Melitta lag diese Nacht lange wach. Sie war zwar sehr müde gewesen, als sie zu Bett ging, konnte aber trotzdem kein Auge zu machen. Und das lag nicht nur an ihrem schmerzenden Fuß. Als Lisa wieder von oben heruntergekommen war, hatte Melitta ihre verweinten Augen bemerkt. Lisa hatte nichts gesagt und ihr dann dabei geholfen sich umzuziehen. Mit einem leisen „Gute Nacht" war sie dann zum Zimmer hinausgegangen. Melitta machte sich Vorwürfe, dass es vielleicht doch nicht so gut war, dass Lisa jetzt hier bei ihr war, wo das ganze Haus sie an Rokko erinnern musste. Melitta wusste, dass Lisa nicht mehr nur die Erinnerung an Rokko liebte. Sie hatte in Lisas Stimme gehört, als sie sich, vor einer Woche, von ihr verabschiedet hatte und heute Nachmittag in ihren Augen gesehen, als sie ihr gesagt hatte, dass Rokko in Hamburg war, dass ihre Gefühle für ihn wieder da waren. Melitta war sich sicher, dass Rokko für Lisa den Ausschlag gegeben hatte, nach den Vorkommnissen in Berlin, wieder nach Sylt zu kommen. Doch wie ihr Enkel über all das dachte und was das Wiedersehen in ihm ausgelöst hatte, wusste Melitta nicht. Er war die ganze Woche über sehr schweigsam gewesen, war ihren Fragen ausgewichen und schien froh zu sein, dass er Sylt für eine Woche verlassen konnte. Sie machte sich Sorgen um die Beiden und hatte Angst, dass sie durch ihren Versuch, den Frieden zwischen ihnen wiederherzustellen, alles nur noch schlimmer gemacht hatte. Sie grübelte noch lange darüber nach, wie sie den beiden helfen könnte und schlief erst in den frühen Morgenstunden ein.

Als sie am nächsten Morgen wach wurde und hinaus in die Küche humpelte, fand sie einen Zettel von Lisa auf dem Küchentisch.
Liebe Melitta! Bin einkaufen gefahren und noch mal schnell zu mir nach hause. Lassen sie sich das Frühstück schmecken! Liebe Grüße Lisa
Melitta setzte sich an den gedeckten Tisch und begann zu essen. Sie war schon bei der zweiten Tasse Kaffee, als das Telefon klingelte. Langsam humpelte sie hinaus und fluchte über ihre Dusseligkeit, die ihr das eingebrockt hatte. „Albrecht." Meldete sie sich, als sie das Telefon endlich erreicht hatte. „Hallo, Oma! Ich wollte gerade wieder auflegen." „Ach, hallo, Rokko! Schön, dass du anrufst. Dann kann ich mir das ja sparen." „Wieso, ist was passiert?" sie konnte die Sorge in seinem Tonfall hören. „Naja, Deine tollpatschige Oma ist gestern auf dem Friedhof hingefallen und hat sich wohl den Knöchel verstaucht. Aber es ist nicht so schlimm.." Rokko unterbrach sie. „Ich komme sofort nach hause." Melitta schnaufte hörbar. „Du bleibst, wo Du bist. In Hamburg. Ich habe das schon alles selbst organisiert." „Wie selbst organisiert? Da ist doch noch was, oder?" Melitta lächelte. Sie hatte noch nie etwas vor Rokko geheim halten können. „Lisa ist wieder hier." Sie hörte ihn leise seufzen. „Sie hat mich gestern gefunden und sich bereit erklärt, bei mir zu bleiben, bis Du wieder da bist." „Wessen Idee war das? Deine?" er klang unsicher. „Lisa hat es angeboten, als ich ihr gesagt habe, dass Du weg bist und ich Dich nicht anrufen wollte, damit Du Deinen Besuch in Hamburg nicht abbrichst." Rokko schwieg. „Ist das ok für Dich? Ich freue mich, Lisa um mich zu haben und Du kannst Deine Woche genießen. So ist allen geholfen." „Schon ok, ich melde mich wieder. Gute Besserung. Tschüß, Oma!" bevor Melitta noch etwas sagen konnte, hatte er aufgelegt. Sie starrte das Telefon an und war sich sicher, dass es besser gewesen wäre, wenn sie gar nichts gesagt hätte.

