9.

Ängste

Die Diva aus Richmond setzte sich wieder an ihren angestammten Platz und tauchte somit in die nach wie vor verdammt unwohle Stimmung, die rundherum herrschte, ein. Es hatte sich nichts geändert, so wie sie das mitbekam. Paul war noch immer auf seinem Beleidigungstrip, John konnte sich dagegen nicht wehren, der Rest war ziemlich schweigsam. Glen war verschwunden, Mickie hatte ihn draußen kurz getroffen und seinen Entschluss absolut verstanden. Sie wäre selbst gern gegangen, doch ohne Phil und John wollte sie den Club nicht verlassen. Sie als Diva konnte John zwar nicht wirklich helfen, doch sie konnte für ihn da sein, sie konnte ihn zumindest psychisch unterstützen. Es tat ihr Leid zu sehen, wie unglücklich John war. Als sie damals ihre Beziehung gespielt hatten, war sie öfters bei ihm zu Hause gewesen und hatte deutlich mitbekommen, dass sein Leben nicht so fantastisch war, wie die WWE es immer verkaufte.

Mickie fasste einen Entschluss und wandte sich an John, der immer mehr zusammengesunken war, obwohl er es nicht einmal wahrgenommen hatte. Pauls Worte waren nicht einfach zu handhaben. Immerhin hatte dieser Dinge behauptet, die absolut nicht der Wahrheit entsprachen! John war keine Lockerroom-Matratze, er suchte sich seine Sexpartner immer sehr genau aus, war immer vorsichtig, was die Verhütung betraf. Er hatte sich nur ein einziges Mal gehen lassen, und es ärgerte ihn ziemlich, dass Paul ihm diesen einen Fehler mit Adam so vor Augen gehalten hatte. War der Mann etwa eifersüchtig? Johns Mundwinkel kräuselten sich kurz, dann wurde er wieder ernst. Nein, das konnte wohl nicht sein. Er war froh, dass Mickie ihm auf die Schulter tippte und ihn so aus seiner Versunkenheit holte. Er hatte Pauls Belästigungen tatsächlich nur noch über sich ergehen lassen, hatte nicht einmal mehr die Hand, die ihn berührte, entfernt, obwohl es nach wie vor weh tat, und irgendwie erschreckte ihn das doch etwas. War er etwa schon so abgestumpft?

„Komm mit", forderte seine beste Freundin, schenkte Paul keinen Blick, versuchte, über die Hand, die neuerlich in Johns Hose geglitten war und sich in deutlich intimen Regionen bewegte, hinwegzusehen. Es schockierte sie trotzdem, wie weit Paul sich in der Öffentlichkeit zu gehen traute. Schwankend richtete John sich auf, war froh, dass der Finger wieder aus ihm glitt. Er versuchte, Pauls warnenden Blick zu ignorieren, schob sich an ihm vorbei, ohne ihm irgendeine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Er wusste, er hätte es nicht geschafft. John hatte nicht einmal Ahnung, wie er das Gespräch mit Mickie überstehen sollte. Er wusste genau, worüber sie mit ihm sprechen wollte. Die Diva wollte ihn wachrütteln, doch John war klar, dass er das nicht zulassen konnte. Wenn sie ihn tatsächlich wachrütteln sollte, konnte er seine Karriere beenden, weil er sich bis aufs Letzte wehren würde und Paul ihn bei Vince als unkooperativ anschwärzen würde. Er musste tun, was Paul von ihm verlangte, ihm blieb keine andere Wahl.

Mickie hakte sich bei ihm unter und führte ihn aus dem Tanzlokal, hinaus an die frische Luft. Wenigstens war es nicht kalt. Sie stellten sich in einen etwas weiter entfernten Hauseingang, und sofort wandte John den Blick ab, steckte die Hände in die Hosentaschen, fühlte sich extrem schlecht. Es war ihm alles andere als recht, dass Mickie nun diese Sache ansprechen wollte. Und genau das tat sie in der nächsten Sekunde, während die Frau auf John zukam und die Hand an seine Wange legte, um ihm in die Augen blicken zu können. Mickies Blick drückte deutlich aus, wie besorgt sie war. Immer wieder schüttelte sie den Kopf, und nach ein paar Sekunden erkannte John, wie ihr Tränen in die Augen zu steigen drohten. Wieder einmal wurde ihm bewusst, wie dankbar er war, dass er sie an seiner Seite hatte. Das Wrestling war ein Geschäft für Einzelgänger, doch in Mickie Laree James hatte er eine wahre Freundin gefunden.

„Ich kann nicht zulassen, dass er dir das antut, John", wisperte sie voller Angst. John schloss die Augen, fühlte auch in sich selbst Trauer aufsteigen. Aber er konnte Mickie nicht zeigen, wie viel Angst auch er selbst hatte, konnte ihr nicht sagen, was er befürchtete, dass ihn in der Nacht erwartete. Aber er kam nicht darum herum, das wusste er. Mickie hatte es selbst schon durchgemacht, doch sie hatte Paul nie so gehasst wie er ihn - John - hasste. Sie war einfach nur eine unwichtige Diva, mit der er sich damals ein bisschen die Zeit vertrieben hatte, während er sein größter Konkurrent in jeglichen Belangen war. John bekam genauso viele Titel wie Paul, John erfüllte mehr Repräsentationspflichten, John kam bei den Fans besser an. Eigentlich hätte er alle Trümpfe in der Hand gehabt, wäre da nicht die Tatsache gewesen, dass Paul ihn schon einmal bis aufs Letzte erniedrigt hatte und nicht davor zurückschrecken würde, Johns Karriere mit der kleinen Anmerkung, er wäre nicht normal gepolt, von einer Sekunde auf die andere zu zerstören. John konnte es sich nicht leisten, sich gegen den Schwiegersohn des Chefs zu stellen. „Bitte, Mickie", begann er, musste darum kämpfen, dass seine Stimme so laut klang, dass Mickie ihn verstehen würde, „misch dich nicht in diese Sache ein. Ich muss da durch. Egal, was mich erwartet."

