10) Ein abschmetternder Vielfraß und Komplottschmiederei
Nur keine Müdigkeit vorschützen, unser Team hat noch viel vor, und wir mit ihm. Vom Knast aus geht es in ein Aquarium mit einem großen Becken, wo fröhlich Fischchen schwimmen. Charles und Erik halten sich vorerst bedeckt. Wir sehen stattdessen einen jungen Rotschopf – na ja, eher Rotblondschopf – der sich vor der Glasscheibe mit einem Mädchen zu unterhalten versucht.
Sean: „Diese Paddelkerlchen sind der Hammer, oder?"
Mädchen: „Häh?"
Sean: „Ich Fischfreund, du Fischfreundin. Warum gehen wir nicht zur Nordsee um die Ecke, einen Fischburger mampfen und über Flossentiere und die Welt debattieren?"
Fail. Die Angebetete schickt sich an, den Raum zu verlassen.
Mädchen: „ Nö, vergiss es. Da hätte ich es sogar lieber, von einem Fisch angebaggert zu werden. Der blubbert Luft statt Quatsch und guckt viel intelligenter als du. Adieu!"
Auf diesen Schock hin lässt Sean einen Schrei Richtung Glasscheibe los. Tja, nicht jeder schafft es wie der gute Professor X in spe, seine Leidenschaften als Frauenköder einzusetzen. Man denke nur an die Barszene...
Aber hoppla, was ist denn das? Der Schrei hat irgendwie dazu geführt, dass alle süßen Fischchen das Weite suchen – beziehungsweise bestmöglich verschwinden, denn mit dem weiten Unterwasserreich Neptuns hat ein Aquarium herzlich wenig zu tun. Und eine solche Wirkung legt eine bestimmte Schlussfolgerung nahe. Haltet euch fest: Sean. ist. ein. Mutant.
Sean: „Also ich seh hier kein Fischifischi, das mit dir gehen würde."
Falls das ein Befreiungsschlag sein sollte, geht er daneben. Das Mädchen blickt nur irritiert bis verärgert und räumt dann endgültig das Feld. Für unsere beiden Rekrutierer, die sich so neben Sean stellen, dass sie ihn zwischen sich haben. Fluchtversuch zwecklos.
Charles: „Rede doch stattdessen mit uns. Wir sind sehr an Fisch interessiert."
Erik: „Außer an Aalen, die sind nicht koscher."
Ob Sean bei seiner Fischbegeisterung ebenfalls mit dem Magen dachte? Wie dem auch sei, wir können ihn mangels Widerworte der Liste von Neuzugängen hinzufügen. Gleich hinter Alex.
Als nächstes landen wir in einer kleinen, rauchgeschwängerten und auch sonst etwas versifft wirkenden Kneipe. Was wider Erwarten eine glückliche Fügung sein könnte, denn dort treffen wir auf ein wohlbekanntes Gesicht: Logan. Wolverine. Unser mürrischer und doch herzensguter Vielfraß mit den Krallenhänden. Sollten wir allerdings auf freundliche Worte für Charles und Erik gehofft haben, die gleich darauf antanzen, werden wir schmerzlich enttäuscht...
Charles: „Entschuldigen Sie die Störung zu so früher Stunde, mein Herr. Ich trage den Namen Charles Xavier."
Erik: „Und ich bin der bald berühmt-berüchtigte Erik Lehnsherr."
Logan (grundlos verstimmt): „Sollen mir diese Namen was sagen, ja? Tun sie aber nicht! Mein Pensum an A****löchern ist für heute erfüllt. Schert euch dahin, wo die Krebse überwintern!"
Im Klartext war das wohl nix. Schade drum. Nicht, dass man es sich nicht hätte denken können. Wie soll sich Logan im später spielenden Film den X-Men anschließen, wenn er schon jetzt mit von der Partie ist? Ein bisschen muss man den Canon beachten, liebe Leute. Und auch dann, wenn dieses Machwerk hier ansonsten mehrfach aus der Reihe tanzt. (Entschuldigt, das musste einfach gesagt werden). Unsere motivierten Freunde sehen sich auch gezwungen, diese Schlacht als verloren anzuerkennen, und ziehen stumm Leine.
