Gegen Mitternacht – er saß mit einem wieder dösenden Chase auf der Wohnzimmercouch und ließ fasziniert das strähnige Haar durch die Finger rinnen - störte das Telefon seine Idylle. Wilson. Wahrscheinlich hatte ihm jemand die unschöne Geschichte vom Morgen zugeflüstert. Es hatte ihn schon gewundert, dass er nichts von sich hatte hören lassen. Der Tag hätte perfekt sein können. Nach Chase' Mittagsschlaf waren sie im Supermarkt einkaufen gewesen; etwas, das sie vor der Beeinträchtigung selten zusammen getan hatten, da allein Chase für die Küche verantwortlich gewesen war.
Chase hatte ihn erstaunt, indem er Dinge in den Einkaufswagen gelegt hatte, von denen er dachte, er verabscheue sie. Umgekehrt lehnte er plötzlich Nahrungsmittel ab, die er eigentlich gerne aß. Ein heikler Esser war er generell nicht und offenbar nie gewesen, daher wusste House mit ziemlicher Sicherheit, dass Vanillejoghurt mit Schokocrisp und diverse Wellness-Drinks nicht auf seinen breit gefächerten Speiseplan gehörten, ganz zu schweigen von einer Riesentüte Marshmellows, weißer Schokolade und Kaubonbons.
Zumindest die Vorliebe für frisches Obst und Gemüse hatte er sich bewahrt. In der Küche, dem Wohnzimmer und sogar in einer Schale im Schlafzimmer häuften sich Südfrüchte wie Mango, Papaya und Ananas. Alles, was den alten Chase ansatzweise zurückbrachte, stimmte ihn froh und melancholisch zugleich.
Später hatte er Chili con Carne zubereitet, aber entweder kochte er es nicht so gut wie Chase oder sein Lieblingsgericht hatte den Reiz verloren; die Kartoffeln hatte er verschmäht, und ihm war eingefallen, dass er als Beilage Reis bevorzugte. In den Staaten waren Kartoffeln populärer, doch die geografisch nahe Lage Australiens zu Asien hatte Chase von klein auf die zweite Variante schmackhafter gemacht. Er hatte nur den viel zu harten, hastig auf die Herdplatte gesetzten und angebrannten Reis und die Fleischsoße verzehrt, aus der House die Bohnen heraus gelesen hatte, da sie ihm offenkundig nicht mehr schmeckten. Gelegentlich beanspruchte er noch seine Hilfe, ließ sich jedoch immer seltener den Löffel aus der Hand nehmen. Den hinreißend verschmierten Soßenmund hatte er nach dem Essen mit seinem eigenen gesäubert und Chase vor Freude über das glucksende Lachen auf die Arbeitsplatte gehoben, um die Prozedur genießerisch und ohne Hintergedanken bis zum letzten Spritzer fortzuführen. Seinetwegen konnte es zukünftig jeden Abend Chili geben.
„Ich bin nicht zuhause. Du sprichst mit dem Anrufbeantworter und bitte nach dem Pfeifton."
„Greg? Dr. Gregory House?"
Einen Moment hielt er verdutzt die andere Hand vor den Hörer, während heiße Schübe durch seine Adern jagten. Tante Amy. Amy Chase aus Melbourne. Roberts nächste und seines Wissens nach noch einzig lebende Verwandte. Er hatte sie völlig vergessen, besser gesagt verdrängt. Wenn jemand ein Sorgerecht auf ihn geltend machen konnte, war sie es.
„Ja." Selbst er merkte, dass er abwehrend klang.
Sie lachte. Ein bisschen hörte es sich nach Chase an, sanft, verblüffend tief und voll melancholischer, dunkler Fröhlichkeit.
„Hier ist Amy Chase. Warum so spröde? Stimmt etwas nicht? Ich dachte, Sie erinnern sich an mich. Unser letztes Gespräch ist noch nicht allzu lang her."
