollte Carlisle gerade sagen, dass ich losmusste, als mir auffiel, dass er mich immer noch anstarrte. Ich fing an, mich richtig befangen zu fühlen. „Was?", fragte ich verwirrt.

Einen Moment lang sah Carlisle so aus, als würde er überlegen, ob er etwas sagen sollte oder nicht. Nach ein paar Sekunden hatte er sich offensichtlich entschieden, denn ein entschlossener Ausdruck trat in sein Gesicht. „Bella", begann er ganz ernst, ohne seinen Blick zu brechen, „nichts davon ist deine Schuld." Ich starrte ihn wie vom Donner gerührt an. Woher weiß er das mit Brady? Konnte er jetzt auch Gedanken lesen? Ich fühlte, wie mir die Hitze der Scham und Verlegenheit in die Wangen stieg, und wurde rot.

"Du irrst dich; es ist alles meine Schuld, wenn ich nicht-"

"Nein, das ist es nicht", sagte er tröstend mit einer besänftigenden, ruhigen Stimme, als wollte er einen Selbstmörder vom Dach eines hohen Gebäudes herunterlocken. „Ich sehe ja, dass du dir die Schuld daran gibst, dass sich die Beziehung zwischen Edward und dir so verschlechtert hat, aber du musst wissen, dass du in keinster Weise für die Probleme, die ihr beiden gerade durchmacht, verantwortlich bist." Ich starrte ihn nur an, ohne seine Worte richtig zu verstehen. Er redete über mich und Edward? Was hatte das damit zu tun? Natürlich gab ich mir die Schuld an unserer Trennung; wenn ich nicht so durchschnittlich und langweilig gewesen wäre, hätte er mich vielleicht nie verlassen, aber das erklärte immer noch nicht, warum Carlisle das Thema jetzt zur Sprache brachte. Entweder verpasste ich gerade etwas, oder er hatte die Situation schrecklich missverstanden.

"Ähm, ich glaube nicht, dass du-", setzte ich an, aber Carlisle hatte schon weitergesprochen.

"Und ganz egal, was du fühlst, Bella, du musst begreifen, dass dich selbst zu verletzen sowohl überaus unbesonnen als auch unangebracht ist. Was würden deine Eltern denken? Du musst auf dich aufpassen; es gibt so viele Menschen, denen du so viel bedeutest, vor allem deine Familie. Wir lieben dich alle, Bella, du bist eine starke, intelligente, schöne Frau und es ist an der Zeit, dass du das einsiehst, anstatt dich ständig selbst niederzumachen. Wenn du Probleme hast, dann solltest du mit jemandem darüber sprechen, aber Selbstverletzung ist nie die Lösung."

Was?! Selbstverletzung? Über was zum Teufel sprach Carlisle? Hatte er den Verstand verloren? Ich starrte ihn verwundert an, während seine Worte durch meinen Kopf liefen. Dann kam mir schlagartig die Erkenntnis und meine Augen weiteten sich vor Schreck. Jetzt ergab alles einen Sinn: Carlisles gedämpfte Stimme und seine vorsichtigen Blicke; dass er mich wie eine Verhaltensgestörte behandelte; dass er Edward befohlen hatte, im Haus zu bleiben. Er dachte, ich hätte mir absichtlich in die Hand geschnitten, weil mich die Sache mit Edward und Tanya so aufgeregt hatte. Damit lag er so vollkommen daneben – tatsächlich war es, wenn man das, was mit Brady passiert war, bedachte, schon fast ironisch – dass ich gegen meinen Willen lachen musste. Als ich sah, wie Carlisle sich anspannte, hörte ich auf. Na großartig, dachte ich, jetzt denkt er, ich bin auch noch hysterisch. „Nein", sagte ich hastig, wobei ich versuchte, 'ich bin nicht verrückt'-Schwingungen auszustrahlen, „du verstehst nicht; ich hab das nicht selbst getan. Also ich habe es selbst getan, aber nicht mit Absicht." Super gemacht, Bella, jetzt streitest du mit dir selbst. So kannst du natürlich auch beweisen, dass du keine Probleme hast. „Es war nur ein Unfall", fuhr ich ernsthaft fort. „Ich habe gerade meine Mailbox abgehört und … es waren schlechte Neuigkeiten". Ich stockte, als ich mich an das Entsetzen, das mich bei Jacobs Worten gepackt hatte, erinnerte. Dann schüttelte ich heftig den Kopf und riss mich aus diesen Gedanken. Im Flugzeug würde ich noch genug Zeit haben, über Bradys Situation zu grübeln; jetzt musste ich mich darauf konzentrieren, Carlisle zu überzeugen, dass mit meiner psychischen Verfassung alles in Ordnung war. „U-und während ich am Telefon war, hab ich mich zu fest an dem Geländer festgehalten", redete ich weiter, „und dann bin ich Tollpatsch gestolpert und es ist zerbrochen und ich hab mich daran geschnitten. Nur aus Versehen, das schwör ich dir." Auf meine Worte folgte Stille, und Carlisle sah mich skeptisch an. Selbst ich musste zugeben, dass meine kleine Ansprache vollkommen unüberzeugend war. „Ehrlich, ich das ist die Wahrheit", sagte ich flehend, „glaub mir Carlisle, ich würde das nicht mit Absicht tun – ich habe es nicht mit Absicht getan. Versprochen."