Immerhin, wenn man Raven mitzählt, haben sie fünf Evolutionspakete auf ihre Seite gepackt. Shaw hat nur drei und ist somit in der Unterzahl, ätschbätsch! Dass es sich bei Emma & Co. um erwachsene, voll ausgebildete Mutanten handelt, ist dabei doch schnurzpiepegal. Die grünschnäblige CIA-Truppe ist viel cooler und wird die Welt vor dem Bösen retten, sag ich euch. So.
In der Zwischenzeit blickt Emma durch eine Vorrichtung des U-Boots aufs endlos weite Meer hinaus, als würde sie darauf warten, dass ein Delphin (oder ihr Lieblingsfeind Charles höchstpersönlich) aus den Wellen hervorschnellt. Dann reißt sie sich vom Guckloch los, wirkt gar nicht glücklich und wendet sich an einen ihrer Mittaucher in der Steuerkabine: das schwarzrote Azazel-Teufelchen.
Emma: „Hat sich das Radar gemuckst?"
Azazel: „...Nein."
Emma: „Und das Sonar ist auch mausetot?"
Azazel: „Mir fällt grad ein, ich spreche lieber Russisch. Also da, es is stumm."
Emma (seufzend): „Dann sitzen wir tief in der Scheiße. Wir müssen in den sauren Apfel beißen und Basti von unserem Problem berichten."
Azazel: „Klare Sache, aber wo drückt der Schuh überhaupt?"
Emma (wichtigtuerisch): „Das geht nur den großen Chef was an, und mich als Entdeckerin. Er kann es dir ja dann sagen, wenn ihm der Sinn danach steht!"
Azazel (verhalten): „Du Zimtzicke..."
Oho, da scheint richtiger Teamgeist zu herrschen! Ich bin mal so fies, zu hoffen, dass sie sich untereinander zerfleischen, bevor sie auf die lieben guten CIA-Mutanten treffen. Aber vorerst überhört Emma die Beleidigung und geht brav der sie rufenden Pflicht nach, die da heißt: Lagebericht geben. Sie betritt das uns schon bekannte, nun allerdings mutantenleere Wohnzimmer und drückt einen Geheimknopf, der in einem sehr unauffälligen Metallkästchen versteckt ist. Sesam, öffne dich! Und siehe da, es tut sich wirklich eine bislang verborgene Tür zu einem blau leuchtenden Streng-geheim-Raum auf. Mitten darin, wie der Nabel der Welt, steht unser größenwahnsinniger Militärwissenschaftler und betrachtet versonnen vier Stäbchen, von denen dieses extrem mysteriöse Licht auszugehen scheint. Emmas Erscheinen lenkt ihn vorläufig von seinen – zweifellos finsteren – Plänen ab.
Shaw (mit einer theatralischen Handbewegung): „Diese Stängel sind von himmlischer Schönheit, oder? Sie sind unsere vierfaltige Mutter Atom, und wir ihre Bälger. So rührend..."
Emma (unbeeindruckt): „Komm mal wieder runter, Bärchen. Uns droht ein Fiasko! Dieser Telepath kann sein Schnüffelhirn einfach nicht zügeln, im Gegenteil. Ich kann ihn hier nirgendwo sehen, spüre ihn aber so nah, als würde er an mir kleben. Er durchforstet den ganzen Erdenball, und das kann nur heißen, sie bauen eine Armee gegen uns auf!"
Shaw: „Das hat´s gebraucht! Jetzt habe ich die Nase gestrichen voll von diesen Leuten. Tucker du weiter ins Russkiland, ich knöpfe sie mir vor."
Was für ein Graus: rabenschwarze Gewitterwolken brauen sich über den Helden zusammen! Sie können sich auf etwas gefasst machen… Aber sind sie wenigstens gut vorbereitet auf den Schicksalsschlag? Das wollen wir gleich einmal sehen.
