In Trümmern

Mit einem mulmigen Gefühl apparierte Remus in der Nähe des Hauses, das er und Tonks bewohnten. Es war eigentlich ein sehr schöner Tag gewesen, den er mit seiner Tochter verbracht hatte. Viel ungezwungener als er erwartet hatte. Es hatte ihm sogar richtig Spaß gemacht, sich mit ihr zu unterhalten. Irgendwann waren sie auf Verteidigung gegen die dunklen Künste gekommen und Remus hatte feststellen müssen, dass Rebecca sein Talent für dieses Fach durchaus geerbt hatte. Aber auch von Sarah hatte sie sehr viel, schon allein ihre ganze Art erinnerte Remus an seine erste große Liebe. Er brauchte nur zu sehen, wie sie sich mit einer Hand eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich und er sah ihre Mutter vor seinem inneren Auge.

Aber trotzdem hatte es etwas gegeben, was diesen Nachmittag überschattet hatte, was es ihm nicht erlaubt hatte, die Zeit mit seiner Tochter voll und ganz zu genießen. Es waren diese Augen, die ihn auf Schritt und Tritt verfolgt hatten. Natürlich nicht wirklich, nur im übertragenden Sinn, aber Remus hatte sich ständig beobachtet gefühlt und sein Gewissen wurde von Minute zu Minute schlechter. Es war Tonks gewesen, die ihn gesehen hatte, da war er sich zu 99,99 Prozent sicher. Es konnte gar nicht anders sein.

Er fragte sich, was ihn zu Hause erwarten würde. Er kannte das Temperament seiner Frau, oh ja, er kannte es. Sehr gut. Viel zu gut. Und er konnte nicht einschätzen, in was für einer Verfassung sie jetzt war. Ob sie ihn nur anschreien oder auch noch mit Geschirr ihren Worten Ausdruck verleihen würde. Vielleicht griff sie sogar zu ihrem Zauberstab... er wusste es nicht. Er wusste es nicht, weil er nicht wusste, wie sie das Treffen mit Rebecca interpretiert hatte. Sah sie seine Tochter nur als eine "Mitleidende" oder als jemandem, mit dem er sie schon Jahre hinterging?

Sie war verletzt, soviel stand fest. Der Blick von ihr hatte alles gesagt. Sie war sehr verletzt. Er hätte sie nicht belügen dürfen. Er hätte ihr gleich heute morgen sagen müssen, dass er eine Tochter hatte, er hätte sich erst mit seiner Frau und dann mit seinem Kind auseinander setzen müssen, nicht anders herum. Aber Tonks war heute morgen völlig erschöpft gewesen, sie hatte kaum einen klaren Gedanken fassen können, für so eine Hiobsbotschaft war sie doch überhaupt nicht aufnahmefähig gewesen...

Lahme Ausreden!, schoss ihm eine Stimme durch den Kopf. Und diese Stimme hatte Recht. Er konnte sich nicht herausreden. Und egal was er sagte, Tonks würde ihm so schnell nichts glauben, da war er sich sicher. Todsicher.

Langsam und zögerlich fing er an, in seinen Taschen nach dem Hausschlüssel zu suchen, obwohl er genau wusste, wo er sich befand. Aber Remus wollte so viel Zeit schinden wie nur irgend möglich, selbst wenn er wusste, dass es lächerlich war.

Schließlich hatte er sich doch noch dazu durchringen können, die Tür zu öffnen und vorsichtig das Haus zu betreten. Langsam und umständlich zog er seinen Umhang aus und hängte ihn an die Garderobe, neben Tonks' knallpinke Winterjacke, die sie immer anzog, damit sie nicht 'im Schnee verloren ging und übersehen wurde', wie sie immer steif und fest behauptete.

Er seufzte und ging in die Küche, wo er, wie erwartet, seine Frau mit einem unleserlichen Gesichtsausdruck am Küchentisch sitzen sah. Er zögerte einen kurzen Moment, ging dann aber doch zu ihr und gab ihr den üblichen Begrüßungskuss auf die Wange.

"Wie war dein Tag?", erkundigte er sich, wie er es immer tat. Er wusste nicht, was er sonst machen sollte, da er nicht wusste, ob Tonks wusste, dass er sie erkannt hatte.

"Interessant.", erwiderte sie kühl und blickte starr geradeaus auf die weiße Wand. "Und wie war deiner? Hast du dich mit irgendjemandem getroffen?" Ihre Stimme zitterte etwas bei den Worten und Remus erkannte, dass es ihr sichtlich schwer fiel, so ruhig und unnahbar zu bleiben. Ihr Temperament eben.

"Ja, ich hab mich mit Harry und Ginny getroffen. Sie wollten etwas über die früheren Gesetze des Ministeriums wissen.", meinte er und war froh, dass es nicht gelogen war. Er hatte sich schließlich mit Harry und Ginny getroffen und er hatte mit ihnen über frühere Gesetze gesprochen.

"Und sonst?" Die Kälte aus ihrer Stimme wich langsam der Wut. Angestrengt fixierte sie ein Bild an der Wand, um nicht zu Remus schauen zu müssen, der sich jetzt ebenfalls am Küchentisch niederließ und ihren Blick suchte.

"Und sonst was?"

Sie seufzte und blickte ihm endlich in die Augen. Aus ihrem Blick wurde er allerdings nicht schlau. "Du weißt genau, was ich meine.", zischte sie beinahe.

Er atmete tief durch, so, als ob er sich für das Kommende wappnen müsste. "Dora, lass uns nicht um den heißen Brei herumreden, wir wissen beide, worauf du hinauswillst." Er schaute sie beinahe aufmunternd an. Er wollte, dass sie sagte, was los war, was genau ihr auf dem Herzen lag. Die Spannung, die momentan in der Luft lag, war für den Werwolf nahezu unerträglich.

"Gut, bitte, wie du willst.", erwiderte sie schroff und richtete sich noch etwas mehr auf. "Wer ist sie? Wer ist diese ... diese Frau, mit der du dich getroffen hast?" Sie wandte ihren Blick wieder ab. Sie konnte nicht in diese Augen schauen, sie konnte nicht. Es tat ihr zu weh.

Er räusperte sich und legte seine Hände auf den Tisch, ganz in die Nähe von ihren. Tonks zog sie sofort zu sich, je weiter weg, desto besser. Remus räusperte sich erneut. Dieses Verhalten kannte er von ihr gar nicht und es irritierte ihn sehr. Aber er durfte sich jetzt nicht aus dem Konzept bringen lassen, er musste ihr die Wahrheit sagen und das am besten jetzt sofort. Kurz und schmerzlos. Das hatte sie verdient.

"Sie ... also sie ...", fing er an und brach wieder ab. Er hatte sich zwar überlegt (in den verschiedensten Varianten), was sie sagen würde, aber er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Oder besser gesagt, wie er anfangen sollte. "Sie ist -"

"Wie lange trefft ihr euch schon?", unterbrach ihn Tonks. Dieses Gestotter von ihm war unerträglich, sonst wusste er doch immer, was er sagen sollte, wie er es sagen sollte. Es war völlig neu für sie, ihn so zu erleben und das machte die ganze Situation noch schlimmer.

"Was?", fragte Remus erstaunt und wissend zugleich. Er hatte vermutet, dass sie glaubte, er habe eine Affäre, aber es kränkte ihn doch sehr, dass sie ihm so etwas überhaupt zutraute. Sie kannte ihn nun schon so lange, sie hätte doch wissen müssen, dass er ihr so etwas nie antun würde, dass er sie nie im Leben so verletzen würde. Und jetzt verletzte sie ihn, mehr als er erwartet hatte, indem sie ihm so etwas unterstellte.

"Wie lange läuft das schon zwischen euch, Remus?", formulierte Tonks die Frage anders und fixierte ihn nun direkt mit stechendem Blick. Sie wollte endlich ihre Antworten haben und so würde sie sie am ehesten bekommen, das wusste sie.

Remus schaute sie entrüstet an. "Da läuft überhaupt nichts, Dora!", widersprach er, mit einem Hauch von Wut in seiner Stimme und lauter als geplant. "Ich kenne sie doch erst seit gestern!", fügte er noch hinzu, um ihr zu zeigen, wie absurd das war.