Kurz wandte sie sich ab, bevor sie ihn erneut voller Sorge anschaute. „Du kannst dir das doch nicht einfach antun lassen!" Ihre Stimme überschlug sich beinahe vor Unglauben, in ihren Augen stand purer Schock geschrieben. Nein, sie wusste wirklich nicht, wie sie reagieren sollte. Sie wusste nur, dass sie John irgendwie dazu bekommen musste, die Nacht nicht in seinem Zimmer zu verbringen. John lachte voller Sarkasmus auf. Er fand die Situation genauso schrecklich wie Mickie, doch in seinem Kopf hatte sich Resignation breit gemacht. Er würde es ohnehin nicht verhindern können. „Bitte, John, überleg dir das!", flehte Mickie und legte ihre Arme um seine Taille, blickte von unten zu ihm auf, während ihre Stimme sich vor Sorge beinahe überschlug. „Er ist bei RAW, du bist bei Smackdown. Vielleicht musst du ihn gar nicht mehr sehen. Sonst gehst du ihm eben aus dem Weg. Du kannst dich doch nicht einfach zur Verfügung stellen, nur weil er es sich in den Kopf gesetzt hat, dich noch einmal haben zu wollen! Meinst du, ich hätte nicht mitbekommen, was er während der ganzen Zeit mit dir aufgeführt hat?"

Unbewusst spannte John sich an, als sich aus diesen so schnell hervorgestoßenen Sätzen besonders zwei Worte in seine Aufmerksamkeit drängten. Noch einmal. Er schloss kurz die Augen, um die Bilder zu verdrängen. Etwas musste er sich fragen: Woher zum Teufel wusste Mickie, dass es schon einmal passiert war? Niemand wusste davon! John rang um Luft, wandte sich kurz ab. Für einen Moment überlegte er, sie auf diese Äußerung anzusprechen, aber er entschied sich dagegen. Die Situation war schon schlimm genug - er wollte sie nicht noch angespannter machen. Gut, Mickie hatte dasselbe erlebt, wie John immer vermutet hatte, weil er wusste, dass Paul ja keinen Neuling und keine Diva ausließ. Wahrscheinlich konnten die Opfer es sich untereinander einfach ansehen. Immerhin hatte er selbst ja auch bei einigen Leuten den Verdacht, dass Paul sie sich zu Willen gemacht hatte.

John schluckte seine aufsteigenden Tränen hinunter, schüttelte den Kopf, musste aufgrund des folgenden Schmerzimpulses tief Luft zwischen die Zähne ziehen. Es tat verdammt weh, und er wusste genau, dass Paul auch in der Nacht auf die Stelle gehen würde, sollte er seine Drohung wirklich ernst meinen. Doch John hegte keinen Zweifel, dass er das tat. „Ich habe keine andere Wahl", presste er hervor, musste kämpfen, damit seine plötzlich heisere Stimme halbwegs verständlich klang. „Bitte versteh mich. Wenn er mich heute nicht bekommt, dann ein anderes Mal. Ich vermeide nur, dass er mich später noch einmal belästigt." Nun war es Mickie, die sarkastisch auflachte. „Glaubst du wirklich, dass es nach dieser Nacht vorbei ist?", erkundigte sie sich, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte John prüfend an. John wandte sich ab, verfluchte sich selbst, weil seine Stimme plötzlich so unsicher klang, leise geworden war. „Ich muss daran glauben."

„Du schläfst bei mir und Phil auf der Couch", beschloss sie, griff nach seinem Arm und wollte ihn aus der Seitenstraße ziehen, „wir werden dich beschützen." John öffnete den Mund, um zu protestieren, doch Mickie legte ihm die Hand auf die Lippen. „Keine Widerrede, Cena", meinte sie mit harter Stimme, die ihre ganze Wut auf Triple H in sich trug, „Paul wird dich nicht in die Finger bekommen, sei dir sicher." John wand sich aus ihrem Griff und hob die Schultern, versuchte, selbstbewusst zu wirken, auch wenn ihm klar war, dass ihm das absolut nicht gelang. „Ich kann auf mich selbst aufpassen, Mickie", wandte er ein, ärgerte sich über die Unsicherheit in seiner Stimme, „diese Besorgnis ist absolut nicht nötig." „Ach nein?", stieß sie höhnisch aus. „Wenn du auf dich selbst aufpassen könntest, hättest du dich bereits im Club gegen seine Avancen gewehrt. Hast du das getan?" John schwieg eisern, verschränkte die Arme vor der Brust, wandte den Blick ab, um Mickie nicht ansehen zu müssen. „Hast du das getan?", wiederholte Mickie ernst. John resignierte und stieß ein ergebenes Seufzen aus. Heute würde er wohl absolut keine Ruhe mehr haben. „Nein, habe ich nicht", antwortete er, begann dann jedoch sofort eine Erklärung, „aber wer bin ich, dass ich mich mitten im Club in aller Öffentlichkeit wehre? Wer bin ich, wer ist er? Ich hätte ihn nur noch wütender gemacht."

