William Arthur Weasley ist zehn Jahre alt.
William Weasley, von seiner Familie nur Bill genannt, war zusammen mit seinem Bruder Percy auf dem Rückweg aus dem Dorf, wo sie für ihre Mutter ein paar Einkäufe erledigt hatten.
Eigentlich wäre er viel lieber mit Charlie unterwegs gewesen, doch im 9. Monat ihrer sechsten Schwangerschaft hatte Molly Weasley einfach nicht mehr die Energie ihre Rasselbande ohne die Hilfe ihrer beiden ältesten Söhne unter Kontrolle zu halten.
Deswegen hatte er Percy mit zum einkaufen nehmen müssen, während Charlie die undankbare Aufgabe zu teil geworden war die schrecklichen Zwillinge zu hüten.
Aber wenigstens konnte Charlie zuhause bleiben und spielen und wurde nicht dauernd ins Dorf geschickt um irgendwelche Dinge zu erledigen.
Warum musste er nur immer der Älteste sein?
„Bill, warte auf mich!"
„Natürlich, Perce", sagte Bill und versuchte alle Ungeduld aus seiner Stimme zu verbannen.
Wenn man mit Percy unterwegs war brauchte man immer ewig.
Im Gegensatz zu Charlie, Fred und George die wie kleine Wirbelwinde nie gehen, sondern gleich rennen gelernt hatten, bewegte Percy sich im Schneckentempo und fiel immer wieder hinter seinem älteren Bruder zurück.
Bill blieb stehen und wartete bis der fünfjährige zu ihm aufschloss, dann setzte er seinen Gang genauso schnell fort wie zuvor.
„Bill, nicht so schnell", jammerte Percy nur fünf Minuten später und Bill blieb abermals stehen.
Das Spiel setzte sich den ganzen Weg bis zum Fuchsbau fort, doch Bill tadelte den Jüngeren nicht ein einziges Mal.
Er versuchte all seinen Brüdern die gleiche Aufmerksamkeit und Freundlichkeit zu Teil zu bringen, doch bei Percy war das manchmal ganz schön schwer.
Schon jetzt war es unverkennbar, dass Percy „anders" war als alle anderen Weasley Brüder.
Er zog sich immer ordentlich an, benutzte niemals Schimpfwörter oder machte Streiche und war ein schrecklicher Besserwisser.
Die einzige Gemeinsamkeit die Bill mit seinem Bruder verband war (abgesehen von dem roten Haar und ihrem Nachnamen) ihre Liebe zu Büchern.
Leider war Percy besonders fasziniert vom Ministerium, wo ihn ihr Vater als einzigen manchmal mit hinnahm.
Die Zwillinge konnte man dem Ministerium kaum zumuten und Charlie und Bill hatten niemals besonderes Interesse an dem langweiligen Büroalltag gezeigt, sodass diese seltsame Eigenart Percy abermals von den anderen abnabelte.
Trotzdem blieb Percy sein Bruder und Bill war wild entschlossen alle seine Brüder gleich gern zu haben.
Als sie endlich den Hügel erreicht hatten, von dem aus man den Fuchsbau sehen konnte hatten sie doppelt so lange gebraucht wie normal.
„Sieh mal, gleich sind wir da", sagte Bill und lächelte Percy aufmunternd zu.
„Was macht denn Charlie da", entgegnete Percy stirnrunzelnd und zeigte auf eine Stelle im Garten, in dem Charlie sich wild umher drehte und dabei irgendwelche Gegenstände durch die Gegend schleuderte.
„Er entgnomt den Garten", antwortete Bill langsam und begann abrupt schneller zu gehen.
„Warte", rief Percy ihm hinterher, doch diesmal ignorierte er ihn.
Schwer atmend erreichte Bill Charlie nur wenige Sekunden später.
„Hat Percy dich zu 'nem Wettrennen heraus gefordert", witzelte Charlie als er seinen Bruder bemerkte.
„Charlie", sagte Bill drohend.
Unbeeindruckt schleuderte der achtjährige den letzten Gnom weit von sich.
Er traf (ganz ausversehen natürlich) direkt neben Percy auf dem Boden.