Mit angehaltenem Atem wartete ich auf Carlisles Antwort. Ein paar Sekunden lang sah er mich suchend an, versuchte, eine Lüge in meinen Augen zu finden. Nach ein paar Sekunden seufzte er, scheinbar fand er sich damit ab, dass ich die Wahrheit sagte. „Gut, das ist eine Erleichterung. Es tut mir leid, ich wollte dich nicht beleidigen, aber Esme und ich haben uns Sorgen gemacht, vor allem, nach dem, was Edward gesagt hat-"

„Warte, Edward hat dir erzählt, das wäre passiert?", rief ich ungläubig aus.

"Nun ja, er hat es nur angenommen. Du bist aus dem Zimmer geflohen, und als er dich weinen hörte, kam er raus und sah dich blutend am Boden sitzen … er dachte nur, dass du, nachdem du das mit Tanya gesehen hast…", er verstummte, leicht alarmiert über meinen Gesichtsausdruck, der jetzt, da war ich mir sicher, plötzlich mordlustig geworden war. Ich war geradezu sprachlos vor Wut. Was dachte Edward eigentlich, wer er war? Wie konnte er es WAGEN, seiner Familie zu erzählen, ich wäre so traurig darüber, dass er gegangen war, dass ich mich ritzte? Von allen egozentrischen, arroganten, selbsteingenommenen Mistkerlen – „und als Edward das noch zu deinem Selbsthass hinzufügte, schien es Sinn zu ergeben", fuhr Carlisle wieder beunruhigt fort.

"Hä?", fragte ich abgelenkt; in Gedanken war ich immer noch damit beschäftigt, Edward Schimpfwörter an den Kopf zu werfen.

Carlisle sah mich behutsam an. „Jasper hat Edward erzählt, dass du dich fortwährend in einem Zustand aus Selbsthass befindest und dass du dich wegen irgendetwas schrecklich schuldig fühlst", erklärte er, sein Gesicht voll väterlicher Sorge. „Was, ganz egal wie das mit deiner Hand passiert ist, eine sehr ungesunde Art zu leben ist. Was auch immer dich so belastet, ich bin mir sicher, dass du aus einer Mücke einen Elefanten machst. Du weißt, dass du immer mit Esme und mir über deine Sorgen reden kannst, und wenn dir das unangenehm ist wegen unserer Nähe zu, äh-", er hielt inne und wir wussten beide, dass er sich gerade davon abgehalten hatte, Edwards Namen zu sagen, „dann gibt es viele andere Orte, an denen du Hilfe bekommen kannst." Ich antwortete nicht; ich war zu erschrocken über das, was er gerade gesagt hatte. Ich hatte nicht ein einziges Mal daran gedacht, dass Jasper ganz genau wusste, wie ich mich fühlte, geschweige denn daran, dass er meine Gefühle bezüglich Brady herausfinden könnte. Diese Erkenntnis führte zu einer noch viel besorgniserregenderen – wenn Jasper wusste, wie ich mich wegen Brady fühlte, dann waren ihm doch sicher auch meine Gefühle für Edward aufgefallen? In diesem Falle waren meine Versuche, Esme und Alice zu überzeugen, dass ich ihn nicht mehr liebte, vollkommen vergeblich. Edward musste die ganze Zeit über gewusst haben, dass ich log. Ich wurde rot vor Demütigung, als ich daran dachte, wie oft sich Edward hinter meinem Rücken mit seinen Brüdern kaputtgelacht und über das armselige kleine Menschlein lustig gemacht haben musste, das an seinem albernen Traum festhielt, dass seine Liebe erwidert würde. Ich zwang mich, die Tränen zurückzublinzeln, und schaute wieder zu Carlisle, der immer noch sprach. „Wenn du willst, kann ich bei der Arbeit für dich einen Termin mit einem der Psychiater ausmachen; sie sind wirklich ausgezeichnet." Trotz meiner Scham und Verletztheit war ich mir der Tatsache nicht unbewusst, dass mir gerade von einem fünfhundert Jahre alten vegetarischen Vampirpatriarchen, der mit einer vierhundert Jahre jüngeren Frau verheiratet war und vier inzestöse Adoptivkinder hatte, nahegelegt wurde, einen Seelenklempner aufzusuchen. Was sagte das über mich aus?

