Und das nächste Kapitel!

Viel Spaß!

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Nicht so!

Tabitha sah ihn nur erwartungsvoll an. Langsam hob er seinen Kopf und wandte sich ihr zu, sein Kopf fiel genau in den Lichtstrahl, der durch eine der Ritzen hereinfiel und sie konnte sein Gesicht sehen. Er war leichenblass und seine Stirn war verschwitzt. Und er hatte glasige Augen.

„Du hast Fieber!" stellte sie fest. Sie hatte es zuvor schon geahnt, als sie seine warme Stirn unter ihrer Hand gefühlt hatte, doch jetzt wusste sie es sicher.

„Ich weiß." sagte er nur. „Du musst dir mein Bein ansehen. Ich komm nicht richtig ran."

Sie nickte hastig. „Natürlich." Sie kroch soweit es ihr möglich war an seiner Seite entlang zum Einkaufswagen und dem Schutt. Da er sein linkes Bein noch angezogen hatte, blieb ihr mehr Platz. „Was genau soll ich tun?"

Er legte seinen Kopf wieder auf seinen Arm, es war eine bequeme Haltung. „Du musst die Jeans hochziehen, so weit es geht, damit du dir die Verletzung genauer anschauen kannst."

„Okay."

Ihre Finger zitterten ein wenig, als sie in den schmalen Raum unter dem Korb des Wagens hineingriff, der vom Beton verschont worden war. Es war nicht leicht, das Gleichgewicht zu halten, soweit musste sie sich vorbeugen, aber sie wollte sich nirgends festhalten, um ihm nicht weh zu tun. Endlich bekam sie den Saum seiner Jeans zu fassen und zog vorsichtig daran. Sie erschrak regelrecht, als sie spürte, wie kalt sein Knöchel war.

„Mein Gott." entfuhr es ihr unwillkürlich. „Spürst du das überhaupt noch?" fragte sie ihn, während sie mit ihren Fingern über seine Haut strich.

Ein erleichtertes Lächeln spielte ungesehen um seine Mundwinkel, als er ganz sanft fühlte, wie ihre Fingerspitzen über seinen kalten Knöchel kitzelten. Wenigstens etwas war nicht ganz so schlimm, wie er befürchtete. „Mmh."

Auch Tabitha fiel ein Stein vom Herzen. Behutsam machte sie sich wieder daran, die Jeans sein Bein hinaufzuschieben, doch so vorsichtig sie auch war, als der vorwärts geschobene Stoffwulst den Metallstab traf und dagegen drückte, stöhnte House vor Schmerz auf.

Er biss sich auf die Lippen. Sie musste irgendwie einen Blick darauf werfen, er brauchte Gewissheit. „Mach… einfach weiter!" stieß er gepresst hervor.

Entsetzt sah sie ihn an. „Auf keinen Fall! Das funktioniert so nicht, ich tu dir dabei nur weh!"

„Das ist egal!" keuchte er jetzt auch noch verärgert.

„Nein, ist es nicht!" Hielt sie stur dagegen. „Es muss noch eine andere Lösung geben!"

House atmete schwer. „Und was? Versteckst du deine Nagelschere in deinem BH?"

„Nein!" antwortete sie jetzt auch gereizt. „Natürlich nicht!" Sie warf noch mal einen Blick auf sein Bein und dabei fiel ihr Blick auf ihren rechten Zeigefinger. „Aber ich hab da vielleicht eine Idee!"

Neugierig hob er den Blick, als sie hinter ihm verschwand und kurz darauf wieder kam. Sie hielt ihm mit einem triumphierenden Grinsen einen scharfkantigen Dosendeckel vor die Nase. „Damit könnte es klappen. Und wenn nicht, haben wir immer noch Glas."

Er zog eine Augenbraue hoch. „Ja, damit trennst du dir entweder die Finger ab oder schlitzt mir mein Bein auf!"

Doch Tabitha ließ sich von ihm nicht abhalten, egal wie sehr er protestierte. Als er ihr sein linkes Bein in den Weg stellte, schob sie es einfach gewaltsam zur Seite. Sie beugte sich wieder in das kleine Loch und griff nach seiner Jeans.

„Du solltest jetzt besser stillhalten!" sagte sie bedeutungsvoll.

Sie brauchte ein bisschen, bis sie herausgefunden hatte, wie sie beides am besten halten musste, doch am Ende funktionierte es. Sobald sie den Saum durchtrennt hatte – und nebenbei auch ihre rechte Handfläche aufgeschnitten hatte – warf sie den Deckel zurück ins Regal und packte die zwei Jeansenden mit ihren Händen. Vorsichtig und bedacht zog sie daran und sah zu, wie der Stoff ziemlich gerade an seinem Schienbein entlang aufriss. Immer wieder griff sie nach und hörte erst auf, als der Riss ein Stück oberhalb des Metallstabs endete. Sorgsam schob sie den Stoff zur Seite, bis sie die volle Verletzung sehen konnte.