Die Woche verging schnell. Am Mittwoch ging es Melittas Fuß schon wieder besser und sie unternahmen einige Ausflüge in die Umgebung. Abends führten sie lange Gespräche, doch das Thema Rokko wurde von Lisa krampfhaft ausgeklammert. Melitta wollte sie nicht direkt darauf ansprechen, doch sie beobachtete Lisa mit Sorge. Auch wenn sie lachte, blickten ihre Augen traurig und Melitta sah, dass es ihr eigentlich jetzt schlechter ging, als vor dem Treffen mit Rokko. Donnerstags Abend rief Rokko an und teilte ihr mit, dass er am nächsten Tag, am frühen Nachmittag, wieder da sein würde. Und so packte Lisa am nächsten morgen ihre Sachen. Melitta wusste, dass Lisa weg sein wollte, bevor Rokko wieder da war und irgendetwas sagte ihr, dass sie das unbedingt verhindern musste.

Sie aßen noch zusammen Mittag. Melitta hatte darauf bestanden für Lisa zu kochen und wollte sie nicht helfen lassen. Das zog alles etwas in die Länge und als sie sich endlich zum Essen setzten, war es schon fast zwei Uhr. Als alles abgespült und wieder weggeräumt war, wollte Lisa gehen. Melitta sah auf die Uhr. Es war halb vier. Wo bleibt er bloß? Melitta überlegte verzweifelt, wie sie Lisa noch vom gehen abhalten konnte.

Rokko saß im Autozug nach Sylt und ließ die letzten Tage in Hamburg Revue passieren. Es hatte ihm gut getan, seine Freunde aus Studientagen wieder zu sehen. Sie hatten viel unternommen, so manche Nacht durchgefeiert, gelacht und alte Erinnerungen wieder aufleben lassen. Er war froh gewesen, dass er nach dem Treffen mit Lisa, für ein paar Tage, von seiner Oma weg gekommen war. Er wusste, dass sie es gut meinte, doch ihre Fragen hatten ihn genervt. Sie wollte wissen, wie es ihm nach dem Wiedersehen ging, doch er konnte ihr nicht antworten. Es war schön gewesen Lisa zu sehen, doch gleichzeitig, hatte das alles Erinnerungen und Gefühle in ihm zurück gebracht, an die er nicht mehr hatte denken wollen und die er nie wieder hatte fühlen wollen. Doch sie waren wieder da und zwangen ihn zum nachdenken. Er hatte gehofft, dass ihn das Gespräch mit Lisa ein für alle mal von ihr befreien würde, aber das Gegenteil war geschehen. Schon an dem Abend hatte er gewusst, dass er sie nie loswerden würde. Er hatte sich eingestehen müssen, dass sie die ganze Zeit da gewesen war, verbannt im hintersten Eck seines Herzens, unbemerkt über die Jahre. Er konnte sich auch seine Enttäuschung nicht erklären, die er gefühlt hatte, als Lisa ihm gesagt hatte, dass sie sich nie darüber Gedanken gemacht hatte, wie es weitergehen sollte, wenn er einmal die Wahrheit wüsste. Eigentlich wusste er auch nicht was ihn dazu bewogen hatte, diese Frage zu stellen. Will ich wieder Kontakt zu ihr? Er konnte sich selbst keine Antwort geben. Er wusste nur, dass das Kapitel Lisa noch nicht abgeschlossen war. Und das war nach dem Gespräch mit seiner Oma, am Montag, ganz deutlich geworden. Sie war wieder auf Sylt. In Berlin musste irgendetwas schief gelaufen sein. Sie hatte ihm kurz erzählt, dass sie wieder bei Kerima einsteigen wollte und er hatte ihr viel Glück gewünscht. Sie würden sich wieder über den Weg laufen, da war er sich sicher. Er hatte noch fünf Wochen Urlaub, die er auf Sylt verbringen wollte und die Insel war klein. Zu klein für zwei Menschen, die eine gemeinsame Vergangenheit teilten und diese nicht verarbeitet hatten.
Mit diesen Gedanken fuhr er vom Autozug. In fünf Minuten würde er zuhause sein. Er hoffte, dass Lisa schon weg war.

