Epilog: Ein Jahr später

(Zweite Version)

Es dämmerte schon, als das CSI zu einem Müllplatz gerufen wurde. Dort waren die verkohlten Reste einer, wie es schien, weiblichen Leiche gefunden worden.

Als sie zu der Mülldeponie kamen, wurden Horatio, Calleigh und Alexx vom Nachtwächter und seinem ziemlich furchteinflößenden Pitt-Bull, der sich aber nicht weiter für die Forensiker zu interessieren schien, begrüßt und zur Fundstelle geführt. Während sich Alexx und Horatio um die Leiche kümmerten, begann Calleigh die Umgebung zu untersuchen.

„Armes Mädchen", sagte Alexx zu der Leiche. „Ich hoffe du warst schon tot, als man dich angezündet hat. Na gut, sehen wir mal, was wir finden." Mit einer Pinzette löste sie vorsichtig ein Stück lila Stoff vom Bein der Frau. „Sieht aus wie Seide", sagte sie und zeigte es Horatio.

„Ja, es ist wohl ein Stück von ihrem Kleid, das nicht ganz verbrannt ist.", meinte dieser.

Plötzlich erfasste ihn ein kalter Schauer: Der Stoff sah genau so aus, wie der, aus dem Nataljas Ballkleid gewesen war.

Das hat nichts zu bedeuten, versuchte er sich zu beruhigen. Dieser Stoff wird oft verwendet.

„Horatio, kommst du bitte kurz? Ich glaube, ich habe ihre Handtasche", rief Calleigh

plötzlich.

„Ich komme." Er ging hin und sah sich die schwarze Handtasche an. Vorsichtig öffnete er sie und holte eine Geldtasche heraus. Das erste, was er sah, als er sie aufschlug, war ein italienischer Führerschein, ausgestellt auf Natalja Morricone. Er förderte auch noch ihren Pass, Make-up, ein Handy, einen Zimmerschlüssel des Hilton und eine kleine violette Haarbürste zutage. Dann legte er alles wieder zurück und steckte die Handtasche in einen Plastikbeutel.

Die restliche Tatortuntersuchung zog wie im Nebel an Horatio vorbei. Er versuchte, sich zu konzentrieren, doch es ging nicht. Immer wieder tauchte Nataljas Gesicht vor seinem inneren Auge auf. Fröhlich und lächelnd – auf dem Ball. Bedrückt – an dem Tag, als sie ihm ihre Familiengeschichte erzählt hatte. Irgendwie hatte er gewusst, dass es mit Natalja ein schlimmes Ende nehmen würde. Aber so… Er war gleichzeitig traurig und wütend.

Auch als er spätabends heimkam, hatten sich seine Gedanken noch nicht beruhigt. Er zog sein Sakko aus und ging dann auf die Veranda seines Hauses, von wo man auch direkt zum Strand hinunter gehen konnte. Er betrachtete das Meer und versuchte auf andere Gedanken zu kommen, als plötzlich eine wohlbekannte Stimme erklang:

„Guten Abend Lieutenant Caine."

Zuerst dachte er, sein Gehör habe ihm einen Streich gespielt, doch als er sich umdrehte, sah er tatsächlich Natalja, die, ein Weinglas in der Hand auf einem der Verandastühle saß. Da der Stuhl sehr nahe an der Hauswand stand, hatte er sie vorher nicht bemerkt. Sie trug ein schwarzes Kleid mit weißen Punkten, rote Schuhe und um den Kopf ein rotes Band, das ihre Haare zurück hielt. Soweit Horatio es im Dunkeln sehen konnte, war in ihrer ganzen Kleidung kein bisschen lila zu sehen. Er glaubte zu wissen, was das zu bedeuten hatte, und es beunruhigte ihn. Dem Weinglas in ihrer Hand nach zu urteilen, war sie außerdem in sein Haus eingebrochen. Aber auch das hatte sie offenbar mit höchster Perfektion vollbracht, denn er hatte absolut keine Einbruchsspuren bemerkt.

„Hallo Miss Morricone", brachte er mühsam hervor. Er war so überrascht, dass ihm das Atmen und Sprechen schwer fiel.

„Mir scheint, Sie haben nicht unbedingt erwartet, mich heute hier zu sehen." Sie grinste auf ihre typische, leicht spöttische Art.

„Nein, ganz und gar nicht", sagte er, zog einen Stuhl zu sich heran und setzte sich neben Natalja. „Was machen Sie eigentlich hier? Es wäre doch viel sicherer gewesen, gleich zu verschwinden, um Ihre kunstvolle Todesinszenierung nicht zu gefährden."

„Vielleicht. Trotzdem, gerade um diese ‚Inszenierung' nicht zu gefährden, bin ich hier. Sie sind der Einzige, der mir wirklich gefährlich werden könnte. Früher oder später hätten Sie sicherlich herausgefunden, dass nicht ich auf diesem Müllplatz verbrannt worden bin. Deshalb zog ich es vor, Sie gleich einzuweihen."

„Und was erwarten Sie jetzt von mir? Soll ich absichtlich in die falsche Richtung ermitteln, oder was?" Horatio klang wütend, sehr untypisch für ihn.

„Nein. Sie werden den Fall wegen Befangenheit abgeben. Sie sagen einfach, Sie hätten mich zu gut gekannt. Was ja auch stimmt. Jemand anderes wird den Fall übernehmen, und dann wird er bald zu den ungelösten Fällen wandern."

„Aber was ist mit der Frau, deren Leiche wir gefunden haben? Wer ist sie?"

„Eine Kubanerin. Sie hat versucht, auf einem Schlepperschiff in die USA zu kommen, ist aber kurz vor Miami an einer Lungenentzündung gestorben. Ihre Pathologin wird allerdings einen Kopfschuss als Todesursache feststellen. Dafür habe ich gesorgt", sagte sie leise. „ Naja, der Schiffskapitän war jedenfalls froh, sie loszuwerden. Offenbar hatte sie hier keine Verwandten und niemand hätte sich um die Leiche gekümmert."

„Man kann Ihnen also nichts nachweisen. Wie immer."

„Wie immer!", bekräftigte sie und gab Horatio damit die Antwort auf seine unausgesprochene Frage. „Da jetzt ja alles geklärt ist, werde ich gehen. Leben Sie wohl, Lieutenant." Sie gab ihm die Hand und ging dann über die Verandatreppe hinunter zum Strand. Einen Moment blieb sie noch stehen, um ihre Schuhe auszuziehen, dann marschierte sie über den Sand davon.

Horatio blickte ihr nach, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Dann wollte er ins Haus gehen. Als er das Weinglas sah, dass noch auf dem Tisch stand, dachte er einen Moment daran, die Fingerabdrücke, die darauf waren, zu sichern, um zu beweisen, dass Natalja noch am Leben war. Doch schließlich nahm er das Glas, brachte es hinein und stellte es in die Spülmaschine. Er hatte resigniert. Würde Natalja gefasst werden, könnte man sie nur wegen Vortäuschung einer Straftat verurteilen. Und wäre sie erst einmal im Gefängnis, würden ihre Feinde, deretwegen sie ihren Tod überhaupt erst inszeniert hatte, sofort einen Weg finden, sie umzubringen. Es war sinnlos. Wie immer, wenn Natalja irgendwo auftauchte, war das Gesetz wie außer Kraft gesetzt.

Ende