House musste dabei die Zähne zusammenbeißen. Das ständige, leichte Ruckeln an dem Stück Metall setzte sich in wellenförmigem Schmerz in seinem Bein fort.

Tabitha rutschte ein kleines Stück zur Seite, damit ein bisschen mehr Licht auf seine Verletzung fiel. Es sah grausam aus, doch auf den ersten Blick wirkte die Verletzung an sich nicht übermäßig schwerwiegend. Es war nur ein dünnes, bereits angetrocknetes Blutrinnsal unterhalb der Ein- und Austrittswunde zu erkennen. Doch auf den zweiten Blick erkannte sie die Schwellung um den Stab herum und auch die Farbe der Haut wirkte anders, doch das konnte sie nicht genau sagen.

Sie wischte das Blut ihrer rechten Hand an ihrer Hose ab, um ihn nicht auch noch vollzutropfen, dann tastete sie ganz vorsichtig über seinen Unterschenkel. Sie fing am Schienbein an und wanderte langsam seitlicher. Je näher sie dem Wundkanal kam, desto stärker zuckte er zusammen und desto heftiger atmete er hinter ihr.

„Es ist entzündet." presste er durch zusammengebissene Zähne heraus.

Tabitha nickte. „Die Wundränder sind ganz heiß und angeschwollen. Dazu dein Fieber… ja, es ist entzündet!"

Als ihr klar wurde, was das bedeutete, musste sie erstmal heftig schlucken. Jetzt wurde es langsam Zeit, dass sie jemand hier rausholte. Sorgfältig wickelte sie sein Bein wieder so in die Jeans, dass diese nicht wieder aufging und sein Bein der Kälte preisgab.

Als sie wieder auf seiner Höhe war, lag sein Kopf wieder auf seinem Arm und verbarg so sein Gesicht vor ihr. Aber seine Atmung allein sagte ihr schon, dass er noch mit den Schmerzen kämpfte, die sie verursacht hatte. Sie hoffte inständig, dass die Schmerzmittel, die er kurz zuvor geschluckt hatte, bald ihre Wirkung entfalten würden. Wie viele Tabletten waren ihm überhaupt noch übrig?

Er spürte, wie das Hydrocodon langsam aber sicher zu wirken begann und entspannte sich ein wenig. Die Untersuchung mit ‚unangenehm' zu umschreiben, wäre wohl untertrieben. Aber er hatte wissen müssen, wie schlimm es bereits war. Er hatte wissen müssen, wie viel Zeit er noch hatte. Wenn er die verminderte Durchblutung seines Beins mit einrechnete, dann hatte er vielleicht noch sechs Stunden, plusminus zwei Stunden, bis sich die Infektion über seinen Blutkreislauf ausbreitete und dann je nach Verlauf vielleicht noch mal sechs oder sieben Stunden, vielleicht auch weniger, bis seine Organe versagten und er am septischen Schock sterben würde. Also blieben den Leuten da draußen je nach Verlauf noch ca. neun bis 17 Stunden, ihn hier rauszuholen, wenn sie keine Leiche freischaufeln wollten. Er seufzte leise, als ihm die Tragweite dieser Erkenntnis bewusst wurde.

„Du solltest etwas trinken."

Die Vorstellung, hier unter Beton begraben, an einer Sepsis zu sterben, schnürte ihm fast die Kehle zu. Er hatte sich nie großartig Gedanken über seinen Tod gemacht, nicht mal nach seinem Infarkt, doch er hatte ihn sich garantiert nicht so vorgestellt. Hilflos in der Kälte liegend und ohne medizinische Hilfe langsam krepierend.

„Hey? Alles okay?"

Er wollte so nicht sterben und er würde so auch nicht sterben! Nicht so! Man würde sie finden und sie beide hier rausziehen. Er würde ins Princeton gebracht werden, wo Wilson auf ihn wartete und ihn mit selbstgemachten Pekannusspfannkuchen verwöhnen würde, wenn er erstmal behandelt und auf dem Weg der Besserung war. Er würde Cuddy in den Wahnsinn treiben und seine Lakaien herumscheuchen und alles wäre wieder wie früher. Und er nicht tot!

Eine Hand legte sich auf seine Schulter und er zuckte erschrocken hoch. Ihr Gesicht hing dicht vor seinem und sah ihn besorgt an.

„Entschuldige, ich… ist alles in Ordnung? Du warst völlig weggetreten."