„Doch, ja, natürlich." Er stammelte und hoffte, sie würde das krampfhafte Schlucken nicht hören, mit dem er den Kloß im Hals herunterwürgte. Wenigstens sah sie nicht, wie er Besitz ergreifend die Hand in Chase' Haar bohrte, der sich unter der Grobheit leicht bewegte und grummelnd das Knie hochzog. „Schön, von Ihnen zu hören, Amy."
„Wie geht es Ihnen und Robert? Er wohnt doch noch bei Ihnen? In letzter Zeit hat er gar nicht mehr geschrieben. Ich mache mir ein wenig Sorgen, und da ohnehin unser Besuch nach Disney World ansteht, dachte ich, ich melde mich."
Was sollte er ihr sagen?
Robert und ich haben uns getrennt? Er ist unerreichbar? Ich habe keinen Kontakt mehr zu ihm?
Letztendlich entschied er sich für die Wahrheit. Sie anzulügen, nur weil er ihn nicht gehen lassen konnte, war Chase und auch ihr gegenüber nicht fair. Bei ihr wäre er gut aufgehoben. Und vielleicht würde die Heimat ihn zu dem machen, den er gewesen war, wenigstens im Ansatz, und ihm die Chance geben, sich zu regenerieren. Eine vertraute Umgebung war für mental Geschädigte meist von immenser Wichtigkeit. Einstweilen hatte er sie auch in seinem Apartment wieder, doch es war etwas anderes als den Ort wieder zu sehen, in dem man als Kind viele Jahre gelebt hatte. Angenehm waren die meisten für den kleinen Chase nicht gewesen, jedoch wusste er, dass er die Schulferien bei ihr verbracht und sich dort ungleich wohler und akzeptierter gefühlt hatte als bei seiner Mutter, da sie ihm Freiheiten einräumte, die er von daheim nicht kannte. Zudem hatte er dort unten das Meer und den Strand direkt vor der Haustür. Schöne, erinnerungswürdige Dinge, die er ihm nicht bieten konnte.
Seine Finger krallten sich in Chase' Haar, strichen verzeihend und nachdenklich darüber bis in den Nacken. Es war lang geworden, ein bisschen fransiger, welliger und nicht mehr so sauber, seit Chase nicht mehr in der Lage war, darauf zu achten, zum Friseur zu gehen oder sich jeden Morgen zu rasieren. Er selbst hegte weit weniger Interesse an Körperhygiene als sein Australier. So wie er war, mochte er ihn. Egal, ob reinlich oder ungepflegt. Trotzdem durfte er seine zweifellos noch vorhandenen Bedürfnisse und damit sein Schamgefühl nicht vernachlässigen oder unterbewerten. Morgen würde er ihm das Haar waschen. Schneiden nicht. Die leichte Naturkrause der Spitzen war niedlich und passte zu ihm, ohne ihn mädchenhaft erscheinen zu lassen. Eher gereifter und ein wenig draufgängerisch.
Erstaunt stellte er fest, dass er egoistisch gehandelt hatte, indem er ihm stets das Etikett seines kleinen Buben aufgestempelt, ihn nicht erwachsen hatte werden lassen. Aber die Strafe dafür war eindeutig zu hart.
„Das ist nett, Amy. Hören Sie, es ist etwas geschehen. Etwas mit Robert, das nicht einfach zu erklären ist. Ich weiß nicht recht, wie ich es Ihnen sagen soll ..."
Besonnen und weit entfernt von voreiliger Hysterie forderte sie ihn zum Sprechen auf, womit sie ihm half, die Fassung zu wahren, und er berichtete von Chase' Kletterunfall und den verheerenden Folgen der Operation, verblüfft, wie sachlich er es tat, seine Emotionen unterdrückte. Das Vicodin, das er ihm in seiner Panik aufgenötigt hatte, erwähnte er nicht, sie würde ihn sonst verklagen. An ihrer Stelle hätte er es getan. Es war seine Schuld, daran gab es nichts zu rütteln.
