Kapitel 10: Therapieversuche
Gute Freunde waren dazu da, um sich gegenseitig aufzubauen, zu unterstützen und um quälende Ängste und Probleme miteinander teilen zu können. Ja, so sollte es sein…Gemeinsam sollte vieles leichter zu ertragen sein, gemeinsam fand man neue Wege, um Probleme zu lösen. Nette Idee…doch Herrmine Grangers Realität sah an diesem Abend leider anders aus.
Einige Tage, nachdem sie zum ersten Mal die Banne von ihm genommen hatte, traf sich Hermine mit Ron und Harry erneut in der Winkelgasse. Ginny wollte eigentlich mitkommen, doch nachdem sie in einem Zeitungsartikeln einen Nachruf an ihre toten Jahrgangsgenossen gelesen hatte, wollte sie lieber zu Hause bleiben. Ron und Harry jedoch waren gekommen. Sie saßen wohl oft genug traurig zu Hause und waren dankbar für eine Abwechslung.
Diesesmal besuchten sie einen neu eröffneten Club.
Harry und Ron lagen mit den Köpfen vor ihr auf dem Tisch. Keineswegs eingeschlafen oder so betrunken, dass sie nicht mehr hätten aufrecht sitzen können…
Sondern vor Lachen.
Harry gab sich ja wenigstens noch Mühe, indem er ab und zu seinen Mund mit einem Schluck aus der Butterbierflasche abzulenken versuchte, oder sich von ihr wegdrehte, wenn ihn ein erneuter Lachanfall zu überrollen begann.
Ron hingegen ließ seiner Meinung über ihre Ideen freien Lauf. Mit dem Kopf auf der Tischplatte lag er vor ihr, wobei beide Hände zu Fäusten geballt immer wieder auf den Tisch trommelten. Sein Lachen, wenn dieses Geräusch überhaupt so nennen konnte, erinnerte an das verzweifelte Gurgeln eines Ertrinkenden. Aber Ron ertrank nicht, er war knallrot im Gesicht und hatte langsam Mühe aufrecht zu sitzen.
Den Kopf scheinbar durch unsäglich viel Kraft erhoben, nur durch die eigenen Hände gestützt sah er sie an und gluckste zum tausendsten Mal an diesem Abend. „Hermine, du bist wunderbar, einmalig."
Verärgert über das diesen allzu freundlichen Spott, saß ihm Hermine mit verschränkten Armen und übereinander geschlagenen Beinen gegenüber, weiß und beherrscht im Gesicht, die Lippen fest aufeinander pressend als ob sie fürchtete, sie könne platzen, wenn sie auch nur ein Wort von dem sagte, was ihr gerade durch den Kopf ging. „Ich weiß nicht, was daran so lustig sein soll", zischte sie wütend zu ihrem Freund hinüber.
Harry richtete sich auf, versuchte zu sprechen, doch schien er nicht mehr fähig, Sprache, Gelächter und Atmen aufeinander abzustimmen und so spritzten ihm bei dem Versuch einer Frage Butterbier aus Mund und Nase. Ron jaulte bei diesem Anblick noch weiter auf und ließ seinen Kopf wieder auf die Tischplatte fallen, die nun mit flacher Hand von ihm verprügelt wurde.
Hochrot im Gesicht wischte sich Harry den Schaum aus dem Gesicht. „Sag´s nochmal, Hermine, bitte…."
Hermine, kerzengerade den beiden jungen Männern gegenüber sitzend, versuchte diesem Spott zum Trotz ihrem Anblick besondere Würde zu verleihen. Im hoheitsvollen Ton erwiderte sie. „Ich sehe es so. Menschen spiegeln ihre Umgebung wider und die Art und Weise, wie ihnen diese Umgebung begegnet. Das ist ökologische Psychologie…".
„Hermine die Bäuerin mit eigener Todesserzucht" unterbrach sie Ron erneut, während er es kurze Zeit schaffte, den nächsten Lachanfall zurückzuhalten.
