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Gefühle gab es nicht, es gab den Frieden. Unwissenheit gab es nicht, es gab die Weisheit. Leidenschaft gab es nicht, es gab Gelassenheit. Tod gab es nicht, es gab die Macht. Die Macht durchdrang alles Lebendige, hielt die Galaxis zusammen. Lir konzentrierte sich auf seinen Kontakt zur Macht. Er spürte, wie die Energie der Macht ihn umgab und einhüllte. Für Außenstehende war die Macht eine religiöse Glaubensdarstellung und lediglich ein Werkzeug, das sich für Manipulationen jeglicher Art einsetzen ließ. Doch die Macht war mehr als Religion und Werkzeug. Die Macht verlieh dem Jedi seine Stärke, hielt die Ordnung der Galaxis aufrecht. Lir bezog aus ihr Ruhe, Hoffnung, Kraft. In tiefer Meditation versunken, passte er seine eigene Energie der Umgebung an, wurde Eins mit der Macht. Er konnte die Macht manipulieren, um seine Eigenschaften zu steigern, konnte die Macht verändern, um so viele fantastische Dinge zu bewerkstelligen. Doch nun gab er sich gänzlich der Macht hin. Er war in vollkommenem Einklang mit sich selber und mit der Macht. Woran liegt das nur, fragte sich ein Teil seines Verstandes. Vielleicht an der Langeweile, dass es keine ablenkenden Dinge hier gab. Oder es lag an Kashyyyk. Die wunderbare Welt spiegelte den Einklang von Technik und Natur wieder. So wie Lir nun im Einklang mit der Macht war. Doch hatte Lir auch mehrere Minuten gebraucht, um so ruhig zu werden. Würde er im Ernstfall ebenfalls ruhig bleiben können? Würde er bei Stress und Sticheleien stark bleiben können? Plötzlich nahm Lir eine Erschütterung der Macht war, ein Kräuseln. Als werfe man einen Stein in einen See. Etwas tastete durch die Macht nach ihm. "Komm zu mir", hallte es in seinem Kopf. Sofort löste sich der Jedi-Schüler aus der Meditation und schreckte hoch. Er fand sich im Pilotensessel des alten Frachters wieder. Ryan saß auf dem Sitz des Copiloten und meditierte ebenfalls. "Meister Tyvokka braucht mich", rief Lir und nahm sein Lichtschwert vom Gürtel. "Unsere Meister stecken in Schwierigkeiten." Ryan öffnete seine Augen. Er runzelte die Stirn. "Ich habe nichts dergleichen gespürt", meinte er und streckte sich. Lir grinste seinen Kumpel an. "Dann hast du entweder geschlafen oder Tyvokka hat nur mich gerufen. Los, wir machen uns besser auf den Weg." Lir drückte einen Knopf und ließ die Einstiegsluke des Frachters nach unten fahren. Ryan erhob sich nun. "Hast du wenigstens genaue Anweisungen bekommen?", wollte er von Lir wissen. Doch sein Mitschüler schüttelte den Kopf. "Vielleicht brauchen sie einfach nur Hilfe. Los komm schon." Mit diesen Worten stürmte Lir aus dem Cockpit, durch den Korridor des kleinen Frachters und die Einstiegsrampe hinab. Ryan eilte ihm hinterher und als beide das Schiff verlassen hatten, gab Ryan in einer versteckten Konsole an der vordersten Landekufe einen Kode ein. Die Luke schloss sich wieder. "Und wohin nun?", fragte Ryan, als er mit Lir über einen langen, hölzernen Steg die Landeplattform verließ. "So viele Wege gibt es nicht", meinte Lir nur und deutete nach vorne. Der Steg endete an einer kleinen Plattform an der Seite eines riesigen Baumes. Eine Wendeltreppe nach oben würde sie zu einigen Gebäuden bringen. Ein Aufzug schien nach unten zu führen. "Du hast nicht zufällig gesehen, in welche Richtung unsere Meister mit den Söldnern verschwunden sind?", fragte Lir und blieb unter der Wendeltreppe stehen. Ryan schüttelte mit dem Kopf. "Hab nicht darauf geachtet. Also, was nun?"

