Deinetwegen, Müller

Ab diesem Tag sucht Krabat die Meisterstube nicht mehr auf. Bis kurz vor Ostern geht er dem Meister aus dem Weg, wo es nur möglich ist. Sogar in den Neumondnächten meidet er ihn. Arbeitet der Meister am Mahlwerk, ist Krabat draußen am Karren; ist der Meister draußen, ist Krabat in der Mühle. Nach wie vor ist Krabat sehr wortkarg, er isst wenig und arbeitet hart, verzichtet wo es nur irgendwie geht auf den Gebrauch der Schwarzen Kunst. Freitags in der Schwarzen Schule schweigt er. Trotzdem wissen alle, dass er sich jedes Wort einprägt, das fällt.

Es ist eine Woche vor dem Karfreitag, als der Müller ihn nach dem Unterricht dabehält. Eine Weile starrt ihn der Meister schweigend an, der Blick seines einen Auges ist schwer zu lesen. Krabat wartet ruhig ab. Die Zeiten, in denen ihn dieser Blick das Fürchten gelehrt hat, sind vorbei.

"Warum bist du noch hier, Krabat?"

Krabat antwortet nichts, sieht den Meister nur fragend an.

"Du weißt sehr genau, was ich meine. Ich habe, ob mir das nun gefallen mag oder nicht, keine Macht mehr über dich. Du hast mich im Duell besiegt, du hast meinen Bann gebrochen. Du könntest gehen, wann immer du willst. Trotzdem bist du noch hier. Ich frage mich, warum du nicht gehst. Du hast hier nichts als Leid erfahren."

Immer noch schweigt Krabat.

Der Meister erhebt sich aus dem Stuhl und geht auf ihn zu. Umkreist ihn einmal, bleibt vor ihm stehen.

"Und ich dachte, du weißt es, Müller", sagt Krabat leise. "Ich bleibe, weil ich hier nichts als Leid erfahren habe. Ich bleibe, weil sie alle, wenn ich gehe, nur noch mehr Leid erfahren werden. Ich bleibe, weil du mir alle Freude auf dieser Welt genommen hast, Müller, jede Hoffnung auf ein besseres Leben. Ich bleibe, weil alles, was mich noch auf dieser Welt hält, der Tag ist, an dem du aufgibst."

Sein Blick brennt sich dem Müller durch Mark und Bein.

"Ich bleibe, wenn nicht meinetwegen, dann doch deinetwegen, Müller im Koselbruch."

Wieder fällt Schweigen zwischen sie. Ein angespanntes Schweigen, das die Luft schwer macht. Sie starren sich an. Es ist ein stummer Machtkampf.

Keiner gibt nach. Am Ende wissen sie beide nicht, wie lange sie da stehen und sich in die Augen schauen. Dann, irgendwann, wird der Blick des Meisters weicher. "Das weiß ich, Krabat. Dass du meinetwegen bleibst. Ich frage nicht, warum du bleibst. Ich frage, warum du nicht gehst. Was hält dich hier? Warum gehst du nicht und betrauerst dein Mädchen? "

"Ich habe um sie getrauert. Sie ist dahin und nichts bringt sie mir wieder. Unter uns beiden bist du es, Meister, der sich weigert zu trauern, der sich weigert loszulassen. Du bist es, der sich weigert, zu vergeben."

Der Müller wendet sich von ihm ab, geht zum Pult hinüber. "Ich weiß." Er sieht geschlagen aus, als er sich wieder dem Krabat zuwendet. Alt und sehr müde. "Ich weiß", wiederholt er. "Langsam ist es wirklich an der Zeit, Vergebung zu üben." Er spricht es mehr zu sich selbst als zu Krabat.

"Ich gehe nicht, Meister, weil ich hoffe, dass du mich lehrst, mich selbst in mir zu finden. In mir und allem anderen", sagt Krabat. Dann geht er.

tbc

Think of them poorest, who can be a slave;

Think of them richest, who dare to be free.