Zutiefst gekränkt überlegte Hermine, ob es den überhaupt Sinn machen würde, diesen beiden Ignoranten das Prinzip ihres Unterfangens zu erklären. „Das hat nichts mit Landwirtschaft zu tun, Ronald. Ich erklär es Dir."
„Oh ja, bitte" sprudelte es nun aus Harry, gemeinsam mit noch mehr verschluckten Butterbier aus dem Mund heraus.
„In einer trostlosen Umgebung fühlt man sich unwohl und wird böse. Man muss die Umgebung und die Bedingungen verändern, um Veränderungen zu ermöglichen. Weil mein Patient eben etwas", Hermine räusperte sich verlegen „schwierig ist, versuche ich, ihn nun mit einer hellen, freundlichen Raumgestaltung und meinen positiven Schwingungen umzustimmen. Ich hab alles darüber gelesen…also, das hilft", wusste Hermine zu berichten, und versuchte, die beiden nun mit erhobenem Finger und einem unbestreitbaren Argument niederzustechen „Und hatte ich nicht auf Recht, als ich Euch sagte, dass ihr nett zu Kreacher sein sollte?"
„Positive Schwingungen. SUPER!!!", war alles, was Ron noch während einem erneuten Trommelwirbel auf dem Tisch von sich geben konnte.
Um sie herum begannen die Leute sich langsam zu fragen, ob Hermines Begleiter verrückt, drogensüchtig oder vom Kitzelfluch gelähmt waren.
Das Thema war nach wie vor gefährlich, doch immerhin konnten sie nun wieder darüber reden, ohne sich wütend anzuschreien. Weder Ron noch Harry hatten gefragt, um wen sie sich kümmerte. Allerdings gaben sie ihr durch gelegentliche Randbemerkungen zu verstehen, dass sie wohl annahmen, es könnte Lucius Malfoy sein.
Entmutigt und desillusioniert brach Lucius nach der Schlacht zusammen, so dass er in ein Krankenhaus gebracht wurde. Aus der Zeitung war zu erfahren, dass er und seine Familie irgendwo in Sicherheitsgewahrsam gehalten wurde.
Mit diesem Bild vor Augen, Hermine alleine mit , den sie mit schöneren Möbeln zu einem besseren Menschen machen wollte, unterhielt sie ihre Freunde nun schon seit zwei Stunden. Diese Banausen…
„Außerdem habe ich es mit Feng-Shui versucht. Also, ich habe die Möbel, so viele sind es ja nicht, so umgestellt, dass das Zimmer jetzt mehr Harmonie ausstrahlt. Naja, und vielleicht hänge ich noch ein paar Bilder auf. So als Aussicht, wisst ihr?" Und eigentlich hielt sie das nach wie vor für eine ausgezeichnete Idee.
Hermine hatte sich ein äußerst merkwürdiges Gebräu, sie war noch unsicher, ob sie ihm die Ehre erweisen sollte, es als Getränk zu bezeichnen, bestellt. Eine rosa, mit silbernen Fäden marmorierte, an Seife erinnernde Substanz, die nach Veilchen roch und in einem Longdrinkglas friedlich vor sich hinblubberte. Fast schien es, als hätte die Trinkseife ein Eigenleben, denn als sie nun versuchte, den Strohhalm hineinzustecken, um ihren Ärger hinunterzuspülen, wich die Substanz vor dem Strohhalm weg.
Egal, wo sie hineinpickte, das Gebräu zog sich die Glaswände hoch und wich ihr aus. Während Hermine nun weiterversuchte, dieses Fangspiel zu gewinnen, indem sie immer schneller versuchte, das Getränk mit Überraschungsangriffen doch noch aufzuspießen, führte sie ihre Erinnerungen weiter aus. „So albern ist es wirklich nicht. Die Wände waren kahl, grau und der Putz fiel herab. Ich habe sie magisch neu verputzen lassen und mit frischer Farbe überzogen."
