10
Die ganze Müdigkeit, war mit einmal wie weggeblasen. Martin stand wie gelähmt vor der Wohnungstür und wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Täglich hatte er mit verschwundenen, entführten und auch mit den Hinterbliebenen zu tun, aber das war sein Job. Nie hatte er einen Gedanken daran verschwendet, das so etwas auch mal in seiner Familie passieren könnte. Martin stand in seinem Hausflur vor seiner Tür und sagte kein Wort, er war geschockt.
„Hast du mich verstanden Martin? Ich habe gesagt, das er jetzt deine Mutter hat."
„Ja, natürlich habe ich dich verstanden, Dad. Ich werde sofort Jack bescheid sagen, dann können Jack und Danny uns helfen Mom zu finden."
„Nein! Nein, das wirst du nicht, du wirst keinem etwas sagen, das müssen wir alleine erledigen. Es ist deine Schuld, dass er sich deine Mutter geholt hat. Hättest du gleich erledigt, was du solltest, wäre das alles nicht passiert. Du siehst jetzt zu, das du so bald wie möglich wieder nach Washington kommst."
Mit diesen Worten legte Victor einfach auf und ließ seinen Sohn mit seinen Ängsten alleine zurück.
Martin machte kein Licht an, es war schon spät und er wollte Danny nicht wecken. Er zog an der Tür die Schuhe aus, lief schnell ins dunkle Bad und übergab sich erstmal.
Danny wachte von dem würgenden Geräusch auf, welches Martin machte und kam ins Bad. Er machte Licht an und fand einen kreidebleichen Martin, der im Badezimmer auf dem Boden saß, vor. Und er sah wirklich alles andere als gut aus.
„Was ist mit dir los, Martin? Ich will jetzt endlich wissen, was mit dir los ist, da muss doch was sein, denn umsonst übergibst du dich doch nicht."
„Ich kann es dir nicht sagen, Danny", flüsterte Martin.
„Bitte, lass mich in Ruhe."
„Nein, ich lass dich jetzt nicht mehr in Ruhe. Du wirst Krank, wenn du dir nicht helfen lässt und das lasse ich nicht zu. Du hast ein Problem, mit dem du alleine nicht fertig wirst und es hat mit deinem Vater zu tun, stimmt doch oder?"
Martin sah auf den Fußboden zwischen seine Beine und nickte nur stumm. Danny zog ihn auf die Füße und erschrak erst mal.
„Gott Martin, wo hast du das blaue Auge her?"
Martin antwortete nicht, er sah nur weg.
Danny streckte die Hand nach ihm aus, drehte Martins Kinn zu sich, so das er ihn ansehen musste und meinte: „Ich will für dich da sein, aber du musst mich auch lassen."
Martin sah Danny in die Augen.
„Ich kann nicht", dann drehte er sich um und übergab sich ein zweites Mal.
Langsam bekam Danny um Martin Angst, so schlecht ging es ihm noch nie. Martin stand auf, spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, dann drehte er sich um und ging ins Schlafzimmer. Er suchte sich frische Kleidung raus und begann sich umzuziehen. Danny kam zu ihm und sah ihn erstaunt an.
„Was wird das?"
„Ich ziehe mir etwas Frisches an, das siehst du doch."
Als Martin fertig war, wollte er zur Tür, doch Danny stellte sich ihm in den Weg.
„Wo willst du hin?"
„Ich muss noch mal nach Washington, könntest du Jack bescheid sagen?", Martin wollte Danny beiseite schieben und an ihm vorbei, das Schlafzimmer verlassen.
„Was soll das heißen, du musst noch mal nach Washington? Ich lasse dich erst vorbei, wenn du mir alles erzählt hast."
„Danny, lass mich vorbei!", Martin wurde langsam sauer. Er machte sich sorgen um seine Mutter und auch Vorwürfe.
„Nein!", Danny trat keinen Schritt beiseite.
„Danny bitte!"
„Nein, du sagst mir was los ist und ich lasse dich gehen."
„Ich kann nicht, versteh doch!"
„Nein, ich verstehe nicht, erkläre es mir."
