michelle: Wirst du bald sehen :)
steffi: Danke für das Review!
Melethil: Eowyn und ich sind zur Zeit leider beide etwas gestresst... ein Kapitel haben wir noch auf Vorrat, danach heißt es warten :(
Liderphin: Schön, dass es dir gefallen hat! Wir freuen uns immer über solche Reviews ;)
Hên en anor
Kapitel 10: Brennende Träume (Legolas' POV von Mirenithil)
Um mich herum herrschte nichts als Dunkelheit, tiefste, undurchdringlichste Dunkelheit. Niemals zuvor hatte ich mich in solch einer Schwärze wiedergefunden, denn nicht einmal der Schimmer eines Sterns schien über mir. Seltsam fühlte ich mich, als hätte ich keinen Körper und keine Gestalt, als wäre ich nichts weiter als ein Gedankenfetzen irgendwo in den Weiten der Leere. Ich war wie ein Gefangener unter einem Himmel, der keine Höhe zu haben und in einer Zeit, die keine Tiefe zu kennen schien. Als würde ich dahinfließen im Nichts, an einem Ort, wo es kein Sein und kein Nicht-sein gab, wo kein Gedanke und kein Wort mehr zählten.
Ich zuckte zusammen, als meine Füße plötzlich harten Boden berührten. Außerdem stellte ich überrascht fest, dass ich in graue Roben gekleidet war, gewebt aus feinster Seide, doch ohne die geringste Verzierung. Als ich so an mir hinabsah und mich über meine Gewänder wunderte, fiel mir mein Haar ins Gesicht, ungeflochten und blassgolden schimmernd im Licht... Licht? Abrupt hob ich den Kopf. Ich stand auf einer weiten Ebene, die sich öd und leblos bis zum unendlich fern scheinenden Horizont erstreckte; darüber spannte sich ein ebenfalls grauer Himmel. Das Land war erleuchtet von einem feinen Schein, der von überall und nirgendwo zu kommen schien, doch auch er war grau und kalt wie alles hier, außer ich selbst. Unschlüssig, was ich nun tun sollte, drehte ich mich einmal um meine Achse, wollte feststellen, wo ich eigentlich war... und zuckte erschrocken zurück.
Feuer. Direkt vor mir brannte eine gewaltige weiße Flamme, die eine solch glühende Hitze ausstrahlte, dass ich glaubte, ich würde jeden Augenblick verbrennen. Gleichzeitig war ich mir sicher, dass ich erblindet wäre, hätte die graue Umgebung den Schein des Feuers nicht gedämpft wie ein Nebelschleier. Ich trat einen Schritt zurück, war mir die Flamme doch etwas zu nahe, aber sie folgte mir, tanzte über den kargen Boden, obwohl dieser ihr keine Nahrung geben konnte. Unruhig blickte ich mich um, überlegte, was ich tun sollte, als ich schon wieder in meinen Gedanken unterbrochen wurde...
Wasser tropfte, ganz in der Nähe. Es klang, als liefe ein schmales Rinnsal eine Wand hinab, sammelte sich auf einem Vorsprung und tropfte langsam hinab auf einen steinernen Boden. Irritiert suchte ich nach dem Ursprung des Geräuschs, fand es jedoch nicht. Als ich meine Aufmerksamkeit wieder der Flamme zuwenden wollte, schloss ich geblendet meine Augen. Dennoch drang heißes, verzehrendes Licht durch meine geschlossenen Lider und schien sich auf den Grund meiner Seele zu brennen. Dann herrschte plötzlich wieder Dunkelheit, eintönige Schwärze. Nur das Tropfen des Wassers, das blieb, stetig und unbeirrt.
Schwer stöhnend zwang ich mich dazu, meine Augen zu öffnen. Im selbem Moment erinnerte ich mich, dass ich als Elb normalerweise mit offenen Augen schlief – was also war geschehen? Kaum klärte sich mein Blick, kaum nahm ich die grobe Steindecke über mir scharf wahr, als Schmerz meinen Körper durchfuhr. Brennender Schmerz. Ich schien aus nichts anderem mehr zu bestehen, und das, obwohl ich mich nicht einmal bewegt hatte. Was erst würde ich fühlen, versuchte ich mich aufzusetzen? Lange Zeit blieb ich regunglos dort liegen, starrte nach oben und an die Wand neben mir, an der silbrig schimmerndes Wasser hinablief. Ich lag auf einer Steinplatte, nur zugedeckt durch eine dünne, zerrissene Decke. Kaum ein Lichtstrahl drang in den Raum, in dem ich mich befand; ein fahler grauer Schein schien unter einer schweren Holztür hindurch, ein hellerer Sonnenstrahl durch eine Öffnung weit oben im Raum – mehr nicht. Enge bedrückte mich, meine elbische Natur trat stärker denn je zum Vorschein, wie immer, wenn ich mich offensichtlich unter der Erde befand; mein Geist verlangte nach Sonnenlicht und Bäumen, nach Wind, nach dem Himmel und den Sternen über mir.
