Kapitel 10 – Ein Klopfen an der Tür

Es war ein herrlicher Abend. Die Grillen zirpten, eine Amsel sang. Hermione fühlte sich wie magisch in Freie hinaus gezogen.

„Ich würde gern eine Weile die Abendluft genießen. Kommen Sie mit?"

„Ich möchte diesen Stapel noch fertig sortieren", erwiderte Snape mit einem hochkonzentrierten Ausdruck auf seinem hageren Gesicht.

Die Haare fielen ihm in die Augen und gaben ihm ein fast verwegenes Aussehen, stellte Hermione amüsiert fest. Heute trug er trotz der Wärme ein hochgeschlossenes Gewand und während der letzten Tage war ihr aufgefallen, dass er eine eindeutige Vorliebe für Dunkelgrün und Dunkelblau entwickelt hatte.

Es ließ ihn nicht mehr so hart und abgezehrt wie früher wirken, dachte sie, während sie sich einen leichten Umhang überwarf.

„Okay. Ich laufe nur zum See und bin spätestens in einer Stunde wieder zurück", rief sie von der Tür aus.

Snape konnte sich denken, wohin sie ging. Erst vor wenigen Tagen hatte er sie dort stehen gesehen. Und nichts von dem, wovor er solche Bedenken gehabt hatte, war eingetreten. Im Gegenteil – nun saß er sogar hier in der Hütte und hatte eine Aufgabe, die ihn mit Energie erfüllte. Und was das Wichtigste war: seine Identität blieb weiterhin geschützt.

Hermione Granger hatte sich als Glücksfall herausgestellt. Sie respektierte seine Privatsphäre und ihre unverblümte, klare Art lud zum Reden ein. Sie hörte ohne Wertung zu, eine angenehme Eigenschaft, die ausgesprochen selten war.

Abgesehen von seinen Bekenntnissen, als sie ihn mit ihrer Frage zum Vergessenstrank überrumpelt hatte, waren ihre Gespräche meist fachlicher Natur. Der freimütige Austausch über seine frühere Lehrertätigkeit hatte jedoch etwas sehr Befreiendes für ihn gehabt. Er, der jahrelang gezwungen gewesen war, jede Emotion zurückzuhalten, genoss die Unbeschwertheit solcher Konversation! Er musste erst 56 Jahre alt werden, um das zu erleben.

Von Ms. Granger wusste er bisher nur, dass sie in London lebte und die Buchhandlung mit einem der Weasley-Söhne führte.

Manchmal, wenn sie es nicht bemerkte, hatte er sie verstohlen studiert. Er spürte, dass unter ihrer gelassenen Oberfläche einiges schlummerte, was sie nach außen gut im Griff hatte. Ihre Augenbrauen und die leichte Falte über ihrer Nasenwurzel verrieten ihm, dass sie auch hitzig werden konnte. Ihre Natürlichkeit und Direktheit gefielen ihm. Er schätzte Menschen mit Rückgrat.

In gewisser Weise erinnerte sie ihn an Minerva. Die beiden besaßen viele Gemeinsamkeiten. Minerva war das anscheinend schon während Hermiones Schulzeit aufgefallen, denn sie hatte Hermione immer besonders gefördert.

Ihm selbst fiel es hingegen noch schwer, die altkluge kleine Person von früher mit der Frau von heute zusammenzubringen. Aber so viele Jahre waren seitdem vergangen, die Erinnerungen verblasst, einige Schuljahre vom Kampf gegen Voldemort und seine Anhänger geprägt, in denen er dem Unterricht und dem Schülerheer noch weniger Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Er konnte sich aber noch gut erinnern, dass Hermione Granger damals in Hogwarts dem Sohn der Longbottoms die Zutaten für Tränke souffliert hatte. Nicht immer brachte es das gewünschte Resultat, dazu war der Junge zu ungeschickt und zu sehr von Angst erfüllt gewesen.

Dass er einem Schüler eine solche Furcht einzuflößen vermocht hatte wie Neville Longbottom, dass sogar dessen Irrwicht seine Gestalt annahm, war rückblickend eine erschreckende Erkenntnis für ihn gewesen. Doch unfähig, mit einem derart verschüchterten Jungen umzugehen, hatte er einst ein fast gehässiges Vergnügen daran gefunden, ihn zu provozieren, zum Teil auch, um ein bisschen Wut und Mut in ihm zu entfachen.

Er war als Pädagoge untauglich gewesen. Er verstand zwar Albus Beweggründe, ihn unterrichten zu lassen, aber fiel der Schaden, der bei einigen angerichtet wurde, auch unter Albus Philosophie, dass man einem großen Ziel viel opfern musste? Zählte der Einzelne wirklich so wenig?

Neville Longbottom hatte seinen Mut schließlich gefunden und sogar Voldemort getrotzt. Ausgerechnet Longbottom hatte die Schlange getötet, der er, Snape, fast erlegen war. Das Schicksal ging erstaunliche Wege.

Es war erstaunlich, wie bruchstückhaft in den letzten Tagen während des Sortierens Erinnerungen aus der Vergangenheit wieder ans Licht kamen.

Auch Draco Malfoy hatte zu Hermione Grangers Jahrgang gehört. Er war ein arroganter, wenn auch nicht dummer Knabe gewesen, vom Vater für die dunkle Seite aufgehetzt und von der Mutter verhätschelt. Eine ungünstige Kombination, die ihm viel Kopfzerbrechen bereitet hatte und die ihn als Hauslehrer und Pate sich in gewisser Weise für ihn verantwortlich fühlen ließ, um ihn vor dem gleichen Fehltritt bewahren, den er in seiner eigenen Jugend begangen hatte. Auch wenn es ihm nicht ganz geglückt war, so konnte er zumindest mit ruhigem Gewissen sagen, in diesem Fall sein Bestes versucht zu haben.