Ich antwortete so höflich ich konnte, wobei ich versuchte, mich nicht von seinem Vorschlag beleidigt zu fühlen. „Nein danke, das wird nicht nötig sein." Ich hatte schon ein eigenes persönliches Supportsystem; sein Name war Jacob Black. Und außerdem: ich war vielleicht kein Experte, wenn es um Psychoanalyse ging, aber ich war mir ziemlich sicher, dass der Patient dabei zumindest halbwegs ehrlich zu seinem Arzt sein musste, was in meinem Fall völlig unmöglich wäre. Selbst wenn sie mich nicht schon von vornherein als verrückt abstempelten, so würden sie es sicher tun, sobald die Wörter „Werwolf" und „Vampir" über meine Lippen gekommen wären. Ich hatte keine Zeit hierfür; Brady war in Forks, lag im Sterben, wenn er nicht schon gestorben war, und ich verschwendete noch Zeit auf dieser kalten Veranda. Es war an der Zeit, diese Unterhaltung zu beenden."Es tut mir leid, Carlisle, aber ich muss jetzt wirklich los. Die Nachricht auf meinem Handy – die ich abgehört habe bevor ich hingefallen bin – sie war von einem Freund in Forks. Er …" Ich hielt inne, denn ich wollte nicht die ganzen Details vor ihm ausbreiten, aber ich wusste, dass ich Carlisle eine Erklärung schuldete, also fing ich wieder an, wobei ich achtgab, nicht in die Einzelheiten zu gehen. „Er hat mir erzählt, dass einer unserer Freunde … einen Herzinfarkt hatte. Er war schon seit Jahren wegen … Problemen im Krankenhaus, aber sein Zustand war eigentlich stabil. Bis heute Abend …" Ich schlug die Augen nieder, weil ich nicht wollte, dass Carlisle mich weinen sah. „Ich muss so schnell es geht nach Washington. Ich muss da sein, weißt du … es war irgendwie meine Schuld, dass er überhaupt ins Krankenhaus gekommen ist…" Es gab natürlich kein 'irgendwie', aber ich wollte mich nicht zu weit vorwagen, aus Angst, Carlisle erneut zu beunruhigen. Ich wusste, dass ich mich überaus vage ausgedrückt hatte, und machte mich auf eine Flut von Fragen gefasst, aber sie kam nicht. Stattdessen nahm Carlisle tröstend meine Hand und sah mir direkt in die Augen.

"Du brauchst einen Flug zurück nach Forks?"

„Ja, so bald wie möglich."

„Dann bekommst du deinen Flug. Überlass das alles mir, Bella. Ich werde sofort beim Flughafen anrufen."

„Warte, nein!", protestierte ich schnell. Ich wollte ihm nicht noch mehr zur Last fallen; ich war heute Abend schon lästig genug gewesen „Du musst das nicht machen, ich kann sie anrufen. Ich hab euch heute schon genug Umstände gemacht." Carlisle winkte nur ab.

"Sei nicht albern, Bella, du bist wie eine Tochter für mich. Es ist nur richtig, dass ich dir helfe." In seiner Stimme lag so viel ehrliche Zuneigung, dass ich schon wieder Schwierigkeiten hatte, die Tränen zurückzublinzeln. Carlisle schien das zu bemerken und stand auf, dann half er mir sanft auf die Beine. „Lass uns reingehen", sagte er freundlich, „hier draußen ist es viel zu kalt. Ich buche dir einen Flug und du kannst dich solange im Wohnzimmer aufwärmen." Er hielt plötzlich inne und ich erriet, dass er darüber nachdachte, wie ich wohl reagieren würde, wenn ich die anderen sah. „Es sei denn du möchtest lieber woanders warten?" Er sah mich abwartend an.

Ich wollte sein Angebot annehmen; der Gedanke, noch mehr Demütigung ausgesetzt zu werden, indem ich Edward wieder sehen musste, gefiel mir nicht, vor allem, weil ich immer noch so wütend auf ihn war. Andererseits wusste ich, dass die anderen, wenn ich ihn mied, annehmen würden, ich könnte es nicht ertragen, mit ihm und Tanya überhaupt in ein und demselben Raum zu sein. So sehr es auch wehtat, ich musste ein tapferes Gesicht aufsetzen und ihnen gegenübertreten. Zumindest waren meine Gefühle jetzt, wo Jasper aus dem Haus war, vor Edward geheim. „Nein, ist schon gut", sagte ich mit aller Überzeugung, die ich aufbringen konnte, „ich geh zu den anderen rein." Carlisle nickte stumm und ich folgte ihm zur Haustür, wo ich zur Seite trat, um Esme durchzulassen. Sie trug eine Schaufel und lächelte mir entschuldigend zu, als sie zu dem Flecken blutigem Schnee ging und ihn in eine Tüte schaufelte. Dann machte sie kehrt; vermutlich um die Tüte im See zu versenken. Ich seufzte. Von all den Orten, an denen ich mein Blut vergießen konnte, musste ich mir ausgerechnet den aussuchen, wo es praktisch eine verbotene Substanz war.