"Erzähl mir doch nichts, Remus!", rief sie. Schlimm genug, dass er sie betrog, jetzt log er sie auch noch an! "Ich hab euch beide doch gesehen. Sogar ein Blinder mit einem Krückstock hätte erkannt, was da läuft!" Sie wandte den Blick ab, konnte einfach nicht mehr in seine bernsteinfarbenen Augen blicken, konnte einfach nicht.

"Dora, du hast die Situation falsch verstanden, wirklich. Es ist nicht, wie du denkst, ich schwö-", setzte Remus eindringlich an und versuchte seine Frau zu überzeugen. Wieso musste sie nur so stur sein?

"Spar dir deine Reden!", sagte sie kalt. Aber ihre Stimme zitterte jetzt hörbar, sie hatte Mühe, ihre Fassung zu wahren. "Ich hab genau gesehen, wie du sie angesehen hast. So hast du mich noch nie, angesehen, Remus, nie!", platzte sie heraus. Einige Tränen rollten jetzt ihre Wange herunter, sie wischte sie unwirsch weg, bevor er auf die Idee kommen konnte, es zu tun.

"Dora, glaub mir bitte, ich betrüge dich nicht! Rebecca ist nicht meine Freundin oder Geliebte!", beteuerte Remus und wurde langsam aber sicher verzweifelt. Na das läuft ja prima...

"Ach, Rebecca heißt diese Schlampe also.", stellte Tonks fest und atmete tief durch. Ganz ruhig, Tonks, ganz ruhig. Dass die Geliebte ihres Mannes jetzt sogar noch einen Namen hatte und nicht mehr nur mit 'Flittchen' betitelt werden konnte, machte es noch schlimmer für sie.

"Sie ist keine Schlampe!", verteidigte Remus seine Tochter. So wütend Dora auch war, sie hatte kein Recht, seine und Sarahs Tochter als Schlampe zu bezeichnen, bei weitem nicht!

"Ja, verteidige sie nur, Remus!", höhnte Tonks und stand ruckartig auf. Der Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, fiel mit einem lauten Krach nach hinten. Sie bemerkte es nicht. "Wie konntest du mir sowas nur antun? Ich dachte, du wärst anders als die Anderen, etwas Besonderes, jemand, der mich nie so verletzen würde, wie andere Männer es vor dir getan haben, aber da habe ich mich wohl getäuscht, Remus Lupin!" Sie klang so furchtbar enttäuscht, so schrecklich traurig. Immer noch liefen ihr Tränen die Wangen herunter, aber es schien sie nicht zu kümmern.

"Dora, so ist es doch gar nicht! Ich liebe dich, ich würde dir nie weh-"

"Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, du hast mir bereits weh getan! Ich habe dich gesehen, ich hab dich sozusagen 'in Flagranti' ertappt! Warum streitest du es jetzt noch ab, warum tust du so, als wäre gar nichts passiert, warum machst du es für uns noch schwerer? Warum sagst du nicht einfach die Wahrheit, dann haben wir es hinter uns!"

Remus erhob sich ebenfalls. Sein Stuhl fiel allerdings nicht nach hinten. "Das versuche ich doch, Dora, aber du unterbrichst mich ja andauernd.", erwiderte er und gegen seinen Willen flog eine Sekunde lang ein Lächeln über sein Gesicht.

Für Tonks brachte es das Fass zum überlaufen. "DU FINDEST DAS AUCH NOCH LUSTIG?!"; schrie sie außer sich. Sie konnte nicht fassen, was sich hier gerade abspielte, was hier gerade passierte. Sie hätte nie gedacht, jemals in einer solchen Situation zu sein. "Du betrügst mich, lügst mich an und dann fängst du auch noch an zu lachen?!"

Remus schüttelte vehement den Kopf. "Jetzt hör mir doch bitte zu, Dora!", flehte er schon beinahe. "Rebecca ist nicht meine Geliebte, sie ist meine To-"

"Spar dir deine Lügen, ich will sie nicht hören!", unterbrach sie ihn erneut. Wie dreist war dieser Mann eigentlich? "Spar sie dir, Remus, ich will sie nie wieder hören! Und dich will ich nie wieder sehen, nie wieder, hast du verstanden!?", schrie sie und schaute ihn aus verschleiertem Blick an.

"Das meinst du nicht ernst.", sagte er leise und starrte sie schockiert an. Er hatte sich sicherlich verhört, er musste sich verhört haben, sie konnte doch unmöglich... oder doch? So hatte er sie noch nie erlebt, es war durchaus möglich... trotzdem hoffte er, dass er sich einfach nur verhört hatte.

"Oh doch, Remus, oh doch. Todernst.", sagte sie sehr leise. Er verstand sie trotzdem ganz genau und ihm war, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggerissen. Das konnte nicht wahr sein, das konnte einfach nicht wahr sein!

"Dora..."

"Das hast du dir alles selbst zuzuschreiben!", rief sie plötzlich laut. "Du hast alles kaputt gemacht, du hast mein Vertrauen missbraucht, du hast mich angelogen!" Ihre Haare hatten in den letzten Minuten häufig die Farbe gewechselt, aber keiner von beiden hatte es bemerkt. "Ich geh jetzt zur Arbeit, wahrscheinlich bin ich sowieso schon wieder viel zu spät. Und wenn ich morgen zurück komme, dann möchte ich dich hier nicht mehr sehen, hast du verstanden?!"

Wortlos nickte Remus. Er war unfähig, irgendetwas anderes zu tun, sodass sie ungehindert und türenknallend die Küche verlassen konnte.

Was ist eigentlich gerade passiert?

/-/

"Beim Merlin...", murmelte Mrs Weasley, als Ginny geendet hatte. "Das ist ja, das ist ja ..."

"Unglaublich.", ergänzte Ginny und grinste. In der letzte Stunde hatte sie ihrer Mutter ausführlich erklärt, was sich gestern Abend hier zugetragen hatte. Wie Harry Rebecca mit nach Hause gebracht hatte, wie sie herausgefunden hatten, wer ihr Vater war, wie Remus hier erschienen und wie das erste Treffen verlaufen war. Wie Remus heute morgen vorbei gekommen war und wie er ihr und Harry die traurige Geschichte von ihm und Sarah erzählt hatte.

"Dann ist Tonks ja wirklich auf dem völlig falschen Drachen.", stellte Mrs Weasley fest und schüttelte fassungslos den Kopf. "Ich möchte nicht wissen, was sie mit Remus anstellt, wenn er nach Hause kommt.", seufzte sie und strich sich einige Haare aus der Stirn.

Ein ängstlicher Gesichtsausdruck trat auf Rebeccas Gesicht. "Die beiden werden sich doch hoffentlich nicht wegen mir in die Haare kriegen...oder noch schlimmeres." Sie wollte doch nicht, dass die Ehe ihres Vaters durch ihr Auftauchen belastet wurde.

Mrs Weasley winkte ab. "Das glaube ich nicht. Tonks wird wahrscheinlich erst ausflippen, aber sie kriegt sich dann auch immer relativ schnell wieder ein. Sie liebt ihn, sie hat ein ganzes Jahr darauf gewartet, dass er vernünftig wird, sie wird ihn sicher nicht aufgeben.", sagte Molly überzeugt. "So, Kinder, habt ihr vielleicht einen Feuerwhiskey da, auf diesen Schock muss ich erstmal was trinken."

/-/

Flashback Anfang

Remus stand mit wild klopfendem Herzen am Altar und starrte auf die Tür, durch die seine Braut jede Sekunde kommen musste. Er war unglaublich nervös. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so dermaßen aufgeregt gewesen war. Wahrscheinlich noch nie.

Es war auch wirklich unglaublich, was hier geschah, etwas, das er nie für möglich gehalten hätte und doch passierte es jetzt. Er würde heiraten. Er, Remus Lupin, würde wirklich in wenigen Minuten verheiratet sein. Nie hätte er erwartet, dass es Werwölfen irgendwann doch noch möglich sein würde, zu heiraten, ein normales Leben zu führen, ein Leben, das eine eigene Familie beinhaltete.

Es war eine lange, harte und anstrengende Diskussion gewesen, bis endlich beschlossen worden war, dass die Gesetze, die die Werwölfe so dermaßen einschränkten, erlassen wurden. Sicher, vielen lag nichts daran, so ein 'normales' Leben zu führen, sie fühlten sich in Rudeln, wie dem von Greyback, wohler, aber es gab auch eine ganze Reihe Werwölfe, die sich nach so einem Leben sehnten.

