Eine kleine Abendlektüre... und ein kleiner Zeitsprung... ;)
„Bis zur nächsten Woche hätte ich gerne zwei Rollen Pergament über die Zubereitung, die Wirkungsweise und die Gefahren des Vielsafttranks", verkündete Hermine am Ende des Unterrichts des siebten Jahrgangs. „Schönes Wochenende!"
Schwatzend machten sich die Schüler auf in ihre Gemeinschaftsräume. Es war Freitagnachmittag und Zaubertränke war das letzte Fach für diesen Tag.
Auch Hermine seufzte erleichtert. Dies war das erste Wochenende des Schuljahres, an dem sie so gut wie nichts zu tun hatte. Der Unterricht war seit Wochen vorbereitet und die letzten Aufsätze hatte sie an diesem Morgen zurückgegeben. Nun freute sie sich auf ein gemütliches Wochenende, an dem sie entspannen konnte.
Zwar fand in einer halben Stunde noch eine Lehrerkonferenz statt, doch diese würde nicht allzu lange dauern, da Albus lediglich eine Reflexion über das vergangene Quartal erwartete.
Sie räumte ihre Sachen zusammen und verließ den Unterrichtsraum. Als sie im Lehrerzimmer eintraf, waren die meisten ihrer Kollegen bereits da. Severus war einer von ihnen, doch als sie sich auf ihren Platz ihm gegenüber setzte, wandte er demonstrativ den Kopf zur Seite und wich ihrem Blick aus.
Hermine spürte, wie ihre Laune augenblicklich schlechter wurde, also holte sie einmal tief Luft und wandte ihre Aufmerksamkeit dem Gespräch neben ihr zu. Dennoch kam sie nicht umhin, ihren Blick immer wieder über ihren Kollegen gleiten zu lassen.
Severus sah noch immer nicht gesund aus, stellte sie fest. Ob er weiterhin dieses Zeug nahm? Dieser Gedanke schoss ihr so plötzlich durch den Kopf, dass sie Mühe hatte, ihr Entsetzen zu verbergen. Was, wenn ja? Er wusste doch genau, dass die Einnahme ernste Konsequenzen haben konnte.
Als Albus das Lehrerzimmer betrat, machte sich Hermine eine kurze gedankliche Notiz, Severus auf den Trank anzusprechen.
„Meine lieben Kollegen, willkommen zur ersten Konferenz dieses Jahres", sagte Albus, der am Kopfende des langen Tisches Platz genommen hatte, und schenkte der Runde ein fröhliches Lächeln. „Ich bitte nun jeden von Ihnen um ein kurzes Statement bezüglich des vergangenen Quartals. Minerva?"
Geduldig ließ Hermine die Vorträge ihrer Kollegen über sich ergehen, bis sie schließlich selbst an der Reihe war. „Nun, ich bin positiv überrascht. Es gab zwar im sechsten Jahrgang zwei Vorfälle, bei denen ein Kessel explodierte, jedoch geschah das, weil Toby und Alex McInn bei beiden Malen die Kessel der Slytherins manipuliert haben."
„Sie sollten Ihre Gryffindors besser unter Kontrolle halten", vernahm sie eine leise, schneidende Stimme. Severus. Er besaß noch immer diese eigenartige Fähigkeit, selbst im leisesten Flüsterton von allen verstanden zu werden.
Hermine setzte ihre freundlichstes Lächeln auf und entgegnete: „Das hätte ich nicht gemusst, wenn Ihre Slytherins die beiden nicht bis zum Gehtnichtmehr provoziert hätten."
„Dann haben Sie die Klasse eindeutig nicht im Griff." Das erste Mal, seit sie diesen Raum betreten hatte, blickte er ihr in die Augen.
Das streitlustige Glänzen, das sie darin erkennen konnte, stachelte ihren gryffindorschen Gerechtigkeitssinn erst an. „Ich denke, ich habe meine Klassen besser im Griff als Sie es jemals hatten."
Severus stieß ein abfälliges Schnauben aus. „Glauben Sie? Bei Ihnen herrscht doch kaum Disziplin. Sie lassen doch alles durchgehen."
„Bei mir herrscht sehr wohl Disziplin und ich habe auch schon Hauspunkte abgezogen."
„Uh, Hauspunkte", spöttelte er. „Welch eine Disziplinarmaßnahme..."