Verschreckt sprang Percy in die Luft und funkelte dann wütend Charlie an, bevor er sich umdrehte und im Haus verschwand.
„Charlie", wiederholte Bill. „Wo sind die Zwillinge? Du solltest doch auf sie aufpassen!"
„Keine Sorge, die schlafen", sagte Charlie leichthin.
Bill starrte ihn ungläubig an, doch bevor er noch etwas sagen konnte drang schon ein Markerschütternder Schrei durch den Fuchsbau.
„CHARLIE WEASLEY! Komm SOFORT hierher!"
Jetzt doch etwas beunruhigt zuckte Charlie leicht zusammen.
„Sie würde doch nicht so schreien, nur weil ich einen Gnom nach Percy geworfen habe, oder?"
Bill schüttelte den Kopf.
„Bestimmt haben die Zwillinge Ronnie wieder in die Waschmaschine gesteckt oder so. Du hättest sie lieber nicht alleine lassen sollen", meinte er, während die beiden Jungen sich auf den Weg nach drinnen machten.
„Aber ich hab doch extra", begann Charlie, doch in diesem Moment hatten sie die Küchentür erreicht und vor ihnen baute sich einen wütende Molly Weasley auf.
Ihr Gesicht war knallrot angelaufen als sie zwischen ihren Zähnen heraus presste: „Hast du Fred und George an ihre Betten GEFESSELT?!"
Bill musste sich ein breites Grinsen verkneifen.
Das war so typisch.
„Mum, erst letzte Woche haben die beiden bei mir das gleiche versucht. Ich wollte ihnen doch nur zeigen, dass man solche Sachen nicht machen darf", beteuerte Charlie mit Unschuldsmiene.
Molly schnappte nach Luft.
„Charlie! Fred und George sind gerade mal drei Jahre alt! Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass die beiden in der Lage dazu wären sich so etwas auszudenken und durch zu führen! Wie hätten sie an das Seil kommen sollen? Außerdem sind sie viel zu schwach dafür."
Bill und Charlie warfen sich einen Blick zu.
Im Gegensatz zu ihrer Mum wussten sie ganz genau wozu die Terror-Zwillinge wirklich fähig waren.
„Und hast du wirklich Percy einen Gnom an den Kopf geworfen, Charlie", fuhr Molly bebend fort.
„Er hat doch überhaupt nicht getroffen", rief Charlie verteidigend aus.
Bill vergrub innerlich das Gesicht in den Händen.
Autsch.
Das hätte sein Bruder besser nicht sagen sollen.
„Was soll ich nur mit dir machen? Erst fesselst du deine armen dreijährigen Brüder und dann bewirfst du auch noch Percy! Dabei hat dir keiner von ihnen irgendetwas getan."
Molly schüttelte verzweifelt den Kopf, während Charlie versuchte sich irgendwie aus seiner misslichen Lage heraus zu reden.
Verstohlen schlich Bill sich in die Küche und begann die Einkäufe einzuräumen.
Ob Charlie es wohl je lernen würde?
Die Terror-Zwillinge ließen sich bei ihren Streichen wenigstens nicht erwischen – zumindest nicht von Mum.
Genau in diesem Augenblick kamen die Übeltäter die Treppe hinunter geschlichen und sahen sich verschwörerisch um.
Bill hörte Ronnie im Wohnzimmer vor sich hin brabbeln und erkannte sofort was die Zwerge vor hatten.
Mit zwei großen Schritten hatte er die Küche durchquert und packte je einen rothaarigen Zwilling am Kragen.
„Na, wo wollen wir denn hin?"
Enttäuscht verzog Fred (oder George) das Gesicht.
„Lass uns los", rief George (oder Fred) und strampelte wild.
„Wir wollten doch-"
„Überhaupt nichts tun."
Bill zog die Augenbrauen hoch.
„Ich glaub euch kein Wort. Na los, ihr könnt mir helfen-"
Er stoppte mitten im Satz, denn ein aufheulen erklang aus dem Wohnzimmer.
„Rührt euch nicht vom Fleck", befahl Bill – obwohl er wusste, dass Fred und George ihn sowieso ignorieren würden – und ging schnell ins Wohnzimmer.