Remus war bei diesen Gesprächen anwesend gewesen, denn er hatte so etwas wie Respekt vom Ministerium, seit er an vorderster Front Harry tatkräftig bei der Vernichtung Voldemorts unterstützt hatte und da er mittlerweile auch eine Selbsthilfegruppe für Werwölfe ins Leben gerufen hatte, war er wirklich am besten dafür geeignet, die Interessen der Betroffenen zu vertreten. Und Remus konnte sehr überzeugend und diplomatisch sein. Nicht umsonst war er immer der Vernünftigste der Rumtreiber und verantwortungsbewusster Vertrauensschüler gewesen.

Und jetzt bekam er endlich die Belohnung für seine Opfer, sein Leiden, er durfte endlich die Frau heiraten, die er liebte und die ihn liebte. Ein schöneres Gefühl hatte er bisher kaum erlebt. Das letzte Mal wahrscheinlich, als Sarah noch gelebt hatte.

Jetzt konnte er endlich nachempfinden, was James nach seiner Hochzeit als "das tollste Gefühl überhaupt" bezeichnet hatte, das nur von dem Gefühl bei Harrys Geburt getoppt werden konnte. Aber dieses Gefühl würde er wahrscheinlich nie erleben, das wäre schon zu perfekt, fand er. Selbst diese Situation erschien ihm schon viel zu schön um wahr zu sein. Unauffällig kniff er sich in den Arm, nur um sicher zu sein, dass er wirklich nicht träumte.

Seine Gedanken schweiften noch einmal zu Sarah. Zu seiner ersten großen Liebe, zu der Liebe seines Lebens. Zumindest hatte er das lange, sehr lange geglaubt. Er hätte nicht gedacht, dass er noch einmal einer so wundervollen Frau wie ihr begegnen würde, jemandem, der ihn bedingungslos lieben und sein Schicksal kompromisslos akzeptieren würde. Aber er hatte sie gefunden, er hatte sie in Dora gefunden, auch wenn er es lange nicht hatte wahrhaben wollen. Der Schmerz wegen Sarah hatte einfach zu tief gesessen, es hatte ihn zu sehr verletzt. Dazu kam noch der Verlust von Sirius, der erneute und entgültige Verlust. Aber Dora war wirklich ein Dickkopf, stur bis zum geht nicht mehr und sie hatte bekommen, was sie wollte. Remus war froh darüber, er war froh darüber, dass sie nicht locker gelassen hatte, dass sie um ihn gekämpft hatte. Sonst würden sie heute hier nicht stehen um endlich den Bund für's Leben zu schließen.

Er drehte den Kopf, als er die alte Holztür knarren hörte und hielt die Luft an. Er war unglaublich gespannt darauf, wie sie aussehen würde.

Das erste, was er sah, war Bills kleine Tochter Nathalie, die das Blumenmädchen war und fröhlich ihre Blumenblätter auf den Boden segeln ließ. Kurz blitze vor Remus' Augen ein Bild auf, das Dora in genau der selben Position wie Nathalie zeigte. Sie war das Blumenmädchen auf James und Lilys Hochzeit gewesen. Und jetzt war sie selbst eine strahlende Braut. Und sie strahlte wirklich, besonders, als sie Remus erblickte.

Sie trug ein langes schlichtes weißes Kleid, das ihr wirklich hervorragend stand. Es besaß einige Verzierungen um die Taille und das war's auch schon. Ihr Haar, heute dunkelbraun und mittellang, war kunstvoll hochgesteckt worden. Ihr Vater führte sie langsam den Gang entlang. Er lächelte stolz und tätschelte seiner Tochter die Hand.

"Halt! Stop!", wurde die feierliche Atmosphäre unterbrochen. Erschrocken starrten alle auf Nathalie, die verzweifelt geschrieen hatte. Bill kam besorgt auf seine Tochter zu und beugte sich nach unten.

"Was ist denn, Schatz?"

"Ich hab keine Blumen mehr, Daddy!", rief sie und schien den Tränen nahe. Remus musste lachen und auch Tonks kicherte.

"Das ist doch nicht schlimm, Nathalie.", beruhigte Bill die Kleine und drückte sie kurz an sich. "Du hast das ganz toll gemacht, Onkel Remus und Tante Tonks sind ganz stolz auf dich. Sie hat es doch toll gemacht?", fragte er die Gäste, die alle zustimmend nickten und klatschten. Nathalie fing an zu strahlen. Bill hob sie hoch und ging mit ihr wieder zu seinem Platz zurück. Die Zeremonie konnte weitergehen.

James hatte Recht, dachte Remus, als er seine Frau küsste, es war wirklich der schönste Tag in seinem Leben.

Flashback Ende

Und jetzt? Jetzt war wohl alles aus zwischen Dora und ihm. Remus seufzte und legte resigniert den Kopf auf die Tischplatte. Was hatte er nur angerichtet? Er hätte gleich mit ihr sprechen sollen, sofort, als er sie gesehen hatte. Jetzt hatte er sie verloren, den Menschen, den er über alles liebte.

Warum musste immer ihm das passieren? Warum musste ausgerechnet er damals gebissen werden, warum musste er ein Werwolf werden? Warum mussten seine Eltern sich scheiden lassen? Warum musste er sich in Sarah verlieben? Warum hatte er sich nicht in jemand anderen verliebt, jemanden, der diese Liebe nicht erwidert hatte und nie erwidern würde und der nicht durch seine Schuld das Land verlassen und sterben musste? Warum hatte er nicht besser aufgepasst, warum hatte er zugelassen, dass Sarah schwanger geworden war? Warum hatte er nicht bemerkt, dass sie schwanger gewesen war? Warum hatte er geglaubt, dass sie tot war, warum hatte er sie nicht gesucht? Warum hatte er zugelassen, dass Dora einfach so gegangen war? Warum hatte er nicht darauf bestanden, dass sie ihm zuhörte? Warum kämpfte er nicht um sie? Warum?

Er wusste, warum. Zumindest, warum er nicht um Dora gekämpft hatte. Er hatte keine Kraft mehr. Er hatte in seinem Leben schon so viel, so lange und umsonst gekämpft, er hatte einfach keine Kraft mehr. Und er war sich ziemlich sicher, dass auch dieser Kampf umsonst wäre.

/-/

"Potter, wie weit sind Sie?", erkundigte sich Kingsley in geschäftsmäßigem Ton und schaute Harry über die Schulter und auf dessen Pergament.

Harry seufzte. Er hasste es, wenn ihm jemand über die Schulter schaute, aber das konnte er seinem Vorgesetzten ja schlecht sagen. Er legte seine Feder auf den Tisch und schraubte sein Tintenfass zu. "Fertig.", sagte er zufrieden. Er hasste diese Schreibtischarbeit, er hatte viel lieber etwas Action.

Kingsley nickte. "Gut. Die Einsatzbesprechung für heute Nacht ist in zehn Minuten und ich erwarte, dass alle anwesend sind, die vor Ort sein werden, um noch letzte Details zu besprechen. Verstanden, Potter?"

Harry nickte mit einem Grinsen im Gesicht. "Voll und ganz, Sir." Er freute sich, dass mal wieder etwas passierte. In den letzten Tagen und Wochen war das nicht der Fall gewesen. Alles war ruhig gewesen, aber jetzt hatten sie einen sehr zuverlässigen Hinweis von einem Spion bekommen, der ihnen ein Todessertreffen ankündigte. Vielleicht war es auch eine Falle, aber das musste riskiert werden, denn es liefen immer noch viel zu viele Todesser frei herum. Seit Voldemorts entgültigem Ableben waren sie zwar wieder ohne Führer, aber immer noch sehr gefährlich und unberechenbar und wer wusste schon, was als nächstes passierte? Heute Nacht sollte eine größere Gruppe von Auroren sich um den Treffpunkt herum verstecken und auf der Lauer liegen, um sie zum richtigen Zeitpunkt zu verhaften. Harry hoffte, dass alles klappte. In den letzten Tagen hatten sie schon mehrere Nächte verschwendet, ohne dass etwas passiert war. Aber dieses Mal war es anders, das hatte er im Gefühl.