„Bitte bleib bei uns, John", flehte sie, „lass dich nicht darauf ein. Er will dir nur zeigen, welche Macht er über dich hat. Lass ihn nicht gewinnen. Er meint, du wärst sein Spielzeug, das er immer dann haben kann, wann er es will oder wenn seine Freundin anderweitig beschäftigt ist. Du kannst dich doch nicht so herabsetzen lassen. Das ist entwürdigend!" Darauf ging John nicht ein. Wie Mickie selbst auch wusste, war Würde etwas, das in der WWE nicht wirklich gern gesehen wurde. Es gab viele Dinge, die man tun musste, ohne sie zu wollen, da musste man seine Würde außen vor lassen. Immerhin hatte man einen lukrativen Vertrag unterschrieben, durch den die WWE beinahe freie Hand über die Karriere des jeweiligen Wrestlers bekam. Ja, manchmal musste man auch Dinge tun, die absolut gegen die eigene Natur waren. Heute Nacht würde für John eine solche Sache eintreten, und er musste versuchen, sich davon nicht allzu sehr runterziehen zu lassen, da konnte er Mickies Einwände absolut nicht gebrauchen.

„Bitte lass mich in Ruhe, Mickie", flüsterte er, wandte sich um und kehrte mit schnellen Schritten in den Club zurück. Er wollte nicht mehr sprechen, wollte sich nicht für sein Tun rechtfertigen. Es war schon schwer genug, das sich selbst gegenüber zu tun. Sprich, er musste weg. Mickie hätte nicht lockergelassen, und das konnte er nicht zulassen. Es war schon schwer genug, damit umzugehen. Ihre weiteren Einwände, die seine Angst und seine Abscheu vor sich selbst, weil er sich das antun ließ, nur noch größer werden lassen würden. Nein, es ging nicht, er konnte keine Aufmerksamkeit darauf verschwenden. Er hörte, wie Mickie in Tränen ausbrach, aber er ging nicht zurück. Es tat ihm Leid, Mickie stehen zu lassen und wegen der Tatsache, dass sie wegen ihm weinte, hasste er sich selbst beinahe, aber er konnte einfach nicht mehr. Er hatte so lange wirklich verdrängt, was ihm in der Nacht blühen würde, doch dank Mickies Bemerkungen war es ihm nun vollkommen bewusst geworden. Und John Felix Anthony Cena Jr konnte nicht behaupten, dass es ihn kalt ließ. Wie konnte es einen auch kalt lassen zu wissen, dass man in ein paar Stunden vergewaltigt werden würde?

Er hörte das unrhythmische Klicken von Stöckelschuhen hinter sich, doch er wandte sich nicht um, wartete auch nicht auf Mickie. Er wollte nichts mehr von ihr hören. Er liebte sie wirklich, sie bedeutete ihm unendlich viel, doch manchmal gingen ihm ihre Sorgen ganz einfach zu weit. John kehrte zurück in den Club, wurde sofort von Pauls kaltem Blick empfangen. Anscheinend meinte der Mann, John hätte mit Mickie eine Lästerrunde über ihn gestartet. John räusperte sich unbewusst, setzte sich wieder auf seinen Platz, und sofort beugte sich Paul zu ihm. „Was hast du mit James zu schaffen?", erkundigte er sich argwöhnisch, als wäre er ein eifersüchtiger Liebhaber. Und in gewissem Sinne war Paul tatsächlich eifersüchtig: Wäre John heterosexuell gewesen, hätte er jedes Mädchen haben können. Die Frauen hätten sich ihm an den Hals geworfen. Er hatte einfach diese besondere Ausstrahlung, die Frauen und Männer ansprach. Diese Ausstrahlung hatte er immer schon besessen, sie war mit ein Grund gewesen, warum Paul John unbedingt hatte haben wollen.

Eigentlich hatte er es damals wirklich auf einen One Night Stand abgesehen, aus dem vielleicht auch mehr hätte werden können. Ja, Paul hatte von einer kleinen Affäre geträumt, schon als Vince ihm zwei Monate vor Johns Berufung in den Hauptkader die ersten Fotos des damaligen OVW-Superstars gezeigt und ihn um seine Meinung zu dem vielversprechenden Talent gebeten hatte. Sofort war Paul innerlich begeistert gewesen - John hatte ihm wirklich gefallen -, hatte Vince gegenüber jedoch eine unsichere Miene gezeigt und beschlossen, ein paar Videos dieses jungen Mannes zu verlangen. Vince hatte sie ihm natürlich gegeben, weil er auf das Urteil seines Schwiegersohns vertraute.

Paul hatte Videos erhalten, die er sich, wenn er allein war, oft angesehen hatte, von denen er sich sofort Kopien gezogen hatte, die heute in einem abschließbaren Schrank in seinem persönlichen Büro lagerten. Videos, die sofort ein Begehren in ihm erweckt hatten. Er hatte gewusst, er musste John haben. Ein paar Tage später hatte er Vince erklärt, er würde sich John einmal ansehen und sein Urteil nach seinem Debüt fällen, auch wenn ihm die Ansätze schon sehr gut gefallen hätten. Seinen ersten Auftritt bei Smackdown hatte Paul auf einem Monitor beobachtet und beschlossen, sich ihm gleich zu nähern. Er hatte damit gerechnet, dass der Kleine zu ihm aufschauen, ihn bewundern würde, dass er mit Freuden auf die Affäre, die Paul ihm angeboten hätte, einsteigen würde, nachdem Vince ihm während der Unterhaltung nach Pauls intensivem Videostudium im Vertrauen von Johns kleinem Handicap der Homosexualität erzählt hatte. Noch etwas, das Paul ziemlich gut gefallen hatte. Er hatte mit einem leichten Spiel bei dem Neuling gerechnet.