Auf dem Fußboden lag ein empörter Ron, vergraben unter seiner Wippe, in der er wohl zuvor gelegen haben musste und auf dem Sofa saß Percy, seelenruhig, als wäre nichts geschehen.
„Percy, was ist passiert?"
Percy zuckte mit den Schultern.
„Er ist umgekippt", sagte er altklug.
„Ja, das seh ich auch."
Bill seufzte und nahm die Wippe zur Seite – denn es machte ja sonst keiner.
„Alles klar, Ronnie?"
Der einjährige nickte und zog sich unbeholfen am Wohnzimmertisch hoch.
„Möchtest du zurück in die Wippe?"
„Nein!"
Ein Wort das Ron besonders früh gelernt hatte (kein Wunder, seit dem Fred und George da waren wurde es schließlich ständig benutzt).
„Möchtest du mit Percy ein Buch lesen?"
Wieder „Nein!"
„Tja, dann…"
Er sah sich um.
„Percy passt auf dich auf, nicht wahr Perce?"
Percy nickte gezwungen und Bill ging schnell wieder zurück in die Küche, wo er die Zwillinge zurück gelassen hatte – die jetzt nicht mehr da waren.
Stattdessen saß ein rotohriger Charlie am Küchentisch und Mum stand am Herd.
„Wo sind denn Fred und George", fragte Bill verwundert.
„Ich hab sie", rief jemand von draußen.
„DAD", schrien Charlie und Bill begeistert und liefen nach draußen um ihren Vater zu begrüßen.
„Was für eine nette Begrüßung", sagte Arthur, der je einen Zwilling auf der Hüfte trug, fröhlich.
Zusammen betraten sie wieder das Haus.
Erleichterung durchflutete Mollys Gesicht.
„Gut, dass du kommst, Liebling."
Sie stöhnte leicht und Bill erkannte erschrocken rote Flecken, die ihr Gesicht überzogen.
„Mummy-"
„Hast du dich angepipit", fragten die Zwillinge kichernd und deuteten auf den Fußboden.
Molly lächelte schwach.
„Das Baby kommt", erkannte Bill aufgeregt.
Arthurs Gesicht wurde ernst und er setzte die Zwillinge ab.
„Wehe ihr benehmt euch nicht. Tut alles was Bill euch sagt. Er hat die Verantwortung."
Er sagte dies in so einem ernsten Gesichtsausdruck, dass Fred und George nur benommen nickten.
Dad war niemals ernst.
Überhaupt nie.
Bill und Charlie griffen wie auf Kommando je nach einem Zwilling und hielten sie fest. Für alle Fälle.
„Komm, Liebes. Wir müssen ins St. Mungos", sagte Arthur sanft und stützte seine Frau.
„Was ist mit den Jungs", fragte Molly nervös. „Gideon und Fabian sind auf irgendeiner geheimen Mission für den Orden und Mrs. Lovegood aus dem Dorf hat auch erst letzten Monat ein Baby bekommen."
„Dann nehmen wir sie eben mit", sagte Arthur kompromisslos. „Bill du flohst zuerst mit Fred und George, dann kommt Percy allein und Charlie nimmt Ron. Na los, holt eure Umhänge!"
Ungeduldig ließ Bill die Beine immer wieder gegen Percys Stuhl knallen.
Es dauerte jetzt schon ewig!
Bei Ron hatte es jedenfalls nicht so lange gedauert.
Dachte er.
Er war sich nicht mehr sicher, da letztes Jahr Onkel Gid und Onkel Fabian bei ihnen gewesen waren und mit ihnen gespielt hatten.
Aber heute waren sie nicht da.
Heute war er der verantwortliche.
Er hätte seine Brüder beschäftigen und sie ablenken sollen, statt selbst ungeduldig vor Langweile und Neugier zu vergehen.
Er ließ die Blicke über seine fünf Brüder schweifen.
Ron lag ausgestreckt auf einem Stuhl und schlief seelenruhig, Percy hatte seine Nase wie immer in ein Buch gesteckt und Charlie spielte mit den Zwillingen irgendein Ballspiel auf dem Fußboden.
Eigentlich hätte er das tun sollen.
Er war doch der große Bruder.
Manchmal, dachte er seufzend, wäre er doch lieber wie Charlie gewesen, der Zweitgeborene.