„Ich sehe es eher als Aufgabe, meine Schüler zu motivieren, anstatt sie zu disziplinieren."
„Disziplin ist die notwendige Voraussetzung, um Zaubertränke zu brauen."
„Motivation auch!"
„Dass sie das Privileg haben, auf diese Schule zu gehen, sollte Motivation genug sein."
„Das sehe ich aber anders", gab Hermine betont ruhig zurück. „Erst, wenn Schüler genügend Motivation entwickeln, stellt sich auch die benötigte Disziplin ein. Dass Sie das anders sehen, verwundert mich nicht."
„Zweifeln Sie meine Unterrichtsmethoden an?" zischte er wütend.
„Ich halte es lediglich nicht für richtig, den Schülern so sehr Angst einzujagen, dass sie sich nicht trauen, im Unterricht einmal etwas zu sagen, oder dass sie laufend Tränke falsch brauen, weil sie sich nicht trauen, zu fragen, wenn sie sich unsicher sind." Dass sie sich damit auf Neville Longbottom bezog, war allen in diesem Raum klar.
Severus funkelte sie aufgebracht an und wollte gerade den Mund öffnen, als Albus dazwischenging. „Ich denke, wir sind nicht hier, um irgendwelche Diskussionen über die Unterrichtsführung zu besprechen", sagte er vorsichtig und warf Severus einen warnenden Blick zu, der diesen mit einem Zähneknirschen akzeptierte.
Innerlich konnte sich Hermine einen kleinen Jubel nicht verkneifen. Vielleicht lernte Severus jetzt endlich, dass sie nicht mehr die kleine Schülerin von früher war, die sich von ihm einschüchtern ließ.
Die übrigen Kollegen hatten den Wortwechsel der beiden schweigend und überrascht beobachtet. Dass Hermine es wagte, sich mit dem ungeliebten Kerkerkollegen anzulegen, führte nur dazu, dass ihr Respekt ihr gegenüber stieg. Minerva konnte ein leichtes Schmunzeln nicht verbergen.
„Minerva", meinte Albus schließlich nach ein paar Augenblicken des Schweigens, „du hattest ebenfalls noch ein Anliegen."
Die Lehrerin nickte und wandte sich an die Runde. „Nun, ich spiele mit dem Gedanken, das Amt als Hauslehrerin von Gryffindor niederzulegen."
Wumm. Das saß. Alle blickten sie erstaunt an, von Professor Flitwick kam ein überraschtes Quieken.
„Natürlich nur", fuhr Minerva fort, „wenn sich eine passende Vertretung für mich fände." Sie wandte den Blick auf die neben ihr sitzende Hermine und nach einigen Sekunden wurde dieser klar, worauf Minerva hinauswollte.
Mit einer hochgezogenen Augenbraue deutete Hermine auf sich und Minerva nickte. „Ja, Sie! Zum einen sind Sie eine Gryffindor, zum anderen sind Sie sehr verantwortungsbewusst und bei den Schülern doch sehr beliebt, wie ich das mitbekommen habe. Und außerdem haben Sie gerade eben wieder einmal bewiesen, dass Sie mir eine würdige Vertreterin wären." Schmunzelnd blickte Minerva zwischen ihr und Severus hin und her, woraufhin Hermine einen Laut ausstieß, der einem unterdrückten Lachen am ehesten nahe kam. Den finsteren Blick, den ihr Severus daraufhin zuwarf, ignorierte sie einfach.
„Okay", antwortete sie aus ihrer Intuition heraus, noch bevor sie wirklich nachgedacht hatte. „Ich würde es machen."
Minerva strahlte. „Mir fällt wirklich ein Stein vom Herzen, wissen Sie das, Hermine?"
„Ich denke, Minerva wird Ihnen alles Wichtige erklären", meinte Albus lächelnd. „Sie sagen mir dann Bescheid, wann sie diese Aufgabe letztlich übernehmen."
Hermine nickte, nun jedoch war sie es, die Severus Blick auswich. Was hatte sie sich da eingebrockt? Zwar fühlte sie sich der Aufgabe an sich gewachsen, jedoch dämmerte ihr erst jetzt, dass zu dieser Aufgabe auch das konstante Auseinandersetzen mit Severus gehörte. Sie erinnerte sich noch daran, wie oft Minerva und Severus während ihrer Schulzeit aneinander geraten waren. ‚Oh, Merlin...' seufzte sie lautlos.
tbc