"Okay, alle, die für den Einsatz eingeteilt sind, sind schon hier. Weasley hab ich vorhin auf dem Flur gesehen, er schien in ein Gespräch mit Granger verwickelt zu sein.", überlegte Kingsley und ließ seinen Blick über seine Auroren in der Zentrale schweifen.

Harry grinste. Wenn Kingsley sagte, dass Ron in ein Gespräch mit Hermine verwickelt war, hieß das, dass die beiden sich mal wieder wegen irgendeiner Belanglosigkeit in die Haare gekriegt hatten. Und er hatte Recht, denn nur Sekunden später konnte er Ron wutschnaubend in die Abteilung stürmen sehen.

"Jetzt fehlt nur noch Lupin und wir sind vollzählig.", meinte Kingsley und wirkte jetzt leicht angespannt. Diese Aktion heute Nacht war wichtig, zu wichtig, als das irgendetwas schief gehen durfte.

Harry stellte überrascht fest, dass Tonks noch nicht hier war. Sie hatte schon die letzten Nächte über Dienst gehabt und war deshalb nicht verpflichtet, schon am frühen Abend hier zu sein, damit sie sich noch etwas ausruhen konnte. Denn wenn Auroren übermüdet waren, konnte das sehr gefährlich werden, in der Vergangenheit hatte das schon zu einigen unschönen Zwischenfällen geführt. Und Remus achtete sehr darauf, dass Tonks sich ausruhte, er kannte die Ungeschicklichkeit seiner Frau schließlich zur Genüge. Aber trotzdem war sie immer etwas früher gekommen, wenn es diese Einsatzbesprechungen gegeben hatte, um auch ja über alles informiert zu sein. Aber auch Tonks war nur ein Mensch, vielleicht war ihr noch irgendetwas dazwischen gekommen und sie würde schon rechtzeitig hier sein, da war sich Harry sicher.

Und er hatte Recht. Kurz bevor Kingsley laut verkündete, dass die Einsatzbesprechung jetzt anfangen würde und sich alle bitte in den Konferenzraum begeben mögen, stolperte sie herein. Aber Harry war regelrecht erschrocken, als er sie, wie sie aussah. Sie hatte dunkle Ringe unter ihren Augen, ihre Augen selbst wirkten rot und geschwollen, sie wischte sich einige Male unbemerkt darüber, wohl um einige Tränen abzuwischen und sie wirkte schrecklich alt. Sie hatte wieder ihr mausbraunes Haar und sah einfach nur elend aus. Irgendetwas musste vorgefallen sein, irgendetwas schlimmes. Wahrscheinlich zwischen ihr und Remus. Harry stand auf und schob seinen Stuhl leise nach hinten. Er eilte auf den Metamorphmagus zu, doch bevor er den Mund öffnen konnte, hörte er Kingsleys Stimme und kurz darauf standen alle Auroren der Abteilung auf und drängten ihn zum Konferenzraum. Er musste warten, bis die Besprechung beendet war, um mit Tonks sprechen zu können.

/-/

"Vorzüglich.", seufzte Molly und legte ihr Besteck auf den Teller. "Wirklich fantastisch. So etwas gutes habe ich schon lange nicht mehr gegessen, ich glaube, das letzte Mal war es, als Arthur mich an unserem Hochzeitstag in dieses französische Restaurant in der Winkelgasse ausgeführt hat.", überlegte sie und schob den Teller von sich. Sie blickte Rebecca beinahe ehrfürchtig an. "Sie sind wirklich eine Künstlerin, Rebecca."

Rebecca lächelte geschmeichelt, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und blickte auf ihren leeren Teller. "Vielen Dank, Mrs Weasley. Das hab ich alles von meiner Grandma gelernt, sie ist die beste Köchin die ich kenne. Und sie hat immer gesagt, wie froh sie ist, dass ich das Kochtalent meiner Mom nicht geerbt habe, die konnte anscheinend nicht mal richtig Wasser kochen." Rebecca lächelte, als sie sich daran erinnerte, wie ihr ihre Großmutter erzählt hatte, wie sie Sarah während ihrer Schwangerschaft, um sie von ihrem Kummer abzulenken, einmal versucht hatte zu erklären, wie man ein Spiegelei braten konnte.

Flashback Anfang

"Mum, was soll das?", fragte Sarah ihre Mutter genervt, als diese sie die Treppe hinunter in die Küche zog. "Ich hab dir doch gesagt, dass ich keinen Hunger hab und lieber oben bleiben würde." Sie strich sich unwirsch eine Haarsträhne aus den Augen und hielt sich am Treppengeländer fest, um nicht zu stolpern.

"Sarah, seit Wochen versteckst du dich in deinem Zimmer und weigerst dich, das Haus zu verlassen. Das kann nicht gut sein, Liebes, das kann einfach nicht gut sein! Weder für dich noch für das Baby.", erwiderte Mrs Sanford und blickte ihre Tochter eindringlich an. Sie hatte den Eindruck, das Baby war das einzige, wofür Sarah überhaupt noch kämpfte. Das Baby war das einzige, wofür Sarah überhaupt noch lebte. Mehr gab es nicht mehr. Sie schien den Vater ihres Kindes wirklich sehr geliebt zu haben und sie schaffte es einfach nicht, mit seinem Verlust umzugehen. Und langsam schien ihr auch das Kind egal zu werden...

"Na und?", erwiderte Sarah trotzig und verschränkte die Arme vor der Brust. "Ich höre nicht, wie es sich beschwert."

"Es wird sich beschweren, wenn es auf der Welt ist und irgendwelche gesundheitlichen Probleme haben wird, weil du zu wenig gesessen und dich vollkommen vernachlässigt hast und nie an der frischen Luft warst! Sarah, bitte, ich bitte dich um des Kindes Willen, hör auf, dich so abzuschotten, hör auf, so in Selbstmitleid zu zerfließen!"

Tränen glitzerten in ihren Augen, als Sarah sich von ihrer Mutter losriss. "Mum, ich habe vor kurzem die Liebe meines Lebens verloren! Ich habe alle meine Freunde verloren! Ich habe mein Leben verloren! Ich habe nichts mehr, Mum, nichts mehr! Warum sollte ich nicht in Selbstmitleid zerfließen, warum nicht?!" Langsam ließ sie sich auf die Treppe sinken und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Sie fing an zu schluchzen, wie schon so oft in der letzten Zeit.

Mrs Sanford seufzte. Sie hatte ihre Tochter noch nie so verzweifelt gesehen, noch nie so leidend, sie schien wirklich alles verloren zu haben, was ihr etwas bedeutet hatte... fast alles. Sie setzte sich neben ihre Tochter auf die Treppe, legte einen Arm um sie und den anderen auf ihren nun schon gut sichtbaren Babybauch. Leicht, ganz leicht, konnte sie fühlen, wie sich ihr Enkelkind darin bewegte.

"Sarah, ich weiß, dass du leidest. Ich weiß, dass das alles unglaublich schwer und qualvoll für dich sein muss. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie groß dein Schmerz sein muss, Liebling." Sarah nickte leicht, schluchzte und legte ihren Kopf schließlich auf die Brust ihrer Mutter, die sie zärtlich umarmte und ihr sanft über den Rücken strich, um sie zu beruhigen. "Aber du hast nicht alles verloren, das weißt du.", begann sie nach einigen Minuten, in denen Sarah sich langsam wieder etwas beruhigt hatte, weiter zu sprechen. "Du hast immer noch das Baby und du hast dein Leben. Zwei sehr kostbare Dinge, die du nicht mehr zu schätzen weißt. Und diese Dinge machst du langsam aber sicher kaputt mit deinem Verhalten, deinem Desinteresse. Denkst du, dass es dem Vater deines Kindes Recht wäre, wenn du dich selbst aufgibst und das nur wegen ihm? Wenn du schon nicht um deiner selbst Willen leben willst und auch nicht wegen deinem Baby, dann doch wenigstens für ihn, Sarah. Tu es für ihn! Wie willst du ihm erklären, falls du ihn eines Tages im Himmel triffst, dass du alles aufgegeben hast, dass du womöglich auch sein Kind zerstört hast und das nur wegen ihm?"