Dann hätte er sich nicht immer um alle kümmern müssen.
Egal wo er war, er fühlte sich immer verantwortlich für seine Brüder, da sie jünger waren als er.
Nun als zweiter hätte er es sicher auch nicht leichter gehabt, zwar oblag ihm als erster die gesamte Verantwortung, doch Charlie half ihm schließlich wo er konnte.
Ron quakte im Schlaf und rollte sich zur Seite, sodass nun eines von seinen dicken Babybeinchen vom Stuhl herab hing.
Bevor Bill sich bewegen konnte grinste Charlie vom Fußboden zu ihm auf und rappelte sich auf, um Ron wieder richtig hinzu legen.
„Na na na, meine Lieben. Ihr müsst schön brav im Wartezimmer sitzen bleiben."
Bill sprang sofort auf und eilte zu der älteren Heilerin, die die Zwillinge dafür tadelte, dass sie sich klamm heimlich aus dem Staub hatten machen wollen.
„Entschuldigen Sie. Das sind meine Brüder", sagte Bill und legte Fred und George je eine Hand auf den Rücken.
Die Frau lächelte ihm zu.
„Die dort vorne auch", fragte sie freundlich und deutete auf die anderen drei.
Bill nickte, ein wenig stolz, dass man gleich erkannte, dass sie zusammen gehörten.
„Ja. Wir warten auf unsere Mum. Sie bekommt noch ein Baby."
„Hoffentlich einen Jungen", riefen Fred und George.
Die Heilerin hob die Augenbrauen hoch.
„Aber warum denn? Habt ihr nicht schon genug Brüder?"
„Ja, aber wir brauchen noch einen für unsere Quidditch Mannschaft", mischte Charlie sich grinsend ein.
Er hielt den nun wachen Ron auf dem Arm.
Auch Percy gesellte sich zu ihnen.
„Wissen Sie wie lange es noch dauert", fragte er höflich.
Die Heilerin schüttelte den Kopf.
„Jedes Kind braucht unterschiedlich viel Zeit", erklärte sie. „Und ihr wollt wirklich alle noch einen Bruder?"
Die Zwillinge und Charlie riefen: „Klar" und auch Percy nickte zustimmend.
Nur Bill blieb still.
Die Augen seiner Brüder richteten sich auf ihn.
„Ich glaube, eine Schwester wäre auch ganz süß", meinte er und wurde dann doch etwas rot.
„Babys sind doch nicht süß", murrte Charlie und hielt Ron als Beweis dafür in die Höhe.
Bill grinste.
„Na ich bin aber froh, dass wenigstens einer von euch sich ein Mädchen wünscht", ertönte da Dads Stimme.
Die Brüder wirbelten herum und staunten nicht schlecht, denn in den Armen ihres Dads lag ein winziges Bündel, eingewickelt in eine rosane Decke.
„Hatten sie keine blauen Decken mehr", fragten Fred und George gleichzeitig.
„Es ist ein Mädchen, ihr Dummköpfe", wisperte Charlie, doch aus seiner Stimme klang etwas, dass sich wie Ehrfurcht anhörte.
Kleine Jungs hatten sie schließlich alle schon gesehen, aber ein Mädchen war etwas wirklich Besonderes.
Auch Bills Augen waren staunend geweitet.
Sie wurden noch ein wenig größer als sein Dad IHN heran winkte und ihm das Baby reichte.
„Das ist eure kleine Schwester. Ginevra Molly Weasley."
Bill schloss seine Arme fest um das weiche Bündel und lächelte auf das winzige Mädchen mit den Haselnussbraunen Augen herab.
„Hallo Ginnylein", wisperte er und sah ehrfürchtig zu wie sie nach seinem Finger griff und ihn ganz fest mit ihrem Händchen umklammerte, als wollte sie ihn nie wieder los lassen.
Wie aus weiter Ferne hörte er Percy empört fragen: „Warum darf Bill sie zuerst halten?"
„Weil er der älteste ist", antwortete Dad.
Und in diesem Moment war Bill doch ganz froh der Erstgeborene zu sein, denn um nichts in der Welt hätte er in diesen Moment mit Charlie tauschen wollen.