Er schüttelte kurz den Kopf und versuchte sämtliche eben gedachten Gedanken ins hinterste Eck seines Hirns zu verbannen. Damit wollte er sich jetzt nicht befassen. Nicht hier und nicht jetzt. Er musste sich nur beschäftigt halten. Und immerhin gab es ja noch Rätsel zu lösen, die seinen Geist ablenken konnten, bis jemand seinen Kopf unter dieses Regal steckte und sie hier rausholte.

Er winkte ab. „Was ist?"

Skeptisch musterte sie ihn, ehe sie ihren Satz vom Anfang wiederholte. „Ich hab gemeint, du solltest etwas Trinken. Wegen dem Fieber."

Er schnaubte. „Ja, stellt sich nur die Frage, lieber den schlechten Martini oder den sirup-überladenen Sex on the Beach?"

„Ich hab vorhin auch ungesüßte Obstkonserven gefunden. Die sind vielleicht erträglicher."

Er nickte. „Egal was."

Während sie damit beschäftigt war, zwei Löcher in eine Dose zu hämmern, hielt er sein Hirn mit dem Rätsel ‚Tabitha Myers' auf Trab, um ja nicht auf falsche Gedanken zu kommen.

Als sie ihm eine Dose mit Birnen in die Hand drückte, musterte er sie abermals ganz genau, ehe er einen tiefen Schluck trank. Es war immer noch süß, aber eher wie Saft und nicht wie sirupartiges Zuckerwasser. Er stellte die Dose vorübergehend ins Regal.

„Du schreibst entweder Medizinthriller oder herzzerreißende Liebesgeschichten, die sich im Krankenhaus abspielen." sagte er völlig unvermittelt und beobachtete ihre Reaktion.

Ihre Augen verengten sich. Sie war ein wenig irritiert über die plötzliche Aussage. „Nein, weder noch." antwortete sie langsam, im ersten Moment nicht sicher, worauf er hinauswollte.

Er war froh, dass sein Schuss ins Blaue sich nicht bestätigt hatte, so wurde das Rätsel kniffliger und beschäftigte ihn länger. Dann fiel ihm etwas ein, das sie einmal gesagt hatte. Ein Lächeln spielte um seine Mundwinkel.

„Dann bist du Autorin für Bücher über Mathematik. Möglicherweise für Schulen oder Universitäten. Vielleicht auch so was wie ‚Mathe für Idioten'. Wer weiß, es gibt ja auch schon Lehrbücher mit Titeln wie ‚Physik für Ahnungslose', da würd's mich nicht wundern."

Langsam glaubte sie zu verstehen. Er hatte Fieber und vermutlich auch Schmerzen, doch hier drin fand er keine Linderung, seine Gedanken würden sich also ständig damit befassen. Er suchte Ablenkung. Und er war neugierig. Sie gönnte es ihm, und so schnell würde er nicht draufkommen.

Grinsend schüttelte sie den Kopf. „Wieder falsch."

Er runzelte die Stirn. „Aber du verstehst dich als Mathematikerin."

Sie hob eine Augenbraue und setzte sich etwas bequemer hin. „Was bringt dich zu der Annahme?"

„Du." Er grinste verschmitzt, aber sie glaubte zu sehen, dass es nicht seine Augen erreichte. „Vor deinem Witz sagtest du ‚und da sag noch einer, wir würden verhungern'. Da im Witz nur die Mathematiker verhungert sind, schließe ich daraus, dass du dich als Mathematikerin siehst. Nur was bringt eine intelligente Frau, die sich als Mathematikerin sieht, vermutlich Mathematik studiert hat, dazu, Bücher zu schreiben, die themafremd sind."

„Das ist dann wohl die Frage, was?"

Doch noch eine andere Frage kreiste in seinem Gehirn umher. Woher kannte sie sich mit Pflegemaßnahmen und Druckgeschwüren aus? Wie hatte sie ihm ansehen können, dass er pinkeln musste, ohne dass ihm bewusst gewesen wäre, eindeutige Zeichen von sich gegeben zu haben? Da fiel ihm ein, dass sie einmal etwas über Onkologen gesagt hatte. Hatte sie dieses Wissen vielleicht am eigenen Leib gesammelt?

Er musterte sie aufmerksam von oben bis unten, doch er konnte keine Anzeichen für eine aktuelle Krebserkrankung finden. Sie sah viel zu gesund aus, die Haut war zwar ein bisschen blass, aber das lag an der Kälte. Ihr Haar war lang, ihre Rundungen ließen nicht darauf schließen, dass sie abgemagert war. Sie hatte eine Nacht in der Kälte verbracht und wirkte nicht sonderlich davon beeinträchtigt. Kein Husten, kein Schnupfen, keine Schwäche. Er sah einen blutigen Schnitt an ihrer Handfläche und einen an ihrem Finger. Beide hatte sie vermutlich von dem Dosenblech.