"Mum, ich zerstöre mein Kind doch nicht! Das würde ich nie machen! Es ist das einzige, was ich überhaupt noch habe!", sagte Sarah und schaute ihre Mutter fassungslos an.

"Doch, Sarah, doch. Du zerstörst das Kind. Du zerstörst es, indem du dich weigerst, vor Kummer etwas zu essen. Du zerstörst das Kind, indem du dich weigerst, zum Arzt zu gehen, um festzustellen, wie es ihm geht. Ich weiß, du machst das nicht mit Absicht, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es passiert." Mrs Sanford wollte nicht so hart zu ihrer Tochter sein, aber langsam sah sie keinen anderen Ausweg mehr, denn ihr war vollkommen klar, dass das Verhalten ihrer Tochter nicht mehr lange gut gehen würde. Und schlimmstenfalls würde sie auch noch das Kind verlieren, den einzigen Halt, den sie noch hatte. Und das konnte sie nicht zulassen. Und das würde sie auch nicht zulassen. Selbst wenn sie Sarah eigenhändig fesseln musste, um ihr irgendetwas zu essen einzuflößen, sie würde es tun.

"Das wollte ich nicht, Mum.", wimmerte Sarah und legte beide Hände schützend auf ihren Bauch. "Das wollte ich wirklich nicht, ich liebe mein Baby. Aber die letzten Monate haben mich so unglaublich viel Kraft gekostet, ich kann einfach nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Und ich weiß nicht, wie ich das ohne ihn schaffen soll." Sie vermisste Remus. Sie vermisste ihn so wahnsinnig. Seine Stimme, seine Augen, das Gefühl, wenn er sie berührte, das Gefühl, von ihm geliebt zu werden, etwas besonderes zu sein, seine Zuversicht in der dunklen Zeit... sie vermisste alles an ihm. Sie vermisste auch Lily und James, Sirius und Peter. Sie vermisste sie alle. Sie wusste nicht, ob überhaupt noch jemand von ihnen am Leben war. Sie fühlte sich so schrecklich alleine, verlassen von allen Menschen, die sie liebten. Selbst das Baby konnte ihr in diesen Momenten nicht helfen, denn manchmal ertappte sie sich bei dem Gedanken, ob Remus nicht noch leben würde, wenn sie nicht schwanger geworden wäre. Sie wusste, dass es absurd war und dennoch konnte sie es nicht ändern. Aber ihre Mutter hatte Recht, sie musste an das Kind denken und auch an sich selbst. Remus würde es ihr nie verzeihen, wenn sie sich selbst aufgab und das nur seinetwegen. Ihre Mutter hatte Recht, sie musste mehr auf sich aufpassen, auf ihr Kind. Auf das einzige, was ihr noch von Remus geblieben war.

"Du schaffst das, Sarah.", ermunterte Mrs Sanford ihre Tochter. "Du bist eine starke Frau und ich bin mir sicher, dass du mit allem fertig wirst, wenn du nur willst." Sie strich Sarah über die Haare.

"Manchmal vermisse ich ihn so sehr, dass ich es kaum aushalte, Mum.", murmelte sie und spürte eine Träne ihre Wange herunter rollen. "Es tut so weh, es tut so unglaublich weh..." Sie brach ab. Unmöglich konnte sie weiter sprechen, der Schmerz überwältigte sie erneut.

"Ich weiß, Liebes, ich weiß. Mir ging es nicht anders, als dein Dad gestorben ist. Aber so blöd das auch klingen mag, das Leben geht weiter. Irgendwann wird es leichter. Und er wird immer bei dir sein, Sarah, immer. In deinem Herzen.", sagte Mrs Sanford leise und überzeugt.

"Ich weiß, Mum.", murmelte Sarah und wischte die Tränen weg. "Danke."

"Jederzeit wieder, mein Schatz, jederzeit wieder.", erwiderte Mrs Sanford und stand langsam wieder auf. Sie hielt ihrer Tochter die Hand hin, damit diese besser aufstehen konnte. "Na komm, du musst was essen." Sarah nickte und ergriff die Hand. Wortlos ließ sie sich in die Küche führen. "Auf was hättest du denn Appetit?", erkundigte sich Mrs Sanford und öffnete mehrere Schränke.

Sarah stützte den Kopf in eine Hand und beobachtete ihre Mutter. Die andere Hand legte sie auf ihren Bauch. Sie fühlte einen Tritt ihres Kindes und lächelte leicht. "Ich weiß es nicht, Mum, keine Ahnung. Eigentlich hab ich gar keinen Hunger."

Mrs Sanford schien einen Moment zu überlegen, dann hellte sich ihr Gesicht auf. "Ich mach dir einfach Spiegeleier, die hast du früher doch so gerne gegessen.", sagte sie, erfreut darüber, eine Lösung gefunden zu haben.

Sarah seufzte. Sie hatte wirklich keinen Hunger, aber sie sah ein, dass sie wegen dem Baby etwas essen musste. Und das Baby hatte bestimmt Hunger. "Ja, klingt gut, Mum."

"Sehr schön.", meinte ihre Mutter zufrieden und holte eine Pfanne aus einer Schublade. "Hey, ich hab noch eine bessere Idee! Wie wäre es, wenn du die Spiegeleier machst? Dann bist du abgelenkt."

Sarah setzte sich kerzengerade hin und starrte ihre Mutter erschrocken an. "Was?! Mum, du weißt, dass ich nicht kochen kann! Mir brennt sogar das Wasser an!" Sie war eine völlig unbrauchbare Köchin, einmal hatte sie beinahe ihre Wohnung abgefackelt und keine Ahnung wie. Remus hatte sie retten müssen.

"Na und? Irgendwann musst du es doch lernen, Schatz. Du wirst irgendwann auch für dein Kind kochen müssen.", erwiderte Mrs Sanford schulterzuckend und bugsierte ihre Tochter zum Herd.

"Ich bestell uns was beim Lieferservice.", redete sich Sarah panisch heraus. "Mummy, bitte, zwing mich nicht zum kochen, bitte. Denk an dein Enkelkind! Du wirst es nie kennen lernen, wenn ich uns jetzt in die Luft jage!"

Mrs Sanford lachte. Da war er wieder, der Humor ihrer Tochter, den sie so vermisst hatte. "Ich bin doch dabei, Schätzchen, es kann gar nichts passieren."

"Das sagst du.", murmelte Sarah, alles andere als überzeugt. Aber schließlich schaltete sie doch den Herd an und ging zum Kühlschrank, um ein Ei herauszuholen. Dabei kam sie mit ihrem Bauch allerdings irgendwie an die Milchflasche, die ins Schwanken geriet und auf den Boden fiel. Sarah ließ vor Schreck das Ei fallen, das natürlich auch kaputt ging.

"Keine Sorge, keine Sorge, ich mach das wieder weg.", erwiderte Mrs Sanford, zog ihren Zauberstab hervor und richtete ihn auf den See aus Milch und Ei. Eine Sekunde später war er verschwunden.

"Tut mir Leid.", sagte Sarah schuldbewusst.

"Das passiert doch jedem mal." Mrs Sanford verkniff sich ein Lachen. "Als ich mit dir schwanger war, hab ich auch einige Sachen heruntergeworfen. Man muss sich erst über seine neuen Ausmaße bewusst werden."

Sarah musste lächeln. Sie war froh, dass ihre Mutter sie zum kochen überredet hatte, es lenkte sie ab. Sie drehte sich wieder zum Kühlschrank, um ein weiteres Ei herauszuholen, dieses Mal darauf bedacht, nicht gegen irgendwelche Sachen zu stoßen. Als sie schließlich beinahe stolz das Ei in der Hand hielt, roch sie etwas komisches. Eigentlich war sie schon über die Phase hinaus, in der sie alles ganz genau riechen konnte und ihr von den kleinsten Dingen schlecht wurde, aber bei dem Geruch drehte sich ihr Magen um.

Auch Mrs Sanford bemerkte den Geruch und suchte ihre Küche mit den Augen nach der Ursache ab. Und dann bemerkte sie, dass die Pfanne auf dem Herd qualmte. "Beim Barte des Merlin!", rief sie erschrocken und machte einen Satz auf die Pfanne zu, während Sarah sich so weit wie möglich von dem Objekt entfernte und versuchte, den Brechreiz zu unterdrücken. Mrs Sanford schnappte sich einen Topflappen, packte die Pfanne und schmiss sie regelrecht in die Spüle, während sie mit der anderen Hand den Herd ausschaltete. Sie ließ Wasser über das rauchende Objekt laufen.