Nachdem John entgegen aller Erwartungen angefangen hatte, sich zu wehren, hatte er rot gesehen. Dieser kleine Neuling, der nur wegen ihm und seinen positiven Worten Vince gegenüber in der WWE war, hatte sich vor ihn hinzuknien und ihn einfach gewähren zu lassen, so einfach war das! Gott, er war der Schwiegersohn des Chefs, verdammt noch mal! Er konnte Karrieren machen und zerstören. Er hatte die professionelle Laufbahn der Wrestler in seinen Händen. Wer von ihm gemocht wurde, wurde üblicherweise auch von Vince gemocht, weil Paul den betreffenden Athleten dem Chef gegenüber in den höchsten Tönen lobte. Mit ihm legte man sich besser nicht an. Besser, man freute sich über die Aufmerksamkeit, die einem der Schwiegersohn des Chefs schenkte.

John hatte die Berührungen abgewehrt, über die Komplimente nur gelächelt. Gott, Paul hatte ihn auserwählt, ihn glücklich zu machen, und John wehrte ab! Gut, das Überwältigen und die Gewalt, die er ausgeübt hatte, hatten ihm noch viel mehr Spaß gemacht. Den zukünftigen Megastar des Unternehmens - denn Vince hatte John Paul gegenüber oft genug als diesen bezeichnet - vor sich auf dem Boden knien zu haben, seinen Widerstand zu brechen, seine kleinen schmerzerfüllten Laute zu hören, war der Himmel gewesen. Oft dachte er heute noch daran, wie sich das damals angefühlt hatte. Der geflieste Boden war zwar etwas hart gewesen, aber das Gefühl, sich immer wieder in John zu bohren, hatte diese Unannehmlichkeiten absolut wettgemacht.

John ignorierte Pauls Frage, doch er wusste nicht, wo er hinsehen sollte, um dem WWE-Champion zu zeigen, dass er sich nicht mit ihm beschäftigen würde. Mickie kam wieder herein - es war deutlich zu sehen, dass sie geweint hatte. Ihr Make-up wirkte frischer, sprich, sie hatte es noch kurz erneuert, bevor sie zurückgekommen war. Punkie blickte ihr besorgt entgegen, er merkte natürlich sofort, dass etwas nicht stimmte. Zärtlich strich er ihr über die Wange, als sie wieder neben ihm Platz nahm, doch ihre Aufmerksamkeit lag neuerlich auf ihrem besten Freund, sie beantwortete Punkies Frage, was los sei, mit keinem Wort. Er konnte es sich ohnehin schon denken, auch wenn er sicher nicht auf die Idee kam, dass John sich von Paul vergewaltigen lassen wollte. Mickie, die Phil noch immer keinerlei Auskunft gegeben hatte, erkannte, dass Paul anscheinend gerade eine Frage gestellt hatte, denn sein Blick war mittlerweile doch ziemlich wütend zu nennen. Ein eiskalter Griff legte sich um Mickies Herz. John konnte von Glück reden, wenn er halbwegs unverletzt aus dieser Sache herauskam.

Noch einmal beschloss sie, einen Versuch zu starten, um ihn davon zu überzeugen, sich heute Nacht nicht in seinem Zimmer blicken zu lassen. Doch noch bevor sie das Wort an John richten konnte, kam ihr eine andere Idee. Ihre Augen wanderten zum gegenüber gelegenen Ende des Tisches, legten sich auf Adam. Dank Pauls Tratschsucht wusste ja auch Mickie von der Nacht, die John mit seinem besten männlichen Freund verbracht hatte. Jetzt wurde ihr auch klar, warum Adam und John seit der Wrestlemania nicht mehr zusammen unterwegs waren. Diese Nacht hatte anscheinend alles verändert. Vor allem Adam verhielt sich ziemlich komisch. Also beschloss Mickie, das in die Hand zu nehmen. Adam war manchmal extrem feige, sprich, wenn sie wartete, bis er etwas unternahm, um seine Freundschaft zu John wieder zu kitten, würde sie wahrscheinlich verdammt lange kein Ergebnis bekommen.

„Wo willst du denn jetzt schon wieder hin?", fragte Phil grinsend und schüttelte den Kopf. Er hatte sich an Mickies Trips und ihre laufende Besorgnis für andere Leute bereits gewöhnt. Sie machte sich um alle Sorgen. Besonders um John, auch wenn Punkie immer den Eindruck gehabt hatte, dass der Mann ziemlich gut allein zurecht kam. Gut, heute musste auch er sich eingestehen, dass John alles andere als gut aussah. Er schien sich neben Paul nicht wirklich wohl zu fühlen, doch er hatte keine Chance, ihm zu entkommen. Phil wusste, wie schwer es John in der WWE hatte. Daneben, dass er die Zielscheibe großer Eifersüchteleien war - obwohl er für seinen Status nichts konnte, er liebte nur das Wrestling und zeigte das immerzu -, war da eben auch noch die Sache, dass er homosexuell war und es in der Firma jeder wusste. Phil respektierte John extrem dafür, dass er sich trotz dieser Sache durchgebissen hatte. Ihm war klar, dass es nicht einfach gewesen war.

„Ich … muss da gerade mal noch etwas klären", flüsterte Mickie und grinste ihren Lebensgefährten breit an, sodass diesem sofort klar war, was sie vorhatte. Mickie hatte einfach ein Gespür für die Gemütslagen ihrer Kollegen, und natürlich war seit Pauls kleiner Offenbarung klar, welche Situation da Klärung nötig hatte. Prüfend blickte sie John in die Augen, als sie über ihn hinweg stieg, erkannte an seinem Blick, dass er sich bereits vorstellen konnte, was sie zu tun gedachte. „Bitte …", formte er lautlos mit den Lippen, doch sie tat so, als hätte sie es nicht wahrgenommen. Wenn John schon nicht bei ihr bleiben wollte, konnte sie vielleicht jemand anderen dazu bekommen, John für die Nacht aufzunehmen. Und wer wusste, vielleicht folgte ja auch endlich das so dringend benötigte Gespräch?