Sie hörte ihm zu, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen. Vermutlich war sie zu schockiert oder glaubte, er log das Blaue vom Himmel.
Doch welchen Grund hätte er, sie anzulügen? Den, dass sie um ihn gekämpft hatten um Weihnachten und sie immer noch überzeugt davon war, dass man Bäume nicht entwurzelte und Chase zu ihr nach Oz gehörte? Dann hätte er sich eine unglaubwürdigere Geschichte aus den Fingern gesaugt. Eine, die Chase glimpflicher davon kommen ließ, indem er aus Langeweile oder dem Auffinden der idealen Partnerin die Verbindung gelöst hatte. Allein die Vorstellung schmerzte. Er war fast froh, dass es anders war.
Als er geendet hatte, umfasste seine Hand Chase' Knie und bewegte es leicht hin und her. Während seines Monologs hatte er sich intuitiv an ihm halten müssen. Eigenartig. Der marternde Gedanke, man nähme ihn heimlich von ihm, verfolgte ihn bis in die eigenen vier Wände, sogar in den Schlaf.
Und doch hatte er Amy gerade indirekt für seine Betreuung und Pflege verpflichtet. Es war das Nächstliegende. Er würde ihn endgültig freigeben, auch wenn ihm das Herz dabei blutete und sich kein Medikament auftreiben ließe, das die Blutung stillte und den Bruch je kittete.
„Wir müssen den Trip nicht absagen. Ich glaube, Robert würde gern gehen. Er hat sich sehr darauf gefreut, und er würde es auch jetzt noch", schloss er etwas lahm. Seine Hand glitt so zart über Chase' Oberschenkel, dass sich die Härchen statisch an seiner Handfläche aufluden.
Die scharfe, verräterische Röte in seinen Augen konnte er fühlen. Getrunken hatte er heute noch nichts. Um die Nacht zu überstehen, musste er es nachholen. Er hatte es unter Kontrolle, hatte er vor Wilson behauptet. Ob das auch Chase' Mutter gesagt hatte? Nicht nur aus dem Unvermögen heraus, nicht mehr aufhören zu können, sondern eventuell aus dem gleichen Grund wie er. Aus Angst, man nähme ihr den Jungen, dem sie trotz aller Schwierigkeiten und ihren Fehlern eine eigentümliche Art von Liebe entgegenbrachte. So wie er.
„Es wäre schön, Sie zu sehen. Und Sie könnten ihn dann gleich mitnehmen. Er hätte Zeit, sich zu verabschieden."
Das wäre die optimale Lösung. Ihren Ausflug nach Florida hatten sie auf Ende August geplant. Die Tickets, die er ihr geschenkt hatte, waren unbegrenzt gültig und auf kein bestimmtes Datum ausgestellt.
Am Ende der Leitung blieb es still. Da er verstand, dass sie die schlechten Neuigkeiten erst verdauen musste, schwieg er taktvoll. Er sah sie vor sich, eine Hand bestürzt vor dem Mund. Zum Weinen würde ihr erst nach dem überwundenen Schock zumute sein. Nach einer Weile, die ihm wie die Ewigkeit vorkam, atmete sie zitternd aus. „Und er ist jetzt – wieder zuhause? Bei Ihnen?"
„Ja. Es geht ihm gut. Besser als in der Klinik." Mit dem nächsten Satz verschoss er sein letztes Pulver; er rechnete nicht damit, dass es zündete. „Wir machen ein Rehabilitationsprogramm, das gute Erfolge verspricht und bereits anschlägt. Die motorischen Störungen sind so gut wie nicht mehr vorhanden."
„Kann ich... ihn sprechen?"