Unsicher auf die nächste Reaktion schielte sie vorsichtig nach oben. Die beiden forderten sie mit Gesten auf weiterzusprechen. „Sonnengelb. Das soll freundlich wirken." Während Hermine es nun fast geschafft hätte etwas zu trinken, doch die Substanz war schneller und war in ein nebenanstehendes, bereits geleertes Glas gesprungen konnte sie aus den Augenwinkeln erkennen, wie Ron Harry in die Seite stieß und mit dem Mund die Worte „Sonnengelb" formte. Nun ja, wenn sie das schon lustig fanden…
„Außerdem habe ich diese komischen, weißen Bettbezüge ein bisschen kuscheliger gehext und eine neue Farbe darüber gelegt."
„Lass mich raten. GRÜN!!! Ist doch ein Slytherin, oder?", ließ sich Rons gackernde Stimme vernehmen, der Hermines Getränk wohl so unterhaltsam fand, dass er mit ausgestrecktem Arm in der Luft herum wedelte, um sich ebenfalls eines zu bestellen.
Dankbar für diese Ablenkung senkte Hermine den Blick, Ron hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Grün. Na und? Den Kopf nun tief über beide Gläser gebeugt, belauerte sie die scheinbar friedlich schlummerndes rosa Substanz. Das Gebräu wartete wohl auf einen neuen Angriff und wiegte sie in Sicherheit „Ja, Grün. Na und? Und ich hab", nun beugte sie sich noch weiter nach vorne, „silberne, kleine Schlangen drauf gehext. Zur Verzierung, wisst ihr?"
Bevor die beiden eine Chance hatten sich erneut darüber auszulassen, hob Hermine ihren Strohhalm drohend wie sonst nur den Zauberstab über ihr Glas, deutete eine Ecke an, in die sie hineinstechen wollte, und WUMM!!! hatte sie ihr Getränk endlich ausgetrickst, indem sie das Röhrchen in die gegenüberlegende Ecke gebohrt hatte und sich die zuerst aufbäumende, wütend zischende Substanz, dann doch endlich geschlagen geben musste und sie einen ersten Schluck probieren konnte.
Fasziniert von diesem Schauspiel rückten zuerst Ron und dann Harry um den runden Tisch, an dem sie zu dritt saßen, und beugten sich nun zu beiden Seiten über ihre Schultern. Merkwürdigerweise wurde das Getränk, obwohl sie nun doch von der erfrischenden und leicht süßlichen Flüssigkeit trinken konnte, in ihrem Glas nicht weniger.
„Selbstauffüllbar, wisst ihr?", kommentierte sie die verwunderten Blicke zu beiden Seiten Punkt „Nennt sich Elixier des Lebens. Es macht natürlich nicht unsterblich, ist wohl eher eine Anspielung darauf, dass so etwas wie ein Eigenleben hat." Und wie zur Bestätigung ließ das endgültig geschlagene Gebräu ein sanftes Schnurren vernehmen.
Eine junge Frau in enger, knallrosa Kleidung kam auf einem Besen ohne sich daran festzuhalten, denn sie trug in beiden Händen schwer beladene Tabletts, vorbeigeflogen und stellte sowohl Ron als auch Harry ebenfalls wütend zischende Geschwister, jedoch nicht rosa, sondern blau- und grünsilber marmoriert, des Elixiers vor die Nase.
Nun schon etwas selbstsicherer, lag es an der alkoholisierenden Wirkung des Getränks?, führte sie ihren Plan weiter aus. „Ich habe dann auch Duftkerzen besorgt, Zimt, Vanille und Bergblüte…das soll von dem Krankenhausgeruch ablenken, die hab ich ihm angezündet. Äh…aber ich glaub, dagegen war er allergisch. Könnte aber auch dran liegen, dass er eh Darmgrippe hatte…". So musste es sein, das war an den Tagen, nachdem er nach Bellatrix gefragt hatte. Die anhaltende Übelkeit konnte bestimmt nicht an Hermines eifrigen Bemühungen gelegen haben, dem dunklen Lord besänftigende Gerüche näher zu bringen.