Ein „Nein" drängt sich auf, denn wir finden ihre großen Anführer Gedankenlesekopf und Metallkönig in einer besinnlichen, fast philosophisch anmutenden Stimmung vor. Auf den Steinstufen vor einem ordentlich erhabenen Steingebäude (worum auch immer es sich dabei handelt) lassen sie den Tag bei einem Schachspiel ausklingen. Vergesst nicht, dieses Strategiemessen im Brettformat hat bei ihnen Tradition, und hier nimmt sie ihren Anfang. Na ja, um die Wahrheit zu sagen, scheinen sie weniger zu spielen, als versonnen in die Ferne zu blicken. Dort führt eine von Bäumen gesäumte Allee auf einen hohen weißen Turm zu. Eine Gartengestaltung, die zumindest mich etwas an das Design der königlichen Gärten von Versailles erinnert. Aber das ist natürlich keine Anspielung darauf, dass unsere Beiden hier – insbesondere Erik, dich meine ich – eine absolutistische Weltregierung anstreben. Nie und nimmer. Der Elfenbeinturm der Wissenschaft passt weit besser: Evolution als Theorie betrachtet, zwei reale Mutantenfrüchtchen davor sitzend.
In jedem Fall kann die ganze Szene einem, wie sie da so im Sonnenuntergangslicht stattfindet, nur Ehrfurcht einflößen. Zu cool für Worte. Nichtsdestotrotz will Charles schon bald mit seinem frischgebackenen Freund und Partner (ihr wisst schon, ich meine „Partner im Team") plaudern.
Charles: „Hast du mir mal ein Antibiotikum fürs Hirn? Die ganzen Menschen in Cerebro haben mich mit einem Virus infiziert. Seit dem geistigen Kontakt mit ihnen kann ich an nichts anderes mehr denken."
Erik (genervt): „Ach jetzt verstehe ich, woher deine sinnbefreiten Spielzüge kommen."
Charles (aufgeregt): „Papperlapapp, lass doch das Spiel mal Spiel sein! Jetzt zählt das wirkliche Leben! Der Gefühlscocktail in all den fremden und doch vertrauten Köpfen lässt mich für die Zukunft goldene Zeiten erwarten. Sie wollen Hilfe? Sie sollen sie bekommen. Wir werden die Gelben Engel spielen!"
Erik: „Und du meinst, das funzt? Wir mögen es ja gut meinen, aber die CIA – und damit die Menschen – verfolgt andere Ziele. Sie kennzeichnet uns und alle, die wir mit Cerebro finden. Eines schönen Tages nummeriert sie uns wie Eier in einem Pappkarton. Immer wachsam!"
Charles: „He, jag mir doch keinen solchen Schreck ein! Ich wäre fast die Stufen runtergepurzelt."
Erik: „Ein heilsamer Schock, wie ich hoffe. Komm lieber jetzt zu Verstand, dann wird nicht noch mehr an uns Beiden herumexperimentiert und wir kommen ums Abgemurkstwerden herum."
Charles (blickt ihn erstmals an): „Warum sollten sie uns den Hals umdrehen wollen, wenn wir doch alle Shaw und die Russen verteufeln? Der Vollschlanke Anzugträger meinte auch, dass sie große Stücke auf uns halten."
Erik: „Bis sich der Wind dreht. Dann wachsen den Messern der Homo sapiens Flügel und sie werden uns in den Rücken gejagt."
Charles: …
In dieser etwas unangenehmen Situation verlassen wir sie, um herauszufinden, was die jungen Rekruten in der Zwischenzeit ohne elterliche Aufsicht so treiben. Und da ist ja auch noch Shaw, der sich wie ein Tiger im Unterholz an sie heranpirscht, sowie Emma, die die böse Mission in Russland jetzt ganz alleine über die Bühne bringen muss. Also kommt da noch einiges an Spannung auf uns zu!