Sarah war kurz davor, den Kampf aufzugeben. Einige Sekunden später ließ sie das Ei fallen und stürzte in die Toilette, um sich wieder einmal zu übergeben. Als sich ihr Magen wieder halbwegs beruhigt hatte, lehnte sie sich an die Wand und schloss die Augen. Ihre Hände ruhten auf ihrem Bauch. "Da hat Mummy uns ja was schönes eingebrockt, was Schatz?", fragte sie leise ihr ungeborenes Baby. Es war das erste Mal, dass sie wirklich mit ihm sprach. Es tat gut. Es war besser, als sie gedacht hatte. Es fühlte sich richtig an. Zu ersten Mal fühlte es sich richtig an. Zum ersten Mal war sie wirklich, wirklich froh, ihr Kind behalten zu haben. Und zum ersten Mal wurde ihr wirklich bewusst, dass sie in wenigen Monaten eine Mum sein würde.

Flashback Ende

Mrs Weasley lachte. "Bei Ginny hab ich auch manchmal das Gefühl. Ich hoffe allerdings, dass ich mich täusche.", erklärte sie.

Ginny verzog das Gesicht und warf ihrer Mutter einen gespielt beleidigten Blick zu. "Mum, du weißt doch, dass Harry der Meisterkoch von uns beiden ist. Aber mein Essen ist genießbar. Du solltest mal Freds Essen kosten, dann wirst du meins in den höchsten Tönen loben, das schwöre ich dir." Mrs Weasley lachte erneut und Rebecca blickte die rothaarige Hexe fragend an. "Fred ist einer meiner Brüder.", erklärte Ginny. "Der nervtötenste, um genau zu sein."

Rebecca lachte. "Es muss toll sein, in einer großen Familie aufzuwachsen.", sagte sie nach einigen Sekunden Stille sehnsuchtsvoll. Sie hatte sich immer eine große, schöne Familie gewünscht, was kein Wunder war, da sie ja nur ihre Großmutter hatte. Von Familie also keine Spur.

"Na ja, mehr oder weniger.", erwiderte Ginny vage. "Ich kann dir sagen, es ist einfach nur schrecklich nervig, große Brüder zu haben. Kaum hast du einen Freund, führen sie sich auf, als würden wir noch im Mittelalter leben. Und sie selbst knutschen in aller Öffentlichkeit mit diversen Freundinnen herum. Es ist einfach nur widerwärtig und heuchlerisch. Und ich erinnere mich noch gut daran, wie Fred und George mal versucht haben, mich aufzuklären." Sie verzog das Gesicht. Rebecca und Mrs Weasley lachten erneut. Ginny hatte es einfach nur lächerlich gefunden, als Fred und George eines Tages mit einer Gurke und einer Packung Kondome in ihrem Zimmer aufgetaucht waren, um ihr zu demonstrieren, wie 'es' ging. Natürlich nur für den Ernstfall, der frühestens dann stattfinden würde, wenn sie über dreißig und verheiratet wäre, hatte George ihr im Brustton der Überzeugung erklärt. Ginny hatte es vorgezogen, ihren Brüdern nicht zu sagen, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits Sex gehabt hatte, obwohl der Ausdruck auf den Gesichtern ihrer Brüder bestimmt extrem komisch gewesen wäre. Aber Ginny war es lieber gewesen, dass Harry die nächste Zeit überlebte, und so hatte sie eine Stunde Aufklärungsunterricht über sich ergehen lassen.

"Tja, so sind Fred und George.", erwiderte Mrs Weasley und zuckte mit den Schultern. "Sie meinen es nur gut."

"Und verhalten sich dabei völlig idiotisch und inakzeptabel. So klein, wie sie immer denken, bin ich nicht mehr!", sagte Ginny erzürnt und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

"Ich weiß das, Schätzchen. Und wenn du erstmal sechzig bist, werden Fred und George und Ron das auch wissen.", sagte sie zuversichtlich.

"Na hoffentlich.", murmelte Ginny. "Aber reden wir bitte von etwas anderem als von diesen drei Idioten, ja?", schlug sie dann vor.

"Ähm... sag mal, Ginny... hat mein... mein Vater eigentlich noch weitere Kinder?"

Molly lachte. "Großer Gott, nein! Das wäre Remus viel zu riskant. Frag mich nicht wieso, aber er sagt immer, dass er schon mit Tonks unglaublich viel Glück hat. Und wie ich ihn kenne, hat er Angst, dass, wenn er zu glücklich ist, dieses Glück dann irgendwann wieder verschwindet. Und so verwunderlich ist das gar nicht, wenn man seine Vergangenheit bedenkt. Er hatte gute Freunde und eine wunderbare Freundin und hat das alles praktisch auf einen Schlag verloren. Dann hat er Jahre später einen seiner besten Freunde doch wiedergehabt und ihn kurz darauf ebenfalls wieder verloren. Ich frage mich manchmal wirklich, wo er die Kraft für all das hernimmt. Wenn er Tonks allerdings auch noch verlieren würde, ich weiß nicht, was er dann machen würde."

"Aber er wird Tonks nicht verlieren, Mum!", erwiderte Ginny. Sie war sich dieser Tatsache vollkommen sicher. Tonks würde Remus nie aufgeben.

Rebecca hatte abwechselnd Mrs Weasley und Ginny nachdenklich angesehen. "Wisst ihr, nachdem, was Sie so erzählen, Mrs Weasley, habe ich das Gefühl, überhaupt nichts über meinen Vater zu wissen." Woher sollte sie auch etwas über ihn wissen? Sie hatte ihn doch erst gestern Abend kennen gelernt und diese Unterhaltungen, die sie heute geführt hatte, reichten noch längst nicht aus, um ihn wirklich zu kennen. Dazu brauchten sie Zeit. Aber Rebecca brauchte auch Wissen, Wissen darüber, was ihr Vater in den vergangenen Jahren alles gemacht hatte, um ihn besser verstehen zu können. Und sie hatte das Gefühl, in Ginny und ihrer Mutter zwei wunderbar sprudelnde Informationsquellen gefunden zu haben. "Wie wäre es, wenn ihr beide mir etwas über sein Leben erzählt?"

/-/

Harry unterdrückte ein Seufzen und versuchte sich so lautlos wie möglich in den Schneidersitz zu setzen. Er ignorierte sie Grashalme, die ihm störend ins Gesicht pieksten. Das war das, was er am meisten an diesen nächtlichen Observationsaktionen hasste: das Warten. Das Warten und das endlose Herumsitzen. Aber auch das war für den Erfolg wichtig. Erst beobachten, dann zuschlagen. Erst mussten alle da sein, am besten auch schon mitten in der Versammlung, bis sie sie schnappen konnten. Sonst hatten sie keine Beweise und alle Todesser würden wieder frei kommen.

Aber ein Gutes hatte diese Warterei: Man konnte sehr gut Nachdenken. In einer Nacht hatte er überlegt, ob er wirklich mit Ginny zusammenziehen sollte, in einer anderen, warum seine Eltern so früh geheiratet hatten. Heute war Remus dran. Die Geschichte, seine Geschichte, die er ihm und Ginny heute morgen erzählt hatte, war wirklich unglaublich. Und an allem war Umbridge Schuld. Nun ja, vielleicht nicht wirklich an allem, Sarah wäre wahrscheinlich auch bei der Geburt gestorben, wenn sie die Schwangerschaft nicht hätte verheimlichen und Hals über Kopf nach Amerika abhauen müssen, aber wer wusste das schon?

Remus hatte mehr durchmachen müssen, als Harry geglaubt hatte, viel mehr. Und er war immer noch so stark und mutig und er hatte nie aufgehört zu kämpfen. Um das zu kämpfen, woran er glaubte und was ihm wichtig war. Und er hatte viele Schicksalsschläge einstecken müssen, sehr viele. Dagegen war sein - Harrys - eigenes Leben ja noch ein Kinderspiel gewesen. Obwohl, das konnte man auch nicht so ohne weiteres behaupten, schließlich hatte auch er selbst schon sehr viel mehr durchgemacht als andere Zauberer in seinem Alter...