Die Rivalität zwischen Malfoy mit seinen grobschlächtigen Kumpanen und Potters Kreis war über die übliche Häuserrivalität hinausgegangen. Sie hatte ihn so einige Male an seine eigene freudlose Schulzeit erinnert.

Er verscheuchte diese Erinnerungen und wandte seine Gedanken wieder der heutigen Hermione Granger zu. Natürlich war absehbar gewesen, dass sie mit ihrem Wissensdurst auch beruflichen Ehrgeiz entwickeln und vielseitige Interessensgebiete verfolgen würde. Aber sie hatte auch eine persönliche Ausstrahlung hinzugewonnen, der man nicht oft begegnete.

sssssssssssssssssss

Hermione saß an ihrer Lieblingsstelle am See. Sie hatte plötzlich das dringende Bedürfnis nach frischer Luft verspürt. Das süße Singen der Amsel hatte eine Sehnsucht in ihr geweckt, die sie nicht näher benennen konnte.

Vorhin hatte sie bemerkt, dass Snape sie eindringlich musterte. Wenn man ihr früher gesagt hätte, dass sie eines Tages einträchtig mit ihm an einem großen Holztisch sitzen und seine Aufzeichnungen sortieren würde, hätte sie diejenigen als Kandidaten für einen Aufenthalt in St. Mungos empfohlen. Genauso unglaubwürdig hätte sie Voraussagen gefunden, dass sie ihn eines Tages sogar mögen könnte. Doch es stimmte: Sie schaute gern den ruhigen Bewegungen seiner Hände mit den langen, feingliedrigen Fingern zu, wenn er die Aufzeichnungen umblätterte und sie mochte seine Art zu sprechen.

Er flößte ihr zwar noch immer Respekt ein, aber durch sein höfliches, gelassenes Auftreten war nichts Einschüchterndes mehr an seiner Person. Nach und nach hatte sie sogar einige bekannte Verhaltensweisen an ihm entdeckt, die sie jetzt als Erwachsene eher erheiterten.

Seine ironischen Bekenntnisse über seine Lehrerzeit waren dennoch verwirrend für sie gewesen. Aber sie hatte auch den Eindruck gehabt, dass es ihm Spaß bereitete, sie mit dieser plötzlichen Offenheit und Mitteilsamkeit durcheinander zu bringen und zu provozieren.

Noch drei Tage, dann musste sie zurück nach London. Einerseits freute sie sich auf ihre Wohnung und ihre Freunde, doch ganz unbeschwert war diese Freude nicht. Diese konzentrierten Arbeitsnachmittage und -abende würden ihr fehlen.

sssssssssssssssssss

Snape sortierte gerade den großen Stapel Pergament über giftige Zutaten weiter, als es draußen klopfte. War Ms. Granger schon zurück? Aber warum klopfte sie?

Er löschte das Licht und blickte vorsichtig aus dem Fenster. Doch von dort konnte er die Tür nicht sehen.

Leise lief er in den Nebenraum und spähte hinaus.

Vor der Tür stand ein großer, schlaksiger Mann mit dunklen, zerzausten Haaren und Brille.

Er erkannte ihn.

Es war Harry Potter.

Snape erstarrte. Warum musste Ms. Granger ausgerechnet jetzt spazieren sein?

Er konnte nicht einfach apparieren und die kostbaren Aufzeichnungen liegenlassen. Wenn er die mühevolle, tagelange Sortierung nicht gefährden wollte, musste er den Verwandlungszauber anwenden, doch der dauerte zu lange. Inzwischen wäre Potter längst in der Hütte.

„Hermione?" rief Harry in dem Moment von draußen. Ihm war mulmig zumute. Er hatte den Umriss eines Mannes am Fenster gesehen. Dann war plötzlich das Licht ausgegangen. Wo war Hermione? Hoffentlich war ihr nichts geschehen!

Snape spielte auf Zeit, in der Hoffnung, dass Ms. Granger zurückkehren und Harry Potter eine glaubhafte Geschichte auftischen konnte, bevor dieser die Hütte betrat. „Sie kommt gleich wieder", rief er mit verstellter Stimme.

„Wer ist da? Öffnen Sie sofort" – forderte Harry ungeduldig.

„Bitte bleiben Sie zu Ihrem eigenen Besten draußen, sie ist gleich wieder da und wird alles erklären." rief Snape alarmiert.

Harry war nun richtig besorgt. „Wo ist Hermione, wer sind Sie und was tun Sie hier?"

Snape fluchte. Was sollte er jetzt tun? Potter hatte doch ohnehin einen Schlüssel zu seiner eigenen Hütte und würde unweigerlich das Haus betreten.

Und plötzlich war er sämtliche Versteckspiele leid. Er lief zur Tür, rief nahezu heiter „Ich habe Sie gewarnt, Potter" und öffnete.

Harry Potter - Bezwinger Voldemorts, Held und erfolgreicher Auror – starrte sein Gegenüber an, wurde kreideweiß und verlor das Bewusstsein.

Alle ausgeliehenen Charaktere gehören J. K. Rowling. Ich schreibe allein aus Freude und es sind keine finanziellen Vorteile damit verbunden.