Lisa hatte es endlich geschafft ihre Jacke anzuziehen und stand mit ihrer Tasche an der Tür. Melitta hatte immer wieder kleinere Aufträge für sie gehabt und so war es jetzt weit nach vier Uhr. Rokko war glücklicherweise noch nicht aufgetaucht. Melitta stand traurig neben ihr. „Ich werde sie vermissen, Lisa. Die Zeit mit ihnen war wirklich schön und ich bin ihnen wirklich dankbar. Ich hätte nicht gewusst, was ich ohne sie getan hätte." Lisa nahm sie in den Arm. „Ich hatte auch eine schöne Zeit." Lisa öffnete die Tür. „Lisa, ich will mich noch erkenntlich zeigen für ihre Hilfe und sie zum Essen einladen. Sonntagabend im „Meeresblick" in Wennigstedt. Kenne sie das?" Lisa lächelte. „Danke, Melitta. Das ist nicht notwendig, aber da ich ihnen ja sowieso fast nichts ausreden kann, nehme ich die Einladung gerne an. Ich hole sie dann ab. Bis dann!" Lisa winkte ihr noch mal zu und ging dann Richtung Gartentor, das in diesem Moment von außen geöffnet wurde. Lisa blieb stehen und auch Rokko hielt in seiner Bewegung inne. „Hallo, Lisa!" er versuchte ein Lächeln. „Rokko, ich wollte gerade gehen." Sie versuchte ihn nicht anzusehen. Rokko kam ein paar Schritte auf sie zu. „Danke, dass Du Dich um meine Oma gekümmert hast. Vielen Dank!" er sah sie jetzt direkt an. Lisa erwiderte den Blick, konnte ihm aber nicht direkt in die Augen sehen. „Das war doch selbstverständlich. Ich habe es gern gemacht." Sie drehte sich Richtung Tor. „Tschüß!" „Lisa!" Sie wandte sich ihm noch einmal zu und sah ihn fragend an. „Ja?" er blickte auf den Boden. „Danke noch mal! Bis dann." Sie sah ihm an, dass er noch mehr hatte sagen wollen. „Ja, bis dann!" sie griff nach ihrer Tasche und ging.

Melitta hatte alles von der Haustür aus beobachtet. Es war zwar nicht so gelaufen, wie sie es sich erhofft hatte, aber immerhin hatten sie sich noch gesehen. Nachdem Lisa hinter der Hecke, die das Grundstück umgab, verschwunden war, ging Rokko ins Haus. Er begrüßte seine Oma und brachte sein Gepäck nach oben. Abends saßen sie zusammen im Wohnzimmer und unterhielten sich über die vergangene Woche. Melitta erzählte Rokko, was Lisa und sie alles unternommen hatten, doch mehr als ab und zu ein Nicken oder ein „Hmmm, schön, dass es Dir gefallen hat" kam nicht von Rokko. Gegen neun Uhr beschloss Melitta ins Bett zu gehen und noch ein wenig zu lesen. Sie ging ans Bücherregal und suchte die Reihen ab. „Suchst Du was?" Rokko war hinter sie getreten. „Ja, meinen Goethe. Die Leiden des jungen Werther. Ich weiß genau, dass ich ihn hier in das Regal gestellt habe. Kannst Du mal schauen ob er oben ist. Lisa hatte sich ein Buch mitgenommen. Vielleicht hat sie es oben liegen lassen." „Klar!" Rokko verschwand in den Flur.

Als er im Zimmer stand, sah er sich um. Nichts erinnerte daran, dass dieser Raum fast eine Woche lang von Lisa bewohnt worden war. Nur der Duft ihres Shampoos, das er vor einer Woche gerochen hatte, als er sie zum Abschied umarmt hatte, hing in der Luft. Er seufzte. Auf dem Nachtisch erblickte er das kleine Buch, nachdem seine Oma suchte. Er griff danach und bemerkte ein Lesezeichen. Er schlug die Seite auf, in der es steckte. Eine Stelle war leicht mit Bleistift markiert. Er begann zu lesen:

Am 26. November.

Manchmal sag ich mir: dein Schicksal ist einzig; preise die übrigen glücklich – so ist noch keiner gequält worden. Dann lese ich einen Dichter der Vorzeit, und es ist mir, als säh' ich mein eignes Herz. Ich habe so viel auszustehen! Ach sind denn Menschen vor mir schon so elend gewesen?

Rokko ließ langsam die Luft aus seinen Lungen entweichen. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass er aufgehört hatte zu atmen. Er blätterte langsam durch das Buch. Einige Seiten vorher fand er nochmals eine markierte Stelle:

Am 27. Oktober abends.

Ich habe so viel und die Empfindung an ihr verschlingt alles, ich habe so viel und ohne sie wird mir alles zu Nichts.

Rokko klappte das Buch zu und schloss die Augen. Wieder sah er Lisa vor sich, lächelnd, ihre Augen strahlten. Er lächelte, doch das Bild veränderte sich. Jetzt blickten ihn dieselben Augen mit dieser unendlichen Traurigkeit an. Er riss die Augen auf, doch Lisas Gesicht blieb, wie ein Geist, vor ihm stehen. Ich wünschte, sie würden wieder so strahlen, wie damals! Er verließ das Zimmer, brachte seiner Oma wortlos das Buch und ging zu Bett.