Das Recht des Stärkeren
Es waren weitere Tage vergangen und nun hatte sich bei jedem der Wraithnachkommen das Nährorgan vollständig geöffnet.
Bei Vielen hatte sich mittlerweile eine ähnlich ruppige Art eingestellt, wie es zuvor bei Rakesh der Fall gewesen war. Auch bei Ma´thu hatte sich das zuerst leere Gefühl in der Magengegend in ein rasendes Feuer verwandelt, dass alles in ihm aufzuzehren schien und auch für ihn war es schwierig geworden, einen klaren Verstand zu behalten. „Hungrig. So hungrig…" Nein…er musste sich beherrschen!
Was sollte denn da sein Bruder Rakesh sagen? Dieser war mittlerweile nur noch ein Schatten seiner selbst. Kränklich grau und ausgelaugt sah er aus, verbrachte die Zeit meist zitternd auf seiner Schlafstätte oder lief wie ein nervöser Tiger im Zimmer auf und ab.
Der blauäugige Wraith hatte schon öfter darüber nachgedacht, ob der Wissenschaftler vielleicht doch Unrecht gehabt hatte und sein Lieblingsbruder vielleicht bald verhungern würde. Aber dann beruhigte er sich mit dem Gedanken, dass es nicht mehr lange dauern würde bis die erste Nährung stattfinden würde. Und er sollte Recht behalten…
Derselbe Wissenschaftler, der dafür zuständig gewesen war, die Horde der jungen Wraith zu untersuchen, trat nun in den Saal und er sah aus als hätte er Neuigkeiten für seine „Patienten".
Er blieb an der Tür stehen, die weiterhin offen blieb und verkündete mit hinter dem Rücken verschränkten Händen:
„Die Königin möchte euch sehen. Folgt mir."
Ein aufgeregtes Murmeln ging sogleich durch die Reihen der versammelten Geschwister.
Sie würden endlich die Königin zu Gesicht bekommen!
Nachdem sie dem Wissenschaftler einen ewig langen Weg durch die blauen Korridore mit dem spinnenwebenartigen Gebilde an den Wänden gefolgt waren, blieb dieser vor einer ungewöhnlich großen Membrantür stehen und öffnete sie.
Der Saal im Inneren war sehr dunkel. Nur ein großes, kreisrundes Licht von oben erhellte die Mitte des Raumes. Langsam und ehrfürchtig traten die Wraith ein, als würde etwas Böses in der Dunkelheit lauern. Tatsache war allerdings, dass sie einen sehr starken Geist fühlen konnten. Viel stärker als der der meisten Wraith, denen sie bisher begegnet waren. Sie traten alle an den Rand des Lichtes und versammelten sich in einem Halbkreis darum. Der Wissenschaftler trat nun ebenfalls ein und schloss die Tür hinter sich, um sich daraufhin mit emotionslosem Gesichtsausdruck und hinter dem Rücken verschränkten Armen direkt davor zu platzieren.
In Gedanken tauschten sich die jungen Wraith aus. Was würde jetzt passieren? War dieser starke Geist den sie spürten der der Königin? Und tatsächlich. Langsam trat eine weibliche Gestalt in das Licht vor die Gruppe der Geschwister. Ihre Schönheit und ihre machtvolle Aura ließ die meisten innerhalb des Halbkreises den Atem anhalten.
Die Königin trug ein schwarzes Lederkleid, dass an ihrem schlanken Oberkörper fast wie eine Corsage wirkte, über der sie ein enges, schwarzes Lederhalsband trug, das fast den ganzen Hals bedeckte. Der Rockteil ihres Kleides war lang bis hinunter zur Erde. Ihre Haut war grünlich, dass Haar schneeweiß und mit kunstvoll geflochtenen Zöpfen durchzogen. Ihre gelben, mandelförmigen Augen blickten sich hoheitsvoll in der Menge ihrer Nachkommen um.
„Seht euch an."
Begann sie zu sprechen und ihre Stimme rasselte wie eine Viper. Sie trat nun direkt in den Lichtkegel und näher an ihre Kinder heran. Langsam lief sie das Innere des Halbkreises ab, ihre Augen streiften die ihrer Sprösslinge, als sie an ihnen vorbeizog.
„Ihr seid zu wirklich…"
Sie stockte plötzlich, als ihre die blauen Augen von Ma´thu trafen. Sie hatte nochnie solche Augen bei einem ihrer Art gesehen und das verblüffte selbst sie. Sie schmälerte etwas ihren Blick und legte den Kopf schräg, bevor sie weiterging. Der junge Wraith schien für diesen kurzen Augenblick unter ihrem Blick wie paralysiert.
„… ´außergewöhnlichen´ Wraith herangewachsen. Ihr seid die Letzten die ausgebildet wurden, nachdem restlos alle unserer Art aus dem Schlaf erwachten. Die anderen Königinnen und ich haben ein Abkommen darüber getroffen, dass wegen des großen Nahrungsmangels keine Wraithlinge mehr zur Welt kommen dürfen. Das ihr, meine Kinder, die Letzten Nachkommen unserer Rasse seid, erfüllt mich mit Stolz. Ihr werdet diesem Basisschiff zu neuer Stärke verhelfen."