Wie schon zuvor bei John trat Mickie jetzt zu Adam und deutete ihm, mitzukommen. Und überraschenderweise stand dieser ziemlich schnell auf und folgte ihr nach draußen. Wahrscheinlich vor allem, um von Pauls Äußerungen und Michelles Gegenwart wegzukommen. Ein leichtes Lächeln glitt über Johns Lippen, doch es erstarb im nächsten Moment, als sich Paul zu ihm beugte und seine Hand wieder in seine Jeans schob. „Ich hätte einen Vorschlag", flüsterte er ihm heiser ins Ohr, „wie wäre es, wenn wir uns auf eine Toilette verziehen? Ich hab so verdammte Lust auf dich. Ich kann fast nicht mehr warten." Im selben Augenblick stieß er zwei Finger in John, und dieser wäre vor Schreck und Schmerz beinahe aufgesprungen. Doch er schaffte es, nur das Gesicht zu verziehen. Paul lachte dreckig auf.

„Gefällt es dir etwa nicht?", fragte er gespielt eingeschnappt, rammte die Finger in sein Opfer, registrierte, dass dessen Gesicht kreidebleich geworden war. „Das habe ich von damals ganz anders in Erinnerung … ich kann heute noch dein Stöhnen hören, spüre immer noch deine Enge, sehe immer noch, wie du kommst …" John hörte deutlich, wie sehr Paul es genoss, ihm vor allem die letzte Tatsache in Erinnerung zu rufen. Ja, verdammt, John war gekommen, während Paul ihn gegen seinen Willen genommen hatte. Der WWE-Champion hatte es ihm deutlich angemerkt, hatte gespürt, wie sich sein Inneres zusammengezogen hatte, hatte die Erschütterung mitbekommen, hatte die charakteristischen weißen Flecken auf dem Boden gesehen. John hatte versucht, diese allerletzte, tiefste Erniedrigung, die ihm sein eigener Körper angetan hatte, vor seinem Peiniger zu verbergen, doch natürlich hatte er das nicht geschafft.

John kam um eine Antwort herum, als Pauls Mobiltelefon zu läuten begann. Die Finger entfernte der Mann natürlich nicht. Er hatte ja noch seine rechte Hand, um solche Dinge wie die Annahme eines Telefongesprächs zu erledigen. Und als er hörte, mit wem Paul da sprach, hätte John sich am liebsten übergeben. Auch der Rest des Tisches war nicht wirklich begeistert von Pauls Treiben und der Tatsache, dass sie alle mitanhören mussten, wie er Stephanie nett antwortete und dabei sein Gesicht nicht wirklich erfreut dreinschaute. „Hi Baby", sagte er, als er das Gespräch annahm, verdrehte gleichzeitig die Augen. Anscheinend ging ihm seine eigene Ehefrau mal wieder tierisch auf die Nerven. Wie immer eigentlich. Es war nur eine Show, die Paul mit Steph abzog. Er hatte ihr zwei Kinder gemacht, hatte seinen Status im Unternehmen erhalten und das war für ihn genug. Um die Ehe selbst scherte er sich nicht wirklich. Steph tat das ja auch nicht - sie lebte nur für ihre Kinder und ihre Arbeit.

Keiner verstand dieses seltsame Abkommen, das die Beiden anscheinend getroffen hatten. Anscheinend war Stephanie mit dem Status quo zufrieden. Sie hatte ihre beiden Kinder, und wenn sie Paul brauchte, war er sofort zur Stelle. Er konnte es sich nicht erlauben, aus der McMahon-Dynastie verstoßen zu werden, also bemühte er sich, wenn er mit Steph zusammen war. Fehler konnte er sich nicht leisten. Nicht jetzt, da er auf dem Weg zum Nachfolger von Vince war. Anscheinend waren er und Steph wirklich zufrieden. Er akzeptierte, dass Stephanie fast rund um die Uhr arbeitete und ihn meistens nur für Events als Begleitung brauchte. Sie akzeptierte, dass er Christy hatte, auch wenn sie dieser doch keinen guten Status eingeräumt hatte. Aber immerhin hielt sie Paul bei Laune. Für Sex hatte Steph nicht wirklich Zeit, und ihre Familienplanung betrachtete sie für den Moment ohnehin als abgeschlossen. Ja, wenn sie nicht gerade schlief, arbeitete Stephanie immer, auch wenn sie das normalerweise von Connecticut aus tat. Sah man ja auch jetzt: Wer sonst hätte um halb zwei Uhr nachts angerufen, um Dinge für die nächste Storyline zu besprechen?

Paul hörte Stephanie zwar zu, verschwendete sonst jedoch mehr Aufmerksamkeit auf die Behandlung, die er John zuteil werden ließ. Irgendwie genoss er die Situation sogar. Er telefonierte mit seiner Ehefrau, seine Geliebte vergnügte sich mit Chris, was Pauls Billigung hatte, und er erniedrigte sein nächstes Opfer in aller Öffentlichkeit, wogegen dieses sich nicht wehren konnte. Er spürte deutlich, wie weh er John tat, nahm wahr, wie der Mann sich wegen jeder Berührung neuerlich anspannte. Immer wieder stieß er die Finger in den Ex-Champion, wandte seine ganze Kraft an. Erleichtert vernahm er endlich einen kleinen Laut, eine Art Quietschen, das John einfach nicht hatte verhindern können. Breit grinsend lehnte Paul sich zurück, lauschte Stephanie, die seit Annahme des Gesprächs wie ein Wasserfall auf ihn einsprach. Anscheinend hatte ihr die Sache, dass Vince Pauls Wechsel zu Smackdown verhindert hatte, doch ein ziemlich schlechtes Gewissen gemacht und sie bemühte sich, ihrem Ehemann eine Erklärung zu geben.