„Ich kann nicht!"
„Doch du kannst und du wirst oder du bleibst hier!"
Danny sah Martin so ernst an, dass Martin in seinen Augen lesen konnte, dass er ihn nicht vorbeilassen würde, es sei denn, er würde ihm alles erzählen. Martin resignierte, es hatte ja doch keinen Sinn. Danny würde ihn nicht vorbeilassen, also musste er es ihm wohl oder übel erzählen.
„Also gut, ich werde es dir erzählen."
Danny ging zum Bett und zog Martin mit sich, dann setzte er sich und zwang ihn sich zu ihm zu setzen.
„Also gut, fang an", Danny sah Martin auffordernd an.
„O.k. Vor zwei Tagen, kam mein Vater nach New York und wollte mich sprechen. Er verlangte von mir, dass… dass ich ein Beweisstück aus einem aktuellen Fall, verschwinden lassen sollte. Er sagte mir nicht warum, er verlangte es einfach nur. Ich wollte nicht und außerdem konnte ich ja auch nicht einfach verschwinden. Und als er nicht locker ließ und… und ich es nicht machen wollte, rief er Jack an und befahl ihm, dass er mir freizugeben habe und mich nach Washington zu schicken hätte."
Danny hörte aufmerksam zu und unterbrach Martin nicht, stattdessen nahm er seine Hand. Er spürte, dass es Martin schwer fiel, all das zu erzählen. Er wollte, dass er spürte, dass er für ihn da war, egal was kam.
Martin war nervös, er machte sich Sorgen und wollte so schnell wie möglich zurück nach Washington.
„Ich sollte eine Seite aus einem Notizbuch verschwinden lassen, indem der Name des Abgeordneten Kurt Delany stand. Ich konnte es nicht tun, zum einen, weil ich es nicht wollte und zum anderen, weil es da eine Kamera gab. Und weil ich es nicht getan habe, hat Delany nun meine Mutter entführt und deswegen muss ich so schnell wie möglich wieder zurück nach Washington. Bitte Danny, lass mich gehen, es ist meine Schuld, dass er meine Mutter hat."
Martin wurde rot und sah weg. Er schämte sich, weil er es nicht tun wollte und damit seinen Vater im Stich gelassen hatte und weil er es doch tun wollte und damit eine Straftat begangen hätte. Und weil seine Mutter wegen ihm nun Leiden musste. Danny stand auf und zog Martin in seine Arme, dann küsste er ihn.
„Ich helfe dir, aber jetzt gehst du erst mal schlafen. Du siehst sehr erschöpft aus."
„Ich kann nicht schlafen gehen. Ich muss sofort nach Washington fahren."
„Du willst doch nicht heute Nacht noch, mit dem Auto, nach Washington fahren, das ist eine Fahrt, von vier ein halb Stunden. Und der nächste Flug geht erst morgenfrüh um acht Uhr. Pass auf, wir legen uns jetzt schlafen und morgenfrüh, gehen wir Beide zu Jack und erzählen ihm alles und danach, da bin ich mir ziemlich sicher, fliegen wir alle drei nach Washington und Jack und ich, wir helfen dir, deiner Mutter und deinem Vater. Ist das ein Angebot?", Danny sah Martin gespannt an.
Martin dachte kurz nach, dann nickte er, dankbar, dass Danny ihm helfen wollte. Er war todmüde und wäre ganz sicher am Steuer eingeschlafen, wenn er doch noch in der Nacht nach Washington zurückgefahren wäre.
„Danke Danny. Ich liebe dich."
Nun nahm Martin Danny in den Arm und küsste ihn.
„Ich liebe dich auch, mein Schatz."
Bald waren sie im Bett und Martin schlief, in den Armen von Danny, schnell ein. Danny streichelte ihn noch mal, bevor auch er einschlief, glücklich darüber, dass er Martin wieder in den Armen halten konnte.