„Aber ich habe es dann mit Aromatherapie probiert und diese Duftkerzen, also ich fürchte man riecht sie vor der Tür…wobei, da ist Geruchsperre…nichts kommt rein, nichts kommt raus. Egal, ich habe ihm dann so kleine Schälchen mit Duftstoffen auf das Fensterbrett gestellt. Sieht auch sehr nett aus und nun riecht das ganze Zimmer Lavendel, Rosenholz oder Jasmin. Farbe und Geruch der Schälchen ändert sich nämlich täglich von selbst, wisst ihr?" Mit stolzgeschwellter Brust wusste Hermine aber noch viel mehr ihrer guten Ideen zu berichten, während sich Ron und Harry hinter ihrem Rücken erneut amüsierte Blicke zuwarfen.
„Außerdem hab ich Topfpflanzen mitgebracht. War ein bisschen umständlich, sie in die Perlentasche zu kriegen. Wisst ihr, da ist immer etwas Erde rausgebröselt aus den Töpfen, hab ich aber mit einem Festmachzauber hinbekommen. Die Blumen sind toll", erinnerte sich Hermine mit verträumten Blick „sehen aus wie Veilchen, nur sind die größer und silbern umrandet. Blau soll ja beruhigend wirken. Immer wenn er zornig ist oder sich aufregt, dann wird das Blau der Blumen intensiver, dunkler und leuchtet. Meine eigene Idee, wisst ihr? Ich hab die Blumen so verzaubert, dass sie Stimmungen erkennen können."
Nun doch etwas beschämt erinnerte sich Hermine, den erneuten Lachanfall zu beiden Seiten ignorierend, daran, dass das ganze Zimmer blau wie im tiefsten Ozean geleuchtet hatte, als sie Voldemort die Wirkung der Aromatherapieschälchen erklärt hatte. Wo waren die eigentlich? Jetzt wo sie darüber nachdachte…als er diese Woche im Raum herumging, hatte er sie wohl, wie auch immer, verschwinden lassen.
Aber was wusste der schon, was gut für ihn war? Sie würde neue Schälchen besorgen und sie mit einem Dauerklebefluch erneut auf der Fensterbank festmachen. Ein langgezogener Jubelschrei ließ Hermine aus ihren Überlegungen aufschrecken. Harry hatte es als erster geschafft sein grünsilbernes Gegenüber zu bezwingen. Danach entfuhr Ron ein orgasmusähnliches Glücksstöhnen, als er es nur wenige Sekunden später ebenfalls schaffte, den Strohalm in die sich aufbäumende Flüssigkeit zu stechen.
"Was haben denn deine Kollegen dazu gesagt? Waren sie nun endlich mal bei ihm?" erkundigte sich Ron, nachdem er wieder zur Ruhe gekommen war.
Ja, was hatte Claris gesagt? Claris war nicht im Zimmer gewesen, jedoch hatte sie natürlich durch Hermines Berichte von ihren therapeutischen Bemühungen erfahren. An diesem Tag hatte ihr Claris zum ersten Mal anerkennend auf die Schulter geklopft, solche ausgefeilten Methoden hätte sie von ihr gar nicht erwartet. „Also, die Oberschwester fand das gut, die meinte, sie hätte mir so viel Einfaltsreichtum gar nicht zugetraut. Ich hätte ja noch viel mehr Fantasie als sie."
Harry, ein Bein auf dem Boden, das andere neben sich auf der runden Bank um den Tisch herum seitlich aufgestellt, machte ein Gesicht, als sei sie ein Kind, das gerade gefragt hatte, wie man denn die vielen, kleinen Menschen in den Fernseher hineinbekommen würde. „Also, du sagst die haben kein warmes Wasser, dünne Decken usw. Mensch, Hermine, du musst sie echt mit deinen neuen Foltermethoden beeindruckt haben."
Mit leichtem Erröten wurde ihr klar, dass ihr Freund wohl Recht hatte. Claris musste das wirklich für einen Scherz gehalten haben. Aber war deren Meinung denn interessant?
Was wussten die anderen schon wie es war, mit diesem Mann täglich zusammen sein zu müssen? Irgendetwas musste sie doch tun. Teilweise, weil sie ab und zu wirklich so etwas wie mütterliche Regungen in sich fühlte, dann aber auch, weil sie sich von der leisen Bedrohung, die immer um ihn herum zu schweben schien, ablenken musste.