Rebecca tat ihm Leid und dann auch wieder nicht. Irgendwo, ganz tief in seinem Inneren war er sogar so etwas wie eifersüchtig. Nicht viel, nur ein ganz kleines bisschen. Rebecca war auch ohne Eltern aufgewachsen, nur bei Verwandten, aber es war dennoch ein großer Unterschied. Ihre Großmutter hatte sie geliebt, seine Verwandten hatten ihn für eine sehr lästige Missgeburt gehalten. Sie hatte ihren Vater nach zwanzig Jahren endlich gefunden und kennen gelernt, seine Eltern waren unwiderruflich tot. Aber er konnte sich nicht beschweren, er hatte Freunde, eine wunderbare Freundin und einen guten Job. Sein Leben war sehr viel besser geworden, als er im Alter von zehn Jahren erwartet hatte und er war dankbar dafür.

Und er fragte sich, was mit Tonks los war. Denn etwas war mit ihr los, das war ihm völlig klar. Etwas stimmte nicht. Sie war wortlos in die Besprechung gegangen, hatte Kingsleys Worten stumm zugehört und schien doch ganz weit weg zu sein. Harry glaubte sogar, dass sie sich ein paar Mal verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel gewischt hatte. Er hatte nach der Besprechung versucht mit ihr zu reden, aber sie hatte ihn schnell abgewimmelt und war auf die Toilette verschwunden. Wahrscheinlich war etwas zwischen ihr und Remus vorgefallen, denn nur er schaffte es, sie so aus der Fassung zu bringen, aber er bezweifelte, dass sie etwas von Rebecca wusste, denn sonst hätte sie bestimmt anders reagiert. Es war ja nicht so, als ob seine plötzlich aufgetauchte Tochter ihre Beziehung zerstören wollte oder ähnliches.

Harry warf einen prüfenden Blick auf das Haus, in dem das Treffen stattfinden sollte und wahrscheinlich schon längst stattfand. Es war alles ruhig. Er drehte seinen Kopf nach links und sah Tonks, die einige Meter vor ihm entfernt im Gras kauerte und mit leerem Blick auf das Gebäude starrte. Er überlegte einen Moment, ob er das wirklich tun sollte. Schließlich fing er leise an, zu Tonks zu kriechen und tippte ihr schließlich vorsichtig auf die Schulter. Etwas, das er besser nicht getan hätte.

Tonks fuhr herum und hielt ihm drohend ihren Zauberstab unter die Nase. Er hob abwehrend die Hände und als sie erkannte, um wen es sich handelte, ließ sie ihn wieder sinken.

"Sag mal spinnst du? Mich so zu erschrecken!", zischte sie ihm wütend zu.

Harry schaute schuldbewusst auf seine Hände. "'Tschuldigung."

"Mach das bloß nie wieder!" Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.

"Mach ich nicht, Tonks.", erwiderte Harry und schaute wieder hoch. Sie hatte ihren Blick abgewandt und starrte wieder auf das baufällige Haus, das völlig im Dunkeln zu liegen schien. "Also, was ist los?", fragte er nach einigen Minuten Stille.

"Was soll denn los sein?", fragte sie abweisend. "Nicht ist los, alles ist in bester Ordnung."

Harry verschränkte die Arme vor der Brust und musterte sie prüfend. "Das glaub ich dir nicht."

Sie zuckte mit den Schultern. "Dann eben nicht, Harry, aber glaub mir, alles ist in Ordnung."

Er blickte sie eindringlich an. "Ich glaube dir nicht.", wiederholte er stur. "Komm schon, Tonks. Ich kenne dich jetzt schon lange genug, ich weiß, wann etwas nicht stimmt. Sag's mir.", bat er sie.

"Es gibt nichts zu sagen, Harry, wirklich. Es ist alles in Ordnung.", erwiderte sie trotzig. Ihre Stimme wurde immer leiser, er konnte sie kaum noch verstehen.

"Du kannst das sagen, so oft du willst, Dora, ich glaube dir trotzdem nicht!", beharrte er. "Was ist passiert?"

"Nichts ist passiert. Absolut nichts. Kein Grund zur Sorge. Und jetzt geh wieder zurück auf deinen Posten, sonst wird Kingsley sauer.", erwiderte sie und starrte immer noch stur gerade aus.

Harry seufzte. "Hast du dich mit irgendjemandem gestritten?", fragte er jetzt. Vielleicht hatte er auf diese Weise mehr Erfolg.

"Nein, hab ich nicht und jetzt lass mich in Ruhe!", sagte sie schon eine ganze Spur aggressiever. Sehr gut, er war also auf der richtigen Fährte...

"Hast du dich mit Remus gestritten?", erkundigte er sich.

"Wag es ja nicht, seinen Namen zu sagen!", zischte Tonks und wandte sich um. Ihr Gesicht war wutverzerrt. Also ja.

"Worüber habt ihr euch gestritten?", wollte Harry nun wissen und beschloss, den gefährlichen Tonfall seiner Kollegin und Freundin zu ignorieren. Er blickte sie neugierig an.

"Das geht dich gar nichts an, du bist nicht unser Eheberater!" Sie stemmte die Arme in die Hüften. Harry wich unwillkürlich etwas vor ihr zurück.

"Ging es um Rebecca?" Er hatte beschlossen, alles auf eine Karte zu setzen. Falls er sich täuschte und Tonks noch gar nichts von ihr wusste, würde er sich schon irgendwie rausreden können. Eigentlich sollte er sich da gar nicht einmischen, was er sonst auch nicht getan hätte, aber dadurch, dass Rebecca gestern mit ihm zusammengestoßen war, ausgerechnet mit ihm, fühlte er sich irgendwie verpflichtet, diese Sache zu klären.

"Du weißt von ihr?", fragte Dora tonlos. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen, ihr drohender Tonfall war verschwunden und sie sah auf einmal nur noch elend aus. Diese Angelegenheit musste ihr schrecklich zusetzen.

"Erst seit gestern Abend.", erwiderte Harry, Irgendwo kam es ihm unwirklich vor, dass dieses Ereignis erst einen Tag her war. Es kam ihm viel länger vor.

"Er hat dir davon erzählt, aber mir nicht?", fragte sie und klang unglaublich verletzt. Eine Träne rollte ihre Wange herunter.

"Er... er wollte dir davon erzählen, sobald du frei hast und wirklich aufnahmefähig bist.", stotterte Harry, überrascht von Tonks' Tränen. Damit hatte er nicht gerechnet.

"Ach ja? Das wollte er? Wirklich?" Unwirsch wischte sie die Träne weg. "Ich bezweifle, dass er mir irgendetwas erzählt hätte, wenn ich ihn nicht in... in flagranti ertappt hätte."

Harry schaute sie erstaunt an. "In flagranti? Was meinst du denn damit?"

"Na was wohl? Ich hab sie nicht im Bett erwischt, ok, aber - "

"Im Bett?" Harry hielt sich die Hand vor den Mund, weil er so laut gesprochen hatte. "Warum in Merlins Namen sollte Remus mit Rebecca ins Bett gehen!?" Der Gedanke war so absurd, dass Harry ein Lachen unterdrücken musste.

"Warum wohl, Harry? Denk doch nach!", brauste Tonks so leise wie möglich auf. "Was machen Leute denn normalerweise, wenn sie eine Affäre haben?!"

Jetzt musste Harry sich wirklich zurückhalten, um nicht zu lachen. "Eine Affäre? Du denkst tatsächlich, dass Remus und Rebecca eine Affäre haben? Ernsthaft?"

"Warum hätte er sie sonst ansehen sollen, wie er sie angesehen hat? Erklär mir das, Harry! Und hör auf zu schauen, als würdest du das alles komisch finden, denn das ist es ganz und gar nicht! Meine Ehe ist zu Ende." Die Tränen liefen jetzt unaufhaltsam ihre Wangen herunter.

Harry hörte sofort auf zu grinsen. "Hör zu, Dora, er betrügt dich nicht. Das würde er nie tun!", sagte er eindringlich. "Das würde er dir niemals antun. Vertau mir! Und er würde dich schon gar nicht mit Rebecca betrügen."

"Warum nicht? Was macht dich so sicher, dass er mich nicht mit ihr hintergeht?", fragte sie leise und voller Zweifel.