Carlisle und ich gingen in das riesige Wohnzimmer. Rosalie und Emmett unterhielten sich leise am Kamin, während Tanya und Edward an den entgegengesetzten Enden des Raumes standen und beide mit verschränkten Armen in unterschiedliche Richtungen starrten. Ich fragte mich, ob sie wegen mir gestritten hatten, dann entschied ich, dass es mir egal war. Als die Tür aufging, schauten alle auf. Ich sah jeden von ihnen an. Emmett sah besorgt und aufgebracht aus; Rosalie war, wie vorherzusehen, genervt, aber als ich mich auf ihren Gesichtsausdruck konzentrierte, fiel mir auf, dass sie nicht auf mich wütend zu sein schien – ihr Blick flackerte immer wieder vorwurfsvoll zu Edward. Tanya schaute mich anders an als zuvor; es war, als würde sie mich abwägen und versuchen, Antworten in meinen Augen zu finden. Edward hob ich mir bis zum Schluss auf, und als ich ihn ansah, zögerte ich. In seinen Augen standen so viele Gefühle: Sorge, Frustration, Angst, Wut und Kummer. Ich wollte daran glauben, dass hinter seinen Gefühlen etwas Stärkeres als nur Schuld steckte, aber die realistische Seite in mir hielt mich vom Fantasieren ab. Mach dir keine Hoffnungen, Bella, er hat nur ein schlechtes Gewissen, weil er denkt, dass du dich wegen ihm verletzt hast. Ich bemerkte, dass Carlisle Edward anstarrte und erkannte sofort die Zeichen ihrer stummen Unterhaltung. Edwards Augen weiteten sich und ich wusste, dass Carlisle ihm wohl meine Erklärung weitergegeben hatte. Gut. dachte ich boshaft, Es ist höchste Zeit, dass er merkt, dass er nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Tief in meinem Inneren wusste ich, dass ich mich selbst belog. Edward war der Mittelpunkt meines Universums, aber das wollte ich mir nicht eingestehen; es war zu armselig. Carlisle wendete sich mir zu. „Ich rufe jetzt an", sagte er, bevor er aus dem Zimmer fegte. Alle sahen mich fragend an, wunderten sich, was Carlisle damit gemeint hatte.

„Ein Freund von mir ist krank; ich muss zurück nach Forks, um ihn zu besuchen", sagte ich schwach in dem Versuch, eine akzeptable Erklärung zu liefern. „Carlisle bucht mir einen Flug." Ich fragte mich, ob sie mir glauben oder es mir als Versuch, von Edward weg zu kommen, ankreiden würden. Niemand sagte Wort, sie sahen mich nur an. Es herrschte eine lange, unangenehme Stille, in der ich auf meine Füße starrte. Dann sprach Emmett.

"Also Bella", sagte er zögerlich, während er sehr langsam und vorsichtig auf mich zukam, "wie, äh, fühlst du dich?" Er sah mich an, als wäre ich eine Bombe, die gleich hochgehen würde. „Kann ich dir irgendwas bringen? Hast du Hunger? Durst? Willst du dir was im Fernsehen anschauen? Oder willst du lieber einfach nur da sitzen? Weil das ist auch total okay, sag es einfach -"

"Es war ein Unfall", unterbrach ich ihn schnell. Ich wollte nicht, dass sie den Rest des Abends wie auf Eierschalen um mich herum schlichen.

Emmett sah mich überrascht an. „Was war ein Unfall?"

„Meine Hand. Es war ein Unfall, nicht wahr, Edward?" Ich drehte mich zu ihm und verengte die Augen zu einem kühlen, herausfordernden Blick. Ein paar Sekunden lang sah er mich mit unleserlichem Gesichtsausdruck an, dann neigte er langsam den Kopf.

"Ja", sagte er ganz leise, "es war ein Unfall." Der ganze Raum schien sich auf seine Bestätigung hin zu entspannen. Rosalie ließ sich mit einem entnervten Kopfschütteln auf die Couch fallen und schaltete den Fernseher ein. Tanyas berechnender Gesichtsausdruck wurde sofort durch belustigte Genugtuung ersetzt und Emmett stieß ein langes, erleichtertes Pfeifen aus. Er grinste mich an und boxte mir – ganz leicht – in die Schulter.

"Einen Moment lang hast du mir echt Angst gemacht, Schwesterchen", sagte gutmütig. Ich versuchte zu lächeln, aber angesichts allem, was ich heute Abend schon durchgemacht hatte, fiel es mir schwer. „Also, was willst du jetzt machen? Ich hab da eine wirklich tolle neue Spielkonsole, wenn es dich interessiert…" Er grinste schelmisch. „Wir könnten sehen, ob du immer noch so entsetzlich schlecht bist wie eh und je."