Als er sie mit diesen Flüchen belegt hatte, da war sie in seiner Macht gewesen. Auch ohne Zauberstab, nur durch den Klang seiner Stimme, hätte er sie vielleicht selbst zu einem Mord zwingen können.
Sie hatte lange darüber nachgedacht. Wieso hatte er nicht versucht, sie zu überwältigen? Er musste sich sehr geringe Chancen ausgerechnet haben. Nicht gegen sie, gegen die vier Auroren vor seiner Tür und gegen die zahlreichen Auroren die im ganzen Hospital stationiert wurden. Ohne Zauberstab käme er nicht weit, ohne Zauberstab konnte er nicht gegen sie ankommen.
Und natürlich brauchte er sie.
Das sagte Hermine sich immer wieder zur Beruhigung. Außerdem hatten ihm die Heiler mitgeteilt (Hermine hatte es gehört, als sie vor ein paar Tagen in die Vernehmung hereingeplatzt war), dass man ihn mit einem Körpererkennungsfesthaltefluch belegt hatte. Ähnlich wie auf der Karte des Rumtreibers gab es auch im Krankenhaus ein Überwachungssystem, bei dem man jederzeit genau sehen konnte, wo er sich befand. Der Körpererkennungsfluch hinderte ihn auch an Disapparier-, Weglauf- oder Wegfliegversuchen. Wenn überhaupt, dann hatte er nur mit einem Zauberstab eine Chance.
Wie dankbar war Hermine für den Körperspeicher ihres Krankenhauszauberstabes, der verhinderte, dass Unbefugte diesen benutzten. So einfach, wie er sie in eine willenlosen Marionette verwandelt hatte, da war es ihm sicher möglich, sie dazu zu bringen im ihren Zauberstab freiwillig auszuhändigen. Aber er würde ihn ja nicht anfassen können.
„Ihihi…das kitzelt in der Nase", rief sich Ron, während er sich mit beiden Händen das Gesicht rieb, in ihr Gedächtnis zurück.
Nun ja, soviel musste Hermine sich eingestehen, Lord Voldemort selbst hatte ihre Bemühungen, ihn sanfter zu stimmen, nicht sonderlich zu würdigen gewusst.
Aber was weiß der schon, was gut für ihn ist, dachte Hermine trotzig. Wüsste er es, dann wäre er jetzt nicht in dieser ausweglosen Lage. Ihren Weg mochten sie albern finden, Dumbledore mochte es anders versucht haben, doch am Ende waren alle damit gescheitert, die versuchten den dunklen Lord zu besänftigen. Wenn sie nun scheiterte, dann konnte sie nichts verlieren. Sie konnte aber vielleicht gewinnen.
Und so war er ihr Kind geworden. Ein 1.90m großes, zu Gewaltausbrüchen neigendes, dünnes, bleiches Kind ohne Nase, aber mit ungeheueren magischen Kräften. Und trotzdem ihr Schützling.
Nur einmal, da hatte sie die Grenze dessen, was Lord Voldemort imstande war zu ignorieren, wohl überschritten. Hermine hatte ihm freudestrahlend berichtet, dass sie es seit der Belfer Aktion so ungemein entspannend fand für versklavte Elfen Hüte, Socken und Schals zu stricken. Voller Stolz hatte sie ihm ein paar Stricknadeln und dazu passend Wolle, natürlich in Slytheringrün, präsentiert und ihn dazu aufgefordert, es ebenfalls zu versuchen,
Das Bündel war innerhalb von Sekunden in Flammen aufgegangen.
„Bitte, erzähl uns nochmal von seiner Unterwäsche" bettelte Ron, der neben sie auf die Bank gehüpft war väterlich den Arm um sie legte.
„Hey, dafür kann ich nichts. Das war keine Absicht", verteidigte sich Hermine nach Leibeskräften, „er hatte in diesem Krankenhaus doch nichts zum anziehen. Also hab ich ihm ein T-Shirt und eine Boxer-Shorts gekauft", von peinlichen Erinnerungen überflutet, musste Hermine ihre Rede kurz unterbrechen, sodass sie Harrys und Rons Blicke sehen konnten, die voll begeisterter Vorfreude auf das warteten, was nun kommen würde, „und ich hab ja nicht viel Geld, so musste ich eben das kaufen, was gerade im Sonderangebot war. Und das war halt…hellblau mit rosa Blümchen drauf."