„Ich wollte es wirklich nicht, Paul", sprach Steph aufgeregt, war natürlich ziemlich laut, weil sie hörte, dass in dem Club ein hoher Lautstärkepegel herrschte, „du warst vorgesehen. Alle Pläne haben dich als Wechsel ausgezeichnet. Bis zu diesem Gespräch mit Vince hatte ich keine Ahnung, bitte glaub mir das! Aber gegen meinen Vater komme ich nicht an. Es tut mir Leid. Ich weiß, wie sehr du zu Smackdown wolltest. Wir haben wirklich darauf hingearbeitet. Wir wollten doch mehr Zeit miteinander verbringen! Du wärst um einiges öfter zu Hause gewesen, wäre es zu dem Wechsel gekommen. Es hat auch mich vollkommen kalt erwischt. Ich muss immerhin deine und Johns gesamte Storylines umschreiben. Aber Vince ist der Chef, und sogar ich musste tun, was er sagt. Aber wenigstens heißt das, dass du deinen Titel behältst." Gut, sie wollte ihn bei Laune halten, indem sie ihm den ließ, stellte Paul fest. Den noch abgeben zu müssen wäre der Gipfel gewesen. Es war schon schlimm genug, bei RAW bleiben zu müssen, weg von Christy. Aber gut, er würde sicher jemanden finden, mit dem er sich die Zeit vertreiben konnte, wenn sich die Termine von RAW und Smackdown einmal überschnitten und Christy mit dem B-Kader in einer anderen Stadt auftrat als Paul das mit der A-Show tat. Sonst war seine Geliebte ohnehin fast rund um die Uhr und sieben Tage die Woche bei ihm - was vor allem in Zukunft wieder der Fall sein würde, wenn Steph neuerlich begann, Hausfrau und Mutter zu spielen und ihren Mann allein auf Tour gehen ließ. Sie war ja nur wegen des Aufbaus der Draft Lottery und der kommenden Storylines dabei - das ließ sich in Zukunft auch von der Villa aus erledigen.

Dann kam ihm ein anderer Gedanke: Konnte es sein, dass Stephanie etwas zu verbergen hatte? Ihr Verhalten deutete darauf hin. Aber was? Dass sie mit Randy geschlafen hatte, wusste er ja bereits, das war ja auch schon verdammt lange her. Doch dass sie jetzt so aufgeregt war und ihm erklärte, dass der Wechsel Johns nicht ihre Idee gewesen war, kam ihm etwas seltsam vor. Gut, eigentlich war es ihm egal, was Stephanie so trieb. Solange er ihr Ehemann blieb, konnte sie tun und lassen, was sie wollte. Solange Stephanie McMahon-Levesque die Show, die ihre Ehe war, nicht gefährdete, scherte Paul sich nicht groß um sie. Es schien jedoch, als wolle sie jetzt wieder einmal Aufmerksamkeit haben. Und Paul verdrehte die Augen. Wenn das stimmte, passte ihm das überhaupt nicht in den Kram. Er hatte sich bereits auf eine lange Nacht mit John eingestellt und beabsichtigte nicht, dessen Zimmer vor Morgengrauen zu verlassen.

Wieso klammerte Stephanie jetzt so? Hinterher telefonieren war normalerweise überhaupt nicht ihre Art. Und eine Erklärung hatte sie ihm eigentlich auch nicht abzugeben. Stephanie stand in der Firma weit über ihrem Ehemann. Immerhin war sie die Tochter des Chefs und die Verantwortliche für das Booking. Paul wurde zwar zum Nachfolger Vince' aufgebaut, aber diese Ausbildung lief noch nicht wirklich lange, und immerhin musste Paul als Champion ja auch die Houseshows und diverse andere Auftritte absolvieren. Er war froh, dass er nicht viel zu Hause war, dass er im Gegenteil so oft wie möglich weg von Steph war. Meistens nahm er Christy, die offiziell Single war, auf diese Trips mit, damit sie ihn in den freien Stunden vom anstrengenden Arbeitsalltag ablenkte und ihm zur Verfügung stand, wann immer er es wollte.

Na ja, heute musste er auf seine Geliebte verzichten, weil die sich den kleinen blonden Kanadier angelacht hatte. Aber er hatte sowieso eine andere Beschäftigung, und außerdem hatte er zu der Nacht ja seine Einwilligung gegeben. Doch bevor er sich wirklich mit John amüsieren konnte, musste er erst einmal das Gespräch mit Stephanie über die Bühne bekommen. „Wann kommst du nach Hause?", fragte Stephanie im nächsten Moment, und Paul erfüllte tiefster Ärger. Wieso wollte sie das jetzt wissen? Er würde schon ins Hotel kommen, nur plante er die Nacht in einem anderen Zimmer als dem Stephanies zu verbringen. Er entfernte seine Finger aus John, rammte sie gleich darauf wieder in ihn, nahm neuerlich den Schauer wahr. Ja, er genoss es ungemein. Nichts und niemand würde ihn davon abbringen, sich den Möchtegern heute wieder einmal zur Brust zu nehmen.