„Ich war nicht entsetzlich schlecht", protestierte ich halbherzig. Emmett lachte und begann die vielen Male aufzulisten, die ich gegen ihn verloren hatte, aber ich hörte nicht wirklich zu. Ich war zu sehr damit beschäftigt, Edward zu ignorieren. Ich wusste, dass er mich dazu bringen wollte, zu ihm zu schauen, aber ich würde es nicht tun; ich wollte nicht. Ich hatte diese ganzen Spielchen zwischen uns so satt. Jedes Mal, wenn ich dachte, wir wären kurz davor uns zu versöhnen, passierte wieder etwas, das alles noch schlimmer machte. Es war wie so ein krankes Brettspiel; jedes Mal, wenn wir einen Schritt nach vorne gekommen waren, machten wir sofort wieder vier zurück. Tja, ich hatte genug. Ich würde mir nicht länger wehtun lassen; ich würde endlich akzeptieren, dass wir keine Freunde sein konnten und schon lange kein Paar. Ich musste sogar aufhören zu versuchen mit ihm zu sprechen; dadurch wurde alles nur noch viel schlimmer. Es war sogar zwecklos, so zu tun als hätte er noch Gefühle für mich, jetzt da ich wusste, dass er wusste, dass ich ihn noch liebte. Daher starrte ich weiterhin entschlossen in die Luft, selbst als er leise meinen Namen sagte. Ich fühlte, dass jeder im Raum darauf wartete, dass ich antwortete, aber ich tat es nicht. Schließlich hörte ich Edward frustriert knurren und er stürmte an mir vorbei durch den breiten Türbogen, der zum nächsten Raum führte, sodass sich meine Haare leicht im Luftzug bewegten. Ich drehte mich herum, neugierig, wo er hingegangen war. Ich sah ihn am anderen Ende des angrenzenden Zimmers sitzen, wo er seinen Platz auf der Bank vor etwas eingenommen hatte, das ich sofort als sein prachtvolles Klavier erkannte. Als ich zu ihm sah, schaute er auf und fing mich in einem langen, bohrenden Blick voll Emotionen, die ich nicht lesen konnte. Dann begann er langsam zu spielen. Eine düstere, eindringliche Melodie flutete durch den Raum. Sie war fesselnd und quälend zugleich; es war, als hätte Edward allen Kummer der Welt in die Musik fließen lassen. Dann, gerade als ich dachte, vor Schmerz darüber schreien zu müssen, veränderte sich die Musik, brach in einen rasenden Austausch spitziger Noten und eine hämmernde Unterströmung wütender Akkorde aus. Ich fühlte, wie sich die Musik auf meine eigenen Gefühle auswirkte, und wandte mich mit geballten Fäusten ab. Ich werde mich nicht von ihm zerbrechen lassen. sagte ich mir entschlossen, Ich kann das ertragen. Ich sah die anderen an. Rosalies einzige Reaktion auf die Musik war gewesen den Fernseher lauter zu stellen, während Emmett Edward frustriert anstarrte. Dann drehte er sich zu mir herum, eindeutig wollte er so tun, als sei nichts geschehen.

"Also, was willst du spielen? Ich hab 'Mega Mutant Zombies IV' oder-"

„Ach, sei nicht albern, Emmett", unterbrach ihn eine unbekannte Stimme. „Ich bin mir sicher, Bella will keines deiner kindischen Spielchen spielen." Wir sahen uns alle fassungslos um, und sahen, dass Tanya neben meinem Ellbogen stand, ein umwerfendes Lächeln auf den Lippen. „Sie würde viel lieber ein wenig mit mir plaudern, nicht wahr, Bella?" Ich glotzte sie nur ungläubig an. Sie machte einen Schmollmund und sah mich mit verletzter Unschuld an. „Na ja, du wurdest mir ja kaum vorgestellt! Ich brenne darauf, mehr über die berühmte Bella Swan zu hören. Wie wäre es, wenn wir uns hier hinsetzen und du mir ein bisschen von dir erzählst?"

"Ähm, sicher", sagte ich benommen. Was sollte ich auch sonst sagen? Ich konnte schlecht so reagieren, wie ich es gerne getan hätte; aus Erfahrung mit Jacob wusste ich, dass Unsterbliche zu schlagen grundsätzlich keine gute Idee war und in der Regel mit mehreren gebrochenen Knochen endete.

„Hervorragend!", gurrte Tanya und ihre Augen leuchteten auf, als sie mich am Handgelenk packte und neben sich auf eine Couch zog. An der Art, wie die beiden Blicke austauschten, konnte ich erkennen, dass Emmett und Rosalie genauso überrascht waren wie ich. Ich hörte sogar, wie Edward die Lautstärke seines Klavierspiels verringerte, als er Tanya mit verengten Augen beobachtete. „Also, wo soll ich anfangen?", fragte Tanya fröhlich und warf ihr seidiges Haar nachlässig über die Schulter. Es fiel in Wellen, schimmerte wie ein Regenbogen im Nebel, jede makellose Strähne fiel perfekt dahin, wo sie gehörte. Wenn man nur nach dem Aussehen ging, waren sie und Edward das perfekte Paar; sie waren beide so wunderschön, dass es unfair war. „Ich weiß natürlich alles darüber, wie du Edward getroffen hast, die Geschichte hab ich schon so oft gehört." Sie zwinkerte mir gewinnend zu und ich musste wieder die Fäuste ballen, diesmal um mich davon abzuhalten, ihr diese hübschen Augen aus ihrem hübschen Kopf zu kratzen. Ja genau, reib mir so richtig schön unter die Nase, dass Edward noch mit dir redet. „Was ich aber nicht weiß", fuhr sie unschuldig fort, „ist, was in deinem Leben nach den Cullens passiert ist. Was hast du in den letzten Jahren so allein gemacht?" Ich konnte es nicht fassen. Ich hatte mit keinem von ihnen die Angelegenheit meiner post-Edward-Jahre vertieft, und dennoch schien sie allen Ernstes zu erwarten, ich würde eben dieses Thema vor einer Fremden auswälzen – vor derselben Fremden, die ich gerade noch an meinem Exfreund klebend vorgefunden hatte. Miststück.