Die Frage wurde mit einem lauten Plonk beantwortet, als neben ihnen eine faustgroße Kugel auf das Holz knallte und wieder etwas in die Höhe flog. Sofort wussten beide Jedi-Schüler, dass es sich um eine Granate handelte. "Runter!", brüllte Ryan und als Lir sich duckte und dabei zurück wich, griff Ryan die Granate mit der Macht und schleuderte sie vom Steg in die Tiefe. Nicht einmal einen Sekundenbruchteil später explodierte die Granate und der hölzerne Steg vibrierte. Teile des Geländers splitterten und der Steg knarrte bedrohlich. Doch schien die Trägerkonstruktion zu halten. Lir sah nach oben und aktivierte sein Lichtschwert genau zur rechten Zeit, als ein Blasterstrahl auf ihn zu schoss. Einige Meter über ihnen standen zwei bewaffnete Söldner und schossen von der Wendeltreppe aus auf ihnen. "Seite an Seite?", fragte Ryan und aktivierte sein eigenes Lichtschwert. Lir nickte nur und dann benutzten beide Schüler die Macht als Sprungbrett. Sie gingen in die Knie und sprangen dann mit aller Kraft nach oben, zwanzig Meter in die Luft. Sie landeten an der Außenseite der Wendeltreppe, hielten sich mit einer Hand fest. Sie waren nun genau bei den beiden Söldnern. Mühelos trennten die Jedi die Läufe der Blastergewehre ab, ehe sie sich über das Geländer schwangen. "Wo sind unsere Meister?", wollte Lir wissen und ließ sein Lichtschwert bedrohlich kreisen. Die Söldner waren sichtlich verängstigt. "Unten, bei der Verarbeitungsanlage", stammelte einer der Söldner. Ryan neigte den Kopf. "Vielen Dank." Er hielt einem der Söldner Zeige- und Mittelfinger an die Stirn. Der Söldner sackte bewusstlos zu Boden. Es war eine schwächere Form von Yaddles Technik. Nur, dass Ryan nicht die Körperfunktion verlangsamte sondern den Geist in eine Ohnmacht versetzte. Der zweite Söldner sah sichtlich erschrocken aus. "Bitte, tötet mich nicht", jammerte er, ehe Ryan auch seine Stirn berührte und den Mann schlafend zu Boden schickte. "Also auf nach unten", meinte Lir und sah nach unten, zu dem Aufzug. Ryan nickte und sie gingen schnell die Wendeltreppe hinab zum Aufzug. Als sie in die Tiefe blickten, konnten sie unten einige Gebäude im Halbdunkel erkennen. Einige mittelgroße Raumtransporter erhoben sich von kleinen Landeplätzen und schraubten sich in die Höhe. "Scheint, als hätten unsere Meister bereits ganze Arbeit geleistet", meinte Lir und schaltete sein Lichtschwert aus. "Die Söldner räumen das Feld." Er schwang sich über das Geländer und ehe Ryan noch protestieren konnte, ließ sich Lir in die Tiefe fallen. "Seite an Seite?", rief Lir noch und grinste, ehe er im Fallen nach unten blickte. Ryan erkannte, was sein Mitschüler vorhatte. Aber es gefiel ihm trotzdem nicht. "Bei der Macht... warum muss das gerade mir passieren?" Er sprang seinem Kumpel hinterher. Mit der Macht lenkten beide Schüler ihren Fall und bremsten den Aufprall ab, als beide auf einem der Raumtransporter landeten. Sie rutschten an der runden Seite hinab und fielen weiter in die Tiefe, ehe sie auf einem weiteren mittelgroßen Frachter landeten. Von dort aus konnten sie mühelos auf die untere Ebene springen.