Auf ihn hinunterschauend, malte er sinnlich kleine Kreise auf die leicht feuchte Haut. Chase' Wimpern zuckten. „Er schläft. Und er spricht nicht mehr im herkömmlichen Sinn. Ich weiß nicht einmal, ob er mich versteht oder erkennt."
Aber ich kann ihn nicht hergeben. Ich muss ihn behalten. Sonst weiß ich nicht, wie es weitergeht.
Sie hätte ihn beknien sollen, Chase dennoch aufzuwecken. Ihn daran erinnern, dass ihre vertraute Stimme möglicherweise etwas in ihm auslöste. Eine Erinnerung, vielleicht nur eine vage, aber nichtsdestotrotz einen Versuch wert. Stattdessen verstummte sie.
„Amy?"
„Greg."
Verzweifelt suchte sie nach Worten in ihrem jetzt impulsiv durchbrechenden osteuropäischen Akzent, als sie auf einmal so schnell redete, dass er ihr schwerlich folgen und nicht glauben konnte, was sie sagte.
„Ich weiß, es klingt herzlos nach dem, wie es um Robert steht, aber ich habe eigentlich angerufen, um Ihnen mitzuteilen, dass es mir unmöglich ist, unser Treffen einzuhalten oder in der nächsten Zeit vorbeizukommen. Eine Mitbewohnerin hatte letzte Woche einen Schlaganfall. Ich bin die einzige, die sie hat, und ich habe ihr versprochen, für sie zu da zu sein, sobald sie das Krankenhaus verlassen kann. Sie ist eine langjährige Freundin, die sonst niemanden hat. Es tut mir leid ... Sie müssen glauben, es sei eine fadenscheinige Ausrede, aber – ich kann mich nicht um Robert kümmern und auch nicht nach Amerika reisen. Nicht jetzt. Später vielleicht auf einen Besuch. Könnten Sie nicht-… er wohnt bei Ihnen, er mag Sie und Sie sind Arzt, er hat eine gute medizinische Versorgung, eine Therapie ... ich denke, wenn er es sagen könnte, wollte er bei Ihnen bleiben."
Konsterniert kniff er seine Nasenwurzel, um sich dann die Stirn zu reiben
Es war eine fadenscheinige, eine eigennützige Ausrede. Amy liebte das Reisen, das sie erst spät entdeckt hatte. Mit Chase am Hals müsste sie ihr neues Hobby aufgeben. Genau genommen war er ihr fremder als ihm; er sah sie nur alle paar Jahre, an Weihnachten schrieb er ihr vielleicht eine Karte, und das nicht einmal regelmäßig. Dem ungeachtet war ihr Umgang miteinander von Vertraulichkeit geprägt gewesen und Tante Amy eine warmherzige Frau. Sie so reden zu hören, verwirrte ihn, insbesondere, wenn er sich ihren Löwenmut zurückrief, mit dem sie ihn bekämpft hatte, um Chase für die alte Heimat zu erwärmen. Beinahe hätte sie es geschafft.
„Sie haben richtig verstanden", kam sie ihm zuvor. „Ich kann ihn nicht nehmen. Nicht einmal, wenn Sie mich für gleichgültig halten. Ich kann Gretchen nicht im Stich lassen."
„Ich werde eine Vollmacht für ihn brauchen", sagte er heiser, er konnte sein Glück kaum fassen und spürte, wie er zu zittern begann. Neben der Ermächtigung brauchte er vor allem einen Drink. Das Ganze musste ein Traum sein. Erst wenn der Bourbon brennend durch seinen Schlund rann, wäre er vom Gegenteil überzeugt.
„Ich setze mich mit einem Notar in Verbindung und werfe Ihnen bestimmt keine Steine in den Weg. Robert wird wohl nicht mehr selbst entscheiden können, wer sein Vormund sein soll, aber ich denke, es wäre in seinem Interesse, wenn Sie es werden. Da dürfte es keine Probleme geben, oder? Es sei denn, Sie bekommen Schwierigkeiten durch ihn in der Klinik. Dann sollten Sie an sich denken. Die Heime sind doch heutzutage nicht mehr solche Schreckgespenster wie früher."