Die Information, dass die anderen Wraith alle mit einem schlag erwacht waren, nachdem Menschen aus einer anderen Galaxie die Wächterkönigin getötet hatten, war bereits vor etwa 5 Jahren bis zur Ausbildungsstation vorgedrungen und hatte zu der Zeit für reichlich Aufruhr gesorgt.
Als die geschmeidige Königin ihre Rede unterbrach und vor Rakesh stehen blieb, herrschte plötzlich völlige Stille in dem großen Raum. Der spitzbärtige Wraith hatte bisher mit seiner vor Schweiß feuchten, grauen Haut und der gebeugten Haltung ein armseeliges Bild abgegeben. Jetzt, wo die Königin ihn genauer betrachtete, bemühte er sich unter Schmerzen, eine gerade Körperhaltung einzunehmen und etwas gefestigtere Gesichtszüge zur Schau zu stellen. Das krampfhafte Zucken in seinen Muskeln konnte er allerdings nicht bekämpfen und so wirkte seine Tarnung nicht sehr glaubwürdig.
Langsam hob die hübsche Herrin eine ihrer kleinen, klauenbesetzten Hände. Rakesh ertappte sich dabei, wie er wegzucken wollte. Die Königin wirkte so furchteinflösend das er nicht einschätzen konnte, was sie als nächstes tun würde. Dann aber streichelte die Rückseite ihrer Finger sanft über seine linke Wange mit der schlitzartigen Öffnung.
„Du brauchst dich nicht zu verstellen. Du bist als Erster gereift, nicht wahr?"
rasselte ihre Vipernstimme, die weiterhin eher bedrohlich als liebevoll wirkte.
Rakesh schloss zitternd und seuftzend die Augen und gab es auf, die Farce aufrecht zu erhalten.
„Meine Königin…es tut mir leid… Hungrig…ich bin so hungrig…ich brauche Nahrung…bitte…so hungrig…"
brach es verzweifelt aus ihm heraus, als er das Gefühl bekam, die Königin hatte tatsächlich ein offenes Ohr für ihn. Seine Stimme war so schwach das man die vielen Untertöne darin nicht mehr hören konnte. Normalerweise bettelte ein Wraith nicht. Bei ihrer Rasse hieß es, dass nur der Stärkste gewinnt und bei nicht sehr ertragreichen Jagden kämpften die hungrigen Wraith meist um jeden einzelnen Menschen an Bord des Schiffes. Das Rakesh so flehend nach Nahrung bat, schmälerte womöglich sein Ansehen bei der Königin, aber seine Schmerzen verschleierten in diesem Moment seine Sinne. Er hatte nichts zu verlieren. Die Hand der Herrscherin zog sich langsam zurück und Rakesh erwartete fast, dass sie wütend wurde und ihn für seine Armseeligkeit bestrafen würde. Dann aber sprach sie mit giftig-süßer Stimme:
„Es wird alles gut, mein armes Kleines. Deine Königin ist stolz auf dich. Du hast gezeigt, dass du einen starken Geist hast für einen so jungen Wraith. Du warst tapfer, deinen Hunger so lange zu bezwingen, und das soll belohnt werden."
Als hätte allein ihr Geist diesen Vorgang eingeleitet, erschein schlagartig ein weiteres Licht, dass einen Fleck direkt hinter dem kränklichen Wraith erleuchtete.
Als sich Rakesh umdrehte, sah er einen menschlichen Mann, der eingeschlossen in einen Kokon aus Tentakeln und Spinnenweben an der Wand festgehalten wurde. Nur der Hals und der Kopf lagen frei und er schien ohne Bewusstsein. Wie magnetisch angezogen begann sich der spitzbärtige Wraith auf ihn zuzubewegen. Alle im Saal hielten den Atem an. Als der hungrige Wraith einen halben Meter vor dem Bewusstlosen stehen blieb und ihn weiterhin gierig mit den Augen fixierte, legte die Königin von hinten ihre Hände auf Rakeshs Schultern. Ihr Mund mit den nadelspitzen Zähnen wanderte zu seinem Ohr.
„Du weißt was du zu tun hast. Nimm dir soviel du möchtest, mein Kleines! Stille deinen Hunger. Du hast es dir verdient. "
Und kaum hatte ihre Majestät den Satz vollendet, zerriss der hungrige Wraith brutal das Gewebe des Kokons um die nackte Brust des Mannes freizulegen. Seine rechte Hand schnellte nach vorne und er rammte sie fest auf den Brustkorb des Menschen, der nun schmerzerfüllt die Augen weit aufriss, aber vor Entsetzen keinen Ton herausbrachte.
Das saugende Geräusch des Nährvorganges und das erleichterte Stöhnen und gierige Fauchen Rakeshs erfüllten den Raum, als das erlösende Elixier in ihn strömte. Ma´thu konnte aus sicherer Entfernung beobachten, wie sein Bruder genießerisch die Augen verdrehte, als er dem Menschenmann Tropfen für Tropfen das Leben nahm.