„Ich weiß es noch nicht, Baby", wandte er ein, „es wird spät werden. Wir sind eine extrem große Runde und haben eine Menge Spaß. Immerhin müssen wir für einige Leute Abschied feiern. Sind ja doch ziemlich viele gedraftet worden. Es wird sicher noch länger dauern. Eigentlich wollte ich dann in meinem eigenen Zimmer bleiben, um dich nicht zu stören. Ich merke doch, wie fertig du bereits bist, Steph. Du brauchst deinen Schlaf, Baby. Du schläfst ohnehin nicht genug. Ich mache mir nur Sorgen. Ich möchte nicht, dass du aufwachst, wenn ich nach Hause komme. Und wenn du dann nach Greenwich fährst, sollst du ausgeschlafen sein." Stephanies Schlaf war ihm eigentlich egal, aber er würde sich nicht in seinen Plan pfuschen lassen. Steph konnte heute schön allein schlafen. Solange er die Gesellschaft hatte, die er wollte …

Er konnte das verliebte Lächeln seiner Frau direkt hören. „Ach, Paul", meinte sie seufzend, „danke, dass du dir Sorgen machst. Ich bin tatsächlich etwas müde, ehrlich gesagt. Ich denke, ich werde morgen nach der Aufzeichnung abreisen. Aurora und Murphy fehlen mir." Ein breites triumphierendes Grinsen wanderte über Pauls Lippen, welches Steph natürlich nicht sehen konnte. Er hatte gewonnen. Seine Nacht war gerettet. Paul registrierte, wie John wieder zusammensank. Anscheinend hatte er gehofft, ihm entkommen zu können, weil dieser mit Stephanie zusammensein musste. Ach, wie genoss Paul es, ihn zu enttäuschen. „Dann geh schlafen, Baby", meinte er mitfühlend zu Stephanie, „heute Abend ist immerhin die Aufzeichnung, bei der du ja auch vor Ort sein musst. Wir sehen uns dann in der Früh beim Frühstück. Und die Kinder freuen sich sicher auch, wenn sie ihre Mutter wiederhaben."

„Du begleitest mich nach Atlanta?", fragte sie freudig. Wieder rollte Paul mit den Augen - war doch klar, dass er mitkam, immerhin war Christy beim blauen Brand, und nichts und niemand würde ihn an einem freien Tag davon abhalten, bei seiner Geliebten zu sein. Er würde zur nächsten RAW-Houseshow anreisen - aber erst am selben Tag. Vorher hätte ihn nichts zu den Kollegen gebracht. „Aber natürlich, Schatz. Ich möchte bei dir sein, wenn RAW schon freie Tage hat. Und jetzt geh ins Bett. Du hast einen stressigen Tag vor dir." „Okay", meinte Steph nach einer kurzen Pause, und es war zu hören, wie sie von ihrem Schreibtisch aufstand, „ich gehe schlafen. Ich liebe dich, Paul." „Ich liebe dich auch", antwortete Paul, dem diese Worte verdammt leicht über die Lippen kamen, „schlaf gut, Schatz." „Viel Spaß noch beim Feiern", lächelte Stephanie, bevor sie das Gespräch beendete.

„Na endlich! Gott, sie fährt nach Hause, wie wunderbar", stöhnte Paul auf und lehnte sich in der Couch zurück, als wäre die Unterhaltung so extrem anstrengend gewesen. Er wandte sich an die Kollegen. „Mann, die Frau kann so was von anhänglich sein, das ist schrecklich", beschwerte er sich übertrieben, „seid froh, dass eure Weiber nicht so klammern. Die ist wirklich schlimm. Wäre sie nicht aus dieser Familie, hätte ich sie schon längst in den Wind geschossen." Neuerlich beugte er sich zu John, der immer noch keine Möglichkeit hatte zu flüchten, egal, wie gern er es auch getan hätte. Seine Hände umklammerten nach wie vor sein Bierglas, um sein leichtes Zittern zu verbergen. Wieder drohten John Tränen in die Augen zu steigen, doch neuerlich schaffte er es, sie zu unterdrücken. Er erlaubte sich nicht, die Frage, warum es ausgerechnet ihn hatte treffen müssen, in seinen Kopf dringen zu lassen. Hätte er sich damit beschäftigt, wäre seine Laune endgültig auf dem Boden gewesen. Was hatte er, das Paul so dermaßen anzog? Er konnte sich nicht erklären, warum sich The Game ausgerechnet ihn ausgesucht hatte, vor allem, nachdem er ihn ohnehin schon einmal gehabt hatte. Normalerweise belästigte er niemanden ein zweites Mal.

„So, das heißt, unsere Nacht ist gesichert, Johnny", flüsterte er mit einem eindeutigen Lachen in der Stimme, „du kannst eigentlich schon ins Hotel fahren und dich vorbereiten." John reagierte nicht, doch Paul hatte schon seine Mittel, um ihm etwas zu entlocken. Immer noch befanden sich die Finger in seinem Opfer, und neuerlich rammte Paul sie in John, spreizte sie schnell, damit Johns Körper nicht darauf reagieren konnte. Einen Moment biss John sich auf die Unterlippe, als der Schmerz an dieser Stelle explodierte, doch mehr würde er nicht an Reaktionen zeigen. Damit würde Paul sich abfinden müssen. Und ins Hotel fahren, nur weil Paul es verlangte, würde er erst recht nicht! „Gefällt es dir, wie ich dich berühre?", fragte Paul weiter, biss John hart ins Ohrläppchen. Eine Antwort erwartete er natürlich nicht. „Oh, freu dich, das war nur der Anfang. Ich habe noch einiges mit dir vor, das kann ich dir versprechen. Du kannst froh sein, wenn du nach dieser Nacht noch ordentlich gehen kannst." John schluckte. Er hatte schon nach dem ersten Mal kaum gehen können. Wenn sich das jetzt über mehrere Stunden hinzog …

Mickie kam mit Adam von draußen zurück, schien etwas wütend zu sein. Ihr Gesicht, das doch etwas verkniffen war, ließ sie um mindestens zehn Jahre älter wirken. Doch auch Adam schaute nicht wirklich erfreut aus. Nein, in seinem Blick lag eine gewisse Trauer, das konnte John deutlich erkennen, als seine Augen über ihn schweiften. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke, und sofort war zu sehen, wie der Kanadier zusammenzuckte. Mickie stieg über John hinweg, und dieser war froh, dass der Blickkontakt mit Adam somit unterbrochen wurde. Außerdem wollte er ohnehin wissen, was die Ex-Championesse mit seinem ehemaligen besten Freund zu besprechen gehabt hatte. Irgendwie konnte er es sich zwar schon vorstellen, doch er wollte noch einmal nachfragen. Zudem lenkte ihn das noch von dem ab, was Paul mit ihm machte.