Beide landeten inmitten von Blasterfeuer. Etliche Söldner hatten sie bereits erwartet. Lir und Ryan schalteten ihre Lichtschwerter an und widmeten sich ganz der Defensive. Sie wehrten Blasterschüsse ab und lenkten sie zurück. Viele der Söldner wurden von ihren eigenen Schüssen getroffen. Die Jedi-Schüler gaben sich ganz der Macht hin. Und zu seiner Freude stellte Lir fest, dass er ohne Zorn zu Recht kam. Er ließ sich einfach von der Macht leiten. In der Ferne, am anderen Ende des Platzes, kämpften Meister Tyvokka und Meisterin Yaddle. Auch sie schickten Blasterstrahlen zurück, stürmten aber gleichzeitig nach vorne, um ihre Angreifer niederzustrecken. Ryan benutzte die Macht, um die restlichen Söldner in ihrer Nähe nach hinten zu schubsen. Sie fielen auf ihre Rücken und Lir griff mit der Macht nach ihren Blastern, um sie ihnen aus den Händen zu reißen und über den Rand der Plattform in die Tiefe zu schleudern. Plötzlich packte Ryan Lirs Robe und zerrte ihn zu Boden. Und keinen Moment zu knapp, denn ein Landgleiter brauste eine Sekunde später über sie beide hinweg. Das Repulsorfeld, welches das Fahrzeug zum Schweben brauchte, presste die beiden jungen Männer für einen Moment feste auf den Boden. Dann sprangen sie wieder auf die Füße. Vom anderen Ende der Plattform her konnten sie Meister Tyvokka etwas brüllen hören. So, in dem Landgleiter saß der Anführer dieser Söldner. Lir sah sich um und erblickte einen Transportgleiter, mit dem die Wookiees Barren ihres Wroshyr-Holzes transportierten. "Schnell", rief er Ryan zu und lief zu dem Transportgleiter. Mit der Macht fegte er die Holzbarren von der Ladefläche, ehe er sich an die Kontrollen setzte. Ryan nahm neben ihm Platz und Lir startete den Gleiter und nahm die Verfolgung des flüchtenden Landgleiters auf. Sie entfernten sich von der Stadt Thikkiiana. Der Landgleiter gewann an Höhe und schließlich brauste er über die Baumwipfel der riesigen Wroshyr-Bäume. "Bring uns bitte nicht um", bat Ryan, als Lir einem dicken Ast auswich und der Transportgleiter dann ebenfalls über das dunkelgrüne Meer der Bäume hinweg fegte. Plötzlich zischten rote Blasterstrahlen an ihnen vorbei. Die Flüchtenden hatten also bemerkt, dass sie verfolgt wurden und hatten das Feuer eröffnet. Lir atmete tief durch und ließ die Macht durch sich strömen. Seine Hände lagen ruhig auf der Steuerung des Transportgleiters. So wich er mit minimalen Bewegungen den Blasterstrahlen aus. "Die sind schneller als wir", meinte Ryan nur, als der Landgleiter immer mehr an Distanz gewann. Lir knurrte und sah sich kurz um. Der Transportgleiter war etwa neun Meter lang. Vorne war die Fahrerkabine und dahinter die große Ladefläche. An der Unterseite waren die Repulsoraggregate, die den Gleiter zum Schweben brachten. "Ryan, bearbeitete mit deinem Lichtschwert die Ladefläche. Die Verdeckung des Repulsorantriebs ist nur zusätzlicher Ballast" Ryan runzelte die Stirn und sah Lir mit einem Blick an, als habe er sich in eine gamorreanische Rieseneidechse verwandelt. Doch er gehorchte und trat auf die Ladefläche. Nur dank der Macht konnte er sich auf dem Gleiter halten, die Balance bewahren. Denn jedes Mal, wenn Lir den Blasterschüssen auswich, musste Ryan sein Gewicht verlagern. Er ruderte heftig mit den Armen und schlug mit seinem Lichtschwert dann nach den Metallplatten. Er löste die Verschweißung und Metallplatte um Metallplatte fiel in die Tiefe, als Ryan die komplette Verkleidung des Transportgleiters entfernte. Als er sich wieder neben Lir hinsetzte, waren vom Transportgleiter nur die Fahrerkabine und der Antrieb übrig. "Ich sage es noch einmal: Bitte bring uns nicht um, Lir!"