"Da gibt es nichts zu erzählen", sagte ich passiv. Auf keinen Fall würde ich vor ihr in die Details gehen. „Ich habe in Forks gewohnt, bis ich den Abschluss an der High School gemacht habe, dann ging ich in Arizona aufs College und bekam einen Job hier in Rochester. Seitdem unterrichte ich hier. Das wars." Sie hob ihre Augenbraue und es war offensichtlich, dass sie mir nicht glaubte.

"Das ist alles? Keine kleine Story über den Abschluss? Keine winzige Anekdote über diese abgefahrenen Collegepartys?" Mit zusammengebissenen Zähnen schüttelte ich den Kopf. „Gut, wie wär's dann mit dem Unterrichten?", fragte Tanya. „Du musst doch in den Jahren ein paar ungezogene Schüler gehabt haben…", sie schaute durch den Türbogen zu Edward und warf ihm ein verruchtes Grinsen zu, das er ignorierte, indem er Lautstärke und Komplexität seines Spiels wieder erhöhte. Ich konnte spüren, dass Tanya ihn an irgendeinen persönlichen Scherz erinnern wollte, aber ich entschied, dass ich es wirklich nicht wissen wollte.

"Nein", sagte ich, "die sind im Allgemeinen ziemlich brav." Ich widerstand dem Drang, bei diesen Worten Edward ebenfalls einen Blick zuzuwerfen; nur weil sie sich kindisch benahm, hieß das noch lange nicht, dass ich mich auf ihr Niveau herablassen musste. Sie wirkte enttäuscht, sowohl über Edwards Reaktion, als auch über meine Weigerung, bei ihrem Spiel mitzumachen. Ein paar Augenblicke lang schwieg sie, scheinbar zerbrach sie sich den Kopf darüber, wie sie Edward sonst noch in unser Gespräch einbeziehen konnte, dann blitzten ihre Augen plötzlich triumphierend auf.

„Und wie steht es mit deinem Liebesleben?"

"W-Was?!", würgte ich wie vom Donner gerührt hervor. Oh nein, das hat sie nicht! Ich konnte nicht glauben, dass sie mich das tatsächlich gefragt hatte; sie merkte doch sicher, dass ihre Frage alle nur daran erinnern würde, wie ungezwungen ich von Edward abserviert worden war? Und ich hatte gedacht, Lauren Mallory wäre böse. Edwards Klavierspiel nahm plötzlich um ein Zehnfaches zu, wurde noch lauter und wütender, als versuche er, unsere Unterhaltung zu übertönen. Wahrscheinlich ist es ihm nur peinlich, dachte ich bitter. Ich fühlte, wie Emmett und Rosalie mich besorgt anstarrten. „Ähm", machte ich, unsicher, wie ich einer Antwort auf diese Frage entkommen konnte.

"Ach, komm schon", sagte Tanya und tätschelte herablassend meinen Arm, „kein Grund sich zu schämen, Bell – ich darf dich doch Bell nennen? – wir wollen es alle unbedingt wissen." Ich starrte sie sprachlos an. Warum spielte sie dieses Spielchen mit mir? Sie hatte doch schon gewonnen; sie hatte Edward, warum also diese Scharade? Was hatte sie für ein Motiv? Wenn sie Edward daran erinnern wollte, dass sie es war, die er gewählt hatte, dann war es überflüssig – wir wussten alle, dass er mich nicht liebte. Wenn sie mich jedoch zu Tode demütigen wollte, dann war sie definitiv erfolgreich; meine Wangen brannten mittlerweile vor Scham. Tanya wartete immer noch auf eine Antwort. Na ja, dachte ich plötzlich, es ist ja nicht so, als gäbe es da viel zu erzählen. Vielleicht ist es besser so – vielleicht denkt Edward ja, dass Jasper sich geirrt hat und dass ich wirklich über ihn hinweg bin.