„Was hast du mit ihm gemacht?", erkundigte er sich, stieß ein ungläubiges Lachen aus, welches sofort verstummte, weil ihm Paul Schmerzen verursachte. Anscheinend wollte der Mann nicht, dass John lachte, während er ihn belästigte. Mickie warf Paul über Johns Schulter einen vernichtenden Blick zu, bevor sie Punkie einen kurzen Kuss auf die Lippen drückte. Dann drehte sie sich zu John zurück und zuckte mit den Schultern. „Gar nichts", meinte sie, „ich hab ihm nur auf den Kopf zugesagt, dass er in dich verknallt ist." John hatte gerade sein Bierglas aufgenommen, stellte es jetzt wieder auf den Tisch, weil er so überrascht war. Gott, was konnte an diesem Abend eigentlich noch schief gehen? Nicht nur, dass Paul ihn belästigte, jetzt hatte Mickie wahrscheinlich endgültig jegliche Chance vernichtet, dass John mit Adam jemals wieder normal würde sprechen können.

„Bist du verrückt?", fragte er mit beinahe tonloser Stimme. Er hatte wirklich Schwierigkeiten zu sprechen. Deshalb schaute Adam so drein - wahrscheinlich hatte er sich geweigert, ihn - John - für die Nacht aufzunehmen. Nach dem, was beim letzten Mal, als sie zusammen in einem Zimmer geschlafen hatten, geschehen war, wunderte John das nicht. Erstaunt blickte Mickie ihn an, war sich keiner Schuld bewusst. „Warum?", fragte sie, als hätte sie tatsächlich keine Ahnung, was sie da angerichtet hatte. John schloss die Augen, als Pauls Finger einen neuerlichen Schmerzimpuls durch ihn jagten. Wieder versuchte er, sich nichts anmerken zu lassen, und weil er von Paul abgewandt war, konnte dieser seine kleine Reaktion wenigstens nicht mitbekommen. „Ich muss mit ihm arbeiten, Mickie", meinte er seufzend, als die Schmerzen abgeklungen waren, und warf einen Blick auf den Kanadier, der gerade sein Bierglas leerte und sich danach sofort ein neues bestellte. „Na und?", fragte sie zurück. „Meinst du nicht, dass das besser läuft, wenn ihr hinter den Kulissen endlich wieder miteinander sprechen könnt? Jemand, der backstage arbeitet, hat schon gemerkt, dass euer Match heute on the spot ausgemacht worden ist. Wir haben es alle gesehen. Es ist doch schlimm, dass ihr nicht einmal mehr miteinander sprechen könnt!" John schüttelte den Kopf, ging auf Mickies Fragen gar nicht erst ein. Dass die Schmerzen schlimmer geworden waren, nahm er nicht einmal mehr wahr.

Irgendwie wurde ihm das alles zu viel. Am liebsten hätte er einfach losgeschrien und wäre in Tränen ausgebrochen. Es war wirklich schwer, das nicht einfach zu tun, und nur die Tatsache, dass er sich in der Öffentlichkeit befand, hielt ihn davon ab. John spürte, wie er die Beherrschung zu verlieren drohte. Es hatte lang gedauert, aber nun, da er sich mit so vielen Dingen gleichzeitig beschäftigen sollte, merkte er, dass ihm das alles über den Kopf zu wachsen drohte. Und als Paul sich schon wieder zu ihm beugte und ihm „Dein Arsch gehört heute Nacht mir, sei dir sicher" ins Ohr flüsterte, konnte John nichts anderes tun als aufzuspringen, was von Paul wieder einmal mit Gelächter gewürdigt wurde. John drängte sich an ihm vorbei, knallte den Autoschlüssel auf den Tisch - es wunderte ihn selbst, dass er dabei so ruhig war - und blickte Miz und Morri an. „Fahrt ihr mit dem Auto ins Hotel zurück", brüllte er gegen die Musik an, „ich gehe zu Fuß. Stellt ihr es morgen am Flughafen ab? Es ist im Voraus bezahlt." Miz nickte, und John atmete auf, bevor er noch ein paar Worte herausbrachte. „Viel Spaß noch."

John vermied es, Adam in die Augen zu sehen. Er schaffte es nicht einmal, den Blick über ihn schweifen zu lassen, schloss die Augen, als sein Blick dem Kanadier nahe kam. Er wollte kein Mitleid im Blick seines ehemaligen besten Freundes sehen. Er fühlte sich schon schlecht genug. Mit einem schweren Seufzen drehte er sich um und verließ den Club mit schnellen Schritten, ohne sich von irgendjemandem zu verabschieden. Er hätte es nicht gekonnt. Paul hatte ihn belästigt, Adam sprach kein Wort mehr mit ihm und Mickie hatte gerade jegliche Möglichkeit zunichte gemacht, es jemals wieder zu tun. Nein, er sagte kein einziges Wort, schaffte es nicht einmal, den Leuten freundlich zuzunicken. Er wandte sich einfach um und verschwand. Dass das Ganze ziemlich nach Flucht aussah, versuchte er aus seinen Gedanken zu verbannen.