Er fragte sich, woher sie das hatte.
„Amy... ich weiß nicht. Das kommt alles so schnell. Ich bin nicht wirklich geeignet, um für ihn zu sorgen. Und Sie sind seine Familie. Er wäre daheim. Ich kann ihn doch nicht-…"
„Robert braucht Sie. Zu Ihnen hat er Vertrauen. Ich habe gesehen, wie Sie mit ihm umgehen. Sie sind viel mehr für ihn, als Rowan es je sein konnte. Nicht nur Vater. Sie sind sein Freund. Vielleicht der verständnisvollste Mensch, den er je getroffen hat. Mir schien es damals, als habe er sein ganzes Leben auf jemanden wie Sie gewartet. Bitte enttäuschen Sie ihn nicht. Falls jemand Ihre Fähigkeiten als Betreuer anzweifeln sollte, haben Sie in mir einen Bürgen."
Wenn irgendetwas passiert ... werden Sie trotzdem da sein? Oder Dinge regeln für mich?
Er hörte seine drängende, in diesem Moment gehetzt und besorgt klingende Stimme, als hätte er die Bitte eben erst ausgesprochen. Doch er lag nach wie vor schlafend auf dem Sofa, den Kopf auf seinen Beinen wie ein vertrauendes Kind.
„Okay." Es klang verwundert, wie eine Frage.
Seine Handflächen schwitzten, und er wischte sie an den Jeans ab. Er hasste Behördengänge, aber wenn es amtlich sein sollte, blieb ihm der Notar nicht erspart, ebenso wenig Chase eine ärztliche Untersuchung auf seinen Geisteszustand. Immerhin gab Amy grünes Licht, damit war schon viel gewonnen.
Ihr schriftliches Einverständnis wehte per Fax ins Büro, das er am nächsten Morgen kurz vor ihrer Stunde im Pool abfing, froh, dass Cameron in ihrer Eigenschaft als seine inoffizielle Sekretärin nicht vor ihm da gewesen war, es gelesen und ihn zur Rede gestellt hätte. Foreman mied ihn wohlweislich seit ihrer Abmachung.
oOo
Wilson, der unvermutet während ihrer Vorbereitungen zum Gerichtstermin aufkreuzte, um sich ursprünglich nach überstandener Nachtschicht zum Frühstück einzuladen, begleitete sie spontan. Er hatte ihn nicht darum gebeten, fühlte sich durch seine nüchterne Anwesenheit aber seltsam beschwichtigt.
Die Krawatte, die er ausnahmsweise umgebunden hatte, war zu eng, und er lockerte den Knoten, als sie auf der Wartebank im Flur vor der Tür saßen, hinter der Chase mit einem sachverständigen Arzt verschwunden war. Apathisch, unempfänglich für dessen salbungsvolle Worte, hatte er sich von House den Weg zeigen lassen. Aus einem obskuren Grund verbot man ihm, der Untersuchung beizuwohnen. Beeinflussung, hieß es, was lächerlich war. Er konnte Chase nicht manipulieren. Andererseits hätte er von ihm verlangt, sich heulend an ihn zu hängen, bevor sich die Tür hinter ihm und Notar und Arzt geschlossen hatte.
Die Versuchung, vor Nervosität seinen ungewohnt glatt rasierten Kiefer bis aufs rohe Fleisch aufzureiben, war groß. Anlässlich des Termins hatte er sie beide herausgeputzt wie Dressmen in Hochglanz-Herrenmagazinen, was von Wilson mit perplexem Wohlwollen registriert worden war.
„Willst du es denn wirklich?" Zum hundertsten Mal wiederholte er seine Frage. „Ich meine, hast du es dir gut überlegt?"
„Nein."