Nach nicht einmal einer Minute war es vorbei. Ungewohnt rotes Blut klebte an Rakeshs Nährhand, als er diese von dem verschrumpelten Kadaver löste und sie betrachtete. Er wirkte nun wieder wie früher. Seine Haut wirkte grünlich und gesund und er richtete seinen Körper gerade auf, ließ seinen Nacken knacken, sowie er es früher immer getan hatte.
Immernoch hungrig hatten auch die anderen Geschwister das Szenario beobachtet und waren begierig darauf, es Rakesh gleichzutun. Und als ihre Hoheit auf einen Schlag den Rest des Raumes beleuchtete, bemerkten sie, dass noch weitere Menschen in Kokons im Raum „gelagert" waren. Einige von ihnen waren wach, zappelten und bemühten sich, den Kokon aufzubrechen, andere waren ohne Bewusstsein.
„Eure Königin ist sehr großzügig zu euch. Geht und nährt euch meine Kinder."
Nur zu gerne taten die jungen Wraith, was ihnen aufgetragen worden war. Auch Ma´thu näherte sich langsam einer gefangenen Frau mit roten Haaren, die bei vollem Bewusstsein war. Das Schauspiel von Rakeshs Nährung hatte in ihm das Tier wach werden lassen. Sein Hunger pulsierte heiß wie Feuer durch seinen Körper und verlangte, gestillt zu werden.
Die blauen Augen glänzten wie die einer Raubkatze, als er auf sein Opfer zuschritt.
Die Frau im Kokon hielt seinen Blicken mit ihren stand, die giftig waren vor purem Hass.
Einen Moment hielt der Wraith vor ihr Inne. Einen solchen Ausdruck im Gesicht eines Menschen hatte er noch nie gesehen und konnte ihn schlecht einordnen. Ebenso konnte die Frau nicht deuten, was es hieß, wenn ein Wraith so wie er in diesem Moment den Kopf in Schräglage brachte. Es erschien ihr noch mehr wie das Verhalten eines verabscheuungswürdigen Raubtieres!
„Tu mit mir was du willst, du Monster! Der Erste, den ihr getötet habt, war mein Ehemann. Ich habe nichts mehr, dass ich verlieren könnte! Ihr habt mir alles genommen. Das Einzige was mich krank macht ist, dass ich dir durch meinen Tod noch etwas Gutes tue!"
schrie sie Ma´thu hasserfüllt entgegen, gefolgt von einer Ladung Spucke, die in seinem Gesicht landete.
Damit hatte der blauäugige Wraith am allerwenigsten gerechnet. Er hatte verstanden, was die Frau da gesagt hatte, und es jagte ihm kalte Schauer das Rückrad hinab, obwohl er nicht verstand, wieso sie ihre Körperflüssigkeiten auf ihn gespuckt hatte. Er und seine Brüder hatten die allgemein gebäuchliche Sprache, die auf fast allen Planeten einheitlich gesprochen wurde in der Ausbildungsbasis beigebracht bekommen, dennoch hatte er sich noch nie mit einem Menschen unterhalten oder seitdem gar mehr von einem gehört als ein kurzes Betteln oder seine Schreie, wenn sich ein Lehrer an ihnen nährte. Sie waren wohl viel intelligenter als er es erwartet hatte.
Wieder spürte Ma´thu, wie das Feuer in ihm brannte und sich seiner Sinne bemächtigte.
Es war egal, wie intelligent diese Frau war, wie viel Hass sie empfand oder das sie ihm wegen ihrer Geschichte fast leid tat, er hatte Hunger und er musste sich nähren. Es war der Lauf der Natur, das Recht des Stärkeren. Ein ausgehungerter Mensch würde auch nicht lange brauchen sich zu entscheiden, ob er eine Kreatur tötet um sie zu essen oder lieber stirbt.
Er wischte sich mit dem Unterarm den Speichel vom Gesicht und riss den Kokon weiter auf, so wie es Rakesh getan hatte. Sein ganzer rechter Arm pulsierte als hätte er ein Eigenleben, als der Saugreflex des Nährorgans in Erwartung des Mahles schon vorzeitig einsetzte. Der Hass in den Augen der Frau verwandelte sich in Furcht, bevor sie sie schloss und auf den Todesstoß wartete. Mit einem festen Ruck rammte Ma´thu seine Hand auf ihre Brust, spürte, wie die festen Außenlinien des Nährorganes ihre weiche Haut durchdrangen, wie die süßen und erlösenden Flüssigkeiten in ihn einströmten und die Hungerqualen linderten. Er konnte ein ekstatisches Schnurren nicht mehr zurückhalten und nahm alles bis zum letzten Tropfen.
Nach der Zeremonie des ersten Nährens fühlten sich alle jungen Wraith gestärkt und voller Lebenskraft und das es erst wieder Wochen dauern würde, bis der Hunger wiederkam, beruhigte sie ungemein. Ein alter Wraith war ihn gewohnt und konnte normalerweise besser damit umgehen. Für die Sprösslinge war der alleinige Gedanke daran, dass das Gefühl wiederkommen würde, ein Gräuel.