Ein Krach, ein Knall und Ron war mit einem Aufschrei nach hinten von der Bank gefallen. Harry, der das bemerkt hatte, kugelte nun ebenfalls, unfähig sich vor lauter Lachen senkrecht hinzusetzen, laut brüllend von der Bank.
„Jetzt reißt euch endlich zusammen", zischte Hermine die beiden grimmig an, „die schmeißen uns noch raus, weil sie denken, ihr wärt betrunken."
Zwei Köpfe tauchten wieder über dem Tisch auf, gefolgt von vier Armen, die die Körper, die zu den Köpfen gehörten, nach oben zogen. „Vielleicht halten sie uns ja für so betrunken, dass sie uns in St. Mungos einliefern lassen. Ich wollte schon immer mal Lucius Malfoy in Blümchenshorts sehen", gackerte Harry. „Genau, vielleicht ist ja auch Rodolphus Lestrange dort. Jetzt, wo der keine Frau mehr hat, kann er sich doch an Lucius halten. Der braucht nur noch schwarze Lederklamotten und dann können sie Seemann und Nutte spielen", quiekte Ron hervor und schaffte es gerade noch, das letzte Wort auszusprechen, bevor er erneut vor lauter Lachen rot anlief und sich am Tisch festhalten musste.
Was war daran jetzt so lächerlich? Hätte sie ihn denn wochenlang weiterhin nackt herumliegen lassen sollen? Hermine hatte nicht viel Geld, diese T-Shirt-Shorts Kombination war eben im Angebot gewesen. Hätte sie bei Walmart nicht zugeschlagen, dann hätte es sicher Wochen gedauert, bis sie etwas Passenderes zum gleichen Preis gefunden hätte.
Voldemort hatte nichts gesagt, doch ein einziger Blick genügte Hermine, um zu erkennen, dass er, falls er ein Telefon zur Hand gehabt hätte, sofort alle Hemmungen gegenüber Muggeltechnik über Bord geschmissen hätte, um in der Psychiatrie anzurufen und Hermine einweisen zu lassen. In genau diesem Moment war sie seiner Meinung nach verrückt geworden.
Der sollte sich mal nicht so anstellen. Immerhin hatte sie es ja mit einer winzigen Zauberstabschwingung geschafft aus Veilchenblau und Rosarot durch und durch Schwarz werden zu lassen. So hatte er es angezogen.
Ein weiteres Sonderangebot, das sie gefunden hatte, hatte sie ihm dann aber gleich in grau gefärbt abgeliefert…
Und Ron und Harry wussten doch genau, dass das Ganze nur eine Frage des Geldes gewesen war.
„Hört ihr eigentlich immer noch diese Kuschelmusik?", erkundigte sich Harry, der wild entschlossen schien, den Rest der Unterhaltung mit etwas Würde durchzustehen, weshalb er sich nun von ihr abwandte, um zur Ablenkung ein paar Tänzer am anderen Ende des Raumes zu beobachten. Die Darsteller flogen auf Besen über eine Bühne, während sie silberne Flüche abfeuernd, wild zuckend auf ihren Besen tanzten und durch ein gewaltiges Feuerwerk flogen.
„Äh…ja, nein. Also es war keine Kuschelmusik. Eher so…das war eine Beilage bei einer Zeitschrift. Dort hieß es, diese Musik würde Spannungen vertreiben und friedlich stimmen. Eigentlich war es eher Fahrstuhlgedudel", seufzte Hermine, die nun ebenfalls interessiert das Schauspiel auf der Bühne beobachtete.
Die Tänzer waren weggeflogen, dafür standen nun zwölf Personen, die Vorderseite ihrem Publikum zugewandt, in einem großen Kreis und spuckten abwechselnd rote, grüne, blaue, goldene und silberne Feuerflammen, die über ihren Köpfen die Gestalt von Tieren annahmen, die sich im Rhythmus der Musik gegenseitig zerfleischten. Beeindruckend, doch barbarisch. Hermine musste sich abwenden.