Er hatte sich betrunken und nicht mehr weiter gegrübelt, nachdem Tante Amy angerufen hatte. Die Definition von gut überlegt wäre, die Vernunft über die Irrationalität siegen zu lassen, die ihn immer dann überkam, wenn Chase sein Denken beherrschte.
Die Tür öffnete sich, und der Sachverständige, ein Neurologe vom Princeton General, bat sie ins Zimmer. Als er eintrat, stand der Junge auf und umarmte ihn wie nach einer wochenlangen Trennung, das Gesicht an seiner Schulter bergend.
In dem dunklen Anzug machte er eine sichtbar bessere Figur als er in seinem, doch er ließ ihn sehr schlank und beinahe zierlich anmuten. Sein Blondschopf war wieder glatt und schimmerte seidig nach dem morgendlichen Bad.
Intuitiv berührte er ihn leicht mit den Fingerspitzen, bevor ihm seine Umgebung und die zusätzlichen Personen im Raum bewusst wurden, und er räusperte sich verlegen, um sich dann an den Arzt zu wenden. Dr. Travers lächelte väterlich und spielte mit den Bügeln seiner Brille, doch er nickte nur zum Pult hinüber, hinter dem der Notar thronte, Mr. Henderson, ein einschüchternder Mann mit einem Geiergesicht, das Clint Eastwood alle Ehre machte. Zuvor hatte er ein langes, zermürbendes Gespräch mit ihm geführt, und Wilson hatte sich als große Unterstützung erwiesen, seine zum Teil beschönigten Auskünfte bestätigt und die Therapie hervorgehoben, die es Chase möglich gemacht hatte, binnen kurzer Zeit auf eine Gehhilfe zu verzichten.
„Ich denke, damit sind alle Formalitäten geklärt", knurrte Henderson und zwang ein verkniffenes Grinsen auf die dünnen bleichen Lippen. „Sie haben die Bevollmächtigung für Dr. Robert Chase."
Erleichterung, die ihn jäh durchzuckte, hätte ihn um ein Haar aufjauchzen lassen. Er gehörte ihm. Ihm ganz allein. Aufatmend nahm er das beglaubigte Papier entgegen und steckte es in seinen Rucksack, in den er das T-Shirt gestopft hatte, um es Chase später wieder überzustreifen.
Die Sonne brannte vom wolkenlos blauen Himmel. In befremdlicher Hochstimmung spendierte er Wilson ein verspätetes Mittagessen im Terrassenbereich eines Cafés in der Innenstadt. Sie hatten den Golden Retriever aus der Tierhandlung abgeholt, der neben Chase' Stuhl saß, sich von ihm kraulen ließ und wachsam die vorbeigehenden Passanten musterte, als müsste er Chase vor ihnen schützen.
Über das innige Verhältnis hatte Wilson mehr gestaunt als er; von Dandylion wusste er nichts. Kopfschüttelnd und immer wieder einen ungläubigen Blick auf Chase werfend, der nichts bis auf den Hund wahrzunehmen schien, zersäbelte er sein Roastbeef.
„Verblüffend, wie er mit dem Tier kommuniziert. - Also, was sind deine edlen Pläne als frischgebackener Vormund? Ich meine, wenn dein Zwangsurlaub vorüber ist."
„Warum hast du es getan?" fragte House, das Kinn auf die verschränkten Finger gestützt.
Wilson spülte den letzten Bissen mit einem Schluck Bier herunter und blinzelte jungenhaft und ahnungslos. „Was getan?"
„Du weißt, was ich meine. Du bist derjenige, der das Sanatorium aufs Tapet gebracht und mein Team irre gemacht hat. Und heute Morgen gibst du mir Rückendeckung für die Vollmacht. Wie das? Ich muss annehmen, dass eine böswillige Absicht dahinter steckt."