"Na ja, da gab es einen Typen", sagte ich langsam und versuchte so lässig wie möglich zu klingen. Rosalie und Emmett verkrampften sich beide, und als ich zu ihnen schaute, sah ich Esme im Türrahmen stehen. Sie blinzelte mich erschrocken an, als hätte ich sie gerade geohrfeigt. Ich starrte sie verwirrt an. Was ging hier vor? Hatte sie allen Ernstes erwartet, ich würde mich von der Gesellschaft absondern, nur weil mich Edward nicht gewollt hatte? Wow, ich muss echt aufhören, mich wie so ein Schwächling zu benehmen, dachte ich. Edwards Reaktion überraschte mich noch mehr; sein Klavierspiel war nun ohrenbetäubend laut geworden, die grimmigen, herzzerreißenden Noten kamen in einem Ansturm aus Emotionen und hallten von dem hölzernen Fußboden im nächsten Zimmer wider. Ich fragte mich, was er wohl dachte, aber Tanyas sinnliches Lachen lenkte mich ab.

"Ich wusste, dass du uns was vorenthältst!", schrie sie erfreut auf. „Also, wer war dieser mysteriöse Mann? Oder sollte ich lieber im Präsens sprechen? Ist er immer noch Teil deines Lebens?" Sie gab sich jetzt nicht einmal Mühe, ihre ungezügelte Neugierde zu verstecken.

"Nein, wir … na ja, wir sind immer noch Freunde, aber wir sind nicht…" Eigentlich wollte ich erklären, dass unsere Beziehung nie so richtig in Gang gekommen war, aber ein plötzlicher Impuls hielt mich davon ab. Warum sollte die Wahrheit sagen? Es war offensichtlich, dass Edward, seine ganze Familie und sogar Tanya überzeugt waren, dass ich in den letzten sechs Jahren ein emotionales Wrack gewesen und immer noch hoffnungslos in ihn verknallt war. Um mir gegenüber fair zu sein, musste ich zugeben, dass dieser Eindruck nur halb stimmte, denn auch wenn ich kein besonders tolles Leben gehabt hatte seit Edward mich verlassen hatte, so war es doch ein Leben gewesen. Ich hatte lebenslange Freundschaften mit dem Rudel geschlossen, ich hatte mich in der Schule mit ausgezeichneten Noten hervorgetan und ich machte meinen Job gut. Ich war ans andere Ende des Landes und in eine komplett neue Stadt gezogen, und ich war unabhängig. Gut, ich war vor allem unglücklich gewesen, aber es hatte auch fröhliche Momente gegeben. Ich hatte überlebt und ich heilte, wenn auch unstet. Die rebellische Seite in mir wollte Tanya und den Cullens zeigen, dass ich mehr war als nur Edwards Schatten. Ich konnte für mich selbst denken, für mich selbst sprechen und für mich selbst sorgen. Ich war es leid, ständig als die Jungfer in Nöten gesehen zu werden, die darauf wartete, dass ihr Prinz sie aus dem Schlummer weckte. Ich wollte ein für alle Mal beweisen, dass ich durchaus fähig war, alleine aufzuwachen. Als ich in die Gesichter der Cullens schaute und ihre mitleidigen Blicke sah, traf ich eine Entscheidung. „Na ja", sagte ich mit stärkerer, sichererer Stimme, „Jacob und ich hatten so unsere Differenzen, also sind wir rein technisch gesehen nicht mehr 'zusammen', aber wir sind immer noch sehr gute Freunde." Ich betonte das 'sehr' in der Hoffnung, dass sie die Lüge im ersten Teil des Satzes nicht durchschauen würden. Ich hatte wirklich keine romantischen Gefühle mehr für Jake; ich war mir nicht einmal sicher, ob ich jemals welche gehabt hatte, aber das mussten sie ja nicht wissen.

Tanya war offensichtlich entzückt über die Richtung, die unser Gespräch einschlug. „Ist er gutaussehend?", soufflierte sie mir. Sie musste die Stimme heben, um über Edwards Klavierspiel gehört zu werden, das von Sekunde zu Sekunde lauter und wütender wurde.

"Ja", sagte ich und genoss im Geheimen, dass ich Edward so wütend machte. Ich konnte so tun, als wäre die es Eifersucht, die ihn mit solcher Wut in die Klaviertasten schlagen ließ, nicht Ärger darüber, wie ich ihn davor angeschnauzt hatte. Oder vielleicht war er einfach verärgert, weil er mit Tanya zusammen war. Ich wäre es an seiner Stelle gewesen – die Frau war unmöglich. „Ja, Jacob ist extrem … heiß." Bei ihrer Reaktion musste ich gegen meinen Willen kichern. Wenn sie nur wüsste, was ich wirklich meine, würde sie wahrscheinlich nicht so grinsen. Tanya sah aus, als wolle sie mir noch mehr Fragen stellen, aber Carlisle kam herein und beendete unser kleines Kränzchen. Ich fühlte, wie mein Lächeln schwand, als ich mich erinnerte, wo er gewesen war und was seine Rückkehr bedeutete.

„Bella, ich habe dir gleich morgen früh einen Flug nach Seattle organisiert. Ich habe dir einen Wagen gebucht, der dich vom Flughafen abholt und zum Krankenhaus bringt. Es wäre auch eher gegangen, aber wegen den Schneestürmen in Rochester wurden alle Flüge für heute Nacht gecancelt." Schneestürme?, dachte ich perplex. Tatsächlich sah ich, als ich aus dem Fenster schaute, dass das, was zuvor ein paar sanfte Flocken gewesen waren, nun in einen heftigen Schneesturm ausgeartet war. Großartig, dachte ich, und darin muss ich heimfahren.