„Er hat nichts dazu gesagt…nach drei Tagen habe ich es aber selbst nicht mehr ausgehalten und nun hören wir nur noch ab und zu das normale Radioprogramm. Also keine Entspannungsmusik mehr." Sie war ehrlich erleichtert, diesen Teil ihres Planes aufgegeben zu haben. Drei Tage lang instrumentale Einschlafmusik für Babys hatte auch sie irgendwann nicht mehr ausgehalten.
Aber so schnell würde sie nicht aufgeben. Und irgendwie musste sie ihn beschäftigen. Laut den pädagogisch wertvollen Büchern und Magazinen die Hermine gelesen hatte, brauchten Kinder eine Aufgabe, ein Werk sozusagen, um sich zu beschäftigen. Sie brauchten Ruhezeiten und Arbeitszeiten.
Ruhe hatte er genug, an Arbeit fehlte es. Also was sollte sie tun? Sie könnte ihm ja schlecht einen Zauberstab in das Zimmer schmuggeln, nur damit er etwas zum Spielen hatte, wenngleich er diesen bestimmt nicht verbrennen würde. Aber die bisherigen Ziele, die er in seinem Leben gehabt hatte, die konnte er ja nun glücklicherweise nicht weiter verfolgen.
Warum dann nicht etwas Neues ausprobieren? So schlecht war die Idee mit dem Stricken wirklich nicht, dachte Hermine trotzig. Und jetzt, da sie ihm ab und zu zumindest den Oberkörper, manchmal aber auch den ganzen Körper, von den Bannen losmachte, da brauchte er etwas zu tun. Denn über die Beschäftigungen, die ER vielleicht wählen würde, über die dachte Hermine lieber nicht nach.
„Hast du ihn schon für Belfer angeheuert?", amüsierte sich Ron über Hermines Engagement weiter.
Hastig versteckte sich Hermine hinter einer übergroßen Getränkekarte, und gab sich Mühe, dies als die interessanteste Lektüre seit langsam aussehen zu lassen.
Daran wollte sie gar nicht ernst denken. Nein, sie hatte ihn natürlich nicht gebeten beizutreten. Sie hatte ihm nur einmal den Anstecker auf ihrem Umhang erklärt. Nun ja, die Stimmungsblumen waren fast weiß gewesen…er hätte nur etwas leiser und weniger hämisch lachen können.
Nun wollte Ron aber doch noch ernstere Dinge besprechen. Er lächelte immer noch breit, doch seine Augen straften ihn Lügen. „Willst du uns immer noch nicht sagen, wer es ist? War er es der…hat er einen, den wir kennen…?"
Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen als sie antwortete. „Tut mir Leid, das darf und will ich nicht sagen. Lass es gut sein, Ron, gäbe nur wieder Streit."
„Aber ich mache mir schon Gedanken", grübelte Ron mit besorgter Miene weiter „wenn ich dir so zuhöre, also, eigentlich tut er mir ja schon fast leid, soviel Gutes wie du ihm tun willst. Aber trotzdem", nun sah er gar nicht mehr amüsiert aus, sondern warf einen kurzen Blick auf Harry, wodurch sie erkennen konnte, dass die beiden dieses Thema wohl schon öfter durchgekauft hatten „Du kaufst ihm Unterwäsche, ihr hört zusammen Musik, Aromatherapie…du liest sogar Bücher um noch mehr Ideen zu haben… Ich gestehe, ich bin ein bisschen Eifersüchtig. Du gibst dir ja unheimlich Mühe mit dem Kerl."
Ron eifersüchtig auf Voldemort? Nun war es an Hermine mit schrillem, herausplatzendes Gelächter ihre Umgebung zu unterhalten. „Keine Angst, Ron", beschwichtigte sie ihn, während sie ihm nun zum ausgleich etwas überheblich den Kopf tätschelte, „da ist keine Gefahr. Wirklich nicht."
Und mit Schaudern dachte Hermine an ihren ersten Tag im Krankenhaus.