Endlich, nach Zeiten, die mir wie Ewigkeiten schienen, wagte ich es, mich ein wenig zu bewegen – nur um es sofort wieder zu bereuen, denn Schmerz schoß meinen Körper. Nebenbei nahm ich war, dass meine Gedanken sich im Kreise drehten. Letztendlich setzte ich ihnen jedoch ein Ende, indem ich all meine Kräfte zusammennahm und mich ruckartig hochstemmte. Ein leiser, gequälter Schrei entfuhr mir, bevor es mir gelang, die Zähne zusammenzubeißen und sitzen zu bleiben. Vorsichtig lehnte ich mich an die Wand neben mir und schöpfte Atem, ehe ich versuchte herauszufinden, was diese Schmerzen verursachte – ohne jedoch zu einem Ergebnis zu kommen, denn unzählbar schienen mir die Wunden, mit denen mein Körper übersäht war. Versorgt worden schienen sie nicht zu sein, nur grob verbunden... in solchen Moment dankte ich meinem elbischen Blut dafür, dass es mich mit Entzündungen und Vergiftungen verschonte, an denen Menschen schon lange gestorben waren. Statt dessen begannen die mir eigenen Heilkräfte zu wirken; ich war mir sicher, dass ich mich in wenigen Tagen schon besser fühlen würde – so man mich denn ließ. Noch wusste ich nicht, wo ich war und wer mich hier her gebracht hatte. Hier, das schien ein Kerker zu sein, irgendwo unter der Erde.
Wundersamer Weise fühlte ich mich umso besser, je länger ich dort saß und nachdachte. Mir kamen all die Geschehnisse der vergangenen Tage wieder in den Sinn, meine Flucht, der Kampf mit den Orks – das seltsame Feuer, das mich gerettet hatte... die langen Tage, die Arod mich durch Wälder und über Ebenen getragen hatte, sorgfältig darauf bedacht, dass ich nicht von seinem Rücken rutschte, unermüdlich laufend... es war, als schenkten mir diese Gedanken Trost, was sie aber nicht hätten tun dürfen, hatten diese Ereignisse doch mein ganzes bisheriges Leben zerstört. Nachdem ich lange darüber nachgedacht, in mich hinein gehorcht hatte, kam ich zu dem Schluss, dass ich mir dieses seltsame Gefühl nicht einbildete... zumal es immer stärker wurde. Wie ein Feuer brannte es, doch ich spürte nur eine angenehme Wärme in mir, ein sanftes Kribbeln, keine verzehrend heißen Flammen. Es spendete mir Kraft und Zuversicht, dass alles gut werden würde... auch wenn sich ein Teil von mir, mein Verstand, sich weigerte, dies zu akzeptieren. Ich glaubte nicht an Wunder und sich plötzlich wendende Schicksale, zu sehr war ich überzeugt von der Wichtigkeit meines eigenen Willens, der mein Leben bestimmte. Ich wollte mein Schicksal nicht in die Hände höherer Mächte legen, um keinen Preis der Welt.
Höhere Mächte? Ich schüttelte den Kopf. Wo war ich nur wieder mit meinen Gedanken... höhere Mächte. Was sollten die Valar damit zu schaffen haben? Oder die Maiar? Nichts, rein gar nichts. Dies alles musste aus anderen Gründen geschehen, die sich mir nur noch nicht klar genug darlegten, um sie zu erkennen. Das warme Gefühl in mir flaute etwas ab, versiegte jedoch nicht völlig.
Es klopfte an der Tür; das Geräusch ließ mich aufschrecken. Schmerzhaft war die Bewegung und es fiel mir schwer, mir einen Schmerzenslaut zu verkneifen. Nachdem ich mich wieder etwas unter Kontrolle hatte, rief ich ‚Herein', während ich mich darüber wunderte, warum jemand an die Tür eines Kerkers klopfte – Orkwächter hätten jedenfalls nicht so eine Rücksicht walten lassen. Langsam und quietschend öffnete sich die schwere Tür – zuerst schien es so, als würde aber niemand hinein kommen, bis mir eine winzige Stimme in meinem Kopf befahl, meinen Blick nach unten zu richten. Und wirklich...