„House. Wie kannst du das denken? Wir sind Freunde. Und Chase ist gut für dich. Durch ihn lernst du, Verantwortung zu übernehmen oder versuchst es wenigstens, und das bisher offenbar nicht einmal schlecht. Die Tatsache, dass du eine Befugnis über ihn besitzt, bedeutet aber noch lange nicht, dass du ihn nicht irgendwann doch einweisen wirst."
„Du misst mit zweierlei Maß. Du willst mich auf die Probe stellen", erkannte er mehr amüsiert als verärgert und tippte über seinem Pappbecher Kaffee auf ihn.
„Chase hat mir leid getan", nuschelte Wilson. „Irgendjemand sollte sich um ihn kümmern. Dass es nicht einmal seine einzige Verwandte tut, ist ein herber Schlag."
„Weißt du was? Es ist komisch, aber ich bin fast geneigt, dir zu glauben."
„Mach' dich nur lustig über mich. Nenn' mich einen heuchlerischen Gutmensch."
„Ich bin weit entfernt davon."
„Du wirst scheitern, House."
„Darin bin ich nicht besonders gut."
oOo
Im Park gingen sie lange spazieren. Chase hatte für die Enten ein Stück Brot aufgehoben, das er zerkrümelte und ihnen zuwarf. An manchen Tagen konnte er sich einreden, dass der Park gewisse Erinnerungen weckte, doch heute hatte er nur Augen für den neuen Spielkameraden, den House von der Leine gelassen hatte, wenngleich ein aggressiver Schilderwald auf den Grünflächen darauf hinwies, dass freilaufende Hunde verboten waren.
Der Hund umschwänzelte Chase ohne Unterlass, fast als fürchtete er, sein junger neuer Herr nähere sich zu nah dem Wasser und würde ertrinken. Graziella hatte ihnen erzählt, dass der ehemalige Besitzer an Demenz erkrankt war. Wahrscheinlich hatte der Hund mit seinem sechsten Sinn daher einen ausnehmend großen Beschützerinstinkt für Schwache und Benachteiligte entwickelt und übertrug ihn auf Chase. Sicher wäre es kein Fehler, ihn zu nehmen, nicht allein um Chase eine Freude zu machen, aber er hatte weder den Platz noch die Zeit für ein so anspruchsvolles Haustier.
Schnatternd und flügelschlagend machten die Wasservögel sich über die Brosamen her, und Chase kehrte zufrieden zu House und Wilson auf die Bank zurück, Five dicht auf den Fersen oder ihn umtänzelnd. Aus dem Büro hatte Chase den Filzball stibitzt, den der Golden Retriever nicht müde wurde, zu apportieren.
Stolz wischte er ihm das ins Gesicht gefallene Haar aus der Stirn, worauf Chase ein bisschen grunzte und flüchtig den Kopf an seine Schulter bettete, um dann wieder den Ball hinauszuwerfen, dem der übereifrige Five hinterher jagte.
„Ich habe einen Sohn. Ganz offiziell." Und viel mehr.
Wilson grimassierte und rieb sich skeptisch den Nacken, ehe einen mahnenden Zeigefinger auf House richtete. „Du wirst es nicht lange durchhalten. Außerdem hast du meine Frage von vorhin nicht beantwortet. Wie sieht denn deine – eure – Zukunft aus? Die Frist, die Cuddy dir gesetzt hat, ist bald um. Was kommt dann? Deine Kündigung und der Umzug mit Chase ins Märchenland?"
„Ich kündige nicht. Es wird sich nichts ändern. Ich nehme ihn mit zur Arbeit und abends wieder nach Hause. Vielleicht in ein neues. Ich habe schon lange vor, auszuziehen", log er. „Der Einfall mit dem Märchenland ist gut. Vielleicht gibt es da eine erschwingliche Villa mit fünf Schlafzimmern, einem Pool und Strand."
„Wow. Das muss Liebe sein. Du hasst Veränderungen."
