Gleis 9 ¾

Endlich war der große Tag da! Meine Mutter und meine Tante brachten mich mit dem bepackten Möbelwagen zum Bahnhof Kings Cross. Für einen winzigen Moment überlegte ich, wo meine Mutter Autofahren gelernt hatte, doch dann stellte ich fest, dass sie es gar nicht konnte. Wir trudelten halsbrecherisch durch den Londoner Innenstadtverkehr und hätten um ein Haar ein paar blöde Touristen platt gemacht, die sich noch nicht an den englischen Linksverkehr gewöhnt hatte. Mal ehrlich, zwei Zentimeter, und wir hätten sie erwischt! Ich war drauf und dran, nachzuhelfen, aber aus einem mir nicht ganz zu erschließenden Grund entschied ich mich dagegen. Hätte mir nur Ärger eingebracht, und den würde ich während meiner Schulzeit noch oft genug haben.

Mutter und Tante ließen mich aussteigen, und während ich noch damit beschäftigt war, meinen Koffer mit Kleidung, meine Tasche mit Büchern und meine Truhe mit Zaubertrankutensilien hochzuheben, brausten sie auch schon mit quietschenden Reifen davon. Erstaunlich. Ich hätte gedacht, trotz allem, dass meine Mutter ein wenig sentimentaler sein würde bei meinem Abschied. Tante zumindest hatte Tränen in den Augen, als sie ihrem Sevischnuckiputzileinichen hinterher blickte.

Ich ärgerte mich, dass ich es versäumt hatte, den Schwebezauber zu lernen. Ich kannte sämtliche unverzeihlichen Flüche, tausende von Tränken und einen Großteil der Schwarzen Magie, aber ein einfaches Wingardium Leviosa hatte ich noch nicht drauf. Also schob und zog und zerrte ich an meinem Gepäck und schleifte es langsam zu dem Bahnsteig mit den Gleisen 9 und 10. Scheiße, elende! Ich würde irgendjemanden überreden müssen, mir zu helfen. Irgendwen, der selbst nichts zu schleppen hatte. Mein Blick fiel auf eine Familie, Vater, Mutter, zwei Töchter, eine blond, eine rothaarig. Sie schauten ziemlich ratlos drein und blickten immer wieder auf ein Zugticket.

Hahaha. Die Blöden schienen nicht zu wissen, wo Gleis 9 ¾ war. Ich ließ alles stehen und liegen und schlenderte herüber.

„Ich kann euch verraten, wo ihr hin müsst, aber dafür müsst ihr mir beim Tragen helfen!" Das rothaarige Mädchen drehte sich um. Es war die komische Tussi, die ich neulich schon in der Winkelgasse getroffen hatte. Der Name fiel mir nicht mehr ein, er war mir aber auch völlig egal. Sie stieß ihre Schwester an.

„Petunia, das ist er, von dem ich dir erzählt habe!"

Die Blonde hob den Blick und sah sehr mürrisch aus. Sie musterte mich abschätzig und ihre Miene hellte sich kein bisschen auf. Mann, war das Mädel mir sympathisch! Das erste weibliche Wesen, dem ich begegnete, das nicht auf der Stelle in mich verknallt war! Zur Belohnung durfte sie meinen Koffer tragen! Ich nahm hängte ihr auch noch meine Tasche über die Schulter und griff selbst nach meiner Truhe. Vater Evans (langsam kam meine Erinnerung wieder) war mit sämtlichem Gepäck seiner Tochter beladen, die selbst gar nichts trug, sondern stolz daneben stand. Ihre Schwester funkelte sie giftig an.

„Okay, können wir los?" Ich marschierte vorneweg, direkt auf die Absperrung zwischen den Gleisen zu. Ich spürte die verwunderten Blicke der anderen auf meinem Rücken. Unbeirrt schritt ich durch die Wand, und wenig später folgte mir das Mädchen mit den roten Haaren. Dann passierte lange nichts mehr.

„Find ich voll cool, diesen Trick mit der Wand," erzählte sie. Offenbar wollte sie Smalltalk machen. Ich sagte nichts, ich wartete auf mein restliches Gepäck. Als es nach fünf Minuten noch nicht da war, beschloss ich, zurück zu gehen und nachzuschauen. Mir bot sich ein Bild des Grauens. Petunia saß mit einer blutenden Nase auf dem Boden und heulte herzzerreißend. Sie war mit ihrem Zinken direkt vor die Mauer gerast und nicht durch gekommen. Offenbar gelang dies nur Zauberern.

„Na, gib schon her!" Ich schnappte mir mein Gepäck und ging wieder zurück. Ich konnte mir echt nicht leisten, noch länger da zu warten oder sie womöglich auch noch zu trösten. Ich musste den Zug bekommen, der mich in mein neues Leben fahren würde.