"Rebecca ist nicht seine Freundin, Affäre oder Geliebte.", sagte Harry. Er fühlte sich plötzlich sehr unbehaglich. Es war nicht seine Aufgabe, Tonks von Remus' Tochter zu erzählen, es war Remus'. Aber er hatte das sichere Gefühl, dass Tonks ihm auf gar keinen Fall zuhören würde.

"Sondern?" Sie zog die Augenbrauchen hoch und schaute ihn neugierig an.

"Sie ist seine To-"

Er wurde unterbrochen, als Tonks plötzlich mit einer ungeheuren Wucht gegen ihn geschleudert wurde. Er fiel nach hinten, Tonks rollte über ihn hinweg. Sie hatte viel zu viel Schwung und wurde schließlich von einer großen Eiche gebremst. Sie sackte bewusstlos zusammen.

Harry schaute erschrocken nach vorne. Seine Kollegin war nicht ohne Grund auf ihn gefallen. Er zog seinen Zauberstab und rollte sich gerade noch rechtzeitig zur Seite, ansonsten hätte ihn ein grüner Blitz getroffen.

"Expelliarmus!", schrie er, aber der unbekannte Gegner war vorbereitet und wich gekonnt aus.

Harry stand so schnell wie er konnte, vom Boden auf und hechtete hinter den nächsten Baum, um einem weitern Lichtstrahl zu entkommen. "Impedimenta!", rief er und schickte den Strahl ziellos hinaus. Er hörte einen schweren Aufprall und atmete erleichtert durch. Er hatte getroffen. Aber wo einer war, da waren auch die anderen. Es fing gerade erst an.

Vorsichtig schielte er am Baumstamm vorbei und sah einige dunkle Gestalten, die durch die Nacht auf sie zurannten. Einige Lichtstrahlen konnte er auch erkennen, sie begannen sich zu duellieren. Da hatte er die Action, die ihm gefehlt hatte.

/-/

"Ginny, ist irgendwas nicht in Ordnung?", fragte Rebecca ihre neugewonnene Freundin besorgt. Ginny, die am Fenster stand und nach draußen in die dunkle Nacht blickte, wandte den Kopf. Ihre roten Haare fielen ihr ins Gesicht.

"Wieso fragst du?", erkundigte sie sich leise und schaute wieder hinaus.

"Keine Ahnung." Rebecca schwirrte noch der Kopf von all den Dingen, die sie von Ginny und ihrer Mutter über ihren Vater erfahren hatte, aber trotzdem kam ihr etwas komisch vor. "Einfach nur so. Also, ist etwas nicht in Ordnung?"

Ginny zuckte mit den Schultern, seufzte und ging schließlich zurück zu Rebecca, die auf dem Sofa saß und sich einige Fotos angeschaut hatte, die Ginny ihr gegeben hatte und die ihren Vater zeigten. Bei der Hochzeit von Lily und James, bei seiner eigenen, bei den Taufen von Bills Kindern, Geburtstagen...

"Es ist nur so ein komisches Gefühl, das ich habe, als ob irgendwas nicht stimmt.", sagte Ginny schließlich. "Okay, ich geb's ja zu, wenn Harry irgendeinen Einsatz hat, dann bin ich immer nervös und es ist ja nicht das erste Mal, dass er sich in Lebensgefahr begibt (das ist schon sein Hobby), aber trotzdem, dieses Mal ist es irgendwie anders..."

"Du liebst ihn sehr, oder?", sagte Rebecca mit schiefgelegtem Kopf und blickte sie lächelnd an.

Ginny nickte. "Ja.", sagte sie einfach. Dann beugte sie sich über das Fotoalbum und lächelte. Sie deutete auf ein Foto, das Remus am Altar zeigte und Tonks mit ihrem Vater im Gang. Dazwischen stand ein kleines Mädchen mit verängstigtem und traurigem Blick. Sie lachte und deutete auf das Kind. "Das ist meine Nichte Nathalie. Sie war das Blumenmädchen bei seiner Hochzeit und wollte, dass die ganze Hochzeit abgebrochen wird, weil sie nicht mehr genug Blumen hatte."

Rebecca lachte auch. "Das war bestimmt lustig.", meinte sie.

Ginny nickte. "Oh ja. Besonders, als Ron mit Nevilles Großmutter getanzt hatte und ihm der Geier von ihrem Hut auf den Kopf gefallen war. Davon muss auch irgendwo ein Foto hier sein, warte." Sie blätterte einige Seiten weiter und fand, was sie gesucht hatte. "Hier."

Rebecca prustete los, als sie das dümmliche Gesicht eines rothaarigen Mannes sah, der einige Federn in den Haaren hatte und einen großen Geier in den Händen hielt. Eine ältliche Frau starrte ihn sehr wütend an und im Hintergrund schienen sich zwei genau gleichaussehende Männer über das Geschehene lustig zu machen.

"Ich hab unzählige Abzüge von dem Bild. Ron versucht immer, sie mir zu klauen, aber da muss mein lieber Bruder früher aufstehen." Sie grinste verschmitzt. So blöd, wie er glaubte, war sie nicht.

Rebecca blätterte wieder in dem Album zurück und stieß auf einige Fotos von Lilys und James' Hochzeit. Eines von ihnen zeigte den Hochzeitstanz der Beiden. Sie schienen zu schweben vor Glück und hatten nur Augen für den anderen. Und im Hintergrund konnte sie ihre Eltern erkennen. Auch sie wirkten unheimlich glücklich. Ihre Mom hatte die Arme um den Hals seines Vater gelegt und er seine um ihre Taille geschlungen. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr und sie lächelte. Rebecca seufzte und strich mit dem Daumen über das Bild.

"Du kannst es haben, wenn du willst.", schlug Ginny vor, nachdem sie eine Weile wortlos zugeschaut hatte.

"Wirklich?" Rebecca schaute sie überrascht an. Ihr Gegenüber nickte. "Danke.", murmelte sie leise und beobachtete erneut, wie ihre Mutter glücklich lächelte.

/-/

"Petrificus Totalus!" Harrys Gegner fiel bewegungsunfähig zu Boden. Es war der letzte Todesser. Sie hatten alle gekriegt, dank der Appariersperre, die aus Sicherheitsgründen auf die Gegend gelegt worden war. Der Kampf war anstrengend gewesen, aber sie hatten ihn gut und siegreich überstanden. Er hatte nur eine Schnittwunde auf der Stirn und eine Verbrennung am Arm.

Jetzt, nachdem alles überstanden war, konnte er versuchen, noch einmal mit Tonks über Remus und Rebecca zu sprechen. Suchend sah er sich nach der Freundin um. Wo steckte sie nur? Er konnte sie nicht bei den Kollegen sehen, die die Todesser mit Fesselflüchen verschnürten und auch nicht beim Haus, das jetzt durchsucht wurde. Wo war sie? Er konnte sich nicht erinnern, sie bei den Duellen irgendwo gesehen zu haben, aber dann herrschte auch immer so ein Trubel, dass alles furchtbar unübersichtlich war und man Freund und Feind kaum unterscheiden konnte.

Aber er war sich ziemlich sicher, dass er sie nirgendwo gesehen hatte... Das letzte Mal, als der erste Todesser angegriffen und sie gegen den Baum geschleudert hatte. Moment mal...

Harry sah sich hektisch nach dem Baum um, gegen den Tonks geprallt war. Als er ihn endlich gefunden hatte, sprintete er los und kam kurz darauf schlitternd zum Stehen. Tonks' Haltung hatte sich nicht verändert. Harry stürzte zu ihr.

"Dora, kannst du mich hören? Dora!" Er fasste sie am Arm um schüttelte ihn vorsichtig. "Dora! Komm schon, sag was!", sagte er und fühlte eine leichte Panik in sich aufsteigen. "Nymphadora!", zischte er eindringlich. Nichts. Okay, wenn sie auf ihren verhassten Vornamen nicht reagierte, dann war es ernst... Er versuchte noch einmal sie wachzurütteln, aber zwecklos. Ihr Kopf bewegte sich nur etwas und sackte auf ihre Schulter. Harry stützte ihn instinktiv. Plötzlich fühlte er etwas warmes nasses. Langsam zog er die Hand wieder zurück. Sie war voller Blut.

TBC...