Früh am nächsten Morgen, fuhren sie Beide zur Arbeit, um mit Jack zu sprechen und ihn um seine Hilfe zu bitten. Jack hörte sich Martins Geschichte an und versprach ihm dann, dass auch er ihm helfen würde, seine Mutter zu finden. Jetzt wusste Jack erst, in was für eine Zwickmühle Martin gesteckt hatte und das er beinahe gar nicht anders Handeln konnte. Gerade, als Martin mit seinem Bericht fertig war, rief auch schon sein Vater wieder an, der wissen wollte, wo Martin blieb. Martin versprach ihm, dass er sich gleich auf den Weg zum Flughafen machen würde, verschwieg ihm aber, dass er Danny wie auch Jack eingeweiht hatte. Er wollte nicht, dass sein Vater, schon wieder sauer auf ihn wurde, das wurde er schon früh genug.
Martin machte sich solche Sorgen, um seine Mutter, das er kurz bevor sie ins Flugzeug stiegen, freiwillig seinen Vater anrief, doch auch Victor hatte keine Neuigkeiten für seinen Sohn, was Martin nicht gerade ruhiger werden ließ.
Als sie in Victors Büro ankamen, war das erste, was er zu seinem Sohn sagte: „Hab ich dir nicht gesagt, das du niemandem etwas sagen solltest, Martin?", Victor funkelte Martin wütend an.
„Ja, hast du, aber du weißt so gut wie ich, dass wir Hilfe brauchen, um Mom zu finden, das schaffen wir nicht alleine."
„Darüber sprechen wir noch, Martin!", Victor atmete einmal tief ein, dann wandte er sich zu Jack und Danny um und begrüßte sie.
„So, können wir jetzt Klartext reden und erfahren worum es geht?", Jack wollte nun keine Zeit mehr verlieren. Victor erzählte allen Anwesenden, um was es ging, ließ aber die eigentliche Sache, weswegen er erpresst wurde aus. Er sagte nur, dass es ein Freundschaftsdienst war, mehr wollte er nicht darüber sagen und tat es auch nicht.
Nach langem hin und her, entschieden sie sich, dass Martin, der sich mit Computern wirklich gut auskannte, eine Kopie der Seite des Notizbuches herstellen sollte, die sie dann dem Abgeordneten anbieten konnten. Eigentlich, war es Victors Idee, nur hatte er nicht an seinen Sohn gedacht, der die Kopie herstellen sollte. Martin stimmte zu, war er doch froh, endlich helfen zu können.
Jack ging mit Danny rüber zum 4. Revier und Danny machte ein Foto von der Seite.
Martin stöpselte die Digikamera an einen Laptop und verzog sich dann, in eine stille Ecke, wo er in Ruhe an der Seite arbeiten konnte. Martin war völlig konzentriert bei der Sache, er merkte nicht mal, dass Jack, Danny und sogar sein Vater ab und an zu ihm rüber kamen und ihm über die Schulter sahen.
Dann endlich, hatte er die Seite fertig und druckte sie aus und sie sah richtig gut aus. Am Ende, knickte er noch die linke Seite ein klein wenig um und riss den Teil an einem Lineal entlang ab. So sah es so aus, als wäre die Seite aus einem Notizbuch herausgerissen worden. Während Martin beschäftigt war, hatten die anderen Drei sich schon Gedanken gemacht, wie es nun weiter gehen sollte und teilten Martin ihre Überlegungen jetzt mit. Nun konnten sie sich mit Kurt Delany in Verbindung setzen. Der Abgeordnete bestand darauf, dass Victor seinen Sohn, die Seite übergeben lassen sollte. Er kannte Martin zwar nicht so gut, aber Victor, vertraute er noch weniger und außerdem war es Martins Mutter, um die es hier ging, da würde er sich bestimmt zusammenreißen. Schnell wurde ein geeigneter Übergabeort gefunden und besprochen wie es ablaufen sollte. Martin sollte zwar alleine kommen, aber weder Jack noch Danny, wollten ihn alleine gehen lassen, sie wollten ihm Rückendeckung geben und ließen sich auch nicht davon abbringen. Also fuhren Jack und Danny, gemeinsam mit Martin, ein paar Minuten vor der Zeit zum Treffpunkt, zu der alten Fabrik, wo der Austausch stattfinden sollte. Victor blieb in seinem Büro zurück.
