„Ihr Mann hat Ihnen das angetan?", bemühte sich eine Psychologin, Lisa zum Reden zu bringen. „Ich sagte doch, ich bin die Treppe hinuntergefallen." – „In Ihrer Wohnung gibt es keine Treppe", stellte die Krankenhausmitarbeiterin trocken fest. „Hören Sie, ich kenne sie alle, die Ausreden: Die Treppe hinuntergefallen, gestoßen, ein Sportunfall… Wenn Sie nicht mit mir reden, dann können wir Ihnen auch nicht helfen. Gewalt in der Ehe ist eine Spirale. Ihr Mann wird sich nicht von heute auf morgen in einen lieben Kerl verwandeln." – „Natürlich wird er das. Er hat sich ja auch quasi über Nacht in das verwandelt, was er jetzt ist." – „Ein Schläger?", konfrontierte die Psychologin Lisa mit der Wahrheit. „Der Mörder eines ungeborenen Kindes. Frau Seidel, Sie können ihn doch nicht so davon kommen lassen. Oder noch viel schlimmer: Zu ihm zurück wollen." – „Ich liebe meinen Mann", versicherte Lisa der Psychologin. „Ich weiß, dass ich ihn ändern kann. Und das Baby…" Tränen stiegen in Lisas Augen. „Wir können ein neues haben", schluchzte sie. „Wenn es David wieder besser geht." – „Gut, ich sehe schon, Sie sind noch nicht gesprächsbereit. Wenn Sie reden wollen, ich oder mein Kollege von der Nachschicht sind jeder Zeit für Sie da. Sagen Sie einfach einer der Schwestern Bescheid. Die rufen uns dann, okay?" – „Okay. Schicken Sie dann bitte meinen Mann herein? Er wartet doch ganz sicher draußen, oder?" Die Psychologin seufzte – manchmal hasste sie ihren Beruf wirklich. Am liebsten hätte sie Lisa geschüttelt, damit diese endlich aufwachte.
„Hallo Schatz", begrüßte Lisa David. „Hallo, mein Mädchen", grüßte dieser emotionslos zurück. „Wie geht es dir?" – „Geht so", gestand Lisa ehrlich. „Das Balg war ja eh von Kowalski. Es ist besser so." – „David, bitte, was soll das. Das Kind ist nicht von Rokko gewesen und wer daran Schuld ist, dass es nicht mehr lebt, wissen wir beide auch, oder? David, du musst dir helfen lassen. Das darf nicht noch einmal passieren. Es hätte auch mir etwas bei dieser Fehlgeburt passieren können." – „Und das wollen wir ja nicht. Ich würde doch nie zulassen, dass meinem Mädchen etwas passiert. Wie lange musst du hier bleiben? Wann kannst du nach Hause? Ich kann Zuhause viel besser auf dich aufpassen als hier. Hier weiß ich nie, ob Kowalski sich nicht doch einschleicht…" Lisa atmete durch. „Ein paar Tage muss ich sicher bleiben. Ein paar Rippen sind angeknackst und… morgen bei der Visite erfahre ich Näheres."
„Was hast du meinem Schnattchen angetan?", stürzte Bernd sich sogleich auf seinen Schwiegersohn, kaum dass dieser das Krankenzimmer seiner Ehefrau verlassen hatte. „Ich mache mir genauso viele Sorgen wie du und Helga. Ich saß im Wohnzimmer und habe ferngesehen. Ich hatte ja keine Ahnung, was in der Küche los war. Lisa hat ja keinen Ton gesagt." – „Ach so, und das blaue Auge, von dem Jürgen sprach, das ist ihr zugeflogen oder wie? Wenn du etwas damit zu tun hast, dann verarbeitete ich dich zu Mus." Während Bernd sich bedrohlich vor seinem Schwiegersohn aufbaute, schlich Jürgen sich in Lisas Zimmer.
„Nette Farbe", deutete er auf Lisas Wangenknochen. „Musst du Hugo mal zeigen. Macht sich bestimmt hervorragend als Farbe für ein Abendkleid." Lisa zwang sich über den Scherz ihres besten Freundes zu lachen, brach dann aber in Tränen aus. „Er hat nicht aufgehört zu treten", jammerte sie. Jürgen verstand sofort. Sacht legte er seine Arme um Lisas geschundenen Körper. „Hör zu, Bruno und ich, wir haben alles vorbereitet. Heute Nacht schaffen wir dich hier weg. Wir lassen David glauben, du hast als Spätfolge der Fehlgeburt Blutungen gekriegt, an denen du gestorben bist. Helga und Bernd müssen wir noch einweihen. Die Polizei und die Psychologin auch, aber mach dir keine Gedanken darüber. Wir schaffen das." – „Er wird nicht wieder mein David, oder?", fragte Lisa hoffnungsvoll. „Ganz sicher nicht", antwortete Jürgen verächtlich. „Der soll froh sein, wenn Bernd ihm nicht das Genick bricht. Die eigene Ehefrau zu schlagen ist schon mies genug, aber das eigene, ungeborene Kind zu töten, das ist… das ist… dafür soll er Saw eins bis sechs erleben und selbst das ist nicht genug." Jürgen ballte die Fäuste, um zu unterstreichen, dass er dazu bereit war, seine Freundin gegen ihren gewalttätigen Ehemann zu verteidigen.