„Legolas, du bist wach!", dröhnte Gimlis Stimme qualvoll laut in meinen Ohren.
„Gimli, bitte... nicht so laut..", brachte ich seltsam kläglich hervor und ließ mich kraftlos zurücksinken, plötzlich erschöpft – von diesen wenigen Worten. Gleichzeitig freute ich mich aber auch unheimlich, meinen alten Freund wiederzusehen – wenn ich mir für dieses Zusammentreffen auch andere Umstände gewünscht hätte. Doch ein Freund, gleich an welchem Ort, vermag selbst die düsterste Situation zu erhellen. Und genau das tat Gimli für mich in diesem Augenblick.
Ich sah, wie der Zwerg besorgt auf mich zutrat, es aber unterließ, mich zu berühren; er war sich offenbar bewusst, dass er mir damit Schmerzen zufügen würde. Ihm folgte eine Zwergenfrau – es musste eine sein, auch wenn ich niemals zuvor eine bartlose Zwergin gesehen hatte – die alles andere als freundlich aussah. Ihre Augen blickten mich kalt und so hasserfüllt an wie bei keinem anderen Zwerg, den ich jemals getroffen hatte. Sie blieb im Türrahmen stehen und verschränkte die Arme, ließ mich keinen Moment lang aus den Augen. Ich kümmerte mich nicht weiter um sie, meine ganze Aufmerksamkeit galt meinem kleinen Freund und dem, was er sagen wollte.
„Wie geht es dir?", fragte der Zwerg zweifelnd. Er bemerkte meinen Blick, der kurz zu der Zwergin gehuscht war, und sah plötzlich sehr... elend aus. Zu meinem Erstaunen unterließ er es jedoch, mich ihr vorzustellen – was mir nicht viel ausmachte, da sie mich offenbar abgrundtief hasste. Ihre Augen waren scharf wie Axtschneiden; ich versuchte nicht einmal, ihrem Blick standzuhalten, sondern konzentrierte mich wieder auf meinen kleinen Freund ... was mir zunehmend schwerer fiel.
„Es ging mir schon besser... was ist mit Arod?", erwiderte ich angespannt. Es gelang mir nicht, Schmerz und Erschöpfung aus meiner Stimme zu verbannen.
„Seltsam...", murmelte Gimli plötzlich.
„Was? Dass es mir schon besser ging? Sehe ich nicht aus wie das blühende Leben?", fragte ich bitter, doch er wischte meinen Sarkasmus mit einer Handbewegung beiseite.
„Nicht doch", meinte er. „Arod..." Er schluckte, musste nichts weiter sagen. Ich wusste, was geschehen war, und ein leises Seufzen entfuhr mir. „Als Siri", fuhr Gimli fort und warf einen Blick über seine Schulter, „dich hier her bringen ließ, wussten wir nicht, ob du überleben würdest – und im Vergleich zu deinem damaligen Zustand geht es dir heute wirklich gut", berichtete er. „Ich weiß um die seltsamen Heilkräfte der Elben, aber dass sie solche Kraft besitzen..."
„Das tun sie normalerweise nicht...", wandte ich nachdenklich ein und strich über die Verbände an meinem Arm, fuhr mir über die Stirn. Schließlich holte ich tief Luft. „Etwas ist an diesem Ort, Gimli."
Überrascht sah er mich an. „Was meinst du?"
„Das kann ich dir nicht erklären, ich kann es mir nicht einmal selbst erklären. Aber etwas ist hier, was nicht hier sein dürfte... ich spüre es. Es weckt Kräfte in mir, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren." Mit jedem Wort, dass ich sprach, überkam mich neue Müdigkeit – bis, mit einem Mal, die Flamme in mir erneut aufzuflackern schien, mir neue Kraft gab. Ich richtete mich auf. „Sag Gimli – du weißt etwas, nicht wahr? Ich sehe es dir an... hier ist etwas...", wisperte ich erneut und blickte mich um, als könnte ich das mysteriöse Etwas durch die Steinwände hindurch erkennen.
Gimli seufzte schwer, bevor er schließlich nickte. „Fein ist das Gespür der Elben, mein Freund. Tatsächlich fanden wir vor kurzem erst etwas... etwas, von dem wir nicht wussten, was es sein könnte. Dain trug mir auf, dir zu schreiben und dich zu fragen, ob du etwas darüber weißt..."
Ich runzelte die Stirn. „Was ist es?" Mein zwergischer Freund schien sich beinahe zu winden unter meinem Blick, schaute unstet zwischen mir und der Zwergin hin und her. „Gimli?"
Wird fortgesetzt...