"Vielen Dank für deine Hilfe, Carlisle." Ich kam auf die Füße, dankbar für einen Grund, Tanyas Fragen zu entfliehen. Es hatte Spaß gemacht mit ihr zu spielen, aber der vernünftige Teil von mir wusste, dass es Zeit war aufzuhören; ich bezweifelte, dass es Edwards Klavier noch recht viel länger machen würde. Wenn ich jedoch gedacht hatte, er würde aufhören zu spielen, so hatte ich mich getäuscht; die Noten kamen weiterhin aus dem Klavier, wie eine Hintergrundmusik für meine Worte. „Ich zahle das Ticket natürlich", versicherte ich Carlisle, aber er schüttelte gleich den Kopf und sagte mir, dass das nicht nötig sei und dass er sich freue, helfen zu können. Ich dankte ihm vielmals; ich hatte mich nicht darauf gefreut, zwei Monate ohne Essen auskommen zu müssen, um die Miete zu bezahlen. „Ich versuch besser nochmal, Jacob anzurufen", seufzte ich mit einem Blick auf die Uhr.

"Jacob?", fragte Carlisle stirnrunzelnd.

"Oooh, ihr habt noch Kontakt?", warf Tanya mit einem widerwertig süßen Gurren ein.

"Ja, er war derjenige, der mir gesagt hat, dass Brady krank ist", sagte ich abgelenkt, während ich meine Taschen auf der Suche nach meinem Handy abklopfte. „Er und seine Brüder müssten jetzt im Krankenhaus sein, aber vielleicht hat er sein Handy wieder eingeschaltet…" Vielleicht hatte ich das verdammte Ding draußen auf der Veranda liegengelassen … ja, so musste es sein.

„Er hat Brüder?", kicherte Tanya, gerade als Carlisle fragte:

„Jacob wie Jacob Black?"

Ich hielt in meiner Suche nach dem verschwundenen Handy inne, um Carlisle verwundert anzuschauen. „Ja, kennst du ihn?"

Er schüttelte stirnrunzelnd den Kopf. „Ich habe ihn nie getroffen – aber ich kannte seinen Urgroßvater." Ich war geschockt; Carlisle kannte Jacobs Urgroßvater? Dann, gerade als ich nachhaken wollte, regte sich etwas in meinem Hinterkopf – Fetzen einer Erinnerung an ein Gespräch, das ich vor langer, langer Zeit mit Jacob geführt hatte…

„Sagtest du gerade, Jacob wäre bei seinen 'Brüdern'?", fragte Carlisle, und sein scharfer Tonfall lenkte mich ab.

"Na ja, sie sind nicht wirklich seine … seine…" Ich brach ab; aus dem Augenwinkel hatte ich die flackernden Flammen im Kamin gesehen. Als hätte jemand einen Schalter in meinem Gehirn umgelegt, kam alles zu mir zurück. Das Lagerfeuer. Es war das erste Mal gewesen, dass ich mit Jacob gesprochen hatte, als ich versucht hatte mit ihm zu flirten, um Informationen über die Cullens zu bekommen.

"Die meisten Geschichten über die kalten Wesen stammen aus der Zeit der Wolfslegenden, aber es gibt auch einige, die sind noch gar nicht so alt. Einer Legende zufolge kannte mein Urgroßvater ein paar von ihnen. Er war es, der mit ihnen das Abkommen traf, nach dem sie sich von unserem Land ferngehalten haben … Schon vor der Zeit meines Urgroßvaters kannte man ihren Anführer, Carlisle."

Ich schnappte nach Luft, als Verstehen durch mich flutete. Natürlich kannte Carlisle Jacobs Vorfahren; er war es gewesen, der überhaupt erst das Abkommen mit Jacobs Urgroßvater Ephraim Black getroffen hatte – dasselbe Abkommen, das es den Cullens und dem Stamm ermöglicht hatte, all die Jahre friedlich nebeneinander zu leben. Carlisle musste alles darüber wissen, wie das Rudel funktionierte, und die Blutlinien der Werwölfe kennen. Mit einem Schauer der Beklommenheit begriff ich, dass Carlisle sich nach meiner Erwähnung von Jacobs 'Brüdern' ausgerechnet haben musste, was sie waren. Und wenn es Carlisle wusste, dann würde es nicht lange dauern, bis –

„WERWÖLFE?!"


Hey Leute!

Dankeschön an Anja, Selina und TheNargana; eure lieben Reviews waren echt das Schönste in dieser anstrengenden Woche! xD

Ich hoffe, das Kapitel hat euch allen gefallen. Über Reviews freue ich mich wie immer sehr, also schreibt mir bitte!

Liebe Grüße, Sonnenblumeues