„Sie hatten Krebs. Vermutlich vor fünf bis zehn Jahren."

„Äh…" Ihr Kinn klappte einen Moment herunter. Ihr war völlig schleierhaft, wie er darauf kam und dann auch noch so plötzlich und völlig ohne Vorwarnung. „Nein. Ich hatte nie Krebs."

Müde rieb er sich über die Augen. Aber das ergab keinen Sinn. Andererseits, wenn sie die Pflegemaßnahmen am eigenen Leib erfahren hatte, bedeutete das nicht, dass sie selbst diese so fehlerlos und angenehm ausführen konnte. Doch das erschwerte alles nur noch. Dumpfer Kopfschmerz bildete sich hinter seiner Stirn und er spürte, dass seine Schultern zu zittern anfingen. Das Bild vor seinen Augen verschwamm plötzlich. Er rieb sich noch mal über die Augen, doch es wurde nicht besser.

Sie spürte instinktiv, dass etwas nicht stimmte. Er war auf einmal so still und er zitterte. Nein, er schwankte auch ein wenig.

„Alles okay? Greg?"

Seine Finger schlossen sich um eine Regalzwischenwand. Alles um ihn herum schien in Bewegung zu sein.

„Mir.. ist schwindlig…" brachte er ein wenig lallend über die Lippen.

Er hatte das Gefühl jeden Halt zu verlieren, seine Muskeln wollten ihm nicht mehr so richtig gehorchen und vor seinen Augen tanzten schwarze Flecken. Da packten ihn auf einmal zwei Hände an den Schultern und hielten ihn fest.

„Atme tief durch! Hörst du!"

Vorsichtig ließ sie ihn langsam zu Boden sinken. Seine Augen waren geöffnet, doch sein Blick war völlig unfokussiert, tanzte benommen umher. Schnell rutschte sie ein Stück weiter und legte sein linkes Bein so gut es ging auch auf die Metallablage des zerdrückten Einkaufswagens, so waren seine Beine wenigstens etwas erhöht. Dann kehrte sie zurück. Seine Augen fielen immer wieder zu.

„Hey, bleib wach!" rief sie ihm ins Gesicht und schlug leicht gegen seine Wange.

Seine Augen flogen wieder auf und ihr Blick war wieder ein wenig klarer. Sie griff nach seiner Hand und hob sie zu sich. Ihre Finger schlossen sich um sein Handgelenk und während sie zählte, verfolgte sie den Sekundenzeiger ihrer Uhr. 84 Schläge pro Minute, das war nur knapp über der Norm. Seine Atmung war ein bisschen zu schnell, das sah sie auch ohne nachzählen, doch das Entscheidende wäre jetzt der Blutdruck, aber den konnte sie ohne Manschette nicht messen.

Sie ließ die Hand wieder sinken und setzte sich hinter ihn, um anschließend seinen Kopf in ihren Schoß zu betten. Er öffnete und schloss seine Augen immer noch benommen. Tabitha streichelte ihm sanft über die Stirn. Sie war wärmer als noch vor ein paar Stunden.

„Dein Kreislauf hat dir einen Streich gespielt! Das wird wieder! Ich bin hier oben, Greg."

Sein Blick wirkte wieder steter und suchend. Als er ihr Gesicht gefunden hatte, fixierte er sie einen Moment, ehe sein Blick wieder abschweifte.

„Trink einen Schluck, Greg. Das hilft!"

Sie griff nach der Birnensaftdose und hob seinen Kopf etwas an. Als sie die Dose an seine Lippen hielt, trank er ein paar kleine Schlucke, ehe er sein Gesicht leicht abwandte. Sie stellte die Dose wieder weg und ließ seinen Kopf wieder in ihren Schoß sinken. Seine glasigen Augen fixierten sie wieder kurz.

„Sufiil… Allohol… im… Gokdail…" nuschelte er kaum verständlich, ehe ihm die Augen zufielen.

Trotz der Sorge, die mit jedem Herzschlag durch ihren Körper pumpte, musste sie wegen diesem Kommentar lächeln. Sie griff nach dem Cardigan auf seinem Oberschenkel und breitete ihn über seinem Oberkörper aus. Nach kurzem Überlegen streifte sie sich auch ihren eigenen Pulli über den Kopf und legte ihn über seine Hüft- und Oberschenkelregion. Er brauchte die Wärme dringender als sie.

„Ruh dich aus, Greg! Ruh dich aus!"

Ihr Blick wanderte zu den Ritzen im Beton. „Bitte beeilt euch!" murmelte sie leise, während ihre Hand ganz automatisch nach einer Dose griff. Sie würde nicht aufgeben, nicht bevor sie beide hier draußen waren.

TBC